Das Muße-Prinzip - Nicole Stern - E-Book

Das Muße-Prinzip E-Book

Nicole Stern

0,0
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Muße darf sein und gehört zum Leben! Wir alle erleben sie viel zu selten, diese köstlichen Momente des hellwachen Sich-Treiben-Lassens, des seligen Nichtstuns, der erholsamen Langeweile: Muße! Die bekannte Meditationslehrerin Nicole Stern teilt ihre inspirierende spirituelle Reise: von einer Krise, die alles veränderte, tiefen Erfahrungen im Zen-Kloster und Herausforderungen in Beziehung und Beruf. Muße ist ein Schlüssel für das, was wir alle so dringend brauchen: • Zeit für das, was wirklich zählt. • Eine liebevolle Verbindung zu uns selbst. • Die Fähigkeit, loszulassen, was nicht mehr guttut. Mit berührenden Geschichten, Impulsen und praktischen Übungen, um mehr Muße zu finden – und somit ein Vielfaches an Lebensqualität.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Nicole Stern

Das Muße-Prinzip

Wie wir Leichtigkeit und inneren Frieden finden

 

 

 

 

 

 

Dieses Buch ist auch als E-Book und Audio-Book erhältlich.

Aktualisierte Neuauflage

© 2025 Nicole Stern

Originalausgabe 2016 im Arkana Verlag / Verlagsgruppe Random House GmbH erschienen

Cover/Umschlag: Sven Müller Design

Foto: Nicole Stern, Canva Pro

ISBN 978-3-96403-460-1

Eine Veröffentlichung der Autorin

Nicole Stern

Perchaer Weg 5

82335 Berg am Starnberger See

[email protected]

www.nicolestern.de

 

Alle Rechte vorbehalten

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der ausschließlichen Zustimmung der Autorin. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Verwertung, Übersetzung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Autorin weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links nur bis zum Zeitpunkt der Originalausgabe Ende 2016 eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat die Autorin keinerlei Einfluss. Eine Haftung ist daher ausgeschlossen.

Verzeichnis der Infoboxen

Einleitung

Die Bedeutung der Muße

Zeit für das Wesentliche

Prioritäten verändern sich

Wenn ein Weckruf nicht genügt

Die Schwierigkeit mit der verordneten Ruhe

Offenheit als erster Schritt zur Veränderung

Dem Wesentlichen auf der Spur bleiben

Zeit haben schafft Lebensqualität

Die Entdeckung der Muße

Gelassen loslassen

Die Facetten der Lebensqualität

Warum fällt uns Muße so schwer?

Herausforderung: Unsere Prägungen

Die Erlaubnis zum Nichtstun

Herausforderung: Vorbilder fehlen

Herausforderung: Wir sind zu beschäftigt für die Muße

Ablenkung beeinflusst die Lebenszufriedenheit

Die innere Haltung ist entscheidend

Herausforderung: Wir sind vergesslich

Erfüllung finden und das Leben genießen

Was die Wissenschaft zur Muße sagt

Was macht wirklich frei?

Wenn Muße-Oasen nicht ausreichen

Endlich Müßiggang

Die Sinne öffnen sich

Vertrautheit und Verbundenheit erfahren

Zauberhaftes Indien

Ein Gefühl von Leichtigkeit

Klosterzeit – einem Herzenswunsch folgen

Ein erprobter Weg der Befreiung

Aufbruch ins Kloster

Ankommen im Trainingslager für innere Freiheit

Ungewohntes Klosterleben

Als Paar im Kloster

Hingabe üben und mit ganzem Herzen leben

Das Sitzkissen als Labor

Gelassenheit finden durch Meditation

Herausforderungen bei der Meditation

Flow-Erfahrungen

Das Paradox von Tun und Nicht-Tun

Der Geschmack des Glücks

Innere Muße entwickeln

Die Mitte finden

Die Zeit nach der Auszeit

Herausforderung: Die Last mit dem eigenen Anspruch

Zurück zur Mitte

Ein anderer Weg in die Muße

Die Sehnsucht nach Leichtigkeit

Ein unproblematisches Leben

Mit Leichtigkeit leben

Krisen und Herausforderungen

Stürme – wenn alles zusammenbricht

Achtsamkeit, Schmerz und Einsicht

Schmerzliche Offenheit

Aufbruch ins Neue

Der Unterschied von Schmerz und Leid

Vorgelebte Inspiration

Ein Durchbruch in die Sanftheit

Total entspannen

Einsichten zu Strenge und Milde

Ohne Muße keine Meditation

Können wir Muße lernen?

In Stille üben

Ungewohnte Lange-Weile

Sich wieder tiefer spüren

Die Natur erinnert uns

Musik, Kunst und Spiel

Den Kompass auf Muße einstellen

Muße im Beruf: Neuland betreten

Die Ruhe bewahren

Wichtige Freiräume schaffen

Wirklich keine Muße?

Individuelles Erleben

Anregungen für ein mußevolles Leben

Anhang

Verzeichnis der Übungen und Reflexionen

Dank

Über die Autorin

Literatur und Quellen

Weiterführende Literatur zur Muße

Verzeichnis der Infoboxen

      

Vorbilder      

Ablenkung und Aktionismus statt Muße      

Muße und Präsenz      

Muße und Muse      

Muße und innere Freiheit      

Muße und Auszeit      

Muße und Müßiggang      

Muße, Lust und Intimität      

Verschiedene Richtungen des Buddhismus      

Zen-Meditation       

Muße und Flow       

Vom Jetzt und der Gegenwärtigkeit

Muße und Hingabe       

Muße und Müssen       

Muße und Leichtigkeit       

Einsichtsmeditation       

Muße und Humor       

Muße und Schmerz

Muße und Sanftheit       

Achtsamkeit braucht Muße

Muße und Arbeit

Die inneren Antreiber kennen       

 

Einleitung

Dieses Buch ist jenen gewidmet, die lernen wollen, mit Muße, Klarheit und offenem Herzen zu leben.

Kennst du diesen Zustand? Dich treiben lassen? Nichts zu tun haben? Angenehme Langeweile? Dich einfach mal nur hinsetzen, ohne vollkommen erschöpft zu sein? Das Getriebensein in unserer geschäftigen Welt lenkt oft von den wirklich wichtigen Dingen ab und schränkt die Möglichkeit ein, erfüllt zu leben. Wenn du ganz ehrlich zu dir selbst bist, wirst du möglicherweise eingestehen, dass dein Alltag oftmals unter Druck steht und du keine Zeit hast, schon gar nicht, um dein wirkliches Potenzial zu entfalten.

Muss das so sein? Zum Glück nicht.

 

Etwas kann uns unterstützen, das in unserer Gegenwart kaum noch eine Rolle spielt, obwohl es uns allen so guttun würde: die Muße. Sie hilft uns, mehr im Jetzt anzukommen und das Leben mit Lebensqualität zu erfüllen. Wenn wir uns tiefer mit ihrer verwandelnden Kraft beschäftigen, dann erschließen sich uns ziemlich sicher weitere Freiheitsgrade. Sie wirken förderlich auf den Umgang mit uns selbst, in Beziehungen mit anderen und der Umwelt. Die Ausrichtung auf die Muße kann einen kleinen doch wertvollen Beitrag in der Gestaltung einer heilsameren, gesünderen Gesellschaft leisten und somit zu mehr Perspektive und Sinn führen.

 

 

Die Bedeutung der Muße

 

Über die Jahrhunderte hat sich die Bedeutung der Muße je nach gesellschaftlichen Werten und Epochen verwandelt und angepasst.

Im frühzeitlichen Ägypten wurde die Muße als Lebenshaltung der Oberschicht geschätzt. Griechische und römische Philosophen der Antike betrachteten die Muße als einen Idealzustand, in dem sich Charakter und Kreativität entwickeln können. Sokrates sah in ihr sogar die »Schwester der Freiheit«. Auch Seneca, Politiker, Philosoph und Erzieher von Kaiser Nero, hielt die Muße für unabdingbar und setzte sich in seiner Schrift »De otio« (»Über die Muße«) mit der Frage nach der richtigen Lebensform auseinander. Dabei brachte er seine Wertschätzung einer mußevollen Lebensweise zum Ausdruck, da sie dem Dasein eine Gleichmäßigkeit verleihe und es vor bedrohlichen Schwankungen bewahre. Noch bis weit in das Mittelalter hinein war der Müßiggang, der Weg zur Muße, im europäischen Kulturraum ähnlich positiv besetzt wie in der Antike. Das änderte sich jedoch in der Neuzeit. Von nun an galt als faul und untätig, wer sich der Muße hingab.

 

Mit dem Protestantismus wurde die Muße als natürliche Feindin des neuen Arbeitsethos ausgemacht: »Von Arbeit stirbt kein Mensch, aber von Ledig- und Müßiggehen kommen die Leute um Leib und Leben; denn der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen«, sagte Martin Luther. Müßiggang wurde zur Sünde, Arbeit zur heiligen Pflicht und stieg damit zur zentralen Größe auf. War die Muße bei den Griechen und Römern ein Erkenntnisweg und Lebensziel, wurde sie bei den Christen zu Sünde und Laster. Im Verlauf der Industrialisierung wurde Muße so stark abgewertet (und Arbeit entsprechend aufgewertet), dass Müßiggänger und Menschen ohne Arbeit als Faulenzer und Taugenichtse galten. Wer nicht arbeitete, sollte auch nicht essen, hieß eine Redewendung – denn er wirkte weder am Werk Gottes noch am Nutzen der Gesellschaft. Diese protestantisch geprägte Arbeitseinstellung ist bis heute bestimmend. Auch jetzt, im Zeitalter der Technisierung, werden Sinn und Werte noch immer ganz maßgeblich über unsere berufliche Tätigkeit definiert. Davon sind wir und die Generationen vor uns geprägt. Doch zugleich hinterfragen wir immer häufiger, ob uns die Identifizierung mit Arbeit tatsächlich mehr Glück und Freiheit geschenkt hat. Denn trotz eines hohen Maßes an Technisierung, die uns eigentlich viel Arbeit abnimmt und freie Zeit beschert, kommen wir kaum mehr zur Ruhe und geraten häufiger denn je in die Stressfalle mit all ihren körperlichen, geistigen und seelischen Belastungen. Wir erkennen, wie notwendig Erholung, freie Zeit, lange Weile, Regeneration sind – und entdecken dabei die Kraft der Muße neu. Es ist also kein Wunder, dass die Muße heute vor einer Renaissance steht. Sie verlässt die alten negativ behafteten Zuschreibungen und entwickelt sich wieder zu einem positiven, für viele erstrebenswerten und unterstützenden Wert.

 

 

Verschiedene Aspekte der Muße

 

Muße ist mehr als ein zeitlicher Freiraum, den wir uns schaffen und nach unseren ganz persönlichen Bedürfnissen nutzen. Muße ist eine Erlebensqualität, die Aspekte wie die folgenden ermöglichen kann. Sie alle und noch mehr finden Sie in diesem Buch beschrieben:

• Zeit für Wesentliches finden
• Lebensqualität schaffen
• Sich die Erlaubnis zum Nichtstun geben
• Auszeiten nutzen
• Lebenslust erleben
• Gelassenheit und Loslassen lernen
• Die Mitte finden
• Leichtigkeit und Humor entfalten
• Stärke im Wandel finden
• Sanftheit spüren
• Kreativität einladen
• Sich auf Sinnvolles und Heilsames ausrichten

 

Diese Punkte weisen auf das ungeheure Potenzial unseres menschlichen Erlebens hin und offenbaren das Prinzip der Muße. Muße ist hier einerseits Voraussetzung, sozusagen als zeitlicher Freiraum, andererseits ist sie eine innere Haltung, die Gelassenheit und Freiheit schenkt. Sie fungiert als ausgleichende Qualität zwischen Konzentration und Entspannung und ist schließlich im Sinne eines sich öffnenden, lassenden Seins auch eine Frucht des menschlich-persönlichen Reifungsprozesses.

 

Deshalb ist Muße, kurz gesagt, sowohl einfaches Sein als auch erfülltes Tun in Gelassenheit und Freiheit.

 

In diesem Buch bekommst du erzählend und nicht so sehr theoretisch zahlreiche Muße-Prinzipien vorgestellt. Anhand meiner eigenen Geschichte beschreibe ich, wie ich viele unterschiedliche Facetten der Muße kennengelernt und auch ganz praktisch erforscht habe. Dadurch ergibt sich eine zwar subjektive, doch dabei kontinuierliche Reise durch die Welt der Muße, zu der ich dich gern mitnehmen möchte. Übungen und Reflexionen werden dich immer wieder dazu einladen, mehr Muße in dein eigenes Leben zu bringen. In den Infoboxen findest du Hintergrundwissen zu unterschiedlichen Aspekten der Muße und mit ihr verbundenen Themen, wie zum Beispiel: Muße und ihr Bezug zu Müßiggang, Lust und Intimität, Flow, Müssen, Schmerz, Sanftheit, Arbeit und Kreativität.

 

Das Buch richtet sich an alle Menschen, die sich mehr Gelassenheit, Leichtigkeit und mehr inneren Freiraum in ihrem Leben wünschen. Dabei sind Stiller-Werden, Achtsamkeit, Kontemplation und Meditation seit jeher Wege, dem näher zu kommen. Wenn du einen Einstieg suchst und verschiedene Ansätze kennenlernen möchtest, diese Qualitäten in deinem Leben zu etablieren, findest du in diesem Buch viele Anregungen. Auch Menschen mit viel Meditationserfahrung entdecken hier eine frische Perspektive auf ihre Übungspraxis, denn die Beschäftigung mit der Muße kann die innere Einstellung und den eigenen Anspruch an sich selbst entscheidend verändern.

Auf meiner Entdeckungsreise hin zur Muße habe ich Erfüllung und innere Freiheit gesucht. Auf meinem Weg wurde ich dabei stets neu mit existenziellen Fragen konfrontiert, die sich nun wie ein roter Faden durch dieses Buch ziehen:

Können wir Muße lernen?

Müssen wir erst krank werden, um den Wert der Muße zu erkennen?

Müssen wir erst alt und weise werden, um auch im Alltag Muße zu leben?

Welche Herausforderungen verhindern Muße?

Helfen uns Auszeiten, Muße zu finden?

Müssen wir erst ins Kloster gehen, um die Muße in ihrer Tiefe zu erforschen?

Wie kann es uns gelingen, Muße auch in Krisenzeiten zu bewahren?

Wie können wir Muße im Beruf leben?

 

Ich habe von Anfang an erlebt, wie schwer es ist, Muße im Alltag zu kultivieren. Deshalb entschloss ich mich schon bald, in ein bewährtes Trainingslager dafür zu gehen: ein buddhistisches Kloster.

Hier stehen Loslassen, im Jetzt leben, Achtsamkeit und Gewahrsein auf dem Lehrplan. Die Klosterzeit und eine langjährige Meditationspraxis haben mir einen Einblick in das Potenzial der menschlichen Existenz gewährt. Ich durfte mußevolle und erfüllte Zustände im Tun und im Sein erfahren, und mit der Zeit konnte ich auch immer besser verstehen, wie die Zusammenhänge zwischen Loslassen, Gelassenheit, Erfüllung und Freiheit im Zusammenspiel mit der Muße wirken. Als bodenständiger, durchaus kritischer Mensch mit wenig religiösem Interesse habe ich mich intensiv mit dem Buddhismus und anderen Weisheitslehren auseinandergesetzt. Dennoch habe ich nicht aus dem Blick verloren, dass es unzählige Wege gibt, wie Muße ihren Ausdruck im Alltag finden und kultiviert werden kann. Meine eineiige Zwillingsschwester beispielsweise hat dabei meinen Horizont geweitet, denn sie lebt die Muße völlig anders als ich.

Für mich ist Muße zu einem zentralen Lebensprinzip geworden. Prinzip meint hier einen Grundsatz oder Maßstab des Handelns, der uns leitet. Was kann geschehen, wenn wir der Muße mehr Aufmerksamkeit schenken, sie für uns positiv definieren und ihr einen gebührenden Platz in unserem Leben einräumen?

Um das herauszufinden, findest du in diesem Buch zahlreiche Anleitungen zum einsichtsvollen Innehalten sowie Anregungen zum Hinterfragen der eigenen Einstellung. Kleine Übungen können dich dabei unterstützen, auf deine ganz persönliche Entdeckungsreise zu gehen und mehr im Jetzt anzukommen.

Muße zu finden ist eigentlich nicht schwer. Oft übersehen wir, wo wir sie bereits leben. Sie führt in unserem Leben vielleicht ein Schattendasein. Wenden wir uns ihr zu, kann sie ihre Kraft entfalten. Denn sie ermöglicht und vertieft das Erleben, nach dem wir alle suchen. Manche nennen es Glück, Frieden, Erwachen, Ankommen im Jetzt. Immer kann Muße zur Kompassnadel für ein freudig erfülltes und freies Leben werden.

 

Zeit für das Wesentliche

 

 

»Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.«

Seneca

 

 

Obwohl sich fast jeder mehr Zeit wünscht, scheint es nur wenigen Menschen zu gelingen, sich ganz selbstverständlich Freiräume zu schaffen und das zu tun, was wirklich wichtig für sie ist. Warum ist das so? Wie kommt es, dass wir uns für alles Mögliche Zeit nehmen, nur nicht für das Wesentliche?

Wir teilen uns unsere Zeit je nach Prägung, Mustern und Zielen ein. Oft geschieht das eher unbewusst und unreflektiert, wir hinterfragen es nur selten. Denn normalerweise richten wir unsere Zeit automatisch danach aus. Solange im Alltag alles gut läuft, besteht wohl auch kein Grund, etwas zu ändern oder neue Prioritäten zu setzen. Meist tendieren wir dazu, das Leben laufen zu lassen. Das kann eine gute Strategie sein. Doch was ist, wenn das Leben ganz anders läuft als gewünscht?

 

Wofür wir unsere kostbare Zeit verwenden und ob wir die richtigen Prioritäten setzen, fragen wir uns erst, wenn wir neue Einsichten gewonnen haben, unzufrieden sind oder einen Missstand erkennen, den wir nicht länger ertragen können oder wollen. Manchmal werden uns Veränderungen auch von »außen«, durch Schicksalsschläge oder Krisen, aufgezwungen: Etwas bricht in unser Leben ein, und nichts ist mehr so, wie es vorher war. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als ganz neu zu überlegen, was uns wirklich wichtig ist und womit wir unsere (Lebens-)Zeit verbringen wollen.

Ein solcher Startschuss für eine größere Veränderung wird oft durch ein leidvolles Ereignis ausgelöst. Manchmal geschieht das im familiären Umfeld oder im Freundeskreis: Ein geliebter Mensch wird krank, hat einen Unfall oder stirbt. Wir sind automatisch mitbetroffen, trauern, möchten helfen und unterstützen oder fühlen uns ohnmächtig. Manchmal betrifft ein Schicksalsschlag oder eine Krise auch uns selbst. Dann werden wir plötzlich oder schleichend aus unserem gewohnten Alltag gerissen: durch eine körperliche Krise, eine Beziehungskrise, ein seelisches Thema oder auch die Berührung mit globalen Problemen, Sorgen und Ängsten, die uns innerlich völlig aufwühlen. Solche Krisen sind meist dramatisch, weil sie uns von dem geplanten oder gewünschten Weg abhalten. Und sie sind in der Regel sehr schmerzhaft und bringen das gewohnte Leben oder zumindest unsere Vorstellung davon durcheinander, weil sie uns aufrütteln und alles auf den Kopf stellen.

 

 

Ein erster Weckruf

 

Ich selbst habe einen solchen Paukenschlag erlebt, der zugleich mein Weckruf war und durch den meine Ziele und damit die Verwendung meiner wertvollen Lebenszeit stark geprägt wurden.

Ich war siebzehn Jahre alt und hauptsächlich mit mir beschäftigt, mit der Schule, den Plänen für ein Studium, einem möglichen Auslandsaufenthalt und mit meinem Freund. Eines Tages kam meine Mutter von Terminen in der Stadt wieder, und ich spürte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie machte einen ernsten, fast wütenden Eindruck. Als hätte sie sich über etwas maßlos geärgert. Erst beim gemeinsamen Abendessen ließ sie die Bombe platzen. »Ich habe Brustkrebs. Und die Ärzte sagen, wenn ich mich nicht sofort operieren lasse, dann geben sie mir noch sechs Monate zu leben. Ich habe mich entschieden: Ich werde mich nicht operieren lassen!« Was für ein Schock! Mein Vater, meine Schwester und ich schauten uns fassungslos an. Dann kippte ihre Wut um, sie sprang auf und begann zu weinen. Wir fühlten uns hilflos. Meine Mutter war immer gesund, sehr sportlich und zu dem Zeitpunkt gerade mal fünfunddreißig Jahre alt. Wenn wir alle mit einer Erkältung im Bett lagen, war sie es, die noch fit war. Und jetzt das. An diesem Abend ging meine »heile« und unbeschwerte Jugendzeit abrupt zu Ende. Ich war erstmals mit etwas in Kontakt gekommen, was man ein »schicksalhaftes und leidvolles Lebensereignis« nennen könnte. Aus heiterem Himmel war es über meine Familie hereingebrochen.

Nichts war danach mehr so wie vorher. Unsere Familie rückte näher zusammen, die Themen drehten sich auf einmal um Existenzielles. Die Zeit wurde kostbar. Es ging um Leben und Tod, um die großen Belange des Lebens.

Wie wir schnell feststellten, brachte die Frage nach dem Warum keine Antworten. Es ging nur noch um das Wie:

Wie konnte es jetzt weitergehen?

Ich bekam hautnah mit, wie meine Mutter durch stürmischste Emotionen ging. Zuerst war sie geschockt und zutiefst erschüttert. Dann befand sie sich eine Zeit lang in einem heftigen Widerstand, im Hader mit Gott und dem Schicksal. Sie wollte es nicht wahrhaben, sie wollte sich nicht operieren lassen, eigentlich keinen mehr an sich heranlassen. Dann kam eine Phase, in der sie ganz von Angst erfüllt war. Sie hatte Angst vor dem Ungewissen, den Schmerzen, dem, was geschehen könnte. Sie spürte, dass etwas in ihr wuchs, sich unkontrollierbar ausbreitete und vielleicht tödlich sein würde, wenn es nicht schnellstmöglich herausgeschnitten würde. Doch sie war immer noch im Widerstand. Und sie ließ sich Zeit, wollte erst herausfinden, welche Behandlungsmöglichkeiten es noch gab. Vielleicht könnte sie eine Operation und die Amputation der Brust verhindern. Die Ärzte machten Druck, es würde höchste Zeit, sonst würde der Krebs vielleicht schon streuen. Auch in ihrem Umfeld wurde Druck aufgebaut. Jeder hatte eine andere Meinung. Mein Vater, die Eltern meiner Mutter, die Freunde – jeder sagte, sie müsse jetzt endlich etwas unternehmen.

Nach ein paar Wochen der Recherche und der Unrast ließ sie sich doch operieren. Die rechte Brust wurde amputiert, die Lymphknoten unter den Achseln herausgenommen. Zum Glück schien der Krebs doch nicht gestreut zu haben. Also hatten wir die Hoffnung, dass alles wieder so unbeschwert werden würde wie früher.

 

 

Prioritäten verändern sich

 

 

»Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.«

 

Aristoteles

 

 

Durch die Erkrankung meiner Mutter wurden die Prioritäten in meiner Familie ganz neu gesetzt. Im Angesicht der lebensbedrohlichen Diagnose war nur noch das Gesundwerden im Fokus. Alles andere trat in den Hintergrund. Alles, was bis dahin wichtig erschien – finanzielle Angelegenheiten, berufliche Planungen für die Zukunft, die nächste Familienfeier, Auseinandersetzungen und Streitereien mit den Nachbarn –, alles wurde zweit- und drittrangig. Diese Krise hatte eine wirklich stark verändernde Kraft. Das war eine der ersten Lektionen, die ich lernte: Treten Krisen auf, dann ändern sich schlagartig die Prioritäten. Und je bedrohlicher eine Krise ist, umso größer ist unsere Bereitschaft und Notwendigkeit, etwas zu ändern. Bis wir allerdings Krisen nicht nur als überflüssig und unangenehm bewerten, sondern sie auch als Chancen erkennen, ist es oft ein weiter Weg. Rückblickend bin ich sehr dankbar dafür, dass mich die Krankheit meiner Mutter so früh mit Themen konfrontiert hat, die seitdem in meinem Leben eine so wichtige Rolle spielen. Hier stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass wir das Wesentliche nicht sehen oder aus den Augen verlieren? Grob gesehen gibt es sieben Bereiche, die für alle Menschen wichtig sind:

• Gesundheit
• Familie, Beziehungen und Freundschaften
• Beruf und Karriere
• finanzielle Unabhängigkeit, also Geld und Sicherheit
• Entfaltung der eigenen Fähigkeiten
• Spiritualität und
• soziales oder politisches Engagement

 

In diesen Lebensbereichen wünschen wir uns Glück und hoffen, dass wir von Krisen verschont bleiben. Wir versuchen, alles in Balance zu halten und die Zeit zwischen diesen wichtigen Bereichen aufzuteilen. Doch oft verläuft das Leben nicht so ausgeglichen und reibungslos, wie wir uns das wünschen würden. Ein paar wenige Ausnahmen scheint es zu geben: Menschen, die gesund sind und dies bis ins hohe Alter bleiben, stabile und reife Beziehungen führen und sich ein erfolgreiches und sorgenfreies Leben aufgebaut haben. Doch die Schicksale der meisten gehen ganz andere Wege. Wir werden herausgefordert und können daran wachsen und uns dem stellen, was auf unserem ganz persönlichen Lebensweg liegt.

Krisen haben ein besonderes Potenzial. Sie bringen die Kraft der Veränderung mit sich. Das Alte und Bekannte wird aufgebrochen, und es entsteht Platz für Neues. Das macht erst mal Angst, Unsicherheit macht sich breit.

Nichts ist mehr wie vorher, die Träume sind zerstört, die Hoffnungslosigkeit ist groß.

In der akuten Phase sind Trauer und ein Zurückhaben Wollen des Alten völlig normal. Wir brauchen Zeit, um uns an die Veränderungen zu gewöhnen, bevor wir uns dem stellen und schauen, wie es Schritt für Schritt weitergehen kann. Krisenzeiten sind auch deshalb wertvoll, weil sie uns auf einen Nullpunkt zurückführen. Schauen wir tiefer in unsere Vergangenheit und erinnern uns an bewältigte Krisen, können wir sicherlich erkennen, dass jede dieser Krisen auch den Samen für eine große Veränderung in sich trug. Oftmals war diese große Veränderung im Nachhinein ein Segen. Nicht wenige Menschen berichten nach einiger Zeit und mit etwas Abstand sogar mit Dankbarkeit über die Einsichten und Geschenke, die sie nach ihrem bewältigten Burnout, der überstandenen Krankheit, nach einer schmerzhaften Trennung oder Durststrecke für sich entdecken konnten. Ein zentraler Aspekt, der diese Krisen ausmacht, ist die Rückkehr zu dem, was uns wirklich wesentlich ist. Dafür sind Krisen der Katalysator schlechthin.

 

 

 

* * * * * * * * * * * *

 

Übung: Ein Moment des Innehaltens

 

Egal was eine Krise auslöst, sie hat eine besondere Funktion in unserem Leben. Halte einen Moment inne und schau auf dein bisheriges Leben zurück:

Was war die größte Krise in meinem Leben?

War es eine Trennung oder Scheidung?

War es eine berufliche Durststrecke und die Unzufriedenheit mit einem Job?

Waren es Zeiten finanzieller Sorgen?

Habe ich einen beruflichen Misserfolg erlebt oder bin ich in eine Sackgasse geraten?

War es eine Krankheit?

 

* * * * * * * * * * * *

 

 

 

Wenn ein Weckruf nicht genügt

 

Manchmal ist ein zweiter Weckruf nötig, damit die Chance auf Veränderung ergriffen wird. So erging es auch meiner Mutter. Sie begann irgendwann ihr bisheriges Leben selbstkritisch zu hinterfragen und stellte fest, dass sie auf der Überholspur gelebt hatte. Mit gerade achtzehn Jahren war sie Mutter von Zwillingen geworden. Mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Eltern, die direkt nebenan wohnten, wurde in den ersten Jahren ein Haus gebaut.

Das erforderte, dass sie auch mitverdiente und halbtags arbeiten ging. Mit ihrer Ehe, der Familie, drei Hunden und einem großen Freundeskreis war sie voll beschäftigt. Zeit für sich selbst hatte sie in diesen Jahren nicht. Sie war nur für die anderen da und hinterfragte dies auch nicht, wie sie mir einige Zeit nach der Erkrankung erzählte.

Nach OP, Chemotherapie und Bestrahlung wurde ihr von den Ärzten dringend empfohlen, ihr ganzes Leben zu ändern. Sie sollte und musste jetzt auf ihre Bedürfnisse achten, weniger tun, sich schonen. Doch das fiel ihr überhaupt nicht leicht. Sie war es gewohnt, für die anderen da zu sein. Sich selbst zu spüren und alles gemächlicher anzugehen, das lag ihr überhaupt nicht. Sie hatte nicht gelernt, sich Zeit für sich zu nehmen, und hatte schon ein schlechtes Gewissen, wenn die Putzhilfe kam und für sie das Haus reinigte. Es dauerte nur wenige Wochen, und sie begann wieder in ihren gewohnten Aktionismus zu verfallen. Sie machte bald wieder alles selbst, überforderte sich, bekam Schmerzen. Sie konnte nicht stillhalten und loslassen. Sie sagte, dass sie nicht anders könne, sie würde sich so untätig und unnütz fühlen. Das wäre nicht auszuhalten. Noch immer haderte sie mit ihrem Schicksal. Ich konnte das damals nicht nachvollziehen. Wie konnte jemand so uneinsichtig sein?

Und prompt kam die Quittung: Nach etwa einem Jahr hatten sich Metastasen rund um die Narbe an der Brust gebildet. Wieder wurde sie operiert, wieder bekam sie Chemo und Bestrahlung. Nach diesem zweiten Weckruf fasste sie einen tieferen Entschluss: Sie wollte gesund sein, sie wollte leben. Das wurde zu ihrer obersten Priorität. Von da an folgten ernsthafte Lernschritte. Sie setzte sich intensiv mit ihren destruktiven Prägungen auseinander, die sie daran hinderten, sich zu entspannen und loszulassen. Da es ihr allein nicht gelang, holte sie sich Unterstützung. In kleinen Schritten wurde es ihr möglich, ihre Bedürfnisse zu spüren und die inneren hindernden Überzeugungen zu identifizieren.

 

Mich faszinierte diese Entwicklung, denn meine Mutter begann tatsächlich, sich mit der Realität anzufreunden, sie zu akzeptieren, wie sie ist. Sogar den zunächst vehementen Widerstand und das erste Scheitern begann sie mit einer gewissen Freundlichkeit anzunehmen. Sie wurde spürbar ruhiger und gelassener. Das ging auch an mir nicht spurlos vorüber. In dieser Zeit begann ich mich ernsthaft für das zu interessieren, was sie dort übte. Das wollte ich auch lernen. Ich begann, Fragen zu stellen, wollte verstehen, warum es ihr zunächst so schwergefallen war, die verordnete Ruhe einzuhalten, und wie sie sich dann doch schrittweise auf einen heilsamen Weg begeben hatte. Und ich lernte und verstand es immer besser.

 

 

Die Schwierigkeit mit der verordneten Ruhe

 

Gerade durch unvorhergesehene und kritische Lebensereignisse werden wir gezwungen, innezuhalten und erst mal ruhig zu werden. Es braucht eine gewisse Zeit, bis wir uns mit dem Unausweichlichen abfinden. Schon eine Grippe oder ein Beinbruch kann uns für eine gewisse Zeit in eine ungewohnte Ruhe zwingen. Haben wir ein überlastetes Nervensystem, dann brauchen wir erst recht viel Ruhe. Ist unsere geistige und seelische Kapazität überlastet, sind wir wie ein überhitzter Computer, der zu viele Programme gleichzeitig geöffnet hat und nicht mehr reagieren kann. Dann hilft nur die Reset-Taste: den Computer herunterfahren, alle Programme schließen, abkühlen lassen und langsam neu starten. Beim Neustart ist darauf zu achten, dass wir den Arbeitsspeicher nicht wieder voll auslasten, also genau überlegen, welche Programme wir wirklich zum Arbeiten brauchen.

Manchmal wollen wir uns tatsächlich diese Ruhe und vielleicht sogar einen Neustart verordnen – doch nicht immer liegt es in unserer Hand. Oftmals sind wir auf einer krankmachenden Spur unterwegs, einer überlastenden Tätigkeit, haben viel zu viele dringliche Aufgaben, eine ungesunde Ernährung und vor allem zu wenig Ruhe und Erholung. Aber wir finden da nicht raus.

 

Erst wenn der Arzt sagt: »Sie müssen sich jetzt Ruhe gönnen«, dann machen wir uns langsam mit dieser Option vertraut. Das heißt noch lange nicht, dass uns das auch gelingt. Neben dem inneren Widerstand gegen die ungewollte neue Situation, die Ruhe und Stillhalten verlangt, kommt oft noch ein Gefühl der Ohnmacht hinzu. Wir wissen einfach nicht, wie es geht, ruhig zu werden. Inmitten von aufgewühlten Emotionen ist das am Anfang scheinbar unmöglich.

 

 

Offenheit als erster Schritt zur Veränderung

 

Am Beispiel meiner Mutter erlebte ich hautnah, wie schwer es sein kann, alte Gewohnheiten zu ändern. Sie konnte zunächst keine Ruhe geben, sich nicht zurücklehnen und kleinste Arbeiten von anderen verrichten lassen. Sie konnte sich keine Ruhe-Inseln schaffen. Schließlich sah sie ein, dass sie das Sein-Lassen nur Schritt für Schritt erlernen konnte. Um sie zu unterstützen, beschlossen mein Vater, meine Schwester und ich, die täglichen Übungen am Abend gemeinsam mit meiner Mutter durchzuführen. So kamen wir meist nach dem Abendessen in der großen Wohnküche zusammen und setzten uns auf die Stühle und die Eckbank. Es wurde zu einem Ritual. Wie zu einem gemeinsamen Fernsehabend fanden wir zusammen, wir zündeten eine Kerze auf dem Tisch an und begannen mit einer Meditation. Wir hatten eine kleine geführte Meditation von einer Freundin meiner Mutter erhalten. Sie meditierte schon einige Jahre und leitete uns die ersten Male an, danach sollten wir sie selbst durchführen. Es war auch gar nicht schwer. Wir setzten uns gerade hin, stellten die Füße auf den Boden und legten die Hände in den Schoß. Dann sollten wir zur Kerze schauen, die flackernde Flamme fixieren. Manchmal tränten die Augen etwas, wodurch der Blick weicher wurde. Mit der Konzentration auf die Flamme sollten wir alle Gedanken und Gefühle, die ja trotzdem da waren, einfach weiterziehen lassen. Ich fand das gar nicht so schwierig, und manchmal denke ich, wie wichtig es war, schon so früh, also noch mit unter zwanzig, mit solchen Übungen vertraut zu werden. Die Absicht dieser Anleitung lag darin, erst mal den Kopf frei zu bekommen, den Strom der Gedanken und auch die momentanen Gefühle zu bemerken und zugleich mit der Konzentration auf die Flamme eine Art Anker zu schaffen.

Diese zehn- bis zwanzigminütige Meditation war sehr hilfreich. Es war schön, so beisammen zu sein. Ich fühlte mich zentriert, still und offen. Mein Vater nickte manchmal ein, und meine Mutter war glücklich, dass wir diese Übung gemeinsam durchführten. Das schenkte ihr und uns ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Unterstützung. Meine Großeltern bekamen unsere »Sitzungen« manchmal mit. Sie schüttelten den Kopf und konnten nicht verstehen, was wir da fast jeden Abend machten. Erst als wir erklärten, wir würden zusammen beten, waren sie beruhigt und ließen uns mit ihren skeptischen Blicken und Fragen in Ruhe. Sie waren allerdings nicht bereit mitzubeten. Mein Opa meinte, er mache das mit sich selbst aus, das wäre nichts für ihn.

Nach der kleinen stillen Meditation fühlte sich die Luft irgendwie gereinigt an, und meine Mutter begann zu erzählen, wie es ihr heute ging. Wir hörten aufmerksam zu, wussten wir doch, wie gut es ihr tat. Es war erstaunlich, wie aufrichtig sie zu sich selbst und uns gegenüber war. Mal sprach sie über ihre Schmerzen im rechten Arm, zeigte uns, wie sich die Narbe an der Brust verändert hatte, und berichtete, welche Sorgen sie damit hatte.

An manchen Abenden teilte sie auch die kleinen Erfolge und Misserfolge mit uns. Sie sprach darüber, wie sie damit rang, ihre Krankheit anzunehmen, und wie schwer es ihr immer noch fiel, Aufgaben loszulassen. Manchmal hatte mein Vater den Impuls und riet ihr: »Ach, lass es doch einfach jemanden tun oder frage um Hilfe.« Meine Mutter schaute ihn dann an und entgegnete: »Das habe ich aber nicht gelernt, und ich versuche, es jetzt Schritt für Schritt zu lernen. Ich brauche Geduld, aber keine guten Ratschläge. Schaut für euch selbst, wie ihr Geduld und Loslassen lernt. Ich muss es jetzt tun, mir bleibt keine Wahl. Meine Krankheit zwingt mich dazu. Ich muss und möchte es lernen. Was euch wichtig ist, könnt ihr nur für euch entscheiden.« Mein Vater wurde still. Er war ein sehr ungeduldiger und umtriebiger Mensch, doch er liebte meine Mutter sehr, und wenn sie mit solch einer Energie sprach, dann hörte er einfach zu und nickte nur noch zustimmend. Für mich waren diese Abende sehr wertvoll und lehrreich, vielleicht spürte ich instinktiv, dass etwas recht Ungewöhnliches in meiner Familie geschah. Es war die Offenheit und die liebevolle Unterstützung, die uns verband und die uns alle durch diese Zeit trug.

 

 

Dem Wesentlichen auf der Spur bleiben

 

Eines Abends nach der fast täglichen gemeinsamen Meditation sprach meine Mutter über das, was sie jetzt für wesentlich erachtete. Wir hörten gespannt zu. Ihre Betroffenheit war zu spüren, als sie sagte: »Ich habe durch die klärenden Gespräche mit meiner Freundin Gisela erkannt, wie wenig ich bisher meinen eigenen Bedürfnissen gefolgt bin. Das Leben hat mich eher wie eine Lawine überrollt, und ich habe mich mitreißen lassen. Ich hatte Träume, bevor ich dich getroffen habe.« Sie schaute meinen Vater an. »Ich wollte reisen, die Welt sehen, Menschen und Kulturen kennenlernen und so vieles ausprobieren. Dann wurde ich schwanger, und das Leben nahm diesen Lauf. Das ist auch in Ordnung so, aber ich hatte bei all den Aufgaben und Anforderungen vergessen, mir Raum für mich zu nehmen. Ich habe immer zuerst an die anderen gedacht. Es wäre doch egoistisch gewesen, an mich selbst zu denken. So habe ich mir das zurechtgelegt. Doch jetzt merke ich, dass ich nicht mehr wirklich glücklich war.« Wir schauten uns an und hörten schweigend weiter zu. »Ich war zum Beispiel immer vom Reiten fasziniert. Doch selbst reiten zu lernen habe ich mir nicht gegönnt, ich habe es gar nicht in Betracht gezogen. So habe ich mich darauf beschränkt, anderen beim Reiten zuzusehen.«

 

Kurz darauf suchte sich meine Mutter eine Reitschule, hatte schon bald ihre erste Longenstunde und kam mit leuchtenden Augen nach Hause. Einige Menschen in unserem Umfeld schüttelten verständnislos den Kopf. Wie konnte eine krebskranke Frau, die gerade die zweite Chemotherapie hinter sich hatte, auf die verrückte Idee kommen, mit dem Reiten anzufangen? Ich lernte eine wichtige Lektion: Wünsche und Impulse können wir nicht in die Zukunft verschieben. Wir wissen schließlich nicht, wie viel Zeit uns überhaupt bleibt.

 

Meine Mutter erfüllte sich noch weitere Wünsche, die sie schon lange gehegt und teilweise niemals ausgesprochen hatte. Sie reiste mit meinem Vater nach Südafrika und nahm an einer Safari teil. Sie unternahm alles, um ihre frühere beste Freundin, mit der sie sich vor Jahren zerstritten hatte, zu finden, und traf sich zu einem klärenden Gespräch mit ihr. Für sie war klar, was sie unbedingt noch machen wollte. Und plötzlich war Zeit und auch Geld dafür da, denn geplante Anschaffungen waren unwichtig geworden. Das respektierte jeder. Und ich fragte mich, warum wir eigentlich erst in so eine Zeitnot und unter einen solchen Druck – in diesem Fall den drohenden Tod – geraten müssen, um das zu tun, was uns wirklich wichtig ist.

 

Für mich war schnell klar: Ich wollte meine wesentlichen Ziele nicht mehr aus den Augen verlieren, sondern mich regelmäßig fragen, was jetzt wichtig ist und ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Daraus ergab sich später eine kleine Übung, ein kleines Ritual, das ich über Jahre durchführte. Ich nahm mir dafür einmal im Monat Zeit, meistens am Vollmondabend oder einen Tag danach. Der Vollmond war ein guter Erinnerer, unübersehbar und regelmäßig. Dieses Ritual wurde mir so wichtig, dass ich für diesen Abend alles andere absagte. Es war mir heilig, denn ich kam mit mir selbst auf eine innige und aufrichtige Weise in Kontakt. Es beflügelte mich, richtete mich aus und gab mir einen kleinen Kompass an die Hand, der mir auch im Alltag half. An diesen Abenden stellte ich mir leise Musik an, nahm ein Vollbad oder suchte mir einen stillen Platz in der Natur. Manchmal schaute ich auf eine Kerzenflamme und meditierte. Schon bald kehrte etwas Ruhe ein, und ich fragte mich aus tiefstem Herzen: »Was ist mir für den kommenden Monat wichtig? Was möchte ich einladen? Und was möchte ich verabschieden?« Ich hatte mir ein kleines Büchlein hingelegt und schrieb hinein, was mir zu diesen Fragen bewusst wurde. Es war erstaunlich, was sich dabei klärte. Meist bin ich einfach die vier wesentlichen Bereiche meines Lebens durchgegangen: Gesundheit/Körper, Beziehungen/Liebe, Beruf/Tätigkeiten, innere Bedürfnisse/Spiritualität. War etwas für meine Gesundheit wichtig? Wie ging es mir körperlich? Gab es Impulse dazu? Dann schaute ich mir meine Beziehungen an. Dieses Ritual vertiefte ich noch an meinem Geburtstag oder an Silvester. Hier wurde es ein ausführlicher Jahresrückblick mit einer aufrichtigen Reflexion über die wichtigsten Ereignisse. Ich versuchte, mir über mein Befinden und die Grundstimmungen klarer zu werden, und schaute dazu auch noch mal die Aufzeichnungen meines monatlichen Vollmondrituals an. Es war erstaunlich. Ich fühlte zunehmend eine Ergriffenheit, wie schön sich die Ereignisse zusammengefügt hatten, als gäbe es einen roten Faden. Alles kam zur rechten Zeit. Ein Drehbuch, das sich kaum besser hätte erfinden lassen. Ich fühlte Dankbarkeit, auch wenn natürlich nicht alles so lief, wie ich mir das gewünscht hatte. Das regelmäßige Innehalten und Zurückschauen war meine Form, wie ich es schaffte, eng mit dem, was mir wirklich wichtig war, verbunden zu bleiben und auch manchmal den Kurs zu korrigieren.

 

 

Zeit haben schafft Lebensqualität

 

Es kann so schnell passieren, dass uns der Lebensfluss wie ein Wirbel erfasst. Dann kreisen unsere Gedanken und die gesamte Aufmerksamkeit rund um den Job, eine Beziehung und unsere Sorgen und Probleme so stark, dass wir den Kontakt zu uns selbst verlieren. Wenn wir dann nicht zwischendurch innehalten, eine Ruhezeit einlegen, überprüfen, wo wir stehen und was wirklich anliegt, dann haben wir das Gefühl, vom Sturm mitgerissen zu werden.

Dann stellen wir vielleicht überrascht fest:

Wir haben etwas angestrebt oder tun etwas, was jetzt gar nicht mehr stimmt, was nicht mehr angemessen ist. Vielleicht haben wir unsere Karriereleiter an ein Haus gestellt und sind sie auch ein ganzes Stück hoch gegangen, um dann festzustellen, dass es das falsche Haus war. Das spüren wir durch die schleichende Unzufriedenheit mit dem, was wir tun und womit wir unseren Lebensunterhalt verdienen. Um die jedoch wirklich wahrzunehmen und einordnen zu lernen, brauchen wir Momente des Innehaltens und des aufrichtigen Reflektierens. Eine kleine Bilanz kann uns helfen. Und bei den meisten heute wird sie ergeben, dass etwas mehr freie Zeit hilfreich wäre.

Damit wir mehr von diesem zeitlichen Freiraum gewinnen, werden wir nicht umhinkommen, auf einige Aktivitäten zu verzichten. Im ersten Moment hört sich Verzicht gar nicht verlockend an. Doch die andere Seite von Verzicht ist der Gewinn von Lebensqualität. Sie entfaltet sich, wenn wir uns Zeit für das nehmen, was uns am Herzen liegt. Da wir die frei verfügbare Zeit nicht aufstocken können und der Tag nun mal nur vierundzwanzig und nicht, wie wir es uns manchmal wünschen, achtundvierzig Stunden hat, ist es sinnvoll, Raum für das zu schaffen, was uns wirklich Lebensqualität verspricht. Dafür verzichten wir auf etwas, was uns sowieso nicht mehr das gebracht hat, was wir uns gewünscht haben. Wir können nun mal nicht alles haben und auch nicht alles gleichzeitig machen: eine glänzende berufliche Karriere aufbauen, glücklich und zufrieden mit der Familie leben, rundherum gesund und fit sein, nebenher noch alle möglichen Interessen und Fähigkeiten entfalten, meditieren und dabei inneren Frieden finden, uns ehrenamtlich in der Gemeinde oder für einen guten Zweck im Verein engagieren. Es gibt nicht wenige Ratgeber und Zeitmanagementexperten, die behaupten, man müsse sich nur auf die wesentlichen Punkte konzentrieren, dann könne man fast mühelos sein Einkommen steigern und die Freizeit verdoppeln.

Mir ist allerdings niemand bekannt, der das je geschafft hätte. Es wäre absurd, diese maßlosen Ansprüche auch noch als ausgeglichenes Leben zu bezeichnen. Wollten wir uns das beschriebene Programm zum Ziel setzen, so hätten wir sieben Prioritäten:

Beruf und Karriere, Familie und Freundschaften, finanzielle Unabhängigkeit, Gesundheit und Fitness, Entfaltung der Persönlichkeit, Spiritualität und soziales Engagement. Der britische Zeitmanagement-Trainer Martin Scott meint: Wer mehr als zwei Prioritäten setzt, hat keine Prioritäten. Denn Priorität heißt Vorrang.

Wir können Ziele haben und dabei Prioritäten setzen. Doch nicht alle Ziele werden wir erreichen können. Auf einiges müssen wir verzichten, manchmal freiwillig, manchmal entscheidet das Schicksal. Für ein glückliches, erfülltes Leben ist es gar nicht erforderlich, alle Ziele zu erreichen. Es genügt die Frage, wofür wir am meisten Zeit haben wollen. Falls wir uns darüber nicht im Klaren sind, können wir zunächst dieser Frage Priorität einräumen und es herausfinden.

 

 

»Wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt.«

 

Arthur Schopenhauer

 

 

 

* * * * * * * * * * * *

 

Reflexion: Meine Lebensqualität

 

Nimm dir einen Moment Zeit und denke über deine Lebensqualität nach. Was verschafft dir Lebensqualität? Vielleicht möchtest du die sieben Bereiche durchgehen, die für die meisten Menschen wichtig sind: Gesundheit; Familie, Beziehungen und Freundschaften; Beruf und Karriere; finanzielle Unabhängigkeit, also Geld und Sicherheit; Entfaltung der eigenen Fähigkeiten; Spiritualität; soziales oder politisches Engagement. Schreibe dir dazu jeweils ein paar Stichworte auf:

Wann und wie erfahre ich Lebensqualität?

Was verschafft mir Genuss, Freude und Leichtigkeit?

Mit welchen Menschen fühle ich mich geborgen und

inspiriert?

 

Schaue dabei nicht auf Krisen und setze auch nichts auf eine (virtuelle) To-do-Liste (beispielsweise bei Gesundheit: »Ich sollte mehr Sport treiben«). Stelle einfach fest, was ist. Zum Beispiel: »Fahrrad fahren und der Spaziergang mit dem Hund ist ein Quell meiner Lebensfreude.« Mache dir bewusst, was du in den einzelnen Bereichen schätzt und was du dir wünschst.

 

* * * * * * * * * * * *

Die Entdeckung der Muße

 

 

»Eines ist so wichtig wie’s andere: rechtzeitig zufassen und rechtzeitig loslassen können.«

 

Nikolaus von Kues

 

 

 

Fast unbemerkt habe ich während der Krankheit meiner Mutter den Grundstein für einen wesentlichen Lebensbegleiter gelegt: die Muße. Auch wenn ich sie zunächst nicht so nannte und sich ihre Prinzipien erst mit der Zeit offenbarten, habe ich der Muße damals einen Platz in meinem Leben eingeräumt und dafür gesorgt, dass ich sie weiter erforsche.

 

Das Erlebte hatte mich aufgerüttelt und mich erkennen lassen, wie notwendig und auch belebend selbstbestimmte zeitliche Freiräume im Alltag sind. Kleine Rituale halfen mir schon damals, mich selbst zu spüren, mich zu entspannen und zu überprüfen, was mir wichtig war. Daran konnte ich mich neu ausrichten. Damals hätte ich diese Zeiten auch »Zeit mit mir selbst« oder »intensiv verbrachte Zeit mit meiner kranken Mutter« nennen können. Manchmal bezeichneten wir die gemeinsamen Zeiten abends mit der Familie als »Meditation« und manchmal, je nachdem wer fragte, als »Gebet«. Es war eine Zeit für Wesentliches, manchmal für Stille, manchmal für achtsamen Austausch oder für kostbare Momente mitten im Alltag. Es war eine Zeit des innigen Seins mit sich selbst und mit den anderen, jenseits des üblichen Beschäftigtseins. Im Lauf der Jahre fand ich für mich andere Formen, und es veränderten sich die Begrifflichkeiten für das, was mir so wichtig geworden war. Irgendwann fiel mir auf, dass es ein wunderschönes altes Wort für all das gibt: Muße.

 

Jeder hat dieses Wort schon einmal gehört. Dem einen oder anderen mag es verstaubt vorkommen. Viele verwenden es eher beiläufig in Redewendungen wie:

»Wenn ich mal ganz viel Muße habe, dann werde ich …« Und manchmal sind es auch konkrete Erlebnisse, die wir mit Muße in Verbindung bringen: im Urlaub endlich mal Zeit haben, um das Buch zu lesen, das schon so lange auf dem Nachttisch liegt. Mit Muße das Abendessen genießen oder uns Zeit für den grandiosen Blick auf die Berge nehmen, die sich uns offenbaren. Neben dem zeitlichen Freiraum, der Muße definiert, habe ich noch eine weitere wichtige Dimension durch meine Mutter kennen- und schätzen gelernt.

 

 

Gelassen loslassen

 

Meine Mutter konnte dem Krebs nicht entkommen. Diese Tatsache anzunehmen, fiel uns nicht leicht. Der offene Austausch über Sorgen und Ängste, die Stille und die Ausrichtung auf Heilsames halfen uns dabei. Meine Mutter ließ sich auch vom fortschreitenden Krankheitsverlauf nicht aus der Ruhe bringen. Sie sprach einmal davon, wie sehr sie in den letzten zwei Jahren bei sich angekommen war, indem sie jeden Tag sehr bewusst das getan hatte, was ihr wichtig war, und auch die Aufgaben in ihrem Alltag erfüllte. Sie gab ihr Bestes und fühlte sich im Einklang mit dem Fluss des Lebens. Manchmal saß sie einfach da, schaute von der Terrasse in den Garten und war entzückt von dem Grün des Rasens, den Regentropfen, die sich in Blättern zu glänzenden, spiegelnden Punkten gebildet hatten. Oder sie schaute begeistert den herumtollenden Hunden beim Spielen zu. Meine Mutter muss vieles sehr intensiv erlebt haben, das spürte ich. Ich saß oft bei ihr, fragte sie, wieso sie so glücklich wirkte, lauschte ihren Beschreibungen und versuchte, mit ihren Augen zu schauen. Doch was ich sah, erschien mir nicht besonders strahlend und schön. Mir fielen Rilke-Gedichte ein, die vor Schönheit und Poesie überliefen, deren Zauber mir aber nur in ganz seltenen Momenten zugänglich wurde.

Meine Mutter blieb sogar gelassen, als ihr von den Ärzten bescheinigt wurde, dass sich überall im Körper Metastasen gebildet hatten. Weitere Operationen kamen nicht infrage. Es wurde klar: Sie wird bald sterben. Zwar konnten die Ärzte nicht genau sagen, wie viel Zeit ihr noch blieb, doch sie wusste genau, wie sie die verbliebene Zeit nutzen wollte. Sie wollte von allen in Ruhe Abschied nehmen. Wir sprachen über Akzeptanz und Annahme, über die Kunst des Loslassens, über Trauer und Dankbarkeit. Vielen Sätzen fügte meine Mutter ein »und auch dafür bin ich dankbar« an. Sie war dankbar für jeden Tag, der ihr blieb. Sie war dankbar für die gute medizinische Versorgung, für unsere Anteilnahme über die ganze Zeit hinweg, für die liebevolle und mitfühlende Unterstützung meines Vaters. Anstatt noch sechs Monate zu leben, wie es unmittelbar nach der Diagnose bedrohlich im Raum stand, wurden es ganze vier Jahre.

 

Uns war klar: Wir hatten viel Zeit geschenkt bekommen und sie intensiv genutzt. Wir waren von Dankbarkeit erfüllt, was die aufsteigende Traurigkeit in eine Balance brachte. Wie paradox es auch klingen mag: Dieser Schicksalsschlag hatte sich für meine Mutter und auch für uns als Familie als Fluch und Segen zugleich erwiesen. Wir hatten die Dankbarkeit für uns entdeckt, gemeinsame Stille erlebt und im Austausch miteinander wirkliche Nähe und Innigkeit gefunden. Meine Mutter strahlte in den letzten Wochen ihres Sterbens innere Kraft und Ruhe aus. Sie lag zu Hause im Bett, konnte nicht mehr laufen und bekam zusätzlich Sauerstoff durch die Nase. Sie konnte kaum noch feste Nahrung bei sich behalten, und ihre Beine hatten sich bläulich verfärbt. Doch sie war wach, hörte Musik und lächelte meistens. Ärzte, Pfleger, Freunde und Bekannte, also alle, die sie so erlebten, bemerkten die Würde und Anmut, die von ihr ausgingen, und empfanden das als etwas sehr Besonderes.

 

Meine Mutter hatte akzeptiert, dass sie sterben würde. Sie hatte losgelassen. Ich erlebte sie präsent und bewusst, völlig im Augenblick, im Jetzt lebend. Ich nahm mir viel Zeit, um bei ihr zu sitzen und ihr all die Fragen zu stellen, die mir wichtig schienen. Sie erzählte mir, wie die Krankheit ihr dazu verholfen hatte, ihre Zeit so zu verbringen, wie sie es sich immer gewünscht hatte, und das zu tun, was ihr wichtig war. Ich erinnere mich noch an ihre Worte: »Diese letzten Jahre haben mir etwas ganz Wesentliches geschenkt: das Gefühl, leidenschaftlich und innig gelebt zu haben. Das macht mich glücklich und schenkt mir inneren Frieden.«

Sie erwähnte auch, dass sie gern noch länger gelebt hätte. Eine einzelne Träne rann ihr übers Gesicht, und auch meine Augen füllten sich mit Tränen. »Zu gern hätte ich erlebt, was aus euch wird und wie sich das Leben weiter entfaltet.« Dann wischte sie sich die Träne weg und sagte: »Ach, ich bin ganz einverstanden. Es ist perfekt, wie es ist.« Meine Trauer blieb zwar wie ein leiser Schatten. Trotzdem spendete mir ihre dankbare und gelassene Haltung heilsamen Trost. Die Art, wie sie mit ihrem Sterben umging, strahlte Gelassenheit und Frieden aus. Im Angesicht des Todes war sie in eine noch tiefere innere Ruhe gelangt und hatte uns gezeigt, wie Loslassen geht.

 

Das fand ich ungeheuer erstrebenswert. Ich fragte sie, ob ich das wohl auch erreichen könnte – ich wolle dafür aber nicht erst krank werden. Wir lachten. Meine Mutter riet mir, meinem Herzen zu folgen und mir Zeiten für Nichtstun, Ruhe und Besinnung im Alltag einzuräumen. Das Festhalten an Vorstellungen würde nicht zu Glück und Leichtigkeit führen, sondern nur das Mitfließen im Fluss des Lebens. Diese Erkenntnis habe sie erst durch ihre Krankheit gewonnen. Für mich waren die Worte meiner Mutter wie ein Vermächtnis. Deshalb schrieb ich sie damals wörtlich auf, um sie ja nicht zu vergessen. An meinem einundzwanzigsten Geburtstag starb meine Mutter zu Hause im Kreise der Familie. Am Abend zuvor hatten wir alle noch zusammen im Schlafzimmer an ihrem Bett gesessen, bis sie zu uns sagte: »Nun ist es gut, ich möchte gehen.« Sie hatte noch einen letzten kleinen Wunsch, den sie uns mit einem Strahlen mitteilte: In ihrer Todesanzeige solle stehen, dass sie nach einem erfüllten Leben gegangen sei.

 

 

Die Facetten der Lebensqualität

 

Wie ist es möglich, dass meine Mutter ein erfülltes Leben hatte, obwohl sie nur neununddreißig Jahre alt wurde? Was bedeutet es eigentlich, erfüllt zu leben? Wie lässt sich Lebensqualität bemessen? Jeder definiert sie zumindest ein wenig anders, je nach eigenen Vorlieben und Werten, kulturellen Prägungen und persönlichen Erfahrungen. Was wir unter Lebensqualität verstehen, verändert sich zudem im Laufe des Lebens und hängt stark von der aktuellen Lebensphase ab. So kann es für ein Kind am wertvollsten sein, viel Zeit zum Spielen zu haben. Für den Jugendlichen bemisst sich die Lebensqualität oft an der Zeit, die er mit Gleichaltrigen verbringt. Später erfüllt es uns vielleicht am meisten, wenn wir Zeit für die Familie haben, für Freundschaften, für die berufliche Entfaltung oder für uns selbst.

Egal, was es ist – immer, wenn wir uns Zeit für das nehmen, was uns wichtig ist, was uns Freude, Genuss, Zufriedenheit und Glück verspricht, können wir Erfüllung finden und unsere Lebensqualität erhöhen. Diese Zeiten lassen sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Es sind Zeiten der Muße. Das war es, was meine Mutter mit einem erfüllten Leben beschrieb: Sie hatte Zeit für das Wesentliche. Die Krankheit zwang sie dazu, aus dem unentwegten Tun auszusteigen, und schenkte ihr die Muße, um sich mit dem wirklich Wichtigen zu befassen: mit sich selbst, mit der Familie, mit den Fragen nach Leben und Tod, nach dem Sinn.

Meine Mutter erkannte die Tiefe, die das Leben für uns bereithält, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen und im Jetzt leben. So wurde sie meine erste große Lehrmeisterin in Sachen Muße.

 

 

 

* * * * * * * * * * * *

 

Reflexion: Weckrufe

 

Manchmal scheinen wir die Brisanz von Krisen und Nöten als Weckruf zu benötigen. Sie sind Chancen, um wieder mit dem in Verbindung zu kommen, was uns wirklich wichtig ist. Frage dich:

Gibt es gerade ein Ereignis in meinem Umfeld, in meiner Familie, das mich aufrüttelt oder berührt?

Bin ich bereit, etwas aus diesem Ereignis zu lernen und zum Anlass für eine Neuorientierung oder Kurskorrektur zu nehmen?

 

* * * * * * * * * * * *

 

Warum fällt uns Muße so schwer?

 

 

»Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie so, wie wir sind.«

 

Aus dem Talmud

 

 

Zeiten, die wir mit Muße verbringen, bringen uns näher in Kontakt zu uns selbst. Wir machen etwas, was uns wirklich guttut. Das reicht vom Nichtstun bis zum genussvollen, bewussten Tun. Was sich so leicht und erstrebenswert anhört, fällt den meisten Menschen allerdings schwer. Denn in der Regel haben wir nicht gelernt oder kommen gar nicht auf die Idee, uns freie Zeit zu nehmen und bewusst Raum für Muße zu finden.

 

 

Herausforderung: Unsere Prägungen

 

In meiner Kindheit war Nichtstun ein Fremdwort. Ich wuchs in einer Familie auf, die sehr lebendig und immer mit etwas beschäftigt war. Ständig gab es etwas zu tun, vorzubereiten, aufzuräumen und vor allem zu arbeiten. Mit Haus, Gartenarbeit, Hunden, Katze, zwei Kindern, einem großen Freundeskreis, den Eltern direkt nebenan und einem Teilzeitjob war meine Mutter voll ausgelastet. Mein Vater war selbstständig tätig und konnte sich seine Zeit zwar einteilen, doch in jeder freien Minute war er mit Sport oder anderen Aktivitäten beschäftigt. Meine Großeltern gehörten zu der Generation, die nach dem Krieg alles aufgebaut hat. Ruhe oder Innehalten waren vor allem für meinen Großvater pure Faulheit und etwas, was sich nur reiche Leute leisten können.

Meine Großmutter war ein wenig anders: Sie liebte schon immer kurze Reisen, nette Restaurantbesuche und ausgiebige Einkaufstouren. Das entspannte sie und verschaffte ihr kleine Auszeiten vom Alltag.

Doch sie versuchte vergeblich, sich diese Freiheiten zu nehmen, es gelang ihr viel zu selten, wie sie sich oft beklagte. Der Druck ihres Mannes und der gemeinsame Wunsch, etwas aufzubauen, um es den Kindern und Enkeln einfacher zu machen, waren größer. So arbeiteten beide von morgens bis spät abends. Das Wort Muße kam im Familienwortschatz gar nicht vor. Es gab keine unverplante Zeit, einfach nur rumsitzen und nichts tun war unerwünscht. Sobald ich mal zur Ruhe kam, mich aufs Sofa setzte und offensichtlich nicht mit etwas Wichtigem beschäftigt war, wurde das abfällig als »faulenzen« bewertet. Und prompt folgte eine Aufforderung: »Wenn du nichts zu tun hast, dann kannst du doch jetzt mal die Blumen gießen, den Hund kämmen oder die Äpfel für den Kuchen schälen.« Nichtstun gab es nicht. Immer mit etwas beschäftigt und fleißig sein, nur das zählte. Denn zuerst kam die Arbeit, dann das Vergnügen. Dieser Leitsatz schien unumstößlich. Doch zum Vergnügen in Form von freier Zeit kam es erst gar nicht. Dazu fehlte mir nach der Erledigung aller Aufgaben am Ende die Zeit. Oder ich war schlicht zu müde dafür. Bald stellte ich fest: Wenn ich so tat, also würde ich etwas tun – lernen, lesen, am besten was für die Schule –, dann konnte ich mir kleine Freiräume schaffen. Ich saß also am Tisch über einem Buch, las aber nicht, sondern träumte einfach mal in Ruhe vor mich hin. Doch mich plagten dabei oft ein schlechtes Gewissen und die Überzeugung, dass ich wirklich faul sei, wenn ich einfach mal nichts tue.

Damit befand ich mich in guter Gesellschaft. Denn wir lernen in der Regel schon früh, dass es darum geht, aktiv zu sein, etwas zu schaffen, zu arbeiten. Solche Prägungen verhindern, dass wir erfahren, wie es sich anfühlt, etwas mit Muße zu tun. Oder dass wir uns Zeiten gönnen, in denen wir ohne schlechtes Gewissen nichts tun. Doch je mehr wir im Aktivitätsmodus sind, desto geringer ist unsere Sensibilität für uns selbst. Wir spüren uns nicht mehr und reagieren nur noch. Das ewige Tun lenkt uns von uns selbst ab, und wir werden uns fremd. Im Daueraktivitätsmodus sind wir nicht mehr richtig präsent, wir haben das Gefühl, die Zeit verfliegt immer schneller. Die Tage, Wochen, Monate und Jahre ziehen mit einer sich weiter beschleunigenden Geschwindigkeit an uns vorbei, ohne dass wir uns wirklich spüren. Der Müßiggang könnte uns helfen, doch er ist unerwünscht und wurde uns abgewöhnt.

 

 

 

* * * * * * * * * * * *

 

Reflexion: Wie gut bin ich im Nichtstun?

 

Es lohnt sich, einen ehrlichen Blick auf die Fähigkeit zum Nichtstun zu werfen: Frage dich, ob du Ruhe und Stille gut aushalten oder sogar genießen kannst. Oder assoziierst du das Nichtstun mit Faulsein, das in unserer Leistungsgesellschaft nicht gern gesehen wird? Hinterfrage, ob Nichtstun wirklich mit Faulheit gleichzusetzen ist.

Lasse ich mich unbewusst von alten Bewertungen leiten, die ich in der Kindheit gehört habe, wie zum Beispiel »Schau nicht in die Luft«, »Hör auf, Daumen zu drehen« oder »Lass dich nicht so treiben, sondern tue endlich was«?

War Nichtstun in meiner Familie »erlaubt« oder unerwünscht?

Sind mir Sprüche vertraut wie »Müßiggang ist aller Laster Anfang«? Habe ich diese Überzeugung bisher jemals kritisch infrage gestellt?

 

Es könnte an der Zeit sein, dich von solchen Glaubenssätzen zu befreien, wenn sie deine Lebensqualität einschränken.

 

* * * * * * * * * * * *

 

 

 

Die Erlaubnis zum Nichtstun

 

Bei vielen Menschen ist das Nichtstun mit dem unangenehmen Gefühl verbunden, zu nichts nutze zu sein. Dieser Glaubenssatz liegt oft sehr tief und berührt empfindlich unser Selbstwertgefühl. Gerade aktive und erfolgreiche Menschen, denen es in vielen Bereichen nicht an Selbstwert mangelt, können bei aufrichtiger Selbstbefragung feststellen, dass sie sich ein wirklich entspanntes Nichtstun nicht gönnen können, obwohl sie es gern täten. Hauptgrund dafür ist die gesellschaftlich weit verbreitete, ziel- und leistungsorientierte Wertedefinition, in der Aktivität und Produktivität hochgehalten werden und Nicht-Aktivität wertlos erscheint, weil sie kein Wachstum verspricht. Diese Sicht führt auch zu familienspezifischen Glaubenssätzen, die wir schon früh verinnerlichen. Leider haben wir damit allzu oft verlernt, uns selbst jene »Ruhe der Seele« zu verschaffen, die Goethe als »herrliches Ding« empfahl.

Auch in meiner Familie war das so. Gisela, die Freundin meiner Mutter, erkannte das und bestärkte uns einfühlsam in mehreren Gesprächen, dass wir nicht faul seien, wenn wir uns mehr Zeit für Nichtstun und Unproduktives nahmen. Es tat gut, dies von einer anderen Person zu hören. Denn die eigene Erlaubnis zum Nichtstun war nicht kraftvoll genug. Die alten Glaubenssätze saßen zu tief, es brauchte eine stärkere Ermächtigung. Ein paar Argumente halfen: »Nichtstun ist eine Zeit ganz für uns selbst und das ist wichtig. Nehmt euch Zeit zum Nichtstun und wenn es nur fünf oder zehn Minuten am Tag sind. Zieht euch zurück, schaut in die Luft, beobachtet die vorbeiziehenden Wolken, schaut, euch die Blumen an. Versucht, einfach nur da zu sein, genießt es, nichts tun zu müssen, und erlaubt euch, den Augenblick zu genießen.«

Giselas nachdrückliche Ansage war angekommen. Für mich fühlte es sich von da an einfacher an, mir Zeit für das Nichtstun zu nehmen. Muße-Zeiten wurden wichtig. Jeder brauchte schließlich Zeit zur Verarbeitung der eigenen Gefühle, zum Verstehen und zur Regeneration. Muße erlebte ich damals als Oase des Rückzugs. Es wurde mir zugestanden, erlaubt, ja sogar »verordnet«, mir Zeit für mich selbst zu nehmen. Ich hatte bald ein Schild an der Tür »Bitte nicht stören«. Ich brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben, in dieser Zeit gar nichts zu tun und »faul« zu sein. Welche Freude und Erleichterung! Meistens nahm ich mir meine ganz persönliche Muße-Zeit am Abend, denn feste Zeiten halfen mir. Erst saß ich still da, anschließend schrieb ich meine Gedanken auf, was ich als klärend und reinigend empfand. Ich erlebte mich in Kontakt mit mir selbst, ehrlich und aufrichtig. Das tat gut.

 

 

 

* * * * * * * * * * * *

 

Übung: Nichtstun lernen

 

Wie sieht es bei dir aus? Kannst du das Nichtstun einfach genießen? Hast du dir selbst die Erlaubnis zum Nichtstun erteilt? Oder hast du sie von jemandem ausdrücklich erhalten? Spürst du subtile Widerstände beim Nichtstun?

 

Ein Vorschlag: Gib dir feierlich die Erlaubnis, auch mal nichts zu tun. Schreibe es auf, vielleicht auf einen Klebezettel, den du dir an den Badspiegel hängst, oder lege einen entsprechenden Zettel in deine Geldbörse.

 

Falls deine eigene Ermächtigung nicht ausreicht, was durchaus sein kann, weil dieses Verbot zum Nichtstun tief in den Glaubenssätzen verankert sein kann, dann suche dir eine Person in deinem Umfeld, die das Nichtstun offensichtlich genießen kann, und bitte sie um ein motivierendes Gespräch.

 

Achte darauf, dass du von nun an auch positiv über das Nichtstun sprichst, und motiviere dich sich selbst mit

Sätzen wie: Ich gönne mir jeden Tag einen Moment des Nichtstuns. Diese Zeit gehört nur mir, und ich tanke dabei Kraft.«

Vielleicht startest du ein kleines Experiment: Versuche zwei Wochen lang jeden Tag zehn Minuten nichts zu tun. Setze dich auf dein Bett, auf dein Sofa oder auf eine Parkbank. Schaue, was passiert. Schreibe dir auf, welche Erfahrungen du machst und ob du vielleicht auch Einsichten hast.

 

Zu Anfang fällt es dir wahrscheinlich schwer, doch versuche durchzuhalten. Es geht nur um zwei Wochen.

 

* * * * * * * * * * * *

 

 

 

Herausforderung: Vorbilder fehlen

 

Der Zustand der Muße ist uns in den letzten Jahrzehnten zunehmend abhandengekommen. Uns fehlen dafür auch die Vorbilder. Wer erlebt noch, wie die Mutter abends nichts tuend, lesend oder strickend am Kamin sitzt und dabei eine tiefe Ruhe ausstrahlt? Oder einen Vater, der bei seinem Handwerk in einen nahezu meditativen Zustand gerät? Fehlen uns Rollenvorbilder im Elternhaus oder im Umfeld, haben wir zunächst Schwierigkeiten zu verstehen, was es bedeutet, sich Zeit für sich nehmen. Und wie es sich anfühlt, Tun mit Ruhe und Entspannung zu verbinden oder das Nichtstun als wertvoll zu erachten. Mir fehlten solche Vorbilder. Erst mit dem Nachdruck der lebensbedrohlichen Erkrankung meiner Mutter und den dadurch anstehenden lebensverändernden Maßnahmen gelang es mir und meiner Familie, nachzulernen und Schritt für Schritt den Aspekt im Alltag einzubauen, der bisher gefehlt hatte: die Muße.

 

Dabei hatten wir eine wichtige Helferin an unserer Seite, die meine erste Mentorin wurde: Gisela, eine Therapeutin und Freundin, die bereits einige Krebspatienten begleitet hatte und die Herausforderungen kannte, die es jetzt anzugehen galt. Denn wir waren mit der Situation überfordert, weil die Erkrankung das gewohnte Familiensystem zutiefst aufrüttelte. Gisela sprach oft allein mit meiner Mutter, baute sie auf, ermutigte sie, ihre Ängste zuzulassen, die Sorgen auszusprechen und gleichzeitig einen neuen Anker zu werfen: Sie sollte sich auf den Augenblick, jeden einzelnen Tag konzentrieren. Nur die Gegenwart zählte jetzt, nicht die Zukunft, nicht die Vergangenheit. Gisela bezog zudem die ganze Familie ein, sie sprach darüber, wie wichtig es sei zu verstehen, dass wir in einem Familiensystem leben und die Veränderung alle betrifft, nicht nur meine Mutter. Jeder durchlebt seinen eigenen inneren Prozess der Auseinandersetzung und Verarbeitung der Krankheit und ihrer Folgen. Hier braucht es Verständnis für jeden Einzelnen und die regelmäßige offene Aussprache miteinander. Gisela verdeutlichte uns, wie wichtig es sei, eine neue Ausgewogenheit von Aktivität und Ruhe, Anspannung und Entspannung zu finden. Sie ging mit uns den typischen, voll getakteten Tagesplan durch. Sie diskutierte mit uns die unterschiedlichen Aufgaben, die jeder zu erfüllen hatte.

---ENDE DER LESEPROBE---