Das minoische Kreta - Diamantis Panagiotopoulos - E-Book

Das minoische Kreta E-Book

Diamantis Panagiotopoulos

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Beschreibung

It was on the island of Crete that the first advanced civilization on European soil emerged, around 2000 BCE & a fact that is still astonishing for modern observers and poses numerous puzzles for scholarship. The Minoans built monumental palaces in a region that was threatened by earthquakes, developed various writing systems, decorated their rooms with magnificent murals, promoted arts and crafts, and dominated the Aegean Sea with their ships. This book presents the success story of this island people, their social structure and their formative influence on the Mediterranean world, providing not only a very up-to-date academic textbook for students, but also an exciting read for discerning laypersons and lovers of Crete.

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Seitenzahl: 439

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Autor

Diamantis Panagiotopoulos ist Professor für Klassische Archäologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er hat Archäologie, Ägyptologie, Alte Geschichte, Geschichte und Kunstgeschichte an den Universitäten von Athen und Heidelberg studiert. Er promovierte in Heidelberg (1996) und habilitierte in Salzburg (2003). Seine Forschungsinteressen umfassen die Kulturen der bronzezeitlichen Ägäis – insbesondere ihre sozialen Strukturen, Administration und Bildsprache –, die kulturelle Interaktion im östlichen Mittelmeer des 2. Jahrtausends v. Chr., die Landschaftsarchäologie und moderne Strategien zur Bewahrung und Erschließung des kulturellen Erbes. Er hat an zahlreichen Grabungen in Griechenland teilgenommen, mehrere interdisziplinäre Forschungsprojekte geleitet und an verschiedenen Ausstellungen in Griechenland und Deutschland mitgewirkt. Derzeit leitet er ein langfristig angelegtes Feldprojekt im minoischen Koumasa (Südkreta).

Diamantis Panagiotopoulos

Das minoische Kreta

Abriss einer bronzezeitlichen Inselkultur

Verlag W. Kohlhammer

Meinen Heidelberger Studentinnen und Studenten gewidmet für ihre Fragen und fragenden Blicke

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

 

 

Titelbild: Digitale Rekonstruktion des Stiersprungfreskos aus dem Palast von Knossos; Foto: Manfred Bietak/Nannó Marinatos/Clairy Palivou: Taureador Scenes in Tell el-Dab‘a (Avaris) and Knossos (2007), Abb. 104.

 

 

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-021269-5

E-Book-Formate:

pdf:        ISBN 978-3-17-025012-3

epub:     ISBN 978-3-17-025013-0

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhalt

 

 

 

Vorwort

Einleitung

A. Grundzüge: Forscher, Raum und Zeit

1   ›Mythen‹ und archäologische Realität: Ein forschungsgeschichtlicher Überblick

Literatur

2   Das chronologische Gerüst

Literatur

3   Kreta als fordernde und fördernde Landschaft

Literatur

4   Etappen: Ein kurzer Abriss der minoischen Kulturentwicklung

Das dunkle Jahrtausend (FM I–MM I A)

Kreta als höfische Gesellschaft (MM I B–II B)

Die Zeit der knossischen Dominanz (MM III A–SM I A)

Die Krisenzeit (SM I B–II)

Kreta als Peripherie (SM III A:1–SM III B)

Niedergang (SM III B–SM III C)

Literatur

B. Ein anatomischer Blick auf die minoische Gesellschaft

5   Der Palast als Maß aller Dinge

Paläste oder Hofkomplexe: Eine anhaltende Debatte

Der Palast von Knossos

Jenseits von Knossos

Der Palast als höfische Institution

Literatur

6   Die ›Domestizierung‹ der Berge

Die Erschließung der bergigen Landschaft

Etappen

Literatur

7   Das Individuum

Das Körperbild

Geschlechterrollen

Erwachsenwerden

Sinne

Intimität

Individuum und Kollektiv

Literatur

8   Mensch und gebauter Lebensraum

Kühne Konzepte

Bautechnische Umsetzung

Gelebte Räume

Literatur

9   Mensch und Dinge

Die Faszination des Materials

Minoische Designkonzepte

Dinge und Bilder beleben sich gegenseitig

Das Leben der Dinge: Verwendung, Reparatur, Wiederverwendung, Deponierung, Zerstörung

Literatur

10 Medien der sozialen Interaktion

Bilder

Stil als Bedeutungsträger

Schrift

Literatur

11 Alltagswelten

Alltag im Bild

Das dörfliche und das ›städtische‹ Alltagsleben

Berufe und alltägliche Tätigkeiten

Ernährung

Literatur

12 Außeralltägliche Erfahrungen: Götter, heilige Orte und Feste

Götter und Dämonen: die großen Unbekannten

Sakrale (Tat-)Orte

Kult als Transzendenz

Heilige Dinge

Glanzvolle Feste

Literatur

13 Der Tod als prägende kollektive Erfahrung

Der Tod als Übergangszustand

Das Grab als ›Haus des Toten‹

Bestattungsritual

Wie lassen sich Veränderungen im Bestattungsritual erklären?

Literatur

14 Die Minoer und die Anderen

Die innerägäischen Kontakte

Die außerägäischen Kontakte

Die Zeugnisse

Literatur

Schlusswort und Ausblick

Handbücher zur minoischen Kultur

Abbildungsverzeichnis

Register

 

Vorwort

 

 

 

Dieses Buch verdankt seine Entstehung dem Kohlhammer Verlag, der seine Urban-Taschenbuchreihe mit einem aktuellen deutschsprachigen Überblick zur minoischen Kultur ergänzen wollte. Diese ehrende Einladung habe ich sehr gern angenommen und nach einer großen Verzögerung – die vom Verlagsteam stoisch geduldet wurde – (m)eine Geschichte der Minoer geschrieben, die hoffentlich gleichermaßen Archäologen und Laien ansprechen wird. Folgenden Personen, die entscheidende Hilfe beim Gelingen dieses Buchprojektes geleistet haben, bin ich zu großem Dank verpflichtet: meinen Kollegen und Freunden Fritz Blakolmer und Pietro Militello, die das Buch gelesen, mir wertvolle Hinweise gegeben und mich vor einigen Fehlern bewahrt haben, Julia Kretschmer, die die Endversion des Manuskripts Korrektur gelesen hat, Peter Kritzinger vom Kohlhammer Verlag, der für eine sehr harmonische Zusammenarbeit gesorgt und geduldig auf das Endergebnis gewartet hat, und last but not least Ann-Katrin Fett für die hervorragende Redaktionsarbeit.

Das Buch ist all denen gewidmet, die in den vergangenen Jahren meine Lehrveranstaltungen in Heidelberg besucht haben. Sie haben mir direkt oder indirekt immer wieder gezeigt, wie man die Geschichte der minoischen Kultur verständlich kommunizieren kann. Diese fruchtbare Interaktion hat Charakter, Schwerpunkte und Ziele dieses Taschenbuches entscheidend mitgeprägt.

 

Einleitung

 

 

 

»Kreta ist etwas anderes. Kreta ist eine Wiege, ein Instrument, ein vibrierendes Reagenzglas, in welchem ein vulkanisches Experiment durchgeführt wurde. Kreta vermag den Geist zum Schweigen zu bringen, den Aufruhr der Gedanken zu stillen.« (Henry Miller)1

Kreta, am Südostende Europas gelegen, war die Wiege einer antiken Hochkultur, die den unvoreingenommenen Betrachter mit Staunen erfüllt. Auf der gebirgigen Insel entwickelte sich eine bronzezeitliche Gesellschaft, die auf den ersten Blick ganz anders erscheint als ihre zeitgleichen Kulturen in Ägypten und dem Vorderen Orient. Dieses Volk hat man – nach dem Namen ihres legendären Königs Minos – als ›Minoer‹ bezeichnet, doch in Wahrheit wissen wir nicht, wie sie sich selbst nannten, da die spärlichen schriftlichen Zeugnisse eine Entzifferung ihrer Schrift bisher nicht ermöglichten. Wir kennen lediglich die ägyptische Bezeichnung für die Minoer, nämlich ›Keftiu‹, die eine auffällige lautliche Entsprechung zu ›Kaphtor‹, dem biblischen Namen für die Insel, zeigt. Es ist allerdings völlig ungewiss, ob dieses Ethnikon von der minoischen Eigenbezeichnung übernommen wurde. Die minoische Kultur bleibt daher anonym und in gewisser Weise geschichtslos: Wir kennen keine Königs- oder Beamtennamen, keine historischen Ereignisse, nicht einmal die Namen der Götter und die konkrete Bedeutung der großen religiösen Feste. Die Spuren dieser Gesellschaft allerdings, die wir archäologisch fassen und mit großer Anstrengung – und kreativer Fantasie – rekonstruieren können, reichen aus, um Staunen hervorzurufen. Wie ist es möglich, dass sich auf dieser Mittelmeerinsel eine Kultur mit einem kosmopolitischen Flair entwickelte, das den modernen Menschen viel mehr anspricht als die eindrucksvolle Dominanz von Göttern und Herrschern in Ägypten und Mesopotamien? Wie lässt sich der mondäne Charakter dieser Gesellschaft überhaupt begreifen? Wie gelang es ihr, die geografische Lage ihres Territoriums und dessen natürliche Ressourcen effektiver als jede andere Kultur in den nachfolgenden Perioden zu nutzen, große Baukomplexe auf erdbebengefährdetem Land zu errichten, ein anspruchsvolles administratives System aufzubauen und zeitlose Meisterwerke zu schaffen? Es sind Fragen über Fragen, die gleichermaßen Laien und Spezialisten bewegen. Auf der Suche nach Antworten stößt man auf mehrere Hindernisse, die vor allem aus einer lückenhaften Überlieferung resultieren. Ohne lesbare Texte wird jeder Versuch, eine vormoderne Kultur zu verstehen, zu einem sehr schwierigen Unterfangen. Der aufmerksame Besucher in Knossos stellt schnell fest, dass der Palast, den er voller Erwartungen betritt, in großen Teilen ein moderner Zementbau ist. Es fällt einem sehr schwer, die schlecht erhaltene originale Bausubstanz dieses Gebäudes unter den rigoros mit Zement ergänzten Räumen, Treppen und Säulen zu entdecken. Man muss erst die anderen Paläste besuchen, um echte minoische Ruinen sehen zu können. Im Heraklion-Museum ist unübersehbar, dass die meisten Wandmalereien sehr schlecht erhalten und größtenteils ergänzt sind. Die vollständig erhaltenen Meisterwerke der minoischen Kultur sind meistens Objekte in kleinem Format: Siegel, Siegelringe, Schmuck, Statuetten und Möbeleinlagen. Ein großer Teil der archäologischen Fakten bezieht sich eben auf solche Miniaturarbeiten. Trotz oder gerade wegen der vielen Interpretationsprobleme und offenen Fragen hat diese Inselkultur heute, über ein Jahrhundert nach ihrer Entdeckung, kaum an Attraktivität eingebüßt. Populärwissenschaftliche Bücher erzählen spannende Geschichten, die allerdings größtenteils auf späteren Mythen oder überholten Forschungsmeinungen beruhen. Die fachwissenschaftliche Literatur steht all diesen Mythen und Theorien heute sehr skeptisch gegenüber, kann allerdings an ihrer Stelle aufgrund der sehr fragmentarisch erhaltenen Quellen keine besseren Geschichten erzählen, die sich auf Fakten stützen.

Welchen Sinn kann dann ein neues Handbuch zur minoischen Kultur haben? Die Archäologie ist keine exakte Wissenschaft und kann daher keine definitiven Antworten liefern, geschweige denn etwas beweisen. Die Hauptaufgabe der Archäologen besteht eigentlich nicht darin, Antworten zu geben, sondern die richtigen Fragen an das Untersuchungsmaterial zu stellen und dadurch die wissenschaftliche Diskussion ständig voranzubringen; eine Diskussion, die zeigt, wie komplex und vielfältig die historische Realität war. Daher möchte ich den Lesern dieses Buches keine Antworten liefern, sondern all das, was wir über das minoische Kreta wissen oder zu wissen glauben, nicht als Wissensstand, sondern als Wissensprozess schildern. Im Fokus dieser Herangehensweise werden daher keine Rätsellösungen, sondern die großen Fragen und Probleme stehen, welche die Archäologen seit über einem Jahrhundert bewegen sowie ihre unermüdlichen Bemühungen, sie zu beleuchten.

Die Gliederung dieser Synthese der minoischen Kultur beginnt auf ganz traditionelle Weise mit einem forschungsgeschichtlichen Überblick, der nicht nur die Geschichte der archäologischen Forschung in ihren wesentlichen Zügen zusammenfasst, sondern auch die modernen ›Mythen‹ über die Minoer den archäologischen Fakten gegenüberstellt (Kap. 1). Die drei anschließenden Kapitel befassen sich mit den Hauptparametern der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der minoischen Kultur, nämlich dem Chronologie-System der kretischen Bronzezeit (Kap. 2), der Insel als Lebensraum (Kap. 3) und den wichtigsten Etappen der kulturellen Entwicklung (Kap. 4). Gerüstet mit diesen grundlegenden Informationen kann sich dann der Leser dem zweiten Teil des Buches widmen, der einen anatomischen Blick auf die minoische Kultur ermöglicht. Dieser Teil weicht vom üblichen Schema vieler Handbücher ab, deren Kapitel einzelnen Gattungen der materiellen Hinterlassenschaften oder Aspekten einer Kultur, wie Architektur, Keramik, Kleinkunst, Schmuck sowie soziale Struktur, Religion, Wirtschaft und Handel gewidmet sind. Stattdessen wird hier einer Gliederung gefolgt, welche dem spezifischen Charakter der minoischen Gesellschaft angepasst ist und darüber hinaus nicht den abstrakten Begriff ›Kultur‹, sondern die Menschen als Akteure in den Vordergrund stellt. Dieser Überblick beginnt mit dem ›Herz‹ der minoischen Gesellschaft, nämlich dem Palast als imposantem Gebäude und Kern des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Geschehens (Kap. 5). Hieran schließt sich das an, was die minoische Kultur aus diachroner (d. h. ihrer gesamten historischen Entwicklung umfassenden) Sicht von allen anderen Kulturgruppen oder Mächten der Inselgeschichte unterscheidet, nämlich die Erschließung der Landschaft, welche als eine der größten Leistungen dieser bronzezeitlichen Gesellschaft betrachtet werden kann (Kap. 6). Die nächsten beiden Kapitel nehmen das Individuum in den Fokus der Auseinandersetzung mit den archäologischen Quellen und bemühen sich, die Menschen (Kap. 7), ihren gebauten Lebensraum (Kap. 8) sowie ihre Interaktion mit Dingen (Kap. 9) zu erfassen. Die letzten Kapitel sind den sozialen Praktiken gewidmet, die sich auf der Grundlage der archäologischen, ikonografischen und – spärlichen – schriftlichen Evidenz rekonstruieren lassen. Sie umfassen die Medien der symbolischen Kommunikation (Kap. 10), die Alltagswelten (Kap. 11), das Außeralltägliche (Zeremonien und Feste, Kap. 12), den Tod als prägende kollektive Erfahrung und zugleich archäologische ›Goldgrube‹ für die Rekonstruktion einer prähistorischen Gesellschaft (Kap. 13), und schließlich die Minoer in ihren vielfältigen Beziehungen zu anderen Kulturen (Kap. 14). In all diesen Fällen geht jede Betrachtung von den stummen archäologischen Zeugnissen (Architektur und Artefakte) aus. Dennoch strebt dieser Ansatz nicht danach, sich auf die Ebene der materiellen Zeugnisse zu beschränken, sondern sie als Quellen zu benutzen, um letztendlich die Individuen zu fassen und ihre Handlungsräume sowie Praktiken zu rekonstruieren.

Durch diese Gliederung, die von den Quellen selbst determiniert ist, verfolgt das vorliegende Handbuch ein doppeltes Ziel: Es soll zum einen eine Einführung in die minoische Kultur bieten, die sowohl interessierte Laien als auch Studierende und hoffentlich auch Archäologen mit Gewinn lesen können. Die Absicht, einen Text zu schreiben, der sowohl an die Fachgemeinschaft als auch an die breite Öffentlichkeit adressiert ist, stellt sicherlich ein schwieriges Unterfangen dar, doch erscheint sie mir unumgänglich. In einer Zeit, in der die Archäologie und andere Altertumswissenschaften ihren Existenzgrund und ihre Bedeutung für die moderne Gesellschaft legitimieren müssen, ist es notwendig, sich zu öffnen und den eigenen Untersuchungsgegenstand auf eine Weise zu präsentieren, die das Interesse eines weiteren Leserkreises über die engen Grenzen des eigenen Faches hinaus wecken kann. Denn die bloßen archäologischen Fakten und die umsichtigen Interpretationsversuche der Archäologen können viel spannender sein als die wilden Theorien der populärwissenschaftlichen Bücher, die in der Regel auf der Suche nach vermeintlichen Sensationen die Intelligenz ihrer Leser unterschätzen. Zum anderen soll dieses Buch den Leser dazu anspornen, Kreta zu besuchen und sich in die eindrucksvolle Naturkulisse der hier geschilderten archäologischen Geschichte zu begeben. Die Lektüre wird unvollständig bleiben, wenn man die minoischen Ruinen und Meisterwerke nicht mit eigenen Augen sieht und auf sich wirken lässt. Nicht in Knossos mit seiner durch die übermäßige touristische Entwicklung verunstalteten Umgebung, sondern in Phaistos, Ajia Triada, Palaikastro, Galatas, Monastiraki, Koumasa, Trypiti, Zominthos, Vathypetro, also dort, wo die minoischen Ruinen in eine atemberaubende und in manchen Fällen sogar noch unberührte Landschaft eingebettet sind, lohnt es sich, für eine Weile innezuhalten und den Ausblick zu genießen. Auch wenn man dadurch den Geheimnissen dieser Gesellschaft nicht näherkommen kann, ist es möglich, etwas von der ›Stimmung‹ einer Kultur zu spüren, die ein sehr harmonisches Verhältnis mit ihrer natürlichen Umwelt entwickelte und diesen Lebensraum auf eine eindrucksvolle Weise kulturell formte.

Abb. 1: Kretische Landschaft südwestlich von Juchtas.

1     Miller, Henry 2017: Der Koloß von Maroussi, 38. Aufl., Reinbeck, S. 119.

 

 

 

A.        Grundzüge: Forscher, Raum und Zeit

 

1          ›Mythen‹ und archäologische Realität: Ein forschungsgeschichtlicher Überblick

 

 

 

»The first question which arose was what name should be given to this civilization and to the race who produced it. Many suggestions were made, but by tacit consent it was left to Dr. Arthur J. Evans as the doyen of Cretan excavators to settle the question …« (Richard Seager)2

Am unteren rechten Rand des monumentalen Gemäldes des Jüngsten Gerichts in der Sixtinischen Kapelle steht inmitten einer Gruppe von Dämonen ein grimmiger, von einer riesigen Schlange umwundener Minos. Inspiriert von Dantes Inferno verewigte Michelangelo in seinem apokalyptischen Bild den legendären kretischen König als gerechten Totenrichter. Ohne allerdings auch nur ein einziges Vorbild für seine Erscheinung gehabt zu haben, gab er ihm das Gesicht des von ihm verhassten Zeremonienmeisters Biagio da Cesena, der sich wiederholt beim Papst über die nackten Körper in Michelangelos Gemälde beschwert hatte. Und obwohl dies nichts anderes als ein Capriccio des genialen italienischen Malers war, hat die vom ihm erschaffene Gestalt auf ideale Weise die Ambivalenz des Minos in der griechischen Überlieferung bildlich festgehalten. Denn der kretische König wurde in verschiedenen Mythen nicht nur als gerechter Richter, sondern auch als blutrünstiger Herrscher dargestellt. In diesen widersprüchlichen Erzählungen verdichteten sich zweifellos diverse Fragmente der griechischen Erinnerung an dieses besondere Inselvolk und seinen Herrscher. Für mehrere Jahrhunderte boten sie die einzigen konkreten Bezugspunkte für Gelehrte, um die prä-historische Vergangenheit Kretas zu rekonstruieren, weil deren materielle Spuren von der kretischen Erde für mehr als drei Jahrtausende unsichtbar bewahrt wurden. Erst mit der Befreiung der Insel von der osmanischen Herrschaft im vorletzten Jahr des 19. Jahrhunderts begann die systematische archäologische Erforschung auf Kreta, die nach und nach diese einzigartige bronzezeitliche Gesellschaft ans Licht brachte.

Eine Auseinandersetzung mit der minoischen Kultur darf diese griechischen Mythen nicht ignorieren, sondern muss sich der brennenden Frage stellen, ob sie einen historischen Kern gehabt haben könnten. Generell galt Kreta in der antiken Überlieferung als Wiege von vielen kulturellen und technischen Errungenschaften, von der Gesetzgebung bis zur Viehzucht und Metallverarbeitung. Die Legenden, mit denen die griechischen Dichter, Chronisten und Philosophen die Insel umgaben, haben ihren größten Gott, Zeus, als Ausgangspunkt. Er soll auf Kreta geboren und gestorben sein. Zeus entführte in Gestalt eines weißen Stiers die schöne Königstochter Europa nach Kreta und zeugte dort mit ihr seine Söhne Minos, Rhadamanthys und Sarpedon. Die Informationen über diese und andere kretische Herrscher und ihre Geschlechter sind widersprüchlich. Die mythische Überlieferung kannte zwei Herrschergestalten mit dem Namen Minos: Der erste Herrscher war der Begründer der königlichen Dynastie auf der Insel, der zweite derjenige, der, wie wir in den homerischen Epen erfahren, die Insel unter seine Herrschaft brachte und sein Reich über Kreta hinaus ausdehnte. Sein Enkel Idomeneus hat als knossischer König am Trojanischen Krieg teilgenommen. Aus anderen Quellen, darunter Hesiod und später Diodor, erfahren wir, dass Minos als Abkömmling des göttlichen Zeus und »königlichster unter den sterblichen Königen«3 der erste Stifter einer geordneten Stadt (politeia) und frühester Gesetzgeber war. Minos stieg, wie ein zweiter Moses, auf den Berg Ida (Psiloritis), um sich mit seinem Gott und Vater zu treffen und von ihm belehrt zu werden. Der Ort dieser Begegnung, die alle acht oder neun Jahre stattfand, war die Idäische Zeus-Grotte, der Geburtsort des kretischen Zeus. Sogar der Begründer der Geschichtsforschung, Thukydides, erwähnt Minos in der Einleitung seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges als den ersten Herrscher, der die Piraten aus der Ägäis vertrieben und deren maritime Wege dominiert hat. Als gerechter Gesetzgeber wurde Minos zu einem der Totenrichter des Hades und in diesem würdevollen Amt hat man ihn oft in der griechischen Kunst dargestellt. Aber die griechische Überlieferung zeichnete zugleich ein ganz anderes Bild von ihm. Er soll ein Tyrann gewesen sein, der den Athenern einen unmenschlichen Tribut auferlegt hat. Alle neun Jahre mussten sie sieben Mädchen und sieben Knaben dem Minotaurus zum Fraß senden. Diese Bestie, halb Mensch, halb Stier, war der widernatürlichen Vereinigung der Königstochter Pasiphae mit einem weißen Stier entsprungen, der ursprünglich dem Poseidon geopfert werden sollte. Schauplatz dieses tragischen Menschenopfers war das Labyrinth, das in Minos’ Auftrag vom genialen Erfinder und Künstler Daidalos erbaut worden war. Erst dem athenischen Heroen Theseus gelang es, das Ungeheuer zu töten, während die in ihn verliebte Prinzessin Ariadne ihm einen Faden schenkte, durch den er den Weg aus dem Labyrinth fand.

Die Frage nach dem eventuellen historischen Kern dieser Mythen, die ein recht widersprüchliches Bild des kretischen Herrschers zeichnen, ist mit zwei Problemen behaftet. Erstens klafft zwischen dem Ende der minoischen Kultur und der frühesten (schriftlichen) Fixierung der griechischen Mythen eine zeitliche Lücke von mehreren Jahrhunderten. Es gibt dabei keine Hinweise auf einen ununterbrochenen Erinnerungsstrom. Man muss hingegen mit erheblichen Brüchen, Rissen und Verzerrungen der Erinnerung rechnen. Zweitens sind diese Mythen, zumindest in der Form, in der sie uns überliefert sind, nicht auf Kreta selbst, sondern in den Zentren des griechischen Festlands entstanden und weitertradiert worden. Der Blick, den sie uns in die Geschichte der Minoer ermöglichen, wie Sokrates selbst im (pseudo-)platonischen Dialog Minos zugibt, ist daher ein Blick von außen, die Perspektive einer anderen Kultur. Ein solcher Blickwinkel könnte die sehr ambivalente Darstellung des Minos erklären. Man braucht nur an die zwiespältige Einstellung von modernen Völkern gegenüber Großmächten zu denken, welche zugleich bewundert und gehasst werden. Vielleicht besaßen die widersprüchlichen Mythen über Minos doch einen historischen Kern, indem sie die ferne Erinnerung der vermutlich von der minoischen Übermacht unterdrückten griechischen Bevölkerungsgruppen bewahrten. Nach über 100 Jahren intensiver archäologischer Forschung sind wir nun in der Lage, diese Frage sehr nüchtern anzugehen, indem wir die Fakten zur minoischen materiellen Kultur mit dem Stoff der mythischen Erzählungen vergleichen. Packen wir dieses Problem vom Kopf her an und beginnen wir mit einem kurzen Abriss der Forschungsgeschichte.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der kretischen Vergangenheit in der Neuzeit wurde durch Expeditionen oder Reisen von Gesandten und Gelehrten eingeleitet. Gebildete Europäer entdeckten bei ihren Wanderungen auf der Insel reiche materielle Überreste vergangener Perioden, die an fast jeder Ecke der kretischen Landschaft an die Oberfläche ragten. Die meisten Reisenden konnten der Versuchung nicht widerstehen, die sichtbaren Ruinen mit einem der in der mythischen oder historischen Überlieferung erwähnten Orte in Beziehung zu setzen. Die Berichte der Italiener Cristoforo Buondelmonti, der Kreta 1414 und 1415 besuchte, und Onorio Belli (1583–1599), des Niederländers Olfert Dapper (1688), der wohlgemerkt die Insel nie betreten hat, der Franzosen Joseph Pitton de Tournefort (1700), Philippe de Bonneval und Mathieu Dumas (1783) und Victor Raulin (1845), des Österreichers Franz Wilhelm Sieber (1817), der Engländer Richard Pockocke (1739), Robert Pashley (1834) und Thomas A. B. Spratt (1851–1853) und vieler anderer sind sehr hilfreiche Bestandsaufnahmen der kretischen Geologie, Geografie, Fauna und Flora, Denkmäler, Bevölkerung und Sitten, die den Archäologen auch heute noch eine sehr wertvolle Informationsquelle bieten. Diese Berichte haben allerdings nichts zur Erhellung der bronzezeitlichen Vergangenheit der Insel beitragen können. Bereits im späten 18. Jahrhundert beklagte sich William Mitford in seiner Geschichte Griechenlands, dass uns die Materialien zu einer vollständigen Geschichte Kretas fehlen. Mit dieser Beobachtung leitete Karl Hoeck 1823 sein Buch über Kreta ein, in dem er den ersten systematischen Versuch unternahm, auf der Grundlage von Mythen und historischen Texten die Ära des Minos zu rekonstruieren.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts, also einige Jahrzehnte vor dem Beginn der ersten archäologischen Grabungen auf der Insel, erblickte die moderne Welt zum ersten Mal das Antlitz eines Minoers und zwar nicht auf Kreta, sondern in Ägypten. In den Privatgräbern von wichtigen Beamten der 18. Dynastie, die allmählich in den Nekropolen von Theben-West ans Licht kamen, waren Gesandte eines Fremdvolkes zu sehen, die, mit sehr eleganter Frisur und Kleidung versehen, die kostbare Gaben als diplomatische Geschenke zum ägyptischen König brachten. Ohne sichere Anhaltspunkte gehabt zu haben, da zu diesem Zeitpunkt noch keine materiellen Überreste der minoischen Kultur bekannt waren, identifizierte der Ägyptologe Heinrich Brugsch diese Gesandten bereits im Jahre 1858 – und zwar korrekt – mit der bronzezeitlichen Kultur Kretas: eine geniale Pionierleistung.

Auf Kreta selbst begann die archäologische Erforschung der minoischen Kultur bereits vor der Befreiung der Insel aus der osmanischen Herrschaft. Nach einer bemerkenswerten Fügung des Schicksals trug der erste Entdecker des minoischen Palastes von Knossos den Namen des mythischen Königs, der hier residiert haben soll: Es war der gebildete kretische Kaufmann Minos Kalokairinos, der 1878 oder 1879 die erste – und sehr kurze – Grabungskampagne auf dem Hügel Kephala durchführte. Dort legte er zwei Magazinräume des Palastes frei, die mit großen Vorratsgefäßen gefüllt waren. Nach einem Versuch von Heinrich Schliemann, eine Grabungskonzession für Knossos zu erlangen, die an den hohen finanziellen Forderungen der türkischen Behörden scheiterte, gelang es dem Archäologen Arthur Evans, das Gelände von Kephala zu erwerben. Evans, der in den vorangegangenen Jahren die Insel auf der Suche nach Zeugnissen uralter Schriften durchkämmt hatte, war – wie vor ihm auch Kalokairinos – überzeugt, dass an dieser Stelle der Sitz des legendären kretischen Königs Minos lag.

Die systematischen Grabungen in Knossos unter Evans’ Leitung begannen am 23. März 1900. Binnen sechs Jahren wurden der gesamte Palastkomplex und mehrere Bauten in dessen unmittelbarer Umgebung freigelegt. Die meisten Räume des Palastes enthielten keine kostbaren Gegenstände, weil sie offensichtlich vor der endgültigen Aufgabe des Gebäudes entfernt worden waren. Dennoch reichten die Architektur und luxuriöse Ausstattung dieser Megastruktur allein, um Archäologen und Laien gleichermaßen in Staunen zu versetzen. Vor den Augen der westlichen Welt entfaltete sich eine antike Kultur, die in ihrer Verfeinerung, Natur- und Lebensfreude fast wie eine utopische Welt wirkte, eine Welt, die in scharfem Kontrast zu der von Krisen erschütterten Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts stand. In den darauffolgenden Jahren haben griechische, britische, italienische, französische und amerikanische Archäologen in verschiedenen Regionen der Insel weitere minoische Paläste sowie Villen, Siedlungen, Nekropolen und Heiligtümer entdeckt. Diese Pioniere kamen vor allem aus Großnationen mit einem starken Interesse an der Insel, die in einem geopolitischen Spannungsbereich lag. Zu diesem internationalen Kreis der ersten Archäologen, die auf der Insel tätig waren, gehörten neben Arthur Evans die Griechen Iosif Hatzidakis und Stephanos Xanthoudides, die Italiener Federico Halbherr, Roberto Paribeni, Enrico Stefani und Luigi Pernier, die Briten John Myres, David George Hogarth, Robert Carr Bosanquet und Richard MacGillivray Dawkins, der Amerikaner Richard Seager und, last but not least, die Amerikanerinnen Harriet Boyd-Hawes und Edith Hall, welche bedeutende Grabungsprojekte geleitet und publiziert haben und zwar in einer Zeit, in der Frauen eine derart verantwortungsvolle Rolle meist verwehrt blieb. Ein besonderer Glücksfall in der Erforschung der minoischen Kultur war ferner die Tatsache, dass die intensiven archäologischen Untersuchungen erst nach dem Ende der osmanischen Herrschaft begannen. Bereits vor der politischen Autonomie Kretas und der späteren Vereinigung mit Griechenland war die Heraklion Gesellschaft zur Förderung von Bildung gegründet worden (1878), deren primäres Ziel in dem Studium und der Erhaltung des kretischen kulturellen Erbes bestand. Dadurch blieben nahezu alle Funde der großen europäischen und amerikanischen Grabungen weiterhin auf der Insel. Im Gegensatz zum bitteren Schicksal des Parthenonfrieses, des Pergamonaltars oder der Nofretete-Büste musste keines der Meisterwerke der minoischen Kultur auf legalen – oder scheinbar legalen – Wegen seine Heimat verlassen. Dies ist größtenteils den heroischen Bemühungen der Mitglieder dieser Gesellschaft zu verdanken. Georges Clemenceau, der 1904, vor seiner Amtszeit als französischer Premierminister, Kreta besuchte, um die kretischen Altertümer und das kretische Volk zu studieren, bezeichnete ihren Vorsitzenden, Iosif Hatzidakis, sehr treffend als die »wütende Archäologie« (l’archéologie enragée)4. Durch diese kämpferische Haltung einer kleinen Gruppe von begeisterten Pionieren begannen allmählich die ersten spektakulären Funde, welche die kretische Erde freigab, die Magazine des neugegründeten Heraklion-Museums zu füllen, das sich sehr schnell als viel zu klein erwies, um den unaufhörlichen Strom an minoischen Kunstwerken zu beherbergen.

Wenige Jahre nach dem Ende der Grabungen im Palast von Knossos und während weitere Neufunde von anderen minoischen Fundorten von der westlichen Welt mit Begeisterung aufgenommen wurden, begann Evans mit seiner Rekonstruktionsarbeit, der er einen großen Teil seines Ruhmes verdankt. Diese Rekonstruktion war eine doppelte: eine bauliche und eine gedankliche. Evans entschied sich, die freigelegten baulichen Überreste des Palastes, der überwiegend nur in seinen Erd- und Untergeschossen erhalten war, mit Stahlbeton, dem neuen Wundermaterial seiner Zeit, zu rekonstruieren. Bei der Realisierung dieses Plans gingen er und seine Mitarbeiter zugegebenermaßen sehr rigoros vor. Sie ergänzten und restaurierten nicht nur, sondern bauten teilweise den Palast neu. Säulen, Fassaden, Treppen wurden anhand des Vorbilds von Architekturdarstellungen auf der minoischen Bausubstanz errichtet und haben sie stellenweise völlig überdeckt. Was wir heute sehen, ist eigentlich nicht nur Minos’, sondern auch Evans’ Palast, welcher in vielen Fällen keinen architektonischen Tatsachen, sondern den Vorstellungen dieser großen Forscherpersönlichkeit und ihrer Zeit entspricht. Die moderne Forschung, die generell Evans’ Rekonstruktionen verurteilt, übersieht, dass die Kritik an diesem Vorhaben bereits in der Zeit seiner Entstehung und Durchführung begann, da Evans nicht in einer britischen Kolonie, sondern in einem unabhängigen Staat mit einer strengen Gesetzgebung zum kulturellen Erbe agierte. Eine nähere Auseinandersetzung mit der Rolle der griechischen Archäologen und Behörden bei diesem spannenden Kapitel der minoischen Archäologie, die seitdem ausgeblieben ist, würde viele Facetten des knossischen Restaurationsprojektes, seiner Hintergründe und seiner unmittelbaren Rezeption beleuchten.

Die zweite Rekonstruktion, die Evans für die minoische Archäologie unsterblich machte, war die gedankliche. Nach zwanzigjähriger Arbeit vollendete er sein vierbändiges Monumentalwerk The Palace of Minos at Knossos. Auf über 2800 Seiten hat er nicht nur die Ergebnisse seiner Arbeiten in Knossos vorgelegt, sondern eine Enzyklopädie über das Werden und Wesen der minoischen Kultur geschrieben. Alle modernen ›Mythen‹ über die Minoer haben ihren Ursprung in dieser, in Umfang und Einfluss unübertroffenen Arbeit, die man bis in die 1980er-Jahre nicht ohne Grund als ›Bibel der minoischen Archäologie‹ bezeichnete. Sie stellt allerdings keine echte Publikation des Palastes dar, wie die kurz darauf erschienene, nüchterne Studie der italienischen Archäologen Luigi Pernier und Luisa Banti über Phaistos, sondern eine Gesamtvision der minoischen Kultur, in der sich archäologische Fakten mit kühnen Vermutungen, aber auch mit wilden und unhaltbaren Hypothesen vermischten. Diese umfassende Synthese der minoischen Kultur mit den unzähligen darin enthaltenen Deutungen, den Begriffen, die Evans eingeführt hat, und nicht zuletzt seinem Chronologie-System haben alle nachfolgenden Generationen von Archäologen vor eine riesige Herausforderung gestellt und prägen noch immer ganz entscheidend das Profil dieser archäologischen Teildisziplin. Es gibt vielleicht kein anderes altertumswissenschaftliches Fach, in dem die Gestalt und das Werk des Begründers in aktuellen Debatten noch immer so präsent sind, wie die minoische Archäologie. In The Palace of Minos erzählt Evans die Geschichte einer Inselgesellschaft, die, begünstigt durch ihre geografische Lage zwischen drei Kontinenten, den Reichtum und die Vielfalt ihrer natürlichen Ressourcen und nicht zuletzt durch die Kreativität ihrer Menschen im frühen zweiten Jahrtausend v. Chr., den Sprung zu einer Hochkultur schaffte: Auf einer vergleichsweise kleinen territorialen Basis hat man nach einem eigenständigen Modell Paläste monumentaler Dimensionen errichtet, mehrere Schriftsysteme entwickelt, einen komplexen Verwaltungsapparat aufgebaut und viele Zweige des Kunsthandwerks zu einer erstaunlichen Blüte gebracht. Im Palast von Knossos residierten Priesterkönige, die ihre politische Legitimation aus der sakralen Dimension ihrer Herrschaft schöpften. Die Minoer sollen mit ihrer Flotte den größten Teil der Ägäis beherrscht und Kontakte mit den Nachbarländern im östlichen Mittelmeer gepflegt haben, wo sie in Diplomatie und Handel als ebenbürtige Partner der großen orientalischen Reiche aufgetreten sind. An der Spitze ihres Pantheons stand eine große Göttin, die von einem jugendlichen Gott begleitet war, welcher aber bloß eine Nebenrolle spielte. Die Frauen genossen eine ganz besondere soziale Stellung und scheinen mindestens ebenso wichtig wie die Männer gewesen zu sein. Ein sehr markanter Aspekt dieser minoischen Erfolgsgeschichte war unter anderem das kosmopolitische Flair dieser Hochkultur, das sich in ihrer lichtdurchfluteten Architektur, den feinen Erzeugnissen des Kunsthandwerks und den friedvollen Themen ihrer Bilderwelt manifestierte.

Abb. 2: Siegelabdruck aus dem Palast von Knossos mit der Darstellung einer weiblichen Gottheit (Mother of the Mountain).

Dies waren die Hauptkomponenten von Evans’ Vorstellungen über das minoische Kreta. Auch wenn die rezente Forschung mit einer gewissen Vehemenz versucht, Evans als einen Gelehrten darzustellen, dessen Ideen viel zu stark seinem sozialen Hintergrund und konkreter dem viktorianischen England geschuldet waren, ist die Realität wesentlich komplexer, wenn man tatsächlich seine monumentale Publikation liest – was man über einige seiner Kritiker nicht mit Sicherheit behaupten kann. Denn hier tritt vor unsere Augen ein belesener Archäologe, welcher der fragmentarischen Überlieferung mithilfe von orientalischen Vorstellungen, ja sogar von Vorbildern der italienischen Renaissance, Sprache verleihen wollte. Seine Vermutung einer klaren Segregation der Geschlechter im Palast von Knossos, die Rekonstruktion eines piano nobile (Beletage) im Obergeschoss des Ostflügels desselben Gebäudes und viele andere Hypothesen haben nichts mit seinem britischen Hintergrund zu tun. Dieses aus diversen persönlichen Erfahrungen, Lektüren und Recherchen gespeiste Bild der Minoer, das Evans oft ohne wissenschaftliche Stringenz kompiliert hat, ist in den meisten älteren Fachpublikationen und aktuellen populärwissenschaftlichen Büchern reproduziert worden. Die brennende Frage ist allerdings, was von diesem modernen Mythos tatsächlich wahr ist – einem Mythos, der auf den Hypothesen eines Forschers, seiner Zeitgenossen und seiner unmittelbaren Nachfolger aufbaut. Haben die darauffolgenden Jahrzehnte intensivster archäologischer Forschung auf Kreta dieses gedankliche Konstrukt verändert oder nicht? War Evans so genial, dass er das meiste richtig erfassen und die großen Lücken in der Überlieferung mit plausiblen Vermutungen füllen konnte? Was darf man letztendlich von dieser traditionellen Rekonstruktion der minoischen Kultur heute noch glauben? Bevor man versucht, diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll, einen näheren Blick auf die Geschichte der minoischen Archäologie nach der Zeit der Pioniere zu werfen.

Die ersten Jahrzehnte der Erforschung des minoischen Kreta bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sind, wie bereits betont, ganz eindeutig von Evans’ Gestalt und Wirken dominiert. Neben ihm und seinen bereits erwähnten Kollegen muss man die wichtigsten Persönlichkeiten der zweiten Forschergeneration zumindest namentlich erwähnen, weil sie mit ihrem Wirken vor und nach dem Zweiten Weltkrieg die Entwicklung dieser Disziplin im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt haben: die Griechen Spyridon Marinatos und Nikolaos Platon, die Franzosen Fernand Chapoutier, Jean Charbonneaux und Pierre Demargne, die Italiener Doro Levi und Luisa Banti, der Belgier Henri van Effenterre und schließlich der Brite John Pendlebury, jener großartige Archäologe, Sportler und Abenteurer, der über mehrere Jahre die Insel zu Fuß durchstreifte, Grabungen auf Kreta und in Ägypten durchführte und den ersten systematischen Überblick über die minoische Kultur publizierte, bevor er 1941 mit 36 Jahren beim Kampf um Kreta von den Deutschen hingerichtet wurde. Deutsche Archäologen, wie Friedrich Matz, haben wesentliche Beiträge zum Verständnis der minoischen materiellen Kultur geleistet, ohne allerdings – wegen der politischen ›Großwetterlage‹ – je die Gelegenheit gehabt zu haben, selbst auf der Insel durch Grabungen aktiv zu sein. Nur während der deutschen Besatzung der Insel (1941–1944) haben sie kleinere Grabungen an verschiedenen Orten durchgeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und während die Insel und ganz Griechenland versuchten, die tiefen Wunden zu heilen, welche die deutsche Besatzung und der anschließende Bürgerkrieg hinterlassen hatten, wurde allmählich die systematische archäologische Erforschung auf Kreta wieder aufgenommen. Neben den griechischen Archäologen arbeiteten weiterhin sehr intensiv britische, italienische und französische Kollegen, die nicht nur Grabungen, sondern auch Oberflächenbegehungen in verschiedenen Regionen der Insel durchführten.

In den ersten drei Jahrzehnten nach Evans’ Tod (1941) haben die neuen Funde und Forschungen sein Theoriegebäude nicht radikal verändern können. Die beiden entscheidenden Wendepunkte in der Entwicklung der minoischen Archäologie kamen erst später. Der erste war 1967 die Entdeckung und systematische Untersuchung der Siedlung von Akrotiri auf Thera (Santorin), die gegen Mitte des 16. Jahrhunderts v. Chr. von einer verheerenden Vulkaneruption verschüttet worden war. Diese Entdeckung verdanken wir einer der großen Gestalten der minoischen Archäologie, Spyridon Marinatos, der lange Zeit auf Kreta tätig war und bereits vor dem Zweiten Weltkrieg vermutete, dass die Vulkaneruption von Thera ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der minoischen Kultur gewesen sein musste. Die Debatte über den genauen Zeitpunkt der Vulkaneruption im Rahmen der minoischen absoluten Chronologie und vor allem über ihre Auswirkungen auf die minoische Palastkultur dauert bis heute an. Der zweite wichtige Wendepunkt war die Bewegung der ›New Archaeology‹ (seit den 1960er-Jahren), welche die archäologischen Disziplinen revolutionierte und auch die Methoden und Ziele der minoischen Archäologie radikal veränderte. Die wichtigste Prämisse dieses Forschungsansatzes war, dass man sich durch Anleihen aus anderen Disziplinen, wie z. B. der Soziologie, Ethnologie und Geschichte, das Ziel setzte, neue, möglichst objektive und wissenschaftliche Methoden für die Interpretation von archäolo-

Karte 1: Kreta

gischen Funden und Befunden zu entwickeln. Diese neuen Methoden sollten die einfachen, erfahrungsbezogenen Argumente vergangener Archäologengenerationen durch ein gemeinsames methodisches Instrumentarium ersetzen, das eine solide analytische Grundlage für das Fach formen konnte. Diese Bewegung löste eine sehr intensiv geführte Theoriediskussion aus, die auch die Schwächen des eigenen Ansatzes offenbarte und zu einer Weiterentwicklung, Erweiterung und Verbesserung ihrer ursprünglichen Prämissen führte. Nach einigen Jahrzehnten von Diskursen zur archäologischen Theorie und Methode kann man heute objektiv feststellen, dass das Profil der Archäologie während dieser Zeit eine entscheidende Umwandlung durchgemacht hat. Die Auswirkung dieses Veränderungsprozesses auf die einzelnen archäologischen Disziplinen ist allerdings unterschiedlich ausgefallen. Die Klassische Archäologie, Vorderasiatische Archäologie und Ägyptologie haben sich diesem radikalen Richtungswechsel eher zögernd angenähert. Offensichtlich lag der Grund dieser langsameren Reaktion in der Fülle von materiellen, bildlichen und epigrafischen Zeugnissen in diesen Kulturen, die noch immer nicht leicht zu bewältigen sind. Die minoische Archäologie und viele andere prähistorische Archäologien haben allerdings die Notwendigkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit theoretischen Erklärungsmodellen rasch erkannt und sie für die Interpretation von Funden und Befunden auf vielfältige Weise angewendet. Der besondere Beitrag dieser Bewegung für die Erforschung des minoischen Kreta besteht vor allem darin, dass sie den auf der Insel tätigen Archäologen geholfen hat, sich von vielen traditionellen Ansichten oder modernen Konstrukten zu befreien und die dort ansässige Kultur mit anderen Augen zu sehen. Nicht Homer und das antike Griechenland, sondern andere vormoderne Kulturen wurden nun – zumindest für einen Teil der Fachgemeinschaft – die wichtigsten Referenzpunkte für die Auswertung und vor allem die Interpretation der archäologischen Daten. Zahlreiche neue Themen, Herangehensweisen und Erklärungsmodelle haben die Debatten über die großen Fragen zur minoischen Kultur wesentlich belebt. Die Bedeutung dieser neuen Methoden und Theorien wird ersichtlich, wenn man bedenkt, dass sie mittlerweile als Kern der akademischen Ausbildung von Studierenden an britischen und zum Teil auch an nordamerikanischen Universitäten betrachtet werden. Eine wesentliche Rolle bei der dynamischen Entwicklung der minoischen Archäologie in den letzten Jahrzehnten hat schließlich das Institute for Aegean Prehistory (INSTAP) gespielt, das von Malcolm Wiener gegründet wurde. INSTAP hat durch die jährliche großzügige Finanzierung von unzähligen Grabungen, Oberflächenbegehungen und Forschungsprojekten maßgeblich zur Vielfalt, Dynamik und internationalen Sichtbarkeit dieser archäologischen Disziplin beigetragen.

Wo stehen wir heute nach über 120 Jahren intensiver Forschungen auf und über Kreta? Die systematische archäologische Arbeit auf der Insel und auch außerhalb Kretas hat eine große Fülle an Zeugnissen der materiellen Kultur der Minoer geliefert: Neue imposante Gebäude, darunter auch neue Paläste, kamen ans Licht. Das Datierungssystem wurde seit Evans’ Zeit wesentlich verfeinert. Minoisch aussehende Fresken wurden außerhalb Kretas, ja sogar außerhalb der Ägäis (Ägypten) entdeckt. Man kann heute von einer weitaus günstigeren Überlieferungslage als zu Evans’ Zeit ausgehen. Und dennoch kann man immer noch die großen offenen Fragen zur minoischen Kultur nicht leicht beantworten. Die moderne archäologische Forschung kann zwar Zweifel an den alten Thesen äußern, diese jedoch nur selten durch plausiblere Modelle ersetzen. Auch in der Zukunft wird es den Archäologen nur schwer gelingen, die Minoer wirklich zu verstehen. Solange wir keine umfangreichen, lesbaren schriftlichen Quellen haben, ist es unmöglich, in die Mentalität und die intellektuellen Leistungen dieser Kultur einzudringen. Auch wenn die minoischen Schriften (›Kretische Hieroglyphen‹ und Linear A) irgendwann entziffert werden, ist es wahrscheinlicher, dass uns die spärlichen erhaltenen Texte weniger Antworten, als vielmehr neue schwierige Fragen mit auf den Weg geben werden.

Die oben erwähnte intellektuelle Bewegung der ›New Archaeology‹ und konkreter die neue Fülle an Interpretationsmodellen sowie die Bereitschaft für interdisziplinäre Zusammenarbeit haben Themen, Methoden und Ziele der minoischen Archäologie neu definiert. Diese archäologische Disziplin begreift sich nun stärker nicht als Kunst-, sondern als Kulturgeschichte der Antike. Wir interessieren uns nicht mehr nur für die typologischen, stilistischen und chronologischen Aspekte von Bauresten, Bildern und Artefakten, sondern auch für die Menschen, die sie geschaffen, wahrgenommen und benutzt haben. Wir betrachten die materiellen Spuren dieser Kultur nicht als Selbstzweck – in anderen Worten: um ihrer selbst willen –, sondern als Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck kann kein anderer sein, als kulturelle Praktiken zu rekonstruieren. Wir bemühen uns, eine konkretere Vorstellung von den Wahrnehmungs- und Verwendungskontexten zu gewinnen, in denen gebaute Räume, Bilder und Artefakte ihren konkreten sozialen Sinn erfüllten. Wir streben nach einer Rekonstruktion minoischer Realitäten, die nicht nur die Bereiche der traditionellen Forschung, sondern auch neue Themenfelder erfassen. Es geht nicht nur um soziale und politische Strukturen, Architektur, Kunst, Handwerk, Religion, Administration, Außenbeziehungen etc., sondern auch um Alltag, wirtschaftliche und symbolische Strategien, kulturelle Identität von Individuen und Kollektiven, Konsum, Wahrnehmung von Natur- und Tierwelt, Architektur, Menschen und Dinge, Materialität der Bilder und Artefakte, soziale Ordnungen von Räumen und Dingen, Feste, Geschlechter sowie ihre sozialen Konstruktionen und Rollen, Körper und Sinne. Bei all diesen Bemühungen soll unser Hauptaugenmerk stets nicht auf Prozessen und abstrakten Konzepten, sondern auf den Akteuren selbst liegen, den minoischen Menschen, denen alle materiellen Spuren dieser Kultur ihren Existenzgrund verdanken. Die neuen Konzepte, Methoden und Themen dürfen die traditionellen Fragestellungen nicht verdrängen, sondern nur erweitern und dadurch ein möglichst differenziertes und umfassendes Bild von minoischen Realitäten bieten. Denn die großen Fragen, welche die Forscher von Beginn an beschäftigten, sind noch unbeantwortet und stellen uns weiterhin vor große wissenschaftliche Herausforderungen: Wie und wann entstanden und endeten die minoischen Paläste? Was war ihre eigentliche Funktion? Wie wirkte sich der Vulkanausbruch von Thera auf die kulturelle Entwicklung Kretas aus? Was für eine Sprache oder Sprachen stecken hinter den minoischen Schriftsystemen? Wie lassen sich politische und soziale Strukturen rekonstruieren?

Durch neue spektakuläre Entdeckungen und durch die geduldige Arbeit von Archäologen auf dem Feld, in den Museumsmagazinen und am Schreibtisch entstehen immer mehr neue Fragen. Das Bild, das wir von der minoischen Kultur haben, wird dabei eigentlich nicht klarer, sondern immer komplexer. Evans’ evolutionistisches Denken und konkreter die Vorstellung von einem Prozess der ständigen Entwicklung bis zum Ende einer Kultur bildet sicherlich eine allzu vereinfachte Darstellung der historischen Realität, in der Stabilität und Fortschritt mit Brüchen und Rezessionen alternieren. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Geschichte der minoischen Kultur mit einem viel zu starken Fokus auf Knossos behandelt worden. Obwohl dieses Zentrum tatsächlich den Kern dessen bildet, was wir als minoische Kultur fassen und verstehen, dürfen wir keinesfalls vergessen, dass wir uns nicht mit der Geschichte eines einzelnen Ortes, sondern der gesamten Insel auseinandersetzen müssen. Jeder Blick auf das minoische Kreta macht notwendig, dass man nicht nur eine, sondern mehrere lokale Geschichten erzählt, die je nach Periode konvergieren oder divergieren können und als Ganzes die ›minoische Kultur‹ ausmachen. Die Grabungen der letzten Jahrzehnte haben mehrere Gebäude in Archanes, Petras, Galatas und vielleicht auch Pretoria/Damantri freigelegt, die man als Paläste bezeichnen könnte. Ein weiterer Palast wird in Chania vermutet. Die Vielzahl an Palastbauten und das Fehlen von eindeutigen Herrscherdarstellungen gaben Anlass zu einer neuen Deutung dieser monumentalen Strukturen, die von der traditionellen Vorstellung von Königen und königlichen Residenzen deutlich Abstand genommen hat. Trotz der beiden nicht leicht zu vereinbarenden Positionen trägt die Debatte, die dadurch entfacht wurde, wesentlich zu einer Schärfung unseres analytischen Blickes und letztendlich zu einem besseren Verständnis der sozialen Strukturen dieser Kultur bei.

Diese und andere Fragen werden uns in den nächsten Jahrzehnten sicherlich weiterhin begleiten. Die minoische Archäologie ist bestens gewappnet, um solchen großen Herausforderungen zu begegnen. Das traditionelle archäologische ›Handwerk‹ wurde in den letzten Jahrzehnten durch neue Dokumentationstechniken und Methoden erweitert und bietet uns heute ein sehr vielfältiges Instrumentarium. Neben den zahlreichen kulturtheoretischen Konzepten, die die minoische Archäologie aus anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen übernahm, hat sie sehr intensiv mit den Naturwissenschaften zusammengearbeitet. Die verschiedenen Methoden zur absoluten Chronologie (Radiokarbonmethode, Dendrochronologie, Eiskernanalyse), die petrografischen, spektroskopischen und chemischen Analysen zur Bestimmung der Zusammensetzung und Herkunft von verschiedenen Materialien, die Anwendung von elektronischen Mikroskopen, diverse Methoden für die Untersuchung von menschlichen und tierischen Knochen sowie pflanzlichen Überresten und schließlich geologische und geografische Methoden haben der minoischen Archäologie, wie auch vielen anderen archäologischen Disziplinen, ein ganz neues Profil und neue Möglichkeiten gegeben. Hinzu kamen in den letzten Jahren die digitalen Dokumentations- und Visualisierungstechniken (GIS-Systeme, 3D-Laserscanner, Totalstationen etc.), welche die archäologische Arbeit revolutioniert haben. Dadurch ist es noch deutlicher geworden, dass der Archäologe kein Schatzsucher, sondern ein ›Forensiker der Antike‹ ist. Sein Ziel ist es nicht, Objekte zu finden und zu bergen, sondern antike ›Tatorte‹ mit einem eindrucksvollen Aufgebot an archäologischen, digitalen und naturwissenschaftlichen Methoden zu sichern und genauestens zu dokumentieren, damit er Handlungen, Lebensweisen und Prozesse rekonstruieren kann. Vor uns steht eine sehr spannende Zeit. Die kretische Erde, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts den suchenden Archäologen mit spektakulären Entdeckungen belohnte, hat immer noch sehr viel zu bieten. Das zeigen die überraschenden Funde der letzten Jahre, die weiterhin Staunen hervorrufen. Dabei versprechen die neuen Methoden und Herangehensweisen, die ständig weiterentwickelt werden, die historische Aussagekraft von alten und neuen Funden voll auszuschöpfen. Das Wissensabenteuer geht weiter!

 

 

Literatur

Brown, Ann 1983: Arthur Evans and the Palace of Minos, Oxford

Evans, Joan 1943: Time and Chance. The Story of Arthur Evans and his Forebears, London/New York, S. 309–396

Hatzidakis, Iosif 1931: Ιστορία του Κρητικού Μουσείου και των αρχαιολογικών ερευνών εν Κρήτη, Athen

Horwitz, Sylvia 1981: The Find of a Lifetime: Sir Arthur Evans and the Discovery of Knossos, New York

Huxley, Davina (Hg.) 2000: Cretan Quests. British Explorers, Excavators and Historians, London

Huxley, George 1968: Minoans in Greek Sources. A Lecture, Belfast

Karadimas, Nektarios 2015: The Unknown Past of Minoan Archaeology. From the Renaissance until the Arrival of Sir Arthur Evans in Crete, in: Cappel, Sarah u. a. (Hgg.): Minoan Archaeology: Perspectives for the 21st Century, Louvain-la-Neuve, S. 3–15

Karo, Georg 1959: Greifen am Thron. Erinnerungen an Knossos, Baden-Baden

McDonald, William/Thomas, Carol 1990: Progress into the Past. The Discovery of Mycenaean Civilization, 2. Auflage, Bloomington – Indianapolis

Marinatos, Nanno 2015: Sir Arthur Evans and Minoan Crete. Creating the Vision of Knossos, London/New York

Muhly, James/Sikla, Evangelia (Hgg.) 2000: One Hundred Years of American Archaeological Work on Crete, Athens

Niemeier, Wolf-Dietrich 1995: Die Utopie eines verlorenen Paradieses: Die Minoische Kultur als neuzeitliche Mythenschöpfung, in: Stupperich, Reinhard (Hg.) 1995: Lebendige Antike. Rezeptionen der Antike in Politik, Kunst und Wissenschaft der Neuzeit, Mannheim, S. 195–206

Scuola Archeologica Italiana di Atene (hg. Institution) 1984: Creta Antica. Cento anni di archeologia italiana (1884–1984), Rom

2     Seager, Richard B. 1912: Explorations in the Island of Mochlos, Boston – New York, S. 3.

3     Platon, Minos, 320d.

4     Hatzidakis, Iosif 1931: Ιστορία του Κρητικού Μουσείου και των αρχαιολογικών ερευνών εν Κρήτη, Athen, S. 9, Anm. 1.

 

2          Das chronologische Gerüst

 

 

 

»Study problems, not periods.« (Lord Acton)5

Der wichtigste Ausgangspunkt der archäologischen Arbeit besteht in der Aufgabe, die vergangene Zeit in Perioden zu gliedern, welchen man dann die materiellen Zeugnisse einer antiken Kultur systematisch zuweisen und sie dadurch datieren kann. Je präziser dieses System der aufeinanderfolgenden Phasen (relative Chronologie) ist, desto genauer wird die Rekonstruktion des Entwicklungsablaufs einer Kultur. Die relative Chronologie des minoischen Kreta geht auf Sir Arthur Evans zurück, der Anfang des 20. Jahrhunderts ein dreigeteiltes Chronologie-System für die Entwicklung dieser Kultur einführte. Die drei Hauptperioden (Früh-, Mittel- und Spätminoikum) entsprechen mehr oder weniger den drei wichtigsten historischen Perioden der ägyptischen Kultur (Altes, Mittleres und Neues Reich). Sie sind in jeweils drei Phasen unterteilt, die mit den römischen Zahlen I, II und III bezeichnet werden. Die Grundlage für die Definition der Perioden und Phasen bot, wie es bei den meisten Chronologie-Systemen prähistorischer Kulturen der Fall ist, die Keramik. Sie ist die einzige archäologische Gattung, anhand der man den Lauf der Zeit aufgrund ihrer Fülle und des ständigen Wechsels in Tonart, Form und Dekor in feinere Zeitabschnitte gliedern kann. Das Evans’sche System wurde später für die relative Datierung der Kulturentwicklung in den beiden anderen ägäischen Regionen übernommen (griechisches Festland und Kykladen). Trotz seines sehr schablonenhaften Charakters, den bereits Evans selbst erkannt hatte, ist es bis heute gültig geblieben, obwohl man schnell festgestellt hat, dass die Etappen der minoischen Kulturentwicklung, die sicherlich nicht symmetrisch zueinander verliefen, nicht so einfach an die starre, zweifache Dreiteilung dieser Chronologie angepasst werden konnten. Die nachfolgenden Archäologengenerationen haben lediglich versucht, ›kosmetische‹ Korrekturen an Evans’ Chronologie-Gebäude vorzunehmen, indem sie die neun Phasen seines Systems je nach Bedarf in zwei oder drei Subphasen unterteilten (z. B. Mittelminoisch II A und B oder Spätminoisch III A, III B, III C). In einigen Fällen wurden nach intensiven Untersuchungen der relevanten Keramikgruppen auch diese Subphasen in kleineren Zeitabschnitten gespalten (z. B. Spätminoisch III A:1 und III A:2). Dadurch hat man ein etwas präziseres chronologisches Instrument mit Subphasen erhalten, deren Dauer in einigen Fällen nur ein paar Jahrzehnte umfasst.

Auch wenn mit diesen Eingriffen eine strukturelle Schwäche der Evans’schen Chronologie teilweise behoben wurde, müssen wir immer noch mit einem weiteren und noch schwierigeren Problem kämpfen. Dieses besteht darin, dass die Zäsuren der einzelnen Zeitabschnitte in vielen Fällen mit keinen archäologisch greifbaren Ereignissen (z. B. Zerstörungshorizonten) zusammenfallen und daher beliebig nach oben oder nach unten verschoben werden können. Zwischen der letzten Phase des Neolithikums und dem Beginn der Bronzezeit geschieht, abgesehen von langsamen sozialen Prozessen, nichts, was man als konkretes Ereignis archäologisch fassen kann. Dasselbe gilt für die fiktiven Zäsuren zwischen den Perioden FM und MM sowie zwischen MM und SM und auch zwischen vielen Subphasen. Diese Perioden, die sich eigentlich nur durch besondere Keramikwaren identifizieren lassen, gehen in vielen Fällen ohne erkennbare Brüche oder Veränderungen ineinander über. Will man nun die chronologische Entwicklung tabellarisch darstellen, wäre es eigentlich sinnvoller, die einzelnen Perioden nicht durch Linien zu trennen, die Zäsuren angeben, sondern durch Farbe, die sich in der Mitte verdichtet und an ihren jeweiligen Rändern (Beginn bzw. Ende) verblasst (s. Abb. 3). Ein weiteres Problem dieses Datierungssystems stellt die Tatsache dar, dass es im Prinzip auf der Grundlage von knossischen Befunden erarbeitet wurde und nicht ohne Weiteres als ein zuverlässiges Kriterium für die chronologische Gliederung von Perioden in allen anderen Inselregionen betrachtet werden kann.

Ein alternatives Datierungssystem, das vom griechischen Archäologen Nikolaos Platon in den 1950er-Jahren vorgeschlagen wurde, bietet zwar eine sehr überlegenswerte Möglichkeit der parallelen Datierung, ist allerdings mit einer großen Schwäche behaftet. Platons zeitliche Gliederung orientiert sich nicht an der Keramik, sondern an der Baugeschichte der Paläste. Dadurch wird die Entwicklung der minoischen Kultur in vier große Perioden unterteilt: Vor-, Alt-, Neu- und Spätpalastzeit. Diese großen Perioden haben ganz klare Zäsuren, die teilweise auch archäologisch fassbar sind. Dies betrifft jedoch weniger die dunklen Anfänge der Paläste, als vielmehr die einander abwechselnden Episoden von Zerstörung und Wiederaufbau, die sehr konkrete Spuren hinterlassen haben. Diese Zäsuren bieten zugleich wichtige Wendepunkte in der minoischen Kulturabfolge. Die Hauptschwäche des alternativen Datierungssystems ist allerdings offensichtlich: Platons vier Perioden bestehen aus zu langen und zu unpräzisen Zeitabschnitten, um die minoische Kulturentwicklung zu strukturieren und Prozesse, Bauten oder Artefakte zu datieren. Für eine feinere Unterteilung dieser Perioden ist die Forschung immer noch auf Evans’ schablonenhaftes Gliederungsschema angewiesen:

Tab. 1: Perioden der minoischen Kulturgeschichte

Auch die Geschichte der Paläste bietet also keine sichere Grundlage für die Gliederung der historischen Zeit in Perioden mit klaren zeitlichen Grenzen, da man immer noch über die endgültige Zerstörung des Palastes von Knossos (in der frühen SM III A:2- oder am Ende der SM III B-Periode) debattiert. Darüber hinaus ist der Begriff ›Nachpalastzeit‹ für die Periode nach SM I B nicht ganz korrekt, da mindestens ein Palast (Knossos) für mindestens ein paar Generationen oder sogar Jahrhunderte weiter existierte. Der sich langsam etablierende Begriff ›Spätpalastzeit‹ als Definition dieses Zeitabschnitts entspricht daher besser den archäologischen Tatsachen. Rezente Funde aus der Altstadt von Chania, darunter auch Linear-B-Täfelchen, machen sogar die Existenz eines zweiten kretischen Palastes bzw. eines administrativen Zentrums in dieser spätpalastzeitlichen Periode sehr wahrscheinlich, das erst am Ende der SH III B-Periode zerstört wurde. Dadurch wird der Begriff ›Nachpalastzeit‹ eigentlich obsolet, denn er bezeichnet eine Periode, in der mindestens ein Palastzentrum noch existierte.

Die beiden obengenannten Systeme werden nun seit einiger Zeit parallel nebeneinander verwendet: Das präzisere Evans’sche System als chronologisches Instrument für Datierungen, Platons System als chronologisches Gerüst für die Differenzierung der wichtigsten Entwicklungsetappen der minoischen Kultur. In der Zukunft könnte man sich eventuell auf eine konsequentere Kombination beider Systeme einigen. Es erscheint sehr sinnvoll, dass man Platons architektonische Periodenbezeichnungen mit sehr klaren Zäsuren als Grundlage nimmt und sie für eine feinere Datierung in Phasen der Keramikchronologie unterteilt, wie z. B. Altpalastzeit I, II, III. Diese Unterteilung sollte nicht nach einem symmetrischen Prinzip, wie in Evans’ System, erfolgen, das heißt durch eine erste Dreiteilung in Phasen und eine zweite in Subphasen, sondern sich nur an tatsächlich erkennbaren, unterschiedlichen Phasen der Keramikentwicklung orientieren. Die Vorpalastzeit könnte z. B. fünf, die Altpalastzeit drei und die Neupalastzeit vier Phasen haben. Sehr hilfreich wäre dabei die Methode der vergleichenden Stratigrafie, deren Ziel darin besteht, die stratigrafischen Abfolgen (d. h. die übereinander liegenden Schichten verschiedener Besiedlungsphasen) wichtiger minoischer Fundorte miteinander zu synchronisieren. Erst wenn wir eine umfassende Vorstellung gewinnen, wie sich lokale Keramikabfolgen zueinander verhalten, können wir Phasen einer gesamtkretischen – d. h. minoischen – Chronologie festlegen. Erste Versuche einer vergleichenden Stratigrafie sind bereits von mehreren Seiten unternommen worden. Was noch fehlt, ist eine Bündelung dieser Untersuchungen in einem neuen Chronologie-Modell. Es versteht sich von selbst, dass dieses Unternehmen nicht die Leistung einer einzelnen Person, sondern eher eine kollektive Anstrengung sein muss, die bis heute leider noch aussteht.

Abb. 3: Systematische Chronologie

Die minoische absolute Chronologie ist mit ihren eigenen Problemen behaftet. Sie wurde für lange Zeit ausschließlich durch die traditionelle historisch-archäologische Methode ermittelt, deren Grundlage die Synchronismen der ägäischen Kulturen mit den besser zu datierenden Kulturen Ägyptens und des Vorderen Orients bildeten (traditionelle oder niedrige Chronologie). Erst seit den 1970er-Jahren werden systematisch naturwissenschaftliche Datierungsmethoden (in erster Linie die Radiokarbonmethode und die Dendrochronologie) eingesetzt, die für eine wesentlich höhere absolute Datierung einzelner Phasen der ägäischen Kulturen, insbesondere vor der Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr., sprechen (neue oder hohe Chronologie). Die zeitliche Diskrepanz zwischen den beiden Systemen ist in einzelnen Phasen beträchtlich und kann über ein Jahrhundert betragen. Dreh- und Angelpunkt der hohen absoluten Chronologie stellt der Vulkanausbruch auf Thera (Santorin) dar. Eine Serie von 14C-Daten (Radiokarbonmethode) und insbesondere die Datierung des Astes eines in der Bimssteinschicht entdeckten Olivenbaumes etwa sieben Kilometer von Akrotiri entfernt um 1613 v. Chr. (± 13 Jahre) schien zunächst eindeutig für die hohe Chronologie zu sprechen. Mehrere Forscher haben allerdings die Zuverlässigkeit dieser Datierung, die einige methodische Schwachpunkte aufweist, angezweifelt. Das größte Problem der hohen absoluten Chronologie ist ihre Unvereinbarkeit mit archäologischen Synchronismen und insbesondere ihre deutliche Diskrepanz zum System der aufgrund von naturwissenschaftlichen und archäologischen Zeugnissen solideren ägyptischen Chronologie. Der Begriff ›archäologischer Synchronismus‹ bezieht sich auf die Feststellung von zeitlich übereinstimmenden Schichten zweier unterschiedlicher Fundorte oder Perioden in zwei unterschiedlichen Kulturregionen, die durch Importe bzw. Exporte hergestellt werden kann. Jeder ägäische Archäologe, der die Fülle der ägyptischen schriftlichen Quellen und die Präzision altägyptischer Kalenderdaten bestaunt, fühlt sich geneigt, eher für die niedrige (traditionelle) Chronologie zu plädieren. Dies scheinen nun neue Kalibrierungskurven zu bestätigen, die für eine Chronologie der Vulkaneruption von Thera im 16. Jahrhundert v. Chr. sprechen. Wegen dieser Unsicherheiten und vor allem wegen der Schwierigkeit einer präzisen Datierung wird in diesem Buch generell vermieden, absolute chronologische Daten zu nennen. Dies