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Hanau 1621. Der alte Zunftmeister der Goldschmiede wird gezwungen abzudanken und durch den Nürnberger Meister Hanns Rappolt ersetzt. Unter dessen strenger Herrschaft hat insbesondere der Geselle Johann Sperling zu leiden. Das Blatt scheint sich zu wenden, als die Zunft einen äußerst vielversprechenden Auftrag erhält. Rappolt selbst soll einen silbernen Pokal für den Stadtrat schmieden. Der Zunftmeister beschließt, dass der Ratspokal Johanns Meisterstück werden soll. Verunsichert ob dieser schwerwiegenden Verantwortung, stellt Johann Nachforschungen über die Auftraggeber an und findet heraus, dass sich viel mehr als befürchtet hinter dem Meisterstück verbirgt. Er sieht sich nicht nur mit dem Neid und den Intrigen der Zunft konfrontiert, auch seine Familie droht unter dem wachsenden Druck zu zerbrechen.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2026
Christiane Gref
Das Meisterstück
Impressum
© Zodiac Verlag © Christiane Gref
2026
Deutsche Ausgabe
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Farblich und gestalterisch bearbeitet.
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63456 Hanau
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E-Mail: [email protected]
Für meinen Mann Peter in Liebe
Inhaltsverzeichnis:
I
II
III
›Mein Name wird immer noch da sein, wenn die Würmer längst an meinen Knochen nagen‹, dachte Johann Sperling, während seine Fingerkuppen über die eingeritzten Buchstaben in der Tischplatte vor ihm glitten. Die Kanten des Holzes waren im Laufe der Zeit rund geworden und Patina hatte sich an den Rändern gebildet.
»So lange ist es her.«
Er rutschte auf der Sitzbank entlang, um sich die neuen Signaturen anzusehen. 1620 a. D. stand zu lesen, gefolgt von den Namen der Buben, die vor einem halben Jahr ihre Lehrzeit angetreten hatten. Es waren viele. Johanns böses Knie knackte hörbar, als er das Bein ausstreckte. Er wartete jetzt schon seit mehr als einer Stunde im Zunfthaus. Ein Lehrbub hatte ihn heute Morgen zu Hause aufgesucht und herbestellt. Johann befürchtete das Schlimmste.
Ein Räuspern unterbrach seine Erinnerungen an die goldenen und auch an die nicht sehr ruhmreichen Tage der Lehrzeit. Johann sah auf. Der Zunftmeister Arnold Rufus Bergen sowie ein ernst dreinblickender Mann, der sich sehr gerade hielt, standen vor dem Tisch. Der Unbekannte hielt ihm die Rechte zur Begrüßung hin. Johann erhob sich, so rasch es sein Knie zuließ, verbeugte sich und ergriff die dargebotene Hand. Der Händedruck des Mannes war so fest wie sein Blick.
Er musste gerade erst angekommen sein. Seine Kleidung war bedeckt vom Staub der Straßen und die Riemenabdrücke seines Bündels waren noch im Wams zu sehen.
»Mein lieber Johann, ich möchte dir meinen Nachfolger vorstellen, den ehrenwerten Goldschmiedemeister Hanns Rappolt den Jüngeren«, sagte der Zunftmeister.
Dann waren all die Gerüchte auf den Straßen und in den Wirtschaften wahr? Bergen musste tatsächlich gehen? Warum? Und wo kam der Fremde so schnell her?
Johann murmelte: »Mein Name ist Johann Sperling, Gold- und Silberschmiedegeselle.«
Er schrumpfte auf die Größe einer Maus, zumindest kam es ihm so vor. Der Raubvogel stand vor ihm.
Nicht das kleinste Fältchen zerknitterte die Haut in Rappolts Augenwinkeln. Bei ihm selbst lagen die Dinge anders.
Anna sagte, ganze Spinnenfamilien könnten ins Hautnetz neben seinen Augen einziehen.
»Ich bin alt. Es ist an der Zeit, jemandem meine Schmiede zu überlassen, der die Werkzeuge halten kann, ohne vor Müdigkeit zu zittern«, ergriff Bergen das Wort.
»Ihr wollt auf Euer Altenteil, Meister?«
Bergen nickte mit unglücklicher Miene. »Ja, das werd’ ich wohl.«
Als Rappolt sich die Bilder an den Wänden betrachtete, nahm Bergen Johanns Hände in seine und sagte leise: »Du bist ein fleißiger und ehrlicher Junge. Unlängst bist du zum Manne gereift und musst eine eigene Familie versorgen. Ich möchte, dass du auch weiterhin dein Auskommen hast, und daher habe ich mit Meister Rappolt ausgehandelt, dass du künftig für ihn arbeitest. Ich hoffe, das ist in deinem Sinne.«
Ehe Johann den Kopf schütteln konnte, hatte sich Rappolt umgedreht und starrte ihm ins Gesicht.
Sie wichen den Fuhrwerken aus, die durch die Salzgasse rumpelten. Johann, der seinem neuen Meister vorauslief, beachtete das Treiben in der Stadt nicht.
Nicht so Rappolt, der immer wieder stehenblieb und die geschäftig Dahineilenden behinderte.
»Selten sah ich eine Stadt größerer Gegensätze«, brachte er nach einer Weile hervor. »Hier ist alles so weitläufig gebaut, viel frische Luft kann der Besucher atmen, im nördlichen Teil hingegen hocken die Häuser aufeinander wie die Hühner im Stall.«
»Genau genommen sind es ja auch zwei Städte«, merkte Johann an. »Der Bau der Neustadt, das ist der Teil, in dem wir uns befinden, begann erst vor etwa zwanzig Jahren. Wie Ihr seht, ist sie noch nicht fertig.« Johann deutete auf ein Dach, das von Handwerkern mit Schieferziegeln gedeckt wurde.
Rappolt folgte Johanns ausgestrecktem Zeigefinger. Dann schweifte sein Blick über die anderen Häuser.
»Diese Gebäude waren gewiss sehr teuer.«
»Die Leute, die darin wohnen, sind reich«, sagte Johann leichthin, während sie in die Spitalgasse einbogen. Wenig später blieb er vor einem Eingangsportal stehen. »Wir sind da.«
Das Erdgeschoss dieses Gebäudes unterschied sich von den anderen im Geviert dadurch, dass es wesentlich mehr Fenster aufwies. Rappolt musterte jedes Fenster und jeden Zierbogen so intensiv, als wolle er sie sich auf Lebzeiten ins Gedächtnis einprägen.
Johann ließ ihm Zeit. Als er merkte, dass der neue Meister mit seiner Inspektion fertig war, sagte er: »Hier, zur Linken, haben wir einen Tuchmacher und rechts einen Zimmermann. Im Obergeschoss wohnen sie.«
Johann zeigte auf die Fachwerkfassade empor auf die Gaubenfenster. »Die Werkstatt umfasst das ebenerdig gelegene Geschoss. Ich selbst wohne in der Altstadt.« Johann schloss die schwere, mit Schnitzereien verzierte Tür auf.
»Und dies ist die Werkstatt«, sagte er und deutete in den Raum. Dann trat er zur Seite, um dem neuen Meister Platz zu machen. Rappolt schritt unter dem Türsturz hindurch, ging an den Wänden entlang und berührte verschiedene Werkzeuge, die säuberlich auf den Regalen standen oder an Haken hingen. All die Zangen und Hämmer, Feilen und Meißel waren von ausgesuchter Qualität. Darauf hatte der ehemalige Zunftmeister bestanden. Jedes einzelne Stück hatte Bergen selbst angefertigt. »Lieber wenige gute Werkzeuge, dafür mehr handwerkliches Können, als umgekehrt«, pflegte er stets zu sagen. Ein Wahlspruch, der Johann in Fleisch und Blut übergegangen war. Sorgfältig reinigte er die Gebrauchsgegenstände jedes Mal nach der Verwendung und legte sie wieder an ihren Platz zurück.
»Ein Wunder …«, sagte Rappolt.
»Ja, nicht wahr?«, sprudelte Johann erleichtert hervor.
»Ein Wunder, dass ihr die richtige Hitze zum Schmieden in diesem Ofen zustande gebracht habt.« Langsam drehte sich der Meister zu Johann um. »Wir brauchen einen besseren. Geh zum Ofenmacher, er weiß Bescheid. Und räume mir bitte einen Platz in der Ecke dort frei. Ich werde meine eigenen Werkzeuge benutzen, die ich mitgebracht habe.«
»Ja, Meister.«
»Und die Werkbank muss näher ans Fenster gerückt werden, sonst sind die Augen bald hin. Und wenn du damit fertig bist, sieh bitte die Lampen durch. Mir scheint, die Dochte sind recht kurz, um anständig Licht zu machen. Das wäre für heute alles. Du findest mich im ›Goldenen Ochsen‹, falls noch etwas anliegt. Dort habe ich mich eingemietet, bis ich ein eigenes Domizil gefunden habe.«
»Ja, Meister«, flüsterte Johann dem davoneilenden Mann hinterher. Er krempelte die Ärmel hoch und machte sich ans Werk. Um den ›Goldenen Ochsen‹ würde er auf dem Heimweg einen großen Bogen schlagen, obwohl er seine Stammwirtschaft war.
Zu oft für Annas Geschmack schlug Johann nach seinem Tagewerk nicht den Weg zur Metzgergasse ein, wo sich das Haus der Sperlings befand, sondern umrundete das Rathaus und ging ein Stück die Marktgasse entlang, die schließlich in die Schlossgasse mündete. Dann drückte er die Klinke der grün gestrichenen Tür des Hauses herunter, über dessen Eingang das Schild mit dem Ochsen prangte und Gäste zum gemütlichen Verweilen einlud.
Ganz entschieden zu oft musste Anna ihren schwankenden Johann in stockfinsterer Nacht durch die Schloss- und Marktgasse geleiten, mit dem schweren taumelnden Mann rechts abbiegen, um dann endlich den sicheren heimatlichen Hafen anzusteuern. Sie freute sich, dass ihr dieser Gang heute Abend erspart blieb.
»Hannes, iss deine Suppe, sonst wird sie kalt«, mahnte sie. »Und, wie ist er so?«
»Wer?«
»Der neue Zunftmeister. Ich hab heute von der Nachbarin erfahren, dass er aus Nürnberg ist.«
»Schnell.«
Anna zog die Augenbrauen hoch.
»Er ist höflich, aber nicht freundlich. Außerdem ist er streng.«
Anna lachte. »Das hast du von Bergen auch gesagt. Und dann habt ihr beide euch prächtig zusammengerauft. So wird’s auch bei dem Neuen, wirst sehen.«
Besorgt sah sie zu Rosalind, die laut hustete. Johann folgte ihrem Blick. »Wird’s nicht besser mit dem Schnaufen?«
»Nein, sie hustet schon den ganzen Tag und kriegt kaum Luft. Und die Hitze hat sie auch. Fühl mal.«
Johann legte eine Hand auf die Stirn seiner Tochter. Sogar durch die Schwielen fühlte er das Glühen.
»Ja, es ist heiß, das Kind. Mach ihr am besten kalte Wickel um die Waden.«
Anna nickte sorgenvoll. Johann packte sie um die Hüften und setzte sie sich auf den Schoß. Sein Knie knackte. Es hatte lange Zeit Ruhe gegeben, und plötzlich meldete es sich mit einer Vehemenz, die Johann ängstigte. Anna hatte er zu Beginn ihrer Liebelei erzählt, dass sein Knie seit einem Kutschenunfall steif sei. Die Wahrheit war eine andere.
»Lass das«, lachte Anna. »Du bist kein junger Bub mehr. Deine Knochen halten das nicht mehr aus, und ganz grau wirst du. So wie ich!«
Sie fuhr ihm durch die kurzen Locken, an den Seiten, dort, wo sich immer mehr graue Haare einschlichen. Er ging so nah mit seinem Gesicht vor das ihre, dass er die braunen Sprenkel in ihren Augen sehen konnte. Sie kicherte. Seine Anna war keine Schönheit. Ihre Beine waren etwas krumm geraten und sie war schon immer zu dünn gewesen. Aber das war Johann gleich, vor allem in diesem Augenblick, in dem ihm das Herz überquellen wollte vor Liebe. »Auf Erden gibt’s keine bessere Ehefrau und Mutter als dich.«
»Das letzte Mal hast du mir das vor sieben Jahren gesagt. Als ich mit Elfriede in den Wehen gelegen habe. Weißt du noch?«
Er nickte. »Ich will, dass du das immer im Kopf behältst, egal, was geschieht. Wir haben oft sparen müssen und müssen es noch, aber wenn ich Meister bin, kaufe ich dir ein neues Kleid aus glänzendem Stoff und einen Halsreif werde ich dir schmieden. Einen prächtigen aus purem Gold. Du wirst wie eine Königin aussehen.«
Am nächsten Morgen trafen Johann und der neue Meister gleichzeitig in der Werkstatt ein.
»Ordentliche Arbeit«, sagte Rappolt, als er sah, dass Johann alles erledigt hatte, was er ihm am vorherigen Tag aufgetragen hatte.
»Der Schmied kommt heute vorbei wegen des Ofens«, beeilte sich Johann zu sagen.
»Dann können wir ja bald anfangen zu arbeiten. Wo ist das Auftragsbuch?«
Johann holte es aus einer verschließbaren Holzkiste und händigte dem Meister das Buch und den Schlüssel für die Kiste aus.
»Das sind wenig Aufträge. Da hatte ich mehr erwartet«, sagte Rappolt und schlug den Folianten zu.
»Die Leute sparen. Sie haben Angst vor dem Krieg.«
»Wer hat die nicht.«
»Wie ist die Lage in Nürnberg?«
»Das weiß ich nicht.« Brüsk wandte sich Rappolt ab. »Ich war schon lange nicht mehr dort.«
Schon vor dem Mittag geriet Johann ins Schwitzen. Dabei hatte er nicht einmal den Schmelztiegel in der Hand gehabt. Rappolt schickte ihn umher, verschiedene Sachen zu besorgen, die unabdingbar für die tägliche Arbeit seien. Rappolts strenger Blick folgte ihm. Mitleidslos ließ er Johann die gesamte Werkstatt umgestalten. Tische wurden gerückt, Werkzeuge ausgemustert, Regale angebracht. Und immer wieder hieß er ihn, den Boden zu fegen. »Schmutz verunreinigt das Metall. Wir sparen uns viel Arbeit, wenn der Boden sauber ist«, sagte Rappolt, als Johann bereits zum vierten Mal den Besen schwang. Der Meister zeichnete derweil Schmuckentwürfe und Johann staunte über die Kunstfertigkeit der Abbildungen. Wie sicher der Federstrich des Meisters war, wie ruhig die Hand blieb. Johann verglich die Bilder im Geiste mit denen, die er selbst im Laufe der Jahre angefertigt hatte. Keines war auch nur im Ansatz so genau wie jene, die Rappolt nebenbei aufs Papier warf.
Es klopfte. Kurz darauf betrat Rufus Bergen die Werkstatt, beladen mit Schriftrollen. Seine Augen wurden groß, dann inspizierten sie die neue Ordnung. Er gewann seine Fassung zurück und trat auf das Pult zu.
»Verzeiht die Störung, Meister Rappolt. Ich möchte Euch noch einige Dokumente übergeben, die Ihr lesen solltet.«
Er lud seine Fracht ab. Auch sein Blick fiel auf die Zeichnungen.
»Ihr habt ja schon mit der Arbeit begonnen. Sehr hübsch.«
»Das ist nichts Besonderes. Nur einige Ideen, die mir im Kopf herumspuken.« Rappolt steckte die Feder in das Tintenfass zurück und wischte einen winzigen Fleck von der Tischplatte. Eilends begann er, die Rollen und losen Blätter zu einem sauberen Stapel aufzutürmen.
»Nun, dann will ich nicht länger stören.«
Als keine Antwort kam, weder von Johann, der das Zusammentreffen der Zunftmeister neugierig verfolgt hatte, noch von Rappolt, drehte sich Bergen um und verließ sein ehemaliges Refugium. Zum ersten Mal fiel Johann der schleppende Schritt des alten Zunftmeisters auf, der stets der gütige Vater der Zunft gewesen war. Seit der Gründung vor elf Jahren hatte er seine Schützlinge angeleitet, hatte sich mit Gesetzen und dem Herbeischaffen aller notwendigen Utensilien herumgeschlagen. Nicht zuletzt hatte er für ein eigenes Zunfthaus gekämpft. Und nun war der Neue da und setzte sich ins gemachte Nest. Bergen tat Johann leid. Johann konnte sich nicht beschweren. In Hanau waren die Gewerbetreibenden frei gewesen. Die Gasellenwanderschaft und die Ehelosigkeit waren ihm erspart geblieben. Er hatte seine Anna und ein eigenes Häuschen, und seit elf Jahren genoss er zudem die sichere Obhut der Zunft.
*
Der Ofenmacher hatte lange für den Einbau gebraucht und Rappolt hatte darauf bestanden, den neuen Ofen gleich einzubrennen. Kannte der Mann denn keine Müdigkeit? Kaum wurde Johann vom Meister für diesen Tag entlassen, eilte er aus der Werkstatt. Draußen war es dunkel, nur noch wenige Menschen waren auf dem basaltenen Pflaster unterwegs. Gleich Irrlichtern, geisterte hier und dort der Schein einer Laterne durch die Nacht. Johann verzichtete auf ein Licht. Er hätte zurück in die Werkstatt gehen müssen und das wollte er nicht. Rappolt hätte gewiss noch eine Kleinigkeit gefunden, die zu tun gewesen wäre. Johann beeilte sich, aus der Sichtweite der Werkstattfenster zu gelangen. Kurz darauf prallte er gegen einen harten Widerstand, scharfer Schmerz schoss durch sein steifes Knie. Vor dem halb fertig gebauten Haus, schräg gegenüber der Werkstatt, hatten die Tagelöhner das Holz für das Fachwerk aufgestapelt. Mitten auf der Straße! Um den Widrigkeiten eines Regengusses zu trotzen, waren die massiven Holzbalken mit einem dunklen, gewachsten Tuch abgedeckt. Johann fühlte die talgige Glätte, als er versuchte, sein Gleichgewicht wiederzuerlangen. Fluchend lief er weiter.
In der Küche wartete Anna. Auf dem Tisch standen kalt gewordene Speisen. Johann küsste seine Frau und ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen. Er barg seinen Kopf in den Händen und seufzte laut. Eine ganze Weile saß er so da. Er hob den Kopf erst, als er Anna schniefen hörte. Es war kein lautes Geräusch gewesen, aber ein seltenes.
»Was hast du, mein Herz?«, fragte er und strich ihr die Tränen von den Wangen.
»Rosalind geht es schlecht. Sie wäre heute fast erstickt. Der Husten wird immer schlimmer und sie ist so still. Spricht nichts und leidet wie ein Hund.«
Johann stand auf und ging zur Schlafstube hinüber, die sich Rosalind mit der zwei Jahre jüngeren Schwester teilte. Anna hatte einen Schemel neben das Bett der Älteren gestellt, auf dem eine Schale mit Wasser stand. Daneben lagen mehrere Tücher, zum Teil benutzt. Es roch durchdringend nach Kräutern, aber Johann nahm auch den scharfen Geruch der Gifte wahr, die Rosalind ausschwitzte. Die Stirn des Kindes war klamm, die Lippen rissig. Unter den geschlossenen Lidern rollten die Augäpfel hin und her.
Anna war hinter Johann getreten und legte ihm die Hände auf die Schultern. »Was sollen wir tun?«
Johann ahnte die Worte mehr, als dass er sie verstand, so leise hatte sie gesprochen. Er presste die Lippen zusammen und bedeutete ihr, hinauszugehen. In der Wohnstube setzten sie sich hin, um zu reden.
»Wir werden heute Nacht an ihrem Bett wachen. Wenn es ihr schlechter geht, holen wir sofort den Mediziner. Leg dich hin, ich werde die nächsten Stunden aufpassen. Du kannst dich auf mich verlassen, mein Herz. Ich weck’ dich dann.« Anna nickte ihm dankbar zu. Kurz darauf hörte Johann die Stiege knarren, als Anna hoch ins Schlafzimmer ging. Er holte sich sein kaltes Abendessen aus der Küche und setzte sich mit dem Teller auf dem Schoß neben Rosalinds Bett. Als der Nachtwächter die dritte Stunde verkündete, strich Johann Anna leicht über die Wange, wartete, bis sie die Augen aufschlug, und legte sich mitsamt seiner Kleidung ins Bett.
Es war bereits hell, als er aufwachte. Er sprang auf, rieb sich die Augen, rannte die Stiege herunter und fand die Küche leer vor. Für gewöhnlich war Anna vor ihm wach, richtete ihm das Frühstück und blieb in der Küche, bis er schlaftrunken am Tisch Platz nahm. Er ging ins Zimmer der Kinder. Anna lag neben Rosalind im Bett. Der Kopf des Kindes ruhte auf ihrer Schulter, beide schliefen fest. Leise schloss er die Tür wieder und eilte aus dem Haus. So wie er war. Es kümmerte ihn nicht, dass er nichts gegessen hatte und die Kleidung des Vortages trug. Seine Sorge galt einzig den möglichen Folgen seines Verschlafens. Was würde Meister Rappolt von ihm denken? Wohl, dass er ein fauler Hund sei. Johanns Magen krampfte sich zusammen.
Der Weg zur Werkstatt schien auf die doppelte Länge anzuwachsen. Als er die Schmiede betrat, kreuzte der Meister die Arme vor der Brust und sah ihm streng entgegen.
»Bitte entschuldigt, ich habe verschlafen. Meine Tochter ist sehr krank.«
»Deine Frau auch?«
»Nein, Anna geht es gut.«
»Dann frage ich mich, warum sie nicht in der Lage ist, sich um das kranke Kind zu kümmern.« Die Kälte in Rappolts Stimme verletzte Johann. Bergen hätte sich nach Rosalind erkundigt, hätte Mitleid gehabt. Johann schwieg.
»Ich sagte dem Koch vom ›Weißen Schwan‹, wir würden das Einkaufen selbst übernehmen. Hier hast du die Liste, bitte sieh zu, dass du alles bekommst. Für dieses Mal ist es mir gleich, wie viel es kosten wird. Wir bekommen hohen Besuch, es geht um einen großen Auftrag.«
Rappolt reichte Johann ein zusammengefaltetes Stück Papier und einen Münzbeutel. »Ich gebe dir einen guten Rat. Wenn du wirklich daran interessiert bist, eines Tages die Meisterprüfung abzulegen, musst du lernen, deine Arbeit ernster zu nehmen.«
Erst als er schon zur Tür hinaus war, überlegte Johann, welch hoher Besuch einen Beutel mit so vielen Gulden wert war. Wichtig musste es sein, sonst hätte Meister Rappolt nicht darauf bestanden, dass er auf den Markt ging, um einzukaufen. Wie ein Weib kam er sich dabei vor. Weil heute alles anders war als an anderen Tagen, schwirrten Johann allerlei Dinge im Kopf herum. Eines hatte er zumindest schon gelernt: nie diesem Rappolt zu widersprechen. Rücksichtslos sprang der Nürnberger von diesem zu jenem und verlangte, dass man in der Lage war, seine Gedanken zu lesen. Jeden Disput würde er, Johann, gegen ihn verlieren. Also nickte er, sagte »Ja, Meister« und dachte sich seinen Teil.
Er überquerte die Brücke, die den künstlich angelegten Seitenarm der Kinzig überspannte, fühlte kurz darauf die beruhigende Dicke der gemauerten Rundbastion unter seinen Füßen und stieg die Treppe zur Altstadt hinauf.
Es ist immer wieder merkwürdig, wie schnell man eine andere Welt betritt, dachte Johann, als er in die Judengasse einbog.
In Grüppchen standen die Männer mit den Hüten und den merkwürdigen Ringellöckchen zusammen und flüsterten verschwörerisch hinter vorgehaltenen Händen. Diese Juden scheinen nichts anderes zu tun, als sich den lieben langen Tag zu unterhalten. Welch wichtige Dinge sie wohl zu bereden haben?
Johann lief weiter, direkt auf die Hochdeutsch reformierte Kirche zu, deren Spitze sich in den Himmel hob.
Mit dem Korb über dem Arm ging Johann neben einigen Frauen her, die wie eine Schar Gänse schnatterten. Das Gespräch drehte sich selbstverständlich um das Mannsvolk. Eine Haube – als Zeichen für den Ehestand – trug nur eine von ihnen. Sollten sie es ruhig noch ein wenig lustig haben, die Ernsthaftigkeit der Ehe bräche schnell genug über sie herein. Johann überholte die Frauen, die immer wieder stehen blieben und mit den Fingern auf die Gehilfen deuteten, die sich ihre Kreuzer hart erarbeiten mussten. Er wich einem Fuhrwerk aus, das gerade entladen wurde, und kletterte über ein zerbrochenes Fass hinweg, in welchem Fäden verdorbenen Sauerkrauts hingen. Das Haus links neben ihm konnte einen neuen Anstrich vertragen. Stroh lugte unter bröckelndem Putz hervor, die Tür hing schief in den Angeln. Ein altes Weib humpelte an Johann vorbei. Ein junges Mädchen rannte kichernd vor einem Stallburschen davon, an dessen abgetragenen Stiefeln Pferdekot hing. Ihre Röcke bauschten sich und gaben den Blick auf dralle Waden frei. Johann folgte den beiden gemächlich durch die kleine Fahrgasse.
»Vorsicht«, hörte er einen Ruf. Dann polterte ein Balken neben ihm auf das Pflaster, der gut und gerne den Umfang eines erwachsenen Mannes hatte. Da haben sich die beiden in der Neustadt besser angestellt, dachte Johann wütend und drohte den Zimmerern mit der Faust. Ein magerer Hund ergriff jaulend die Flucht. Er bahnte sich einen Weg durch die dichter werdende Menge und erreichte schließlich den Marktplatz. Ein Verkäufer pries lauthals seine Mixtur gegen allerlei Gebrechen an. Dicht an dicht standen die Händler. Mal mit, mal ohne Karren. Wer kein Gefährt besaß, ließ seine Waren in mit Stroh gepolsterten Kiepen liegen, deren Öffnungen zu den Kunden zeigten. Eine magere Frau hielt Johann irdene Krüge entgegen und warb mit brüchiger Stimme um seine Aufmerksamkeit. Ein schmutziger Junge stahl einen Bund Rüben und war kurz darauf in der Menge verschwunden. Frauen prüften mit strengen Blicken die dargebotenen Waren und feilschten laut um den Preis.
Für einen Moment blieb Johann stehen, um den Duft des Geräucherten in seine Nase strömen zu lassen. Ach, hätte er doch mehr Geld. Jeden Tag gäbe es einen stattlichen Schinken auf dem Frühstücksbrett.
»Gott zum Gruße, Herr Sperling. Wie geht’s der Anna?«, sprach ihn die kugelrunde Metzgerin Erler an. Johann hatte eilig an dem Stand vorbeiziehen wollen, der eben jenes Geräucherte feilbot, nach dem es ihn gelüstete, aber dann fiel ihm ein, dass er ja Rappolts Geldbeutel mit sich trug und er ja auch gar nicht für das eigene Haus kaufen oder vielmehr nicht kaufen wollte, sondern für den ›hohen Besuch‹.
»Wie’s eben so geht. Meine Große ist krank und die Anna macht sich Sorgen.«
»Das ist aber nicht schön. Was hat sie denn?«
»Die Hitze – und das Schnaufen fällt ihr schwer. Aber sie wird schon wieder gesund werden. Ich hätte dann gern ein halbes Pfund Leberwurst, ein halbes Pfund Blutwurst und den Schinken da«, sagte Johann. Die Metzgerin verscheuchte einige Fliegen, die sich auf den Waren tummelten, und packte Johann das Gewünschte ein. Anschließend zog er weiter. Es dauerte lange, bis er alles beisammen hatte, was der Meister wollte. Mehr als einmal hatte er sich Anna herbeigesehnt, die wahrscheinlich nur halb so lange gebraucht und gewiss auch nur die Hälfte des Geldes ausgegeben hätte. Als der letzte Stand abgebaut wurde, verstaute Johann die letzten Einkäufe in dem Karren, den er sich für zwei Kreuzer geliehen hatte. Er wäre lieber bei Anna und Rosalind gewesen. Stattdessen zog er wie ein Esel den Karren, dessen linkes Rad zu allem Überfluss eierte, über das bucklige Pflaster. Zum Glück musste er nur den Marktplatz überqueren, um zur Wirtschaft zu gelangen. Erleichtert ließ er die Nahrungsmittel mitsamt Karren beim Koch im ›Weißen Schwan‹, der bereits von Rappolt Bescheid bekommen hatte, dass Johann die Zutaten besorgte.
»Ich hätte auch nichts anderes gekauft«, brummte der Koch beleidigt, als er sah, was Johann auf dem Wagen hatte.
Johann ärgerte sich, den halben Tag auf dem Markt verschwendet zu haben. Er befürchtete, dass noch allerlei Arbeit in der Werkstatt für ihn bereitlag.
Die Tür zur Werkstatt war abgesperrt. Johann lugte durch ein Fenster. Innen waren alle Gerätschaften ordentlich wegsortiert worden. Er wandte sich schon erleichtert ab, in der Hoffnung, sein Arbeitstag sei beendet, als ihn jemand am Ärmel zupfte. Ein kleiner Bengel mit wachen Augen sah zu ihm hoch. Johann wühlte in seiner Tasche nach einer Münze für den Betteljungen.
»Seid Ihr Johann Sperber?«
»Sperling.«
Sichtlich erfreut sprudelte der Kleine seine Botschaft hinaus: »Ihr sollt ins Rathaus gehen, hat der Rappelt mir aufgetragen, Euch zu sagen.«
Johann brach in Gelächter aus. Rappelt.
»Mit Namen hast du’s nicht so, oder?«, sagte Johann, als er sich wieder beruhigt hatte. »Hat Meister Rappolt denn auch gesagt, was ich dort soll?«
»Nein, der hatte es ganz eilig.«
»Danke, Kleiner.«
Johann fuhr dem Jungen durchs Haar und wischte sich anschließend die Hand an der Hose ab.
Und wieder legte er den Weg in die Altstadt zurück.
»Hätte ich das gewusst, wäre ich gleich auf dem Markt geblieben«, schimpfte er vor sich hin.
Vor dem Rathaus angekommen, legte Johann eine Verschnaufpause ein. Sein Blick wanderte an der Fassade des Gebäudes entlang und verweilte auf den reich geschnitzten Knaggen, die die Erker des ersten Stockwerks trugen. Ein Gurtsims spannte sich unter den Fenstern rund um das Haus. Der Erker mit den vier Fenstern gehörte zum großen Ratssaal, in dem die Feierlichkeiten für die Reichen abgehalten wurden. Johann war noch nie zu einer solchen Feier geladen gewesen. Der schmalere Erker links daneben ließ Johann erschauern. Dort wurden die Geschicke der Stadt beschlossen. Nein, verbesserte er sich im Geiste, beschlossen werden sie in der Ratsstube. In der Amtsstube der beiden Bürgermeister werden sie nur gesiegelt. Johann seufzte, gab sich einen Ruck und betrat die doppelläufige Freitreppe, die zum Eingangsportal führte. Ein Soldat hielt davor Wache. Nachdem Johann seinen Namen genannt hatte, ließ ihn der Soldat hinein.
Die Eingangshalle besaß linker Hand eine Stiege, die zu den oberen Geschossen führte. Die Schreiber, die ihm auf dem Weg nach oben entgegenkamen, sahen Johann kritisch an. Er hatte sich noch nie derart fehl am Platze gefühlt. Er stand eine Weile schüchtern in der Diele, bis er sich ein Herz fasste und einen jungen Mann ansprach, der einen halbwegs freundlichen Eindruck vermittelte.
»Ich suche den Zunftmeister Rappolt.«
Die Miene des Mannes hellte sich auf. »Dann seid Ihr der Geselle. Dort hinein, bitte.« Er deutete auf eine der Türen. Johann wagte nicht zu fragen, woher der Mann über ihn Bescheid wusste, und steuerte die besagte Tür an. Der Mann folgte ihm nicht, sondern eilte in entgegengesetzter Richtung davon.
Johann klopfte, wartete auf die Aufforderung, einzutreten, und als diese kam, betrat er den Raum. Die Pracht überwältigte ihn. Das Tageslicht brach sich schimmernd auf polierten Holzdielen und verlieh ihnen einen geradezu überirdischen Glanz. Ein großer Teppich mit dem Wappen Hanaus lag auf dem Boden. Die Wände waren fein verputzt und ein Feuer prasselte im Kamin. Das Herzstück des Zimmers bildete zweifellos der Versammlungstisch aus dunklem Holz, gegen den sich der Tisch in der Zunft wie eine Lehrlingsarbeit ausnahm. Reich verzierte Stühle mit samtgepolsterten Sitzflächen standen ordentlich an den Tisch gerückt.
Johann erkannte den Stadtkämmerer der Neustadt sowie einen der Syndici, die gemeinsam in einem Dokument lasen. Der Rechtsgelehrte schob die Papiere hastig zusammen, als Johann eintrat.
Rappolt stand auf und kam Johann einen Schritt entgegen, die vier anderen Männer blieben sitzen.
»Darf ich Euch meinen Gesellen Johann Sperling vorstellen? Ein begabter Mann, der direkt dem ehemaligen Zunftmeister Bergen unterstellt war. Er wird an dem guten Stück mitarbeiten.«
Johann trat an den Tisch. Die Männer nickten ihm zu. Johann verbeugte sich tief.
Der Stadtkämmerer und der Syndikus standen auf, nickten Johann zu und verließen ohne ein Wort des Abschieds die Ratsstube. Verwirrt schaute Johann den beiden hinterher, dann wandte er sich wieder dem Tisch zu.
»Nimm Platz«, sagte Rappolt steif und deutete auf den freien Stuhl neben sich. Johann durchflutete eine Woge des Stolzes. »Ich sitze auf dem Stuhl eines Ratsherrn«, dachte er.
Er musterte die beiden Männer gegenüber. Sie trugen kostbare Jacken aus Samt, ihre Hosen plusterten sich wie Gockelgefieder und die Hände steckten in sauberen Handschuhen aus hellem Leder. Zweifelsfrei handelte es sich um reiche Edelleute.
»Augustus von Winterstein«, stellte sich der schmalere der beiden Fremden vor. Er hatte eine leise Stimme und ein weibischer Zierdegen lehnte neben ihm.
»Fredegar Baumer«, sagte der andere. Seine Waffe, die ebenfalls am Tisch lehnte, schien echt zu sein. Der Knauf war abgegriffen. So wie seine Waffe wirkte auch der Mann etwas ungeschlacht. Johann hätte sich mit so einem nach einem Zechgelage nicht hauen wollen.
»Morgen Abend gebe ich Euch zu Ehren ein bescheidenes Bankett. Sofern Ihr noch daran interessiert seid, heißt das«, ergriff Rappolt das Wort.
›Bescheiden?‹, dachte Johann. ›Ein ganzes Regiment kann man mit den Sachen durchfüttern, die ich vom Markt geholt habe.‹
»Das sind wir«, säuselte Winterstein. Er und Baumer tauschten einen langen Blick. Baumer versuchte ein Lächeln und fragte: »Habt Ihr noch in der Werkstatt zu tun? Wenn nicht, würden wir uns freuen, mit Euch einen Schoppen in der Wirtschaft zu trinken.«
Rappolt nickte. »Johann wird Euch begleiten. Ich muss noch etwas in der Werkstatt erledigen und bin in der nächsten Stunde bei Euch.«
Johann wollte widersprechen, aber Rappolts finstere Miene nahm ihm allen Wind aus den Segeln. Er zwang sich zu einem Lächeln. »Habt Ihr einen bestimmten Wunsch?«
»Wir sind fremd in Hanau. Ihr werdet uns eine Empfehlung aussprechen müssen.«
Johann überlegte. Der ›Ochse‹ war zu einfach, obgleich die Krüge schön hoch gefüllt wurden. Der
›Schwan‹ kam am ehesten in Frage. Dort verkehrten die Bürgermeister und ihre Gattinnen und viele reiche Leute, auch aus der Neustadt.
»Ja, lasst uns in den ›Weißen Schwan‹ gehen. Dort findet auch das morgige Essen statt und Ihr könnt Euch in aller Ruhe die Wirtschaft anschauen.«
Johann ging zur Tür und hielt sie den Herrschaften auf. »Seht Ihr, da drüben ist er schon, der ›Weiße Schwan‹«, sagte er, als sie auf der Freitreppe vor dem Rathaus standen. Johann deutete rechter Hand über den Marktplatz hinweg auf ein dreigeschossiges Haus, das einen neuen Außenputz erhalten hatte. Seit die Neustadt binnen kürzester Zeit großen Zuwachs bekommen hatte, verirrten sich auch mehr Leute in die Altstadt. Johann seufzte, weil er daran dachte, dass sich ruhig auch etwas mehr Geld in seine Haushaltskasse verirren könnte. Einen neuen Putz konnte das Sperling’sche Haus gewiss auch vertragen. Wie gern würde er jetzt einfach nach Hause gehen, seine Schuhe ausziehen, seine Kinder in den Arm nehmen und Anna küssen. Wäre dies ein normaler Tag gewesen, hätte er gleich Feierabend. So musste er diese Burschen hofieren, die nicht den Anschein erweckten, als würden sie sich darüber freuen. Sie überquerten den Platz, und fester als gewollt, stieß Johann die Tür zur Wirtschaft auf. Es war ruhig im Innern.
»Von uns Stammgästen, die wir immer im ›Ochsen‹ einkehren, wird das hier der ›leise Schwan‹ statt der ›Weiße Schwan‹ genannt. Es ist immer still, die Leute reden kaum, und wenn, dann tun sie flüstern.«
Winterstein und Baumer schenkten Johanns Ausführung keine Beachtung, zogen an ihm vorbei und steuerten zielstrebig einen Tisch am Fenster an. Sie entledigten sich ihrer Mäntel und gaben sie an Johann weiter.
Johann kannte sich im ›Weißen Schwan‹ nicht gut aus, drehte sich um die eigene Achse, um die Haken zu finden, an welchen man die Kleidung aufhängen konnte. Der Wirt nahm sich schließlich seiner an und erledigte dies für ihn.
Die Edelleute nippten an ihren Getränken, während Johann bereits beim dritten Krug Bier angelangt war. Schon allein deshalb, weil er nicht sprechen musste, solange er trank. Endlich betrat Rappolt den Schankraum, sah sich kurz um, machte an einem der Tische Halt, an dem ein älteres Paar saß. In Johann begann es zu brodeln.
›Jetzt ist er schon hier und ist es doch nicht. Verdammich, ich will nach Hause. Mein Kind ist krank und keinen interessiert’s!‹, dachte er finster.
Schnell ertränkte er den Zorn mit einem kräftigen Schluck aus seinem Krug. Die Edelleute, die sich bislang als sehr ungesellig erwiesen hatten, wurden mit einem Mal gesprächig. Sie lächelten Rappolt an, der mittlerweile auf der Sitzbank neben Johann Platz genommen hatte, und hoben ihre Becher auf sein Wohl. Rappolt warf den leeren Krügen vor Johann einen langen Blick zu, dann bestellte er mit Wasser verdünnten Wein.
»Habt Ihr Euch schon ein wenig eingelebt?«, richtete er das Wort an die beiden Gäste.
Winterstein drehte seinen Weinkelch auf der Tischplatte. »Diese Stadt mit ihren Wirren macht es einem schwer, sich einzuleben. Wir werden uns damit abfinden müssen.« Er senkte die Stimme, sodass Johann und Rappolt sich vorbeugen mussten, um die nächsten Worte zu verstehen. »Die Juden. Sie sind eine Plage. Hanau ist nach meinem Geschmack ein wenig zu offen zu diesem Völkchen.«
Johann hatte nichts gegen die Juden. Sie wohnten abgetrennt von allen anderen und kümmerten sich um ihre eigenen Belange.
»Wie kommt es, dass ein Katholik sich hier wohlfühlt?«, fragte nun Baumer. Johann warf Rappolt einen erschrockenen Blick zu, der Winterstein nicht entging.
Rappolt zuckte mit den Schultern. »In erster Linie bin ich Zunftmeister.«
»Aber Ihr werdet hier verdrängt. Alle Kirchen predigen das reformierte Glaubensbekenntnis. Die Predigten selbst werden nicht in der Sprache der Gelehrten gehalten, sondern auf Deutsch. Wo gehen all die Werte hin?«
»Lasst uns von fröhlicheren Dingen sprechen«, schlug Rappolt vor.
»Gar von dem Krieg, der hier nicht stattfindet?«, fragte Winterstein mit listigem Unterton.
»Der Krieg geht mich nichts an. Ich bin Goldschmied und kein Soldat«, entgegnete Rappolt.
»Der findet schon statt. Würdet Ihr hier leben, hättet Ihr’s schon längst bemerkt«, sagte Johann und merkte, dass ihm seine Zunge nicht mehr gehorchte.
»Meister, braucht Ihr mich noch?«
Rappolt kniff die Lippen zusammen, musterte noch einmal die leeren Krüge und schüttelte dann den Kopf.
»Nein, geh nur heim zu deinem Kind.«
Während Johann davonwankte, hörte er nur noch, wie Rappolt leise sagte: »Er hat seine Frau nicht im Griff. Aber das Kind kann ja nichts dafür.«
Johann taumelte zu seinem Haus und ließ die Tür offenstehen. Der Windzug fegte getrocknete Kräuter vom Küchentisch. Anna schrie auf, bückte sich eilends und rief: »So mach doch die Tür zu. Du bist ja betrunken.«
Johann versuchte, geradezustehen, und antwortete: »Ein wenig. Rappelt wollt’, dass ich mit den Gockeln noch einen trinken gehe.« Bei dem Wort »Rappelt« fing er an zu kichern und konnte sich nicht mehr beruhigen. Anna beobachtete ihn eine Weile, zog die Stirn in Falten. Sie stemmte ihre kleinen Fäuste in die Hüften. Erst als sie zischte: »Johann Sperling, es reicht!«, gewann er seine Fassung zurück.
»Wie geht es Rosalind?«
»Besser. Die Hitze ist fast weg. Nur der Husten plagt sie noch.«
»Weißt du, was der Meister gesagt hat? Er meinte, ich hätte dich nicht im Griff. Er denkt wohl, du würdest dich wegen Rosalind zu arg anstellen.«
»Der spinnt wohl!«
»Ich muss morgen Abend zu einem Essen in den ›leisen Schwan‹.«
Anna kniff die Augen zusammen, ihr Fuß schlug einen schnellen Takt auf den Boden.
»Jetzt schau nicht so garstig, es geht eben nicht anders. Soll ich den Meister allein den Bestien zum Fraß vorwerfen?«
»Recht geschehen tät’s ihm, deinem Meister. Langt doch, wenn einer sein Weib alleinlässt!«
»Du bist es doch, die mich ständig antreibt, endlich die Meisterprüfung abzulegen. Von nichts kommt nichts.«
»Du bist betrunken, Johann.«
»Stimmt«, sagte er und rülpste. »Sprechen wir morgen darüber. Nein, das geht ja nicht. Übermorgen.«
»Oder überhaupt nicht«, fauchte Anna und verließ die Küche.
*
Übel gelaunt erhob sich Johann früh von seinem verschwitzten Lager. Ständig hatten ihn Annas Schritte im Halbschlaf begleitet. Sein Knie war steif und er schaffte es kaum, die Stiege hinunter. Auf dem Küchentisch fand er eine Schale Brei. Kalt. Zorn wallte in ihm auf. Was bildete sich diese Person ein? Er allein trug die Verantwortung, die vier Mäuler zu stopfen, und zum Dank bekam er kalten und – dem Geruch nach zu urteilen – angebrannten Brei. Ohne Anna einen guten Morgen zu wünschen, verließ er das Haus. Hart zog er die Tür hinter sich ins Schloss. Das Wetter passte zu seiner Stimmung. Ein kalter Regenguss ging auf die Stadt nieder und die Menschen drängten sich in der Mitte der Metzgergasse, um nicht in die schäumenden Kotrinnen treten zu müssen. Triefend nass erreichte er die Werkstatt.
»Gut, dass du da bist. Es gibt viel zu tun. Wir werden alle Aufträge so schnell wie möglich abarbeiten, damit wir Raum für unsere neueste Bestellung haben, die uns lange Zeit beschäftigen wird«, begrüßte ihn Rappolt. Als Johann nichts erwiderte, hob der Meister den Blick, den er, wie so oft, auf seine Papiere gerichtet hielt. Eine tiefe Falte grub sich in die hohe Stirn und er machte eine ungeduldige Geste zur Werkbank. Johann legte seinen wollenen Mantel ab und hängte ihn vor den Ofen. Alsbald dampfte die Feuchtigkeit aus dem Stoff und verströmte den Geruch von Schaf.
»Meister?«, fragte Johann.
»Hm?«
»Mich treibt die Neugier um, was das für ein Auftrag ist, von dem Ihr sprecht. Und diese Leute gestern … Hanauer sind’s nicht.«
»Ich werde darüber nicht reden, weil ich den Herrschaften nicht vorgreifen will. Zumal sie mir selbst nur wenige Anhaltspunkte gegeben haben. Nur so viel: Wir werden mindestens ein Jahr mit der Fertigung des Werkstücks zu tun haben.«
»So lang?«
»Sorgst du dich um deine Prüfung? Wann wolltest du sie denn machen?«
»Mir fehlt nicht mehr viel Geld. Also bald.«
»Ob du die Meisterwürde verdienst, hat immer noch der Zunftmeister zu entscheiden und nicht nur die Anzahl der Gulden. Arbeitest du willig und bist so fleißig, wie dich mein Vorgänger beschrieben hat, sehe ich keinerlei Schwierigkeiten.«
›Das ist es ja gerade‹, dachte Johann. ›Er macht meine Prüfung davon abhängig, wie viele Bücklinge ich zu machen im Stande bin.‹
»Lass uns einen Handel schließen. Der Auftrag – so wir ihn denn bekommen – soll dein Meisterstück werden.«
Johann schnappte nach Luft.
Rappolt traute ihm mehr zu als er sich selbst. Oder gab es noch einen Grund, warum der Meister nicht selbst Hand anlegen wollte?
»Danke, Meister«, fügte er hinzu und rang sich ein Lächeln ab. Rappolt sah es nicht, sein Haupt war wieder gesenkt. Johann hatte noch nie zuvor einen so gerade gezogenen Scheitel erblickt, der das dunkle Haar des Meisters in der Mitte teilte.
»Hast du anständige Kleidung für heute Abend?«, fragte Rappolt.
»Ein Wams aus edlem Samt, das noch nicht einmal vier Jahre alt ist, und ein Hemd, das nur wenig geflickt ist. Mehr habe ich nicht anzubieten.«
»Es wird reichen, schätze ich. Wir treffen uns zur achten Stunde im ›Weißen Schwan‹.«
