Das Mieder der Frau Triebelhorn - Esther Oberle - E-Book

Das Mieder der Frau Triebelhorn E-Book

Esther Oberle

0,0

Beschreibung

"Ich brauche in meinem Leben nur Menschen, die mich in ihrem auch brauchen." Nach diesem Motto gestaltet Annabelle ihr Leben. Sie ist eine interessierte, moderne, selbstständige Frau und sie ist Single. Überzeugter Single. Durch einen Zufall lernt sie den erfolgreichen Geschäftsmann Marc kennen. Marc hat alles, was ein Mann sich wünschen kann. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb beginnt er mit Annabelle eine sinnliche, leidenschaftliche Affäre. Während sich Annabelle vor der Liebe fürchtet, lernt Marc schon bald die Fesseln der Sinneslust kennen – und die Reaktion seiner Ehefrau. Hätte er rückblickend anders gehandelt? Dieser packende Roman beschreibt das pralle Leben zweier Menschen, die sich wie Magnete anziehen und doch abstossen, die fasziniert sind vom Gegenüber und sich doch verachten. Eine Verbindung, die es eigentlich nicht geben darf. Und trotzdem gibt es sie. Wie geht ein Paar mit einem Seitensprung um? Kann es eine zweite Chance geben? Was macht Paare stark? Gibt es ein Geheimnis glücklicher Beziehungen?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 297

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Esther Oberle

Roman

DASMIEDER

der Frau Triebelhorn

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel

Lektorat: Beatrice Rubin

Cover: Fabienne Steiger

Layout: Franziska Scheibler

eISBN 978-3-7245-2377-2

ISBN der Printausgabe 978-3-7245-2323-9

Der Friedrich Reinhardt Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.

www.reinhardt.ch

Inhalt

Die Ankunft

Der Koffer

Charlotte

Tag 1

Das Styling

Die Begegnung

Tag 2

Der Abend

Die Nacht

Der Abschied

Alex

Die Show

Geri

Indien

Hyderabad

Backwater

Zu Hause

Conrad

Die Diskussion

Wie weiter?

Autorin

Die Ankunft

Der Rachen des Förderbandes gibt ihn endlich frei. Marc packt mit festem Griff den unscheinbaren dunkelblauen Koffer und mit elegantem Schwung platziert er ihn auf seinem Trolley. Er erscheint ihm schwer. Irgendwie schwerer als vor dem langen Flug von Frankfurt nach Miami.

Es war ein ruhiger Flug – Marc nutzte die Zeit und vertiefte sich in seine Dossiers. Ja, er ist überzeugt, dass es ein guter Deal ist, den er hier machen kann. Nur den Lokalpolitiker Van de Fries und den eifrigen Umweltaktivisten John Niemeier muss er noch auf seine Seite ziehen. Vor sechs Wochen hat er die beiden bereits getroffen – sie konnten sich jedoch nicht einigen. Dieses Mal muss Marc zwingend einen Schritt weiterkommen.

Es sind zwei ziemlich bissige Typen, die seiner Firma enorm schaden könnten. Deshalb kümmert er sich selbst um die Angelegenheit. Marc weiss, dass es den beiden gefällt, wenn der Chef persönlich vorbeikommt. Ein bisschen hofieren muss man ihnen. Doch Marc als erfahrener, hartgesottener Manager ist überzeugt, dass er die beiden überzeugen kann.

Gedankenverloren schiebt Marc den ungelenken Airport Metalltrolley durch die Zollkontrolle. Nein, er hat nichts zu verzollen – ein Businesstrip wie schon so viele.

«Wenn die Gespräche mit Van de Fries und Niemeier hier in Miami gut laufen, könnte ich mir vielleicht diesmal noch einen freien Tag unter der Sonne Floridas gönnen. Nach harten Verhandlungen mit den Widersachern den Sieg mit einem Gin Tonic am Hotelpool des Ritz Carlton feiern, einfach abhängen, die Sonne auf den muskulösen Körper scheinen lassen – ja genau! Das ist es!»

Eine fantastische Idee. Nur er allein. Keine Kunden, die sich beschweren, keine liebende und doch manchmal nervende Ehefrau, keine Kids, die ständig etwas vom Papa wollen. Einfach mal einen Tag Ruhe. Erholung. Entspannung pur. Sonne und Pool. Vielleicht eine wohltuende Massage? Nötig hätte er es. Ein traumhafter Gedanke: ein Time-out. Und das hier in Florida, in Miami.

Miami, diese kosmopolitische Stadt an der Südspitze Floridas. Der kubanische Einfluss spiegelt sich in vielen Cafés und Zigarrengeschäften entlang der Calle Ocho in Little Havanna wider. Miami Beach mit seinem türkisblauen Wasser und dem legendären Sandstrand. Dieser angesagte Ort ist für farbenfrohe Art-déco-Gebäude, Strandhotels und trendige Nachtclubs bekannt und es ist einer der Orte, in dem die Schiffe von Marcs Reederei anlegen. TCPC Transcaribbean Platinum Cruises – Marc führt das Unternehmen erfolgreich in dritter Generation.

Ein gelbes Taxi hält an. Mit elegantem Schwung hebt Marc seinen dunkelblauen Koffer ins Wageninnere. Nein, nicht in den Kofferraum. Lieber behält er ihn im Auge, neben sich, auf der langen Sitzbank.

«Zum Ritz Carlton, bitte», gibt Marc mit seiner tiefen, sonoren Stimme die Anweisung.

Der Driver nickt und beschleunigt seinen Chevrolet Impala. Nur wenig Verkehr gibt’s zu dieser späten Stunde.

Als er vorletzten Monat hier war, landete seine Maschine aus Genua in der gleissenden Mittagshitze dieser amerikanischen Metropole. In Genua musste er ein schwieriges Gespräch mit Andrea Giovanoli führen, dem Verantwortlichen seines Luxusschiffes «Royal Diamond». Der Italiener hatte Geld unterschlagen und Marc war ihm auf die Schliche gekommen. Die Konsequenz war knallhart: Marc hat Giovanoli fristlos entlassen. Die leisen Zweifel, weil Giovanoli Familienvater ist und es bestimmt nicht leicht für ihn werden wird, einen neuen Job zu finden, hatte Marc schnell verdrängt nach seiner Devise: «Mach die Probleme anderer nicht zu deinen eigenen.»

Dank seines grossen Netzwerks war es für Marc einfach, einen neuen Kapitän für seine «Royal Diamond» zu finden.

Er selbst ist viel in der Welt herumgereist: Gibt es eigentlich noch eine Ecke dieser Welt, die er nicht schon gesehen hat? Ahuahu hat er besucht, auf Amerikiwhati Island und auf Aiguilles Island war er bereits. Bare und White Island waren wohl die exotischsten Destinationen, die er besucht hat – an Bord seiner «Royal Pearl».

Ja, Marc hats geschafft. So jedenfalls wird er von seinen Mitmenschen wahrgenommen: Der Mann, dem alles gelingt. Marc, der Erfolgreiche. Er reist rund um den Globus, entwirft Schiffe und lässt sie konstruieren, verhandelt, kauft, weiht ein und prostet auserwählten Gästen mit Champagner zu. Häppchen hier, Lachsbrötchen da, Politikern aus dem In- und Ausland hofieren – man weiss ja nie, ob einen vielleicht einmal solche Verantwortungsträger nützlich sein könnten. Marc der Weltenbürger.

Doch wo bleibt sein Liebes- und Familienleben? Ist er sich in all den äusserst erfolgreichen Businessjahren fremd geworden? Macht ihn der Erfolg einsam? Welches Ziel hat er eigentlich? Ist es Geld? Macht? Verantwortung? Status? Gibt es nicht immer noch reichere, noch mächtigere Menschen? Ist ein solches Ziel überhaupt erstrebenswert? Wo ist seine Heimat? Was ist der Sinn seines Lebens? Welche Befriedigung hat er, wenn er von anderen hofiert und bewundert wird? Wer oder was wäre er ohne seinen Job?

«Sir, wir sind hier, im Ritz Carlton.»

Marc schreckt von seinen Gedanken auf.

«Oh, thanks. Great.» Er drückt dem Taxifahrer ein paar Dollarscheine in die Hand. «Sir, der Rest ist für sie.»

Marc ist müde, doch der Rezeptionist hat Verständnis. Schliesslich ist Mitternacht gerade vorbei. Es gibt kein langes Eincheckprozedere – Marc kennt man im Ritz Carlton.

«Dieselbe Suite wie letztes Mal – Sie waren doch zufrieden mit der Location, mit der Aussicht und dem Balkon?», fragt der Angestellte.

«Ja, das war wunderbar! Hier ist mein Smartphone.» Er streckt ihm sein Telefon hin und der Rezeptionist speist die Ritz-Carlton-App mit der passenden Technik. Digitalisierung pur.

«Phänomenal», meint Marc.

«Ja, Sir, Sie können damit nicht nur ihre Zimmertüre öffnen, sondern im ganzen Hotel inklusive den Bars und Shops ganz einfach mit ihrem Smartphone bezahlen, Zeitungen und Zeitschriften kostenfrei herunterladen, Ihren Roomservice bestellen, Flugpläne checken und vieles mehr.»

«Ja, wunderbar. Danke. Ich kenne den Weg. Gute Nacht.» Marc nimmt sein Mobilephone und fährt hinauf zum 44. Stock. Sein dunkelblauer Koffer stellt er vor der Suite 4428 ab und hält sein kleines schickes Telefon an den Sensor. Die Tür öffnet sich. Die Technik funktioniert. Endlich da!

Der Koffer

Wunderschön hergerichtet ist seine Suite. Eine gefüllte Pralinenschachtel steht auf dem runden Glastisch. Ein hübsches Kärtchen steht daneben: «Welcome home, Mister Redford.» Marc nimmt seinen Koffer, hebt ihn auf den Metallständer im begehbaren Schrank und dreht am Zahlenschloss: 1507. Nichts passiert. Was ist denn los? 1507 lautet der Code seines Zahlenschlosses. Definitiv. Er dreht nochmals am Zahlenschloss. Und nochmals. 1507. 1507. Kein «klick». Nichts. Tot.

Marc ist müde, entnervt. Er will nur noch unter die warme Dusche. Morgen ist das wichtige Meeting mit Van de Fries und Niemeier. 1507. Komm schon! 1507!

Er ruft den Concierge mit seinem Telefon an – die App funktioniert in der Tat einwandfrei.

«Bitte kommen Sie hoch und öffnen Sie meinen Koffer. Das blöde Schloss klemmt.»

«Yes Sir», ertönt die nette Stimme von José, dem liebenswürdigen Concierge. Er ist gebürtiger Portugiese und seit Ewigkeiten im Ritz Carlton. José kennt alle Gäste und deren Macken. «Ich komme sofort mit dem Schlüssel zu Ihnen hoch, Mister Redford.»

Marc schaut seinen dunkelblauen Koffer genau an und plötzlich überkommt ihn ein kalter Schauer. Da am kleinen Seitengriff prangt ein feines rosa Satinband. Wie kommt das kleine Ding dort hin? Wozu soll das gut sein? Und seine drei Initialen am Koffer – die hat jemand abgekratzt. So fies! Wie unvorsichtig die Gepäcktransporteure doch mit fremden Stücken umgehen! Die goldfarbenen Initialen M.R.R. Marc Richard Redford sind weg. Ja, er heisst Redford, und nein, er ist nicht verwandt mit Robert Redford, dem Schauspieler. Und nein, er kennt ihn nicht. Und mit der Schuhmanufaktur Redford hat er auch nichts zu tun. Obwohl er zugegebenermassen sehr gerne exklusives Schuhwerk trägt, am liebsten italienische Modelle.

Marcs Vorfahren kommen jedoch nicht aus Italien, sondern aus Hamburg. Seine Eltern waren vermögend. Die Reederei warf schon damals ordentlich Geld ab. Doch auf eine Eliteuniversität schickten sie ihn nicht. Er sollte sich selbst entwickeln und entfalten können. Früher war Marc ein Minimalist, ein bequemer und eher fauler Student. Seine Interessen galten eher den Partys, Frauen und Rockkonzerten. Liebend gern hörte er Santana. Diese Musik verschmolz nordamerikanischen Rock und lateinamerikanische Rhythmen zu einer neuen Stilform, dem Latin Rock. Dieser Stil löste schon damals die Sehnsucht bei ihm aus, die grosse weite Welt zu entdecken – ohne seine Eltern. Und klar, Led Zeppelin und Deep Purple, Status Quo und die Rolling Stones – sie alle gehörten zu seinem Repertoire.

Doch dann mit fünfundzwanzig begriff er endlich, dass er nicht für seine Eltern lernte, sondern für sich, legte sich mächtig ins Zeug und machte einen brillanten Hochschulabschluss. Während der Semesterferien verdiente er sich mit Touristenführungen durch seine Heimatstadt Hamburg ein paar Euro hinzu. Er hasste es, von seinen Eltern abhängig zu sein und wollte es aus eigener Kraft schaffen.

Er wuchs in der Nähe der Bernadottestrasse auf. Vielleicht sieht er deshalb fast ein bisschen adlig aus? Seine dunkelblonden, etwas längeren, dichten Haare wirken elegant und schick. Er ist gross, muskulös und durchtrainiert. Halt doch ein bisschen wie Robert Redford in jungen Jahren – das jedenfalls bekommt er jeweils von den Damen zu hören. Robert Redford – 1507 – rosa Satinband: Herrschaft – das ist nicht sein Koffer!

José klingelt und Marc öffnet die breite Türe des Appartements.

«Bitte kommen Sie herein, José.»

«Gern. Wo ist Ihr Koffer, Mister Redford?»

«Bitte, dort im Schrankzimmer. José, es ist sehr nett, dass Sie mir helfen. Das Zahlenschloss verhakte sich offenbar in der Kälte des Frachtraumes oder beim Transport und jetzt klemmt es.»

«Kein Problem, Mister Redford.» José zückt einen professionellen Kofferschlüssel. Genau so einen benutzen auch die Zollbeamten: Damit kann man alle modernen Kofferschlösser im Handumdrehen knacken. Damit werden am Airport auch Stichproben durchgeführt. Wurde sein Koffer etwa auch auf diese Weise gescreent? Deshalb die abgekratzten Lettern M. R. R.?

Klick-klack. Das Schloss ist entriegelt. Nervös und mit leicht zittrigen Händen drückt Marc die beiden Metallschlösser gegen rechts und öffnet den dunkelblauen Kofferdeckel.

Ein Seidenfoulard verdeckt den Kofferinhalt.

«Danke, José. Sie haben mir sehr geholfen.»

«Keine Ursache, Sir. Gute Nacht.»

Marc starrt in den Koffer. Das ist definitiv nicht sein Seidenfoulard. Es ist auch nicht das Hermès-Carée seiner Ehefrau Charlotte. Er zupft am Seidentuch und lässt es auf den weissen Hochfloor-Teppich fallen. Da: ein Kulturbeutel in elegantem dunkelrotem Lackleder. Zaghaft – fast ein bisschen verschämt – öffnet Marc den Reissverschluss. Lippenstifte in unterschiedlichen Rottönen offenbaren sich, Nagellack in knallrot und ein Minilack «Velvet 396», Puder und Pasten, Döschen und Fläschchen und ein Chanel Noir. Marc öffnet den edlen schwarzen Flakon und schnuppert am schweren Amberduft. Dieser orientalische Duft entführt seine Gedanken in 1001 Nacht … Bauchtänzerin mit pechschwarzem Haar, üppiger Oberweite und kreisenden Hüften. In seinen Ohren meint er die klimpernden goldfarbenen Münzen am Röckchen zu hören. Orientalische Rhythmen, Trommel, Zither, Flöte …

Lautes Lachen und schrilles Kreischen holen Marc in die Gegenwart zurück. Spät heimkehrende Partygänger scheinen angetrunken durch den Hotelkorridor zu schwanken. Sie gröhlen. Die suchen bestimmt ihr Zimmer. Hoffentlich hat der Alkohol den Orientierungssinn der Partygänger nicht zu sehr eingenebelt.

Marc legt den dunkelroten Kulturbeutel beiseite. Eine Weile hält er inne. Was soll er tun? Das ist ein fremder Koffer. Aber identisch mit dem seinen. Wo aber ist sein Gepäck? Er braucht dringend die ergänzenden Unterlagen für sein Meeting mit Van de Fries und Niemeier. Gerhard Schmid, sein Finanzchef, hat ihm alle zusätzlich notwendigen Papiere mitgegeben und die hat er dummerweise in seinem Koffer deponiert. Es sind wichtige Papiere. Muss er Geri bitten, ihm die Papiere per Mail nochmal zuzustellen? Hat er überhaupt Kopien angelegt? Ja, wahrscheinlich schon. Geri ist ein alter Hase und mit allen Wassern gewaschen. Er war schon in der Firma tätig, als Marcs Vater noch am Ruder war. Als Buchhalter hat er in der Reederei angefangen. Zwischenzeitlich ist die Firma gross geworden. Und erfolgreich. Marc hat das Unternehmen vorwärts gebracht. Geri, wie er von allen liebevoll genannt wird, ist ein wirklich netter, äusserst korrekter älterer Mann. «Gut, eine solche Vertrauensperson in seiner Firma zu haben», denkt Marc.

Er braucht jedoch nicht nur Geris Unterlagen für das Meeting, er braucht auch seinen anthrazitfarbenen Massanzug mit dem frisch gebügelten Hemd. Charlotte faltete es liebevoll zusammen, und sie pflegt immer ein kleines Zettelchen zwischen den Hemden zu verstecken. Charlotte, du Liebe!

Doch wem zum Kuckuck gehört dieses Gepäck? Offenbar einer Lady, ja. Aber wie findet Marc diese Person? Deponierte die Unbekannte ihre Adresse oder Telefonnummer irgendwo im Koffer? Vielleicht ist sie eine Geschäftsfrau, die ihre Unterlagen, Hotelreservationen und Rückflugtickets im Koffer transportiert? Leichtsinnig wäre das. Solche Unterlagen gehören ins Handgepäck, klar doch. Das kann sich Marc auch hinter die Ohren schreiben. Oder vielleicht ist sie Teilnehmerin einer Reisegruppe und er findet das Programm ihrer Rundreise? Vielleicht ist die Lady auch nur auf Kurzvisite in Miami und reist dann weiter auf die Karibikinsel St. Martin? Wie kommt er jetzt auf St. Martin? Ach ja, das ist einer der wohl verrücktesten Airports – und ja, eines seiner Schiffe cruist momentan in der Karibik und legt auf St. Martin, Antigua, St. Vincent, Barbados, Tobago und Cozumel an. Eine fantastische Kreuzfahrt – Marc hat damals seine Frau Charlotte auf die Jungfernfahrt dieses fantastischen Luxusschiffes mitgenommen. Schön hatten sie es in ihrer modernen Suite mit Balkon – ach, war das herrlich, abzuhängen, zu entspannen, sich mit Charlotte verwöhnen zu lassen. Sie genossen es so sehr.

Und nun steht Marc vor diesem fremden Koffer. Hätte er ihn nicht öffnen dürfen? Würde er als Dieb oder gar als Lustmolch eingestuft? Nein! Er will doch nur den Namen dieser fremden Frau herausfinden. Er will ihr den Koffer zurückgeben, und wer weiss: Vielleicht hat sie aus Versehen seinen mitgenommen? Marc sucht weiter. Er durchwühlt den Kofferinhalt. Da: ein schickes hellbeiges Minikleid von Courrèges, liebevoll gefaltet – trägt nicht die Première Dame von Frankreich solche kurzen Kleidchen? Wie heisst sie schon wieder? Brigitte? Das wäre ja der Hammer, hätte Marc den Koffer der First Lady aus Versehen mitgenommen. Doch nein, die Première Dame fliegt logischerweise im Präsidentenjet. Wem zum Teufel gehört denn dieses Zeug? Und hier, ein pechschwarzes Spitzenkleid von Dolce & Gabbana – klar doch, das «kleine Schwarze» gehört in jeden Koffer einer Dame von Welt. Und da – ein knallrotes Kostüm – sehr eng geschnittene, scharfe Linienführung: Sie muss schlank sein. Ein fuchsiafarbener Hosenanzug – ein Zweireiher – scheint ein lässig weites Modell zu sein, und da, ein schwarzer Damensmoking. Das satinglänzende Revers fällt auf. Tief ausgeschnitten. Auf einen Knopf zu schliessen – ob die Dame darunter nur ihren Büstenhalter trägt? Die vier weissen Businessblusen sind makellos, gebügelt und gefaltet in speziellen Wäschebeuteln versorgt. Ein grauer Anzug von Hugo Boss komplettiert ihre Garderobe. Und da sind ziemlich elegante dunkelblaue Jeans – und hier, eine total abgefuckte, zerrissene und mit roten und weissen Farbspritzern dekorierte Destroyed Jeans Grösse 26. Oh, die Dame scheint modisch orientiert und eher jugendlich zu sein.

Die Kleidergrösse erinnern ihn an Charlotte. Seine Charlotte, die jetzt über siebentausend Kilometer weit entfernt ist. Charlotte – das wäre deine Konfektionsgrösse. Oder legte sie nach der Geburt von Jonas und Christian an Gewicht zu? Ja, ihre Hüften wurden in den sieben Ehejahren doch etwas fülliger, und ja, ihr Bauch ist nicht mehr ganz so flach wie damals. Vielleicht ein paar Dellen und Schwangerschaftsstreifen. Doch sie gibt sich Mühe, ihre Figur zu halten. Mässig treibt sie Sport, geht ins Gym, macht Yoga und Pilates.

Marc zupft am weissen T-Shirt, welches unter der kaputten Jeans hervorblitzt. In grossen schwarzen Lettern steht «Karl» auf der Vorderseite dieses Basics. Karl – das ist wohl nicht der Name des Ehemannes dieser fremden Frau, sondern der Herr Lagerfeld ist damit gemeint. Marc legt das Shirt beiseite und starrt auf die darunterliegenden Dessous. Donnerwetter: heisse Strings, ein Hauch von Nichts! Wer zum Kuckuck zieht sich so was an? Ein Lächeln huscht über das unrasierte Gesicht von Marc. Pflegte Charlotte nicht jeweils zu sagen: diese Strings seien «Arsch-frisst-Hose»-Modelle? Ein hautfarbener Büstenhalter – oh wie schrecklich – ein diskretes Modell mit vorgeformten Cups – welche Grösse?

75 D. Oh, die Lady hat aber eine üppige Oberweite! Marc möchte wieder in seine Fantasie abtauchen, doch dieses hautfarbene unschöne Ding holt ihn auf den Boden der Realität zurück. Als «Abtörner-Modell» tituliert Charlotte diese Dinger, doch trägt auch sie genau solche Modelle – jedoch nur unter den weissen Blusen und T-Shirts. Charlotte meinte, dass Frau anstelle dieser nudefarbenen sogar rote Büstenhalter unter weissen T-Shirts tragen kann, ohne dass diese stützenden Hilfsmittel durch den feinen Stoff schimmern. Ob das wohl stimmt? Rote Modelle scheint die Unbekannte jedoch nicht zu tragen – aber da – was ist denn das? Ein in Seidenpapier eingewickeltes, schweres Teil. Marc packt es aus: ein pechschwarzes Ledermieder! Oh mein Gott! Die rote Schnürung am Rücken, die blitzenden Ösen! Keine Cups, nur ein Mieder. Ein heisses Ledermieder. Wahnsinn! Rockig. Verrucht. Sexy. Erotisch. Hammermässig. Sadomaso?

Charlotte trägt jeweils eines unter ihrem Dirndl. Ein harmloses weisses Baumwollmieder, um den Busen etwas besser zur Geltung zu bringen. Ja, als Marc und sie vor wenigen Monaten auf dem Oktoberfest beim Käfer in München waren, trug Charlotte ihr nettes Mieder. Sie behauptete, das sei ein richtiges Mieder. Doch wenn Marc sich nun dieses Teil genauer anschaut – DAS hier ist ein richtiges Mieder! Die rote Rückenschnürung betont die Sexyness des Modells und die Metallstäbchen modellieren bestimmt eine extreme Wespentaille. Marc stellt sich vor, wie die Brüste der Unbekannten in diesem Ledermieder zur Geltung kommen. Es sind straffe Brüste. Die gepflegten Hände von Marc streichen über das Teil. Charlotte würde niemals ein so verruchtes Mieder tragen. Wieso eigentlich nicht? Es würde ihm gefallen, sie würde ihn heiss machen, verführen. Der Puls von Marc erhöht sich und eine leichte Röte huscht über seine Wangen. Marc ist erregt.

Charlotte

Seine grosse Liebe, die Mutter seiner beiden Söhne. Charlotte mit ihrer herrlich erfrischenden natürlichen Art. Früher trug sie Make-up, betonte ihre hohen Wangenknochen mit einem Hauch Rouge, schminkte ihre schön geformten Lippen meist mit einem auberginefarbenen Lippenstift – passend zu ihrem rotstichigen langen Haar. Charlotte sah zauberhaft, ja elfenhaft aus. Damals, vor acht Jahren, als die beiden sich begegneten. Es war «Liebe auf den ersten Blick». Jedenfalls für Marc. Er war sich sofort sicher: diese oder keine. Es folgte das traditionelle Drehbuch: Schon nach drei Monaten zogen sie zusammen, Charlotte wurde schwanger, eine romantische Hochzeit ganz in Weiss – das Schloss Wulkow wurde prächtig geschmückt, die hochelegante Robe mit dem langen Schleier und das kleine Brautbouquet aus Maiglöckchen, das rauschende Fest, die lieben Freunde, die Musik – sie tanzten bis in die frühen Morgenstunden zu Carlos Santanas psychedelischen Gitarrenklängen, die beiden Familien – ja damals – damals verstanden sie sich noch, die Familien. Und heute? Was ist von diesem Zauber geblieben? Wie schwierig sind doch Familienkonstellationen. Immer wieder gibt es kleinere und grössere Störungen, Meinungsverschiedenheiten, Verletzungen und Vergleiche. Immer wieder heisst es «meine Familie» oder «deine Familie», «meine Mutter» oder «deine Mutter». Es ist gar nicht so leicht, eine zufriedene Verwandtschaft zu haben und eine gute Ehe zu führen.

Conrad Hoffmann, Marcs bester Freund seit der Abiturzeit, war sein Trauzeuge und kennt sowohl Marc als auch Charlotte sehr gut, obwohl sie sich nicht so oft treffen können, seit er nach Wien gezogen ist. Conrad ist ein Denker, ein scharfer Analytiker, ein Universitätsprofessor, der vorrangig das akademische Umfeld mit logotherapeutischem Gedankengut bedient. Conrad ist einer der produktivsten und auch publikumswirksamsten Intellektuellen, ist auf vielen Bühnen zu Hause, und als Freund coacht er Marc immer mal wieder, debattiert mit ihm wichtige Themen wie Ethik, Glück, Leistung und Werte, und gemeinsam reden sie auch immer mal wieder über Partnerschaftsgestaltung. Vor der Hochzeit hatte Conrad ihnen acht Punkte genannt, die jeder vor der Eheschliessung für sich beantworten sollte:

Erstens: Sind deinem Partner andere Menschen und Pläne wichtiger als du?

Zweitens: Kommuniziert dein Partner gut mit dir?

Drittens: Hat dein Partner dich schon vor der Ehe betrogen?

Viertens: Leidet dein Partner an einer Suchterkrankung?

Fünftens: Hat dein Partner vor Kurzem ein einschneidendes Lebensereignis durchgemacht?

Sechstens: Ist dein Partner kontrollsüchtig oder emotional instabil?

Siebtens: Leidet dein Partner an psychischen Problemen?

Achtens: Hat dein Partner Geheimnisse vor dir?

«Meine liebe Charlotte, mein lieber Freund Marc! Denkt darüber nach», hatte damals Conrad gesagt.

Und ja, die beiden haben darüber nachgedacht.

Marc musste bei sich bloss den ersten Punkt überdenken und korrigieren. Ja, Charlotte kritisierte schon vor der Ehe manchmal, dass er sich mehr mit dem Beruf als mit ihr beschäftigen würde. Er versuchte dann, etwas Gegensteuer zu geben. Charlotte musste sich vielleicht Punkt sechs etwas zu Herzen nehmen – aber eigentlich waren sie einfach nur total verliebt, und wieso sollten die beiden sich schon vor der Ehe Sorgen machen? – die kommen dann noch früh genug.

Sie heirateten, und mit der Familiengründung waren Punkt eins und Punkt sechs plötzlich kein Thema mehr. Es lief wie geschmiert. Die Rollenverteilung war klar: Charlotte ist zu Hause, kümmert sich um die Kinder, und Marc macht Karriere und engagiert sich im Business.

Doch immer öfter war Charlottes Mutter in seinem Haus und das nervte Marc gründlich. Er hatte das Gefühl, seine Schwiegermutter würde sich in Interna einmischen und Charlotte mit Ratschlägen eindecken, die unnötig, ja sogar kontraproduktiv waren. So kamen Spannungen in seiner Ehe auf. Marc hatte jedoch weder Lust noch Energie, Dinge anzusprechen und zu klären – lieber wollte er die unliebsamen Themen schweigend aussitzen.

Vielleicht müsste er wieder einmal über Punkt zwei nachdenken?

Im Job hat er keine Mühe, schwierige Themen anzusprechen, doch privat möchte er einfach seine Ruhe haben, sich mit den Söhnen beschäftigen und eine friedliche, liebende und problemlose Ehefrau haben. Irgendwie aber haben sich da langsam kleine unglückselige Verhaltensmuster in seine Ehe eingeschlichen.

Charlotte ist immer noch eine attraktive 36-jährige Frau. Sie wurde in den sieben Jahren ihrer Ehe nur wenig rundlicher, doch ihr Modestil veränderte sich. Damals trug sie Highheels, heute bevorzugt sie praktische Sneakers und Ballerinas. Meist sieht Marc seine Frau in Jeans und T-Shirt. Klar doch, mit den beiden Buben und dem Bewältigen des Alltags – da muss es halt praktisch sein, das Outfit. Doch insgeheim wünscht sich Marc, dass seine Charlotte ihn in diesem schwarzen Ledermieder verführen würde …

«Charlotte … dieses Mieder hat es in sich. Du würdest mich um den Verstand bringen. Deine schöne Figur käme noch besser zur Geltung, deine Brüste würden herausragen, ich könnte mit ihnen spielen, sie kneten und küssen, dich packen und …» Marc schreckt aus seinen Fantasien auf. Der fremde Koffer – was sucht er eigentlich darin? Ja klar, nach einer Adresse, einem Namen, einer Telefonnummer – wem gehört dieser Koffer?

Marc steckt seine feingliedrige Rechte in das kleine Fach an der Stirnseite des Koffers. Das Fach ist mit einem unschönen Elastik fixiert. Der graue Stoff des Futters liegt in Falten. Seine Finger gleiten von links nach rechts. Marc spürt eine kalte runde Metallplatte. Er zieht das Teil aus dem Stofffach und erkennt einen eingravierten Löwenkopf auf einer Gürtelschnalle. Ein ausgefallenes Teil, passend zu den löchrigen Jeans. Ein spezielles Stück im Cowboy-Stil. Irgendwie edel.

Erneut greift er ins Fach. Er spürt Papier. Ein Kärtchen. Oder sind es mehrere? Ein Gummiband hält das kleine Papierbündel zusammen. Er zieht das Päckchen heraus. Auf den edlen vanillefarbenen Visitenkarten liest er in verschnörkelter Schrift – ist es die «Bradley Hand» oder eher die «French Script»? – ihren Namen: Annabelle Triebelhorn.

Marc liest den Namen immer wieder. Triebelhorn. Was für ein seltsamer Name. Hat der was mit «Trieben» zu tun? Welche Triebe wohl? Annabelle – ob sie wohl so «belle», so schön ist?

Hör auf Marc! Erledige die Angelegenheit. Je schneller, desto besser. Es ist weit nach Mitternacht und schon in wenigen Stunden sitzt er den Herren Van de Fries und Niemeier gegenüber. Er zückt sein Smartphone und wählt die Telefonnummer auf der vanillefarbenen Visitenkarte. Stopp. Hastig legt er auf. Ist er sicher, dass diese Telefonnummer zur Kofferbesitzerin gehört? Wie soll er erklären, dass er den Koffer hat öffnen lassen? Weshalb hat er das überhaupt getan? Was soll er antworten, wenn sie ihn fragt, weshalb er in ihren Sachen herumgewühlt hat? Wer ist diese Unbekannte? Und was macht sie mit Marc?

Ein Frösteln huscht über seinen Rücken. Ihm ist kalt. Marc geht zum schlichten Bauhaus-Sideboard, schiebt das filigrane weisse Türchen beiseite und nimmt sich ein Whiskyglas heraus. Er schenkt sich einen 25-jährigen edlen schottischen Single Malt ein. Heute ohne Eis.

Laut sagt er ihren Namen: «Annabelle.»

Marc entschliesst sich angesichts dieser späten Stunde, keinen Anruf an Annabelle Triebelhorn zu starten. Er schreibt ihr eine Textnachricht.

«Werte Frau Triebelhorn. Aus Versehen nahm ich heute Nacht den falschen Koffer vom Band – ankommend mit dem Flug LH 462 FRA-MIA. Ein dunkelblauer Koffer mit kleinem rosa Satinband am Seitengriff. Ist das Ihr Koffer? Wenn ja, bitte melden Sie sich bei mir. Meine Telefonnummer sehen Sie auf Ihrem Display. Beste Grüsse, Marc Redford

PS: könnte es sein, dass Sie zufälligerweise im Besitz meines Koffers – ein identisches Modell ohne Satinband – sind? Mit den Initialen MRR auf der Seite.»

Marc stopft sein vom langen Flug zerknittertes Hemd, seine Socken und Unterwäsche in den Wäschesack und stellt den Laundry-Beutel vor seine Zimmertüre.

Er wählt kurz die Nummer von José: «Ich habe eine Express-Wäsche. Bitte bringen sie das bis morgen früh in Ordnung.»

«Yes Sir, of course Mister Marc, good night.» José wird’s richten.

Marc gönnt sich eine warme Dusche und legt sich ins herrlich frisch duftende weiche Heavenly Bed.

Eine schnelle Kurznachricht an Charlotte muss noch sein:

«Liebe Charlotte. Alles gut hier. Leider aber verwechselte ich meinen Koffer und nahm einen fremden mit. So blöd. Muss morgen das Problem lösen. Ich liebe dich.»

Marc schläft ein. Heavenly – himmlisch. Das sind doch einfach die besten Betten. Schade, hat er zu Hause keinen solchen Himmel auf Erden.

Annabelle Triebelhorn. Das Mieder. Wahnsinn.

Tag 1

Noch vor dem Wake-up-call erwacht Marc. Einen Augenblick ist er verwirrt, bis er realisiert, dass er nicht neben seiner Charlotte in einem Heavenly-Bett erwacht ist, sondern im Ritz Carlton in Miami – allein.

Annabelle Triebelhorn. Das heisse schwarze Mieder. Hastig greift seine Linke zum Tischchen neben seinem Bett – sein Smartphone liegt da. Gespannt schaut er auf das Display:

Neue Nachricht 1 «Mein geliebter Mann. Bin froh, dass die Reise gut ging. Das mit dem Koffer ist ärgerlich, doch du wirst das Problem lösen. Ich wünsche dir viel Erfolg mit Van de Fries und Niemeier. Hoffentlich bejahen sie deinen Vorschlag. Doch du wirst sie weichklopfen. Jonas und Christian haben heute Programm. Der Kleine hat seinen Kindergarten-Ausflug und der Grosse eine Mathe-Klausur. Das Wetter hier in Frankfurt ist gut – einfach etwas kühl für diese Jahreszeit. Ich bräuchte mal wieder ein paar Tage Sonne, Meer und dich. Sonst geht’s mir gut. Du fehlst mir und ich freue mich, wenn du wieder bei uns bist. Ich liebe dich. Deine Charlotte»

Pieps. Neue Nachricht 2: «Hallo Marc. Wir haben ein kleines Lieferproblem in Bezug auf die Innenausstattung der neuen Sea Pearl IV. Ruf mich bitte kurz an. Danke. Paul»

Pieps. Neue Nachricht 3: «Persönliche Einladung. Werter Herr Redford. Es freut uns ausserordentlich, Sie und Ihre Begleitung zu unserem diesjährigen Firmenjubiläum in Mumbai herzlich einzuladen. Eine Besichtigung unseres neu eröffneten Call- und Logistic-Centers in Hyderabad und ein kurzer Abstecher in den Süden – nach Cochin und Backwater – inklusive. Details und Anmeldung entnehmen Sie bitte dem Programm im Anhang. Wir würden uns sehr über Ihre Teilnahme freuen.»

Pieps. Neue Nachricht 4: «Lieber Marc. Ich schicke dir hier nochmals die Dokumente – als Sicherheit. Lieber doppelt gemoppelt. Man weiss ja nie. Viel Erfolg. Herzliche Grüsse, Geri.» Mein Gott, ist er ein flotter Mann! Er denkt einfach an alles. Das Problem mit den Dokumenten im Koffer ist somit erst mal gelöst. Geri, du bist der beste!

Pieps. Neue Nachricht 5: «Félicitations Marc. La ‹fleur de mer› vient d’être réservée pour la nouvelle série télévisée. Salutation de Le Havre. Marie.»

Pieps. Neue Nachricht 6. Sechs. Sex. «Hallo Herr Redford. Danke für Ihre Information. Da bin ich aber überglücklich, dass Sie mein Gepäckstück gefunden haben. Mit meinen Mehrfachanfragen habe ich die Airline fast verrückt gemacht. Ich wohne im The Setay Miami Beach. Wo und wann können wir uns für die Gepäckübergabe treffen? Beste Grüsse, Annabelle Triebelhorn.»

Pieps. Neue Nachricht 7: nochmals vom CFO Geri. Marc liest sie nicht. Auch nicht die Nachrichten Nummer 8 und 9. Seine Gedanken sind bei 6 hängen geblieben. Annabelle, das eng geschnürte Mieder, ihre hervorquellenden Brüste, Triebelhorn. Trieb. Nachricht Nummer Sex.

Marc wirft seine weisse Bettdecke zurück, holt sich einen starken Espresso aus der Kaffeemaschine im Salon und schaut auf seine Hublot: «Mein Gott, ich muss mich beeilen! Van de Fries und Niemeier! Wo sind meine gewaschenen Klamotten?»

Vor der Türe seiner Suite steht die dunkelbraune Wäschebox. José hat sein Versprechen gehalten: Alle seine Kleider sind frisch gewaschen und gebügelt. Perfekter Service. Guter Mann, der werte José! Marc duscht sich, zieht sich das frische Hemd über den wohldefinierten Körper, schliesst seine Montblanc-Manschettenknöpfe – es war ein Geschenk seiner Frau Charlotte zum 45. Geburtstag – bindet sich die fein gemusterte orange-blaue Hermès-Krawatte um, zieht den braunen Hermès-Gürtel mit der berühmten «H»-Schnalle durch die Schlaufen seines dunkelblauen Businessanzuges und schlüpft in seine braunen italienischen Santoni-Schuhe. Richtig gut sieht er aus. Obwohl er immer behauptet, «Äusserlichkeiten» seien ihm nicht wichtig. Doch was sieht man zuallererst vom Gegenüber? Das Äussere. Also ist es doch nicht zu vernachlässigen.

Charlotte findet es immer schrecklich, wenn Menschen sich nicht zurecht machen, statt einer schicken Handtasche oder einer schönen Ledermappe einen Rucksack tragen – als würden diese Leute sich auf einer Bergwanderung befinden! Praktisches Utensil hin oder her – es passt nicht in den Businessalltag. Und hinzu kommt: Sie wird immer mal wieder von den Rucksäcken solcher Stadt-Bergler beinahe erschlagen – Charlotte ist eine zierliche Frau und ihr Gesicht ist meist auf Höhe der Rucksäcke. Die Leute sind sowas von unsensibel, dass sie sich rücksichtslos drehen und zack – hat Charlotte wieder einen stinkenden, fleckigen Rucksack im Gesicht. Der Super-GAU des Hässlichen sind dann die zum Rucksack passenden Sandalen mit Klettverschluss. Sie geben den Blick frei auf verpilzte Zehen oder ungepflegte Nägel. Oder aber der Träger zieht sich Socken über – was auch äusserst unschön ausschaut. Charlotte hat Stil und Geschmack. Und auch Marc weiss: Kleider machen Leute. Auch aus Respekt vor den Mitmenschen: nur gepflegt aus dem Haus. Lieber auffallen statt abfallen.

Er packt seine braune Ledermappe, überprüft kurz die vorhandenen Unterlagen für Van de Fries und Niemeier, streicht sich mit seinen Fingern durch die dunkelblonde Haarpracht und verlässt die 4428. Sein Chauffeur wartet bereits in einem schwarzen Mercedes auf ihn.

«Welcome Mister Redford, please.» Galant öffnet er die Türe der Limousine und Marc setzt sich auf den Rücksitz.

Seine braune Mappe liegt neben ihm. Kurz will er die vorhandenen Unterlagen durchsehen, in seinen Gedanken das Gespräch nochmals durchspielen – und da liegt es: sein Smartphone. Nachricht Nummer 6. Marc tippt eine Antwort an Annabelle:

«Guten Tag Frau Triebelhorn. Danke für Ihre Nachricht. Ich bin besetzt bis 14.30 Uhr und werde Ihnen danach umgehend Bescheid geben, wo und wann wir die Kofferübergabe machen können. Ich selbst wohne ihm Ritz Carlton. Vielleicht treffen wir uns da auf einen Drink? Beste Grüsse. Marc Redford» Senden.

Seine Hände zittern leicht.

Galant wird Marc von der freundlichen und schicken Assistentin ins Sitzungszimmer gebeten – Van de Fries und Niemeier erwarten ihn bereits.

Van de Fries kommt direkt auf den Punkt:

«Mister Redford. Es sind nun sechs Wochen vergangen seit unserem letzten Meeting. Nichts ist passiert. Sie haben uns bloss vertröstet. Punkt 1: Ihre Ozeanriesen produzieren immer noch viel zu viel CO2. Punkt 2: Noch immer haben Sie das Problem mit den Filtern nicht im Griff. Punkt 3: Ihr Abgleich mit anderen Reedereien ist noch immer ungenügend. Noch immer legen mehrere Schiffe zum selben Zeitpunkt in unserem Hafen an und die einheimische Bevölkerung wird von Ihren Passagieren wie Heuschreckenschwärme überrollt. Das geht einfach nicht. Mister Redford, ich will keine Erklärungen mehr hören, sondern ich will von Ihnen konkrete Lösungen. Ich kann Ihren Schiffen die Erlaubnis, in Miami anzulegen, jederzeit entziehen. Und zwar sofort. Unterschätzen Sie meine Macht nicht, Redford.» Van de Fries schaut ihn eisig an. «Das Wort gehört Ihnen.»

Marc nimmt einen Schluck des gekühlten Mineralwassers und schaut Van de Fries direkt in die Augen. Er kennt das: Charaktertyp «der Dominante». Dieser Typ will verhandeln, sucht den Kampf und will gewinnen. Marc muss ihm etwas anbieten: So dass er sich besonders und überlegen fühlt.

«Mister Van de Fries. Ich danke Ihnen für die Einladung und für Ihre Zeit. Sie haben in allen Punkten recht. Ich kann Ihnen allerdings versichern, dass wir intensiv an Lösungen arbeiten.»

Niemeier schaltet sich ein: «Herr Redford, ich vertrete die Umweltlobby und Sie wissen es sehr genau, dass das mit dem Schweröl einfach nicht mehr geht. Ich kenne Ihre Bemühungen, auf Diesel oder gar auf alternative Brennstoffe umzustellen, und ich weiss von den technischen Problemen und den Partikelfiltern – doch meine Leute interessiert das alles nicht. Sie wollen ökologische Energie, keine zusätzliche Umweltverschmutzung und endlich saubere Ozeane. Sie verlangen Green Shipping!»

«Ihre Leute haben recht, Herr Niemeier.» Marc registriert, dass Niemeier grad von «seinen Leuten» gesprochen hat, nicht von sich selbst.

«Herr Niemeier, Sie können mir glauben, dass ich genau auf derselben Linie bin wie Sie. Auch ich will saubere Energie, saubere Meere und eine saubere Umwelt. Auch ich sorge mich um unseren Planeten. Auch ich habe Kinder und möchte ihnen eine bessere, eine sauberere Welt hinterlassen. Schauen Sie, Herr Niemeier, wir sitzen im selben Boot», heuchelt Marc. Eigentlich will er vor allem Business machen, seine Schiffe auslasten und seine Routen ausweiten. «Wir waren die vergangenen Wochen und Monate nicht untätig, und sehr gern lade ich Sie, Herr Niemeier, Sie und Ihre Begleitung ein, sich ein Bild direkt vor Ort zu machen. Kommen Sie auf eines meiner grossen Kreuzfahrtschiffe, machen Sie sich sachkundig. Sie haben Einblicke in alles und jedes, können Leute von der Crew befragen und kontrollieren. Es liegt in Ihrer Hand, direkt mit den Leuten an Bord zu sprechen.»

Niemeier macht grosse Augen und Marc spürt, dass er ihn auf diese Weise für sich gewinnen kann. Der kleine fette Wicht ist also käuflich – oder sagen wir mal besser: einem persönlichen Benefit nicht abgeneigt.

«Ja doch, das wäre eine gute Idee, Mister Redford. Wenn ich vielleicht mal ein paar Tage mitfahren dürfte, könnte ich meinen Leuten ganz aktuelle Daten liefern. Vielleicht würde ich sogar für Sie ein gutes Wort einlegen können.»

«Oh danke schön, Herr Niemeier. Hiermit lade ich Sie offiziell auf eines unserer Schiffe ein. Geben Sie mir doch bitte Ihre Koordinaten, damit wir das Reiseprogramm per Mail abmachen können. Sie und Ihre Begleitung sind meine Gäste.»

Niemeier strahlt über sein kreisrundes Gesicht. Fast ein bisschen schweinisch sieht er aus mit seiner rosaroten Gesichtsfarbe, der speckig-glänzenden Stirn und den Schweissbächlein an den Schläfen. Eifrig reicht er Marc seine Visitenkarte.