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Erfolgreich Milchziegen halten Das Leseabenteuer für alle Ziegenfreunde Lebensnah, nie langweilig, trotzdem voller Praxis Bürokratische Anforderungen werden ebenso erläutert Steigen Sie ein ins volle Leben auf dem Milchziegenhof! Mit Humor und Sachkenntnis beschreibt dieses Buch den Aufbau und Alltag einer artgerechten Wirtschaft mit Milchziegen. Schwierigkeiten, Freuden und die amtlichen Dinge, alles kommt zur Sprache und bietet eine Fülle an Informationen zur Ziegenhaltung und Zucht. Lernen Sie die Verhaltensweisen der Ziegen kennen, beobachten Sie das Melken und die Käseherstellung sowie alle anderen Tätigkeiten, die zum Jahreslauf auf einem Milchziegenhof gehören.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2012
Andrea Kurschus
Das Milchziegenbuch
Vom Hofbau bis zum Käsen
Ulmer E-Books
2., aktualisierte Auflage
70 Farbfotos
19 Zeichnungen
In Erinnerung an Reinhold Kurschus und Heinz Klebingat
Mit viel Liebe, mit Ehrfurcht vor der Kreatur, mit wirtschaftlichem Interesse und mit viel Selbstausbeutung betreiben wir unseren Milchziegenhof. Wir nennen alle Tiere beim Namen – und sie kennen uns und sich selbst. Wir stellen statt anderer unsinniger Sachen ein vernünftiges, sehr schmackhaftes und äußerst gesundes Lebensmittel her. Aber: Der Weg vom Ausmisten über die Gesundheit der Ziegen, über das Verbringen der Wintervorräte bis zum Käse ist lang und manchmal sehr, sehr anstrengend. Es gibt jedoch genügend Kunden, die genau das zu schätzen wissen und in klingender Münze für dieses Gourmetprodukt bezahlen.
Das ist die Freiheit, die Sie finden können. Es ist die Stärke des Einzelnen auf seinem eigenen, kleinen Stück selbst bewirtschafteten Landes. Heute genauso wie im Mittelalter. Man kann damit nicht reich und berühmt werden. Aber man kann sein ehrliches Auskommen finden und man muss sich nicht verlieren oder demütigen und erniedrigen lassen, man wird nicht politischer Willkür ausgesetzt und bangt mindestens nicht um sein tägliches Brot.
Die Ziege passt dazu perfekt: Sie ist eigensinnig, intelligent und wild, sie weiß, was sie will, sie sucht Mittel und Wege für ihr Glück, sie schadet niemand anderem, sie will nur sie selbst sein. Sie ist der geborene Anarchist, sie stammt aus dem Ursprung. Ihre Haltung ist anstrengend aber höchst interessant – sagt sie doch so viel über das Potenzial aus, das wir Ziegenhirten selbst besitzen.
Andrea Kurschus
Palmzin im Herbst 2005
Neue Erkenntnisse und Erfahrungen bereichern unseren Ziegenhofalltag nach wie vor – deshalb gibt es diese überarbeitete, erweiterte und ergänzte Buchausgabe.
Und: Nein, wir bereuen alles immer noch nicht!
Andrea Kurschus
Palmzin
„Falls du keine Sorgen hast – kauf dir eine Ziege.“
(Dänisches Sprichwort)
Ein neuer Tag im Ziegenparadies beginnt ...
Von der See kommt ein lauer Frühlingswind über die Felder auf unseren Hof. Die blühenden Kirschbäume verströmen ihren Duft in der Mittagssonne, das erste Schwalbenpaar hat mit dem Renovieren seines Nestes im Stall begonnen. Unsere Ziegen nehmen ein Sonnenbad im frischen Grün, sie sehen schön und gesund aus, und die bereits entwöhnten Lämmer toben und springen munter und erfreulich auf der Sommerkoppel. Robin, unser alter pensionierter Border Collie, döst im Schatten des Hoftores, die Hütehunde-Chefin Laika und ihre noch nicht ganz so professionelle Kollegin Bonnie beobachten die Ziegen auf den Koppeln. Mikesch, der dicke graue Hofkater, lauert auf Mäuse, weitere sieben Samtpfoten kontrollieren Ställe, Ziegen-Bauwagen und das Melkhaus. All die Tiere sind zufrieden – kein Meckern und Beschweren ist zu hören, kein Klagen, Bellen oder Maunzen, nur viele Singvögel und der laue Wind in den jungen Blättern.
In der Käserei ist alles in Ordnung. Gestern war die Lebensmittelkontrolle da und fand nichts auszusetzen, heute kam der wöchentliche Abholdienst, um unseren Käse zu den Hotels und Gourmetrestaurants an der Küste zu bringen. Der Marktverkauf läuft wie geschmiert und unsere Workshop-Gäste haben für heute Feierabend und erholen sich am Meer vom Melken und Käsemachen. Der Kühlung ist leer, die Kunden sind zufrieden, die Arbeit ist getan, der blaue Himmel wie blankgeputzt: Frieden. So schön kann das Leben auf einem Milchziegenhof sein.
Plötzlich zerschneidet ein schriller Brüller die Idylle, markerschütternd und unaufhörlich immer wieder. Da heißt es: alles stehen und liegen lassen, zügig hingehen und nachsehen und darauf gefasst sein, dass sich vielleicht nur ein dummes Lamm in irgendeiner neuen Selbstversuchsreihe im Zaun verfangen hat. Was harmlos wäre. Oder aber, dass sich etwas wirklich Schlimmes ereignet hat, das plötzliche Rettungsmaßnahmen, Werkzeuge, Helfer, gar die Tierärztin erforderlich macht. Es kann immer beides sein ...
Deshalb sind einige der Grundvoraussetzungen, die Sie mitbringen müssen, um einen eigenen Ziegenhof aufzubauen, Ruhe, starke Nerven und Geduld. Um nicht erschrocken oder panisch zu handeln, brauchen Sie Beherztheit und Entscheidungskraft. In der aktuellen Situation wird Ihnen sehr wahrscheinlich niemand zur Seite stehen, der sagt, was Sie jetzt sofort zu tun haben.
Sie entscheiden immer alleine. Das wird zusammen mit der wachsenden Erfahrung im Umgang mit den Tieren natürlich auch Ihr Selbstbewusstsein stärken. Aber gleichzeitig verantworten Sie jede Entscheidung selbst: die richtige genauso wie die falsche. Letztlich kann die falsche im Einzelfall oft nicht mehr korrigiert werden. Sie wird aber dazu dienen, daraus für das kommende Mal gelernt zu haben.
Da der Ziegenhof aufgebaut werden soll und Sie (genau wie wir) wahrscheinlich nicht über unbegrenzte finanzielle Mittel verfügen, müssen Sie dazu imstande sein, eine ganze Menge unterschiedlichster Funktionen auszuüben oder mindestens mit zu übernehmen. Generelles handwerkliches Geschick und praktische Vernunft vorausgesetzt, müssen Sie gut organisieren und vorausplanen können, um Geld und Kraft zu sparen. Das betrifft sowohl die Futterbevorratung für den Winter, die naturgemäß im Sommer davor erfolgt, als auch die Vermeidung von selbst gelegten Fallen beim Aufbau von Koppelwegen und Hofanlagen.
Alle Wegstrecken, die Sie auf Ihrer Hofstelle täglich zurücklegen, sollten so kurz und hindernislos wie irgend möglich sein.
Alle Dinge, die Sie bewegen, tragen, heben sollten Sie möglichst jeweils nur einmal anfassen müssen. Alles, was in täglicher Wiederkehr zu schwer ist, sollte in kleinere Einheiten aufgeteilt werden – es ist ganz unproblematisch, aus einem Zentnersack Getreide besser immer gleich zwei kleinere und leichtere zu machen. Ihre Gesundheit wird es Ihnen danken!
Solche Sätze lesen sich wie Binsenweisheiten, aber ihre handfeste und reale Bedeutung stellt sich schnell unter Beweis, wenn die entsprechenden Mängel im Tagesablauf sichtbar und lästig werden.
Im Umgang mit Ihrer Herde werden Sie natürlich automatisch zum Tierpfleger, Tierpsychologen und ein wenig auch zum Veterinär, denn nicht immer ist der Hoftierarzt sofort zur Hand, wenn gehandelt werden muss. Sie dürfen sich nicht vor Blut, Schleim oder Schmerzensschreien fürchten und sich nicht davor scheuen, der Ziege in den Schlund oder in den Geburtskanal zu fassen, Abszesse zu öffnen oder Wunden zu versorgen.
Da der Tierpfleger mit den weniger attraktiven Bereichen von Klauenschneiden, Ausmisten, Versorgen und Füttern beschäftigt ist, bietet der Tierpsychologe den entsprechenden Ausgleich. Es gibt kaum etwas Spannenderes als die Entwicklung und Veränderung der Herdenhierarchie zu beobachten oder die angeborenen und imitierenden Verhaltensweisen der einzelnen Sauglämmer bei ihren sehr individuellen Ziegenmüttern. Ganz zu schweigen von der sensationellen Werbungs-Show, die die Zuchtböcke gegenüber den gehörnten Damen in der Brunst veranstalten. Das macht tagelanges Misten wieder wett.
Manche von uns haben eine große Stärke beim Bewältigen von behördlichem Papierkrieg. Auch dieser muss auf dem Ziegenhof bedient werden: sei es beim Zuchtaufbau mit Stallbuch und LIC/Herdbuchnummernlisten, sei es hinsichtlich der amtlichen Vorschriften und Verordnungen für Tierhaltung und Lebensmittelrecht oder Direktvermarktung, sei es mit Förderanträgen oder Steuererklärungen.
Um eine EU-Zertifizierung für die Käserei und sonstige Produktionsstätten Ihrer Lebensmittel aus Ziegenmilch zu erlangen, bedarf es erheblicher Nervenstärke und Aktenordner voll merkwürdiger Schriftstücke, deren Erstellung nicht nur viel Fantasie, sondern auch starkes bürokratisches Verständnis voraussetzt. Am Schönsten finden wir die jährliche Mitwirkungspflicht an der dickbändigen Agrarstatistik ...
Für all dies gibt es Verbandeshilfe, ohne die man es oft auch gar nicht schafft. Wir selber sind Mitglied verschiedener diesbezüglicher Verbände, aber das Grundsätzliche der entsprechenden Problemstellungen muss man am eigenen Schreibtisch erarbeiten können.
In puncto Direktvermarktung des Produktes braucht man einen gehörigen Schuss Werbeverstand, denn Kundensuche, Akquise und Reklame sowie Pressearbeit wird man mindestens zu Anfang größtenteils selber machen.
Schlussendlich braucht es für guten Käse nicht nur gesunde Ziegen, gute Milch und einen ordentlichen Melker, sondern auch einen guten Käser. Käse machen kann erlernt werden – die Liebe zum Kochexperiment und eine gewisse Erfahrung damit bieten allerdings gute Grundlagen, die das Käsen erleichtern und auch ein Eingehen auf spezielle Kundenwünsche möglich machen.
Womit wir am Ende des Reigens angekommen sind: Vom Bohrhammer in Ihrer Hand bei Umbaubeginn auf Ihrer Hofstelle, über die Mistforke und Klauenschere, über Ihre rauchenden Hirnwindungen beim Ausfüllen der Agrarstatistik und der Ablammlisten, Ihr eigenes Webdesign und die regelmäßigen Eigen- und Behördenkontrollen bis hin zur gemolkenen Milch und zum fertigen Käse ist es ein langer aber kontinuierlicher Weg.
Wir wollen diesen Weg so beschreiben, wie wir ihn mit Höhen und Tiefen und mit gewachsener Erfahrung kennengelernt haben: Das wird kein Maßstab für jedermann sein, denn alle Ziegenhöfe sind anders entstanden und wirtschaften unterschiedlich. Alleine die Anlage der jeweiligen Hofstelle macht ganz individuelle Einrichtungen notwendig. Unterschiedliches Klima und damit verbunden anderes Futterangebot bedingen eigene Abläufe und Planungen.
Zu guter Letzt geht der Käse auf die Reise zu den Kunden.
Unser Ziegenhof verbindet Wirtschaftlichkeit mit der Achtung vor der Kreatur. Das ist unsere Haltung, ohne die wir das Projekt erst gar nicht begonnen hätten, es ist unsere Geschäftsgrundlage. Wir arbeiten artgerecht und extensiv mit den Ziegen, was aus konventioneller Sicht rausgeschmissenes Geld sowie vertane Arbeitszeit und -kraft bedeutet.
Unserer Ansicht nach erzielen wir ein hervorragendes Produkt, das sich teurer verkaufen lässt als ein industriell oder konventionell hergestelltes.
Inzwischen gibt es viele Kunden, denen eine transparente Produktion und artgerechte Tierhaltung für ihr Lebensmittel wichtig ist.
Und wir sind zudem der Überzeugung, dass artgerecht gehaltene Tiere weniger krankheitsanfällig und wesentlich leistungsstärker sind, als angebundene auf Spaltenboden und ohne Draußenwelt.
Es gibt aber auch Ziegenhaltung von mehr als tausend Tieren, wo alle Abläufe wie in einer Fabrikation vonstatten gehen, wo kein Tier mehr individuell betreut wird und die knapp zweitausend Lämmer den Müttern bereits wenige Stunden nach ihrer Geburt weggenommen und als Säuglinge schon mit vier Wochen geschlachtet werden. Diese Ziegenfabriken sind wirtschaftlich natürlich supereffektiv und verkaufen ihren Industrieziegenkäse landauf landab extrem erfolgreich – dagegen ist unser Ziegenhof ein mickeriger, unwirtschaftlicher Kleinstbetrieb.
Bei aller Tierliebe muss sich die Sache aber rechnen lassen, deshalb treffen auch wir Entscheidungen, die die Ziegen einschränken und eher der Rentabilität dienen. Wo die jeweilige Grenze für den einzelnen Ziegenhof anzulegen ist, muss jeder Betreiber für sich selbst bestimmen. Im individuellen Fall sollte man bemüht sein, den scheinbaren Gegensatz von Wirtschaftlichkeit und artgerechter Haltung zum Vorteil des Tieres aufzulösen. Wir glauben, dass dies machbar ist, und versuchen unseren Hof auf diese Weise zu führen.
Draußen scheint immer noch die Sonne, es schneit Kirschblütenblätter auf zufriedene Ziegen, alles ist gut – aber die heftigste Bedingung zum Betreiben eines Milchziegenhofes haben wir noch nicht vom Stapel gelassen:
Sie müssen sich uneingeschränkt darauf einlassen, felsenfest an Ihrer Scholle zu kleben – Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Bei jedem Wetter und egal, wie Sie sich fühlen. Mindestens dreihundertvierzig Tage im Jahr, wenn Sie es geschafft haben, Brunst und Deckzeiten Ihrer Herde zu synchronisieren, sonst auch länger.
Und Sie haben mindestens neun Monate im Jahr keine Chance, samstags oder sonntags einmal auszuschlafen, denn Sie betreiben eine Wirtschaft mit durchgängiger Sieben-Tage-Woche, alle zwölf Stunden steht Melken auf dem Plan.
Wenn Sie wie wir sogar eine kleine Ziegengruppe im Winter durchmelken, dann ist an Ausschlafen praktisch nie mehr zu denken
... Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr.
Die Entscheidung dafür muss vollkommen eindeutig getroffen werden, sonst brauchen Sie erst gar nicht anzufangen.
Denn man tau!
Vorpommern kann ein Wintermärchen sein.
Die geeignete Hofstelle steht am Anfang des Milchziegenhofes. Glücklicherweise lässt sich die Ziege schier überall halten, auch wenn sie ursprünglich ein Gebirgstier ist. Die einzelnen Ziegenrassen sind unterschiedlich witterungstauglich, worauf wir später noch eingehen werden. Auf jeden Fall wird sich die passende Sorte für Ihre Gegend finden lassen.
Ab einer nennenswerten Herdengröße bedeutet ein Ziegenhof auch Lärm- und Geruchsbelästigung der Außenwelt. Als besonders unangenehm werden die Ziegenböcke während der Brunstzeit empfunden, wenn sie ihr Duftsekret absondern und sich selbst mit Urin bespritzen.
Für die Ziegendamen ist das sehr betörend, dem Menschen jedoch wesentlich zu offensiv in der Wahrnehmung. Auch wir ziehen extra Oberbekleidung an, wenn zum brünstigen Bock gegangen werden muss: Jede Berührung mit seinem Fell ist lang anhaftend und selbst nach mehrmaligem Händewaschen bekommt man den Gestank kaum weg.
Die gehörnten Jungs sehen zu diesem Zeitpunkt auch äußerst ungepflegt und pennerhaft aus, weil ihr Fell und Bart mit Sekret und Urin verschmiert ist. Dieser Zustand währt jedoch zum Glück nicht ewig, höchstens drei Sommermonate lang.
Aber da liegt genau das Problem: Sommers sind die Nachbarn draußen, der Wind trägt den Duft überraschend weit und die Grillparty nebenan kann leicht kontaminiert werden. Deshalb gab es noch bis vor fünfzig Jahren, als die Ziegenhaltung mindestens auf den Dörfern weit verbreitet war, vielerorts eine Bockstation, wo der Deckbock für alle umliegenden Ziegenhalter stand. Diese aber lag immer sehr abseits am äußersten Rand der menschlichen Ansiedlungen – aus gutem Grund. Das sollten Sie bedenken, wenn Sie eine Hofstelle suchen. Denn um einen Bock – oder wenn Sie züchten wollen mindestens zwei Böcke – werden Sie nicht herumkommen.
Die künstliche Besamung bei Ziegen steckt noch in den Kinderschuhen und gilt als sehr unzuverlässig, aufwendig und relativ erfolglos.
Am besten am Dorfrand oder in Einzellage sollten Sie den Ort Ihrer Wahl suchen. Wir haben in dieser Hinsicht großes Glück gehabt, denn für unseren Hof gilt beinahe beides: Er liegt am Dorfeingang und gewissermaßen allein auf seiner Straßenseite, denn es handelt sich um einen Neubauernhof, der für die Kriegsflüchtlinge aus Ostpreußen am Straßenrand gegenüber eines alten Dorfes erbaut wurde.
Mathilda schaut nach dem Wetter.
Solche Neubauernhöfe gab und gibt es in den ländlichen Regionen der ehemaligen DDR häufig, sie sind vom Baustil her alle ziemlich schlicht angelegt und auch annähernd gleich mit etwa zehn Hektar Acker- oder Grünland ausgestattet. Häufig befinden sich derartige Höfe im sogenannten Ausbau eines Dorfes. Für die Zwecke eines Ziegenhofes lässt sich von Aufteilung, Lage und Größe her kaum etwas Passenderes finden.
Dagegen spricht die Entfernung zum Kunden. Sie wollen Ihren Käse ja verkaufen, wozu sich aufgrund der geringen Menge des Produktes unbedingt die Direktvermarktung anbietet, um wirtschaftlich zu arbeiten. Doch der Weg zum Kunden darf nicht unsinnig weit sein. Und umgekehrt: Wenn Sie auch ab Hof verkaufen wollen, muss der Kunde zu Ihnen kommen können, ohne gleich eine Weltreise zu unternehmen. Das würde er vermutlich nur einmal und nie wieder tun.
Es gibt auch in kleinstädtischer Lage Milchziegenhöfe, deren Bockshaltung und Deckgeschehen sich weit entfernt auf außerhalb liegenden Koppeln abspielt. Die Folge ist, dass die Ziegen zum Decken einzeln oder in Grüppchen dorthin verbracht und wieder zum Melken abgeholt werden müssen und die Böcke praktisch unbeaufsichtigt allen möglichen Gefahren wie streunenden Hunden ausgesetzt sind.
Das kann sicherlich gutgehen, wenn die Bockskoppeln aus- und einbruchsicher umzäunt werden, im Idealfall ein Herdenschutzhund bei den Böcken lebt. Ein Restrisiko bleibt aber. Dafür hat man seine Kundschaft direkt vor der Tür, was die anderen Umständlichkeiten vielleicht aufwiegt.
Die ideale Mitte zwischen den beiden Extrembeispielen findet sich im direkten Einzugsgebiet von Großstädten oder touristischen Zentren als Absatzmärkten bei dörflicher Rand- oder Einzellage des Hofes.
Doch es kommt nicht alleine auf die Lage des Hofes an, sondern auch auf seine Ausstattung mit Wohnhaus, Nebengebäuden und Stallungen sowie auf das dazugehörige oder dazuzupachtende Land.
Unser guter und ernst gemeinter Rat: Befinden Sie zuallererst über das Wohnhaus. Sie müssen sich auf Ihrem Hof wohlfühlen, da er Ihr Dauerarbeitsplatz sein wird. Sie werden die meiste Zeit hier verbringen und Sie brauchen für sich selbst einen Ort, an dem Sie sich daheimfühlen und zurückziehen können, der der Entspannung und Regeneration dient.
Ein Traum von einem Ziegenhof!
Bevor wir irgendetwas anderes instand gesetzt und repariert haben, haben wir dafür gesorgt, unser Wohnhaus in einen behaglichen Zustand zu bringen. Und zwar möglichst komplett mit allen Zimmern und Etagen, denn nichts ist in der Folge schlimmer, als mehrere Baustellen gleichzeitig betreuen zu müssen. Die Arbeiten werden dann schnell unübersichtlich und machen konfus, wenn kein ruhender Pol wie eine saubere, aufgeräumte und funktionsfähige Wohnstätte zur Verfügung steht. Denn diese ist Ihr unbedingter Rückzugsort, wenn draußen die Arbeiten bei minus 15 Grad, Schneegraupel, scheinbar ewiger Dunkelheit, eingefrorenen Wassertrögen, nassen Gummistiefeln und schreienden gebärenden Ziegen im Winter weitergehen.
Wichtig sind auch die Nebengebäude. Idealerweise verfügt ein Hof über einen Erdkeller, der frostfrei, ungeziefersicher und geräumig genug ist, um Nassfutter wie Rüben und Obst in ausreichender Menge über den Winter einlagern zu können.
Wünschenswert sind außerdem trockene Schuppen oder Anbauten, in denen sich Getreide, Werkzeuge, Stalltechnik, Chemikalien und Gerätschaften aufbewahren lassen. Noch schöner, wenn ein großer Heuschober dabei ist, in dem sich das Winterheu ebenerdig unterbringen lässt.
Ein bis zwei geräumige Garagen, vielleicht noch ein überdachter Werkplatz mit festem Untergrund ... Alles Gute ist jedoch nie beisammen, daher wird man in dieser Hinsicht immer mehr oder weniger improvisieren müssen und nach und nach mit neuen Gebäuden das aufstocken, was anfangs nicht vorhanden war. Und als Landwirt sind Sie von allzu restriktiven Bauvorschriften glücklicherweise befreit.
Wesentlich ist der Stall. Ziegen können in praktisch jeder Art von Stall untergebracht werden, wenn er innenarchitektonisch entsprechend umgerüstet wird. Das Innere des Stalles muss schließlich komplett auf Ziegen umgestellt werden, daher ist es fürs Erste gleichgültig, welche Abteilungen für die vorherigen Bewohner hier zu finden waren.
Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die wirklich alten Stallgebäude aus Backsteinklinker oder Natursteinen über einen unschlagbaren Vorteil gegenüber sämtlichen anderen und auch hypermodernen Anlagen verfügen: das Stallklima.
In Steinställen ist es im Sommer immer wesentlich kühler als draußen, was sich messbar positiv auf die Milchleistung der Tiere auswirkt. Im Winter sind sie mit entsprechender Besatzstärke frostfrei, was für die Ablammphase, die ja in die kälteste Jahreszeit fällt, unbedingt vorteilhaft ist.
Selbst superteure Neubauställe können mit diesem althergebrachten Stallklima nicht von alleine mithalten: Hier braucht es im Sommer zur Vermeidung von Hitzestress künstliche Kühlung und Belüftung sowie im Winter Beiheizung, damit die Lämmer nicht erfrieren. Das kostet jede Menge zusätzlicher Energie.
Der gemauerte Stall ist außerdem ein rustikaler Hingucker, der sich auch außen schön gestalten und mit Kletterpflanzen beranken lässt. Ihre Kunden wollen schließlich auch ein wenig ländliche Idylle mit dem handgestreichelten Käse kaufen, wenn sie schon zu Ihnen hinkommen. Und die ist mit einem grauen Betonplattenteil oder mit Alubaustücken kaum zu vermitteln.
Ein alter Stall verfügt zu allermeist über einen ein- oder gar doppeletagigen Heuboden. Das ist schön und praktisch, um das Heu durch Bodenluken in den Stall abzuwerfen, aber schrecklich arbeitsintensiv anlässlich der Heumahd und dem dazugehörigen Ballenstapeln. Sie bekommen garantiert dicke Muskeln und lange Arme beim Staken. Die Wärmedämmung aber, die durch einen gefüllten Heuboden im Stalldach entsteht, lernt man in arktischen Wintermonaten und in brennender Sommerhitze sehr zu schätzen.
Frieda „guckt“ mit den Ohren.
Bleibt das Koppelland. Im Glücksfall können Sie die Koppeln mehr oder minder rund um Ihren Kernhof, das Wohngebäude und die Wirtschaftsgebäude anlegen. Damit erreichen Sie permanente Kontrolle über die Tiere, die sich dort aufhalten. Sie können sie hören, sehen und bei allen täglichen Verrichtungen weitgehend in Ohr und Auge behalten.
Unsere Ziegen tragen Lederhalsbänder mit hellen Bronzeglöckchen. Wenn die Herde plötzlich zu rennen anfängt, kann man Richtung und Dauer der Fluchtbewegung registrieren, ohne sofort zu der betreffenden Koppel hingehen zu müssen. Wir hören praktisch aus dem Hinterkopf, ob der Fluchtalarm der Ziegen Ernst zu nehmen ist oder nicht, ob man sich jetzt darum kümmern muss oder ob sich die Flucht auslösende Sachlage von alleine erledigt hat.
Da unsere beiden erwachsenen Zuchtböcke größere, tiefer klingende Glocken tragen, können wir mitbekommen, ob deren Klang immer noch aus der richtigen Richtung kommt oder ob einer der gehörnten Kavaliere auf eine Koppel ausgebrochen ist, die nicht für ihn vorgesehen war.
Als unser Zuchtbock Kaspar noch ein Jüngling und leichtgewichtig plus sprungtüchtig war, startete er mehrere Ausbruchsversuche in späten, warmen Sommernächten, um zu seinen angebeteten Damen in den Stall zu gelangen. Es genügte ihm nicht, tagsüber die Gesellschaft der Damen zu genießen, es sollte rund um die Uhr sein. Die Glocke verriet ihn. So hatten wir das Vergnügen einiger nächtlicher Rodeos, um den Knaben wieder vom Stallbereich weg auf seine Heimatkoppel zu bugsieren.
Anzahl und Größe der Koppeln richtet sich nach der Besatzstärke und damit letztlich nach dem Bestand, den Sie erreichen wollen. Faustregel: 30 gute Milchziegen ernähren eine Person.
Eine (förderfähige) naturschutzgerechte, extensive Koppelhaltung ist gesetzlich mit rund elf Ziegen pro Hektar definiert.
Wesentlich ist die vernünftige Unterteilung, denn in der Vollvegetationsphase von Mai bis August sollten die Ziegen alle sechs Wochen umgestellt werden können. Einerseits damit das Weideland sich vom Abweiden erholen und ausblühen kann, andererseits damit keine Selbstverwurmung der Tiere stattfindet.
