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Die Wanduhr ist um zwölf Uhr stehengeblieben und ihr Manuskript liegt auf dem karierten Tischtuch: "Eine kleine Geschichte über Ursache und Wirkung, warum unser herrlicher blauer Planet, in einem nuklearen Feuerball aufgehen wird!" Diesmal muss Henry keine neue fantasievolle Geschichte erfinden, denn niemals lagen Märchen und Realität näher zusammen! Die Croissants kommen frisch aus dem Ofen und das Aroma des Cappuccino übertrifft sich diesmal selbst. Irgendwo spielt ein Radio und ein dezenter Zigarettenqualm schwebt über den Zahlen und Formeln ballistischer Kurven, die der Erdkrümmung folgen!
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2025
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„Großvater! Wie war das damals, mit der Bombe?“ Lise schiebt das Manuskript ihrer Doktorarbeit genervt zur anderen Seite des Küchentisches. Die nagelneue Kaffeemaschine lockt mit frischen, aufgebrühten Bohnen und ein starker Regenschauer trommelt gegen die Fensterscheiben. Ein Wasserhahn rauscht und aus dem Wohnzimmer vermischen sich die Geräusche von Fernseher und Staubsauger. Wie konnte sie nur so verrückt gewesen sein, Atombomben als das Thema ihrer Dissertation zu wählen?
„Habe ich dir den Hergang, nicht bereits hundertmal geschildert?“ Ihr Großvater mustert sie von seiner Sitznische, neben dem grüngekachelten Holzofen. Der alte Mann hatte erst vor einer Stunde trockene Scheite eingelegt, um seine gichtigen Schultern an den heißen Steinen zu wärmen.
„Ein herbeigeführter atomarer Erstschlag oder ein unglücklicher nuklearer Unfall, verrückte Terroristen oder größenwahnsinnige Neros, die Welt hat mehr zu bieten!“ Er streicht sich besorgt über seine eisgrauen Bartstoppeln am Kinn: „Mein Liebling, so ein junges Mädchen wie du, das sollte doch andere Themen in seinem hübschen Köpfchen bewegen!“
„Du hast ja recht, Großvater!“ Lise trinkt einen Schluck aus ihrer klobigen Kaffeetasse und betrachtet das Emblem der weißen Friedenstaube. Die Taube verschwindet und wird von einem arbeitenden Schmied abgelöst, unter dem der Aufdruck, “Schwerter zu Pflugscharen“, steht.
Lise ist stolz auf ihren Großvater, dessen Augen, trotz seines hohen Alters, immer noch einen Glanz in sich bergen. Er war immer streitsüchtig und erkannte aufmerksam, als einer der ersten, die Gefahr, die von dieser neuen Waffe ausging. Er stellte sich, vehement und ohne zu zögern, auf die Barrikaden der Friedensbewegungen und der Atomkraftgegner.
„Ich bin alt, Lieschen“, ebenso hat Großvaters Stimme nicht an Energie verloren oder ihre magische Wirkung auf seine Enkeltochter eingebüßt, deren Gefühle und Erinnerungen erwachen, an die Zeiten, als seine Gutenachtgeschichten sie in den Schlaf wiegten. Großvater hatte immer für ihre Nöte und Sorgen Zeit und er wusste, wie er sie zum Lachen brachte, auch ohne Luftballons und Süßigkeiten, einfach weil er immer für sie da war.
„Erzähl mir ein Märchen“, Lise will ihren Großvater necken und verspielt kindlich klingen, kann aber nicht verhindern, einen Blick auf ihr Manuskript zu werfen. Wieso kann sie nicht einfach loslassen? Sie könnte sich selber ohrfeigen: „Großvater, erzähl mir das Märchen von der Bombe! Wie war das damals, in den Anfängen, als diese neue Waffe das Licht der Welt erblickte?“
Ihr Großvater zögert einen Moment und eine Augenbraue hebt sich unmerklich, doch schon lachen seine Pupillen schelmisch und kleine lustige Grübchen bilden sich um seine Mundwinkel. Er kennt doch sein Lieschen!
„Du gibst keine Ruhe, so höre mir zu!“ Die Schultern knacken, als sich der alte Mann erhebt und am Küchentisch gegenüber Lise Platz nimmt: „Jedes Märchen braucht einen Hintergrund, und für diesen sollten wir, von der Welt der Menschen, in die Welt der Fabelwesen reisen. Denn die Fabelwesen sind fabelhafte Wesen, mit deren Hilfe wir die kompliziertesten Dinge kinderleicht erklären können.“
Lises Großvater, der alte Märchenerzähler, hebt ermahnend seinen Zeigefinger, für das Zeichen, das ab jetzt an zugehört werden muss, denn die Geschichte beginnt:
„Es waren einmal zwei Vulkane. Der eine, du darfst ihn dir gerne bläulich vorstellen, hörte auf den Namen Robert. Der andere, er nannte sich Igor, kleidete sich gerne in rote Gewänder.
Unser Vulkan Robert war der Erstgeborene, er brach energisch durch die dünne Erdkruste und spuckte, gleich zum Auftakt, zwei große Lavaklumpen zur anderen Seite der Erdhalbkugel.
Der Vulkan Igor verspätete sich, aber mit Fuchses Schläue, holte er alle Makel eines Nachzüglers, im hurtigen Vulkansgalopp, wieder auf.
Wer Robert und Igor sah, der meinte, zwei Brüder vor sich zu haben. Die beiden Vulkane waren aber keine Geschwister, sondern zwei selbstsüchtige Eigenbrötler, zwei egozentrische Einzelgänger, die niemanden neben sich duldeten.
So wie der Vulkan Robert einzig von sich selber überzeugt war, so selbstverliebt war der Vulkan Igor, was beide schon in einem seltsamen Licht erscheinen ließ. Und wie der Vulkan Igor sich nur für sich selber interessierte, so sonnte sich der Vulkan Robert, nur in seinen eigenen Spiegelbildern, was schon etwas unausstehliches in sich barg.
Und wenn der Vulkan Robert etwas nicht ausstehen konnte, dann einen Vulkan, der sein Ebenbild hätte sein können. Und wenn der Vulkan Igor etwas nicht leiden konnte, dann einen Vulkan, der ihm in nichts nachstand. Und Robert und Igor sahen über ihre Kraterränder, und erblickten in den jeweils anderen, nur einen verhassten Nebenbuhler.
Und so kam es, das sich beide Vulkane misstrauten. Der Vulkan Igor argwöhnte dem Vulkan Robert. Und der Vulkan Robert hatte nur Zweifel und Unglauben für den Vulkan Igor übrig.
Und was ein jedes Kind weiß, wo Argwohn und Misstrauen einmal Fuß gefasst haben, da kann nichts Gutes gedeihen.
Der Vulkan Igor sah, was der Vulkan Robert tat, und der Vulkan Robert sah, was der Vulkan Igor so trieb, und so versuchte, der eine wie der andere, den jeweils anderen zu überbieten.
Und wenn der Vulkan Robert rülpste, so bekam der Vulkan Igor sogleich einen heftigen Schluckauf. Und wenn der Vulkan Igor hustete, so musste der Vulkan Robert augenblicklich lautstark niesen.
Wuchs der Vulkan Robert in die Höhe, so reckte sich auch der Vulkan Igor in den Himmel. Blähte sich der Vulkan Igor in die Breite, so plusterte sich auch der Vulkan Robert in seinem ganzen Umfang auf.
Stieß der Vulkan Robert dichtere Rauchwolken in den Himmel, so trieb der Vulkan Igor schwärzesten Qualm aus allen seinen Schloten. Ließ der Vulkan Igor frische, glühende Lava über seine Haut fließen, so flutete der Vulkan Robert seinen massigen Leib nur so in kochenden Lavawellen.
Nun, mein liebes Lieschen, so ging das tagein, tagaus jahrein, jahraus ohne Unterbrechung und ohne Unterlass. Einzig aus Robert wurde mit den Jahren Ronald und aus Igor wurde Michail, und es schien, sie würden, und wenn sie nicht gestorben sind, immer so weiter vulkanisieren.
Doch dann geschah das Unglaubliche, der Vulkan Michail, alias I-gor, schwächelte. Seine Lava erkaltete, kaum dass sie seine Kraterränder passierte, seine dichten, rußigen, schwarzen Wolken glichen mehr denn je, den dürren Morsealphabeten müder Indianer und sein erzitterndes Donnergrollen verstummte, zu einem klang -und tonlosen Brummeln.
Der Vulkan Ronald, alias Robert, triumphierte auf ganzer Linie, und wenn er nicht gestorben ist, so vulkanisiert und lavert und donnert er noch heute.“
Lise muss schmunzeln! Ja, das ist ihr Großvater. Diesmal ist kein weißes Kaninchen aus dem Zauberhut gesprungen, aber aus dem Stehgreif zwei Vulkane in eine Kurzgeschichte zusammenzufassen, das ist auch nicht jedem in die Wiege gelegt worden.
„Jetzt bist du dran“, Großvater hat den Geschirrspüllappen zu einem Dreieck gefaltet und wischt über einen Flecken auf dem Topfuntersetzer aus Holz: „Spinne die Story doch einfach weiter. Du musst keinen Weißkopfadler oder Kodiakbären ins Rennen schicken. Schüttele einfach deine Arme aus und wir wollen hören, was dort herauspurzelt.“
Ja, so einfach geht das, in Großvaters Welt! Die gesprungenen Kacheln hinter dem Herd, der rissige Dielenboden im Flur, die wackelnden Dachziegeln über der Garage, alles ist halb so schlimm. Der kalte Krieg ist ja auch kalt geblieben, keine Raketen haben sich schwungvoll in die Lüfte erhoben und der Menschheit den garausgemacht!
Lise muss nachdenken, wie leicht das Leben doch sein könnte! Das Manuskript liegt eine Armeslänge von ihr entfernt, soviel näher als die erste Delle in ihrem Auto. Sie hatte gerade ihren Führerschein bestanden, Großvater hatte nur gelacht und den Blinker, sowie die Stoßstange bezahlt. Trotz des starken Regens kreischen im Garten der Nachbarn Kinder und ein Hund fängt an zu bellen.
„Großvater, du weißt schon noch, dass die beiden Vulkane Robert und Igor nicht die einzigen waren?“ Lise tippelt mit ihren Fingerspitzen über das blauweiße Karomuster der Tischdecke zwischen ihnen.
„Mein Lieschen“, antwortet der Großvater: „Ich bin doch nur ein alter Mann. Ich erzähle aus meinen vergangenen Tagen, als gerade diese beiden Vulkane am meisten Stress verursachten. Du, mein Kindchen, dir gehört der zweite Part der Geschichte. Erzähle deinem Großpapa von den anderen unsäglichen Gesellen. Du musst dabei nicht ins Detail gehen. Deinem Großvater würde eine bescheidene, eine kleine Aufzählung, im guten alten Vulkanstill, genügen!“
„Lieber Großvater, du hast mir mit deinem Märchen eine Steilvorlage gegeben! Schneewittchen und die sieben Zwerge bieten sich, als Fortsetzung deiner Vulkanstory, geradezu an. Der Ort der Handlung, ein lustig flackerndes Lagerfeuer, entleihe ich mir aus dem wilden Westen.“
Lise muss tief Luft holen: „Nähern wir uns also dieser illustren Vulkan-Lagerfeuer-Party. Die dominierenden Gäste sind natürlich Schneewittchen und die böse Königin. Beide sitzen sich argwöhnisch gegenüber und sorgen in vereinter Zwietracht dafür, dass die Glut zwischen ihnen mal unauffällig glimmt aber niemals verlischt, oder, dass das Feuer mal hellauf lodert aber niemals außer Kontrolle gerät.
Wir wollen den Punkt überspringen, wer von den beiden Schneewittchen und wer die böse Königin ist, denn bekanntlich wird für jeden von uns, dieses Los nicht frei, sondern eher geografisch entschieden.
Widmen wir uns daher dem regen Zulauf, den unser Lagerfeuer erhalten hat. Sieben kleine Zwergvulkane haben, einzig vergleichbar mit hässlichen und grässlichen Kobolden, ebenfalls Platz genommen.
Was verleitet unsere unsäglichen, kleinen Gnomverwandten dazu, sich diesem selbstmörderischen Stelldichein anzuschließen? Bekanntlich treffen sich in Märchen nur die übelsten und fiesesten Hexen an Lagerfeuern.
Schlicht gesagt, unsere Vulkane wollen es den Hexen gleichtun! Das unsere bösen Hexen, im Vergleich zu unseren Vulkanen, allenfalls als mickrige und dumpfe Schattengewächse anzusehen sind, das sollte uns aber zu denken geben, denn ein jedes Kind weiß, das böse Hexen nun wirklich Böse sind.
Setzen wir also, mit diesem Hintergedanken, unser Märchen über die sieben Zwerge fort. Wie haben wir uns eigentlich eine vulkaninterne Feier vorzustellen?
Die Antwort ergibt sich von allein! Vulkane tun, was Vulkane halt so tun, wenn sie sich einmal an einem fröhlich knisternden, nuklearen Feuerchen bequem niedergelassen haben. Sie knuspern an Magma-Muffins und gurgeln mit Lava-Limonade, sie naschen von pyroklastischen Peperoni und beißen auf seismische Salami.
Dieses wüste Gelagengehabe soll uns aber nicht, von ihrem eigentlichen vulkanischen Aktivitäten, und im Besonderen, nicht von ihrem wirklichen Wesen ablenken.
Ein jeder dieser kleinen Vulkanzwerge stellt nämlich ein Unikat da. Würfelt man jedoch, diese ganze Zwergenbande, in einem gewöhnlichen Einmachglas mal anständig durcheinander, entpuppen sich die einzelnen, stolzen Zwergenreken, als simple Kopien ihrer selbst.
Da gibt es zum Beispiel den Zwerg Winston, den eine hauchdünne Rauschspur begleitet, als würde er ständig dicke Zigarren rauchen, und der unentwegt Lava gurgelt, als hätte er ein unstillbares Trinkdefizit. Ansonsten wäre ihm nachzutragen, dass er sich gerne, seinem großen Bruder, Joe wird er jetzt genannt, anbiedert und auch von diesem, seinen Vorrat vergifteter Äpfel bezieht.
Sein Nachbarzwerg schimpft sich Charles, und ob man es glauben will oder nicht, dieser kleine, dieser beinahe niedliche Vulkan ist ein langgezogener Bergrücken, mit regelmäßigen Einkerbungen. Wer ein Flugzeug besteigt und über den Vulkan Charles fliegt, der kann sich nicht des Eindrucks erwehren, ihn für ein riesiges, ein über -und übergroßes Baguette zu halten.
Mao ist der Dritte in unserem Bunde, dieser Zwerg kleidet sich ebenso, wie unser Vulkan Igor, gerne in rote Gewänder. Aber unter seiner hauchdünnen, roten Fassade, ist sein Gestein durchdrungen von gelblicher Natur. Der Vulkan Mao ist kein Arbeiter, wie der Vulkan Igor. Der Charakter des Vulkan Mao entspricht eher dem eines Bauern, und auch der Vulkan Igor vermag nicht, eindeutig einen Unterschied zu erkennen.
Und was tun unsere drei kleinen Zwerge? Sie tanzen um das Lagerfeuer und jonglieren mit ihren vergifteten Äpfeln. Die drei Käsehochvulkane springen und hüpfen, sie blaffen und werfen die gefährlichen Früchte nur so zum Schein. Sie alle tanzen sprichwörtlich auf dem Vulkan, sie alle spielen mit dem nuklearen Feuer in ihrer Mitte.
Wenden wir uns jetzt, den nächsten beiden Vertretern, dieser eigentümlichen Zwergenrasse zu. Den ersten wollen wir Agni nennen, seinen kleineren Nachbarn Khan. Beide können sich auf den Tod nicht ausstehen. Ihr Hass ist nur vergleichbar, mit ihren größeren Brüdern, die sich übrigens jetzt Joe und Wladimir schimpfen. Und nur aus weiter Ferne mag ihr Gebaren als halb so schlimm und als nicht der Rede wert, eingeordnet werden.
Doch wer die beiden kleinen drolligen Zwerge aus der Nähe sieht, dem sollte angst und bange werden, wie sie sich gegenseitig ihre vergifteten Äpfel unter die Nase reiben und keiner dem anderen, selbst die erkaltete Lava unter den Fingernägeln gönnen. Zu ihren Steckenpferden kann gesagt werden, das der kleine Khan gerne seine Lava zu schimmernden, grünen Türmen, zu kunstvollen Minaretten aufschichtet und der Agni gerne brüllt wie ein Tiger und trompetet wie ein Elefant.
Puh, lieber Großpapa, das war jetzt eine lange Aufzählung. Und zu allen lieben Nöten, sind wir ihrer noch nicht am Ende angelangt. Zu den bisherigen, sieben Vulkanen unserer Märchenstunde, gesellen sich zwei weitere Nachzügler, ob wir das glauben wollen oder nicht.
Diese beiden Sonderlinge sind in der Tat merkwürdig. Der erste Vulkan, er nennt sich David, leugnet ein Vulkan zu sein. Und sein Gegenpart, wir wollen ihn Kim nennen, besteht darauf, ein Vulkan zu sein. Und ob sie nun wirklich Vulkane sind, oder nicht, das kann niemand so mit Genauigkeit sagen.
Der Vulkan Kim schwindelt und täuscht in einer Tour, wie ein Spieler am Pokertisch, und sein geheimnisvoller Kollege, der Vulkan David, er wird nicht müde, auch die kleinste Vermutung, er sein ein Vulkan, abzustreiten.
Der Vulkan Kim ist klein und dick, was für einen Vulkan nicht unbedingt eine Beleidigung darstellt. Der Vulkan David hat, unter all den anderen Vulkanen, den Erstlingsvulkan Robert, wir erinnern uns noch, als starken Vulkanfreund an seiner Seite.
Ob aber der Vulkan David oder der Vulkan Kim nun wahrhaftige Vulkane sind, diesen Beweis sind uns beide, bis auf den heutigen Tagen, schuldig geblieben.
So, lieber Großpapa, ich hoffe ich habe niemanden vergessen! Alle neun Vulkane sind in unserer großen Vulkanzählstunde namentlich erwähnt und gelistet. Und wenn sie nicht erloschen sind, dann tun Vulkane eben das, was eben Vulkane so tun.“
„Du hast die Pointe vergessen“, flüstert ihr Großvater ganz leise zu.
„Richtig, wie konnte ich nur“, ermahnt sich Lise: „So liebe Kinderlein, wie in den guten alten Zeiten, nächtliche Tänze an Lagerfeuern sind und bleiben Hexensache, alle Vulkane müssen jetzt schlafen gehen.“
„Drei beschriebene Seiten, die brillanteste Doktorarbeit aller Zeiten.“ Großvater hat seine knöchrige Hand auf den ansehnlichen, daumendicken Stabel Blätter gelegt: „Ein Märchen erklärt dir die Welt, selbst die kleinsten Kinder verstehen deren Inhalt und Sinn.“
„Diese Arbeit wird jedes Jahr bestimmt eintausendmal geschrieben. Immer weniger flehen, mit immer wieder anderen Worten, die Großen und Mächten an, keine Dummheiten zu begehen.“ Lise schüttelt frustriert ihren Kopf, ihr Pferdeschwanz wippt dabei hin und her.
„Bis jetzt hat es doch funktioniert“, witzelt ihr Großvater zynisch: „Was macht eigentlich dein neuer Freund? Er ist Franzose, wie hieß er doch gleich?“
„Henri!“ Lises Herz schlägt augenblicklich höher: „Er ist gerade in Paris.“
Henri sitzt in seinem Stammcafé an der Ecke. Die ersten Sonnenstrahlen des frühen Morgens tasten sich entlang der parkenden Autos, überwinden einen Zebrastreifen und verweilen, für eine Handvoll erdachter Sekunden, vor einem Stoppschild.
Die Stadt der Liebe rekelt sich noch in ihren behaglichen Federn. Die kleinen Tische des Cafés schlängeln sich unbekümmert entlang des Bürgersteigs, und zwei Tauben suchen eifrig nach Krummen, zwischen den Stuhlbeinen der noch überwiegend freien Sitzplätze.
Die Croissants kommen frisch aus dem Ofen und das Aroma des Cappuccino übertrifft sich diesmal selbst. Irgendwo spielt ein Radio und ein dezenter Zigarettenqualm schwebt über den Zahlen und Formeln ballistischer Kurven, die der Erdkrümmung folgen: „Na Henri, hast du deinen Atomkrieg endlich gefunden?“ Reggane hatte sich unbemerkt von hinten angeschlichen und deutet vergnügt auf die Zeitschrift, die aufgeschlagen vor ihnen auf dem Tisch liegt.
Der französische Algerier, oder wie er sich selber bezeichnet, der französisch-algerische Franzose wartet höfflich, bis Henri seine Jacke von einem Stuhl genommen hat und ihn, mit einer freundlichen Geste auffordert, sich zu setzen.
Das Straßencafé an der Ecke ist seit Jahren ihr Treffpunkt. Hier hängen die beiden Freunde und Müßiggänger beim sorglosen Plausch ab und lassen so manchen Vormittag ins Land gehen.
Reggane blättert wahllos in Henris Zeitschrift, bevor er die Broschüre zuklappt. Auf der Titelseite der Zeitschrift ist ein entfesselter Atompilz in Hochglanz zu sehen: „Mein Freund, genau über diese Atombomben kam eine Reportage im Fernsehen. Ich habe einzig verstanden, dass ich auf meinem Rennkamel zurück in die Wüste reiten sollte.“
Der Algerier schnippt mit den Fingern: „Das muss ich dich jetzt fragen! Was heißt eigentlich, in deiner Atombombensprache, immerzu dieses M.A.D.? Während der Dokumentation habe ich genau aufgepasst! Generäle und Politiker dürfen dieses Kürzel nicht aussprechen, nur diese Freaks, von der Friedensbewegung, die nehmen es in einer Tour in den Mund.“
Henri nascht einen krustigen Streifen von seinem morgendlichen Croissant: „Worauf du natürlich anspielen willst, unser M.A.D. steht nicht für das englische “mad“, für verrückt. Ich denke aber, damit habe ich deine Frage nur zum Teil beantwortet. Dieses M.A.D. ist nämlich in der Tat noch wahnsinniger als dein Rennkamel!“
„Und das ist ebenso, nur ein Teil der Antwort!“ Reggane schlägt die Beine übereinander und legt seine Gauloises-Zigarettenschachtel, samt Feuerzeug, vor sich auf den Tisch: „Henri, erzähl mir vom M.A.D. und der Bombe!“
Henri weiß seinen Freund mitlehrweile richtig einzuschätzen, die Weichen ihrer Unterhaltung sind gestellt: „Das M.A.D. und die Bombe, ein ungewöhnliches Thema, für einen friedlichen, sonnigen Morgen! Aber ich sehe schon, du willst es nicht anders!“
Die Kellnerin serviert einen starken, algerischen Mokka und einen milden, französischen Cappuccino, zumindest was ihre beiden Stammgäste, für einen starken, algerischen Mokka und einen milden, französischen Cappuccino so halten.
Henri tunkt sein Croissant in den verbliebenen Cappuccino der alten Tasse und nimmt einen kleinen Bissen: „So höre, mein Sohn der Wüste. Die Buchstaben M.A.D. lauten frei übersetzt, die Gegenseitige-Garantierte-Vernichtung! Es ist ein wirklich spannendes Märchen aus unserer jüngsten Vergangenheit!“
Reggane lehnt sich zufrieden zurück: „Eine Märchen aus tausend- undeiner Nacht, ersonnen im Abendland zur frühen Stunde.“
Henri streicht sich über die nackten Unterarme, als würde er imaginäre Pullover oder Jacken hochkrempeln: „Nun, rückblickend müssen die Geschichtsschreiber bemerken, dass nicht clevere Politiker oder scharfsinnige Militärs den Stein ins Rollen brachten, sondern ein ganz gewöhnlicher Lagerist, dem nichts besseres einfiel, als eine Bestandsaufnahme ihrer Bestände vorzunehmen, sprich, er führte die jährliche Revision durch.
Wir dürfen uns durchaus einen knochigen alten Griesgram vorstellen, der mit einer antiken Öllampe durch finstere Hallen schlurfte und die ihm anvertrauten Artikel durchzählte.
Er notierte gewissenhaft jeden einzelnen nuklearen Sprengsatz, ob in U-Booten auf dem dunklen Meeresgrund oder in schweren Bombern in den luftigsten Höhen, ob in pfeilschnellen Raketen oder die plumpen dickbäuchigen Bomben, unser Lagerverwalter ließ keine aus.
Danach schrieb er eine große Zahl auf einen kleinen Zettel und übergab diesen den ranghöchsten Generälen seines Landes. Diese haben unbeeindruckt weiter an ihren Whisky oder ihren Wodka genippt, bis die Putzfrau sich ebenfalls Notizen machte und diese umgehend an die ranghöchsten Generäle ihres Landes weiterleitete, denen die Haare zu Berge standen und die prompt ihren Wodka oder Whisky aber auch nur beinahe verschütteten.
