Beschreibung

Von den verborgenen Geheimnissen eines englischen Herrenhauses zu der Pracht indischer Paläste

Innerlich aufgelöst kommt die junge amerikanische Schauspielerin Rebecca Bradley im englischen Dartmoor an, wo ein altes Herrenhaus als Kulisse für einen Film dient, der in den 1920er Jahren spielt. Vor ihrer Abreise hat die Nachricht von Rebeccas angeblicher Verlobung eine Hetzjagd der Medien auf die junge Frau ausgelöst, doch in der Abgeschiedenheit von Astbury Hall kommt Rebecca allmählich zur Ruhe. Als sie jedoch erkennt, dass sie Lady Violet, der Großmutter des Hausherrn Lord Astbury, frappierend ähnlich sieht, ist ihre Neugier geweckt.
Dann taucht Ari Malik auf: ein junger Inder, den das Vermächtnis seiner Urgroßmutter Anahita nach Astbury Hall geführt hat. Je mehr Rebecca aber in die Vergangenheit und in ihre Rolle eintaucht, beginnen Realität und Fiktion zu verwischen – und schließlich kommt sie nicht nur Anahitas Geschichte auf die Spur, sondern auch dem dunklen Geheimnis, das wie ein Fluch über der Dynastie der Astburys zu liegen scheint…

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Seitenzahl: 813

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Innerlich aufgelöst kommt die amerikanische Schauspielerin Rebecca Bradley im englischen Dartmoor an, wo ein altes Herrenhaus als Kulisse für einen Film dient, der in den 1920er-Jahren spielt. Vor ihrer Abreise hat die Nachricht ihrer angeblichen Verlobung eine Hetzjagd der Medien auf die junge Frau ausgelöst, doch in der Abgeschiedenheit von Astbury Hall kommt Rebecca allmählich zur Ruhe. Als sie jedoch erkennt, dass sie Lady Violet, der jung verstorbenen Großmutter des Hausherrn Lord Astbury, frappierend ähnlich sieht, ist ihre Neugier geweckt. Dann taucht ein weiterer Gast auf dem Anwesen auf: Ari Malik, ein junger Inder, den das Vermächtnis seiner Urgroßmutter Anahita nach Astbury Hall geführt hat. Je tiefer Rebecca aber in ihre Rolle und in die Vergangenheit des alten Hauses eintaucht, desto mehr beginnen Realität und Fiktion zu verwischen – und schließlich kommt sie nicht nur Anahitas Geschichte auf die Spur, sondern auch dem dunklen Geheimnis, das wie ein Fluch über der Dynastie der Astburys zu liegen scheint …

Weitere Informationen zu Lucinda Riley sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Lucinda Riley

Die Mitternachtsrose

Roman

Deutsch von Sonja Hauser

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel

»The Midnight Rose« bei Pan Books,

a division of Macmillan Publishers Limited, London.

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1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2013 by Lucinda Riley

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe Januar 2014

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Ann Cutting/getty images;

World Pictures/Alamy; FinePic®, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-12555-4V002

www.goldmann-verlag.de

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Für Leonora

Lasst, wenn ich gegangen bin, meine Gedanken zu euch kommen, wie das Nachglühen des Sonnenuntergangs am Rande des Sternenschweigens.

Rabindranath Tagore, Verirrte Vögel

Darjeeling, Indien, Februar 2000

Prolog

Anahita

Heute ist mein einhundertster Geburtstag. Ich habe nicht nur ein ganzes Jahrhundert erlebt, sondern es sogar in ein neues Jahrtausend geschafft.

Als ich beim Aufwachen die Sonne über dem Kanchenjunga aufgehen sehe, bringt mich ein absurder Gedanke zum Schmunzeln: Wenn ich ein Möbelstück wäre, ein eleganter Stuhl zum Beispiel, würde man mich eine Antiquität nennen. Ich würde poliert, restauriert und meiner Schönheit wegen ausgestellt. Mein Körper jedoch hat sich im Verlauf meines Lebens nicht wie schönes Mahagoni glatt geschliffen, sondern ist eher zu einem schlaffen Sack voll Knochen verfallen.

Meine »Schönheit«, falls man sie so bezeichnen kann, verbirgt sich tief in meinem Innern, sie speist sich aus dem Wissen und den Gefühlen, die ich in einem Jahrhundert angesammelt habe.

Auf den Tag genau vor hundert Jahren befragten meine Eltern wie alle Inder bei der Geburt ihrer Kinder einen Astrologen, wie die Zukunft ihrer neugeborenen Tochter aussehen würde. Diese Vorhersagen befinden sich, glaube ich, nach wie vor unter den wenigen Besitztümern meiner Mutter, die ich aufgehoben habe. Darin heißt es, ich würde alt werden, was im Jahr 1900 mit dem Segen der Götter um die fünfzig bedeutet haben dürfte.

Ich höre leises Klopfen an der Tür. Das ist Keva, meine treue Dienerin, mit einem Tablett, auf dem English Breakfast Tea und ein Kännchen mit kalter Milch stehen. Ich trinke den Tee immer noch wie die Engländer, obwohl ich die vergangenen achtundsiebzig Jahre in Indien, genauer gesagt in Darjeeling, verbracht habe.

Weil ich an diesem besonderen Morgen gern noch eine Weile meinen Gedanken nachhängen möchte, reagiere ich nicht auf Kevas Klopfen. Bestimmt will sie mit mir den Tagesplan besprechen und mir beim Waschen und Anziehen helfen, bevor meine Familie eintrifft.

Während die Sonne die Wolken von den schneebedeckten Bergen verscheucht, suche ich am blauen Himmel nach der Antwort, um die ich jeden einzelnen Morgen der letzten achtundsiebzig Jahre zu den Göttern gebetet habe.

Heute bitte, denke ich, denn mir ist klar, dass mein Sohn noch irgendwo auf dieser Erde lebt. Wenn nicht, hätte ich das wie bei allen Menschen, die ich je geliebt habe, gewusst.

Mit Tränen in den Augen betrachte ich das einzige Foto, das ich von ihm besitze, von einem zwei Jahre alten lächelnden Engel auf meinem Schoß. Das Bild hat mir meine Freundin Indira mit der Sterbeurkunde gegeben, einige Wochen nachdem ich über den Tod meines Sohnes informiert worden war.

Vor einer Ewigkeit. Inzwischen ist mein Sohn ein alter Mann und wird im Oktober dieses Jahres seinen einundachtzigsten Geburtstag feiern. Selbst meine Fantasie reicht nicht aus, ihn mir als solchen vorzustellen.

Ich wende den Blick vom Foto meines Sohnes ab, weil ich heute die Feier genießen möchte, die meine Familie für mich vorbereitet hat. Doch bei solchen Gelegenheiten, wenn ich mein anderes Kind mit ihren Kindern und Kindeskindern sehe, empfinde ich die Abwesenheit ihres Bruders umso schmerzlicher.

Natürlich glauben sie, dass mein Sohn vor achtundsiebzig Jahren gestorben ist.

»Maaji, schau, du hast doch sogar seine Sterbeurkunde! Lass ihn in Frieden ruhen«, sagt meine Tochter Muna immer seufzend. »Freu dich lieber an der Familie, die du hast.«

Mittlerweile begreife ich Munas durchaus gerechtfertigte Frustration. Sie möchte, dass sie mir genügt, sie ganz allein. Aber ein verlorenes Kind lässt sich im Herzen einer Mutter nun einmal nicht ersetzen.

Heute werde ich meiner Tochter die Freude machen, von meinem Stuhl aus wohlwollend die Dynastie zu betrachten, deren Grundstein ich gelegt habe, ohne sie mit meinen Erzählungen über die Vergangenheit zu langweilen. Wenn sie mit ihren Kindern und deren batteriebetriebenen Spielzeugen in ihren schnellen westlichen Jeeps eintreffen, werde ich ihnen nicht schildern, wie Indira und ich die steilen Hügel rund um Darjeeling auf Pferderücken erklommen, dass Strom und fließendes Wasser seinerzeit Luxus waren oder dass ich jedes zerfledderte Buch las, das mir in die Finger kam. Geschichten von früher gehen jungen Leuten auf die Nerven; sie wollen ausschließlich in der Gegenwart leben, genau wie ich damals.

Ich kann mir vorstellen, dass die meisten in meiner Familie sich nicht gerade darüber freuen, meines einhundertsten Geburtstags wegen aus allen Teilen Indiens herfliegen zu müssen, aber vielleicht tue ich ihnen unrecht. In den vergangenen Jahren habe ich viel darüber nachgedacht, warum die Jungen sich in Gesellschaft der Alten unwohl fühlen; sie könnten so viel von uns lernen. Vermutlich stammt ihr Unbehagen daher, dass unsere schwachen Körper ihnen vor Augen führen, was die Zukunft für sie bereithält. In der Blüte ihres Lebens sehen sie, wie auch sie eines Tages ihre körperliche Kraft und Attraktivität verlieren werden, ohne zu erkennen, was sie dazugewinnen.

Wie sollen sie auch ahnen, dass ihre Seelen wachsen, ihr Ungestüm einmal gezügelt und ihr Egoismus durch die Erfahrungen der Jahre gezähmt werden?

Ich akzeptiere, dass das die Natur des Menschen ist, in ihrer ganzen fantastischen Komplexität, und habe aufgehört, sie zu hinterfragen.

Als Keva das zweite Mal an meiner Tür klopft, lasse ich sie herein. Während sie in schnellem Hindi auf mich einredet, trinke ich Tee und gehe im Geiste die Namen meiner vier Enkel und elf Urenkel durch. Im Alter von einhundert Jahren möchte man beweisen, dass der Kopf noch funktioniert.

Die vier Enkel, die meine Tochter mir geschenkt hat, sind inzwischen alle selbst gute, liebevolle Eltern. Sie haben es in der neuen Welt nach der Unabhängigkeit von Großbritannien zu etwas gebracht, und ihre Kinder sind sogar noch erfolgreicher. Mindestens sechs von ihnen haben sich, soweit ich mich erinnere, selbstständig gemacht oder arbeiten in attraktiven Berufen. Eigentlich hätte ich mir gewünscht, dass einer meiner Nachkommen sich für Medizin interessieren und in meine Fußstapfen treten würde, aber man kann nicht alles haben.

Als Keva mich zum Waschen ins Bad bringt, wird mir klar, dass meine Familie mit einer Mischung aus Glück, scharfem Verstand und Kontakten gesegnet ist. Und dass mein geliebtes Indien vermutlich noch ein Jahrhundert brauchen wird, bis bei den zahllosen auf den Straßen Hungernden wenigstens das Minimum der menschlichen Bedürfnisse befriedigt ist. Ich habe immer geholfen, wo ich konnte, weiß jedoch, dass das bei all der Armut und Not lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein war.

Während Keva mich in meinen neuen Sari – ein Geburtstagsgeschenk meiner Tochter Muna – kleidet, beschließe ich, heute nicht so trüben Gedanken nachzuhängen. Ich habe mich immer bemüht, anderen beizustehen, das muss genügen.

»Sie sind wunderschön, Madam.«

Ein Blick in den Spiegel sagt mir, dass sie lügt, doch für diese Lüge bin ich ihr dankbar. Meine Hand wandert zu der Perlenkette, die ich seit fast achtzig Jahren trage. In meinem Testament vermache ich sie meiner Tochter Muna.

»Ihre Tochter kommt um elf, und der Rest der Familie wird eine Stunde später hier sein. Wo wollen Sie auf sie warten?«

»Du kannst mich ans Fenster setzen«, antworte ich lächelnd. »Ich möchte meine Berge sehen.«

Sie hilft mir auf und führt mich zum Sessel.

»Kann ich Ihnen etwas bringen, Madam?«

»Nein. Geh in die Küche und vergewissere dich, dass die Köchin alles im Griff hat.«

»Ja, Madam.« Sie stellt meine Glocke vom Nachtkästchen auf das Tischchen neben mir und verlässt das Zimmer.

Ich drehe mein Gesicht ins Licht der Sonne, das durch das Panoramafenster meines Hauses auf dem Hügel hereinströmt, und denke an die Freunde, die bereits von uns gegangen sind und deshalb meiner Feier nicht beiwohnen werden. Indira, meine beste Freundin, ist vor über fünfzehn Jahren gestorben. Damals musste ich, wie nur selten im Leben, hemmungslos weinen. Nicht einmal die Gefühle meiner mir treu ergebenen Tochter lassen sich mit der Liebe und Zuneigung Indiras vergleichen, die trotz ihrer Ichbezogenheit und Flatterhaftigkeit für mich da war, als ich sie am nötigsten brauchte.

Ich blicke zum Sekretär in der Nische hinüber, in dessen verschlossener Schublade sich ein über dreihundert Seiten langer, an meinen geliebten Sohn gerichteter Brief befindet, die Geschichte meines Lebens. Irgendwann fürchtete ich, dass ich die Einzelheiten vergessen könnte, dass sie in meinem Gedächtnis verschwimmen und ausbleichen würden wie ein alter Schwarz-Weiß-Film. Wenn mein Sohn, wovon ich bis zum heutigen Tag fest überzeugt bin, am Leben ist und er jemals zu mir zurückkehren sollte, möchte ich in der Lage sein, ihm die Geschichte seiner Mutter und ihrer unauslöschlichen Liebe zu ihrem verlorenen Kind zu präsentieren. Und die Gründe, warum sie es zurücklassen musste …

Ich begann den Brief in der Mitte meines Lebens, weil ich seinerzeit damit rechnete, bald von dieser Erde genommen zu werden. Nun liegt er seit fast fünfzig Jahren in der Schublade, unberührt und ungelesen, weil ich meinen Sohn nie gefunden habe.

Nicht einmal meine Tochter kennt meine Geschichte vor ihrer Geburt. Manchmal habe ich Gewissensbisse, weil ich sie ihr nicht erzähle. Doch immerhin hat sie meine Liebe gespürt, die ihrem Bruder versagt geblieben ist.

Ich bitte die Götter um Rat. Es wäre schrecklich, wenn der vergilbende Stapel Papier im Schreibtisch bei meinem Tod, der mit Sicherheit nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt, in die falschen Hände geriete. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, ihn zu verbrennen. Nein. Ich schüttle den Kopf. Solange noch Hoffnung besteht, meinen Sohn aufzuspüren, bringe ich das nicht übers Herz. Ich bin einhundert Jahre alt geworden; vielleicht werde ich auch noch einhundertzehn.

Doch wem soll ich die Geschichte bis dahin anvertrauen …?

Ich gehe im Kopf die Mitglieder meiner Familie Generation für Generation durch und lande schließlich bei einem meiner Urenkel.

Ari Malik, der älteste Sohn meines ältesten Enkels Vivek. Ich schmunzle, als ich eine Gänsehaut bekomme – das Signal der Götter, die so viel mehr wissen als ich. Ari, das einzige Mitglied meiner großen Familie mit blauen Augen, abgesehen von meinem geliebten verlorenen Sohn.

Ich versuche, ihn mir ins Gedächtnis zu rufen; bei elf Urenkeln, tröste ich mich, hätte auch ein Mensch, der nur halb so alt ist wie ich, Mühe, sich zu erinnern. Außerdem leben meine Verwandten über ganz Indien verstreut, und ich sehe sie nur selten.

Vivek, Aris Vater, ist der beruflich erfolgreichste meiner Enkel, wenn auch ein bisschen langweilig. Als Ingenieur verdient er genug, um seiner Frau und seinen drei Kindern ein sehr behagliches Leben bieten zu können. Wenn ich mich recht entsinne, ist Ari, ein ziemlich schlaues Bürschchen, in England zur Schule gegangen. Was er seit dem Schulabschluss macht, weiß ich nicht. Das werde ich heute herausfinden. Ich werde ihn beobachten und überprüfen, ob ich meinem Instinkt trauen kann.

Beruhigt schließe ich die Augen und gestatte mir ein Nickerchen.

»Wo bleibt er nur?«, flüsterte Samina Malik ihrem Mann zu. »Er hat mir hoch und heilig versprochen, diesmal pünktlich zu sein.« Ihr Blick wanderte über die vollständig versammelten Mitglieder von Anahitas großer Familie, die sich im eleganten Salon um die alte Dame scharten und sie mit Geschenken und Komplimenten überhäuften.

»Keine Panik, Samina«, versuchte Vivek seine Frau zu beschwichtigen, »unser Sohn kommt schon noch.«

»Ari hat gesagt, er trifft sich um zehn Uhr am Bahnhof mit uns, damit wir gemeinsam den Hügel hochfahren können … Vivek, er hat keinen Respekt vor seiner Familie, ich …«

»Ruhig, pyari, er ist ein vielbeschäftigter junger Mann und ein guter Junge.«

»Meinst du wirklich?«, fragte Samina. »Ich bin mir da nicht so sicher. Jedes Mal, wenn ich bei ihm anrufe, meldet sich eine andere Frauenstimme. Du weißt, wie’s in Mumbai zugeht. Nichts als Bollywood-Nutten und Ganoven«, sagte sie mit gedämpfter Stimme, weil sie nicht wollte, dass die anderen sie hörten.

»Unser Sohn ist fünfundzwanzig und leitet sein eigenes Unternehmen. Er weiß, was er tut«, erklärte Vivek.

»Die Bediensteten warten mit dem Champagner zum Anstoßen nur noch auf ihn. Wenn Ari in den nächsten zehn Minuten nicht kommt, sollen sie ohne ihn anfangen.«

»Na, hab ich’s nicht gesagt?«, verkündete Vivek mit einem breiten Lächeln, als sein Lieblingssohn Ari den Raum betrat. »Deine Mutter hatte wie immer Panik«, begrüßte er ihn und umarmte ihn.

»Du hattest versprochen, am Bahnhof zu sein. Wir haben eine ganze Stunde gewartet! Wo warst du?«, fragte Samina, die wusste, dass sie sich wie immer nicht gegen den Charme ihres attraktiven Sohnes wehren konnte.

»Entschuldige, Ma.« Ari schenkte seiner Mutter ein strahlendes Lächeln und nahm ihre Hände in die seinen. »Ich bin aufgehalten worden und habe versucht, dich über Handy zu erreichen, aber das war wie üblich ausgeschaltet.«

Ari und sein Vater schmunzelten. Über Saminas Handyaversion amüsierte sich die ganze Familie.

»Jetzt bin ich ja da.« Ari sah sich um. »Hab ich was verpasst?«

»Nein. Deine Urgroßmutter war so damit beschäftigt, die übrige Familie zu begrüßen, dass sie deine Abwesenheit hoffentlich nicht bemerkt hat«, antwortete Vivek.

Ari schaute zu seiner Urgroßmutter hinüber, deren Blick auf ihn gerichtet war.

»Ari! Endlich!«, rief sie ihm lächelnd zu. »Komm und gib deiner Urgroßmutter einen Kuss.«

»Sie mag hundert sein, aber ihr entgeht nichts«, flüsterte Samina Vivek zu.

Als Anahita ihre dünnen Arme für Ari ausbreitete, machten die anderen Verwandten Platz, und aller Augen richteten sich auf ihn. Ari ging zu ihr und kniete vor ihr nieder, um ihr seine Hochachtung mit einem tiefen pranaam zu erweisen und auf ihren Segen zu warten.

»Nani«, begrüßte er sie mit dem Kosenamen, den alle ihre Kinder und Enkel für sie verwendeten, »vergib mir die Verspätung. Es ist eine lange Reise von Mumbai hierher«, erklärte er.

Anahita musterte ihn auf diese für sie so typische Weise, als würde sie geradewegs in seine Seele blicken. »Kein Problem.« Dann berührte sie mit ihren kleinen, fast kindlichen Fingern leicht seine Wange und senkte die Stimme, so dass nur er sie verstehen konnte. »Obwohl ich es immer als hilfreich empfinde, den Wecker zu stellen, wenn ich früh aufstehen muss.« Sie zwinkerte ihm zu und gab ihm ein Zeichen, sich zu erheben. »Du und ich, wir unterhalten uns später. Keva wartet darauf, mit der Feier zu beginnen.«

»Ja, Nani, natürlich«, sagte Ari errötend und stand auf. »Alles Gute zum Geburtstag.«

Als er sich wieder zu seinen Eltern gesellte, fragte er sich, woher seine Urgroßmutter wusste, warum er sich verspätet hatte.

Der Tag verlief wie geplant, und Vivek hielt als ältester von Anahitas Enkeln eine bewegende Rede über ihr bemerkenswertes Leben. Je mehr Champagner floss, desto lockerer wurden alle, und die Anspannung, die bei seltenen Familientreffen immer herrscht, begann sich zu lösen. Das angeborene Konkurrenzdenken von Geschwistern trat in den Hintergrund, während sie ihren Platz innerhalb der Familienhierarchie suchten, und die jüngeren Cousins und Cousinen legten ihre Scheu ab und entdeckten Gemeinsamkeiten.

»Schau dir deinen Sohn an!«, bemerkte Muna, Anahitas Tochter, Vivek gegenüber. »Seine Cousinen himmeln ihn an. Es wird Zeit, dass er ans Heiraten denkt.«

»Das sieht er wahrscheinlich anders«, murmelte Samina. »Heutzutage scheinen junge Männer ihre Freiheit so lange wie möglich genießen zu wollen.«

»Du möchtest also keine Ehe für ihn arrangieren?«, fragte Muna.

»Doch, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich darauf einlässt.« Vivek seufzte. »Ari gehört einer neuen Generation an, er ist sein eigener Herr, hat ein Geschäft und reist in der Welt herum. Die Zeiten haben sich geändert, Ma, und Samina und ich müssen unseren Kindern selbst überlassen, wen sie heiraten.«

»Ach.« Muna hob eine Augenbraue. »Das ist eine sehr moderne Einstellung, Vivek. So schlecht klappt das mit dir und Samina doch nicht, oder?«

»Das stimmt, Ma«, pflichtete Vivek ihr bei und nahm lächelnd die Hand seiner Frau. »Du hast eine gute Wahl für mich getroffen.«

»Wir können uns dem Trend der Zeit nicht widersetzen«, erklärte Samina. »Die jungen Leute tun heutzutage, was sie wollen, und treffen ihre eigenen Entscheidungen.« Sie blickte zu Anahita hinüber. »Deine Mutter scheint den Tag zu genießen. Sie ist das reinste Wunder.«

»Ja.« Muna seufzte. »Aber ich mache mir Sorgen um sie, weil sie ganz allein mit Keva in den Hügeln lebt. Im Winter wird es schrecklich kalt, das kann nicht gut sein für ihre alten Knochen. Ich habe sie schon oft gebeten, zu uns nach Guhagar zu kommen, damit wir uns um sie kümmern können, doch natürlich weigert sie sich. Sie behauptet, sich hier oben ihren Geistern und ihrer Vergangenheit näher zu fühlen.«

»Ihrer geheimnisvollen Vergangenheit.« Vivek runzelte die Stirn. »Ma, glaubst du, du wirst sie je überreden können, dir zu verraten, wer dein Vater war? Ich weiß, dass er vor deiner Geburt gestorben ist, aber nichts Genaueres.«

»Als Kind habe ich sie mit Fragen darüber gelöchert, weil mir das wichtig war, doch jetzt …« Muna zuckte mit den Achseln. »Soll sie ihre Geheimnisse hüten, wenn sie möchte. Sie hätte mir keine liebevollere Mutter sein können, und ich möchte sie nicht aus der Fassung bringen.« Als sie zu ihrer Mutter hinübersah, winkte diese sie zu sich.

»Ja, Maaji, was ist?«, fragte Muna Anahita.

»Ich bin müde und werde mich zurückziehen«, antwortete Anahita, ein Gähnen unterdrückend. »Und in einer Stunde würde ich gern mit meinem Urenkel Ari sprechen.«

»Gut.« Muna half ihrer Mutter beim Aufstehen und führte sie zwischen den anderen Verwandten hindurch. Keva, wie immer nicht weit von ihrer Herrin entfernt, trat einen Schritt vor. »Meine Mutter möchte sich ausruhen, Keva. Würdest du sie bitte begleiten?«

»Natürlich, es war ein langer Tag.«

Muna sah ihnen nach, bevor sie sich wieder zu Vivek und seiner Frau gesellte. »Sie will sich ausruhen und hat mich gebeten, Ari in einer Stunde zu ihr zu schicken.«

»Tatsächlich?« Vivek runzelte die Stirn. »Warum wohl?«

»Wer weiß schon, was im Kopf meiner Mutter vorgeht?«, seufzte Muna.

»Dann sag ich ihm das mal lieber. Ich weiß, dass er bald wieder aufbrechen wollte, weil er morgen früh einen geschäftlichen Termin in Mumbai hat.«

»Dieses eine Mal muss ihm seine Familie wichtiger sein«, sagte Samina entschlossen. »Ich gehe zu ihm.«

Als Ari von seiner Mutter erfuhr, dass seine Urgroßmutter in einer Stunde mit ihm sprechen wolle, war er darüber, wie sein Vater vermutet hatte, alles andere als glücklich.

»Ich darf den Flieger nicht verpassen«, erklärte er. »Ma, ich muss mich um mein Geschäft kümmern.«

»Dann soll dein Vater seiner Großmutter beibringen, dass ihr ältester Urenkel an ihrem einhundertsten Geburtstag nicht die Zeit erübrigen kann, mit ihr zu sprechen.«

»Aber Ma …« Als Ari die grimmige Miene seiner Mutter sah, seufzte er. »Okay.« Er nickte. »Ich bleibe. Entschuldige mich bitte. Ich muss versuchen, hier irgendwo Handyempfang zu kriegen und den Termin morgen zu verschieben.«

Samina sah ihrem Sohn nach. Er war immer schon eigensinnig gewesen und als ihr Erstgeborener von ihr verhätschelt worden. Sie hatte Ari von Anfang an als etwas Besonderes empfunden, von dem Moment an, als sie das erste Mal verblüfft in seine blauen Augen blickte. Vivek hatte im Scherz ihre eheliche Treue infrage gestellt, bis sie von Anahita erfuhren, dass Munas toter Vater ebenfalls blaue Augen gehabt hatte.

Aris Haut war heller als die seiner Geschwister, sein ungewöhnliches Aussehen erregte Aufsehen. Aufgrund der Aufmerksamkeit, die er in seinen fünfundzwanzig Lebensjahren geerntet hatte, besaß er ein gewisses Maß an Arroganz, die allerdings durch seine Gutmütigkeit ausgeglichen wurde. Von ihren Kindern war Ari das liebevollste gewesen. Er hatte ihr immer geholfen, wenn es ein Problem gab – bis zu dem Zeitpunkt, als er nach Mumbai gegangen war, um dort sein eigenes Geschäft aufzubauen …

Der Ari von heute wirkte härter und ichbezogener, was Samina nicht gefiel. Als sie sich wieder zu ihrem Mann gesellte, betete sie, dass diese Phase bald vorbei wäre.

»Mein Urenkel kann jetzt hereinkommen«, verkündete Anahita, als Keva sie im Bett aufsetzte und die Kissen aufschüttelte.

»Ja, Madam. Ich hole ihn.«

»Ich möchte nicht gestört werden.«

»Nein, Madam.«

»Hallo, Nani«, begrüßte Ari sie, als er das Zimmer wenig später forschen Schrittes betrat. »Hast du dich ein bisschen erholt?«

»Ja.« Anahita deutete auf einen Stuhl. »Ari, bitte setz dich. Tut mir leid, dass ich deine geschäftlichen Termine morgen durcheinanderbringe.«

Ari spürte, wie er zum zweiten Mal an jenem Tag rot wurde. »Kein Problem.« Wieder fragte er sich, wie sie seine Gedanken lesen konnte.

»Dein Vater sagt, du lebst in Mumbai und bist ein erfolgreicher Geschäftsmann.«

»Na ja, ›erfolgreich‹ ist im Moment ein bisschen übertrieben«, entgegnete Ari. »Aber ich arbeite hart.«

»Wie ich sehe, bist du ehrgeizig. Bestimmt wirst du eines Tages den gewünschten Erfolg haben.«

»Danke, Nani.«

Ein Lächeln huschte über Anahitas Gesicht. »Obwohl es dir möglicherweise nicht die Befriedigung verschaffen wird, die du dir erhoffst. Das Leben bietet mehr als Arbeit und Reichtum. Aber das wirst du selber noch merken. Ari, ich möchte dir etwas geben. Bitte öffne den Sekretär mit diesem Schlüssel und nimm die Papiere heraus, die du darin findest.«

Ari steckte den Schlüssel ins Schloss und holte ein vergilbtes Manuskript aus der Schublade.

»Was ist das?«, fragte er.

»Die Lebensgeschichte deiner Urgroßmutter. Geschrieben für meinen verlorenen Sohn, den ich leider nie gefunden habe.«

Ari bemerkte, dass Anahitas Augen feucht wurden. Vor Jahren hatte sein Vater ihm von diesem Sohn erzählt, der als kleines Kind in England gestorben war, wo seine Urgroßmutter sich während des Ersten Weltkriegs aufgehalten hatte. Wenn Ari sich recht erinnerte, hatte sie ihn vor ihrer Rückkehr nach Indien dort zurücklassen müssen. Offenbar weigerte Anahita sich zu glauben, dass er tot war.

»Ich dachte …«

»Bestimmt hat man dir von seiner Sterbeurkunde erzählt. Und dass ich in meiner Trauer den Tod meines geliebten Sohnes nicht akzeptieren kann.«

Ari rutschte auf seinem Stuhl herum. »Ja, ich kenne die Geschichte«, gab er zu.

»Ich weiß, was meine Familie denkt, und kann mir vorstellen, was du davon hältst. Doch glaube mir: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als ein von Menschen verfasstes Dokument erklären kann. Was Herz und Seele einer Mutter sagen, darf man nicht ignorieren. Und ich versichere dir, dass mein Sohn nicht tot ist.«

»Nani, ich glaube dir.«

Anahita zuckte mit den Achseln. »Mir ist klar, dass du das nicht tust, aber das macht mir nichts aus. Zum Teil ist es meine Schuld, dass meine Familie mir nicht glaubt. Ich habe ihr nie erklärt, was damals passiert ist.«

»Warum nicht?«

»Weil …« Anahita schüttelte, den Blick auf ihre geliebten Berge gerichtet, kaum wahrnehmbar den Kopf. »Es wäre nicht richtig, dir das jetzt darzulegen, denn es steht alles da drin.« Sie deutete auf das Papier in Aris Händen. »Wenn der richtige Moment gekommen ist – und du wirst ihn erkennen –, liest du meine Geschichte vielleicht und entscheidest selbst, ob du Nachforschungen anstellst.«

»Verstehe«, sagte Ari, doch das tat er nicht.

»Ich bitte dich nur, bis zu meinem Tod niemandem in unserer Familie etwas über den Inhalt dieser Aufzeichnungen zu verraten. Ich vertraue dir mein Leben an, Ari. Wie du weißt …«, Anahita schwieg kurz, »… geht meine Zeit auf Erden allmählich zu Ende.«

Ari sah sie fragend an. »Du möchtest, dass ich die Geschichte lese und dann Nachforschungen über den Verbleib deines Sohnes anstelle?«, vergewisserte er sich.

»Ja.«

»Aber wo soll ich anfangen?«

»Natürlich in England.« Anahita wandte sich wieder zu ihm. »Du folgst meinen Spuren. Was du dazu wissen musst, hältst du in Händen. Dein Vater sagt, du leitest eine Computerfirma. Du kannst sicher mit dem Netz umgehen.«

»Du meinst das Internet?«, fragte Ari schmunzelnd.

»Ja. Du brauchst wahrscheinlich nur ein paar Sekunden, um den Ort zu finden, an dem alles begann.«

Ari folgte dem Blick seiner Urgroßmutter zu den Bergen. »Schönes Panorama«, bemerkte er.

»Ja, deswegen bleibe ich hier oben, auch wenn es meiner Tochter nicht recht ist. Eines nicht allzu fernen Tages werde ich mit Freuden noch weiter hinaufreisen, höher als diese Gipfel, und viele Menschen wiedersehen, um die ich im Leben getrauert habe. Doch so, wie die Dinge stehen«, sie wandte sich wieder ihrem Urenkel zu, »nicht den, den ich am liebsten treffen würde.«

»Woher weißt du, dass er noch lebt?«

Anahita schloss müde die Augen. »Das steht alles in meiner Geschichte.«

»Gut. Ich lasse dich jetzt wieder allein, Nani.«

Anahita nickte. Ari erhob sich mit einem pranaam und küsste seine Urgroßmutter auf beide Wangen.

»Auf Wiedersehen. Bis bald.«

»Vielleicht«, erwiderte sie.

An der Tür wandte Ari sich noch einmal zu ihr um. »Nani, warum ich? Warum gibst du die Geschichte nicht deiner Tochter oder meinem Vater?«

Anahita sah ihn an. »Weil sie nicht nur deine Vergangenheit, sondern auch deine Zukunft ist, Ari.«

Als Ari den Raum verließ und zur Garderobe an der Haustür ging, wo seine Aktentasche stand, fühlte er sich ausgelaugt. Nachdem er die vergilbten Blätter darin verstaut hatte, betrat er das Wohnzimmer, wo seine Großmutter Muna auf ihn zukam.

»Warum wollte sie dich sehen?«, fragte sie ihn.

»Sie glaubt nicht, dass ihr Sohn tot ist, und möchte, dass ich in England Nachforschungen anstelle.«

»Oje!« Muna verdrehte die Augen. »Ich kann dir die Sterbeurkunde zeigen. Ihr Sohn ist mit knapp drei Jahren gestorben. Bitte, Ari.« Muna legte eine Hand auf die Schulter ihres Enkels. »Achte gar nicht auf sie. Sie redet seit Jahren davon. Das ist das Hirngespinst einer alten Frau und nicht wert, dass du deine wertvolle Zeit damit vergeudest, glaube mir. Komm«, fügte sie mit einem Lächeln hinzu, »und trink ein letztes Glas Champagner mit deiner Familie.«

Während des Flugs von Bagdogra zurück nach Mumbai versuchte Ari, sich auf die Zahlen vor ihm zu konzentrieren, doch er musste immer wieder an Anahita denken. Bestimmt hatte seine Großmutter mit ihrer Behauptung recht, seine Urgroßmutter verrenne sich da in etwas. Aber bei ihrem Gespräch unter vier Augen hatte Anahita Dinge über Ari gesagt, die sie eigentlich nicht wissen konnte, die ihn verunsichert hatten. Möglicherweise war doch etwas dran an ihrer Geschichte … Vielleicht würde er sich zu Hause die Zeit nehmen, einen Blick darauf zu werfen.

Am Flughafen von Mumbai wurde er von seiner gegenwärtigen Freundin Bimbi abgeholt, obwohl es bereits nach Mitternacht war. Den Rest der Nacht verbrachte er auf höchst angenehme Weise mit ihr in seinem Apartment mit Blick auf das Arabische Meer.

Als er am folgenden Morgen die für seinen Termin nötigen Unterlagen in die Aktentasche steckte, nahm er Anahitas Papiere heraus.

Eines Tages werde ich Zeit haben, sie zu lesen, dachte er, legte das Manuskript in die unterste Schublade seines Schreibtischs und verließ hastig die Wohnung.

Ein Jahr später

…Ich erinnere mich. In der Nacht erscheint schon die sanfteste Brise wie eine himmlische Erholung von der ewigen trockenen Hitze in Jaipur. Oft klettern die anderen Frauen und Kinder der zenana und ich zu den Dächern des Mondpalastes hinauf und schlafen dort …

Wenn ich da liege und zu den Sternen hochblicke, höre ich dieses Singen und weiß, dass ein geliebter Mensch von der Erde genommen und sanft nach oben getragen wird…

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch und finde mich in meinem Zimmer in Darjeeling wieder, nicht auf dem Dach des Palasts in Jaipur. Es war ein Traum, versuche ich, mich ein wenig desorientiert zu beruhigen, als der Gesang in meinen Ohren nachhallt, obwohl mir klar ist, dass ich wach bin.

Ich weiß, was das bedeutet: Gerade stirbt jemand, den ich liebe. Mein Herzschlag beschleunigt sich, ich schließe die Augen und gehe im Geist meine Familie durch, um herauszufinden, wer.

Ohne Erfolg. Merkwürdig, denke ich, denn noch nie zuvor haben die Götter sich geirrt.

Wer …?

Ich atme tief durch, horche in mich hinein.

Und plötzlich weiß ich es.

Mein Sohn … mein geliebter Sohn.

Tränen treten mir in die Augen. Um mich zu trösten, blicke ich durchs Fenster hinauf zum Himmel. Und sehe nur dunkle Nacht.

Es klopft leise an der Tür, und Keva tritt mit besorgter Miene ein.

»Madam, ich habe Sie weinen hören. Sind Sie krank?«, fragt sie, kommt zu mir und fühlt meinen Puls.

Ich schüttle stumm den Kopf, während sie mit einem Taschentuch die Tränen von meinen Wangen wischt. »Nein«, beruhige ich sie. »Ich bin nicht krank.«

»Was ist dann? Haben Sie schlecht geträumt?«

»Nein.« Sie wird es nicht verstehen. »Mein Kind ist gerade gestorben.«

Keva sieht mich entsetzt an. »Woher wissen Sie, dass Madam Muna tot ist?«

»Nicht meine Tochter, Keva, sondern mein Sohn, den ich vor so vielen Jahren in England zurücklassen musste. Er ist einundachtzig Jahre alt geworden«, murmle ich. »Immerhin hatte er ein langes Leben.«

Keva legt verwirrt eine Hand auf meine Stirn, um zu prüfen, ob ich Fieber habe. »Madam, Ihr Sohn ist schon lange tot. Wahrscheinlich haben Sie geträumt.«

»Möglich«, sage ich, um sie nicht zu beunruhigen. »Notiere bitte trotzdem Datum und Stunde für mich. Diesen Augenblick möchte ich nicht vergessen. Die Zeit des Wartens ist vorüber.«

Sie tut mir den Gefallen und gibt mir den Zettel.

»Ich komme jetzt allein zurecht. Du kannst gehen.«

»Sehr wohl, Madam. Sind Sie sicher, dass alles in Ordnung ist?«

»Ja. Gute Nacht, Keva.«

Als sie das Zimmer verlässt, schreibe ich einen kurzen Brief. Dann hole ich die abgegriffene Sterbeurkunde meines Sohns aus der Schublade des Nachtkästchens. Morgen soll Keva beides in einen Umschlag stecken und diesen an den Anwalt schicken, der meinen Nachlass regeln wird. In dem Brief bitte ich ihn, mich anzurufen, damit ich ihm sagen kann, an wen er den Umschlag nach meinem Tod senden soll.

Ich schließe die Augen, um zu schlafen. Plötzlich fühle ich mich hier auf Erden sehr allein, und mir wird klar, dass ich auf diesen Moment gewartet habe. Bald werde ich meinem Sohn folgen …

Drei Tage später klopfte Keva zur üblichen Zeit an der Tür ihrer Herrin. Nicht sofort eine Antwort zu erhalten war nichts Ungewöhnliches, denn Madam Chavan döste oft bis spät in den Vormittag hinein. Also erledigte Keva eine halbe Stunde lang andere Dinge im Haushalt, bevor sie noch einmal klopfte und wieder keine Reaktion erfolgte. Das war nun allerdings ungewöhnlich. Als Keva leise die Tür öffnete, stellte sie fest, dass ihre Herrin tief und fest schlief. Erst nachdem sie die Vorhänge zurückgezogen und ihr dabei wie immer Belanglosigkeiten erzählt hatte, merkte sie, dass Madam Chavan nicht antwortete.

Aris Handy klingelte mitten im chaotischen Verkehr von Mumbai. Als er die Nummer seines Vaters sah, mit dem er Wochen nicht gesprochen hatte, ging er ran und stellte laut.

»Papa!«, rief er fröhlich aus. »Wie geht’s?«

»Hallo, Ari, gut, aber …«

Die Stimme seines Vaters klang traurig.

»Ja?«, fragte er. »Was ist los?«

»Deine Urgroßmutter Anahita ist heute in den frühen Morgenstunden gestorben.«

»Oh, Papa, das tut mir leid.«

»Es tut uns allen leid. Sie war eine wunderbare Frau und wird uns fehlen.«

»Immerhin hatte sie ein langes Leben«, stellte Ari fest, während er mit seinem Wagen einem Taxi auswich, das unvermittelt vor ihm stehen geblieben war.

»Ja. Die Beisetzung findet in vier Tagen statt, damit die Verwandten genug Zeit haben herzukommen. Deine Geschwister und alle anderen werden da sein. Du hoffentlich auch«, sagte Vivek.

»Diesen Freitag?«, fragte Ari entsetzt.

»Ja, mittags. Sie wird nur in Anwesenheit der Familie am ghaat von Darjeeling verbrannt. Später findet eine Trauerfeier für sie statt.«

»Papa«, stöhnte Ari. »Wirklich, Freitag geht nicht. Ein potenzieller Kunde fliegt wegen einem Softwarevertrag eigens aus den Staaten her. Der Auftrag würde mein Unternehmen von einem Tag auf den anderen aus der Verlust- in die Gewinnzone bringen. Beim besten Willen: Am Freitag kann ich nicht nach Darjeeling kommen.«

Schweigen am anderen Ende der Leitung. »Ari«, seufzte sein Vater schließlich, »sogar ich weiß, dass es Situationen gibt, in denen die Familie wichtiger ist als der Beruf. Deine Mutter würde dir das nie verzeihen, gerade deswegen, weil Anahita dir bei ihrer Geburtstagsfeier letztes Jahr zu verstehen gegeben hat, wie sehr du ihr am Herzen liegst.«

»Tut mir leid, Papa«, beharrte Ari. »Das schaffe ich nicht.«

»Ist das dein letztes Wort?«

»Ja.«

Ari hörte, wie sein Vater den Hörer auf die Gabel knallte.

Am folgenden Freitagabend kehrte Ari bestens gelaunt nach Hause zurück. Das Treffen mit den Amerikanern war so gut gelaufen, dass sie sich sofort auf den Deal verständigt hatten. Da er zur Feier des Tages mit Bimbi ausgehen wollte, fuhr er zuvor zum Duschen und Umziehen zu seinem Apartment. Unten holte er einen Brief aus seinem Postfach und nahm dann den Lift in den sechzehnten Stock. Im Schlafzimmer riss er den Umschlag auf und las den Brief darin.

Anwaltskanzlei Khan & Chauhan

Chowrasta Square

Darjeeling

Westbengalen

Indien

2. März 2001

Sehr geehrter Herr,

den Anweisungen meiner Mandantin Anahita Chavan folgend sende ich Ihnen diesen Umschlag. Wie Sie vielleicht schon wissen, ist Madam Chavan vor ein paar Tagen verstorben.

Mit herzlichem Beileid

Devak Khan

Partner

Ari setzte sich aufs Bett. In der Aufregung um den Geschäftstermin hatte er die Beisetzung seiner Urgroßmutter völlig vergessen. Mit einem tiefen Seufzen öffnete er das Kuvert, das der Anwalt beigelegt hatte. Bestimmt, dachte er, würden seine Eltern es ihm nie verzeihen, dass er sie nicht einmal angerufen hatte.

»Egal, so ist es nun mal«, brummte Ari, als er den Brief entfaltete.

Mein lieber Ari,

wenn Du diese Zeilen liest, weile ich nicht mehr unter den Lebenden. Beigefügt sende ich Dir das Datum und die genaue Uhrzeit des Todes von meinem Sohn Moh sowie seine Sterbeurkunde von damals. Wie Du siehst, stimmen die Daten nicht überein. Im Moment mag Dir das vielleicht noch nichts sagen, doch wenn Du Dich irgendwann entschließen solltest, Nachforschungen darüber anzustellen, was mit ihm geschehen ist, könnte es Dir möglicherweise helfen.

In der Zwischenzeit schicke ich Dir, bis wir uns an einem anderen Ort wiedersehen, meine Liebe. Vergiss nicht, dass wir unsere Geschicke niemals ganz selbst lenken können. Lausche auf das, was Deine Ohren Dir sagen, und halte Deine Augen offen, das wird Dich leiten.

Deine Dich liebende Urgroßmutter

Anahita

Ari seufzte. Er war nicht in der Stimmung, sich Gedanken über dieses Gewäsch seiner Urgroßmutter oder darüber zu machen, wie wütend seine Eltern im Moment wahrscheinlich auf ihn waren, und wollte sich den Abend nicht verderben lassen.

Bevor er das Wasser in der Dusche aufdrehte, stellte er den CD-Player neben seinem Bett laut, damit er die dröhnende Musik hören konnte.

Nach dem Duschen schlüpfte er in einen seiner maßgeschneiderten Anzüge und schaltete die Musik aus. Beim Verlassen des Schlafzimmers fiel sein Blick auf Anahitas Brief. Einem plötzlichen Impuls folgend faltete er ihn wieder, steckte ihn zurück in den Umschlag und legte ihn zu dem vergilbten Manuskript in die Schublade. Dann löschte er das Licht und verließ die Wohnung.

London, Juli 2011

1

Als das Flugzeug sich London näherte, betrachtete Rebecca Bradley durchs Fenster die an diesem klaren Sommermorgen herrlich grün schimmernden Felder sowie Big Ben und die Houses of Parliament unter ihr, die sie, verglichen mit New York, an eine Spielzeugstadt erinnerten.

»Miss Bradley, wir sorgen dafür, dass Sie das Flugzeug als Erste verlassen können«, versicherte ihr eine Flugbegleiterin.

Rebecca bedankte sich mit einem Lächeln und nahm die große dunkle Sonnenbrille aus ihrer Umhängetasche, obwohl sie nicht damit rechnete, von Fotografen erwartet zu werden. Denn um schnell von New York wegzukommen, hatte sie einen früheren Flug als ursprünglich geplant genommen.

Es erfüllte sie mit Befriedigung, dass niemand, nicht einmal ihr Agent oder Jack, wusste, wo sie sich aufhielt. Jack hatte ihre Wohnung am Nachmittag verlassen, um seinen Flug zurück nach Los Angeles zu erreichen, ohne von ihr die gewünschte Antwort erhalten zu haben. Sie hatte ihm erklärt, dass sie Zeit zum Nachdenken brauche.

Rebecca nahm das rote Samtetui aus ihrer Tasche und öffnete es. Der Ring darin war ziemlich groß und für ihren Geschmack zu protzig. Als einer der berühmtesten und bestbezahlten Filmstars der Welt neigte Jack zum Auffälligen und konnte ihr kaum etwas Kleineres geben, denn wenn sie seinen Antrag annahm, würde der Ring in Zeitungen und Zeitschriften auf der ganzen Welt zu sehen sein. Jack Heyward und Rebecca Bradley waren das heißeste Paar Hollywoods, um das sich die Medien rissen.

Als das Flugzeug zum Landeanflug ansetzte, schloss sie das Samtetui. Seit sie und Jack sich im Jahr zuvor bei den Dreharbeiten zu einer romantischen Komödie kennengelernt hatten, fühlte sie sich fremdbestimmt. In Wahrheit – Rebecca biss sich auf die Lippe – war die »Traumbeziehung«, die sie und Jack nach Ansicht der Welt führten, genauso Fiktion wie ihre Filme.

Sogar ihr Agent Victor ermutigte sie zu der Beziehung mit Jack und erklärte ihr immer wieder, dass sie ihrer Karriere förderlich sei.

»Die Öffentlichkeit liebt Hollywoodpaare, Schätzchen«, sagte er. »Wenn’s mit den Filmen mal nicht so gut läuft, machen sie immer noch gern Fotos von euren Kindern im Park.«

Rebecca überlegte, wie viel Zeit sie und Jack im vergangenen Jahr tatsächlich miteinander verbracht hatten. Er lebte in Hollywood, sie in New York; oft führte ihr voller Terminplan dazu, dass sie einander wochenlang nicht sahen. Und wenn sie tatsächlich zusammen waren, wurden sie von Paparazzi verfolgt. Selbst tags zuvor in dem kleinen Italiener waren sie von Autogrammjägern belagert worden. Am Ende war Jack mit ihr in den Central Park gegangen, um ihr in Ruhe den Antrag machen zu können. Sie hoffte nur, dass niemand sie dort beobachtet hatte …

Das überwältigende Gefühl der Klaustrophobie während der Taxifahrt zu ihrer Wohnung in SoHo, als Jack auf eine Antwort wartete, hatte zu ihrem unvermittelten Beschluss geführt, früher nach England zu fliegen. Ständig unter Beobachtung der ganzen Welt zu stehen und von Fremden verfolgt zu werden, die meinten, man gehöre ihnen, empfand Rebecca momentan als unerträglich. Allmählich forderten der Mangel an Privatsphäre, den eine Beziehung in der Öffentlichkeit mit sich brachte, und die Tatsache, dass sie sich nicht einmal einen Bagel und eine Latte Macchiato aus dem Coffeeshop an der Ecke holen konnte, ohne angesprochen zu werden, ihren Tribut.

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