Das Mädchen mit dem roten Zopf - Nechama Birnbaum - E-Book
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Das Mädchen mit dem roten Zopf E-Book

Nechama Birnbaum

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Beschreibung

Sie überlebte Auschwitz, Bergen-Belsen und Theresienstadt! – Ein ergreifendes Holocaust-Memoir von einem starkem Großmutter-Enkelin-Duo Von der Kraft, nicht aufzugeben Crasna, 1944: Rosie ist achtzehn Jahre alt, als sie von den Nationalsozialisten aus dem vertrauten Leben in ihrem Heimatdorf an der rumänisch-ungarischen Grenze gerissen wird. Von diesem Moment an beginnt ihre unvorstellbare Reise durch die Hölle, die sie in verschiedene Arbeits- und Konzentrationslager führt. In Auschwitz wird Rosie auch der letzte Rest Würde genommen, doch inmitten all der Hoffnungslosigkeit wird ihr eines klar: Die Nazis werden ihr nie ihre innere Stärke nehmen können. Und so bleibt sie trotz der unvorstellbaren Gräuel um sie herum entschlossen, nicht aufzugeben. »Das Mädchen mit dem roten Zopf« ist die inspirierende, wahre Geschichte einer jungen Frau, die in dunkelster Zeit ihre Stärke bewies. Nechama Birnbaum erzählt das bewegende Schicksal ihrer Großmutter Rosie Greenstein, die als Zeitzeugin nicht nur Auschwitz, sondern auch Bergen-Belsen und Theresienstadt überlebte. Die Autorin bietet Einblick in das alltägliche jüdische Familienleben in einem Dorf, das noch nichts von den kommenden Schrecken ahnt und beschreibt auf eindringliche Weise die Grausamkeit der Konzentrationslager und Todesmärsche. Rosie starb im Mai 2022 mit 96 Jahren und gab ihren Lebensmut an 5 Kinder, 28 Enkel, 120 Urenkel und 7 Ururenkel weiter. Auf Instagram betrieben Nechama Birnbaum und ihre Großmutter Rosie Greenstein gemeinsam den Kanal @theredheadofauschwitz, auf dem Nechama auch weiterhin Fotos und Videos ihrer Großmutter postet. Unglaubliche 8,9 Millionen Menschen sahen dort Rosies Appell für mehr Frieden und Zusammenhalt. Die englische Ausgabe des Buches wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem Bestseller. Diese bewegende Auschwitz-Romanbiografie erlaubt einen extrem persönlichen Blick auf eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte. Wenn Ihnen die Bücher von John Boyne, Heather Morris und Antonio Iturbe gefallen haben, dann wird Sie auch diese Überlebensgeschichte tief berühren! Weitere Romane über Held:innen des Holocaust bei Piper: - Heather Morris, Der Tätowierer von Auschwitz - Heather Morris, Das Mädchen aus dem Lager – Der lange Weg der Cecilia Klein - Heather Morris, Die Schwestern von Auschwitz - Antonio Iturbe, Die Bibliothekarin von Auschwitz - John Boyne, Als die Welt zerbrach - Ellie Midwood, Die Violinistin von Auschwitz

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Seeberger

 

© Nechama Birnbaum 2021

Titel der englischen Originalausgabe:

»The Redhead of Auschwitz«, Amsterdam Publishers, Amsterdam 2021

© Piper Verlag GmbH, München 2023

Redaktion: Ulrike Gallwitz

Illustrationen/Fotos: Aus der Privatsammlung der Autorin Nechama Birnbaum.

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: u1 berlin/Patrizia Di Stefano

Covermotiv: Magdalena Russocka/Trevillion Images; Stephen Mulcahey/Arcangel

 

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Zitate

TEIL I

1

Crasna, 10. Mai 1944

2

Crasna, April 1935. Neun Jahre alt

3

Ziegelei Klein im Ghetto von Cehei, 10. Mai 1944. Achtzehn Jahre alt

4

Crasna, 1935. Neun Jahre alt

5

Ziegelei Klein im Ghetto von Cehei, 20. Mai 1944

6

Crasna, 1935. Neun Jahre alt

TEIL II

7

Ziegelei Klein im Ghetto von Cehei, 31. Mai 1944

8

Crasna, 1931 und 1935. Fünf und zehn Jahre alt

9

Auschwitz, Juni 1944

10

Crasna, 1935. Neun Jahre alt

11

Auschwitz, Juni 1944

12

Crasna, 1935. Neun Jahre alt

13

Auschwitz, Juni 1944

14

Crasna, 1935. Neun Jahre alt

15

Auschwitz, Juni 1944

16

Crasna, 1937

17

Auschwitz, Juni 1944

18

Crasna, 1937. Elf Jahre alt

19

Auschwitz, Juli 1944

20

Crasna, 1937. Elf Jahre alt

21

Auschwitz, August 1944

22

Crasna, 1936. Zehn Jahre alt

23

Auschwitz, September 1944

24

Crasna, 1937. Elf Jahre alt

25

Auschwitz, Oktober 1944

26

Crasna, 1940. Vierzehn Jahre alt

27

Auschwitz, November 1944

28

Crasna, 1940–44

TEIL III

29

Bergen-Belsen, November 1944

30

Crasna, 1943. Siebzehn Jahre alt

31

Munitionsfabrik Duderstadt, November 1944

32

Duderstadt, November 1944

33

Duderstadt, Dezember 1944

34

Duderstadt, Februar 1945

35

Duderstadt, März–April 1945

36

Auf dem Weg von Deutschland nach Prag, 5.–12. April 1945

37

Der Todesmarsch, 12.–26. April 1945

38

Theresienstadt, 26. April – 8. Mai 1945

39

Der Heimweg, Mai 1945

40

Crasna, Mai 1945

41

Satu Mare, Juni 1945

Epilog

Danksagungen

Nachwort

Dank der Übersetzerin

Bildanhang

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Dieses Buch ist meiner Mutter gewidmet, die auch ein Rotschopf ist und obendrein die mutigste Frau, die ich kenne.

Es ist auch meinen Töchtern (Rotschöpfen im Geiste) gewidmet, die das Beste sind, was mir je geschehen ist.

Und er war bräunlich, mit schönen Augen und von guter Gestalt.

1 Samuel, 16,12

 

»Ich werde nicht sterben, sondern leben …«, sagt der Psalm und fährt fort: »… um die Taten des Herrn zu verkünden.« Manchmal ist diese Weigerung, das Beharren auf der Heiligkeit des Lebens selbst, eine Tat Gottes.

Rabbi Lord Jonathan Sacks

TEIL I

1

Crasna, 10. Mai 1944

Warum sollen die Heiden sagen:

Wo ist denn ihr Gott?

Unser Gott ist im Himmel;

er kann schaffen, was er will.

 

Psalm 115,2–3

 

Schließlich war es wohl der Klang der Trommeln, der mein Leben von allen Klängen, die ich je hören werde, am meisten verändert hat. Doch als die Trommeln das erste Mal dröhnen, bemerke ich es kaum. Das dumpfe Geräusch dient nur als Hintergrund für die Geschichte, die in meinen Gedanken abläuft. Ich weiß, dass meine Gedanken abschweifen, und ich genieße die Freiheit, sie loszulassen. Neben mir plätschert der Bach, die Libellen summen, und die in weitem Bogen herabhängenden Zweige der Trauerweide tanzen in der Brise. Es ist ein leises Orchester voller Klänge, die mich in einen Traum wiegen, wo nichts mehr wichtig und alles gut ist. Doch dann: »Bum!« Wieder diese Schläge. Diesmal dringen sie zu mir durch. Trommeln? Warum schlägt jemand mitten am Tag auf die Trommel?

Ich wende mich, dem Geräusch folgend, nach rechts und sehe zwei ungarische Soldaten vorbeimarschieren. Einer trägt eine Trommel an einer Schnur wie eine Kette um den Hals und hämmert mit Nachdruck darauf. Der zweite hält in der einen Hand eine Trompete, in der anderen ein Megafon.

»Alle Juden zum Stadtplatz!«, ruft er. »Achtung! Achtung! Alle Juden zum Stadtplatz!«

Wieder diese Ungarn. Sie versuchen immer, in unserem Städtchen die Kontrolle zu übernehmen, um zu beweisen, dass sie wirklich etwas zu sagen haben. Das haben sie aber nicht. Mein Crasna liegt an der Grenze zwischen Ungarn und Rumänien, und die beiden Länder kämpfen um uns wie zwei Kleinkinder, die sich um ein Spielzeug zanken. Ich würde auch für mein Städtchen kämpfen. Es ist wunderschön. Zerklüftete Berge ragen am Horizont auf wie riesige Festungen, und der Bach umarmt den Ort wie ein Wassergraben eine Burg. Man sollte meinen, der Bach würde uns beschützen, doch vor vier Jahren haben uns die Ungarn in ihre dreckigen Pfoten bekommen. Seither ist hier alles ein bisschen anders, auch wenn wir uns inzwischen daran gewöhnt haben.

Auf dem Stadtplatz tummeln sich Dutzende von Menschen. Es sieht aus wie am Vorabend eines Festtags, doch anstatt an den kleinen Marktständen einzukaufen, haben sich die Leute rings um ein Podium versammelt, das man vor der Kirche errichtet hat. Auf einer kleinen Bühne steht ein Gendarmerie-Offizier und hält ein Megafon in den Händen.

»Achtung, alle Juden! Achtung, alle Juden!« Er schreit es ins Megafon. Beinahe der ganze Ort ist hier, nicht nur die Juden. Ich sehe meine jüngere Schwester Lea mit ihren Freundinnen in der Ecke stehen. Ich sehe meinen Bruder Jecheskel mit ein paar von seinen Freunden aus der Jeschiwa[1]. Ich entdecke die beste Freundin meiner Mutter, Emma Kokisch, aber Mama sehe ich nicht.

»Ich habe Achtung gesagt!«, brüllt der Offizier.

Das Gemurmel verebbt.

»Alle Juden müssen jetzt nach Hause gehen und eine Tasche packen. Nur mit Kleidung und Essen. Ihr müsst unbedingt all eure Wertsachen zu Hause lassen.« Er lächelt. »Sie müssen offen und gut sichtbar daliegen. Sonst passiert was, und ihr wollt lieber gar nicht wissen, was. Geht nach Hause, packt, macht euch fertig. Ihr brecht schon bald auf. Fangt jetzt gleich an. Ihr müsst bereit sein.« Er setzt das Megafon ab und verlässt das Podium. Erneut hebt das Gemurmel auf dem Platz an, aber diesmal klingt darin Verwirrung mit. Ich schlucke schwer, als mir Übelkeit in den Hals steigt.

Ich gehe nach Hause, und Lea gesellt sich zu mir, als ich auf unseren Hof trete. Sie hat die Augenbrauen besorgt in die Höhe gezogen, und in ihren dunklen Augen liegt Furcht. Lea ist siebzehn Jahre alt, genau siebzehn Monate jünger als ich und mindestens siebzehn Mal so schlau.

»Was war das denn?«, fragt sie, während wir den Hof überqueren.

»Ich weiß nicht, aber ich habe ein sehr ungutes Gefühl.«

Wir gehen in unsere Wohnung. Mama ist schon da, hält einen Topf in der Hand, den sie wohl vom Ofen draußen hereingebracht hat. »Wo warst du? Und wieso hast du ein ungutes Gefühl?«

»Hast du die Trommel nicht gehört, Mama?«, fragt Lea. »Sie haben alle Juden auf den Stadtplatz gerufen. Ein Gendarmerie-Offizier hat gesagt, dass wir all unsere Habseligkeiten zusammenpacken sollen und unsere Wertsachen bei den Offizieren abgeben müssen, die herumgehen.«

»Die ganze Stadt war da!«, sagt Jecheskel. Er tritt sich die Füße ab und bürstet über die Ärmel seiner Jacke, ehe er hereinkommt. Mit dreizehn wird er allmählich erwachsen, ist aber auch immer noch ein Junge.

»Ich kann nichts hören, wenn die Ofentür so rappelt. Ich habe Brot gebacken, das müssen wir wohl auch einpacken.«

»Was meinst du, was wollen die von uns?«, frage ich.

»Ich weiß es nicht«, antwortet Mama. »Aber es kann nichts Gutes sein.«

Lea und Jecheskel und ich schauen uns verdutzt an. Plötzlich geht Mama ohne ein weiteres Wort zum Flurschrank und zieht einen Koffer vom obersten Regalbrett. Sie nimmt die Kleider, die im Schrank hängen, und legt sie auf den Tisch. Ein leises, unheilvolles Dröhnen ist zu hören. Der Soldat trommelt wohl noch irgendwo in der Ferne, und wir merken, dass wir uns rasch nach dem Rhythmus seiner Schläge bewegen.

»Die schöneren Sachen zieht ihr an«, sagt Mama. »Wir sollten gut gekleidet sein, wo immer wir auch hingehen. Oh, und nehmt eure Strickjacken mit.« Sie reicht uns die restlichen Kleidungsstücke aus dem Schrank. Lea und ich stapeln sie gehorsam auf dem Tisch, falten sie zusammen und legen sie in den Koffer. Ich sehe, dass meine Hände zittern. Es fühlt sich so seltsam an, zu packen und nicht zu wissen, wohin wir aufbrechen. Vor einer Stunde waren wir noch nirgendwohin unterwegs.

»Mama, dein Verlobungsring!«, rufe ich. Er ist die einzige Wertsache, die wir haben. Mein Vater hat ihr diesen Ring gekauft, als er ihr den Heiratsantrag gemacht hat. Und er ist zwar nun schon dreizehn Jahre tot, doch jeden Tag beobachte ich Mama dabei, wie sie den Ring anschaut. Ich kann mir nicht vorstellen, untätig zuzusehen, wie Mama das Einzige aufgibt, was ihr von unserem Vater geblieben ist, nur damit die Ungarn es mitnehmen.

»Mein Ring?«, fragt Mama und blickt auf ihre Hand hinunter. »Die meinen doch nicht, dass ich den Verlobungsring hierlassen muss?«

»Ich denke schon«, erwidert Lea. »Die haben gesagt: ›Sonst passiert was.‹« Ihre Stimme ist ganz kleinlaut.

Mama reißt die Augen weit auf. Sie schluckt schwer.

»Das haben die gesagt?«, fragt sie.

Plötzlich bin ich voller Wut. Die Ungarn haben meiner Mutter die Arbeit und das Haus weggenommen. Aber diesen Ring, der ihr so viel bedeutet, werden sie nicht bekommen.

»Gib ihn mir schnell«, sage ich und strecke ihr die Hand hin. »Ich nähe ihn ins Schulterpolster meiner Strickjacke ein.«

Mama streift den Ring vom Finger und reicht ihn mir. Ich nehme ihn und setze mich an unsere Nähmaschine. Alles scheint mir unwirklich, als ich mich daranmache, unsere einzige Wertsache in meiner Kleidung zu verbergen. Ich trenne die Naht an der Schulter meiner Strickjacke auf. Mama hat mich stets ermahnt, ich solle schneller arbeiten, so schnell wie Lea. Jetzt unter Druck arbeite ich so schnell und tüchtig wie meine Schwester. Ich schneide das Schulterpolster auf, stecke den Ring in das Kissen und nähe das Polster wieder zu. Meine Nähte sind perfekt, aber Mama schaut nicht hin. Sie geht unruhig im Zimmer auf und ab, legt mit großer Präzision Dinge in unseren Koffer: Mehl aus dem Schrank, ein Stapel kleiner Handtücher und die Laken von unseren Betten passen alle ordentlich hinein.

»Geht und zieht euch an«, sagt sie und reicht uns unsere Kleider. »Gebt mir die Sachen, die ihr jetzt anhabt, damit ich sie einpacken kann.«

Mein Kleid ist dunkelblau und eierschalenfarben, aus dem feinsten Leinen, das Mama aus England bestellt hat. Die tiefen Falten sind messerscharf, weil ich sie gebügelt habe, bis sie perfekt waren. Meine Schwester mag in unserer Familie die begabte Schneiderin sein, aber ich kann so hervorragend bügeln, dass man sich an den Falten unserer Kleider schneiden könnte.

Ich ziehe das Kleid unter meinem Rock hoch. Erst als es mich völlig bedeckt, lege ich den Rock ab. Nun ziehe ich das Kleid weiter hoch bis unter die Bluse, schließe die Knöpfe und streife die Bluse ab. Lea und ich reichen Mama unsere abgelegten Sachen und schauen zu, wie sie diese gefaltet in den Koffer legt.

»Zieht eure Strickjacken an«, sagt Mama und deutet darauf. Ungeduldig trommelt sie mit den Fingern auf den Holztisch.

Mein Herz schlägt wild, will mir fast aus der Brust springen. Ich ziehe mir die Strickjacke über die Schultern. Der Ring, den ich im rechten Schulterpolster verborgen habe, fühlt sich an, als wöge er tausend Pfund. Der Schweiß rinnt mir unter den Achseln. »Mama«, sage ich endlich. »Ich glaube, ich kann den Ring doch nicht mit mir herumtragen.«

»Nimm ihn raus, Mamale[2].« Sie schaut mich nicht an. Das Trommeln ihrer Finger auf dem Tisch wird lauter.

Ich reiße mir die Strickjacke herunter. Mit einem einzigen Schritt bin ich wieder an der Nähmaschine. Ich schlitze das Schulterpolster auf und ziehe den Ring heraus. Wortlos gehe ich nach draußen zum Klohäuschen. Die Sonne scheint auf den Diamanten und lässt ihn in allen Regenbogenfarben aufblitzen. Ich öffne die Tür des Klohäuschens und werfe Mamas Diamantring mitsamt seinem schimmernden Regenbogen mit aller Kraft in das Loch. Wenn meine Mutter ihn nicht haben kann, dann sollen die Ungarn ihn auch nicht kriegen.

Ich weiß nicht, woher mein Entschluss gekommen ist, das zu tun. Doch als ich wieder ins Haus gehe und mich neben Mama, Lea und Jecheskel setze, überkommt mich eine seltsame Ruhe. Wir warten.

Da wird die Tür gewaltsam aufgerissen, und zwei Gendarmerie-Offiziere marschieren mit erhobenen Gewehren herein. Noch nie zuvor hat jemand ein Gewehr auf mich gerichtet. Ich blicke in das kleine Loch vorn am Lauf und auf das wütende Gesicht des Offiziers dahinter und spüre, wie mir die Angst tief in die Eingeweide sackt.

»Raus! Nehmt euren Koffer mit!«

Mama steht auf und nimmt unseren Koffer. Ich beobachte sie wie im Traum, wie sie ihn zur Tür hinausschleppt. Die Soldaten gehen in unserem Zuhause herum, schauen unter die Betten und unter den Tisch.

»In diesem Rattenloch gibt’s keine Wertsachen. Aber die Leute durchsuchen wir lieber. Vielleicht haben sie was am Körper versteckt«, sagen sie zueinander. Dann rufen sie uns zu: »Raus! Macht, dass ihr rauskommt!«

Ich stolpere mit meinen Geschwistern zur Tür hinaus. Die Rosenbergs und die Brachs, die beiden jüdischen Familien, mit denen wir den Hof teilen, stehen schon da. Ein paar andere Männer und Frauen sind vors Haus gekommen und schauen zu: eine, die gestern Eier von uns geborgt hat, und eine andere, deren Kinder ich letzte Woche gehütet habe. Doch jetzt sehe ich, dass sie lächeln, als der Soldat mich mit seinem Gewehr vorwärtsdrängt. Ich bin verwirrt und schäme mich.

»Gut, stellt euch alle zusammen da drüben hin!«, kommandiert einer der Offiziere. Er stößt Herrn Rosenberg mit seinem Gewehr vorwärts. Herr Rosenberg stolpert nach vorn. »Kommt jetzt her!« Der Offizier winkt Lea, Mama und mich heran. »Stellt euch hierher!«

Wir machen, was man uns sagt. Uns starrt ein Gewehrlauf ins Gesicht, da haben wir keine andere Wahl. Herr und Frau Rosenberg stehen nebeneinander. Ihre Kinder umringen sie rasch.

»Hört gut zu!« Jetzt spricht der Offizier, der Herrn Rosenberg gestoßen hat. »Wir müssen uns davon überzeugen, dass ihr keine Waffen tragt. Denn das wäre ja dumm von uns, und dumm sind wir gewiss nicht. Wir müssen ein paar von euch nach Waffen absuchen.« Er geht zu Herrn Brach, der die Hände hebt, um zu zeigen, dass sie leer sind. »O nein, um dich kleinen Juden machen wir uns keine Sorgen«, sagt der Offizier. »Durchsuchen müssen wir die Damen.«

Ein paar von den Jungs, die zuschauen, fangen zu lachen an. Der Offizier wendet sich ihnen zu. »Dann wollen wir diese feinen Dämchen mal gründlich durchsuchen, damit wir sehen, ob sie was verstecken, stimmt’s?«

»Und ob!«, ruft ein Junge.

Der Offizier legt einem der Brach-Mädchen, das Luzie heißt, die Hand auf die Schulter. Sie zittert unter seinem Griff.

»Komm her, kleine Dame«, sagt der Offizier. »Wir müssen uns davon überzeugen, dass ihr keine Waffen versteckt.« Er zerrt sie zur Seite. Dann packt er ihre Schwester Miriam und zieht auch sie fort. Schließlich führen sie die Rosenberg-Zwillinge Suri und Idi über den Hof und kommen zurück, um Lea, Mama und mich zu holen. »Wir durchsuchen euch jetzt«, sagt der Soldat, der am nächsten bei den Rosenberg-Zwillingen steht. »Da sollten besser keine Revolver oder gar Gewehre verborgen sein!« Darüber müssen die gaffenden Leute lachen, die untätig herumstehen. Ein Gewehr am Körper verstecken? Da könnte man genauso gut gleich ein Kalb verbergen, und das wissen sie.

»Das könnt ihr nicht machen«, hebt Herr Rosenberg an.

Der Offizier fährt zu ihm herum. »Nein? Kann ich nicht? Dann schau gut hin!« Er wendet sich wieder den Frauen zu. »Ausziehen, meine Damen!« Niemand rührt sich. »Jetzt sofort!« Die Nachbarn, die uns beobachten, drängen sich langsam ein wenig näher.

Ich erstarre. Ich kann nicht glauben, dass mir das geschieht. Ich habe das Gefühl, als sähe ich die Szene verschwommen durch ein Fenster. Ich habe mich noch nie vor irgendjemandem nackt ausgezogen, nie. Nicht einmal Lea und ich haben uns voreinander ausgekleidet, obwohl wir unser Leben lang ein Zimmer und ein Bett geteilt haben. Selbst in unserer Einzimmerwohnung haben wir instinktiv stets darauf geachtet, uns jede für sich an- und auszuziehen. Jetzt wirbelt der Hof um mich herum wie eine Krähe mit klatschenden, schlagenden Flügeln. Ich höre Gelächter und Schreie und das Weinen eines Säuglings. Ich sehe die harte, runde Öffnung des Gewehrlaufs, den der Gendarmerie-Offizier auf mich richtet. Wie im Traum knöpfe ich mein Kleid auf. Als die Luft auf meine Haut trifft, ist mir, als würde ich in einen eiskalten Brunnen getaucht. Ich höre noch mehr Gelächter im Hintergrund, doch ich kann nur an meinen Arm denken, der jetzt nackt und bloß ist. Ich nestele an meinen Knöpfen herum. Schreckliche Scham flutet über mich hinweg, als sich das Kleid von meinem Körper löst und zu Boden fällt. Ich mache einen Schritt aus dem Kleid heraus. Um meinen Bauch ist immer ein Flanellschal gewickelt. Seit meinen Kindertagen leide ich an schrecklichen Magenkrämpfen, die mit Übelkeit und Schwäche einhergehen. Dagegen hat nur der Flanellschal geholfen, und deswegen wickle ich ihn mir jeden Tag vor dem Ankleiden um den Bauch. Jetzt wickle ich ihn langsam ab.

»Beeilung!«, schreit jemand von hinten, und ein paar Jungen lachen und kreischen. »Beeilung, du Judenmädel!«

»Hast du nicht gehört? Wir haben gesagt, du sollst dich beeilen!« Der Offizier hält sein Gewehr an meine Hüfte.

»Schaut euch das an. All die nackten jüdischen Dämchen. Oh, schaut sie euch nur an!«

»Ha, schaut sie euch jetzt mal an!«

Die Stimmen aus der Menge werden lauter, und mein Gesicht fühlt sich glühend heiß an. Die kalte Luft ringsum kneift mir in die nackte Haut. Ich schaue zu Boden.

Ein Soldat kommt zu mir herüber und legt seine Hände auf meinen Körper. Er hebt meine Arme hoch und tätschelt meine Unterarme ab. Er lässt seine Finger hinter meinen Ohren und an meinem Körper entlanggleiten. Ich werfe einen verstohlenen Blick auf ihn, und das Grinsen auf seinem Gesicht treibt mir die Tränen in die Augen. Sie bleiben aber dort hängen, rollen nicht herab.

»Beim Rotschopf ist nichts!«, ruft er. »Die hat nichts Gefährliches an sich.« Er geht zur nächsten Frau in der Reihe. Ich höre mehr Gelächter. Mein Körper ist Freiwild für alle. Er gehört mir nicht mehr.

Als die Leibesvisitation endlich vorbei ist, dürfen wir uns wieder anziehen. Ich schlüpfe in mein vorhin noch wunderschönes, gebügeltes Kleid, das jetzt zerknittert und schmutzig ist.

»Uns nach! In einer Reihe!«, befiehlt ein Soldat, der dickste von allen.

»Auf Wiedersehen!«, ruft ein Mann aus dem Hof und lacht, als wir fortgehen.

Wir ordnen uns hinter den Rosenbergs und den Brachs ein und folgen alle den Soldaten. Irgendetwas flüstert mir ein, ich solle nicht mitgehen, ihnen nicht folgen, da bleiben, wo ich bin – doch während meine Füße trotz dieses Protestes in meinem Kopf weitergehen, wird mir klar, dass ich keine andere Wahl habe. Die habe ich zusammen mit meinem Kleid abgelegt. Sie ist jetzt in den Händen der Soldaten, die uns betatscht haben.

Sie führen uns zum Stadtplatz. Als wir dort ankommen, bemerken wir grüne Anhänger aus rissigem Holz, vor die man alte Pferde gespannt hat. Alle Juden aus unserem Ort sind da versammelt, und dazu noch viele Zuschauer. Die Gendarmerie-Offiziere pferchen unsere Freunde und Nachbarn in die Anhänger, werfen Koffer über ihre Köpfe hinweg. Koffer und Menschen türmen sich höher und höher. Die Zuschauer starren uns an, als wären wir ein Zirkus, und verstärken mit ihrem Spott und Gelächter das Chaos noch. Dann bemerke ich, dass einige Zuschauer weinen. Ich sehe Emma Kokisch; ihr Gesicht ist gerötet, und die Tränen strömen ihr über die Wangen. Ihr Mann hält sie am Arm.

»Seht euch bloß an, was mit den Juden passiert. Jetzt tragen sie den Kopf nicht mehr so hoch, was?«, ruft ein Mann aus der Menge.

Die Soldaten drängen uns näher zu einem der Wagen.

»Ha! Schaut euch den Mann da an, wie der auf seinem Koffer hockt! Der hütet bestimmt noch einen Schatz! Den soll er mal schön rausrücken!«, ist eine andere Stimme zu vernehmen.

»Jetzt lernen die Juden endlich mal, wie man mit anderen teilt!«, kreischt ein anderer, und das wird mit Gelächter quittiert.

Ich beobachte aus nächster Nähe, wie Leute auf den Wagen klettern und versuchen, ihre Koffer unter sich zu schieben und sich darauf zu setzen.

»Schaut euch an, was die mit den Juden machen! Schaut euch an, was die mit den Juden machen!«, sagt eine Frau. Ihre Stimme klingt schockiert, aber auch freudig erregt.

Ich werfe einen letzten Blick zurück, ehe ich auf den Wagen klettere. Hier auf diesem Stadtplatz habe ich den König hochleben lassen, zusammen mit allen anderen aus unserem Ort. Ich kann das Schulhaus sehen, wo ich gelernt und getanzt und gespielt habe. Niemand hat sich je darum geschert, dass ich Jüdin bin. Ich habe meine Kindheit hier auf diesem Stadtplatz verbracht, meine Freundinnen getroffen und für Mama eingekauft. Hier war immer mein Zuhause, doch in einem einzigen Augenblick hat es sich in etwas anderes verwandelt. Etwas, das ich nicht mehr erkennen kann.

»Vorwärts! Weiter!« Ein Gendarm schiebt mich unsanft mit seinem Gewehr zum nächsten Wagen. Als ich weitergehe, fällt mir plötzlich etwas ein, und ich drehe mich zu Mama um. »Ich habe vergessen, die Tür abzuschließen!«

Der Gendarm lacht mir ins Gesicht. Ich rieche seinen Atem. Er stinkt nach Fleisch und Zigaretten. »Keine Sorge, Schätzchen«, sagt er. »Jetzt brauchst du die Haustür nicht mehr abzuschließen.« Er schiebt Mama in den Wagen hinauf, und sie stolpert vorwärts. Jecheskel wirft ihr unseren Koffer zu. Sie findet einen Platz dafür zwischen zwei Leuten, die bereits im Wagen sitzen. Mama sackt auf dem Koffer zusammen, sieht aus, als würde sie gleich ohnmächtig. Jecheskel steigt zu uns auf den Wagen, dann auch Lea.

»Was geht hier nur vor?«, fragt Lea Mama. Ihr Blick bohrt sich in Mamas Augen, sucht dort verzweifelt nach einer Antwort.

»Jetzt ist der Krieg wirklich zu uns gekommen«, antwortet Mama mit einem Kopfschütteln. »Wahrscheinlich bringen sie uns zu irgendeinem Arbeitseinsatz. Dann arbeiten wir, und wenn der Krieg vorbei ist, kommen wir nach Hause.«

Ich höre ihre Worte, aber sie ergeben keinen Sinn.

Jecheskel nickt. Er hebt den Koffer von irgendjemandem über seinen Kopf.

Der Wagen macht einen Ruck, und wir fahren los, entfernen uns langsam vom Stadtplatz.

»Na, wo ist euer Gott jetzt?«, kreischt jemand aus der Menge. »Wo ist euer Gott, auf den ihr so stolz seid? He?« Ein paar Frauen lachen. Manche klatschen Beifall.

Das Letzte, was ich sehe, während mich ein altes Pferd von dem Städtchen wegkarrt, das ich liebe, ist eine schwarze Kamera, die auf mein Gesicht gerichtet ist. Dann flammt ein Blitzlicht auf. Ein Mann ist hinten auf den Wagen geklettert. Er beugt sich herein und macht mit seiner Kamera Bilder von uns. Ein Bild, zwei, dann drei. Schließlich springt er herunter und steht auf der Straße, schaut auf seine Ausrüstung, als wäre es ein Tag wie jeder andere. Die Räder des Wagens drehen sich schwer, als die Pferde vorwärtsdrängen, ihre Last hinter sich herziehen. Ich halte mich an Mama fest, und nun beginnt das Warten, während unser Transport aufbricht, wohin auch immer wir fahren.

[1]Jüdische Oberschule mit ausschließlich männlichen Schülern [2]Jiddisch: kleine Mama

2

Crasna, April 1935. Neun Jahre alt

Sie sollen loben seinen Namen

im Reigen;

mit Pauken und Harfen

sollen sie ihm spielen.

 

Psalm 149,3

 

Ich bin kein Mädchen, von dem die Leute glauben, sie würden es je auf der Bühne sehen. Ich habe rotes Haar, und manche sagen, solches Haar verdiene es nicht, im Rampenlicht zu stehen. Meine Haut ist blass, und ich kränkele fast immer. Deswegen bedeutet es mir so viel, als mich die Lehrerin auswählt und ich in der Schulaufführung mittanzen soll. Durch das Tanzen habe ich einen Ort entdeckt, wo ich mehr als irgendwo sonst ich selbst sein kann. Tanzen, das ist nicht nur etwas für die Bühne – obwohl ich da, ehrlich gesagt, am allerliebsten tanze. Die Bühne ist zwar eine Welt des Scheins und Vortäuschens, aber die Blumen, von denen ich mir vorstelle, dass sie mir zu Füßen geworfen werden, wenn ich mich verbeuge, sind genauso wirklich wie die besten Noten, die meine kleine Schwester auf ihrem Zeugnis stehen hat. Meine Mutter hat Arbeit in der Jeschiwa und kocht dort für die Studenten. Weil man dort so sehr auf sie angewiesen ist und sie ihrerseits diese Arbeit braucht, um ihre Kinder zu ernähren, sitzt sie nie im Publikum, aber trotzdem ist es schön, den lauten Applaus zu hören, als ich mit meinen Tanzschritten fertig bin.

In meinem Kopf höre ich ständig einen Rhythmus, zu dem die ganze Welt tanzt. Der Wind selbst ist der Choreograf, nutzt die Luft, um mit ihr Musik und Bewegung hervorzubringen. Er schiebt die Strömung im Bach an, sodass sie sich kräuselt, pfeift und gluckert. Noch ehe ein Bogen die Saiten einer Geige berührt hat, die jemand gerade aus dem Kasten genommen hat, streicht schon der Wind darüber. Er quetscht sich in die Luftröhre von Menschen und Tieren und wieder heraus. Die Musikanten auf dem Stadtplatz schnaufen in raschen Zügen Luft in ihre Lungen und zwängen sie dann durch die Mundstücke ihrer Trompeten und Tubas, bis die Luft mit einem neu gedeuteten Klang, der in den Ohren aller Zuhörenden dröhnt, wieder herausströmt. Ich stelle mir einen Meisterdirigenten vor, der mit gespreizten Händen den Wind hierhin und dorthin befiehlt, bis die ganze Welt eine wirbelnde Masse von Tanz und Gesang ist. Deswegen fühlt es sich schon seit meinem ersten Tanzunterricht für mich so natürlich an, meinen Körper zu bewegen und zu tanzen, wenn Musik erklingt.

Selbst bei unserer morgendlichen Routine spüre ich Bewegung und Rhythmus, die alles durchdringen. Mama, die die Milch zu Butter stampft (rums, rums, rums), Lea, die das warme Sauerteigbrot aufschneidet (ratsch, ratsch, ratsch), und Jecheskel, der seine Füße nacheinander in die Schuhe schiebt, die ich ihm hinhalte (Schritt, Druck, Schritt, Druck). Es ist ein Tanz, wenn wir den Tisch für unser Frühstück decken. Teller hin, Messer hin, Gabel hin, setzen! Brot nehmen, Käse darauf verteilen, abbeißen, schlucken! Rasch essen wir das noch warme Brot, lassen es uns durch die Kehle rutschen, bis sich unsere Bäuche warm und voll anfühlen. Es schwingt ein Rhythmus mit, wenn wir uns so viele Gurken, wie wir nur können, auf die Gabeln häufen und in den Mund stopfen, während Mama den Takt vorgibt mit ihrer Bitte: »Beeilt euch, ja?« Wie die Tür aufschwingt, als wir gerade unsere Mahlzeit beenden, und die Jungen aus der Jeschiwa, die für Mamas hausgemachtes Frühstück bezahlen, hereinmarschieren und sich zum Essen setzen, auch das folgt einem bestimmten Rhythmus. Genauso die Art, wie wir jeder einzeln Mama zum Abschied einen Kuss geben und zur Schule gehen: um die Ecke, über die Brücke, Jecheskel abliefern und dann rennen!

Ich fand immer, dass es das Beste am Leben ist, wenn man darin den Rhythmus und die Musik entdeckt, und heute wird der beste Tag im Schuljahr sein – der Tag, auf den ich mich schon lange freue! Heute erfahren wir endlich, welcher Gruppe wir für die große Abschlussvorstellung zugeteilt werden. Klar, wir würden weiter hart arbeiten und jeden Tag lernen müssen, aber das Hauptereignis, um das sich alles dreht wie die Erde um die Sonne, ist das Fest, bei dem wir alle auftreten. Wir sind die einzige Schule in Crasna außer der Jeschiwa, also hat oder kennt jeder ein Kind in der Schule, und alle werden zur Vorstellung kommen. Wir hatten vor ein paar Wochen ein Vortanzen, und danach haben die Lehrerinnen (die genau wissen, wie sie bei allen Mädchen Talente entdecken können) uns in verschiedene Gruppen gesteckt.

Als ich in die Schule komme, drängt sich eine riesige Schülertraube um das Schwarze Brett. Während ich langsam näher rücke, die Zettel lese und nach meinem Namen suche, klopft mein Herz wie die große Basspauke. Ich finde meinen Namen genau da, wo ich es gehofft hatte, unter den Großbuchstaben TANZ.

Wir müssen noch eine Stunde Rechnen durchleiden, dann teilen wir uns endlich in Gruppen auf. Ich finde das Klassenzimmer, in dem sich die Tanzgruppe trifft. Es füllt sich rasch mit Mädchen und Jungen aus allen Klassen. Die Englischlehrerin, Fräulein Elias, steht vor uns und klatscht in die Hände. »Mädchen und Jungen, willkommen zu eurem ersten Tanzunterricht im Jahr!« Ein paar größere Mädchen klatschen aufgeregt in die Hände. Ich schätze mich glücklich, dass ich mit all diesen älteren Mädchen zusammen sein darf.

»Ihr habt alle vielversprechende Ansätze in der Tanzkunst gezeigt«, fährt Fräulein Elias fort. »Ich freue mich sehr, dass ich euch allen einzeln helfen darf, euer Talent zu entdecken und daran zu arbeiten. Wir üben jeden Tag. Für mich ist Tanz die schönste Art, das zum Ausdruck zu bringen, was tief im Inneren schlummert. Ich kann euch also zwar Techniken zeigen, doch die wahre Schönheit muss von euch kommen. Deswegen bringe ich euch heute keine speziellen Schritte bei, die wir für das Fest lernen müssen. Heute spielt ihr damit, wie sich Tanzen für euch anfühlt.« Sie deutet auf den Jungen mit der Trommel und seinen Partner, einen Jungen mit einer Trompete, die beide seitlich auf der Bühne stehen. Der Trommler fängt auch gleich an, mit den Händen auf die Trommel zu schlagen. Rums, rums, rums. Schlag, schlag, schlag. Fräulein Elias legt die Hände an die Brust und breitet dann die Arme weit aus. »Tanzt!«, ruft sie. »Es gibt nur eine Regel: Seid nicht schüchtern. Ich möchte euch alle tanzen sehen.«

Die älteren Mädchen fangen an, sich im Takt der Musik zu wiegen. Manche wirbeln herum. Ich schließe die Augen, damit ich nicht sehen muss, wie jemand mich anschaut, und gehe auf die Zehenspitzen. Mit den Armen an der Seite schwinge ich mich herum. Die Musik wird schneller, dröhnt mir in den Ohren. Ein Gefühl breitet sich in meiner Brust aus, flutet durch meinen ganzen Körper. Während ich mich so wiege und herumschwinge, erblickt genau in diesem Moment etwas in mir das Licht der Welt. Der Rhythmus des Lebens und des Tanzes wird in mir lebendig.

Einmal hat mir mein Sejde[3] gesagt, dass es eine andere Welt gibt, in der sich alle Seelen aufhalten, bis sie auf die Reise in unsere Welt ausgesandt werden.

»Weißt du, welche Sprache die Seelen in dieser Welt sprechen?«, fragte er mich.

»Jiddisch?«, vermutete ich.

»Seelen haben keine Münder, sie können nicht sprechen.«

»Wie können sie dann eine Sprache haben?«

»Die Seelen sprechen in der Sprache der Musik«, erklärte mir Sejde. »Sie reden in Takten und Saiten und Trommeln und Harfen.«

»Wirklich?«, fragte ich und versuchte gleichzeitig, mir diese wunderschöne Sprache vorzustellen.

»Natürlich! Deswegen beruhigen sich Säuglinge, wenn man ihnen Musik vorspielt. Sie erinnern sich. Deshalb spricht uns Musik so viel mehr an als alles andere.«

Als mir Fräulein Elias sagt, ich solle tanzen, begreife ich endlich, was Sejde gemeint hat. Wenn Musik die Sprache der Seele ist, dann ist Tanz die Art und Weise, wie mein Körper mit diesen Seelen hier auf Erden redet.

»Bewegt euch zum Rhythmus!«

Ich breite die Arme aus, genau wie Fräulein Elias es gemacht hat, als sie eben zu tanzen begonnen hat. Ich wirbele herum und schleudere meine Füße im Takt der Trommel in die Höhe.

»Sehr gut.« Fräulein Elias klatscht in die Hände, als die Musik aufgehört hat. »Das war wunderschön getanzt.«

Als wir am Ende des Tages die Schule verlassen, bin ich immer noch ganz berauscht vom Tanzunterricht. »Komm, wir spielen am Bach«, schlage ich vor.

»Wir laufen um die Wette!«, ruft Lea.

Wir rennen an den Häusern vorbei, am Markt mit dem Mehl und den Hühnern und den Eiern, an den Geschäften und der Kirche. Wir rennen so schnell den Hang hinunter, dass wir uns beinahe überschlagen. Der süße Duft des Grases und des Sonnenscheins erfüllt mir Nase und Brust. Die Wolken hängen niedrig im blauesten aller blauen Himmel. Wir kommen an unserer Lieblingsstelle am Bach zum Stehen, wo das Wasser von einem kleinen Tümpel über die Steine herunterrauscht. Die Büsche am Bachufer bersten vor kleinen Sträußchen weißer Blumen, die sich über den Wasserlauf neigen. Dutzende von Schmetterlingen flattern um die Blüten. Die Bäume flüstern einander durch ihre Zweige allerlei zu, und die Vögel singen, während sie von den Ästen auf die Steine und dann wieder zurück auf die Äste hüpfen. Vom Bach weht ein kühler Dunst herauf, der mir das Haar ein wenig streichelt. Unsere Freundinnen Gitta und Rejsel spielen schon im Wasser. Lea schleudert die Schuhe von den Füßen und springt hinein. »Erste!«, ruft sie. Sie ist jünger als ich. Das Rennen in die Welt habe ich gewonnen, aber in fast allem anderen ist sie gewöhnlich viel schneller als ich. Ich springe hinter ihr hinein, und wir spielen im Bach, bis die Sonne am Himmel ganz rosig wird und sich ausbreitet wie Erdbeermarmelade auf weißem Joghurt.

Als wir nach Hause kommen, gibt es zum Abendbrot Huhn. Für jeden von uns ist nur ein kleines Stückchen da, aber Mama weiß, wie sie eine Mahlzeit mit vielerlei Dingen strecken kann, sodass wir nie hungrig sind. Außer dem Huhn gibt es Kartoffeln – kugelrund mit dem Duft von Aprikosen und triefend vom Saft des Hühnchens. Dann ist da noch geschnittenes Gemüse in einem Salat und Farfel[4] dazu. Ich kann all das gar nicht schnell genug herunterschlingen.

Nach dem Essen kommt noch Sejde zu seinem allabendlichen Besuch. Sejde ist Mamas Vater und eigentlich auch irgendwie mein Vater, denn unseren eigenen Vater haben wir nicht mehr. Sejde wohnt zehn Minuten von uns entfernt und kommt jeden Abend eine Weile zu uns. Ich liebe niemanden auf der ganzen Welt mehr als ihn.

»Wo sind meine Mädchen?«, ruft er, als er sich herunterbeugt, damit er durch die Tür passt. Lea erreicht ihn als Erste. Er hebt sie hoch und wirft sie in die Luft. Mit seinen großen, starken Armen kann er alles heben.

»Und du, junge Dame«, sagt er mit ernster Miene, als er sich zu mir wendet. »Bist du nicht schon zu alt, um von einem alten Sejde wie mir hochgehoben zu werden?«

Ehe ich antworten kann, steht Lea wieder auf dem Boden, und ich berühre beinahe die Zimmerdecke! »Und mein Prinz!«, sagt er zu Jecheskel, der kichert, als Sejde ihn kitzelt und hoch in die Luft hält.

Wir setzen uns hin, um zusammen Tee zu trinken. Mama bringt den dampfenden Kessel und Tassen. Sejde sitzt am Kopfende des Tisches (nachdem er in die Schränke geblickt und nachgeschaut hat, ob wir noch genug Mehl, Öl und Eier haben). Er sieht aus wie ein König mit seinem langen grauen Bart und den tiefblauen Augen. Ein Zauberkönig, der aus einem Kelch von flüssigem Gold trinkt.

»Wie war dein Tag, Chaja Necha?«, fragt er Mama.

»Er war gut, das Übliche.«

»Ich durfte heute vor der ganzen Klasse lernen«, sagt Jecheskel.

»Mein Talmid Chacham[5]«, sagt Sejde.

»Wir haben heute angefangen, die Tänze für das Fest zu üben«, sage ich

»Wie war’s?«

»Wirklich schön.«

»Du wirst bestimmt eine großartige Tänzerin.«

Ich strahle.

»Lea hat die Höchstnote in der Mathematikprüfung bekommen«, sagt Mama. »Sie war die Beste in der Klasse.«

Lea errötet und lächelt.

»Meine kleine schlaue Enkelin«, sagt Sejde zu ihr. »Ich bin so stolz auf dich.« Er schaut auf die Uhr. »Oh, es ist schon spät. Ich muss nach Hause zur Bobe[6].«

Ich laufe und hole seinen Hut.

»Danke, Schätzchen«, sagt er. Er küsst uns alle und macht die Tür auf. Wir schauen aus dem Fenster zu, wie er die Straße hinaufgeht.

Mama nimmt ihr Buch heraus. Jecheskel setzt sich hin und übt Lesen, wie der Rebbe es ihm gesagt hat. Lea und ich machen uns an dem Geschirr zu schaffen.

»Ich bin mit Abtrocknen an der Reihe«, sage ich.

»Irgendwie bist du immer mit Abtrocknen an der Reihe«, sagt Lea, aber sie taucht die Teller in den Holzbottich und beginnt mit Schrubben.

»Das stimmt nicht. Weißt du nicht mehr, dass ich gestern gespült habe?«

»Nein, das war vorgestern, aber egal.«

Ich zucke mit den Achseln und nehme ein sauberes, gefaltetes Handtuch, wische einen Teller trocken und stelle ihn auf das Regal, genau in die Mitte, wie Mama es mag.

Und da ist wieder der Rhythmus, der Rhythmus eines Tages, der sich zur Nacht neigt. Ein Tag, der mit wilden Trommelschlägen begann, geht nun mit dem leisen Schwipp-Schwapp des Wassers im Bottich und dem Klirren der Teller zu Ende, die aufeinandergestapelt werden. Ich höre das Rascheln von Buchseiten, die umgeblättert werden, und das Klingeln des Bestecks, das poliert und weggelegt wird. Alle Geräusche, die am Morgen aufgeblüht sind und geschäftig gelebt haben, die den ganzen Tag über hervorgerufen wurden, werden nun sachte wieder zu Bett gelegt. Das vermisse ich am meisten, wenn die Musik sich ändert und nichts mehr gleich bleibt.

[3]Jiddisch: Großvater [4]Kleine Nudeln, traditionelle Speise der Aschkenasim [5]Hebräisch: Talmudgelehrter [6]Jiddisch: Großmutter

3

Ziegelei Klein im Ghetto von Cehei, 10. Mai 1944. Achtzehn Jahre alt

Ich hielt mich, als wäre es mein Freund

und Bruder

Ich ging traurig wie einer

der Leid trägt über seine Mutter.

Sie aber freuen sich über meinen Schaden

und rotten sich

Es rotten sich die Hinkenden

wider mich ohne meine Schuld

Sie zerreißen

und hören nicht auf.

 

Psalm 35,14–15

 

Ich sitze auf dem Boden des Karrens und spüre, wie die Holzbretter unter mir vibrieren. Ich weiß, dass ich etwas empfinden sollte, aber es ist, als wäre mein Hirn eingefroren. Ich sehe, was geschieht, aber es ist, als beobachtete ich, wie es jemand anderem geschieht. Ich sehe meine Mutter auf dem Boden sitzen, Jecheskels Kopf an der Schulter. Ich will mich nicht daran erinnern, dass ich zusehen musste, wie sie sich ausgezogen hat. Die Gesichter der Leute, die zugeschaut haben, wie man uns auf den Karren schubste, blitzen vor mir auf, doch ich schließe die Augen und versuche, das Bild abzuschütteln. Wir haben uns mit unseren Nachbarn immer gut vertragen. Ich habe bemerkt, wie einige von ihnen weinten, als man uns auf die Karren scheuchte, aber ich kann nicht fassen, dass einige gelacht haben. Haben sie uns ihre Freundlichkeit die ganze Zeit nur vorgespielt? Je mehr ich zu verstehen versuche, was geschieht, desto mehr fühlt es sich an, als würde mein Gehirn gleich explodieren. Ich kann nicht begreifen, dass alle aus unserer kleinen jüdischen Gemeinde hier auf diesen Karren sind und so erschöpft und abgerissen aussehen. Wir haben nichts falsch gemacht. Wir haben unsere Steuern gezahlt, wir sind in die Schule gegangen, wir haben Kleider für alle genäht, die zu uns kamen. Und alle haben unsere Kleider geliebt.

Das Vibrieren der Bretter unter mir wird schwächer, und die Pferde kommen zum Stehen. Die Klappe des Karrens geht auf, und wieder steht eine Gruppe von Gendarmen vor uns.

»Die Juden stinken!«, sagt einer von ihnen. Manche Kinder und älteren Männer hätten unterwegs eine Toilette gebraucht, aber natürlich war da keine. Sie hatten hier auf dem Karren ein Malheur, es ging nicht anders. Ich bin inzwischen an den Geruch gewöhnt; er ist ein Teil von mir geworden. Obwohl es sich anfühlt, als wären wir schon tagelang unterwegs, weiß ich, dass es eigentlich nur ein paar Stunden waren.

»Raus! Raus!«, schreit ein anderer Soldat.

Wir stehen alle auf und entwirren uns. Ich klettere vom Karren und lande auf der Person vor mir. Wir wühlen nach unseren Koffern. Die Gendarmerie-Offiziere richten ihre Gewehre auf uns. Ich bibbere. Ich sehe einige meiner Freundinnen, aber sie weichen meinem Blick aus. Die Soldaten umringen uns.

Ich versuche, mich umzuschauen, um zu sehen, wo wir sind, doch die Pferde und Karren haben dichten roten Staub aufgewirbelt, der noch in der Luft schwebt. Er brennt mir in den Augen, und ich merke, wie mir die Tränen kommen, aber sie reichen nicht aus, um den Staub wegzuschwemmen. Wenn ich den Mund aufmachte, würde ich ihn schlucken, also kneife ich die Lippen zusammen. Menschen drängen sich um mich – manche kommen von den Karren, aber viele waren bereits da. Endlich legt sich der Staub, und zwischen den Schultern der Leute kann ich sehen, dass wir uns auf einem Gelände voller Backsteine befinden. Ich erblicke ein Holzschild: ZIEGELEI KLEIN IN CEHEI. Was machen wir in einer Ziegelei? Vor uns scheinen Hunderte von Menschen mit Ziegelsteinen in den Händen herumzulaufen. Die Frauen tragen Kopftücher, und die Männer haben Bärte. Da steht ein Fabrikgebäude, aus dem seitlich eine Betonplatte herausragt. Dann sind da noch ein paar Holzbauten ohne Wände. Es verlaufen Gleise durch den Hof. Ich blicke auf. Wir sind in einem Tal, und die Berge, die uns umgeben, stehen voller Gendarmerie-Soldaten, die ihre Gewehre auf uns gerichtet haben. Wir sitzen am tiefsten Punkt der Erde in der Falle. Eine Ratte huscht an meinen Füßen vorüber. Ich rühre mich nicht, als ihr haariger Körper an meinem Knöchel vorbeistreicht. Der Himmel verzieht sich zu einem wütenden Grau, und die Luft wird kalt. Die Pferde mit ihren Karren werden weggeführt. Leute beginnen zu murmeln, versuchen zu raten, warum wir hier sind.

»Es ist gut, dass wir während des Kriegs nicht in unserem Dorf sind. Während der Kämpfe sollten wir nicht dort sein«, sagt jemand.

»Ja, sie sondern uns ab, bringen uns an einen Ort abseits der Gefechtszone«, meint ein anderer. »Leute aus allen Orten rings um das Kampfgebiet sind hier.«

»Wir müssen nur Landarbeit machen, bis das alles vorbei ist, hat der Rabbi gesagt«, meldet sich eine andere Stimme zu Wort.

»Mama, was meinst du, was machen wir hier?«, flüstert Lea.

»Es ist Krieg«, sagt Mama. »Wir müssen ein bisschen arbeiten, aber dann gehen wir wieder nach Hause. Wir müssen einfach tun, was die uns sagen.«

Die Soldaten geben den Leuten vorn in unserer Gruppe Anordnungen, aber ich verstehe nichts.

»Ihr müsst euch einen Platz zum Schlafen suchen!«, höre ich endlich einen Soldaten sagen. Ich schaue zu der Fabrik und den grob gezimmerten Unterständen daneben. Vielleicht können wir dort schlafen? Aber dort wimmelt es bereits von Menschen. Die Nacht zieht herein.

»Sucht euch einen Schlafplatz, ihr faulen Juden!«, ruft ein anderer Soldat.

Ich sehe Leute, die improvisierte Zelte aufschlagen. Wir schauen zu, wie sie Stoffe aus ihren Koffern ziehen und so aufspannen, dass sie darunter schlafen können. Wir sehen, wie Leute aus unserer Gruppe losziehen und ihre Koffer hinter sich herzerren. Diejenigen, die bereits bei unserer Ankunft in der Ziegelei waren, fangen an, aus ihren Kleidern provisorische Zelte zu konstruieren. Manche suchen sich Schlafplätze in den hölzernen Unterständen. Ringsum öffnen Menschen Koffer, zerren Decken und Kleidung heraus und bauen daraus Zelte.

Wir beobachten, wie sich immer mehr Menschen über das ganze Ziegeleigelände verteilen. Die Männer aus jedem Haushalt fangen mit dem Zeltbau an, während die Frauen und Kinder auf dem Boden kauern.

»Wir haben niemanden, der für uns ein Zelt aufschlägt«, sagt Lea.

»Wir brauchen niemanden«, erwidert Mama.

Jecheskel zerrt den Koffer ein bisschen näher an eine Stelle, wo bereits eine Familie ihr Zelt baut. Wir folgen ihm. Er setzt den Koffer ab, und Mama spitzt die Lippen und klappt den Koffer auf. Sie zieht eine Decke und ein Leintuch heraus. Ich nehme unsere Kleider und halte mir die glatte Seide ans Gesicht, ehe ich sie zu einem größeren Stück Stoff zusammenknote. Lea und Jecheskel haben einen langen Stock gefunden und reichen ihn Mama, die das Leintuch darüberbreitet. Lea zieht das Gummiband aus ihrem Haar und sichert damit das Laken, sodass es zwar flattert und sich losreißen will, aber weiter am Stock hängen bleibt. Unser neues Zuhause.

Ich bin müde vom Aufruhr des Tages. Ich will nur zu Hause sein, meinen Kopf in mein warmes Bett legen und mich unter die Decke kuscheln und schlafen – und dann aufwachen und merken, dass all dies ein böser Traum war. Da erschreckt mich eine barsche Stimme.

»Hier könnt ihr nicht bleiben«, sagt ein Soldat.

»Was?«

»Hier könnt ihr nicht bleiben«, wiederholt er. Er reißt das Laken vom Stock. Es fällt auf den schlammigen Boden. »Los, weiter!«

»Wir sind beinahe fertig, Herr Soldat«, sagt Mama. »Ich verstehe nicht, wieso wir nicht einfach schnell alles fertig machen und uns dann hier ausruhen können …«