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Den CO2-Fußabdruck reduzieren, eine nachhaltige, zirkuläre und verantwortungsbewusste Lieferkette aufbauen oder das eigene Geschäftsmodell so umstellen, dass es nachhaltig ist: Dass sich etwas verändern muss in Sachen Nachhaltigkeit ist klar, aber der Weg nach vorn ist viel zu häufig noch unklar und Unternehmen kämpfen mit Unsicherheiten, was zu tun ist und wie sie vorgehen sollen. Das Kearney Nachhaltigkeitsschachbrett unterstützt Unternehmen ganz praktisch dabei, ihre Nachhaltigkeitsbemühungen zu verbessern – egal wie weit sie mit ihrer Strategie bereits sind. Von der Planungs- bis zur Umsetzungsphase: In drei Schritten und als universeller, praktischer Ansatz, der intuitiv und einfach anzuwenden ist – als Leitfaden und Handbuch gleichermaßen. Dabei funktioniert das Nachhaltigkeitsschachbrett® für Unternehmen aller Art – unabhängig ihrer Größe oder Branche. Der schrittweise Ansatz kann auf alle Arten von Organisationen angewendet werden: Identifizieren Sie einfach Ihr Spielfeld und dann wagen Sie den ersten Zug!
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2022
DAS NACHHALTIGKEITSSCHACHBRETT
Zug um Zug zu einer neuen Führungskultur
Ihr Zug
DAS NACHHALTIGKEITSSCHACHBRETT
Zug um Zug zu einer neuen Führungskultur
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Inhalt
Kapitel 01Zug um Zug zur Nachhaltigkeit 06
Warum es jetzt Zeit ist, über Nachhaltigkeit zu reden 07
Mit dem Nachhaltigkeitsschachbrett zu mehr Nachhaltigkeit 12
Unsere Methodik 13
Über die Autoren 15
Kapitel 02Was ist Nachhaltigkeit? 16
Verzagtheit oder Optimismus? 17
Die vielen Gesichter (und Namen) der Nachhaltigkeit 17
Die Wahl eines geeigneten Ausgangspunkts 22
Kapitel 03Das Nachhaltigkeitsschachbrett 26
Ein Spielfeld für nachhaltige Unternehmen 27
Die vier Strategien 33
16 Ansätze und 64 Hebel für mehr Nachhaltigkeit 40
Kapitel 04 Ihr Weg zur Nachhaltigkeit 114
Zug um Zug ans Ziel 115
Abschließende Bemerkungen 119
Autoren 122
Zug um Zug zur Nachhaltigkeit
01
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Warum es jetzt Zeit ist, über Nachhaltigkeit zu reden
Nachhaltigkeit steht bei vielen Unternehmen und Führungsteams ganz oben auf der Agenda, und daran dürfte sich auch in den nächsten Jahren nichts ändern.Während der vergangenen zehn Jahre hat sich das Thema langsam, aber sicher vom „Nice to have“ zum unverzichtbaren Bestandteil unternehmerischen Handelns gewandelt. Aktuelle Klimaschutzstrategien wie der europäische Green Deal, die gesellschaftliche Debatte über die Erderwärmung und die veränderte Marktnachfrage infolge eines wachsenden Verbraucherbewusstseins haben diesen Trend noch befeuert und sorgen für zunehmenden Handlungsdruck.
Eine ganze Reihe von Unternehmen hat den Weg zu mehr Nachhaltigkeit bereits in Angriff genommen. Entsprechende Selbstverpflichtungen sind nicht mehr nur bloße Worte, und innovative Initiativen sind eine Aufgabe der gesamten Vorstandsetage. Auf der Weltklimakonferenz 2021 (COP26) waren zahlreiche Unternehmen in Wort und Tat deutlich ehrgeiziger als die teilnehmenden Regierungen. Neue Koalitionen, Partnerschaften und Zusagen zeichneten sich ab, die alles von der Erreichung des Netto-Null-Ziels bis zum Ende des Verbrennungsmotors im Jahr 2035 umfassten.
Und noch etwas war zu beobachten: Die Lücke zwischen Vorreitern und Nachzüglern klafft immer weiter auf. Manche Unternehmen glänzten bei den Debatten durch Abwesenheit und verloren dadurch an Boden gegenüber ihren proaktiveren Mitstreitern. Es bleibt abzuwarten, inwiefern dieses mangelnde Engagement ihnen schaden wird. Mit ziemlicher Sicherheit müssen sich einige von ihnen enorm anstrengen, um zu Akteuren aufzuschließen, die in weiser Voraussicht bereits in die Zukunft investiert und ein solides Fundament für die kommenden Jahrzehnte geschaffen haben.
Unmissverständlich klar ist jedoch, dass es nicht mehr genügt, für die Zeit bis 2040 und darüber hinaus ausgefeilte Strategien und wohlklingende Ziele zu formulieren. Jetzt ist es Zeit zu handeln. In welcher Phase des Nachhaltigkeitswegs auch immer Sie sich befinden: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Großteil des Weges noch vor Ihnen liegt. Und genau hier wird es schwierig. Es erfordert massive Anstrengungen, um von der Entwicklung
Wir halten Nachhaltigkeit für ein eminent wichtiges Thema und verschwenden keine Zeit damit, Sie erst noch davon zu überzeugen.
DDr. Michael F. Strohmer
Partner, Global Lead Procurement & Co-Head Strategic Operations Europe
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einer Strategie und der Definition eines Netto-Null-Ziels, das noch mehr als ein Jahrzehnt entfernt ist, zu konkreten Maßnahmen zu gelangen, die Emissionen reduzieren und positive Auswirkungen für die Gemeinschaften vor Ort entfalten. Unsere lebhaften Diskussionen mit unseren Klienten zeigen jedenfalls, dass die essenzielle Bedeutung der Nachhaltigkeit zwar erkannt wird, bei der Umsetzung jedoch oft Unsicherheit herrscht.
Was ist der UN Global Compact?
Der United Nations Global Compact (UNGC) will Unternehmen weltweit dazu ermutigen, nachhaltige und an der gesellschaftlichen Verantwortung orientierte Richtlinien zu formulieren und über deren Umsetzung Rechenschaft abzulegen. Der Global Compact der Vereinten Nationen definiert zehn Prinzipien aus den Bereichen Menschenrechte, Arbeitnehmerrechte, Umweltschutz und Korruptionsprävention.
Der Global Compact ist heute die größte Initiative für Corporate Social Responsibility, mit 13.000 Unternehmen aus über 170 Ländern. Er wurde im Jahr 2000 ins Leben gerufen und unterstützt als Erstunterzeichner die UN-Initiative „Sustainable Stock Exchanges“ (SSE), die UN-Prinzipien für verantwortliches Investment (PRI), die Finanzinitiative des UN-Umweltprogramms (UNEP-FI) und die UN-Konferenz zu Handel und Entwicklung (UNCTAD).
Wie sieht die Praxis aus?
Unsere Erfahrungen zeigen, dass die zehn Prinzipien des UNGC ein geeigneter Ausgangspunkt für die Nachhaltigkeitsreise sind. Da sie eine breite Palette von Bereichen abdecken (mit Ausnahme von Finanzindikatoren), können sich Unternehmen schrittweise an das Thema Nachhaltigkeit herantasten. Die UNGC-Prinzipien sind zudem ein guter Bezugsrahmen für grundlegende Dinge wie Unternehmensrichtlinien und organisatorische Einbindung. Allerdings eignen sie sich aufgrund der fehlenden Standardisierung nicht als Leitplanken für das Tagesgeschäft.
Für die Teilnahme am UN Global Compact genügt ein entsprechendes Schreiben, das vom CEO des Unternehmens unterzeichnet ist. Der UNGC ist nicht rechtsverbindlich; teilnehmende Unternehmen müssen lediglich einen jährlichen Fortschrittsbericht (Communication of Progress, CoP) auf der UNGC-Website veröffentlichen.
Der United Nations Global Compact (UNGC)
Ein guter Ausgangspunkt
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Was bedeutet ESG?
Der Begriff der Environmental, Social and Corporate Governance oder ESG (zu Deutsch: Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung) wurde von den Vereinten Nationen im Jahr 2004 eingeführt. ESG soll als Kriterienkatalog dienen, mit dessen Hilfe der Beitrag von Unternehmen zu einer nachhaltigeren Welt evaluiert werden kann. Somit geht er über die reine Finanzanalyse hinaus und berücksichtigt auch immaterielle Vermögenswerte.
Heutzutage beschreibt ESG die Art und Weise, wie ein Unternehmen die Bewertung und Berichterstattung zu einer breiten Palette von Nachhaltigkeitsaspekten handhabt. Insbesondere börsennotierte Unternehmen verwenden ESG-Kriterien, um ihren Nachhaltigkeitsstatus im jährlichen Geschäftsbericht (freiwillig oder als Compliance-Anforderung) zu dokumentieren.
Wie sieht die Praxis aus?
Finanzinstitutionen wie S&P, MSCI Inc. und Dow Jones Indexes haben eigene Analysetools entwickelt, die als Richtschnur für Investoren dienen. Eine erstklassige ESG-Bewertung in einem der gängigen Indizes dient als Investitionsbegründung, als PR-Instrument und als Beleg für die wichtigsten Stakeholder, dass das betreffende Unternehmen ernsthaft an seiner Nachhaltigkeit arbeitet.
Allerdings sind ESG-Daten nicht unproblematisch, da sie „nicht finanzieller Natur und monetär nicht leicht quantifizierbar sind. Infolge fehlender Standards und mangelnder Transparenz bei der Überwachung gibt es auch die Befürchtung, dass ESG-Zusagen lediglich dem ‚Greenwashing‘ und anderen PR-Zwecken dienen, während fundiertere Ansätze für mehr ökologische und soziale Verträglichkeit ins Hintertreffen geraten.“ Die größte Herausforderung für das ESG-Konzept besteht somit in der Vergleichbarkeit der offengelegten Informationen, insbesondere mit Blick auf Umweltschutz und gesellschaftliche Wirkung der Maßnahmen (zum Beispiel Emissionswerte, Corporate Citizenship). ESG-Daten werden aus den operativen Geschäftszahlen des betreffenden Unternehmens abgeleitet und lassen sich kaum vergleichen, da sie weder reguliert noch standardisiert sind.
Die ESG-Kriterien
Eine Messlatte für Anlageentscheidungen
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Es gibt zweifellos viele Wege zur Nachhaltigkeit, je nach organisatorischer Reife und Ambition, regulatorischen Rahmenbedingungen und Erwartungen der Stakeholder. Tatsächlich sind Ehrgeiz und Reifegrad der Unternehmen sehr unterschiedlich ausgeprägt, und der Grad an Umsetzung ist deutlich heterogener, als dies notwendig wäre. Verschiedene Definitionen von Schlüsselprozessen, unterschiedliche Begrifflichkeiten sowie mangelndes Engagement und Vermögen der Unternehmen vernebeln den Blick auf das Was und Wie des weiteren Vorgehens.
Die gute Nachricht: Sie müssen das Rad nicht neu erfinden. In den vergangenen Jahren haben eine ganze Reihe von internationalen Initiativen umfassende Leitlinien entwickelt, deren Fokus auf Selbstverpflichtung und Reporting liegt. ESG-Rahmenwerke wie GRI (Global Reporting Initiative), SDGs (Sustainable Development Goals), SBTs (science-based targets) und UNGC (United Nations Global Compact), ergänzt durch Initiativen auf nationaler und EU-Ebene, haben das Thema in den Vorstandsetagen verankert und den anfänglichen Widerstand erfolgreich verringert. Die weltweiten Anstrengungen haben wesentlich zur Entstehung einer gemeinsamen Sprache beigetragen, die Unternehmen, Meinungsführer und Key Stakeholder verwenden können, wenn sie von Nachhaltigkeit reden. Nicht zuletzt haben sie dazu geführt, dass Nachhaltigkeit ein Dauerthema in Vorstandsetagen und Führungsteams geworden ist. Mittlerweile haben viele Unternehmen spezielle Managementressourcen geschaffen, die sich ausschließlich mit Nachhaltigkeitsaspekten befassen.
Wer das Thema heute noch unter den Tisch fallen lässt, riskiert die Reputation seines Managements und seinen Geschäftserfolg. Einzelne Vorreiter aus internationalen Wirtschaftssektoren sind vorweggeprescht und haben weit mehr umgesetzt als gesetzlich vorgeschrieben. Große Auswirkung hat auch das Interesse an nachhaltigen Produkten und Arbeitsplätzen, das Konsumenten und High Potentials immer nachdrücklicher formulieren.
Trotz dieser positiven Entwicklung gibt es bei Definitionen und Methoden nach wie vor viel Unklarheit. Umweltschutz und Nachhaltigkeit werden oft synonym verwendet, obwohl dies genau genommen nicht richtig ist. Der Schutz der Umwelt ist ein inhärenter Bestandteil der unternehmerischen Nachhaltigkeitsstrategie und als solcher in sie eingebettet. Gleiches gilt für die Begriffe ESG (Environmental, Social and Corporate Governance) und Nachhaltigkeit. Während ESG-Kriterien konkrete Standards für die Aktivitäten eines Unternehmens festlegen, wird Nachhaltigkeit als die Fähigkeit definiert, „die Bedürfnisse der heutigen Generation zu befriedigen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu beeinträchtigen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen“.
Dabei sind Definitionen noch das kleinste Problem. So wurden in den vergangenen Jahren immer wieder wohlklingende Begriffe geprägt, die umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen anpreisen. Die damit einhergehenden Versprechen wurden oft nicht eingehalten, oder die verwendeten Begrifflichkeiten waren irreführend und vermittelten den Verbrauchern das unschöne
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Was bedeutet Triple Bottom Line?
Triple Bottom Line (TBL) ist der am längsten etablierte Nachhaltigkeitsansatz. „Gedacht war er ursprünglich als eine Art genetischer Code, eine Dreifachhelix des Wandels für den Kapitalismus der Zukunft. Im Fokus standen bahnbrechende Veränderungen, Disruption, asymmetrisches Wachstum (wobei nicht nachhaltige Sektoren aktiv vom Spielfeld genommen werden) und die Skalierung von zukunftsweisenden Marktlösungen.“
Der TBL-Ansatz war die erste Methodik, die Ökologie, gesellschaftliches Wohlergehen und finanziellen Erfolg für nachhaltige Unternehmen in den drei Zieldimensionen Mensch, Gewinn und Umwelt zusammendachte.
Wie sieht die Praxis aus?
Die Triple Bottom Line ist heute zwar das bekannteste Konzept, wird jedoch nicht wie vorgesehen angewendet. Elkington prägte den Begriff 1994 und beklagt heute, dass „[…] das TBL-Konzept von Buchhaltern und Reporting-Beratern gekapert und verwässert wurde. Mittlerweile werden Jahr für Jahr Tausende von TBL-Berichten erstellt, ohne dass klar wäre, ob die darin enthaltenen Daten so gesammelt und analysiert wurden, dass dies Entscheidern und Politikern wirklich dabei hilft, die systemischen Effekte der menschlichen Aktivitäten zu erfassen, zu verstehen und zu managen. TBL wurde keinesfalls als Buchhaltungstool geschaffen, sondern sollte zu mehr Nachdenken über den Kapitalismus und seine Zukunft anregen. Leider wurde das Konzept gerade in der Anfangszeit oft als Instrument genutzt, um Dinge gegeneinander aufzurechnen und Kompromisse zu rechtfertigen.“
Nachhaltigkeit ist mehr als nur ein Kapitel im Geschäftsbericht. Sie muss das gesamte Unternehmen durchdringen, um zu dem transformativen Tool zu werden, als das sie gedacht ist.
Triple Bottom Line (TBL)
Das Fundament für eine Messung der Nachhaltigkeit
Gefühl, hintergangen zu werden. Dazu kommen die vielen Beispiele für Leuchtturmprojekte, die zwar vorbildlich sind, jedoch weder repliziert noch auf andere Branchen übertragen werden können. Diese Projekte werden oft in publikumswirksamen Kampagnen vermarktet, verdecken jedoch die Tatsache, dass der Großteil der übrigen Unternehmensaktivitäten alles andere als nachhaltig ist. Die Verärgerung über diese Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit hat dazu geführt, dass viele Menschen den Nachhaltigkeitsmaßnahmen und -strategien der Wirtschaft nicht mehr trauen.
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Große Teile der Öffentlichkeit sind heute mit gesellschaftlichen und ökologischen Themen sehr viel besser vertraut, als dies früher der Fall war, sodass die mangelnde Transformationsbereitschaft der Unternehmen zunehmend kritisch gesehen wird. Wir alle kennen den Begriff des „Greenwashings“, mit dem Unternehmen bedacht werden, die in puncto Nachhaltigkeit mehr Schein als Sein bieten. Gerade Konzerne werden hierfür immer häufiger zur Rechenschaft gezogen. Aktivistengruppen gehen juristisch gegen sie vor, weil sie ihrer Ansicht nach nicht genug für die Emissionsminderung tun – und bekommen Recht, wie das Beispiel von Shell in den Niederlanden zeigt.
Mit dem Nachhaltigkeitsschachbrett zu mehr Nachhaltigkeit
Es ist offensichtlich, dass Nachhaltigkeitsstrategien besser aufeinander abgestimmt werden müssen, um mehr Vergleichbarkeit und Klarheit für Key Stakeholder zu erreichen.Gefragt ist eine ganzheitliche und systematische Herangehensweise, die drängende Aufgaben gezielt angeht – sei es die Dekarbonisierung ganzer Industriesektoren, den Umbau globaler Lieferketten, die Schaffung zukunftsfähiger Unternehmen, die Steigerung der gesellschaftlichen Akzeptanz oder den Einsatz eines effizienten Datenmanagements für eine nachhaltigere Zukunft. Jede einzelne dieser Aufgaben ist so anspruchsvoll und komplex, dass sie sich mit einfachen Formeln nicht lösen lässt.
Wenn in Vorstandssitzungen heute über das Thema Nachhaltigkeit diskutiert wird, gibt es zu viele Fragen, die ohne überzeugende Antwort bleiben. Das Resultat sind Prioritäten, die auf Annahmen und nicht auf Fakten basieren, und Prioritäten, die nicht die gewünschten Ergebnisse zeitigen. Wir sind der Ansicht, dass dies weder sein sollte noch sein muss. Aus dieser Überzeugung heraus haben wir ein Buch geschrieben, das einen Schritt zurücktritt, Plattitüden vermeidet, zentrale Aspekte ausgewogen darstellt und im Detail erklärt, wie Ihr Unternehmen die anstehenden Herausforderungen effizient und erfolgreich bewältigen kann.
Mit der vorliegenden Publikation wollen wir auf Lücken in den aktuellen Praktiken hinweisen, künftige Erfordernisse und Chancen identifizieren und zugleich anhand praktischer Beispiele aufzeigen, wie Ihr Unternehmen sein Nachhaltigkeitspotenzial insgesamt realisieren kann. Bei adäquater Umsetzung führt Nachhaltigkeit zu besseren operativen Resultaten, neuen Einnahmequellen, einer positiven Stakeholder-Reputation und langfristigen Wettbewerbsvorteilen.
Unsere Methodik überführt Unternehmen aus der Phase der theoretischen Erwägungen in die Phase der praktischen Umsetzung. Wir haben bestehende Konzepte wie Triple Bottom Line (TBL), Corporate Social Responsibility (CSR) und ESG unter die Lupe genommen und durch eine zusätzliche Perspektive ergänzt, die besonderen Wert auf die Ausgewogenheit von ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten legt und deren Einbindung in
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einen übergeordneten Governance-Rahmen vorsieht. Nach gründlicher Durchsicht der Fachliteratur, nach der Projektarbeit in unseren Nachhaltigkeitsteams und der umfassenden Analyse relevanter Beispiele unserer Klienten sind wir zuversichtlich, dass wir mit dieser Publikation ein praxistaugliches Handbuch vorlegen, mit dem Unternehmen den nächsten Schritt auf dem Weg zu echter Nachhaltigkeit gehen können – unabhängig davon, wo sie sich gerade befinden.
Die Schritte auf diesem Weg gleichen den Zügen auf einem Spielfeld oder Schachbrett – dem Kearney Nachhaltigkeitsschachbrett. Schachspieler müssen in der Lage sein, vorauszuplanen, strategische Optionen abzuschätzen und trotz Hindernissen und gegnerischen Attacken ihr Ziel unbeirrt zu verfolgen. Sie müssen genau wissen, welche Instrumente ihnen zur Verfügung stehen und wie sie sie bestmöglich einsetzen. Die vorliegende Publikation erläutert die Strategien, Konzepte und Hebel, die Sie benötigen, um die Fähigkeiten und Ziele Ihres Unternehmens mit den Erfordernissen von Marktumfeld, Investoren, Talenten und Regulierungsbehörden in Einklang zu bringen. Sie hilft Ihnen auch dabei, die Voraussetzungen für Erfolg zu schaffen und Chancen optimal auszunutzen. Schließlich lässt sich mit guten Taten gutes Geld verdienen.
Unsere Methodik
Unsere Klienten sind ebenso international wie vielgestaltig.Trotz dieser Vielfalt hat sich gezeigt, dass das Nachhaltigkeitsschachbrett für alle Arten von Unternehmen geeignet ist, unabhängig von deren Größe, Branche oder Reifegrad. So individuell die Voraussetzungen auch sein mögen, der dahinterstehende Prozess ist immer der gleiche: Sie stecken Ihr Spielfeld ab und machen dann Zug um Zug, abhängig von Ihren Zielsetzungen und Ressourcen.
Dabei leiten wir Sie in vier Kapiteln durch diesen Prozess. In Kapitel 1erhalten Sie eine kurze Einführung zur Nachhaltigkeit im Wirtschaftskontext, bevor wir in Kapitel 2der Frage nachgehen, warum das Thema ganzheitlicher betrachtet werden sollte. In Kapitel 3stellen wir unser Konzept eines Nachhaltigkeitsschachbretts vor, erläutern die zugehörige Methodik und erklären, wie Sie damit Mehrwert für Ihr Unternehmen generieren können. Ebenfalls in diesem Kapitel beschreiben wir die vier wichtigsten Strategien, 16 Hebel und 64 Ansätze, die Sie für Ihre Nachhaltigkeitstransformation nutzen können, und nennen einige branchenspezifische Beispiele aus unserer eigenen Projektpraxis und dem weiteren Marktumfeld. Selbst wenn einzelne Hebel sich ändern sollten, ist davon auszugehen, dass übergeordnete Strategien und Herangehensweisen valide bleiben. In Kapitel 4finden Sie konkrete Leitlinien für Ihren eigenen Nachhaltigkeitsweg: wo Sie starten sollten, welche Prioritäten sinnvoll sind und welche ersten oder weiterführenden Schritte Sie vollziehen sollten.
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Die vorliegende Publikation will ein Gleichgewicht halten zwischen der Vermittlung von Hintergrundinformationen, der Vorstellung unserer ganzheitlichen Methodik und der Benennung von praxisbezogenen Maßnahmen, mit denen Sie die Chancen und Risiken für Ihr Unternehmen erfolgreich angehen können. Dabei versuchen wir, weder zu theoretisch zu argumentieren noch von oben herab auf fehlgeschlagene Praxisbeispiele zu zeigen. Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass noch ein langes Stück Weg vor uns liegt und dass wir immer noch bessere Werkzeuge und Konzepte benötigen, um auf lange Sicht Wirkung zu entfalten.
Nachhaltigkeit ist ein schier grenzenloses Thema, und die Gefahr ist groß, sich zu verzetteln und den Fokus auf das Wesentliche zu verlieren. In diesem unübersichtlichen Gelände möchte das vorliegende Buch eine Mischung aus Nachschlagewerk, Leitfaden und praktischem Handwerkszeug sein. Unabhängig von Größe und Branche Ihres Unternehmens soll es Ihnen als Erkenntnishilfe dazu dienen, welche Schritte wann getan werden sollten und wie Sie objektiv feststellen können, dass Sie auf dem Weg zur Nachhaltigkeit auf Kurs bleiben und Mehrwert generieren.
Unser Buch richtet sich an alle, die fundiertes Wissen zum Thema erlangen wollen, sei es als Informationsressource im Rahmen ihrer beruflichen Weiterbildung oder als Inspirations- und Innovationsquelle. C-Levels können es als Checkliste nutzen, um ihre Fachexperten sowohl herauszufordern als auch zu unterstützen. Wie auch immer Ihre Position lautet: Die erhofften Vorteile werden sich nur dann einstellen, wenn Sie Spezialisten und Meinungsführern das Feld nicht komplett überlassen. Nachhaltigkeit lässt sich weder von einigen wenigen Enthusiasten erreichen noch von einer einzigen Funktion, die außerhalb des Tagesgeschäfts agiert. Das im Unternehmen vorhandene Wissen muss über Grenzen hinweg geteilt werden. Dabei kommt jeder Funktion eine wichtige Rolle zu, von Beschaffung und Einkauf bis zu IT und HR. Es ist nie zu früh, damit zu beginnen, die Voraussetzungen für pragmatische und relevante Maßnahmen zu schaffen.
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Über die Autoren
Nachhaltigkeit ist ein enorm facettenreiches Thema, das alle Merkmale eines schwierigen Consultingprojekts in sich vereint: Es ist unglaublich komplex, es hat globale Auswirkungen und es begibt sich auf neues Terrain, das erst noch erkundet werden muss.Bei der Entstehung dieses Buchs ist erneut deutlich geworden, wie wichtig Nachhaltigkeit für unsere Kolleginnen und Kollegen ist. Wir möchten ihnen an dieser Stelle ausdrücklich danken, ebenso wie allen, die konkrete Beiträge zu diesem Buch geliefert haben.
Wir möchten Sie einladen, uns auf der Reise zu mehr Nachhaltigkeit zu begleiten. Wir alle beobachten täglich, wie Nachhaltigkeit zu einem immer selbstverständlicheren Teil der Unternehmensaktivitäten wird. Wenn sich auch Führungsetagen mit ganzer Kraft dafür einsetzen, können wir der Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft zu mehr Durchschlagskraft verhelfen. Nicht zuletzt können wir auch unsere Konkurrenzfähigkeit verbessern.
Vielen Dank für Ihr Interesse an diesem Buch. Über Ihr Feedback freuen wir uns.
www.de.kearney.com/nachhaltigkeitsschachbrett
Was ist Nachhaltigkeit?
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Verzagtheit oder Optimismus?
Wer mit der umfassenden und hochkomplexen Nachhaltigkeitsthematik konfrontiert wird, hat allen Grund, sich überwältigt zu fühlen.Zum einen ist die Problematik mitunter recht deprimierend. Bilder von schmelzenden Gletschern und brennenden Wäldern rufen eher Verzweiflung als Enthusiasmus hervor und führen leicht zu einem Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Lähmung. Tatsächlich zeichnet der IPPC-Bericht ein düsteres Bild von der Zukunft und warnt davor, dass eine lebenswerte Welt bald außer Reichweite sein wird und das Zeitfenster für Maßnahmen „klein ist und sich schnell schließt“. Der Bericht wurde ausgerechnet zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, als die Aufmerksamkeit der Welt auf eine andere Krise gerichtet war – den Krieg in der Ukraine. Aber anders als dieser Krieg wird die Klimakrise nicht irgendwann vorbei sein. UN-Generalsekretär António Guterres fand deshalb besonders drastische Worte: „Zögern ist gleichbedeutend mit Tod.“
Können wir auch dann zuversichtlich bleiben, wenn wir die Auswirkungen des Klimawandels in ihrer ganzen Bandbreite kennen und wissen, dass sie uns treffen werden, egal ob wir handeln oder nicht? Können wir Verzagtheit und Verzweiflung hinter uns lassen, die Ärmel hochkrempeln und die nötige Energie und Kraft aufbringen, um zu tun, was getan werden muss?
Wir glauben, dass wir das können, denn noch gibt es Hoffnung. Nachhaltigkeit ist zwar eine epochale Herausforderung, aber eine Herausforderung, die große Chancen birgt. Chancen für eine gedeihliche Entwicklung, für Unternehmen rund um den Globus, die einen messbaren Beitrag leisten und Veränderungen anstoßen wollen, für eine gemeinsame Aufgabe, die uns alle antreibt, für neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, die die Kundenbeziehung auf ein neues Fundament stellen, und für neue Geschäftsprozesse und -aktivitäten, die resilient und nachhaltig sind und die unseren Unternehmen eine völlig andere Wachstumsdimension erschließen.
Wir haben jetzt die echte Chance, an einer besseren Gegenwart und einer lebenswerten Zukunft mitzuarbeiten. Um diese Chance zu nutzen, müssen wir die Wirtschaft als Ganzes neu denken. Was wir heute tun, hat Auswirkungen für viele Generationen nach uns, und genau darin liegt ein immenses Versprechen.
Die vielen Gesichter (und Namen) der Nachhaltigkeit
Jedes Gespräch über Nachhaltigkeit offenbart nur allzu bald, wie weit die Ansichten darüber auseinandergehen, was der Begriff eigentlich bedeutet. Denn je nach Kontext oder Geografie wird Nachhaltigkeit völlig anders interpretiert. Manche Zeitgenossen verstehen Nachhaltigkeit als rein ökologisches Anliegen, strikt getrennt von CSR-Kriterien, deren Fokus stärker auf der gesellschaftlichen Wirkung und Agenda von Unternehmen liegt. Einige betrachten ESG als Synonym für Nachhaltigkeit, während andere darin nur ein Instrument zur Bewertung von Unternehmen sehen.
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Dabei gibt es sehr wohl eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs „Nachhaltigkeit“. Sie wird auch als Brundtland-Definition bezeichnet und ist aus einem politischen Diskurs hervorgegangen, der vor rund 40 Jahren angestoßen wurde. Die Brundtland-Kommission, früher unter dem Namen Weltkommission für Umwelt und Entwicklung bekannt, führte das Konzept der Nachhaltigkeit in die öffentliche Debatte ein und definiert es als „eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“
Diese erste Definition wurde bei den Weltklimagipfeln in Rio, Kyoto und Johannesburg kontinuierlich weiterentwickelt und mündete schließlich in das Pariser Abkommen von 2015. Bei dieser auch als COP21 bekannten Klimakonferenz unterzeichneten 196 Regierungen eine rechtlich bindende Übereinkunft zur Bekämpfung des Klimawandels. Ziel dieser Übereinkunft ist es, die Erderwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf deutlich unter 2 Grad Celsius, vorzugsweise auf unter 1,5 Grad, zu begrenzen. Das Pariser Abkommen wendet einen Fünfjahreszyklus von zunehmend ambitionierteren Klimaschutzmaßnahmen an, die von den Unterzeichnerstaaten umgesetzt werden. Dabei müssen die Staaten konkrete Pläne vorlegen, mit denen sie ihre nationalen Klimaschutzbeiträge (NDCs) erreichen wollen.
Beginnend mit dem Pariser Klimagipfel wurden messbare Indikatoren und Vorgaben (die „Agenda 2030“) entwickelt, darunter auch die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (SDGs). Bei der Überprüfung der erzielten Fortschritte im Rahmen der COP26, die 2021 in Glasgow stattfand, wurde allerdings schmerzlich klar, dass die Welt im Kampf gegen die Klimakrise keinesfalls auf Kurs ist.
Interessanterweise machte sich bei der 26. Weltklimakonferenz gerade die Wirtschaft für ehrgeizige Maßnahmen stark, während die Staatschefs einmal mehr zauderten. Zahlreiche Unternehmen waren vor Ort, um ihre Unterstützung zu äußern, konkrete Zusagen zu machen, Partnerschaften für die schnellere Einführung von nachhaltigeren Geschäftspraktiken zu verkünden und die Regierungen herauszufordern, sowohl bei der Gesetzgebung als auch bei den ökonomischen Flankierungsmaßnahmen mehr Ehrgeiz zu entwickeln. CEOs und Unternehmensführer plädierten unisono für dauerhaften Wandel, gingen mit gutem Beispiel voran und setzten sich bewusst von den weniger mutigen Vertretern ihrer Zunft ab – all dies vor den erstaunten Augen von Investoren, Finanzinstitutionen und Öffentlichkeit.
Glasgow hatte insofern Signalwirkung, als manche Unternehmen zwar schon seit Jahren an ihrer Nachhaltigkeit arbeiten, die große Masse jedoch eher inaktiv blieb. In seiner ursprünglichen Bedeutung ist Nachhaltigkeit ein globales Konzept, das eine Kombination aus ökologischen, sozialen und ökonomischen Faktoren mit koordinierten Maßnahmen vorsieht, um den Klimawandel zu stoppen. Zunächst waren es Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die maßgeblichen Anteil
