Beschreibung

Jedes Haus hat sein Geheimnis. Und jede Liebe ihren Preis

Als junges Mädchen verbrachte Julia Forrester jede freie Minute bei ihrem Großvater, einem bekannten Orchideenzüchter, im Gewächshaus von Wharton Park. Nach einem schweren Schicksalsschlag führt der Zufall Julia Jahre später noch einmal zu dem Anwesen zurück. Der jetzige Besitzer Kit Crawford überreicht ihr ein altes Tagebuch, das bei den Renovierungsarbeiten gefunden wurde und womöglich Julias Großvater gehörte. Als Julia ihre Großmutter Elsie mit dem Tagebuch konfrontiert, drängt ein jahrelang gehütetes Familiengeheimnis ans Licht, das auch Julias Leben komplett verändern wird …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 672


Buch

Als kleines Mädchen verbrachte die Pianistin Julia Forrester jede freie Minute im Gewächshaus von Wharton Park, wo ihr Großvater die schönsten und exotischsten Orchideen züchtete. Als sie viele Jahre später eine schreckliche Familientragödie ereilt, führt das Schicksal sie wieder nach Wharton Park zurück. Inzwischen gehört das baufällige gewordene Anwesen Kit Crawford, den Julia bereits aus ihrer Kindheit kennt. Kit überreicht ihr ein altes Tagebuch, das bei den Renovierungsarbeiten gefunden wurde und womöglich Julias Großvater gehörte. Julia erzählt ihrer Großmutter Elsie von dem Fund, worauf die alte Dame erschüttert reagiert. Denn Elsie weiß, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, ihr jahrelanges Schweigen zu brechen. Sie weiht ihre Enkelin in das wohlgehütete Geheimnis ein, das seit Generationen auf ihrer Familie lastet. Eine tragische Liebesgeschichte aus den 1930er Jahren kommt ans Licht und Julia erkennt, wie auf schicksalhafte Weise ihre eigene Zukunft mit der Vergangenheit verknüpft ist.

Weitere Informationen zu Lucinda Riley sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Lucinda Riley

Das Orchideenhaus

Roman

Aus dem Englischen von Sonja Hauser

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »Hothouse Flower«

bei Penguin Books Ltd., London.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © der Originalausgabe 2010

by Lucinda Riley

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Irmgard Perkounigg

An · Herstellung: Str.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagillustrationen und -fotos: plainpicture / Arcangel; laif /Gunnar Knechtel; istockphoto, Network! Werbeagentur

ISBN 978-3-641-06805-9V005www.goldmann-verlag.de

Siam, vor vielen Monden

In Siam sagt man, wenn ein Mann sich leidenschaftlich und unwiderruflich in eine Frau verliebe, sei er in der Lage, sie für sich zu gewinnen und sie dazu zu bringen, dass er ihr wichtiger sei als alle anderen Männer.

Es war einmal ein Prinz von Siam, der sich so in eine Frau seltener Schönheit verliebte. Er warb um sie und errang sie, doch wenige Nächte vor der Hochzeit, anlässlich derer landesweite Feiern stattfinden sollten, wurde der Prinz unsicher.

Er wusste, dass er ihr seine Liebe mit einer eindrucksvollen und heroischen Tat beweisen musste, um sie für alle Zeiten an sich zu binden. Dass er etwas finden musste, das genauso selten und schön war wie sie.

Nach langem Nachdenken rief er seine drei treuesten Diener zu sich und erklärte ihnen, was sie tun sollten.

»Ich habe von der Schwarzen Orchidee gehört, die in meinem Reich wächst, hoch oben in den Bergen des Nordens. Die sollt ihr für mich aufspüren und mir in den Palast bringen, damit ich sie meiner Prinzessin an unserem Hochzeitstag schenken kann. Den, der sie findet, mache ich zum reichen Mann. Die beiden, denen es nicht gelingt, werden meine Hochzeit nicht erleben.«

Die Herzen der drei Männer, die sich vor ihrem Prinzen verneigten, waren voller Angst, denn sie wussten, dass sie dem Tod ins Auge blickten. Die Schwarze Orchidee war eine sagenumwobene Blume. Wie die juwelengeschmückten goldenen Drachen an den Bugen der königlichen Barkassen, in denen der Prinz zum Tempel gleiten würde, um mit der Prinzessin den Bund fürs Leben zu schließen, gehörte sie ins Reich der Legenden.

An jenem Abend kehrten alle drei Männer zu ihren Familien zurück, um Abschied zu nehmen. Einer von ihnen, der in den Armen seiner weinenden Frau lag, war schlauer als die anderen.

Bis zum Morgen dachte er sich einen Plan aus und machte sich auf den Weg zu den schwimmenden Märkten, wo man Gewürze, Seide und Blumen erwerben konnte.

Dort erstand er eine prächtige, tiefrot-rosafarbene Orchidee mit dunklen, samtigen Blütenblättern. Mit ihr fuhr er durch die schmalen klongs von Bangkok, bis er einen Schreiber fand, der inmitten seiner Schriftrollen in einem dunklen, feuchten Arbeitsraum hinter seinem Laden saß.

Der Diener kannte den Schreiber, der einmal im Palast gearbeitet hatte, jedoch seiner mangelhaften Schrift wegen für unwürdig befunden worden war.

»Sawadee Krup, Schreiber«, begrüßte der Diener ihn und legte die Orchidee auf seinen Tisch. »Ich hätte eine Aufgabe für dich. Wenn du mir hilfst, kann ich dir Reichtümer bieten, von denen du bisher nur geträumt hast.«

Der Schreiber, der sich, seit er nicht mehr im Palast arbeitete, seinen Lebensunterhalt nur mit Mühe verdiente, sah den Diener an. »Was kann ich für dich tun?«

Der Diener zeigte auf die Blume. »Ich möchte dich bitten, dein Geschick mit Tinte an dieser Orchidee zu beweisen und ihre Blütenblätter schwarz anzumalen.«

Der Schreiber bedachte den Diener mit einem Stirnrunzeln, bevor er die Pflanze musterte. »Ja, das ist möglich, aber wenn sie neue Blüten treibt, sind diese nicht schwarz, und der Schwindel fliegt auf.«

»Wenn sie neue Blüten treibt, sind wir beide viele Meilen weit weg und leben wie der Prinz, dem ich diene«, erwiderte der Diener.

Der Schreiber nickte und dachte über die Bitte des Dieners nach. »Komm bei Einbruch der Nacht wieder, um deine Schwarze Orchidee zu holen.«

Der Diener kehrte nach Hause zurück, wo er seiner Frau sagte, sie solle ihre wenigen Habseligkeiten packen, und ihr versprach, dass sie sich bald schon alles leisten könne, was ihr Herz begehre. Außerdem werde er ihr einen wunderschönen Palast an einem Ort weit, weit weg errichten.

Als er am Abend zum Schreiber zurückkehrte, seufzte er beim Anblick der Schwarzen Orchidee auf dessen Tisch vor Freude auf.

Er betrachtete ihre Blütenblätter genau und erkannte, dass der Schreiber hervorragende Arbeit geleistet hatte.

»Die Tinte ist trocken und wird nicht an den Fingern Neugieriger haften bleiben«, erklärte der Schreiber. »Das habe ich ausprobiert. Versuch es ruhig selber.«

Der Diener versuchte es, und tatsächlich: Seine Finger wiesen keine Tintenflecken auf.

»Aber ich kann nicht beurteilen, wie lange die Farbe halten wird. Die Feuchtigkeit, die die Pflanze selbst erzeugt, wird die Tinte befeuchten. Und natürlich darf sie nicht in den Regen kommen.«

»Das genügt völlig«, sagte der Diener und nahm die Pflanze an sich. »Ich gehe jetzt zum Palast. Komm um Mitternacht hinunter zum Fluss. Dort wirst du deinen Lohn erhalten.«

Am Abend seines Hochzeitstages und der großen landesweiten Feier betrat der Prinz seine privaten Gemächer.

Die Prinzessin blickte von der Terrasse hinunter auf den Chao-Phraya-Fluss, der noch immer von dem Feuerwerk zur Feier ihrer Hochzeit erglühte. Der Prinz gesellte sich zu ihr.

»Liebste, ich habe etwas für dich, etwas, das deine einzigartige Schönheit und Vollkommenheit symbolisiert.«

Er reichte ihr die Schwarze Orchidee in einem juwelengeschmückten Topf aus reinem Gold.

Die Prinzessin betrachtete die Pflanze, deren nachtschwarze Blütenblätter mit der schweren Farbe zu ringen schienen. Sie wirkte müde und welk … und unnatürlich düster.

Doch die Prinzessin wusste, welchen Schatz sie in Händen hielt und was der Prinz für sie getan hatte.

»Mein Prinz, sie ist wunderschön! Wo hast du sie entdeckt?«

»Ich habe im ganzen Königreich danach suchen lassen. Und ich bin mir sicher, dass es keine zweite ihrer Art gibt, genauso wenig, wie es eine Zweite wie dich gibt.« Er sah sie voller Liebe an.

Sie streichelte sanft sein Gesicht, um ihm ihre ewige Liebe zu zeigen.

»Ich danke dir von Herzen.«

Er ergriff ihre Hand und begann ihre Finger zu küssen. Schon bald wollte er sie ganz besitzen. Es war ihre Hochzeitsnacht, und er hatte lange gewartet. Der Prinz nahm die Orchidee, stellte sie auf die Terrasse, schlang die Arme um die Prinzessin und küsste sie leidenschaftlich.

»Komm mit hinein, meine Prinzessin«, flüsterte er ihr ins Ohr.

Sie ließ die Schwarze Orchidee auf der Terrasse und folgte ihm ins Schlafgemach.

Kurz vor Tagesanbruch erhob die Prinzessin sich von ihrem Nachtlager und ging hinaus, um den ersten Morgen ihres neuen gemeinsamen Lebens zu begrüßen.

Die Pfützen verrieten ihr, dass es in der Nacht geregnet hatte. Obwohl der neue Tag bereits heraufdämmerte, verbarg die Sonne sich noch zum Teil hinter den Bäumen auf der anderen Seite des Flusses.

Auf der Terrasse stand eine tiefrot-rosafarbene Orchidee in dem Topf aus reinem Gold, den der Prinz ihr überreicht hatte.

Die Prinzessin ließ lächelnd die Finger über ihre Blütenblätter gleiten, die, vom Regen gereinigt, so gesund wirkten und viel, viel schöner als am Abend zuvor. Die Pfütze rund um den Topf war leicht grau gefärbt.

Da begriff sie und hob die Pflanze hoch, um ihren himmlischen Geruch einzuatmen. Sie überlegte, was zu tun sei: War es besser, mit der Wahrheit zu verletzen oder mit einer Lüge zu schützen?

Wenige Minuten später schlenderte sie ins Schlafgemach zurück und schmiegte sich wieder in die Arme des Prinzen.

»Mein Prinz«, flüsterte sie, als er erwachte, »meine Schwarze Orchidee ist heute Nacht gestohlen worden.«

Der Prinz richtete sich entsetzt auf, um die Wachen zu rufen. Doch sie beruhigte ihn mit einem Lächeln.

»Nein, Liebster, sie wurde uns nur für eine Nacht geschenkt, für die Nacht, in der unsere Liebe erblühte und wir eins und Teil der Natur wurden. Wir durften nicht erwarten, dass wir etwas so Magisches für uns behalten könnten … Außerdem wird sie ohnehin irgendwann welken und sterben. Und das könnte ich nicht ertragen.« Sie nahm seine Hand und küsste sie. »Lass uns an ihre Macht glauben und daran, dass ihre Schönheit uns in der ersten Nacht unseres gemeinsamen Lebens gesegnet hat.«

Der Prinz dachte eine Weile nach. Und weil er die Prinzessin aus ganzem Herzen liebte und sich so sehr darüber freute, dass sie nun die Seine war, rief er die Wachen nicht.

Ihrer harmonischen Verbindung entsprang ein Kind, das in jener Nacht gezeugt wurde und auf das noch viele weitere folgten. Der Prinz glaubte den Rest seines Lebens, dass die sagenumwobene Schwarze Orchidee sie an ihrer Magie hatte teilhaben lassen.

Am Morgen nach der Prinzenhochzeit saß ein armer Fischer am Ufer des Chao Phraya, wenige hundert Meter flussaufwärts vom königlichen Palast. Da er in den vergangenen beiden Stunden nichts gefangen hatte, überlegte er, ob die Fische durch das Feuerwerk in der Nacht auf den Grund vertrieben worden waren. Er hatte nichts, was er verkaufen konnte, und seine große Familie würde hungern müssen.

Als die Sonne über die Bäume auf der anderen Seite des Flusses kletterte und sein Wasser erstrahlen ließ, entdeckte der Fischer etwas Glänzendes zwischen den grünen Schlingpflanzen. Er legte seine Rute beiseite und watete ins Wasser, um es zu holen.

Was für ein Anblick bot sich ihm, als er die Pflanzen entfernt hatte!

Der Topf bestand aus reinem Gold und war verziert mit Diamanten, Smaragden und Rubinen.

Der Fischer, der in der Aufregung die Rute vergaß, verstaute den Topf in seinem Korb und machte sich auf den Weg zum Edelsteinmarkt in der Stadt. Er wusste, dass seine Familie nie wieder hungern müsste.

Teil eins

Norfolk, England

Winter

1

Ich habe jede Nacht denselben Traum. Darin kommt es mir vor, als würde mein Leben in die Luft geworfen und regnete in kleinen Stücken wieder herab – verdreht und von innen nach außen gestülpt. Alles Teile meines Lebens und doch in der falschen Reihenfolge.

Es heißt, Träume seien wichtig und verrieten einem Dinge, die man vor sich selbst verheimliche.

Ich verheimliche mir nichts; ich wünschte, ich könnte es.

Ich lege mich schlafen, um zu vergessen und Ruhe zu finden, weil ich den ganzen Tag damit verbringe, mich zu erinnern.

Ich bin nicht verrückt, auch wenn ich in letzter Zeit viel darüber nachgedacht habe, was »verrückt« bedeutet. Abermillionen Menschen, jeder anders, mit seinem eigenen DNS-Profil, seinen eigenen Gedanken und seiner eigenen Wahrnehmung der Welt.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir Menschen letztlich nur das Körperliche teilen können, mit dem wir geboren wurden. Jeder reagiert anders auf Kummer, und keine dieser Reaktionen ist falsch. Manche Menschen weinen monate-, ja jahrelang; sie tragen Schwarz und trauern. Andere scheint ihr Verlust nicht zu berühren. Sie begraben ihn und leben weiter wie bisher, als wäre nichts geschehen.

Ich weiß nicht so genau, wie meine Reaktion aussieht. Ich habe seit Monaten nicht mehr geweint. Letztlich habe ich kaum geweint.

Aber ich habe es auch nicht vergessen. Das werde ich nie.

Unten höre ich jemanden. Ich muss aufstehen und so tun, als wäre ich bereit, dem Tag ins Auge zu blicken.

Alicia Howard lenkte ihren Landrover an die Bordsteinkante, schaltete den Motor aus und lief den kleinen Hügel zum Cottage hinauf, dessen Tür, das wusste sie, niemals verschlossen war. Sie öffnete sie und ging hinein.

Sie betrat zitternd das dunkle Wohnzimmer und zog die Vorhänge am Fenster zurück. Dann schüttelte sie die Kissen auf dem Sofa auf und brachte die drei leeren Kaffeetassen, die herumstanden, in die Küche.

Dort machte sie den Kühlschrank auf, in dem eine einzelne, halb leere Flasche Milch stand. Außerdem entdeckte sie einen abgelaufenen Joghurt, ein wenig Butter sowie eine verschrumpelte Tomate. Alicia schloss die Kühlschranktür und warf einen Blick in den Brotkasten. Wie vermutet leer. Alicia setzte sich seufzend an den Tisch.

Sie dachte an ihre eigene warme, gut ausgestattete Küche, den heimeligen Duft des Abendessens im Aga-Herd, den Klang von Kinderschritten und das fröhliche Lachen der Kleinen – das Herz ihres Zuhauses und ihres Lebens.

Wie anders dieser düstere kleine Raum war, entging ihr nicht. Letztlich illustrierte er sehr deutlich das gegenwärtige Dasein ihrer jüngeren Schwester: Julias Leben und Herz waren gebrochen.

Da hörte Alicia Schritte auf der knarrenden Holztreppe. Als ihre Schwester die Küchentür erreichte, war Alicia wie immer beeindruckt von ihrer Schönheit. Mit ihren blonden Haaren und der hellen Haut hätte Alicia sich nicht stärker von der dunklen, exotischen Julia unterscheiden können. Julias fein geschnittenes Gesicht wurde eingerahmt von einer dichten Mähne mahagonifarbenen Haares, und ihre mandelförmigen, bernsteinfarbenen Augen und hohen Wangenknochen traten jetzt, da sie ein paar Kilo abgenommen hatte, noch deutlicher hervor.

Julia trug, weil sie momentan nur wenige Sachen ihr Eigen nannte, nicht die richtige Kleidung für das Januarwetter: ein rotes, bunt besticktes Kaftanoberteil und eine weite schwarze Baumwollhose, die ihre dünnen Beine kaschierte. Alicia bemerkte die Gänsehaut an den nackten Armen Julias. Sie stand vom Tisch auf und nahm ihre widerstrebende Schwester in den Arm.

»Schwesterherz«, sagte sie, »dir ist kalt. Möchtest du dir selbst wärmere Kleidung kaufen, oder soll ich dir ein paar von meinen Pullovern vorbeibringen?«

»Ich brauche nichts«, antwortete Julia und löste sich aus der Umarmung ihrer Schwester. »Kaffee?«

»Es ist nicht viel Milch da; ich hab gerade in den Kühlschrank geschaut.«

»Kein Problem. Ich trink ihn sowieso schwarz.« Julia ging zur Spüle, füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein.

»Wie geht’s dir?«, erkundigte sich Alicia.

»Gut.« Julia holte zwei große Kaffeetassen aus dem Regal.

Alicia verzog das Gesicht. »Gut« war Julias Standardantwort, mit der sie neugierige Fragen abblockte.

»Hast du diese Woche mit irgendjemandem gesprochen?«

»Nein.«

»Willst du wirklich nicht wieder eine Weile zu uns kommen? Mir gefällt der Gedanke, dass du ganz allein hier bist, nicht.«

»Danke fürs Angebot, aber ich komme zurecht.«

»Julia, du siehst nicht gut aus. Du hast weiter abgenommen. Isst du überhaupt noch was?«

»Klar. Willst du nun Kaffee oder nicht?«

»Nein danke.«

»Okay.« Julia stellte die Milchflasche mit Schwung zurück in den Kühlschrank. Als sie sich umdrehte, funkelten ihre bernsteinfarbenen Augen zornig. »Ich weiß, dass du das alles nur tust, weil du dir Sorgen um mich machst. Aber ich bin keins von deinen Kindern, Alicia, und brauche keinen Babysitter. Ich bin gern allein.«

»Egal«, sagte Alicia in fröhlichem Tonfall, jedoch auch ein wenig ungeduldig, »hol mal lieber deine Jacke. Wir gehen raus.«

»Ich hab heut schon was vor.«

»Dann sag ab. Ich brauche deine Hilfe.«

»Wobei?«

»Dad hat nächste Woche Geburtstag, falls du das vergessen haben solltest. Ich würde ihm gern ein Geschenk kaufen.«

»Und dazu brauchst du meine Hilfe, Alicia?«

»Es ist sein fünfundsechzigster. Er geht in Rente.«

»Das weiß ich. Er ist schließlich auch mein Vater.«

Alicia hatte Mühe, Fassung zu bewahren. »Heute Mittag findet in Wharton Park eine Haushaltsauflösung statt. Ich dachte mir, wir könnten hingehen und sehen, ob wir gemeinsam etwas für Dad finden.«

In Julias Augen flackerte Interesse auf. »Wharton Park wird verkauft?«

»Ja, wusstest du das nicht?«

Julia ließ die Schultern hängen. »Nein. Warum?«

»Vermutlich die alte Geschichte: Schulden. Angeblich verkauft der gegenwärtige Eigentümer das Anwesen einem Typ aus der City, der gar nicht weiß wohin mit seinem Geld. Keine moderne Familie kann sich ein solches Haus leisten. Der letzte Lord Wharton hat es leider schrecklich herunterkommen lassen. Für die Renovierung ist ein Vermögen nötig.«

»Wie traurig«, murmelte Julia.

»Ja«, pflichtete Alicia ihr bei, die sich über Julias Interesse freute. »Es war ein wichtiger Teil unserer Kindheit, besonders deiner. Deswegen finde ich, wir sollten uns ein Erinnerungsstück für Dad sichern. Wahrscheinlich bieten sie sowieso nur Krempel an, und die guten Sachen landen bei Sotheby’s, aber wer weiß …«

Zu Alicias Überraschung nickte Julia. »Gut, ich hole meine Jacke.«

Fünf Minuten später lenkte Alicia den Wagen die schmale Highstreet des hübschen Küstenortes Blakeney entlang und dann nach links, um die fünfzehnminütige Fahrt nach Wharton Park zu beginnen.

»Wharton Park«, murmelte Julia.

Die Besuche in Großvater Bills Treibhaus gehörten zu ihren lebhaftesten Kindheitserinnerungen: der überwältigende Duft der exotischen Gewächse, die er darin züchtete, und die Geduld, mit der er erklärte, welcher Gattung sie angehörten und woher sie stammten. Sein Vater wie auch dessen Vater hatten als Gärtner für die Crawford-Familie gearbeitet, die Eigentümer von Wharton Park, einem weitläufigen Anwesen, bestehend aus vierhundert Hektar fruchtbaren Farmlandes.

Julias Großeltern hatten in einem heimeligen Cottage in einem hübschen Winkel von Wharton Park gewohnt, umgeben von all den anderen Bediensteten, die sich um den Grund, das Haus und die Crawford-Familie selbst kümmerten. Julias und Alicias Mutter Jasmine war in dem Cottage zur Welt gekommen und aufgewachsen.

Ihre Großmutter Elsie war genau so gewesen, wie man sich die perfekte Oma vorstellt, wenn auch ein wenig exzentrisch. Bei ihr hatten sie immer Trost gefunden und etwas Köstliches zu essen bekommen.

Wenn Julia an ihre Zeit in Wharton Park zurückdachte, fielen ihr der blaue Himmel und die bunten Farben der Blumen ein, die in der Sommersonne blühten. Wharton war einmal berühmt gewesen für seine Orchideenzucht. Seltsam, dass diese kleinen, empfindlichen Pflanzen, die eigentlich aus tropischen Gefilden stammten, im kühlen nördlichen Norfolk gediehen.

Als Kind hatte Julia sich das ganze Jahr über auf die Sommerferien in Wharton Park mit der Ruhe und Wärme der Gewächshäuser in einer Ecke des Küchengartens gefreut, wo sie vor den heftigen Nordseewinden geschützt waren. Für sie stellten sie wie das großelterliche Cottage einen Ort des Friedens dar. In Wharton änderte sich nie etwas. Hier gaben nicht Wecker und Stundenpläne den Takt an, sondern die Natur.

Sie erinnerte sich gut an die klassische Musik, die von morgens bis abends aus dem alten Bakelitradio ihres Großvaters erklang.

»Blumen lieben Musik«, sagte ihr Großvater Bill, wenn er sich um seine wertvollen Pflanzen kümmerte. Julia saß gern auf einem Hocker in der Ecke beim Radio, sah ihm zu und lauschte der Musik. Damals lernte sie Klavierspielen und entdeckte ihr Talent dafür.

Im kleinen Wohnzimmer des Cottage stand ein Klavier, auf dem sie nach dem Abendessen oft vorspielte. Ihre Großeltern sahen anerkennend und bewundernd zu, wie Julias zarte Finger über die Tasten glitten.

»Das ist eine von Gott gegebene Begabung, Julia«, stellte Großvater Bill eines Abends mit Tränen in den Augen fest. »Versprich mir, dass du sie nicht vergeudest, ja?«

Zu ihrem elften Geburtstag schenkte Großvater Bill ihr eine Orchidee.

»Die habe ich eigens für dich gezüchtet, Julia. Sie heißt Aerides odorata.«

Julia begutachtete die zarten, elfenbein-rosafarbenen Blütenblätter der Topfpflanze, die sich samten anfühlten unter ihren Fingern.

»Wo kommt die her, Großvater Bill?«, fragte sie.

»Aus Asien, genauer gesagt aus der Gegend von Chiang Mai im nördlichen Thailand.«

»Ach. Und welche Art von Musik, glaubst du, gefällt ihr?«

»Mozart scheint sie besonders zu mögen«, antwortete ihr Großvater schmunzelnd. »Und wenn sie zu welken droht, solltest du es mit Chopin versuchen!«

Julia pflegte im Wohnzimmer ihrer zugigen viktorianischen Wohnung in den Außenbezirken von Norwich sowohl ihre Orchidee als auch ihre musikalische Begabung und spielte der Pflanze fleißig vor, so dass diese immer wieder blühte.

Sie träumte von der exotischen Heimat ihrer Orchidee. Dann war sie plötzlich nicht mehr in ihrem Wohnzimmer in England, sondern in den Weiten fernöstlicher Dschungel, vernahm die Geräusche von Geckos und Vögeln und roch die berauschenden Düfte der Blumen, die auf den Bäumen und im Unterholz wuchsen.

Sie wusste, dass sie eines Tages selbst dorthin reisen würde, um alles mit eigenen Augen zu sehen.

Großvater Bill starb, als sie vierzehn war. Julia erinnerte sich deutlich an das Gefühl des Verlustes – er und die Treibhäuser waren für sie das einzig Sichere in ihrem jungen, bereits schwierigen Leben gewesen. Sie hatte ihn als klugen, freundlichen und aufgeschlossenen Mann empfunden, eher ein Vater, als ihr eigener es jemals war. Mit achtzehn bekam sie ein Stipendium für das Royal College of Music in London. Großmutter Elsie zog zu ihrer Schwester nach Southwold, und fortan besuchte Julia Wharton Park nicht mehr.

Jetzt, mit einunddreißig, lebte sie wieder hier. Während Alicia von ihren vier Kindern erzählte, erlebte Julia, als sie aus dem Rückfenster blickte, um Gate Lodge nicht zu verpassen, das den Eingang von Wharton Park markierte, wie früher im Auto ihrer Eltern die Vorfreude.

»Da kommt die Abzweigung!«, rief Julia aus, als Alicia fast daran vorbeifuhr.

»Mein Gott, stimmt. Mein letzter Besuch ist so lange her, dass ich fast den Weg vergessen hätte.«

Als sie in die Auffahrt einbogen, sah Alicia ihre Schwester an und entdeckte so etwas wie Erwartung in ihrem Blick.

»Du hast diesen Ort immer geliebt, stimmt’s?«

»Ja, du nicht?«

»Ehrlich gesagt, hab ich mich hier meistens gelangweilt. Ich konnte es gar nicht erwarten, wieder in die Stadt, zurück zu meinen Freunden, zu kommen.«

»Du warst eher ein Stadtmensch«, stellte Julia fest.

»Ja. Und was ist aus mir geworden? Mit vierunddreißig wohne ich in einem Farmhaus auf dem platten Land, mit einem Stall voller Kinder, drei Katzen, zwei Hunden und einem Aga-Herd. Wo, zum Teufel, sind die hellen Lichter der Stadt geblieben?« Alicia lächelte selbstironisch.

»Du hast dich verliebt und eine Familie gegründet.«

»Und am Ende hast du die hellen Lichter abbekommen«, sagte Alicia ohne Neid.

»Ja … Da drüben ist das Haus. Es sieht aus wie früher.«

Alicia richtete den Blick auf das Gebäude vor ihnen. »Ich finde, sogar noch besser. Ich hatte ganz vergessen, wie schön es ist.«

»Ich nicht«, murmelte Julia.

Sie folgten der Schlange von Fahrzeugen, beide in ihre eigenen Gedanken versunken. Wharton Park war im klassischen Georgian Style für den Neffen des ersten Premierministers von Großbritannien erbaut worden, der allerdings starb, bevor der Bau vollendet war. Das fast völlig aus Aislaby-Stein errichtete Gebäude hatte im Lauf seines mehr als dreihundertjährigen Bestehens eine sanftgelbe Farbe angenommen.

Die sieben Erker und die Doppeltreppe, die zu einer Terrasse mit Blick auf den Park führte, verliehen dem Ensemble französischen Glanz. An jeder Ecke stand ein Kuppelturm, und der riesige Portikus wurde von vier hohen ionischen Säulen getragen. Eine bröckelnde Statue der Britannia, die fröhlich auf der Spitze hockte, gab dem Ganzen ein majestätisches, wenn auch ziemlich exzentrisches Aussehen.

Wharton Park war weder groß noch stilistisch rein genug, als dass man es als herrschaftliches Anwesen hätte bezeichnen können; die von späteren Crawford-Generationen in Auftrag gegebenen seltsamen Anbauten störten den Gesamteindruck. Doch aus genau diesem Grund besaß es nicht die abschreckende Kargheit, die anderen großen Gebäuden dieser Epoche anhaftete.

»Da drüben sind wir immer links gegangen«, bemerkte Julia, die sich an den Weg um den See herum zum Cottage ihrer Großeltern am Rand des Anwesens erinnerte.

»Möchtest du nach der Haushaltsauflösung noch einen Blick auf das alte Cottage werfen?«, fragte Alicia.

Julia zuckte mit den Achseln. »Schauen wir mal.«

Gelb gekleidete Parkwächter wiesen den Autos Plätze zu.

»Es scheint sich herumgesprochen zu haben«, sagte Alicia, als sie den Wagen abstellte. Dann wandte sie sich ihrer Schwester zu und legte ihr eine Hand aufs Knie. »Bereit?«

Julia fühlte sich überwältigt von so vielen Erinnerungen. Als sie aus dem Auto stieg, erkannte sie sogar die Gerüche wieder: nach feuchtem, frisch gemähtem Gras, dazu ein Hauch Jasmin an den Rändern des Rasens vor dem Haus. Sie folgten den Besuchern die Stufen hinauf zum Haupteingang des Gebäudes …

2

Ich bin elf und stehe in der gewaltigen Eingangshalle, die mir vorkommt wie eine Kathedrale. Die Decke hoch über mir ist mit Wolken und feisten nackten Putten bemalt. Ihr Anblick fasziniert mich so sehr, dass ich nicht merke, wie mich jemand von der Treppe aus anstarrt.

»Kann ich dir helfen, junge Dame?«

Ich zucke zusammen und lasse fast den wertvollen Topf fallen, den ich in Händen halte. Mein Großvater hat mich hergeschickt, um ihn Lady Crawford zu geben. Wohl ist mir dabei nicht, weil ich Angst vor ihr habe. Aus der Ferne wirkt sie alt und dünn und mürrisch. Doch Großvater Bill wollte unbedingt, dass ich herkomme.

»Sie ist sehr traurig, Julia. Vielleicht muntert die Orchidee sie auf. Nun lauf schon los. Sei ein gutes Mädchen.«

Die Person auf der Treppe ist definitiv nicht Lady Crawford, sondern ein junger Mann, etwa vier oder fünf Jahre älter als ich, mit dichtem, kastanienbraunem Lockenhaar, die er, finde ich, für einen Jungen viel zu lang trägt. Er ist ziemlich groß und schrecklich dünn; seine Arme sehen unter den hochgerollten Hemdsärmeln aus wie Stöcke.

»Ja, ich suche Lady Crawford, der ich das hier aus dem Gewächshaus bringen soll«, stammle ich.

Er schlendert die übrigen Stufen herunter und bleibt mit ausgestreckten Händen vor mir stehen.

»Wenn du möchtest, bringe ich ihr den Topf.«

»Mein Großvater hat gesagt, ich soll ihn ihr persönlich geben«, erwidere ich nervös.

»Leider hat sie sich gerade hingelegt. Ihr geht es nicht so gut.«

»Das wusste ich nicht.« Am liebsten würde ich ihn fragen, wer er ist, doch ich traue mich nicht. Offenbar errät er meine Gedanken, denn er sagt: »Ich bin mit Lady Crawford verwandt, also kannst du mir vertrauen.«

»Gut. Hier.« Ich gebe ihm die Orchidee, insgeheim erleichtert darüber, dass ich sie nicht persönlich aushändigen muss. »Könntest du Lady Crawford bitte von meinem Großvater sagen, dass das eine neue …« Ich habe Mühe, mich an den Ausdruck zu erinnern. »… Hybride ist, die Blüte gerade aufgegangen?«

»Wird gemacht.«

Ich bleibe stehen, unsicher, was ich als Nächstes tun soll. Ihm geht es genauso.

Nach einer Weile fragt er: »Und, wie heißt du?«

»Julia Forrester. Die Enkelin von Mr. Stafford.«

Er hebt eine Augenbraue. »Ja, klar. Ich bin Christopher Crawford. Meine Freunde nennen mich Kit.«

Er streckt mir die Hand hin, die nicht die Orchidee hält, und ich schüttle sie.

»Schön, dich kennenzulernen, Julia. Ich habe gehört, dass du ziemlich gut Klavier spielst.«

Ich werde rot. »Das glaube ich nicht«, widerspreche ich.

»Sei nicht so bescheiden«, rügt er mich. »Ich habe die Köchin und deine Großmutter heute Morgen über dich reden hören. Komm mit.«

Er zieht mich durch die Eingangshalle und eine Reihe riesiger Räume voll strenger Möbel, die das Gebäude aussehen lassen wie ein übergroßes Puppenhaus. Ich überlege die ganze Zeit, wo sie am Abend sitzen und fernsehen. Schließlich betreten wir ein in goldenes Licht getauchtes Zimmer, das durch drei vom Boden bis zur Decke reichende Fenster mit Blick auf Terrasse und Gärten strömt. Um den riesigen Marmorkamin sind große Sofas arrangiert, und in der hinteren Ecke, vor einem der Fenster, steht ein Flügel. Kit Crawford führt mich hin, zieht den Hocker heraus und drückt mich darauf.

»Spiel mir was vor.«

Als er den Deckel aufklappt, wirbelt Staub hoch, der in der Nachmittagssonne schimmert.

»Bist du sicher, dass ich das darf?«, frage ich.

»Tante Crawford schläft am anderen Ende des Hauses. Da hört sie nichts. Nun mach schon!« Er sieht mich erwartungsvoll an.

Vorsichtig lege ich die Hand auf die Tasten. Sie fühlen sich anders an als alle, die meine Finger je berührt haben. Damals weiß ich noch nicht, dass sie aus feinstem Elfenbein sind und es sich um einen einhundertfünfzig Jahre alten Bechstein-Flügel handelt. Ich schlage eine Taste ganz leicht an; der Ton hallt lange nach.

Kit wartet mit verschränkten Armen neben mir. Mir wird klar, dass mir keine andere Wahl bleibt, und ich beginne, die Mondscheinsonate zu spielen, die ich erst vor Kurzem gelernt habe. Im Moment ist es mein Lieblingsstück, und ich habe Stunden damit verbracht, es zu üben.

Ich vergesse, dass Kit neben mir steht. Der wunderbare Klang des Instruments trägt mich fort. Ich reise, wie immer beim Spielen, an einen anderen Ort, weit weg von hier. Die Sonne scheint auf meine Finger; sie wärmt mein Gesicht. Ich habe das Gefühl, besser denn je zu spielen, und bin überrascht, als das Stück zu Ende ist.

Als ich aus der Ferne Applaus höre, zwinge ich mich, in den riesigen Raum zu Kit zurückzukehren, der mich voller Bewunderung ansieht.

»Wow!«, ruft er aus. »Das war toll!«

»Danke.«

»Du bist so jung, und deine Finger sind kurz. Wie können sie sich so schnell über die Tasten bewegen?«

»Keine Ahnung. Sie tun es einfach.«

»Weißt du, dass Tante Crawfords Mann Harry, Lord Crawford, offenbar ein hervorragender Pianist war?«

»Nein.«

»Das hier war sein Flügel. Er ist gestorben, als ich ein Baby war. Ich habe ihn nie spielen hören. Kannst du noch was anderes?«

»Ich … Ich glaube, ich sollte gehen.«

»Nur noch ein Stück, ja?«

»Na schön.«

Ich beginne, Rachmaninows Rhapsodie über ein Themavon Paganini zu spielen. Wieder verliere ich mich in der Musik. Ich befinde mich ungefähr in der Mitte des Stücks, als ich jemanden rufen höre: »Aufhören! Auf der Stelle!«

Ich schaue hinüber zur Tür des Wohnzimmers, an der eine groß gewachsene, schlanke, grauhaarige Frau mit wutverzerrtem Gesicht steht. Mein Herz beginnt sehr schnell zu schlagen.

Kit tritt zu ihr. »Entschuldige, Tante Crawford. Ich habe Julia gebeten zu spielen. Du hast geschlafen; deshalb konnte ich dich nicht um Erlaubnis fragen. Haben wir dich geweckt?«

Sie sieht ihn mit kalten Augen an. »Nein. Ihr habt mich nicht geweckt. Aber darum geht es nicht, Kit. Du weißt doch, dass niemand auf diesem Flügel spielen darf, oder?«

»Es tut mir wirklich leid, Tante Crawford. Das war mir nicht klar. Julia ist einfach toll. Mit ihren elf Jahren spielt sie schon wie eine Konzertpianistin.«

»Genug!«, herrscht seine Tante ihn an.

Kit bedeutet mir mit hängenden Schultern, ihm zu folgen.

»Entschuldige noch einmal«, sagt er, während ich hinter ihm hinaustrotte.

Als ich an Lady Crawford vorbeigehe, hält sie mich auf. »Bist du Staffords Enkelin?«, fragt sie, die kalten blauen Augen auf mich gerichtet.

»Ja, Lady Crawford.«

Ich merke, wie ihr Blick ein wenig sanfter wird. Fast habe ich den Eindruck, dass sie den Tränen nahe ist. Sie nickt. »Tut mir leid, die Sache mit deiner Mutter.«

Kit, der die Anspannung spürt, fällt ihr ins Wort. »Julia hat dir eine neue Orchidee aus dem Gewächshaus ihres Großvaters gebracht, stimmt’s, Julia?«, ermuntert er mich.

»Ja«, bestätige ich mit zugeschnürter Kehle. »Ich hoffe, sie gefällt Ihnen.«

»Bestimmt. Sag deinem Großvater danke schön von mir.«

Alicia wartete geduldig in der Schlange für den Verkaufskatalog.

»Bist du als Kind je in diesem Haus gewesen?«, fragte sie.

»Ja«, antwortete Julia. »Einmal.«

Alicia deutete zur Decke hoch. »Ziemlich kitschig, diese Putten, findest du nicht auch?«

»Mir gefallen sie irgendwie«, antwortete Julia.

»Seltsames altes Gemäuer«, bemerkte Alica, nahm den Katalog und folgte den anderen Besuchern durch den Eingangsbereich und den Flur entlang in einen großen, mit Eichenholz getäfelten Raum, in dem alle Gegenstände für die Auktion ausgestellt waren. Dort gab sie den Katalog Julia. »Schade, dass es verkauft wird. Es war fast dreihundert Jahre lang der Familiensitz der Crawfords. Das Ende einer Ära und so. Wollen wir uns ein bisschen umsehen?« Alicia legte die Hand auf Julias Ellbogen und dirigierte sie zu einer eleganten griechischen Vase mit feinem Riss, die offenbar als Pflanztopf verwendet worden war. »Wär die nichts für Dad?«

Julia zuckte mit den Achseln. »Vielleicht. Die Entscheidung überlasse ich dir.«

Alicia, die Julias schwindendes Interesse spürte, schlug vor: »Ich denke, wir sollten uns trennen. Dann sehen wir schneller, was interessant sein könnte. Fang du auf dieser Seite an; ich geh auf die andere. In zehn Minuten treffen wir uns an der Tür.«

Julia nickte. Da sie in den vergangenen Monaten nicht viel mit Menschen zu tun gehabt hatte, spürte sie ein Gefühl der Klaustrophobie in sich aufsteigen. Instinktiv bewegte sie sich zum leereren Ende des Raums, zu einem Tapeziertisch, hinter dem eine Frau stand.

»Die Sachen hier sind nicht Teil des eigentlichen Verkaufs«, teilte die Frau Julia mit. »Es handelt sich um allgemeinen Nippes, den Sie gleich jetzt erwerben können. Die Preise stehen jeweils drauf.«

Julia nahm eine zerlesene Ausgabe von The Children’s Own Wonder Book in die Hand, schlug sie auf und sah das Datum darin: 1926.

»Für Hugo, von Großmutter, in Liebe.«

Außerdem entdeckte Julia Wilfred’s Annual aus dem Jahr 1932 und Marigold Garden von Kate Greenaway.

Diesen Büchern haftete etwas Wehmütiges an; über achtzig Jahre lang hatten Crawford-Kinder die Geschichten darin gelesen. Julia beschloss, sie zu erwerben und für die verlorenen Kinder von Wharton zu bewahren.

Am linken Ende des Tischs befand sich ein zerbeulter Karton voller Drucke. Julia ging sie lustlos durch. Bei den meisten handelte es sich um Lithographien, die das Große Feuer von London, alte Schiffe und hässliche Gebäude zeigten. Dazwischen entdeckte sie einen abgegriffenen braunen Umschlag. Sie zog ihn heraus.

In dem Kuvert steckten Aquarelle von unterschiedlichen Orchideenarten.

Das cremefarbene Papier war mit braunen Flecken übersät; Julia vermutete, dass die Aquarelle eher von einem begeisterten Hobbykünstler als von einem Profi stammten. Doch gerahmt würden sie vielleicht ganz hübsch aussehen. Auf jedem stand mit Bleistift der lateinische Name der jeweiligen Orchidee.

»Wie viel kosten die?«, fragte Julia die Frau.

Sie nahm den Umschlag. »Keine Ahnung. Scheint kein Preis draufzustehen.«

»Wie wär’s, wenn ich Ihnen zwanzig Pfund dafür gebe, fünf für jedes?«, schlug Julia vor.

Die Frau betrachtete die fleckigen Aquarelle und zuckte mit den Achseln. »Ich glaube, zehn Pfund für alle zusammen wären angemessener.«

»Danke.« Julia zahlte und kehrte zur Tür zurück, wo Alicia bereits auf sie wartete.

Alicias Blick fiel auf den Umschlag und die Bücher unter Julias Arm.

»Du hast was gefunden?«

»Ja.«

»Lass mal sehen.«

»Zeig ich dir, wenn wir zu Hause sind.«

»Okay«, meinte Alicia. »Ich werde bei der Vase mitbieten, die wir vorhin gesehen haben. Die steht ziemlich weit oben auf der Liste, also müssen wir hoffentlich nicht so lange warten. Die Auktion kann jeden Augenblick beginnen.«

Julia nickte. »Ich mache in der Zwischenzeit einen kleinen Spaziergang. Ich brauch frische Luft.«

»Gut.« Alicia holte ihre Schlüssel aus der Handtasche und gab sie Julia. »Für den Fall, dass es länger dauert. Ansonsten treffen wir uns in einer halben Stunde am Eingang. Vielleicht musst du mir helfen, das gute Stück die Treppe runterzutragen.«

»Danke«, sagte Julia und nahm die Schlüssel. »Bis gleich.«

Sie schlenderte aus dem Raum und durch den Flur zum Eingangsbereich, der jetzt menschenleer war. Dort hob sie den Kopf, um die Putten an der Decke zu betrachten, und schaute dann zur Wohnzimmertür hinüber, hinter der sich der Flügel verbarg, auf dem sie einmal gespielt hatte.

Ein plötzlicher Impuls zog sie dorthin. Der riesige Raum war in trübes Januarlicht getaucht, das unbenutzte Mobiliar nach wie vor so, wie sie es in Erinnerung hatte.

Durch die hohen Fenster schien keine Sonne; in dem Zimmer war es bitterkalt. Julia ging am Kamin und an den Sofas vorbei, von denen ein unangenehmer Schimmelgeruch aufstieg, auf den Flügel zu.

Erst jetzt bemerkte sie die groß gewachsene Gestalt, die mit dem Rücken zu ihr stand und aus dem Fenster jenseits des Flügels blickte, halb verhüllt von dem verschlissenen Damastvorhang. Der Mann bewegte sich nicht, stand starr da wie eine Statue. Anscheinend hatte er sie nicht gehört.

Julia, der bewusst war, dass sie in einem sehr privaten Augenblick störte, versuchte den Raum so leise wie möglich zu verlassen.

An der Tür hörte sie ihn fragen: »Kann ich Ihnen helfen?«

Sie wandte sich um. »Tut mir leid, ich hab hier nichts verloren.«

»Stimmt.« Er sah sie stirnrunzelnd an. »Kennen wir uns nicht?«

Es lagen fast zehn Meter Wohnzimmer zwischen ihnen, doch Julia erkannte das dichte, kastanienbraune Lockenhaar, den schlanken Körper – der seit ihrer letzten Begegnung kräftiger geworden und mindestens dreißig Zentimeter gewachsen war – sowie den schiefen Mund sofort.

»Ja. Ich … Wir sind einander vor vielen Jahren begegnet«, stotterte Julia. »Entschuldigung. Ich geh jetzt lieber.«

»Ach. Ist das nicht die kleine Julia, die Enkelin des Gärtners, inzwischen eine weltbekannte Konzertpianistin?«

»Ja, ich bin Julia. Ob das mit dem ›weltbekannt‹ stimmt, weiß ich allerdings nicht …«

Kit hob die Augenbrauen. »Keine falsche Bescheidenheit, Julia. Ich habe mehrere CDs von dir. Du bist berühmt! Was um Himmels willen machst du hier? Du verbringst doch sicher den größten Teil deines Lebens in Fünf-Sterne-Hotels der ganzen Welt.«

Offenbar wusste er nicht Bescheid.

»Ich … bin zu Besuch bei meinem Vater«, log Julia.

»Wir fühlen uns geehrt«, sagte Kit mit einer angedeuteten Verbeugung, »von einer solchen Berühmtheit aufgesucht zu werden. Ich erzähle allen, dass ich einer der Ersten war, die deine Mondscheinsonate hören durften. Wie passend, dass wir uns ausgerechnet in diesem Raum wiedertreffen, kurz vor dem Verkauf des Hauses.«

»Ja. Wie schade.«

»Es ist das Beste so. Tante Crawford hat Wharton verkommen lassen, als sie hier lebte, und mein Vater hatte weder das nötige Geld noch das Interesse, alles wieder auf Vordermann zu bringen. Ich kann mich glücklich schätzen, jemanden gefunden zu haben, der bereit ist, mir diese Last abzunehmen. Es wird ein Vermögen kosten, das Anwesen zu renovieren.«

»Dann gehört Wharton Park also dir?«

»Ich fürchte ja. Nach dem Tod von Tante Crawford und jetzt auch von meinem Vater bin ich der Erbe. Leider haben sie mir jede Menge Schulden und Ärger hinterlassen.« Er zuckte mit den Achseln. »Sorry, wenn ich so negativ klinge.«

»Bist du nicht ein bisschen traurig?«

Kit schob die Hände in die Hosentaschen und trat näher zu ihr. »Offen gestanden: auf einer persönlichen Ebene, nein. Ich war als Junge nur in den Ferien hier, also besteht für mich keine innige emotionale Verbindung zu diesem Anwesen. Und Herrenhausbesitzer zu spielen, liegt mir nicht. Allerdings hat mir die Entscheidung, dreihundert Jahre Familiengeschichte einfach zu verkaufen, zugegebenermaßen schlaflose Nächte bereitet. Aber was bleibt mir anderes übrig? Ich muss Wharton loswerden, um die hohen Schulden abbezahlen zu können, die darauf lasten.«

»Verkaufst du wirklich alles?«

Kit strich sich die Haare aus dem Gesicht. »Das alte Stallungsgeviert, wo früher Bedienstete wohnten, behalte ich für mich, dazu ein mickriges Stück Land. Ich habe einen eigenen Weg zur Straße, so dass ich nicht den Haupteingang benutzen muss. Mein neues Zuhause ist ein ziemlich schäbiges Cottage ohne Zentralheizung, dafür jedoch mit feuchten Wänden.« Er lächelte. »Aber besser als nichts. Ich bin dabei, es zu renovieren. Ich glaube, es wird ganz hübsch, wenn’s erst mal fertig ist.«

»Dort haben meine Großeltern gewohnt; meine Mutter ist da zur Welt gekommen«, sagte Julia. »Ich habe die Cottages nie schäbig gefunden, und die Feuchtigkeit ist mir auch nie aufgefallen.«

»O je.« Kit wurde rot. »Mein Gott, wie arrogant von mir. Entschuldige. Ich habe das Cottage für mich behalten, weil es mir gefällt. Wirklich«, betonte er. »Und ich freue mich darauf, dort zu leben. Außerdem hoffe ich, die anderen Scheunen und Cottages ringsherum, wenn sie renoviert sind, vermieten zu können und ein bisschen Geld damit zu verdienen.«

»Hast du denn keine andere Bleibe?«

»Wie du bin ich lange im Ausland gewesen und deshalb nie dazu gekommen, mir ein richtiges Zuhause einzurichten …« Kit wandte den Blick ab. »Mit dieser Gegend verbinde ich keine sonderlich guten Erinnerungen. Ich habe hier in meiner Kindheit ein paar ziemlich scheußliche Sommer verbracht.«

»Mir hat Wharton Park immer gefallen.«

»Es ist ein schönes altes Haus und liegt gut«, räumte Kit ein.

Julia musterte ihn. Unter seiner tiefen Bräune wirkte er abgespannt und müde. Julia wusste nicht recht, was sie sagen sollte. »Nun, ich hoffe, du wirst glücklich in deinem neuen Heim. Ich muss jetzt los.«

»Und ich sollte mal in den Auktionsraum schauen.«

Sie gingen nebeneinanderher durch die dunklen Räume zum Eingangsbereich.

»Wo lebst du jetzt?«, fragte Kit nach einer Weile. »Bestimmt in einer riesigen Penthouse-Wohnung am Central Park, oder?«

»Ach was. In Blakeney, in einem kleinen, feuchten Cottage, das ich gekauft habe, weil alle auf mich eingeredet haben, dass ich mein Geld in Immobilien anlegen soll. In den letzten acht Jahren habe ich es an Urlauber vermietet.«

»Aber du hast doch bestimmt irgendwo ein anderes Zuhause, oder?« Kit runzelte die Stirn. »In den Hochglanzmagazinen sitzen die Reichen und Schönen nicht in feuchten Cottages in North Norfolk.«

»In den Hochglanzmagazinen wirst du keine Fotos von mir finden«, erklärte Julia. »Und … ach, das ist eine lange Geschichte«, hob sie an, verstummte jedoch, als sie die Eingangshalle erreichten. Eine Frage lag ihr auf dem Herzen. »Gibt’s die Gewächshäuser noch?«

»Ich weiß es nicht.« Kit zuckte mit den Achseln. »Ehrlich gesagt, war ich noch nicht im Küchengarten, weil es so viele andere Dinge zu tun gab.«

Als sie die Halle betraten, sah Julia ihre Schwester mit der Vase in der Hand an der Tür warten.

»Da bist du ja, Kit!«, rief eine kräftige Frau mit kastanienbraunen Haaren und tiefbraunen Augen wie den seinen und gesellte sich zu ihnen. »Wo hast du dich denn herumgetrieben? Der Auktionator will wegen einer Vase mit dir reden. Er meint, sie könnte aus der Ming-Dynastie stammen. Du sollst sie aus der Auktion herausnehmen und bei Sotheby’s schätzen lassen.«

Julia sah einen Ausdruck der Verärgerung über Kits Gesicht huschen. »Julia, darf ich dir meine Schwester Bella Harper vorstellen?«

Bella musterte Julia eher desinteressiert. »Hallo«, begrüßte sie sie und hakte sich bei Kit unter. »Du solltest wirklich mit dem Auktionator sprechen«, meinte sie und zog ihn weg.

Kit schenkte Julia ein hastiges Lächeln. »Schön, dich wiedergesehen zu haben«, rief er zurück, dann war er verschwunden.

Julia gesellte sich zu Alicia, die Kit nachstarrte.

»Woher kennst du denn die?«, erkundigte sich Alicia neugierig.

»Wen?«, fragte Julia, während sie eine Seite der Vase packte und sie begannen, das Ding die Treppe hinunter zum Auto zu tragen.

»Die grässliche Bella Harper natürlich. Mit der hast du doch gerade geredet.«

»Ich kenn sie nicht, nur ihren Bruder Kit.«

Mittlerweile hatten sie den Wagen erreicht, und Alicia öffnete den Kofferraum, um die Vase darin zu verstauen. »Du meinst Lord Christopher Wharton, den Erben dieses Anwesens?«

»Ja, der ist er wohl jetzt«, antwortete Julia. »Ich habe ihn vor Jahren in diesem Haus kennengelernt und bin ihm gerade eben wiederbegegnet.«

»Tja, ja, stille Wasser gründen tief. Dass du ihn kennst, hast du nie erwähnt.« Alicia wickelte die Vase in einen alten Regenmantel. »Hoffentlich bringen wir die heil nach Hause«, sagte sie und schloss den Kofferraumdeckel. Dann stiegen sie ein, und Alicia ließ den Motor an.

»Hast du noch Lust auf einen Drink und ein Sandwich im Pub?«, fragte Alicia. »Dann kannst du mir ausführlich erzählen, wie du den reizenden Lord Kit kennengelernt hast. Offenbar ist er ein angenehmerer Zeitgenosse als seine Schwester. Mit ihr hatte ich bei Dinnerpartys in der Gegend hin und wieder das Vergnügen; sie behandelt mich immer noch wie die Enkelin des Gärtners. Gott sei Dank wird der Titel an den nächsten männlichen Verwandten vererbt. Wenn Bella ein Mann wäre, hätte es für sie kein Halten mehr gegeben!«

»So ist Kit, glaube ich, nicht«, sagte Julia und wandte sich ihrer Schwester zu. »Danke für das Angebot, aber wenn’s dir nichts ausmacht, würde ich lieber nach Hause fahren.«

Alicia sah die Erschöpfung in den Augen ihrer Schwester. »Auch gut. Aber unterwegs kaufen wir Lebensmittel für dich ein.«

Julia war zu müde, um zu widersprechen.

Alicia bestand darauf, dass Julia sich aufs Sofa setzte, während sie selbst den Kamin anzündete und die soeben erworbenen Vorräte einräumte. Ausnahmsweise hatte Julia nichts dagegen, bemuttert zu werden, denn die Fahrt war anstrengend gewesen, und die Rückkehr nach Wharton Park sowie die Begegnung mit Kit hatten sie verunsichert.

Alicia kam mit einem Tablett aus der Küche, das sie vor Julia abstellte. »Ich hab dir Suppe gekocht. Bitte iss sie.« Sie nahm den braunen Umschlag von dem Beistelltischchen, auf das Julia ihn gelegt hatte: »Darf ich?«, fragte sie.

»Klar.«

Alicia zog die Aquarelle eines nach dem anderen aus dem Kuvert und betrachtete sie. »Hübsch. Das perfekte Geschenk für Dad. Willst du sie rahmen lassen?«

»Wenn das in der kurzen Zeit geht, ja.«

»Du kommst doch nächsten Sonntagmittag zu seinem Geburtstagsessen, oder?«

Julia nickte zögernd und nahm den Suppenlöffel in die Hand.

»Ich weiß, dass du im Moment keine Lust auf große Familienzusammenkünfte hast, aber alle freuen sich darauf, dich zu sehen. Und Dad wäre todtraurig, wenn du nicht auftauchen würdest.«

»Ich komme schon, keine Sorge.«

»Gut.« Alicia sah auf ihre Uhr. »Ich fahr jetzt mal lieber heim ins Irrenhaus.« Sie verdrehte die Augen und drückte Julias Schulter. »Kann ich sonst noch was für dich tun?«

»Nein, danke.«

»Gut.« Alicia gab Julia einen Kuss auf die Stirn. »Bitte melde dich und vergiss nicht, dein Handy eingeschaltet zu lassen. Ich mache mir Sorgen um dich.«

»Die Verbindung ist hier ziemlich schlecht«, sagte Julia. »Aber ich lasse es an.« Sie sah Alicia nach, wie sie zur Tür ging. »Und danke. Danke, dass du mich nach Wharton Park mitgenommen hast.«

»Gern geschehen. Ruf mich an, wenn du was brauchst. Pass auf dich auf, Julia.« Und schon fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

Julia fühlte sich müde und lethargisch. Ohne die Suppe auszulöffeln, trottete sie die Treppe hinauf und setzte sich, die Hände im Schoß gefaltet, aufs Bett.

Ich möchte kein normales Leben mehr, sondern leiden wie sie. Wo auch immer sie sein mögen – wenigstens sind sie zusammen, und ich bin hier allein, wo ich weder richtig leben noch sterben kann. Alle wollen, dass ich mich fürs Leben entscheide, aber wenn ich das tue, muss ich sie loslassen. Und das kann ich nicht. Noch nicht …

3

Am folgenden Sonntag scheuchte Alicia ihre Familie um zwei Minuten vor eins ins Wohnzimmer.

»Lissy-Schatz, ein Schlückchen Wein?«, fragte ihr Mann Max, drückte ihr ein Glas in die Hand und küsste sie auf die Wange.

»Rose, schalt sofort den iPod aus!«, herrschte Alicia ihre dreizehnjährige Tochter an, die mit mürrischem Gesicht auf dem Sofa lümmelte. »Und das gilt für euch alle: Benehmt euch!« Alicia setzte sich aufs Kamingitter und nahm einen großen Schluck Wein.

Kate, ihre hübsche, blonde, achtjährige Tochter, schmiegte sich an sie. »Mummy, gefällt dir, was ich anhabe?«, fragte sie.

Erst jetzt bemerkte Alicia die gewagte Zusammenstellung aus grellpinkfarbenem Top, gelbem Tupfenrock und türkisfarbener Strumpfhose. Leider war es zu spät, noch etwas daran zu ändern, denn Alicia sah bereits den Wagen ihres Vaters in der Auffahrt.

»Opa ist da!«, rief James, ihr sechsjähriger Sohn.

»Holen wir ihn«, kreischte Fred, der Vierjährige, und machte sich auf den Weg zur Tür.

Alicia beobachtete erfreut, wie die anderen ihm folgten und zum Wagen hinausliefen.

Wenige Sekunden später zerrten sie George Forrester ins Wohnzimmer. Mit seinen fünfundsechzig Jahren war er nach wie vor schlank und attraktiv. Er hatte volles, an den Schläfen ergrauendes Haar und strahlte Autorität und Selbstbewusstsein aus, weil er es gewöhnt war, vor Publikum zu sprechen.

Als berühmter Professor der Botanik an der University of East Anglia hielt er regelmäßig Vorträge vor der Royal Society of Horticulture und in Kew. Dazwischen reiste er in entlegene Erdgegenden, um neue Pflanzenarten zu erforschen. Dabei, sagte er selbst, fühle er sich am wohlsten.

George erzählte seinen Töchtern gern, dass er in der Erwartung zu den Gewächshäusern von Wharton Park gereist war, von deren berühmter Orchideensammlung überwältigt zu werden, sich stattdessen jedoch Hals über Kopf in die junge Schönheit dort verliebt hatte, die seine Frau und die Mutter seiner beiden Töchter werden sollte. Schon wenige Monate später hatten sie den Bund fürs Leben geschlossen.

»Hallo, Liebes«, begrüßte George Alicia. »Du bist schön wie eh und je. Wie geht’s dir?«

»Gut, danke. Alles Gute zum Geburtstag, Dad«, gratulierte sie ihm, als er sie umarmte. »Möchtest du was trinken? Wir haben Champagner kühl gestellt.«

»Warum nicht?« Er lächelte. »Eigentlich ist es absurd zu feiern, dass man dem Grab einen Schritt näher kommt.«

»Ach, Dad!«, rügte Alicia ihn, »mach dich nicht lächerlich. Alle meine Freundinnen himmeln dich an.«

»Freut mich, aber das ändert nichts an den Tatsachen. Ab heute«, sagte er und wandte sich seinen Enkeln zu, »ist euer Großvater Pensionär.«

»Was ist ein Pensionär?«, wollte Fred wissen.

Der zwei Jahre ältere James stieß seinen kleinen Bruder in die Rippen. »Ein alter Mann, Dummkopf.«

»Ich hole den Champagner«, verkündete Max mit einem Augenzwinkern in Richtung Alicia.

»Und«, fragte George, setzte sich gegenüber von seiner Tochter aufs Kamingitter und streckte die langen Beine aus. »Wie läuft’s?«

»Hektisch, wie üblich«, seufzte Alicia. »Und bei dir?«

»Genauso. Letzte Woche hat mich ein amerikanischer Kollege aus Yale angerufen. Er plant eine Forschungsreise zu den Galapagosinseln im Mai und möchte, dass ich ihn begleite. Da bin ich noch nie gewesen, obwohl ich immer hinwollte. Ihr wisst schon: Darwins Entstehung der Arten und so. Ich werde gute drei Monate weg sein, weil ich in den Staaten ein paar Vorlesungen halten soll.«

»Dann hast du also nicht vor, es im Ruhestand langsamer angehen zu lassen?«

Fred hüpfte auf einem Bein zu George. »Wir haben dir ein echt cooles Geschenk gekauft, Opa, ein …«

»Halt den Mund, Fred. Es soll eine Überraschung sein«, fiel ihm Rose, das mürrische Teenagermädchen, vom Sofa aus ins Wort.

Max kam unterdessen mit der entkorkten Champagnerflasche herein und füllte drei Gläser.

»Prost euch allen.« George hob sein Glas. »Auf die nächsten fünfundsechzig Jahre.« Nachdem er einen Schluck getrunken hatte, fragte er: »Kommt Julia auch?«

»Ja, jedenfalls hat sie’s versprochen. Wahrscheinlich ist sie spät dran.«

»Wie geht’s ihr?«, erkundigte sich George.

»Nicht so gut.« Alicia schüttelte den Kopf. »Ich hab sie letzte Woche mit zu der Auktion in Wharton Park genommen, um dein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Danach schien es ihr ein bisschen besser zu gehen, obwohl das nicht viel zu bedeuten hat.«

»Wie schrecklich«, seufzte George. »Ich fühle mich so … hilflos.«

»Das tun wir alle, Dad«, pflichtete Alicia ihm bei.

»Zuerst der Tod eurer Mutter, als sie elf war, und jetzt … Das Leben ist ungerecht.«

»Ja, furchtbar, und man weiß so gar nicht, was man tun oder sagen soll. Julia hat Mums Tod damals ziemlich verstört, das weißt du ja, Dad. Nun hat sie die drei Menschen verloren, die ihr am meisten bedeuteten.«

»Hat sie erwähnt, ob sie nach Südfrankreich zurückmöchte?«, erkundigte sich George. »Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich in ihrem eigenen Haus besser fühlen würde als in diesem düsteren Cottage.«

»Nein. Wahrscheinlich erträgt sie die Erinnerungen dort nicht. Ich hätte sehr zu kämpfen, wenn dieses Haus plötzlich …«, Alicia biss sich auf die Lippe, »… leer wäre.«

»Opa? Hast du eine Freundin?«, platzte Kate dazwischen und kletterte auf seinen Schoß.

»Nein, Schätzchen«, antwortete George schmunzelnd. »Mir war immer nur deine Oma wichtig.«

»Wenn du möchtest, könnte ich deine Freundin sein«, bot Kate ihm an. »Du bist sicher einsam so allein in dem großen Haus in Norwich.«

Alicia zuckte zusammen. Kate hatte die Angewohnheit, das zu sagen, was alle dachten.

»Ich bin nicht einsam, Schätzchen«, widersprach George und zerzauste ihr die Haare. »Ich habe Seed, meinen Hund, und meine Pflanzen, die mir Gesellschaft leisten.« Er drückte sie an sich. »Aber ich verspreche dir, falls mir jemals nach einer Freundin sein sollte, wende ich mich zuerst an dich.«

Da sah Alicia Julias Wagen die Auffahrt heraufkommen.

»Sie ist da, Dad. Ich geh sie reinholen.«

»Gut, Liebes«, sagte George, der Alicias Sorge spürte.

Alicia öffnete die Haustür. George, dachte sie, hatte, obwohl der Tod ihrer Mutter nun mehr als zwanzig Jahre zurücklag, nicht das getan, wofür sich die meisten Männer in seiner Situation entschieden hätten, sich nach einem Ersatz für ihre Mutter umgesehen. Alicia erinnerte sich an all die geschiedenen Frauen, die ihren attraktiven Vater umschwärmt hatten, ohne je sein Interesse zu wecken.

Die eine oder andere Frau hatte es wohl gegeben, allerdings nur zur Befriedigung seiner körperlichen Bedürfnisse. Alicia bezweifelte, dass er sich je auf eine emotionale Bindung eingelassen hatte. Vielmehr schien er zu akzeptieren, dass niemand seine Seelenverwandte Jasmine ersetzen konnte.

Möglicherweise hatte seine Leidenschaft für die Pflanzenwelt ihm geholfen, die Lücke zu füllen.

Da stieg Julia in einer viel zu großen Jacke aus dem Wagen und kam auf sie zu.

»Hallo, Schwesterherz. Dad ist schon da.«

»Ich weiß. Tut mir leid, dass ich ein wenig zu spät bin. Ich hab die Zeit vergessen.«

»Kein Problem. Komm rein.« Alicia deutete auf das Paket unter Julias rechtem Arm. »Prima, du hast die Bilder rahmen lassen.«

»Julia«, begrüßte Max sie, als sie das Zimmer betrat. »Schön, dich zu sehen.« Er legte lächelnd den Arm um die schmalen Schultern seiner Schwägerin. »Darf ich dir das Paket abnehmen?«

»Danke.«

»Hallo, Dad. Alles Gute zum Geburtstag.« Sie begrüßte ihn mit einem Kuss.

»Liebes, danke, dass du gekommen bist.« George ergriff ihre Hand und drückte sie.

»Sollen wir, jetzt, wo alle da sind, die Geschenke auspacken?«, schlug Alicia vor.

»Darf ich das für Opa machen?«, fragte eine Stimme unter dem Beistelltischchen.

»Ich glaube, Opa schafft das allein«, antwortete Max seinem jüngsten Sohn und reichte George die Vase. »Die ist von allen Howards. Ganz schöner Humpen«, meinte er schmunzelnd mit einem Blick auf die großen Griffe zu beiden Seiten des Gefäßes.

George begann das Geschenkpapier zu entfernen, assistiert von einem Paar kleiner Hände, die plötzlich unter dem Tischchen hervorkamen.

»Das ist aber ein großer Topf, Opa«, bemerkte Fred, als die Vase ausgepackt war. »Gefällt er dir?«

George lächelte. »Die Vase ist wunderschön. Danke, Alicia, und danke euch, Kinder.« Er sah seine Tochter an. »Du sagst, sie stammt aus Wharton Park?«

»Ja.« Alicia nickte Julia zu. »Gibst du Dad jetzt auch dein Geschenk?«

»Klar.« Julia deutete auf das Paket auf dem Tischchen. »Da ist es.«

Julia verfolgte mit erwartungsvollem Blick, wie ihr Vater es öffnete. Der schlichte schwarze Holzrahmen und das beigefarbene Passepartout brachten die Aquarelle besonders gut zur Geltung.

»Ach …«, murmelte George, als er eines nach dem anderen betrachtete. Schließlich fragte er: »Sind die auch aus Wharton Park?«

»Ja.«

Die gesamte Familie wartete auf eine Reaktion. Nach einer Weile brach Alicia das Schweigen. »Gefallen sie dir nicht?«

George sah Julia an, nicht Alicia. »Julia, sie sind wunderschön. Ein besseres Geschenk hättest du nicht finden können, denn« – er wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel – »ich bin sicher, dass deine Mutter sie gemalt hat.«

Am Essenstisch wurde lebhaft darüber diskutiert, wie Jasmines Aquarelle nach Wharton Park gelangt waren.

»Bist du dir vollkommen sicher, dass sie von Mummy sind?«, fragte Alicia.

»Ja, davon bin ich überzeugt«, antwortete George, während er ein Stück von dem Roastbeef abschnitt, das Alicia zubereitet hatte. »Bei der ersten Begegnung mit deiner Mutter saß sie mit einem Skizzenblock und Aquarellfarben in einer Ecke des Gewächshauses von eurem Großvater. Wenn wir bei unseren späteren gemeinsamen Reisen etwas Interessantes entdeckten, habe ich mir Notizen gemacht, und sie hat die Pflanzen gemalt. Ihr Stil ist unverkennbar. Zu Hause werde ich diese Aquarelle mit den anderen eurer Mutter vergleichen. Julia« – er lächelte seiner Tochter über den Tisch hinweg zu –, »du hättest mir wirklich nichts Schöneres schenken können.«

Nach dem Kaffee im Wohnzimmer stand Julia auf.

»Ich gehe jetzt, Dad.«

George hob den Blick. »Schon?«

Julia nickte. »Ja.«

George nahm ihre Hand. »Besuch mich doch mal, ja? Ich würde mich freuen, wenn du auf einen Plausch vorbeikämst.«

»Gut«, sagte Julia, doch sie wussten beide, dass sie ihr Versprechen nicht einlösen würde.

»Vielen herzlichen Dank für die Bilder, Liebes. Sie bedeuten mir wirklich viel.«

»Ich finde, wir sollten lieber dem Schicksal danken, denn ich hatte ja keine Ahnung von der Vorgeschichte«, widersprach Julia. »Tschüs, Kinder, bis morgen.« Sie winkte ihnen zum Abschied zu.

»Tschüs, Tante Julia«, antworteten sie im Chor.

Alicia ergriff ihre Hand, als sie zur Tür hinauswollte. »Trinken wir nächste Woche einen Kaffee zusammen?«

»Ich ruf dich an. Und danke fürs Essen.« Julia küsste ihre Schwester auf die Wange. »Auf Wiedersehen.«

Alicia schloss seufzend die Tür hinter Julia. Da spürte sie, wie sich zwei Arme um ihre Taille legten.

»Sie ist immer noch ziemlich durch den Wind«, stellte Max fest.

»Ja. Es hilft nichts, wenn sie den lieben langen Tag in dem düsteren Cottage sitzt. Das geht jetzt schon über sieben Monate so.«

»Du kannst sie zu nichts zwingen«, meinte Max. »Immerhin hat sie heute den Mund aufgekriegt. Wenigstens Opa bleibt zum Tee, und den Abwasch erledige ich. Setz dich doch zu deinem Vater und unterhalte dich mit ihm.«

Alicia kehrte ins Wohnzimmer zurück, wo ihr Vater mit ihren Söhnen spielte. Rose hatte sich nach oben in ihr Zimmer verdrückt, und Kate half Max in der Küche. Alicia schaute in den Kamin und dachte über die zufällige Entdeckung der Orchideenaquarelle und Julia nach.

Nachdem ihre Mutter viel zu früh an Eierstockkrebs gestorben war, hatte Alicia sich mit ihren vierzehn Jahren größte Mühe gegeben, sich um ihre jüngere Schwester Julia zu kümmern. George war oft auf Vortragsreisen oder unterwegs, um Pflanzen zu sammeln; Alicia erschien es damals, als würde er so wenig Zeit wie möglich zu Hause verbringen. Da sie jedoch begriff, dass dies seine Methode war, den Verlust seiner Frau zu verarbeiten, beklagte sie sich nie über seine Abwesenheiten.

Nach Jasmines Tod hatte Julia sich ganz in sich selbst zurückgezogen und sich gegen Alicias wohlmeinende Mütterlichkeit gewehrt. Auch in der schwierigen Teenagerzeit hatte sie sich Alicia nicht anvertraut, ihr nichts über die Schule und ihre Freunde verraten, eine Mauer um ihre Gedanken errichtet und ihre freie Zeit darauf verwendet, ihr Klavierspiel zu verbessern.

Am Ende hatte Alicia »die Tasten der Hölle«, wie sie das Klavier im Arbeitszimmer nannte, als Rivalen um Julias Gunst empfunden. Ihr Pflichtbewusstsein war stärker gewesen als ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Mit achtzehn hatte Alicia eigentlich einen Studienplatz in Psychologie an der Durham University ergattert. Obwohl sich eine Haushälterin um alles kümmerte und sogar über Nacht blieb, wenn George unterwegs war, hatte Alicia nicht das Gefühl gehabt, Julia allein lassen zu können. Folglich war sie auf die Universität in Norwich gegangen und hatte in dem Jahr, als Julia nach London zog, um am Royal College of Music zu studieren, Max kennengelernt.

Ihre oft einsame Kindheit hatte Alicia von einem Ehemann, einer großen Familie und einem behaglichen Heim träumen lassen. Anders als ihre Schwester, die unter der gleichen Wanderlust litt wie ihr Vater, sehnte Alicia sich nach Sicherheit und Liebe. Sechs Monate nachdem Max um ihre Hand angehalten hatte, heirateten sie, und bereits ein Jahr später war sie schwanger mit Rose. Seitdem konzentrierte sie sich voll und ganz darauf, ihren Kindern das zu geben, was sie selbst in ihrer Jugend nicht gehabt hatte.

Alicia hatte sich mit der Beschränkung ihres Horizonts aufgrund ihrer Vergangenheit abgefunden.

Schwerer fiel es ihr da schon, die fortgesetzte Lethargie ihrer jüngeren Schwester hinzunehmen. Seit dem Beginn von Julias Karriere in der Welt der klassischen Musik hatte Alicia nur noch selten von ihr gehört. Doch als Julia sie sieben Monate zuvor gebraucht hatte, war Alicia für sie dagewesen und hatte sie zurück nach Norfolk geholt. Trotzdem spürte sie nach wie vor die alte Distanziertheit und Spannung zwischen ihnen.

Alicia wusste nun genauso wenig wie zwanzig Jahre zuvor, wie sie an ihre Schwester herankommen sollte.

»Mummy, ich backe Feenkuchen zum Tee. Auf welches Tablett soll ich sie legen?«, fragte da Kate von der Tür aus. Alicia stand auf.

»Ich komme schon, Schätzchen.«

4

Als Julia am folgenden Morgen aufwachte, wartete sie auf die trüben Gedanken und die Hoffnungslosigkeit, die sie normalerweise in den ersten Sekunden nach dem Schlaf überfielen.

Doch sie kamen nicht.

Und so stand sie auf, ging zum Fenster und zog die Vorhänge zurück.

Das einfache Cottage war hauptsächlich seiner herrlichen Aussicht wegen so beliebt bei Feriengästen. Es stand auf einem grasbewachsenen Hügel, nur ein paar Meter von der High Street von Blakeney entfernt, und bot sowohl die Vorzüge des Ortes als auch die Ruhe und den guten Ausblick der erhöhten Lage.

Die klare Januarsonne schien auf den frostbedeckten Hügel. Darunter befand sich der Hafen von Blakeney und dahinter das Meer. Julia zog den Riegel an dem kleinen Fenster zurück, öffnete es weit und atmete tief durch. Heute, dachte Julia, war es tatsächlich möglich zu glauben, dass irgendwann der Frühling wiederkommen würde.