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Strahlende Sonne, blauer Himmel: das Mittelmeer an Weihnachten, vom Deck eines Kreuzfahrtschiffes aus gesehen. An Bord die Psychologin Rose mit ihren beiden halbwüchsigen Kindern, sie soll sich eine Auszeit gönnen, denn es kostet Kraft, Familie und Beruf zu vereinbaren, und dann steht noch ein Umzug bevor, aus dem hektischen Paris ins beschauliche Clèves. Mit der Erholung ist es vorbei, als ein Seelenfänger kentert und das luxuriöse Passagierschiff die Überlebenden aufnimmt, nur kurz, bis die italienische Küstenwache eintrifft. Zeit genug für Rose, sich auf das Drama einzulassen und unwillkürlich Verantwortung zu übernehmen, wenigstens für einen der Flüchtlinge, für den jungen Younès, und sei es nur, weil er sie an ihren Sohn erinnert. Durch ihre spontane Hilfsbereitschaft stellt Rose das Leben ihrer ganzen Familie auf den Kopf. Und sie lernt ihre Heimat aus einem ganz neuen Blickwinkel kennen, erkundet den Dschungel von Calais und sondiert Herzen, das eigene und das ihrer Mitmenschen. Ein ungeheuer kluger, bewegender und zeitloser Roman über unsere Gegenwart in ihrer ganzen Komplexität, über die Schwierigkeiten und Schönheiten einer Begegnung mit dem Fremden, vor allem eine literarisch berückende Schule der Empathie, aus der Feder einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen Frankreichs.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2024
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MARIE DARRIEUSSECQ
ROMAN
AUS DEM FRANZÖSISCHEN
VON PATRICIA KLOBUSICZKY
Kofinanziert von der Europäischen Union. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschließlich die der Autorin und spiegeln nicht unbedingt die der Europäischen Union wider. Weder die Europäische Union noch die Bewilligungsbehörde können für diese verantwortlich gemacht werden.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel La Mer à l‘envers
© 2019 P.O.L. éditeur, Paris
Erste Auflage
©2024 by Secession Verlag Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Patricia Klobusiczky
Lektorat: Christian Ruzicska
Korrektorat: Christian Ruzicska
www.secession-verlag.com
Gestaltung: Eva Mutter, Barcelona
Satz: Marco Stölk, Berlin
Printed in Germany
eISBN 978-3-96639-085-9
Für Paul
We can be heroes, just for one day …
David Bowie
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
DANK AN
Ihre Mutter hat sie zu dieser Kreuzfahrt überredet. Damit sie Abstand gewinnt. Damit sie nachdenken kann, über ihre Ehe, ihren Beruf, den bevorstehenden Umzug. Damit sie mal allein mit den Kindern verreist. Frische Luft atmet. Sich in neue Gewässer wagt. Das Mittelmeer. Für eine Tochter des Atlantiks. So still. So klein. Die Küsten liegen nah beieinander. Es wirkt so, als würde Afrika seinen Schädel voll gegen Europa rammen, was möglicherweise den Tatsachen entspricht. Ein tektonisches Meer, das sich irgendwann schließen wird.
Momentan ist das Meer noch groß genug, um Kreuzfahrten zu ermöglichen. Aber alles andere als riesig. Sie staunt über die Geschwindigkeit dieses gewaltigen Schiffs. Unter dem Speisesaal schlagen die Propeller viel weißen Schaum auf. Das Kielwasser spult sich ab wie ein Band. Urplötzlich ragt der Stromboli aus dem Wasser: ein roter Lichtschein an der Spitze eines schwarzen Dreiecks. Und die Wolke darüber ist keine Wolke, sondern Rauch. Es gibt Vulkane in der realen Welt. Es gibt echte Lava, die aus den Tiefen der Erde emporschießt. Und das alles gar nicht so weit weg von ihrem Zuhause.
»Du vernachlässigst, was du in der Hand hast.« Das bekommt sie von ihrem Mann zu hören. Lange hat sie so getan, als existiere es nicht. Es hatte sogar etwas Schmutziges an sich. Und dann kam es zu dieser Kreuzfahrt. Zu diesem Moment, der nur eine Sekunde währte. Eine Sekunde, die sie in der Hand gehabt, die sie gehalten hatte, dieses Stück Zeit, das immer noch pulsiert.
Younès, in ihren Augen der Held der Geschichte, war Zeuge. Und sie empfindet sich ihrerseits als Zeugin von Younès.
Lautes Beifallsgeschrei, ein Sturm von Zurufen erfolgte.
Jules Verne, Von der Erde zum Mond
In jener Nacht hatte sie etwas geweckt. Ein Tapp Tapp, die Motoren klangen anders als sonst. Die Kabine trieb im Blauen dahin. Die Kinder schliefen. Von ihrer Koje aus konnte sie die Bewegungen des Schiffs kaum einordnen. Sie war mittendrin – an Bord –, da könnte sie gleich versuchen, die Erdrotation nachzuvollziehen. Sie und ihre beiden Kinder machten unter Hunderttausenden von Tonnen höchstens einen Doppelzentner lebender Materie aus. Ihre Kabine befand sich im fünften Stock dieser zwölf Stockwerke hohen, dreihundert Meter langen und viertausend Menschen schweren Masse.
Sie hörte Schreie. Hilferufe, Kommandos? Oder ein Klappern der Ankerkette? Wie spät mochte es sein, drei Uhr morgens. Vor dem Bullauge war nichts zu erkennen als die Meeresoberfläche, runzlig, opak, verschlossen. Der Himmel schwarz. Die deLuxe-Kabine (also untere Preisklasse) hatte keinen Balkon (die Kategorien Prestige- und Nirvana waren zu kostspielig für ihre Mutter, die ihnen diese Kreuzfahrt zu Weihnachten geschenkt hatte), und ohne Balkon ließ sich tatsächlich nicht das Geringste erkennen.
Sie zupfte die Daunendecke der Kleinen zurecht, hielt kurz inne. Die Kabine war dunkel und gemütlich, aber der plötzlich auftretende Lärm zog die Wände zusammen. Sie öffnete die Tür zum Gang. Ein Passagier der Kategorie Komfort (in der Schiffsmitte, ohne Bullauge) stand vor seiner offenen Tür und blickte sie an. Sie trug einen anständigen Schlafanzug und dazu eine lange Strickjacke, die sie sich eben übergeworfen hatte. Er war mit einer Bundfaltenhose und einem Hawaiihemd bekleidet. Von oben hörte man Rufe auf Italienisch, das Geräusch von hastigen Schritten. Ihr Gegenüber steuerte die Aufzüge an. Sie zögerte – die Kinder –, aber als das Ding des Aufzugs ertönte, folgte sie ihm.
Sie fuhren schweigend hinunter, von Hintergrundmusik beschallt. Wäre es nicht schlauer gewesen, nach oben zu fahren, zur Kommandobrücke? Oder spielte sich das Geschehen ganz unten ab, in den Fracht- und Maschinenräumen? Das Schiff schien sich in das Meer hineinzubohren, mit jedem Tapp etwas tiefer, fragend, als suchte es nach einer Durchfahrt.
Als die Tür aufging, wurden sie von Zigarettenrauch und ohrenbetäubender Musik empfangen. Das Dekor bestand aus Pyramiden und Pharaonen, die Lampen hatten die Form von Sarkophagen. Auf den Barhockern thronten junge Mädchen in Goldlamé. Alte Männer lachten und redeten in europäischen Sprachen. Der Komfort-Typ betrat die Cognac-Bar. Sie verweilte unschlüssig an der Nahtstelle zwischen zwei Klangblasen: drei schwarze Jazzmusiker in Weiß und Rot beziehungsweise eine italienische Sängerin mit blonden Locken und ihr Klavierbegleiter auf einer Drehbühne.
Mit angehaltenem Atem durchquerte sie das verrauchte Casino. In welche Richtung ging sie überhaupt? Backbord war für Raucher und Steuerbord für Nichtraucher. Oder umgekehrt, sie konnte es sich einfach nicht merken. Das Casino lag unterhalb der Wasserlinie. Die Spieler klebten wie Algen an den Tischen zusammen. Sie hatte Lust auf ein Glas Champagner oder einen der Cocktails, die die Goldlamé-Mädchen schlürften. Ein uraltes Ehepaar brüllte sich auf Spanisch an, während eine unwesentlich jüngere Frau die beiden an den Händen packte, damit sie sich nicht prügelten, que lucha la vida, rief die Frau wen auch immer als Zeugen auf, sie vielleicht, die sich seitwärts vorbeibewegte. Sie hätte gern ein Besatzungsmitglied ausfindig gemacht, einen dieser Uniformierten, die sich ihren Weg durch Schwärme von Passagieren bahnen. Sie ging durch ein Selbstbedienungsrestaurant, Pizzen, Hamburger und Fritten, der Geruch, vermischt mit dem Duft von Tabak, diversen Parfums und noch etwas anderem, diesem kaum merklichen Beben, verursachte ihr leichte Übelkeit. Ihre Mutter hatte ihr das All-Inclusive-ohne-Alkohol geschenkt. Kaum war sie diesem Schlauch entwichen, geriet sie in den nächsten, eine Videospielhalle diesmal, voller Jugendlicher, die nicht schlafen gegangen waren. Danach folgten verwaiste Gänge, geschlossene Boutiquen, ein ägyptisches Dekor in Lila und Rosa und die imposante Treppe aus falschem Marmor, die zur Disco Sheherazade führte. Trotz der Musik war ein Stimmengewirr zu vernehmen, doch sobald man versuchte, einzelne Laute zu verstehen, war nichts mehr zu unterscheiden.
Sie zögerte. Am Fuß der Treppe schwankte ein Haufen betrunkener Rentner. Sie stellte sich ihren kleinen Körper vor, wie er aufrecht im hohlen Bauch des Schiffes stand, und darunter das unermessliche, gleichgültige Meer. Die Passagiere der Titanic hatten ja auch eine gewisse Zeit gebraucht, um die Zeichen zu deuten. Diese Reise war zu Weihnachten im Sonderangebot gewesen, vielleicht, weil eines der Kreuzfahrtschiffe ein paar Jahre zuvor gesunken war, zweiunddreißig Tote. Auch eine Kreuzfahrt barg Risiken.
No pasa nada, niente, nothing, der Offizier mit Schiffermütze lächelte, alles in Ordnung, tutto bene. Sie kam sich etwas dümmlich, aber ganz reizend vor, in ihrer hautengen Wollkluft. Der Pool war geschlossen, doch beleuchtet. Der Springbrunnen in Sirenengestalt war bei offenem Mund angehalten. Das Beben wurde zur Gewissheit, sobald man das Wasser betrachtete: Das Viereck zog Kreise, das Schiff kam nicht vom Fleck. Sie schnappte sich eine Decke von einem der Liegestühle und betrat die Schleuse zur oberen Brücke. Wind drang ein, sie wickelte sich die Decke um den Kopf. Dann erschien die Milchstraße über ihr. Sie war eine Astronautin, bereit für die Schwerelosigkeit.
In der Ferne ein Ufer. Italien? Malta? Griechenland? Libyen hoffentlich nicht. Sie hatte sich im Internet kundig gemacht: Aufgrund einer jährlichen »Konvergenz« von wenigen Millimetern wird das Mittelmeer künftig irgendwann einem Fluss ähneln. Dann kann man es zu Fuß durchqueren (nur dass es keine Menschen mehr geben wird, wenn wir so weitermachen). Griechenland wird sich unter Afrika schieben, der Peloponnes fallen wie ein dicker Tropfen. Athen und Alexandria werden eins sein, denkt sie, versunken oder verschüttet.
Kreuzfahrten laden zum Träumen ein (wenn man nicht die ganze Zeit im Casino hockt). Man ist leicht benommen, wie eingelullt. Rose suchte unter dem großen Schornstein Schutz vor dem Wind. Lichter wogten am tiefschwarzen Horizont. Und wieder klang es so, als klapperte die Ankerkette – ob ein Schiff dieser Größe einfach so Anker werfen konnte, egal wo? Wie kalt das Meer wirkte, zu dieser Jahreszeit, da schreckten die Gedanken zurück. Jemand rannte in gelber Öljacke auf sie zu, die schweren Sohlen ließen die Brücke scheppern. »Was ist …?«, fragte sie, aber der Mann lief mit rauschendem Walkie-Talkie an ihr vorbei. Auf der Brücke wurde es wieder still. Sie sah ihren Schatten auf den Weihnachtslichterketten, eine dicke Luftblase als Kopf auf einem Körper aus dünnem Draht. Es war bitterkalt. Ob Astronauten sich beim Anblick der Erdkrümmung als Alleinherrscher über die Welt fühlen?
Nun denn. Sie kehrte in ihre Kabine zurück. Die Kinder schliefen. Sie zog eine Jeans an, ihre Daunenjacke und Turnschuhe. Sie vergewisserte sich, dass das Mobiltelefon ihres Sohnes eingeschaltet war. 4:02 Uhr. Sie holte die Schwimmwesten aus dem Schrank, die kleine für ihre Tochter, die große für ihren Sohn, und legte sie auf ihre Kojen. Wie zwei dicke neonfarbene Federbetten. Sie hatte ihr Zuhause vor Augen, mit ihnen und ihrem Mann, dem Vater der beiden. Dieses vertraute Gefühl, die Enge in der Brust. Sie machte ein Foto, ohne Blitz, von ihren wunderschönen Kindern, die übereinander lagen und vor dem goldenen Hintergrund der deLuxe-Kabine schliefen.
Im zwölften und letzten Stock konnte man sich zum Bug begeben, mit Aussicht auf beide Seiten. Dafür musste man die Bahn der Rollerskater durchqueren, den Kinderspielplatz und am anderen Pool entlanggehen, dem Freibad, das nachts mit einem Netz bedeckt war. Allmählich fand sie sich zurecht. Und jetzt brauchte sie sich nur von den Lauten leiten zu lassen. Stimmen, Rufe, eindeutig, auch Schluchzer? Das Schiff stand still über dem schwarzen Abgrund. Sie beugte sich vor. Auf jeder Kreuzfahrt ein Selbstmord. Die Schiffe fuhren mit viertausend los und kehrten mit wie vielen zurück? In der Ferne – wie fern genau? – leuchtete einigermaßen stabil ein gelber Punkt. Sie lief eine Gangway hinunter, noch eine: Sackgasse. Passierte wieder eine Schleuse, diesmal von außen nach innen, breiter beheizter Gang, die Kategorie Prestige, großer Abstand zwischen den Türen, sie stieg über die Tabletts des room service hinweg, die auf dem Teppichboden abgestellt waren, stieß auf eine andere Schleuse und betrat erneut einen schmalen, windigen Gang. Ein Rätsel in 3D.
Unten, weit unter ihr, wurde ein Beiboot ins Wasser gelassen. Ratatata machten die Seile. Das Beiboot wurde kleiner, immer kleiner, das Meer von oben, wie beim Blick aus einem Gebäude. Stille. Die Geräusche überzogen die Nacht mit roten Streifen. Ein Offizier und zwei Matrosen glitten im Beiboot an der Schiffswand hinab, zu ihren Füßen lag ein großer Haufen Schwimmwesten. Das Meer sprudelte, als lösten sich Brausetabletten darin auf, viel Schaum und Geschrei. Und sie konnte ein anderes Schiff erkennen, viel kleiner zwar, aber immer noch groß. Sie hielt die Hand über ihre Augen, um sie vor den Lichterketten abzuschirmen, und sie gewöhnten sich allmählich an die Dunkelheit, verknüpften Geräusche und Bewegungen, und da begriff sie, dass hier Menschen gerettet wurden.
An der Reling standen noch andere Passagiere und versuchten, etwas zu erkennen. Franzosen aus Montauban, denen sie regelmäßig im deLuxe-Restaurant begegnete. Sie grüßten sie, offensichtlich betrunken. Die beiden Frauen, junge Frauen, traten in ihren Stöckelschuhen von einem Bein aufs andere, das dauert ja noch ewig, spekulierte die eine. Ein Mann rief dem anderen zu: »Du bist doch auch Zahnarzt, verdammt, genau wie ich«, ein Satz, der aus unerfindlichen Gründen beide zum Lachen brachte. Ein weiteres Paar lief in Trainingsanzug und Turnschuhen auf sie zu, trieben die zu dieser nachtschlafenden Zeit etwa Sport? Sie sprachen keine der ihr bekannten Sprachen – Skandinavier vielleicht? Rose erklärte ihnen in ihrem Schulenglisch, dass im Meer dort unten Menschen waren. Und nach und nach sammelten sich immer mehr Passagiere, als verbreitete sich unter ihnen irgendein Zauberwort. Wie spät mochte es sein, etwa halb fünf. Das Beiboot hatte das Wasser erreicht und stieß gegen die Schiffsflanke, der Motor startete einwandfrei unter den Blicken der Passagiere, die über die Reling hingen, der Offizier stand am Bug und die beiden Matrosen hinter ihm, alle drei sehr aufrecht, wie auf einem Gemälde. Weitere Rettungsboote wurden abgeseilt. Sie überlegte, ob sie ihre Kinder dafür wecken sollte. Ein Besatzungsmitglied erschien, »Ladies and gentlemen, please go back to your cabins«. Die Boote entfernten sich nach und nach, das Geräusch ihrer Motoren vermengte sich. Die Stimmen schienen über das Wasser zu laufen. In vielen verschiedenen Sprachen wurde gefragt, was hier los sei, dabei lag es auf der Hand, warum werden nicht die Bullen gerufen? Das ist ein Fall für die Meerespolizei. Diese Leute spinnen, sie haben Kinder dabei. Man kann sie doch nicht ertrinken lassen. Letzteres hatte eine der Französinnen gesagt, und Rose überkam eine Welle der Zuneigung für ihre rechtschaffene Landsfrau. Ein Offizier bestand auf Englisch und Italienisch darauf, dass alle von der Brücke gingen. Den betrunkenen Zahnärzten aus Frankreich war kalt und auch ein wenig schlecht, das Schiff übertrug sein leichtes Auf und Ab, diese wiederholte Andeutung eines Sinkens auf die Körper. Kommt, wir genehmigen uns noch einen, sagte einer der Zahnärzte. Rose blieb mit der rechtschaffenen Französin zurück, während die andere den Männern hinterhertorkelte.
Man konnte nicht das Geringste erkennen. Kein Mond, die Sterne zu verstreut, und das Schiff beleuchtete nur sich selbst, als riesige Birne aller Scheinwerfer und Lichterketten. Sobald man sich auf das Meer konzentrierte, erschien es wie in einem elektrischen Gegenlicht. Zu sehen war nur der Tumult in der Ferne, der die Meeresoberfläche weiß färbte, und das Schwanken der neonfarbenen Beiboote. Diese knallgelben Flecken hafteten an der Netzhaut und verdeckten, was Rose wahrnehmen wollte, zwangen sie, die Augen zu schließen und wieder zu öffnen, und die eingeprägten Leuchtpunkte tanzten, vervielfachten sich zu einem grell gleißenden Weihnachten. Please, prego signoras, passeggeri debbano tornare nelle cabine … Von der anderen Französin bestärkt, hockte sie sich zu ihr. Der Offizier herrschte eine andere Gruppe an und breitete die Arme aus, als wollte er sie einpferchen. Ganz unten auf der ersten Brücke liefen Matrosen geschäftig hin und her, oder Deckshelfer, nie wusste sie, wie man sie unterscheiden sollte, alle trugen die Farben der Kreuzfahrtlinie. Einer sprach durch ein Megaphon, in welcher Sprache. Die Silben hüpften wie Bälle auf dem Wasser auf und ab. Nahm man die runden gelben Beiboote hinzu, sah es aus wie ein gigantischer Tennisplatz, aber auf kabbeliger See. Andere Schiffermützen tauchten auf, um sie in ihre Kabinen zurückzuscheuchen. Sie schlüpften durch eine Schleuse, das lila-goldene Interieur roch nach Würstchen und Shalimar, die geballte Hitze im Schiff beförderte sie, einem Rülpser gleich, zur anderen Flanke, blup, schon waren sie wieder draußen, vollgetankt mit Kalorien und von der Musik beschwingt, unfassbar neugierig und kurz vor dem Kentern.
Während der Zeit, die sie benötigten, um wieder das ganze Schiff zu umrunden – wobei sie die Abkürzung entlang des Pools wählten, wo Rose und die rechtschaffene Französin haufenweise Decken einsammelten, sodass sie, beladen mit den Farben der Kreuzfahrtlinie, schließlich an der unteren Brücke anlangten, wo sich alles abspielte, wo das Meer ganz nah war und trotzdem unter ihnen, wo die Passagiere gruppenweise Evakuierungsübungen durchgeführt hatten und wo es nun richtig zur Sache ging –, hatte sich einiges getan, wie sie nach ihrem Rundgang feststellten: Das in Seenot geratene Schiff war jetzt deutlich zu sehen, eine Art Fischkutter mit winziger Kajüte, der über und über mit Menschen beladen war, die sich sogar auf dem Dach der Kajüte zusammendrängten und alle dasselbe schrien. Allen Bemühungen der Besatzung zum Trotz hatten sich viele Kreuzfahrtgäste eingefunden. Irgendwo im Schiffsinneren sang ein schlecht abgestimmter Chor Happy Birthday. Brach hier der Morgen an oder ein Vulkan aus? Aber es war doch mitten im Winter, und richtig hell konnte es gerade nur in Australien sein.
Und dort, im Meer, war das etwa ein Schwimmer? Konnte man in dieser Lage schwimmen? Oder hatte da jemand unterirdisch gekrault, unter der Erdkruste, durch gewaltige Massen von Lava und Lehm hindurch, und war dann aufs Geratewohl und völlig verstört hier hervorgekommen? Er war tot. Sie waren gerade dabei, hier, direkt unter ihnen, einen toten Mann zu bergen.
Ein Toter, mir nichts, dir nichts, einfach so. Im Beiboot unternahmen einige Besatzungsleute den Versuch, ihn wiederzubeleben, aber sie glaubten nicht recht daran, das sah man, kein lebendiger Mensch hätte den Kopf so gehalten. Reflexhaft streckte sie die Hand nach ihnen aus, wollte auch etwas tun, aber. Sie legte den Stapel von Decken neben sich ab. Sie waren für die Frierenden bestimmt, für die Lebenden. Die rechtschaffene Französin und Rose schwiegen. Jemandem gerade erst begegnet zu sein und dann gemeinsam einen Toten zu sehen, so eine unerwartete Nähe. Ihre Hände brannten vor gebändigtem Tatendrang. Mit Ausnahme ihrer Großmutter in der dörflichen Trauerhalle hatte sie noch nie einen toten Menschen gesehen. Ein Bild kam ihr in den Sinn, sie selbst gefangen in der Zeit, am Boden eines Trichters, im Taumel der Sekunden, ein Strudel, vom Sternenhimmel aus gesehen, mit dieser Frau, die ihr nichts bedeutete, und diesem Toten. Und sie wusste, dass dieser Moment am frühen Morgen des 24. Dezembers ihr und jener Frau, die ihr nichts bedeutete, ein Leben lang in Erinnerung bleiben würde.
Ruhe bewahren. Nur keine Hektik. Sie ermahnte sich im Tonfall der Besatzungsleute. Musste vom geistigen Hyperraum wieder hinunter auf die Brücke. Den Weg zurück finden. Der kleine Fischkutter stieß jetzt an das große Kreuzfahrtschiff. Es machte ponk. Die rechtschaffene Französin beugte sich über die Reling und rief irgendwas, was mischte die sich ein. Auf dem Kutter in Seenot ließen sich nun kleinere Gestalten erkennen. Babys, die im Arm gehalten wurden. Das riesige Schiff vibrierte dumpf, es schüttelte sich wie ein massiges Tier, das wartet. Die Besatzungsleute hielten die Schiffbrüchigen davon ab, kopflos an Bord zu klettern, die Brücken befanden sich nicht auf gleicher Höhe, Frauen und Kinder zuerst, wie im Film. Es dauerte eine Weile, bis Rose aufging, dass diese Menschen zunächst in die Beiboote steigen sollten, die man dann an der Schiffsflanke hochziehen würde, als eine Art Lift. Die Matrosen brachten Ketten an, wie auf einer Baustelle, wenn die Kranführer sich auf schwere Lasten vorbereiten. Alles spannte sich an. Das erste ovale Beiboot wurde langsam breiter, mit runden Köpfen angefüllt. Eine Kette wurde jedoch schneller hochgezogen als die andere, man hörte Schreie, das Beiboot geriet in Schräglage, ehe es mit einem Ruck wieder in die Waagrechte kam, fast wäre es gekippt. Was für ein Manöver! Nach und nach wurde das Oval immer größer, passierte das fensterlose Küchendeck, während tief unten das Meer auf und ab wogte, bis es schließlich auf die allererste Brücke gehievt wurde, dieses Beiboot voller Kapuzen, Mützen und tropfnasser Schöpfe. Sie kamen.
Ein Mann richtete sich auf, er hielt ein winziges Kind, das erste Kind, es wurde von Arm zu Arm weitergereicht, die Matrosen sorgten für einen sicheren Umstieg, einer nahm das Kind entgegen, gab es an einen anderen weiter, und der drückte es der Französin in den Arm, die sich immer noch mit Rufen bemerkbar machte. Als wäre es ihr Kind, als hätte sie darauf gewartet und nähme es nun in Empfang. Sie beugte sich über das Kind, sprach mit ihm, deckte es zu, wobei ihr Abendkleid prompt vom triefenden Köpfchen nass wurde. Dann kamen aber mehr Kinder, und noch mehr, kaum größer, doch sie liefen allein, und mit einem Mal wurde Rose vom Geschehen überwältigt, all diese klatschnassen, kältestarren, lebenden Kinder, dem Meer entrissen, das hier gleichbedeutend war mit Tod. Die Besatzung brüllte, etwas setzte sich in Bewegung, man gab den Platz frei. Die Krisengefährtin aus Montauban zog mit einer ganzen Gruppe los – jetzt erst begriff Rose, was sie gerufen hatte: doctor, I’m a doctor. Andere Passagiere scharten sich auf der Brücke zusammen, verschwammen zu einem entgeisterten weißen Gesicht. Alles drängte sich, die Schiffbrüchigen, die reihenweise hochgezogen wurden, und die Passagiere, die aus Schaulust hinuntergingen, schienen aus unterschiedlichem Material beschaffen zu sein, die einen nass, die anderen trocken. Jetzt waren die Geretteten Frauen, alle blutjung und schlotternd vor Kälte. Rose wollte die Decken holen und sie ringsum verteilen, aber da schoss Licht aus dem Boden, eine goldene Explosion, man breitete Notfalldecken aus, ihre weiten Falten schmiegten sich an die Konturen der Neuankömmlinge, die sich raschelnd auf den Boden setzten oder sinken ließen. Aber die Besatzungsleute in ihrem Ölzeug halfen ihnen auf und führten sie weg, man hörte immer wieder thank you und merci, ein erschöpftes Schluchzen und Murmeln. Dann kamen die Männer, besser gesagt Jungen im Stadium zwischen Kind und Mann. Eine schwarze Hand packte sie am Ärmel und tippte mit den Fingerspitzen ihre Handfläche an, und da passierte es, diese Erschütterung, bäng, diese Schockwelle, die der Zeit ein Stückchen zu entreißen schien. Aber jetzt, in diesem Augenblick, hat sie keine Zeit, darüber nachzudenken, sie sieht zwei Augen und eine Bitte: Wasser.
Es ist die internationale Sprache der Hand, die als Schale zum Mund geführt wird. Vor lauter Panik fallen ihr viel zu viele Möglichkeiten ein, das ganze Schiff fließt über vor Mineralwasser mit und ohne Kohlensäure, Tee, Kaffee, Limo, Saft, Bier, Schnaps, plus die verschiedenen Getränke in ihrer Kabine und sogar die Wasserhähne im Bad, aber das würde zu lange dauern, besser, er folgt der Besatzung. Er ist sehr jung, mit nassen Locken und einer großen, leicht verbeulten Stirn. Er ähnelt ihrem Sohn. Sie denkt: Sollte ich ein Kind adoptieren, dann ihn. Das kommt angeblich vor, bei Adoptionen, dass man auf Anhieb diese Zugehörigkeit verspürt. Oder ähnelt einfach jeder Junge, der sie um Wasser bittet, ihrem Sohn? Sie rückt von ihm ab. Dort drüben gibt es Wasser, dort, wo man sie alle hinbringt, ist es warm, werden sie etwas zu essen bekommen. Sie weist ihm den Weg: dort drüben. Er soll den anderen folgen.
Und sie drehte sich zum Meer – da kam etwas. Wieder ein Beiboot, aber darin waren nur zwei Männer. Zwei stehende Männer in blau-gelbem Ölzeug und ein nassglänzender Haufen – eine richtige Masse – wie viele Tote? Sie hielt nach ihrer Gefährtin Ausschau oder nach anderen Lebenden – wieder wurde sie geschubst, fast wäre sie auf jemanden getreten, der unter einer Decke lag, das ist der Tote, dachte sie, der erste Tote. Sie stieg über ihn hinweg.
Wohin brachte man sie? Es war das letzte Rettungsboot. Im Wasser trieben knallrote Kleckse, Westen, die das Meer zurückgab. Wo war eigentlich ihre Gefährtin, die Ärztin? Ob sie die Totenbarke gesehen hatte? Oder klammerte sie sich an die Kinder, denen noch etwas bevorstand, so etwas wie ein Leben? Barg sie ihren Kopf im Haar der Kinder? Rose folgte den Passagieren, wurde wieder in die geräumige, behagliche, klingende Geborgenheit des Schiffes aufgenommen. Und kehrte zum zweiten Mal in dieser Nacht in ihre Kabine zurück.
Die Kinder schliefen. Es war 6:12 Uhr. Sie räumte ihre Schwimmwesten weg. Setzte sich. Es war warm. Eine Dusche. Genau: eine Dusche.
Warum schreckt sie nicht hoch, warum erkennt sie nicht, was Sache ist. Allem Anschein nach ist sie schuldig, ja sie, Rose Goyenetche. Die keiner Fliege was zuleide tun würde. Ihr Name dürfte auf der Liste der Schuldigen doch ganz unten stehen, oder? Sie berührt ihre Handflächen, sucht nach dem, was in ihnen steckt, nach ihrer Kraft, aber das klappt nie, wenn sie allein ist. Das heiße Wasser fließt in Strömen, die Seife schäumt zwischen ihren Fingern, das heiße Wasser der Luxuswelt, der Dampf des kalten Wassers, das sich auf wundersame Weise in heißes verwandelt und durch den Abfluss ins Meer rinnt. Sie betrachtet die Vertiefung unter ihrem Brustbein. Es schlägt. Sie lebt. Sie hat den Leichenhaufen im Beiboot vor Augen und den durstigen Jungen und sie spürt den Stromstoß seiner Berührung und sie sieht ihren Mann. Da besteht nicht der geringste Zusammenhang. Zwischen Scheidung und Rettung. Ihrer Ehe und – ja was – der Migration. Zwischen den Lebenden und den Toten gibt es so viele Unterschiede wie zwischen dem wohlig warmen Schiffsinneren und der eiskalten Nussschale da draußen. Sie seift sich ein, schon schäumen die Bilder. Sie sieht junge Männer in durchgeweichter Kleidung, die an die Türen ihrer Kindheit klopfen, an die lackierten Türen in ihrem Dorf, und um Arbeit bitten, egal welche, für einen Euro die Stunde schneiden sie einem die Hecken, ernten das Obst, schrubben die Böden, wischen den Greisen den Hintern ab, lindern das Leid und reparieren, was kaputt ist, damals gab es noch keinen Euro.
Sie dreht den Hahn zu, tritt in die bedrückende Hitze des Bads hinaus. Dagegen wirkt die Kabine wie ein Konservenglas voll lauwarmer Luft, man kann sich leicht vorstellen, wie es sich plötzlich mit strudelndem Salzwasser füllt, während sie und ihre zwei knochenlosen Kinder darin herumwirbeln wie Wäsche in der Maschinentrommel. Wahrscheinlich wurden sie dorthin gebracht, wo die Philippinos, Peruaner und Indonesier schlafen, die das Schiff in Schuss halten, bei Tisch bedienen und die Kabinen saubermachen. Im Laderaum. Frachtraum. Man wird sie doch nicht zu den Passagieren stecken.
Ihr Sohn streckt die Hand nach seinem Telefon aus. Sein großer Lockenkopf hebt sich, um das Display anzusehen, blassblaues Gesicht, sinkt dann wieder ins Kissen. Bullauge. Es wird und wird nicht hell. Der Kreis aus Meer und Himmel zerfällt in zwei Hälften, metallgrau und stahlblau. M’ma, sagt ihr Sohn. Sie setzt sich. Streichelt sein weiches Haar am Stirnansatz, er ist fünfzehn, er ist fünf. Sie ist dermaßen hier und jetzt, dass es ihr die Kehle zuschnürt, diese Liebe, die jeden Raum sprengt. Eine Liebe, die die ganze Welt umfasst. Wo willst du hin? Er schläft wieder ein.
6:33 Uhr. Noch eine halbe Stunde, bis das Frühstück serviert wird, aber es gibt viele Kaffeespender, bei denen man sich bedienen kann. Sie holt die Thermoskanne aus dem Rucksack für ihre gemeinsamen Ausflüge. Spült sie. Nimmt eine Jeans und einen Pulli ihres Sohns – nicht den aus Kaschmir, sondern den aus Wollgemisch. Außerdem eine Unterhose, ein T-Shirt, Socken. Beim Parka zögert sie, ihr Sohn wird ihn brauchen. Dann eben die Regenjacke. Nein. Den Parka. Er wird ihm ohnehin zu klein. Sie stopft das Ganze in den Rucksack. Fertig. Jetzt scheint ihr alles dringend zu sein.
Die Rettungsdecken bilden eine Art Sarkophag um die Neuankömmlinge, sie sind aufgereiht und eingepackt, quasi tragbar, und die Besatzung ist offenbar darum bemüht, sie so verräumen, dass sie möglichst wenig Platz einnehmen. Weitere Schiffsarbeiter tauchen auf, Brückenreiniger und andere Putzleute. Sie erkennt den peruanischen Kellner wieder, mit dem sie im Restaurant Spanisch spricht. Gerade werden die Schleusen geschlossen, wie viele gibt es pro Deck, kann man in diesem Schiff verschwinden wie eine Maus? Sie hat noch nasses Haar vom Duschen, das könnte ihr als Tarnung dienen, sie schnappt sich eine Rettungsdecke. Was macht sie hier eigentlich?
Nun war sie im Bereich unterhalb der Wasserlinie, unter dem Casino, wie tief ist dieses Schiff? Das Quartier der Schiffsarbeiter. In einem großen, hell beleuchteten und sehr dunstigen Saal saßen und lagen unzählige Menschen. Sie schlängelte sich hindurch, Pardon, Entschuldigung, eine dicke junge Frau in klatschnasser Jogginghose rückte keinen Millimeter beiseite, manche Jungen saßen, die Arme um ihre Knie geschlungen, andere lagen schlafend da, die schweren feuchten Hijabs einer Gruppe von Frauen schienen vom Boden emporzuschweben, um Babys zu wiegen, es war, als müsste sie eine neue Form von Höflichkeit oder Entschlossenheit entwickeln, um sich mit ihrem Körper zwischen diese Körper zu schieben, diese Stofffalten, nassen Haufen, Sweatshirts, Tuniken, Pullis, Schirmmützen, Trainingsanzüge, Hoodies. Alle rochen nach Meer und Schweröl und sehr intensiv nach Fisch, nachdem man sie triefend aus dem Maul des Ungeheuers gezogen hatte. Es roch auch nach den Tonnen von Pizza, die das Schiff so zuverlässig produzierte wie Kielwasser und die gerade ausgeteilt wurden. Im Saal regnete es, der Dunst fiel in Tropfen von der Decke herab. Er musterte sie. Sie erkannte ihn kaum wieder. Wie zwei Babys, die nach der Geburt vertauscht worden waren. Die gleiche gerade Nase, die gleiche Farbe, das gleiche gelockte Haar, das inzwischen aber fast trocken war, kürzer. Er wandte den Blick ab. Ein paar Pizzakrümel im Mundwinkel. Und die Stirn? Sie meinte sich an Beulen zu erinnern, wie bei Säuglingen nach einer Zangengeburt. Er war’s. Der Junge, dem sie kein Wasser gegeben hatte. Er wartete, die Augen wie zwei Messerklingen, sie warteten alle (bis auf die Schlafenden am Boden), schweigend, das schienen sie zu beherrschen, das Warten (im Gegensatz zu ihr, dachte Rose). Sie warteten, ohne irgendetwas im Griff zu haben, nicht das Geringste, keines dieser lebenswichtigen Details, von denen eine Zukunft abhängt (auch das dachte Rose).
Sie reichte ihm die Thermoskanne und den Rucksack voller Kleidung. Er sagte etwas, das sie nicht verstand. Danke, wahrscheinlich. Immer noch mit gesenktem Blick und einer flüchtigen Kopfbewegung, die sie nicht deuten konnte – schüchtern, kühl, demütig, resigniert, nett, höflich, erschöpft? Es fehlten ihm zwei, drei Vorderzähne, doch sicher keine Milchzähne? Er hielt die Thermoskanne und rührte sich nicht. Was für ein Tollpatsch. Sie nahm die Kanne wieder an sich, goss Kaffee in den Verschlussbecher und drückte ihm den Becher in die Hand, spürte dabei zum zweiten Mal diese leichte Erschütterung, und er spürte sie auch. Er trank und murmelte wieder etwas. Als sie sah, wie er das Gesicht verzog, dachte sie, hätte ich doch Zucker reingetan, das bittere Gesöff hatte er wohl nur aus Höflichkeit getrunken. Er presste den Rucksack an seine Brust, ohne ihn zu öffnen. Sie bot die Thermoskanne reihum an, tut mir leid, sagte sie, ich habe keinen Zucker reingetan. Sorry. Die dicke Frau mit der nassen Jogginghose nahm die Kanne, die von einer Hand in die nächste verschwand, begleitet von einem Murmeln. Er hielt den Blick immer noch gesenkt, sie lächelte, weil ihr nichts Besseres einfiel, es wäre ihr lieber gewesen, dass er sie ansieht. Sie standen da wie zwei Trottel. Hinten im Saal prüfte ein Mann in weißem Kittel, der sichtlich überforderte Schiffsarzt, der sich sonst eher mit Gerontologie befasste, die Hände jedes einzelnen, eine nach der anderen, er selbst trug Latexhandschuhe, sie verstand warum, weil es ihr einmal bei einem kleinen Patienten untergekommen war: wegen der Krätze. Rund hundert Menschen, zweihundert Hände. Reflexhaft ballte sie ihre. In einer anderen Ecke war die Französin, die sich ebenfalls einen weißen Kittel übergeworfen hatte, das fehlte Rose, eine Art Uniform. Außerdem gab es zwei Besatzungsleute mit iPads, die die Namen registrierten, sie kamen auf Rose zu, die sie auf Anhieb als Passagierin erkannt hatten, trotzdem rief sie ihnen ihren Namen zu, »Rose Goyenetche, Psychologin«, aber sie waren zu beschäftigt, der nächste bitte. Nicht wegen ihrer Hautfarbe fiel Rose aus dem Rahmen, unter den Schiffbrüchigen gab es einige helle Gesichter, sondern aufgrund der Gesamterscheinung, das war ihr klar, weil sie von Kopf bis Fuß so funkelnagelneu wirkte. Sie hingegen, die Schiffbrüchigen, hatten etwas Verbrauchtes an sich, als strebten ihre sitzenden, liegenden, hockenden oder sogar stehenden Gestalten, ihre Gesichter, Hände, Kleider, die Signale, die sie aussandten, die Tropfen, die sie fallen ließen, als strebte alles an ihnen voran und wurde dabei behindert, aufgehalten und restlos verschlissen.
Der nächste ist er. Er heißt Younès, sie hört zunächst Youssef, nein, Younès. Er gibt auch einen Familiennamen an, den sie nicht versteht. Die beiden Offiziere registrieren ihn und gehen zur dicken jungen Frau in Jogginghose über. Younès sagt etwas, das auf Telefon endet. Sie reicht ihm ihrs, aber nein, er zieht einen Plastikbeutel aus seiner Hosentasche, Ziploc, wasserdicht, bei ihr zu Hause stecken geriebene Möhren drin, in seinem ein Mobiltelefon. Ein altes Samsung mit rissigem Display, das sich nicht einschalten lässt oder doch – Younès zeigt ihr das Display, es liegt nicht am Akku –, aber nichts passiert. Unter dem Displayglas sind Tröpfchen zu sehen. Telefone kann sie nicht reparieren. Wieder reicht sie ihm ihrs, sie beugen sich beide über das Display, und weitere Köpfe, die dicke junge Frau in der Jogginghose und andere, es funktioniert, natürlich funktioniert ihr Mobiltelefon, 7:19 Uhr, aber es gibt kein Netz. Sie sind zu weit von der Küste entfernt. An Bord gibt es zwar WLAN, doch das hat sie nicht gebucht, zu teuer, sie geht ins Internetcafé. Das wird sie ihnen alles nicht erklären. Er brauche ein Telefon, sagt er, auf Französisch. Dabei sieht er ihr nicht in die Augen, er blickt ins Leere. Die dicke junge Frau in Jogginghose fällt ihnen mit Nachdruck ins Wort, in einer Sprache, die Rose nicht erkennt, auch wenn ein feuchtes Englisch darin anklingt. »Sie ist Nigeria«, sagt er in einem leicht verächtlichen Ton.
