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Dilli dur hai – Delhi ist fern. In Indien reicht der Arm der zentralen Staatsmacht nicht immer weit genug, um die in der Stadt erlassenen Gesetze und Verordnungen bis in die letzten Provinzwinkel durchzusetzen. Dort geschehen Dinge, die sich jeder Kontrolle entziehen, denen mit urbaner Vernunft und Aufgeklärtheit nicht beizukommen ist, die aber ein wesentlicher Teil der ländlichen Lebenswirklichkeit sind. In diese Realität zwischen Dorf und Kleinstadt führt Uday Prakash in dieser Auswahl von fünf Erzählungen. Zusammengenommen ergeben sie eine Art Familienchronik, die tief blicken lässt in das raue Leben fernab der Großstadt.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2015
In dieser Auswahl von fünf Erzählungen führt Uday Prakash in die indische Provinz. Dort geschehen Dinge, denen mit urbaner Vernunft und Aufgeklärtheit nicht beizukommen ist. Zusammengenommen ergeben die Geschichten eine Art Familienchronik, die tief blicken lässt in das raue Leben fernab der Großstadt.
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Uday Prakash (*1952) studierte Hindi-Literatur. Er arbeitete in der Kulturverwaltung und schrieb später für verschiedene Zeitungen und Magazine. Er lebt als Schriftsteller und Fernsehproduzent in Neu-Delhi.
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Lothar Lutze (*1927) war lange als Professor am Südasien-Institut der Universität Heidelberg tätig. Er übersetzt aus dem Hindi und Bengali.
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Uday Prakash
Der goldene Gürtel
Erzählungen
Aus dem Hindi von Lothar Lutze
E-Book-Ausgabe
Draupadi @ Unionsverlag
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Die deutsche Erstausgabe erschien 2007 im Draupadi Verlag.
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Umschlag: Reinhard Sick, Heidelberg
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30877-0
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Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
DER GOLDENE GÜRTEL
Der NagelschneiderDie SchachtelDie SchuldDer goldene GürtelDer WaranNachwort des ÜbersetzersQuellenangabenMehr über dieses Buch
Über Uday Prakash
Über Lothar Lutze
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für Günther-D. Sontheimer (1934-92)
L.L.
Im Monat Sawan mischt sich in das Grün des Grases und der Pflanzen ein leichtes Dunkel. Die Luft ist schwer und naß. Der Regen ist körnig und schwimmt in Schwaden heran.
Ich war neun.
In diesem Monat binden die Frauen Rakhis. Sie singen Regenlieder. Zu Nagpanchami, dem Schlangenfest, werden aus Kuhdung die Sieben Schwestern gemacht. Wir füllen gerösteten Reis und Milch in Blättergefäße und machen uns auf die Suche nach Schlangennestern.
Auch der »grüne« Neumond ist in diesem Monat. Ich machte mir schön lange Bambusstelzen und lief damit herum. Mindestens zwölf Fuß lang muß ich geworden sein.
Mutter hielt sich in dem Zimmer auf, das nach Süden lag. Man hatte sie aus dem Tata Memorial Hospital in Bombay hierhergebracht. Sie trank nur noch Granatapfelsaft. Um zu sprechen, legte sie einen Finger in den Schlitz, den die Ärzte in ihre Kehle geschnitten hatten. Dort war ein Schlauch befestigt. Durch diesen Schlauch holte sie Luft.
Ein sehr feines, kaltes und schwaches Geräusch war das. Ein bißchen, wie es Maschinen machen. Wie wenn ein sehr leise gestelltes Radio läuft, während es draußen in Strömen regnet und donnert oder der Zeiger auf der Skala irgendwo zwischen zwei weit entfernten Sendern hängengeblieben ist.Mutter wird beim Sprechen große Schmerzen gehabt haben. Deshalb sprach sie so wenig wie möglich. In diesem maschinenartigen Geräusch versuchten wir, Mutters alte eigene Stimme wiederzuerkennen. Manchmal hörten wir ein Stückchen von Mutters echter Stimme heraus. Dann fanden wir Mutter, wie wir sie in unserem kurzen Gedächtnis hatten.
Aber hören wollte Mutter alles. Alles. Ob wir redeten, uns zankten, schrien oder jemanden riefen, sie hörte eifrig zu. Unsere Worte werden ihr Erleichterung verschafft haben.
Nur die Augen waren ihr geblieben. Wenn ich die sah, regte sich in mir die Hoffnung, Mutter würde uns nie verlassen. Sie würde mein ganzes Leben lang bleiben. Ich wollte, daß sie für immer dabliebe. Selbst wenn sie wie ein Bild oder wie eine Figur wäre. Und nicht spräche.
Aber ich wollte weiter daran glauben, daß sie lebendig war, wie es Bilder nicht sein können.
Manchmal hatte ich große Angst und weinte. In meinem Leben erschien mir plötzlich ein leerer, ein ganz leerer Fleck. Das machte mir große Angst.
Eines Tages rief mich Mutter. Draußen auf dem Feld war das Gras dunkelgrün. Da waren viele Wolken, und die Luft war schwer und feucht.
Mutter streckte mir die rechte Hand entgegen. Der Nagel des Fingers neben dem kleinen Finger war an einer Stelle ausgerissen. Das wird sie beunruhigt haben.
Diesen Finger nennt man Sonnenfinger.
Ich begriff, was sie wollte, holte den Nagelschneider und setzte mich auf den Boden neben Mutters Bett. Ich sollte mit der Feile an dem Nagelschneider ihren Fingernagel geradefeilen. Das wollte Mutter. Diesen Nagelschneider hatte Vater vor zwei Jahren aus Allahabad mitgebracht, als er vom Kumbh-Mela zurückkam. Auf dem Nagelschneider war ein Stern aus blauem Glas.
Mutters Finger waren sehr dünn geworden. Sie waren ohne Blut. Die gelbliche Haut. Wie Papier, aus dem man Drachen macht. Nicht gelb, nein, fahl war sie. Und unendlich kalt. Solche Kälte ist sonst in anderen, leblosen Dingen. Eine Kälte wie in Stühlen, Tischen, Türen oder einem Fahrradlenker.
Und wie kam es, daß ihre Hand so leicht geworden war? Was war aus ihrem ganzen Gewicht geworden? Vielleicht ist es die Schwere des Lebens, die die Erde magnetisch anzieht. Und davon war jetzt bei Mutter sehr wenig übriggeblieben. Die Erde gab es auf, sie anzuziehen.
Ich hielt ihre Hand auf meiner und rieb den Nagel ganz behutsam mit der Feile. Ich wollte, daß ihre Nägel besonders schön, frisch und glänzend würden.
Einmal lachte ich. Dann lächelte ich nur noch. Auf diese Art und Weise wollte ich Mutter Mut und Freude machen. Ich sah, wie gut es Mutter tat, daß ihr Nagel ganz leicht mit der Feile bearbeitet wurde. Von ihrem Gesicht strahlte ein Glück aus, das nicht an einer Stelle haftenblieb, sondern seinen Frieden über den ganzen Körper ausbreitete. Mutter hatte die Augen geschlossen.
Eine Stunde verging. Ich brachte nicht nur an einem, sondern an allen ihren Fingern die Nägel schön in Ordnung. Mutter sah sich ihre Finger an. Was für ein Augenblick der Schwäche und Unterlegenheit ist es doch, wenn es die Nägel sind, die einem Lebenszuversicht geben. Wie schön und glänzend die Nägel geworden waren!
Mutter berührte mein Haar. Sie wollte etwas sagen. Aber ich ließ es nicht zu.
Hätte sie gesprochen, so hätte sie gefragt, warum ich mir nicht den Kopf wasche. Warum ich mir die Haare nicht einseife. Warum ich so staubig bin. Und warum ich mich nicht gekämmt habe.
Die Nacht war kalt. Draußen regnete es in Strömen. Im Sawan macht der Regen nachts ein eigentümliches, tiefes Geräusch. Ein bißchen, als hätten alle Winde der Welt in einem großen Tontopf herumzuwirbeln begonnen. Und als fänden sie keinen Ausweg.
Früh um fünf Uhr weinten im Hof die Frauen des Dorfes. Das war kein Weinen, es war ein Jammern. Ich erfuhr, daß Mutter nachts im Schlaf gestorben war.
Mutter war gestorben.
Ihre glattgefeilten Nägel habe ich nie wieder gesehen. Den Nagelschneider hatte ich in jener Nacht vor dem Einschlafen unter mein Kissen gelegt. Ich habe ihn lange gesucht. Noch Jahre danach. Sogar heute noch. Aber er hat sich nie gefunden. Wer weiß, wo er geblieben war.
Kann sein, daß er an irgendeinem ganz selbstverständlichen Ort liegt und nur, weil ich den vergessen habe, nicht zu finden ist. Oft mache ich mich auf die Suche danach. Denn die Dinge gehen nie verloren. Sie bleiben einfach.
Mit ihrem vollen Dasein und Gewicht. Nur wir vergessen den Ort, an den sie gehören.
Die Schachtel habe ich immer noch. Seit ein paar Jahren. Ich habe auch nie hineingesehen. Aber ob ich sie öffne, hängt allein von mir ab. Die Gesellschaft oder sonst jemand, selbst ein Freund, kann mich nicht dazu zwingen, ihren Deckel nur dafür zu öffnen, daß man meinen Worten Glauben schenkt. Nein, nie in meinem Leben werde ich Glaubwürdigkeit erlangen.
Das heißt also, daß ich, um die Glaubhaftigkeit meiner Erfahrung zu beweisen, den Deckel meiner Schachtel vor den Leuten, die mir sonst nicht glauben, entfernen müßte. Vor Leuten, denen sonst meine Erfahrungen unglaubhaft erscheinen.
Aber das Problem ist, wie man sich vergewissern kann, daß für mich das Erlangen der Glaubwürdigkeit vor jenen Leuten es wert ist, das Risiko und Wagnis einzugehen, die im Öffnen der Schachtel liegen. Es könnte nämlich auch sein, daß sie alle, wenn meine Aussage bewiesen ist, mir nur diese eine Erfahrung abnehmen, alle anderen aber weiter für unglaubhaft halten.
So würde ich also darüber alt werden, vor allen diesen Leuten meine Aussagen zu beweisen. Sogar sterben darüber. Und selbst dann blieben viele meiner Aussagen unbewiesen. Das heißt, ich bliebe am Ende für diese Leute unglaubwürdig.
Außerdem ist eines der größten Probleme, daß ich zum Beweis für alle meine anderen Erfahrungen auch keine anderen Schachteln habe. Wie sollte ich also so vielen Leuten die Wahrhaftigkeit meines Lebens beweisen?
Dies ist der Grund, weshalb ich den Deckel dieser Schachtel nicht entferne. Nicht, wenn ich allein bin, nicht in Gegenwart anderer. Denn manchmal zweifle ich sogar an mir selbst. Nach so vielen Jahren bin nämlich auch ich, was diese eine Erfahrung betrifft, ein anderer Mensch geworden.
Diese Schachtel habe ich seit meiner Kindheit. Ihre Geschichte ist schnell erzählt. Nicht, daß sie langweilig wäre.
Also, es war so, daß ich damals acht Jahre gewesen sein muß. Mit sieben fangen die Milchzähne an auszufallen. Aber bis dahin wachsen die Backenzähne noch nicht nach, aus denen der Verstand entsteht.
Unser Haus steht in einem Dorf. Erst war es ein Lehmhaus. Sein Dach war mit Stroh und Ziegeln gedeckt. Jetzt sind es nur noch Ziegel. An das Dorf grenzte ein Dschungel. In diesem Dschungel gab es eine Menge Languren. Aber das Wort Languren lernte ich eine ganze Zeit später, aus Büchern. Wir nannten sie ›die Affen mit dem schwarzen Gesicht‹.
Und dann gab es eine Menge Krähen. Wenn unsere Großmutter mittags im Hof nach dem Essen die Krähen rief, um sie zu füttern, füllten sie den ganzen Hof.
Die Languren wie auch die Krähen waren die Feinde des Strohs auf unserem Haus. Wenn die Languren über das Stroh liefen, zerbrachen die Ziegel. Auch die Krähen entfernten hier und da die Ziegel.
Überall dort, wo die Ziegel zerbrochen waren, fing im Monsun das Regenwasser an, ins Haus zu sickern. Dann stellten wir dort einen leeren Eimer hin.
