Das Museum der Unschuld - Orhan Pamuk - E-Book

Das Museum der Unschuld E-Book

Orhan Pamuk

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Beschreibung

Kemal, ein junger Mann aus der Oberschicht Istanbuls, verfällt der Liebe zu einer armen Verwandten - der blutjungen, naiven und wunderschönen Füsun. Was als Affäre begonnen hat, wächst sich bald zu einer Obsession aus, doch das hindert Kemal nicht daran, die Beziehung mit seiner Verlobten fortzuführen. Nach dem rauschenden Verlobungsfest lässt sich die Geliebte nicht mehr blicken. Verzweifelt erkennt Kemal, dass er Füsun über alles liebt. Doch es ist zu spät. Der Nobelpreisträger Orhan Pamuk erzählt in seinem großen Liebesroman von einer Gesellschaftsschicht der Türkei, die in vielem ganz und gar westlich scheint und doch noch traditionelle Züge trägt - ein Kontrast, der subtile Ironie erzeugt.

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Hanser E-Book

Orhan Pamuk

Das Museumder Unschuld

Roman

Aus dem Türkischenvon Gerhard Meier

Carl Hanser Verlag

Die türkische Ausgabe Masumiyet Müzesi erschien 2008bei Iletişim Yayınları in Istanbul.

ISBN 978-3-446-25236-3

© Orhan Pamuk 2008

Alle Rechte der deutschen Ausgabe:

© Carl Hanser Verlag München 2008/2016

Schutzumschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München, unter Verwendung eines Fotos aus dem Privatbesitz des Autors

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Leutkirch

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele andere Informationen finden Sie unter www.hanser-literaturverlage.de

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Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Inhaltsverzeichnis

1 Der glücklichste Augenblick meines Lebens

2 Boutique Champs-Élysées

3 Entfernte Verwandte

4 Sex im Büro

5 Im Restaurant Fuaye

6 Füsuns Tränen

7 Das Merhamet Apartmanı

8 Die erste türkische Fruchtlimonade

9 F

10 Die Lichter der Stadt und das Glück

11 Das Opferfest

12 Auf die Lippen küssen

13 Liebe, Mut und Modernität

14 Die Straßen, Brücken und Plätze von Istanbul

15 Ein paar leidige anthropologische Tatsachen

16 Eifersucht

17 Mein ganzes Leben ist nun mit dem deinen verbunden

18 Die Geschichte von Belkıs

19 Eine Totenfeier

20 Füsuns zwei Bedingungen

21 Die Geschichte meines Vaters: Perlenohrringe

22 Rahmis Hand

23 Schweigen

24 Die Verlobung

25 Quälendes Warten

26 Anatomische Verortung des Liebesschmerzes

27 Lehn dich nicht so weit nach hinten, sonst fällst du noch runter

28 Der Trost der Dinge

29 Es gab keinen Augenblick mehr, in dem ich nicht an sie dachte

30 Füsun ist nicht mehr da

31 Die Straßen, die mich an sie erinnern

32 Schatten und Phantome, die ich für Füsun hielt

33 Billige Zerstreuung

34 Wie die Hündin im Weltall

35 Der Kern meiner Sammlung

36 In der Hoffnung, meinen Schmerz zu lindern

37 Eine leere Wohnung

38 Die Sommerabschlussparty

39 Das Geständnis

40 Die Tröstungen des Lebens in der Villa am Bosporus

41 Rückenschwimmen

42 Herbstmelancholie

43 Kalte, einsame Novembertage in der Villa

44 Das Hotel Fatih

45 Urlaub am Uludağ

46 Ist es vielleicht normal, dass man seine Verlobte einfach sitzenlässt?

47 Der Tod meines Vaters

48 Das Wichtigste im Leben ist, dass man glücklich ist

49 Ich wollte ihr einen Heiratsantrag machen

50 Meine letzte Begegnung mit ihr

51 Glück ist nichts anderes, als dem geliebten Menschen nah zu sein

52 Ein Film über die Schmerzen des Lebens muss aufrichtig und echt sein

53 Groll und ein gebrochenes Herz nützen niemandem

54 Die Zeit

55 Komm doch morgen wieder, dann sitzen wir wieder

56 Limon-Film GmbH

57 Nicht aufstehen können

58 Bingo

59 Wie man ein Drehbuch durch die Zensur bringt

60 Bosporus-Abende im Lokal Huzur

61 Blicke

62 Damit die Zeit vergeht

63 Die Klatschspalte

64 Brand auf dem Bosporus

65 Die Hunde

66 Was ist das eigentlich?

67 Kölnisch Wasser

68 4213 Zigarettenkippen

69 Manchmal

70 Gebrochene Leben

71 Sie kommen ja überhaupt nicht mehr, Kemal

72 Das Leben ist genau wie die Liebe …

73 Füsuns Führerschein

74 Onkel Tarık

75 Konditorei İnci

76 Die Kinos von Beyoğlu

77 Grand Hotel Semiramis

78 Sommerregen

79 Die Reise in eine andere Welt

80 Nach dem Unfall

81 Das Museum der Unschuld

82 Sammler

83 Das Glück

Stadtplan

Verzeichnis der fiktiven Personen

Verzeichnis der realen Personen

Für Rüya

Erst sah ich mir die Utensilien auf ihrem Toilettentisch an, die Döschen und Flakons. Ich nahm die kleine Uhr in die Hand, drehte und wendete sie. Dann blickte ich in ihren Schrank. Die vielen Kleider und Accessoires … All diese Dinge, die eine Frau vervollkommnen, lösten Einsamkeit in mir aus, Mitleid und das Gefühl und den Wunsch, selbst diese Frau zu sein.

Ahmet Hamdi Tanpınar, Aufzeichnungen

Wenn ein Mensch im Traum das Paradies durchwanderte, und man gäbe ihm eine Blume als Beweis, dass er dort war, und er fände beim Aufwachen diese Blume in seiner Hand – was dann?

Samuel Taylor Coleridge, Aufzeichnungen

Nur sehr naive Menschen glauben, Armut sei bloß ein leichtes Vergehen, das einem verziehen werde, sobald man zu Geld komme.

Celâl Salik, Aufzeichnungen

1Der glücklichste Augenblick meines Lebens

Es war der glücklichste Augenblick meines Lebens, und ich wusste es nicht einmal. Doch hätte ich es gewusst, wäre dann alles ganz anders gekommen und mein Glück mir erhalten worden? Ja, denn wenn ich begriffen hätte, dass ich nie wieder so glücklich sein würde, dann hätte ich dieses Glück doch nicht ziehen lassen! Jener einzigartige Augenblick, in dem mich eine tiefe innere Ruhe überkam, mag wenige Sekunden gedauert haben, und doch erschien mir dieses Glück wie Stunden, wie Jahre. Am Montag, den 26. Mai 1975, gegen Viertel vor drei waren wir von Schuld und Sünde, von Reue und Strafe errettet, und in der Welt waren die Gesetze von Zeit und Schwerkraft aufgehoben. Ich küsste Füsuns von Hitze und Liebesspiel errötete Schulter, umarmte das Mädchen von hinten, drang in sie ein und knabberte an ihrem linken Ohr, wobei ihr Ohrring sich löste, kurz in der Luft zu verharren schien und dann herunterfiel. Wir waren so selig, dass wir den Ohrring, auf dessen Form ich damals nicht achtete, gar nicht bemerkten und uns weiter liebkosten.

Draußen leuchtete der Istanbuler Frühlingshimmel. Die Menschen auf den Straßen, noch ganz winterlich eingepackt, schwitzten, doch in den Häusern und Geschäften, unter Linden und Kastanienbäumen war es noch kühl. Eine solche Kühle ging auch von der muffigen Matratze aus, auf der wir uns liebten wie glückliche Kinder und alles um uns herum vergaßen. Durch das offene Balkonfenster wehte eine nach Meer und Lindenblüten duftende Frühlingsbrise herein, bauschte die Gardinen und ließ sie wie in Zeitlupe auf unsere nackten, erschauernden Körper herabsinken. Im Hinterzimmer jener Wohnung im zweiten Stock sahen wir vom Bett auf den Hof hinaus, wo in der Maiwärme Kinder ungestüm Fußball spielten und derbe Flüche ausstießen, und als wir merkten, dass wir Wort für Wort vollführten, was die da draußen suggerierten, hielten wir einen Augenblick inne und sahen uns lächelnd an. Unser Glück war aber so tief und so groß, dass wir diesen Scherz, den das Leben uns aus dem Hinterhof zukommen ließ, ebenso schnell wieder vergaßen wie den Ohrring mit dem großen F darauf.

Als wir uns tags darauf wieder trafen, sagte mir Füsun, sie vermisse einen ihrer Ohrringe. Ich hatte ihn, als sie fort war, auf dem blauen Laken gesehen und ihn, anstatt ihn beiseite zu legen, irgendwie instinktiv in meine Jackentasche gesteckt, um ihn nicht zu verlieren. »Da ist er«, sagte ich und fasste in die rechte Tasche meiner Jacke, die über dem Stuhl hing. »Ah, nein, doch nicht.« Erst glaubte ich schon an irgendein böses Omen, doch dann fiel mir ein, dass ich wegen des warmen Wetters eine andere Jacke angezogen hatte. »Der ist in der Tasche meiner Jacke von gestern.«

»Bring ihn mir morgen mit, vergiss es nicht, ja?« sagte Füsun mit großen Augen. »Der ist mir sehr wichtig.«

»Gut.«

Die achtzehnjährige Füsun war eine entfernte mittellose Verwandte von mir, an die ich mich einen Monat vorher kaum hätte erinnern können. Ich selbst war dreißig und stand kurz vor der Verlobung mit Sibel, einer Frau, die nach Meinung aller ausgezeichnet zu mir passte.

2Boutique Champs-Élysées

Die Geschehnisse und Zufälle, die meinem Leben einen anderen Verlauf geben sollten, nahmen einen Monat vorher ihren Anfang, nämlich am 27. April 1975, dem Tag, an dem ich zusammen mit Sibel in einem Schaufenster eine Handtasche der berühmten Marke Jenny Colon sah. Meine Fastverlobte und ich genossen in der Valikonağı-Straße den lauen Frühlingsabend, und beide waren wir etwas angeheitert und sehr glücklich. Im Fuaye, einem neueröffneten schicken Restaurant im Stadtteil Nişantaşı, hatten wir gerade beim Abendessen mit meinen Eltern ausführlich die Verlobungsvorbereitungen besprochen. Die Feier sollte Mitte Juni stattfinden, damit auch Sibels in Paris wohnende Freundin Nurcihan daran teilnehmen konnte, mit der sie in Istanbul ins Gymnasium »Notre Dame de Sion« gegangen war und in Paris studiert hatte. Bei İpek İsmet, damals einer der angesehensten und teuersten Schneiderinnen von Istanbul, hatte Sibel schon längst ihr Verlobungskleid bestellt. Meine Mutter hatte mit Sibel zum erstenmal darüber beratschlagt, wie die Perlen, die sie ihr dafür geben würde, in das Kleid eingearbeitet werden sollten. Mein zukünftiger Schwiegervater wollte seinem einzigen Kind eine Verlobung ausrichten, die nicht minder prächtig ausfallen sollte als die Hochzeit selbst, und davon war meine Mutter sehr angetan. Mein Vater wiederum war hocherfreut über eine Schwiegertochter, die in Paris an der Sorbonne studiert hatte (wenn aus der Istanbuler Bourgeoisie jemand seine Tochter in Paris studieren ließ, dann hieß es grundsätzlich, sie sei »an der Sorbonne«).

Ich war dabei, Sibel nach dem Essen nach Hause zu bringen, und dachte gerade voller Stolz, den Arm liebevoll um ihre wohlgeformte Schulter gelegt, was für ein Glückspilz ich doch war, als Sibel plötzlich ausrief: »Schau mal, die schöne Tasche!« Wenn auch mein Kopf vom Wein schon etwas benebelt war, merkte ich mir sogleich den Laden und die Tasche, um jene am Tag darauf zu erstehen. Eigentlich gehörte ich ja nicht zu den galanten Männern, die aus ganz natürlichem Antrieb eine Frau mit Geschenken verwöhnen und ihr beim geringsten Anlass Blumen schicken, aber vielleicht wollte ich so einer werden. In Vierteln wie Şişli, Nişantaşı und Bebek eröffneten damals gelangweilte Societydamen nicht Kunstgalerien, sondern Boutiquen, in denen sie aus Elle oder Vogue abgekupferte oder aber kofferweise aus Paris oder Mailand eingeflogene Kleider und nachgemachten Modekram zu aberwitzigen Preisen an andere gelangweilte, aber solvente Hausfrauen zu verhökern suchten. Şenay, die Besitzerin der Boutique Champs-Élysées, erinnerte mich, als ich sie Jahre später besuchte, geflissentlich daran, dass sie genau wie Füsun mütterlicherseits sehr weitläufig mit uns verwandt war. Mein gesteigertes Interesse an allen Gegenständen, die mit Füsun und der Boutique Champs-Élysées zu tun hatten – dieses Ladenschild inklusive –, nahm Şenay ungerührt zur Kenntnis, und sie händigte mir auch alle gewünschten Gegenstände aus, ohne nach den Gründen dafür zu fragen. Ich konnte mich daher des Gefühls nicht erwehren, dass über so manche Seltsamkeit meiner Beziehung zu Füsun nicht nur sie Bescheid wusste, sondern ein viel größerer Personenkreis, als ich vermutet hätte.

Als ich am nächsten Tag gegen halb eins die Boutique Champs-Élysées betrat, ertönte das Klingeln einer kleinen bronzenen Türglocke mit zwei Klöppeln, das mir noch heute das Herz klopfen lässt. Bei der Mittagshitze draußen wirkte das Ladeninnere angenehm dunkel und kühl. Erst dachte ich schon, es sei niemand da. Dann sah ich Füsun. Während meine Augen sich noch an das Halbdunkel gewöhnen mussten, schwoll mir das Herz schon bis zum Mund an wie eine riesige, auf den Strand zurollende Welle.

»Ich hätte gern die Tasche da an der Schaufensterpuppe.«

Ein ausgesprochen hübsches Mädchen, dachte ich, sehr attraktiv.

»Die cremefarbene Jenny-Colon-Tasche?«

Erst als sie mir gegenüberstand, erkannte ich sie.

»Die an der Schaufensterpuppe«, wiederholte ich wie im Traum.

»Augenblick«, sagte sie und ging zum Schaufenster. Rasch streifte sie links ihren gelben, hochhackigen Schuh ab, setzte den nackten Fuß mit den sorgfältig rotlackierten Nägeln auf den Schaufensterboden und beugte sich zu der Puppe vor. Ich sah zuerst auf den verlassenen Schuh und dann auf ihre langen schönen Beine. Sie waren schon im April braungebrannt.

Der gelbe Rock mit den Spitzen wirkte wegen ihrer langen Beine besonders kurz. Sie holte die Tasche, ging damit hinter den Ladentisch, öffnete mit ihren langgliedrigen, geschickten Fingern den Verschluss, zeigte mir geheimnistuerisch und übertrieben ernst – als gewähre sie mir Einblick in etwas ganz Intimes – das Tascheninnere (es kamen cremefarbene Knäuel Seidenpapier zum Vorschein), die beiden Nebenfächer (sie waren leer) und ein Geheimfach, in dem sich ein Papier mit der Aufschrift »Jenny Colon« und eine Pflegeanleitung befanden. Einmal kreuzten sich unsere Blicke.

»Hallo Füsun. Du bist ganz schön groß geworden. Du hast mich wohl nicht erkannt.«

»Doch, Kemal, ich habe Sie sofort erkannt, aber da Sie nichts gesagt haben, wollte ich nicht aufdringlich sein.«

Wir stockten. Ich sah auf die Stelle in der Tasche, auf die sie gerade gedeutet hatte. War es die Schönheit des Mädchens, war es ihr für damalige Zeiten erstaunlich kurzer Rock oder irgend etwas anderes, jedenfalls gelang es mir nicht, mich natürlich zu verhalten.

»Wie geht’s dir denn so?«

»Ich bereite mich auf die Zulassungsprüfung für die Uni vor. Und jeden Tag bin ich hier im Laden, da komme ich unter Leute.«

»Wunderbar. Wieviel soll jetzt die Tasche da kosten?«

Sie sah auf die Unterseite der Tasche und las von dem handgeschriebenen kleinen Etikett mit gerunzelter Stirn den Preis ab: »Tausendfünfhundert Lira.« (Das entsprach damals ungefähr dem halben Jahresgehalt eines kleinen Angestellten.) »Aber ich bin sicher, dass Şenay die Tasche für Sie etwas runtersetzt. Sie ist zum Mittagessen nach Hause gegangen. Ich kann sie jetzt nicht anrufen, vielleicht schläft sie. Aber wenn Sie gegen Abend noch mal vorbeischauen …«

»Schon gut«, sagte ich, und in einer Geste, die Füsun später an unserem geheimen Treffpunkt noch oft karikieren sollte, zog ich aus der hinteren Hosentasche meine Brieftasche und entnahm ihr die feuchten Geldscheine. Füsun verpackte die Tasche geschäftig, wenn auch nicht sehr fachmännisch, und steckte sie dann in eine Plastiktüte. Sie war sich wohl bewusst, dass ich, während sie da schweigend hantierte, auf ihre langen braunen Arme achtete und mir keine ihrer raschen, grazilen Bewegungen entgehen ließ. Dann reichte sie mir vornehm die Tüte, und ich bedankte mich. »Einen schönen Gruß an Tante Nesibe und an deinen Vater«, sagte ich noch (der Name von Onkel Tarık fiel mir gerade nicht ein). Kurz hielt ich inne: Mein zweites Ich stand mit Füsun in einer Ecke und küsste sie traumverloren. Schnell ging ich zur Tür. Was für ein Unsinn! Und so hübsch war Füsun gar nicht. Als die Türglocke schellte, hörte ich einen Kanarienvogel zwitschern. Ich trat auf die Straße, die Wärme draußen tat mir gut. Mit meinem Geschenk war ich zufrieden. Ich liebte Sibel sehr, und Füsun würde ich schnell vergessen.

3Entfernte Verwandte

Dennoch erzählte ich beim Abendessen meiner Mutter, dass ich Sibel eine Tasche gekauft hatte und dabei unserer entfernten Verwandten Füsun begegnet war.

»Ach ja, dort arbeitet die Tochter von Nesibe jetzt, leider Gottes!« sagte meine Mutter. »Die besuchen uns nicht einmal mehr an Feiertagen. Dieser Schönheitswettbewerb hat einiges angerichtet. Ich komme ständig an dem Laden vorbei, aber es zieht mich nie hinein, um dem armen Mädchen mal guten Tag zu sagen. Dabei mochte ich sie sehr, als sie noch klein war. Wenn Nesibe zum Nähen kam, war die Kleine auch manchmal dabei. Dann habe ich immer eure Spielsachen aus dem Schrank geholt, und mit denen amüsierte sie sich, während ihre Mutter arbeitete. Nesibes Mutter Mihriver, Gott hab sie selig, war auch eine Seele von Mensch.«

»Wie sind die eigentlich mit uns verwandt?«

Da mein Vater vor dem Fernseher saß und nicht zuhörte, holte meine Mutter ordentlich aus und erzählte davon, wie ihr Vater (also mein Großvater Ethem Kemal), der im gleichen Jahr geboren wurde wie Atatürk und – wie auf dem ersten dieser Fotos hier zu sehen ist – zusammen mit dem Gründer der Republik auch die gleiche Grundschule von Şemsi Efendi besuchte, einige Jahre bevor er meine Großmutter heiratete, mit kaum dreiundzwanzig Jahren eine überstürzte erste Ehe einging. Jenes bosnischstämmige arme Mädchen (Füsuns Urgroßmutter) sei während des Balkankriegs bei der Räumung Edirnes ums Leben gekommen. Die arme Frau habe zwar meinem Großvater Ethem Kemal kein Kind geboren, jedoch aus einer im Kindesalter geschlossenen Ehe schon eine Tochter namens Mihriver gehabt. Somit seien Tante Mihriver (Füsuns Großmutter), die dann von irgendwelchen sonderbaren Leuten aufgezogen wurde, und ihre Tochter Nesibe (Füsuns Mutter) eher als recht entfernte Verwandte zu werten, doch meine Mutter hatte immer darauf bestanden, dass wir die Frauen dieser Linie dennoch mit »Tante« anredeten. In letzter Zeit hatte meine Mutter (ihr Name ist Vecihe) diese verarmte Verwandtschaft, die in einem Gässchen in Teşvikiye wohnte, bei den Feiertagsbesuchen recht kühl behandelt und sie damit gekränkt. Anlass war, dass Füsun zwei Jahre zuvor als sechzehnjährige Gymnasiastin an einem Schönheitswettbewerb teilgenommen und Tante Nesibe nicht nur nichts dagegen unternommen, sondern – wie wir später erfuhren – das Mädchen sogar dazu ermuntert hatte, woraus meine Mutter schloss, dass Tante Nesibe, die sie früher gerne gemocht und unter ihre Fittiche genommen hatte, auf diese Schandtat auch noch stolz war, und so hatte sie ihr den Rücken gekehrt.

Dabei war Tante Nesibe meiner zwanzig Jahre älteren Mutter gegenüber voller Achtung und Zuneigung. Als junges Mädchen war sie ja auch von meiner Mutter sehr unterstützt worden, als sie sich in den besseren Vierteln als Näherin verdingte.

»Die waren dermaßen arm!« sagte meine Mutter. Und als fürchtete sie, übertrieben zu haben, fügte sie hinzu: »Aber nicht nur sie, die ganze Türkei war ja arm damals.« Meine Mutter empfahl zu jener Zeit Nesibe ihren Freundinnen als »hervorragenden Menschen und ausgezeichnete Schneiderin«, und einmal im Jahr (bisweilen auch zweimal) rief sie sie zu uns ins Haus und ließ sich von ihr für einen Empfang oder eine Hochzeit ein Kleid schneidern.

Ich sah sie dann kaum, weil ich meist in der Schule war. Als im Spätsommer 1956 für eine Hochzeit noch schnell ein Kleid fertig werden musste, ließ meine Mutter Nesibe in unser Sommerhaus in Suadiye kommen, und dann saßen die beiden in einem kleinen Zimmerchen im zweiten Stock, von dem sie durch Palmenblätter auf das Treiben der Boote und auf die Kinder hinuntersahen, die vom Landesteg ins Wasser sprangen, und umgeben von Stecknadeln, Messbändern, Stoffschnipseln und Spitzen aus Tante Nesibes Nähkästchen mit der Istanbul-Ansicht darauf saßen sie bis Mitternacht nähend zusammen, klagten über die Hitze, die Mücken und die viele Arbeit und lachten und scherzten doch auch wie zwei Schwestern, die sich gut verstehen. Ich weiß noch, wie der Koch Bekri in das nach Hitze und Seide riechende Zimmer gläserweise Limonade brachte, weil Nesibe stets von Schwangerschaftsgelüsten geplagt war und meine Mutter beim gemeinsamen Mittagessen dort einmal halb ernst, halb im Scherz sagte: »Einer Schwangeren muss man zu essen geben, was sie verlangt, sonst kriegt sie ein hässliches Baby!« Als ich damals Tante Nesibes leicht gewölbten Bauch bestaunte, muss ich Füsun zum erstenmal wahrgenommen haben, aber damals wusste man noch nicht einmal, ob es ein Junge oder ein Mädchen werden würde.

»Nesibe hat Füsun für älter ausgegeben, um sie bei diesem Wettbewerb anzumelden, und ihrem Mann hat sie nicht einmal Bescheid gesagt«, erregte sich meine Mutter noch im nachhinein. »Gott sei Dank hat sie nicht gewonnen, so dass ihnen wenigstens diese Schande erspart geblieben ist. Wenn es herausgekommen wäre, hätte man sie von der Schule verwiesen. Jetzt hat sie wenigstens das Abitur, aber ich glaube nicht, dass sie was Ordentliches studiert. Wie soll ich es auch wissen, wenn sie nicht einmal mehr an Feiertagen zu Besuch kommen? Was für Mädchen in diesem Land bei Schönheitswettbewerben mitmachen, ist ja sattsam bekannt. Wie hat sie sich denn dir gegenüber verhalten?«

Damit spielte meine Mutter darauf an, dass Füsun angeblich schon mit Männern schlief. Solche Gerüchte waren auch schon unter meinen Kumpels im Viertel aufgekommen, als Füsun unter den Gewinnerinnen der Vorentscheidung in Milliyet abgebildet war, aber ich hatte nicht den Anschein erwecken wollen, mich für so ein ehrenrühriges Thema überhaupt zu interessieren. Auch nun schwieg ich wieder, und meine Mutter hob bedeutsam den Finger und sagte: »Pass bloß auf! Du wirst dich bald mit einem ganz besonders hübschen und netten Mädchen verloben! Zeig doch mal die Tasche her, die du für sie gekauft hast. Mümtaz!« (So hieß mein Vater.) »Schau mal, Kemal hat Sibel eine Tasche gekauft!«

»Tatsächlich?« Von seinem Gesicht ließ sich ablesen, dass er die Tasche gesehen hatte, dass sie ihm gefiel und dass er sich mit seinem Sohn und seiner künftigen Schwiegertochter ehrlich mitfreute, aber eigentlich hatte er kaum den Blick vom Fernseher gewandt.

4Sex im Büro

Was mein Vater gerade auf dem Bildschirm sah, war eine großspurige Werbung für »MELTEM, die erste türkische Fruchtlimonade«, die von meinem Freund Zaim in der ganzen Türkei vermarktet wurde. Ich sah kurz hin, und mir gefiel die Werbung. Mit dem Vermögen seines Vaters, der genau wie meiner als Fabrikant in den letzten Jahren gut verdient hatte, tat Zaim sich kühn mit neuen Geschäftsideen hervor. Ich beriet ihn manchmal und wünschte ihm Erfolg.

Ich selbst hatte in den USA Management studiert und danach meinen Wehrdienst abgeleistet, woraufhin mein Vater, von dem Wunsch beseelt, ich solle in den Firmen, die sich aus seiner ständig expandierenden Fabrik verzweigten, ebenso Führungsaufgaben übernehmen wie mein Bruder, mich schon in jungen Jahren zum Geschäftsführer seiner Vertriebs- und Exportfirma Satsat in Harbiye gemacht hatte. Satsat war ein stattliches Unternehmen und warf hohe Gewinne ab, was aber nicht mir zu verdanken war, sondern den buchhalterischen Tricks, durch die der Gewinn der anderen Firmen auf die meine übertragen wurde. Ich verbrachte meine Tage damit, gegenüber den langgedienten Angestellten, den großbusigen Tanten, denen ich als Sohn des Chefs vor die Nase gesetzt worden war, möglichst wenig den Vorgesetzten herauszukehren und von ihnen die Feinheiten des Betriebes zu erlernen.

Wenn abends alle das alte Firmengebäude in Harbiye verlassen hatten, das immer bebte und zitterte, wenn – ähnlich müde wie die alten Angestellten – einer der betagten Stadtbusse vorbeifuhr – also fast ständig –, dann besuchte mich manchmal Sibel, mit der ich mich bald verloben sollte, und wir schliefen miteinander im Büro des Geschäftsführers. Trotz ihrer ganzen Modernheit und ihrem in Europa aufgeschnappten Gerede von Frauenrechten und ihrer feministischen Parolen hatte Sibel von Sekretärinnen eine Vorstellung, die sich kaum von der meiner Mutter unterschied, und so sagte sie manchmal: »Machen wir es lieber nicht hier, ich komme mir ja vor wie eine Sekretärin!« Doch der eigentliche Grund für die Hemmungen, die ich manchmal bei ihr verspürte, wenn wir uns auf der Ledercouch liebten, lag natürlich in der Furcht der damaligen türkischen Mädchen, ihr Sexualleben schon vor der Ehe zu beginnen. Die Töchter wohlhabender, europaerfahrener Familien machten sich gerade daran, das Jungfräulichkeitstabu zu brechen und schon vor der Ehe mit ihren Freunden Sex zu haben. Sibel rühmte sich manchmal, zu diesen »kühnen« Mädchen zu gehören, denn sie hatte schon elf Monate zuvor zum erstenmal mit mir geschlafen (höchste Zeit also, endlich zu heiraten!).

Nun, da ich nach all den Jahren bemüht bin, meine Geschichte so aufrichtig wie möglich niederzuschreiben, möchte ich weder die Verwegenheit meiner Freundin überbetonen noch auch unterschätzen, was auf Frauen in sexueller Hinsicht für ein Druck ausgeübt wurde. Schließlich hatte sich Sibel mir erst dann »hingegeben«, als sie überzeugt war, dass ich »ernste Absichten« hatte und sie letztendlich heiraten würde. Da ich eine ehrliche Haut war, hatte ich wirklich vor, das zu tun, doch auch, wenn es anders gewesen wäre, hätte ich sie kaum mehr verlassen können, nachdem sie mir doch ihre Jungfräulichkeit »geschenkt« hatte. Diese Verantwortung trübte ein wenig den trügerischen Stolz, den wir in schöner Übereinstimmung darauf empfanden, »frei und modern« zu sein (wenn wir auch diese Begriffe nicht explizit verwendeten), aber sie brachte uns auch einander näher.

Nachdenklich vermerkte ich auch, dass Sibel immer eifriger darauf anspielte, es werde nun doch allmählich Zeit, ans Heiraten zu denken. Wir hatten aber, wenn wir uns im Büro liebten, auch unbeschwerte Zeiten. Während von draußen der Verkehrslärm der Halaskârgazi-Straße hereindröhnte, umarmte ich Sibel im Halbdunkel und dachte oft, dass ich bis an mein Lebensende mit ihr glücklich sein würde. Einmal, als ich danach rauchte und meine Asche in den Aschenbecher mit der Aufschrift »Satsat« schnippte, setzte sich Sibel halbnackt auf den Stuhl meiner Sekretärin Zeynep, klapperte kichernd auf der Schreibmaschine herum und spielte den Typus der dümmlichen blonden Sekretärin nach, eine Lieblingsfigur der damaligen Witzblätter.

5Im Restaurant Fuaye

Das Fuaye, aus dem Sie hier die bebilderte Speisekarte, eine Werbestreichholzschachtel und eine Serviette sehen, die ich mir Jahre später besorgen konnte, entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem der beliebtesten Restaurants in europäischem Stil (also französischer Imitation), das vorwiegend von der verwestlichten Klientel der Stadtteile Beyoğlu, Şişli und Nişantaşı frequentiert wurde, die man in den Klatschspalten der Zeitungen spöttisch als »Society« bezeichnete. Um den Gästen nur möglichst diskret zu vermitteln, dass sie in einer europäischen Stadt speisten, verzichtete man auf pompöse Namen wie Ambassador, Majestik oder Royal und griff statt dessen auf Begriffe wie Kulis, Merdiven und Fuaye zurück, die noch Anklänge an Istanbul enthielten. Als die darauffolgende Generation von Neureichen am liebsten in prunkvoller Umgebung das Essen verzehrte, das sie von ihren Großmüttern gewöhnt war, öffneten in rascher Folge Lokale mit Namen wie Hanedan, Sultan, Hünkâr, Paşa und Vezir, die Pomp und Tradition zu vereinen wussten, und das Fuaye geriet schnell in Vergessenheit.

An dem Tag, als ich die Tasche kaufte, aßen wir erneut im Fuaye zu Abend, und ich sagte zu Sibel: »Was meinst du, sollen wir uns nicht lieber in der Wohnung im Merhamet Apartmanı treffen, wo meine Mutter ihre alten Sachen abstellt? Da, wo der schöne Hinterhof ist.«

»Du denkst also, dass wir nach der Verlobung nicht so bald heiraten und eine eigene Wohnung haben werden?«

»Das meine ich damit gar nicht, Schatz.«

»Ich will mich aber mit dir nicht mehr irgendwo treffen wie eine heimliche Geliebte.«

»Ja, du hast ja recht.«

»Wie bist du jetzt auf diese Wohnung gekommen?«

»Vergiss es«, sagte ich. Ich ließ meinen Blick über die fröhlich lärmende Gästeschar des Fuaye streifen und holte dann die Tasche aus der Plastiktüte.

»Was ist das denn?« fragte Sibel, schon in freudiger Erwartung eines Geschenks.

»Eine Überraschung. Mach schon auf!«

»Wirklich?« Die kindliche Vorfreude, mit der sie die Verpackung aufnestelte, wich erst einem eher fragenden Blick und schließlich kaum verhohlener Enttäuschung.

»Du weißt doch«, wollte ich nachhelfen, »das ist die aus dem Schaufenster, die dir so gefallen hat.«

»Ja. Das ist nett von dir.«

»Sie wird dir wunderbar stehen bei der Verlobung.«

»Leider weiß ich schon lange, was für eine Tasche ich bei der Verlobung tragen werde. Ach, schau nicht so traurig! Es ist ja trotzdem ein schönes Geschenk und wirklich lieb von dir … Na gut, damit du nicht betrübt bist, sag ich es dir: Ich kann diese Tasche sowieso nicht bei der Verlobung tragen, weil sie gefälscht ist.«

»Wie bitte?«

»Es ist keine echte Jenny-Colon-Tasche, lieber Kemal, sondern ein Imitat.«

»Woran merkst du denn das?«

»An einfach allem, Schatz. Schau doch mal, wie das Markenetikett angenäht ist. Und jetzt sieh dir an, wie das bei dieser echten Jenny-Colon-Tasche ist, die ich in Paris gekauft habe. Jenny Colon ist nicht umsonst eine der teuersten Marken Frankreichs und der ganzen Welt. So billigen Faden würden die nie und nimmer verwenden.«

Ich sah mir an, wie die echte Tasche vernäht war, und fragte mich dabei, warum meine künftige Verlobte damit so auftrumpfte. Dass sie »nur« die Tochter eines pensionierten Botschafters, in gewisser Weise eine »Beamtentochter« war, der die von seinem Vater, einem General, geerbten Grundstücke samt und sonders verwirtschaftet hatte, machte ihr manchmal zu schaffen. Dann erzählte sie gerne, wie gut ihre Großmutter Klavier spielte, dass ihr Großvater am Befreiungskrieg teilgenommen hatte und ihr Großvater mütterlicherseits ein Vertrauter von Sultan Abdülhamit gewesen sei, und ob ihrer rührenden Verlegenheit liebte ich sie gleich noch viel mehr. Infolge des Textil- und Exportbooms Anfang der siebziger Jahre hatte sich die Bevölkerungszahl Istanbuls verdreifacht, die Grundstückspreise vor allem in unserer Gegend hatten ordentlich angezogen und die Firmen meines Vaters so expandiert, dass sein Vermögen ums Fünffache angewachsen war, aber wir waren eben nichts anderes als seit drei Generationen mit Textilgeschäften hochgekommene Reiche. Dass ich trotz des Eifers dieser drei Generationen nicht in der Lage war, eine echte Tasche von einer falschen zu unterscheiden, setzte mir doch zu. Tröstend streichelte mir Sibel die Hand.

»Was hast du denn dafür gezahlt?« fragte sie.

»Tausendfünfhundert Lira. Wenn du sie nicht willst, tausche ich sie morgen um.«

»Nein, verlang lieber das Geld zurück. Die haben dich ganz schön übers Ohr gehauen.«

»Dabei ist die Besitzerin, diese Şenay, sogar verwandt mit uns!« sagte ich ungläubig.

Sibel nahm ihre echte Tasche zurück, in der ich gedankenlos gekramt hatte. Liebevoll lächelnd sagte sie: »Ach Schatz, du bist so gescheit und gebildet, und dennoch merkst du nicht, wenn eine Frau dich hinters Licht führt!«

6Füsuns Tränen

Am nächsten Mittag trabte ich mit der Plastiktüte wieder in die Boutique Champs-Élysées. Die Türglocke schellte, und erst dachte ich schon, es sei niemand in dem Geschäft, das mir wieder sehr dunkel und kühl vorkam. In die geheimnisvolle Stille hinein zwitscherte plötzlich der Kanarienvogel. Schließlich erblickte ich Füsun schemenhaft zwischen einem Wandschirm und einem riesigen Alpenveilchen. Sie war vor der Umkleidekabine mit einer dicken Kundin beschäftigt. Diesmal trug sie die Bluse mit dem Hyazinthen-, Feldblumen- und Blattmuster, die ihr so gut stand. Als sie mich erblickte, lächelte sie freundlich …

»Ach, du hast zu tun«, sagte ich und deutete mit dem Kopf zur Umkleidekabine.

»Hab’s gleich«, erwiderte sie in so vertraulichem Ton, als sei ich ein Stammkunde.

Der Kanarienvogel hüpfte in seinem Käfig umher, während mein Blick unruhig über die in einer Ecke gestapelten Modezeitschriften und den aus Europa importierten Trödel schweifte. Mir drängte sich wieder das auf, was ich hatte vergessen und übergehen wollen. Wenn ich Füsun ansah, kam es mir nämlich vor, als ob ich sie schon lange kennen würde. Sie glich mir irgendwie. Auch meine eigenen Haare waren so wie die ihren früher dunkel und lockig gewesen und erst mit der Zeit glatt geworden. Mir war, als könnte ich mich leicht in sie hineinversetzen, sie tief im Inneren verstehen. Die Bluse, die sie anhatte, ließ ihren natürlichen Teint und das jetzt gefärbte Blond ihrer Haare noch besser zur Geltung kommen. Schmerzlich fiel mir wieder ein, dass meine Freunde über sie gesagt hatten, sie sei »wie aus dem Playboy«. Ob sie wohl mit ihnen geschlafen hatte? Gib die Tasche zurück, nimm dein Geld und geh. Du verlobst dich bald mit einem wunderbaren Mädchen. Ich sah nach draußen auf den Nişantaşı-Platz, doch auf der beschlagenen Schaufensterscheibe erschien sogleich der traumhafte Widerschein von Füsuns Gestalt.

Die dicke Frau verließ schließlich ächzend den Laden, ohne etwas zu kaufen, und Füsun legte die Röcke wieder zusammen, die sie anprobiert hatte. »Gestern abend habe ich Sie auf der Straße gesehen«, sagte sie, und ihr Gesicht schien dabei nur noch aus dem großen, anziehenden Mund zu bestehen. Erst dieses süße Lächeln ließ mich gewahren, dass ihre Lippen zartrosa geschminkt waren. Ihr Lippenstift der Marke Misslyn war preiswert und daher sehr verbreitet damals, bei ihr wirkte er aber ganz besonders.

»Wann denn?« fragte ich.

»Am Abend. Sie waren mit Sibel zusammen. Ich stand auf der anderen Straßenseite. Sie waren wohl auf dem Weg zum Essen?«

»Ja.«

»Sie passen fabelhaft zusammen!« sagte sie in dem Ton, in dem ältere Herrschaften sich über das Glück junger Leute entzückt zeigen.

Ich fragte nicht, woher sie Sibel eigentlich kannte. »Ich hätte da eine Bitte«, sagte ich und zog verlegen die Tasche hervor. »Ich möchte die da zurückgeben.«

»Selbstverständlich können wir sie umtauschen. Ich könnte Ihnen diese schicken Handschuhe dafür geben oder diesen Hut hier, ganz neu aus Paris. Hat Sibel die Tasche denn nicht gefallen?«

»Ich möchte sie nicht gegen etwas umtauschen«, entgegnete ich betreten, »sondern das Geld zurückbekommen.«

Sie sah überrascht drein, fast furchtsam. »Warum?« fragte sie.

»Anscheinend ist es keine echte Jenny-Colon-Tasche, sondern eine Fälschung«, raunte ich.

»Wie bitte?!«

»Ich verstehe ja nichts davon«, sagte ich hilflos.

»So etwas kommt bei uns nicht vor!« erwiderte sie heftig. »Möchten Sie Ihr Geld sofort zurück?«

»Ja.«

Ihr Gesicht war schmerzlich verzogen. Mein Gott, dachte ich, warum hast du die Tasche nicht einfach fortgeworfen und Sibel gesagt, du hättest das Geld wiederbekommen! »Schau, das hat mit dir und mit Şenay nichts zu tun. Wir Türken schaffen es eben, alles, was in Europa gerade Mode ist, nachzumachen und zu fälschen«, sagte ich, um ein Lächeln bemüht. »Für mich oder überhaupt für uns genügt es schon, dass eine Tasche zu gebrauchen ist und dass sie gut aussieht, aber von wem sie stammt und ob es ein Original ist, spielt keine Rolle.« Aber daran glaubte ich ja nicht einmal selbst.

»Ich gebe Ihnen das Geld schon zurück«, sagte sie knapp. Ich senkte schicksalsergeben den Blick, als schämte ich mich meiner Grobheit.

Doch so verlegen ich war, ich merkte doch, dass irgend etwas nicht stimmte und Füsun nicht tun konnte, was doch eigentlich zu tun war. Sie sah auf die Registrierkasse, als sei jene irgendwie verhext, und rührte sich nicht vom Fleck. Als ich sah, dass ihr rot angelaufenes Gesicht zu zucken begann und ihr die Tränen kamen, ging ich besorgt auf sie zu.

Sie weinte leise. Ich weiß nicht mehr genau, wie es kam, aber ich umarmte sie, und sie lehnte weinend den Kopf an meine Brust. »Entschuldige, Füsun«, flüsterte ich. Ich streichelte ihre weichen Haare, ihre Stirn. »Vergiss das bitte. Es ist doch bloß eine gefälschte Tasche.«

Sie zog die Nase hoch wie ein Kind, schluchzte ein paarmal und weinte weiter. Ihren Körper zu berühren, ihre Brüste zu spüren, sie so plötzlich ganz einfach im Arm zu halten, machte mich schwindlig. Um das immer stärker werdende Begehren vor mir selber zu verbergen, rettete ich mich in die Illusion, Füsun schon ewig lang zu kennen und vertraut mir ihr zu sein. Sie war meine widerspenstige kleine Schwester, dieses hübsche, liebe Ding! Vermutlich weil ich um unsere entfernte Verwandtschaft wusste, erschien sie mir mit ihren langen Armen und Beinen, dem leichten Knochenbau und den schmalen Schultern plötzlich wie ein Abbild von mir. Wenn ich ein Mädchen und zwölf Jahre jünger wäre, hätte ich also so einen Körper. »Da gibt es doch nichts zu weinen«, sagte ich und streichelte dabei ihr langes blondes Haar.

»Ich kann jetzt die Kasse nicht aufmachen«, erklärte mir Füsun. »Wenn Şenay mittags nach Hause geht, sperrt sie die Kasse immer ab und nimmt den Schlüssel mit. Das tut mir wirklich leid jetzt.« Sie lehnte wieder den Kopf an meine Brust und weinte. Ich fuhr ihr sanft übers Haar. »Ich arbeite hier, um unter Leuten zu sein, und nicht wegen des Geldes«, schluchzte sie.

»Man kann auch für Geld arbeiten«, erwiderte ich einfältig.

»Ja, schon«, sagte sie mit traurigem Kinderblick. »Mein Vater ist pensionierter Lehrer. Vor zwei Wochen bin ich achtzehn geworden, da wollte ich ihm nicht mehr auf der Tasche liegen.«

Aus Furcht vor dem sexuellen Tier, das sich in mir regte, nahm ich die Hand von ihren Haaren. Sie begriff sofort, riss sich zusammen, und wir gingen ein wenig auf Abstand.

Sie rieb sich die Augen und sagte dann:»Bitte sagen Sie niemandem, dass ich geweint habe.«

»Versprochen, Füsun, das bleibt unter uns.«

Ich sah, dass sie lächelte. »Die Tasche lasse ich schon jetzt da«, sagte ich, »und das Geld hole ich dann später.«

»Sie können die Tasche hier lassen, aber das Geld sollten Sie nicht selber abholen. Şenay wird bestreiten, dass die Tasche gefälscht ist, und Ihnen Schwierigkeiten machen.«

»Dann tausche ich sie eben um.«

»Das kann ich nicht mehr zulassen«, sagte sie mit dem Stolz eines empfindlichen jungen Mädchens.

»Das ist doch nicht von Bedeutung«, beschwichtigte ich.

»Für mich schon«, sagte sie entschieden. »Wenn Şenay ins Geschäft kommt, lasse ich mir das Geld von ihr geben.«

»Ich will aber nicht, dass sie dir dann Schwierigkeiten macht.«

»Keine Sorge, ich habe mir schon etwas ausgedacht«, sagte sie unbestimmt lächelnd. »Ich werde einfach sagen, dass Sibel die gleiche Tasche schon hat und deshalb diese hier zurückgeben will. Einverstanden?«

»Gute Idee. Dann sage ich Şenay das gleiche.«

»Nein, sagen Sie lieber gar nichts zu ihr«, entgegnete Füsun rasch. »Sie versucht sonst sofort, mehr aus Ihnen herauszukitzeln. Kommen Sie am besten gar nicht mehr ins Geschäft. Ich bringe das Geld Tante Vecihe.«

»Lassen wir meine Mutter lieber aus dem Spiel, sie ist furchtbar neugierig.«

»Wo soll ich das Geld denn sonst hinbringen?« fragte Füsun ratlos.

»Meine Mutter hat in der Teşvikiye-Straße 131 im Merhamet Apartmanı eine Wohnung. Bevor ich nach Amerika ging, war ich dort manchmal zum Lernen oder Musikhören. Die Wohnung hat einen schönen Hinterhof. Mittlerweile halte ich mich wieder jeden Nachmittag zwischen zwei und vier dort auf und arbeite.«

»Gut, dann bringe ich das Geld dorthin. Was hat die Wohnung für eine Nummer?«

»Vier«, sagte ich fast flüsternd. Beim Hinausgehen brachte ich gerade noch drei Worte über die Lippen. »Zweiter Stock. Wiedersehen!«

Mein Herz hatte nämlich die Situation sofort begriffen und schlug wie verrückt. Bevor ich die Tür hinter mir schloss, nahm ich noch einmal meine ganze Kraft zusammen und sah Füsun an, als sei alles völlig normal. Als dann draußen auf der Straße eine wirre Mischung aus Scham, Reue und Glücksvisionen über mich herfiel, erschien mir in der Mittagshitze dieses Frühlingstages in Nişantaşı auf mysteriöse Weise plötzlich alles um mich herum ganz gelb. Meine Beine trugen mich unter Vordächern und blau-weiß gestreiften Markisen von Schatten zu Schatten, und als ich in einem Schaufenster eine gelbe Wasserkaraffe erblickte, kaufte ich sie auf der Stelle. Es ereilte sie nicht das Schicksal der meisten Spontankäufe, sondern sie stand fast zwanzig Jahre lang erst bei meinen Eltern und danach bei meiner Mutter und mir auf dem Esstisch, ohne dass man je ein Wort über sie verloren hätte. Und jedesmal wenn ich beim Abendessen nach ihrem Henkel griff, musste ich an die Anfänge des Unheils denken, in das ich vom Leben geworfen wurde und auf das mich meine Mutter mit halb vorwurfsvollen, halb bekümmerten Blicken immer wieder stieß.

Als meine Mutter mich an jenem Tag schon mittags zu Hause sah, war sie erfreut und erstaunt zugleich. Ich küsste sie, erklärte ihr, ich hätte die Wasserkaraffe einfach so gekauft, und sagte dann beiläufig: »Gib mir doch bitte den Schlüssel zu der Wohnung im Merhamet Apartmanı. In der Firma geht es manchmal so zu, dass ich gar nicht richtig zum Arbeiten komme. Ich will schauen, ob es dort bessergeht. Ich konnte doch immer gut lernen dort.«

»Aber da ist doch alles verstaubt jetzt«, sagte meine Mutter, holte jedoch sogleich aus ihrem Zimmer den Wohnungs- und den Haustürschlüssel. »Erinnerst du dich noch an die Kütahya-Vase mit dem roten Blumenmuster? Die finde ich zu Hause nicht mehr, schau doch mal, ob sie dort ist. Und arbeite nicht zu viel! Euer Vater hat sich sein ganzes Leben lang abgemüht, damit ihr Kinder es einmal besser habt. Geh mit Sibel aus, genießt den Frühling, amüsiert euch!« Als sie mir die Schlüssel in die Hand drückte, sagte sie noch mit geheimnisvollem Blick: »Pass auf!« Schon als wir klein waren, verwies meine Mutter mit dieser Art von Blick auf Gefahren, die aus der Tiefe des Lebens kamen und über das Aushändigen eines Schlüssels weit hinausgingen.

7Das Merhamet Apartmanı

Als meine Mutter zwanzig Jahre zuvor die Wohnung im Merhamet Apartmanı gekauft hatte, war ihr damit an einer Investition gelegen, aber auch an einem Ort, an den sie sich hin und wieder zurückziehen und ungestört sein konnte. Bald aber verkam die Wohnung zu einer Rumpelkammer, in der meine Mutter Dinge abstellte, die ihr zu altmodisch vorkamen, oder auch Fehlkäufe, die sie sogleich wieder ausmusterte. Ich mochte die Wohnung schon als Kind, weil sie von riesigen Zypressen und Kastanien beschattet wurde und im Hinterhof immer Fußball gespielt wurde, vor allem aber gefiel mir der Name des Gebäudes, dessen Geschichte meine Mutter mir gerne erzählte.

Als 1934 Atatürk alle Türken darauf verpflichtete, sich einen Nachnamen zuzulegen, wurden in Istanbul zahlreiche neue Gebäude auf den Namen ihrer Besitzer getauft. Das hatte durchaus seinen Sinn, da es in Istanbul mit dem System der Straßennamen und Hausnummern nicht weit her war und man vor allem bei wohlhabenderen Familien ohnehin das große Haus, in dem sie wie zu osmanischen Zeiten alle zusammenlebten, mit ihnen identifizierte. (So wohnen viele reiche Familien, die in dieser Geschichte vorkommen, in einem Haus, das ihren Namen trägt.) Eine Variante bestand in jenen Jahren darin, Häusern hochtrabende Namen wie Freiheit, Anstand oder Güte zu geben, doch meine Mutter sagte immer, so hielten es meistens diejenigen Leute, die ihr ganzes Leben damit zubrachten, ebendiese Tugenden mit Füßen zu treten. Das Merhamet Apartmanı (»Barmherzigkeit«) ließ ein alter Mann erbauen, den das Gewissen plagte, nachdem er im Ersten Weltkrieg durch Schwarzmarktgeschäfte mit Zucker reich geworden war. Als seine beiden Söhne (die Tochter des einen ging mit mir zur Grundschule) dahinterkamen, dass ihr Vater die Mieteinnahmen über eine Stiftung den Armen zukommen lassen wollte, ließen sie ihn für unzurechnungsfähig erklären, schoben ihn in ein Altersheim ab und rissen sich das Haus unter den Nagel. Den Namen aber, der mir als Kind so seltsam vorkam, änderten sie nicht.

Am nächsten Tag, dem 30. April 1975, einem Mittwoch, blieb ich zwischen zwei und vier Uhr in der Wohnung im Merhamet Apartmanı und wartete auf Füsun, doch sie kam nicht. Das verwirrte und kränkte mich etwas, und unruhig kehrte ich ins Büro zurück. Um dieser Unruhe Herr zu werden, ging ich am darauffolgenden Tag erneut in die Wohnung, doch Füsun kam wieder nicht. In den stickigen Zimmern lagerten allerlei verstaubte Vasen, Kleider und andere Dinge, die meine Mutter dorthin verfrachtet und dann vergessen hatte, und sie erinnerten mich an Begebenheiten aus meiner Kindheit und Jugend, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie vergessen hatte, und durch die Wirkung dieser Dinge legte sich schließlich meine Unruhe.

Einen Tag später saß ich mit Abdülkerim, unserem Satsat-Vertreter in Kayseri (den ich schon vom Wehrdienst her kannte), im Restaurant Hacı Arif in Beyoğlu beim Mittagessen und dachte daran, dass ich zwei Tage hintereinander in die leere Wohnung gegangen war und auf Füsun gewartet hatte. Etwa zwanzig Minuten nachdem ich vor lauter Scham beschlossen hatte, Füsun, die gefälschte Tasche und all das ein für allemal zu vergessen, sah ich wieder auf die Uhr, stellte mir vor, dass Füsun vielleicht gerade zum Merhamet Apartmanı unterwegs war, um mir das Geld zurückzugeben, bedachte daraufhin Abdülkerim mit einer Notlüge, schlang mein Essen hinunter und eilte zu der Wohnung.

Zwanzig Minuten nachdem ich dort angelangt war, läutete Füsun an der Tür. Das heißt, es musste ganz einfach Füsun sein. Als ich zur Tür ging, fiel mir wieder ein, dass ich in der Nacht davon geträumt hatte, ich würde ihr die Tür öffnen.

Sie hatte einen Schirm in der Hand. Ihre Haare waren feucht, und sie trug ein gelbes gepunktetes Kleid.

»Ah, ich dachte schon, du hättest es vergessen. Komm doch rein.«

»Ich möchte nicht stören. Ich will nur das Geld zurückgeben und dann wieder gehen.« Sie hielt diesen gebrauchten Umschlag mit der Aufschrift »Privatnachhilfe Voller Erfolg« in der Hand, den ich aber nicht nahm. Ich zog sie an der Schulter herein und schloss die Tür.

»Wie das schüttet«, sagte ich aufs Geratewohl, obwohl ich den Regen gar nicht bemerkt hatte. »Setz dich doch, wirst ja ganz nass da draußen. Ich mach dir zum Aufwärmen einen Tee.«

Ich ging in die Küche. Als ich zurückkam, sah ich, dass Füsun die alten Sachen meiner Mutter begutachtete: Antiquitäten, verstaubte Uhren, Nippes, Hutschachteln, alles mögliche Zeug. Um sie aufzuheitern, erzählte ich ihr in scherzhaftem Ton von all diesen Gegenständen, die aus den schicksten Läden von Nişantaşı und Beyoğlu, aus Antiquitätenläden, heruntergekommenen Herrenhäusern, halb niedergebrannten Bosporusvillen, ja sogar aus aufgelassenen Derwischklöstern stammten oder auf Europareisen nach Lust und Laune zusammengekauft und nach kurzem Gebrauch hier gelagert und schließlich vergessen worden waren. Ich öffnete die nach Naphtalin und Staub riechenden Schränke und zeigte ihr unzählige Stoffballen, das Dreirad, das wir alle beide als Kinder benutzt hatten (was wir nicht mehr brauchten, gab meine Mutter an bedürftige Verwandte weiter), einen Nachttopf, viele Hüte und die rote Kütahya-Vase, die meine Mutter vermisste.

Eine kristallene Zuckerdose erinnerte uns an frühere Festtagsessen. Wenn Füsun als Kind mit ihren Eltern an Feiertagen zu uns kam, wurden daraus Bonbons, Zuckermandeln, Marzipan, Kokosmakronen und Lokum gereicht.

»Beim Opferfest sind wir einmal gemeinsam auf die Straße rausgegangen und dann noch mit dem Auto herumgefahren«, sagte Füsun mit glänzenden Augen.

An die Autofahrt konnte ich mich noch erinnern. »Damals warst du noch ein Kind, und inzwischen bist du ein sehr hübsches, sehr attraktives junges Mädchen geworden.«

»Danke. So, ich gehe jetzt.«

»Du hast ja deinen Tee noch gar nicht getrunken. Und es regnet immer noch.« Ich führte sie zur Balkontür und zog die Gardine etwas zurück.

Sie sah interessiert hinaus wie ein Kind, das zum erstenmal in eine fremde Wohnung kommt, oder wie eben ein junger Mensch, der noch nicht vom Leben gebeutelt ist und daher allem gegenüber noch offen und unbefangen sein kann. Begehrlich sah ich ihren Nacken an, ihren Hals, diese Haut, die ihre Wangen so unwiderstehlich machte, die vielen kleinen Muttermale, die man aus der Ferne gar nicht wahrnahm (hatte nicht meine Großmutter an jener Stelle einen großen Leberfleck?). Meine Hand streckte sich wie von allein aus, als wäre es die Hand eines Fremden, und fasste an ihre Haarspange mit den vier Vergissmeinnicht darauf.

»Deine Haare sind ganz schön nass.«

»Sie haben doch niemandem erzählt, dass ich im Geschäft geweint habe?«

»Nein. Aber ich würde gern wissen, warum du überhaupt geweint hast.«

»Wieso?«

»Weil ich viel an dich gedacht habe. Du bist so hübsch und so ganz anders. Ich habe dich als süßes kleines Mädchen mit dunklen Haaren in Erinnerung, aber dass du einmal derart schön sein würdest, hätte ich nicht gedacht.«

Nach Art hübscher, wohlerzogener Mädchen, die an Schmeicheleien gewöhnt sind, lächelte sie gemessen und zog skeptisch die Augenbrauen hoch. Schweigend wich sie dann einen Schritt zurück.

»Wie hat denn Şenay reagiert?« fragte ich, um das Thema zu wechseln. »Hat sie zugegeben, dass die Tasche gefälscht ist?«

»Erst hat sie sich aufgeregt. Aber nachdem klar war, dass Sie die Tasche zurückgegeben haben und das Geld zurück möchten, wollte sie kein Aufhebens machen. Ich soll am besten das Ganze auch vergessen, meint sie. Ich denke, ihr ist bewusst, dass die Tasche nicht echt ist. Sie weiß nicht, dass ich hierherkomme, ich habe ihr gesagt, dass Sie mittags gekommen sind und das Geld geholt haben. Und jetzt muss ich gehen.«

»Nicht, bevor du den Tee getrunken hast!«

Ich holte ihn aus der Küche. Ich beobachtete, wie sie sorgfältig auf den noch heißen Tee blies und ihn dann in kleinen Schlucken rasch trank. Ich empfand Bewunderung für sie, Zärtlichkeit, und schämte mich zugleich dafür. Unwillkürlich streckte ich wieder meine Hand aus und streichelte ihr übers Haar. Dann beugte ich den Kopf zu ihrem Gesicht vor, und als ich sah, dass sie nicht zurückwich, küsste ich sie flüchtig auf den Mundwinkel. Sie wurde hochrot. Da sie mit beiden Händen das Teeglas hielt, hatte sie mich nicht rechtzeitig abwehren können. Sie war mir böse, aber zugleich etwas unschlüssig, das sah ich ihr an.

»Ich küsse zwar gerne«, sagte sie stolz, »aber jetzt hier mit Ihnen kommt das natürlich nicht in Frage.«

»Hast du schon oft geküsst?« versuchte ich mich ungeschickt in einem kindlichen Ton.

»Klar. Aber nicht mehr.«

Mit einem Blick, der bedeuten sollte, dass die Männer eben doch alle gleich sind, sah sie noch einmal durch das Zimmer, auf den ganzen Trödel und auf das blau bezogene Bett, das ganz bewusst ungemacht wirken sollte. Ich merkte, wie sie kurz die Situation taxierte, spielte aber meinerseits aus Verlegenheit das Spiel nicht weiter.

Diesen für Touristen produzierten Fes, der mir in einem der Schränke aufgefallen war, hatte ich als Dekoration auf ein Beistelltischchen gestellt. Sie hatte den Umschlag mit dem Geld darangelehnt und auch schon gesehen, dass ich ihn bemerkt hatte; trotzdem sagte sie:

»Den Umschlag habe ich dagelassen.«

»Du bist ja mit dem Tee noch nicht fertig!«

»Ich komme sonst zu spät«, sagte sie, ging aber nicht.

Während wir weiter unseren Tee tranken, sprachen wir über unsere Verwandten, unsere Kindheit, unsere Erinnerungen, ohne über irgend jemanden ein böses Wort zu verlieren. Füsun sagte, sie und ihre Mutter fürchteten sich vor meiner Mutter, achteten sie aber sehr, und Füsun selbst sei ihre Kindheit über gerade von meiner Mutter besonders unterstützt worden, die ihr früher, als sie mit ihrer Mutter zum Nähen kam, meine Spielsachen gegeben hatte, etwa den Aufziehhund, den sie so mochte und deshalb ganz vorsichtig behandelte, und bis zu der Sache mit dem Schönheitswettbewerb habe meine Mutter ihr an jedem Geburtstag von unserem Chauffeur ein Geschenk vorbeibringen lassen, darunter etwa ein Kaleidoskop, das sie immer noch aufhebe. Wenn meine Mutter ihr ein Kleid geschickt habe, dann stets ein paar Nummern zu groß, damit es nicht gleich zu kurz war. Einen Schottenrock mit riesigen Sicherheitsnadeln zum Beispiel habe sie erst ein Jahr später anziehen können, ihn dann aber so heiß geliebt, dass sie ihn später, als jene Mode wieder vorbei war, noch als Minirock getragen habe. Ich sagte, ich hätte sie in diesem Rock einmal in Nişantaşı gesehen; daraufhin wichen wir von diesem Thema wieder ab, das zu sehr an Füsuns zarte Taille und ihre hübschen Beine rührte. Sie sagte, sie habe in Deutschland einen leicht verrückten Onkel namens Süreyya, der bei jedem Heimaturlaub alle Zweige der immer mehr auseinanderdriftenden Familie zeremoniell besuche und somit dafür sorge, dass alle noch wenigstens voneinander hörten.

»Als wir damals am Morgen des Opferfestes mit dem Auto herumgefahren sind, war auch dieser Süreyya im Haus«, sagte Füsun lebhaft. Dann aber zog sie schnell ihren Regenmantel an und suchte nach ihrem Schirm. Den konnte sie nicht finden, da ich ihn auf dem Weg in die Küche hinter der Spiegelkommode im Eingang hatte verschwinden lassen.

»Weißt du nicht mehr, wo du ihn gelassen hast?« fragte ich, als wir den Schirm gemeinsam noch intensiver suchten.

»Da habe ich ihn hingestellt«, sagte sie unschuldig und deutete auf die Spiegelkommode.

Während wir die ganze Wohnung durchsuchten und auch an den unwahrscheinlichsten Stellen nachsahen, fragte ich sie, was sie denn in ihren »Mußestunden« anfange, wie es in der Klatschpresse immer so schön hieß. Sie hatte im Vorjahr bei der Zulassungsprüfung nicht gut genug abgeschnitten, um an die gewünschte Fakultät zu gehen, und besuchte nun, wenn sie in der Boutique Champs-Élysées frei hatte, eine private Einrichtung, die auf jene Prüfung vorbereitete.

»In welche Fakultät möchtest du denn?«

»Ach, ich weiß nicht so recht«, sagte sie verlegen. »Am liebsten würde ich ans Konservatorium gehen und Schauspielerin werden.«

»Bei der Nachhilfe verliert man doch nur seine Zeit, das sind alles Abzocker. Wenn du irgendwo Probleme hast, in Mathematik zum Beispiel, dann komm doch hierher, ich arbeite hier nachmittags immer und könnte dir helfen.«

»Geben Sie noch anderen Mädchen Mathenachhilfe?« fragte sie und hob dabei wieder spöttisch die Augenbrauen.

»Da sind keine anderen Mädchen.«

»Und Sibel? Die kommt manchmal zu uns ins Geschäft. Eine schöne, sympathische Frau. Heiraten Sie bald?«

»In sechs Wochen ist Verlobung. Tut es der Schirm hier auch?«

Ich zeigte ihr einen Sonnenschirm, den meine Mutter in Nizza gekauft hatte. Sie sagte, damit könne sie natürlich nicht im Laden aufkreuzen. Überhaupt wollte sie jetzt einfach weg, und ob wir den Schirm nun fanden oder nicht, war ihr nicht mehr wichtig. »Es hat aufgehört zu regnen«, rief sie freudig aus. Als sie an der Tür stand, dachte ich aufgeregt, dass ich sie nie mehr sehen würde.

»Komm doch mal wieder, nur zum Teetrinken.«

»Seien Sie mir bitte nicht böse, Kemal, aber ich möchte nicht wiederkommen, und Sie wissen das auch. Keine Sorge, ich sage auch niemandem, dass Sie mich geküsst haben.«

»Und der Schirm?«

»Der gehört Şenay, aber er kann ruhig hierbleiben«, sagte sie, und hastig, aber nicht ohne Gefühl küsste sie mich auf die Wange und ging hinaus.

8Die erste türkische Fruchtlimonade

Um an die zuversichtliche, glückliche und fröhliche Atmosphäre jener Tage zu erinnern, sind hier einige Zeitungsreklamen und Werbespots der ersten türkischen Fruchtlimonade Meltem und einige Limonadeflaschen in den Geschmacksrichtungen Erdbeere, Pfirsich, Orange und Kirsche ausgestellt. Zaim gab an jenem Abend in seiner Wohnung in Ayazpaşa, die eine wunderbare Aussicht hatte, eine große Party, um zu feiern, dass seine Meltem-Limonade auf den Markt kam. Dabei würde mal wieder der ganze Kreis meiner Kumpel zusammenkommen. Sibel war gerne mit meinen reichen jungen Freunden zusammen und liebte unsere Bootsausflüge auf dem Bosporus, unsere Überraschungspartys zu Geburtstagen, unsere Clubbesuche und die spontanen Autofahrten durch das mitternächtliche Istanbul, und sie war von den meisten meiner Freunde recht angetan, nur ausgerechnet von Zaim nicht. Sie hielt ihn für einen Angeber und Schürzenjäger und für zu »ordinär«. Sie kreidete ihm an, dass er auf Partys plötzlich als Überraschung Bauchtänzerinnen auftreten ließ oder Mädchen die Zigaretten mit einem Feuerzeug mit Playboy-Emblem anzündete. Auch dass er zu kleinen Starlets und Fotomodellen (eine damals in der Türkei ganz neu aufkommende, höchst zweifelhafte Berufsgattung) nur deshalb Beziehungen unterhielt, weil sie mit ihm schliefen, ohne auf eine Heirat zu drängen (an die er sowieso nie gedacht hätte), und dass es bei ihm auch mit anständigen Mädchen nie auf etwas »Ernsthaftes« hinauslief, befremdete sie. So wunderte ich mich, dass Sibel enttäuscht schien, als ich ihr mitteilte, ich könne am Abend nicht zu der Party, weil mir unwohl sei.

»Es kommt aber auch dieses deutsche Fotomodell, das überall auf der Meltem-Werbung zu sehen ist!« sagte Sibel.

»Du sagst doch immer, dass Zaim ein schlechtes Vorbild für mich ist …«

»Also, wenn du nicht zu Zaims Party gehst, musst du wirklich krank sein. Jetzt mache ich mir schon Sorgen. Soll ich bei dir vorbeischauen?«

»Nein, lass nur. Meine Mutter und Fatma kümmern sich schon um mich. Bis morgen ist das wieder vorbei.«

Ich legte mich angezogen aufs Bett, dachte an Füsun und beschloss, sie zu vergessen und bis an mein Lebensende nicht wiederzusehen.

9F

Am nächsten Tag, nämlich am 3. Mai 1975 um vierzehn Uhr dreißig, kam Füsun ins Merhamet Apartmanı und schlief zum erstenmal mit mir. Als ich an diesem Tag in die Wohnung ging, dachte ich nicht, dass wir uns dort treffen würden. Das heißt, wenn ich jetzt, nach all den Jahren, niederschreibe, was mir widerfahren ist, dann finde ich natürlich, dass mein letzter Satz nicht ganz der Wahrheit entsprechen kann, aber damals glaubte ich wirklich nicht, dass sie kommen würde. Ich hatte Füsuns Worte vom Vortag im Kopf, das Dreirad, die Antiquitäten meiner Mutter, die alten Uhren, das seltsame Licht in der dunklen Wohnung, den Geruch nach Mief und Staub, meinen Wunsch, allein zu sein und auf den Hinterhof hinauszusehen … Das alles war es wohl, was mich dorthin zog. Außerdem hatte ich vor, an die Begegnung mit Füsun zu denken, sie noch einmal in Gedanken durchzuspielen, das von Füsun benutzte Teeglas abzuwaschen, die Sachen meiner Mutter aufzuräumen und meine Schmach zu vergessen. Beim Aufräumen stieß ich auf ein Schwarzweißfoto, das mein Vater einmal im hinteren Zimmer von Bett, Fenster und Hinterhof gemacht hatte, und ich merkte, dass sich das Zimmer überhaupt nicht verändert hatte. Als es dann an der Tür klingelte, dachte ich: Bestimmt meine Mutter.

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