Beschreibung

Ein Haus an den Klippen. Eine schicksalhafte Liebe. Ein Mädchen auf der Suche nach seiner Mutter

Mit gebrochenem Herzen sucht die Bildhauerin Grania Ryan zuflucht in ihrer irischen Heimat. Bei einem Spaziergang an der Steilküste von Dunworley Bay wird Grania jäh aus ihren trüben Gedanken gerissen: Am Rande der Klippen steht ein Mädchen, barfuß und nur mit einem Nachthemd bekleidet. Der Wind zerrt an der zerbrechlichen Gestalt, und von plötzlicher Sorge ergriffen spricht sie das Kind an. – Ohne es zu ahnen, stößt Grania durch diese Begegnung die Tür zu einer über Generationen reichenden, tragischen Familiengeschichte auf – ihrer Geschichte.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 500


Lucinda Riley

Das Mädchen auf den Klippen

Roman

Aus dem Englischenvon Sonja Hauser

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Die Originalausgabe erschien 2011unter dem Titel »The Girl on the Cliff« bei Penguin Books Ltd., London

Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2012

Copyright © der Originalausgabe 2011

by Lucinda Riley

All rights reserved.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: © Fine Pic; Trevillion Images/Lee Frost

Redaktion: Irmgard Perkounigg

CN · Herstellung: Str.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-07519-4V005

www.goldmann-verlag.de

Für Stephen

Aurora

Ich.

Ich möchte eine Geschichte erzählen.

Es heißt, der Anfang sei das Schwierigste.

Meiner orientiert sich am ersten einprägsam einfachen Versuch meines Bruders in dieser Richtung.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal etwas zu Papier gebracht habe. Früher habe ich mich mit meinem Körper ausgedrückt. Da ich das nicht mehr kann, verlege ich mich aufs Schreiben.

Eine Veröffentlichung ist mir nicht wichtig. Ich denke an die Vergangenheit, weil mir nicht viel Zukunft bleibt.

Ich finde meine Familienhistorie, die fast einhundert Jahre vor meiner Geburt begann, interessant.

Wie die Lebensläufe aller Menschen, in denen gute wie schlechte Figuren vorkommen und die fast immer etwas Magisches haben.

Ich bin nach einer Prinzessin in einem Märchen benannt. Vielleicht glaube ich deshalb an Magie. Märchen sind Allegorien für den großen Tanz des Lebens, der im Moment der Geburt anfängt.

Und aus dem es bis zum Tag unseres Todes kein Entrinnen gibt.

Da viele Akteure meiner Geschichte schon vor meiner Zeit starben, muss ich sie durch meine Fantasie zum Leben erwecken.

Durch die zwei Generationen umfassende Erzählung zieht sich ein roter Faden. – Die Liebe und die Entscheidungen, die wir ihretwegen treffen.

Nicht nur die Liebe zwischen Mann und Frau, sondern auch andere genauso intensive Formen, zum Beispiel die der Eltern zu ihren Kindern. Oder die zwanghafte, zerstörerische, Unheil anrichtende.

Außerdem wird auf den folgenden Seiten viel Tee getrunken – aber ich schweife ab. Menschen, die sich alt fühlen, tun das gern.

Ich werde mich zu Wort melden, wann immer ich genauere Erklärungen für nötig halte.

Um die Sache komplizierter zu machen, beginne ich zu einem ziemlich späten Zeitpunkt der Geschichte. Ich war damals acht Jahre alt und Halbwaise und stand auf einer Klippe über meinem Lieblingsort Dunworley Bay.

Es war einmal …

1

Dunworley Bay, West Cork, Irland

Die Gestalt stand gefährlich nahe am Rand der Klippe. Der Wind blies ihr üppig langes rotes Haar hoch. Das dünne weiße Baumwollkleid reichte bis zu den Knöcheln; darunter kamen nackte Füße zum Vorschein. Sie hielt die Arme, die Handflächen nach oben, über den sich brechenden Wellen der grauen See ausgestreckt, als wollte sie sich den Elementen als Opfergabe darbieten.

Grania Ryan beobachtete sie fasziniert und unsicher, ob sie real war. Sie schloss die Augen kurz, machte sie wieder auf und sah, dass sie nach wie vor dort stand. Grania ging einige Schritte auf sie zu.

Als sie näher kam, merkte Grania, dass es sich bei der Gestalt um ein Kind und bei dem weißen Baumwollkleid um ein Nachthemd handelte. Über dem Meer ballten sich schwarze Sturmwolken zusammen, die ersten Regentropfen landeten auf ihren Wangen, und der Wind heulte ihr um die Ohren. Aus etwa zehn Metern Entfernung erkannte Grania, wie sich die blau gefrorenen Zehen der Kleinen am Fels festkrallten und Böen den schmalen Körper ins Wanken brachten. Wenn sie sie packte und erschreckte, konnte ein falscher Schritt zu einer Tragödie, zum sicheren Tod des Mädchens auf den gischtbedeckten Felsen dreißig Meter unter ihnen führen.

Grania überlegte verzweifelt, was zu tun sei. Bevor sie zu einer Entscheidung gelangen konnte, drehte sich die Kleine um und sah sie mit leerem Blick an.

Grania streckte instinktiv die Arme aus. »Ich tu dir nichts. Komm zu mir.«

Das Mädchen starrte sie weiter unverwandt an.

»Wenn du mir sagst, wo du wohnst, bringe ich dich nach Hause. Hier draußen holst du dir den Tod. Bitte lass dir helfen«, flehte Grania sie an.

Als sie einen Schritt auf das Kind zumachte, trat ein Ausdruck der Angst auf das Gesicht der Kleinen, als wäre sie aus einem Traum erwacht, und sie rannte von Grania weg, immer die Klippen entlang, bis sie außer Sichtweite war.

»Ich wollte gerade eine Suchmannschaft losschicken. Übler Sturm da draußen.«

»Mam, ich bin einunddreißig Jahre alt und habe die letzten zehn in Manhattan gelebt«, erwiderte Grania, als sie die Küche betrat und ihre nasse Jacke vor den Rayburn-Herd hängte. »Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich bin ein großes Mädchen.« Sie gab ihrer Mutter, die den Tisch fürs Abendessen deckte, einen Kuss auf die Wange. »Wirklich.«

»Mag sein, aber solche Stürme haben schon starke Männer von den Klippen geweht.« Kathleen Ryan deutete zum Küchenfenster hinaus, gegen das die Äste des blütenlosen Glyzinienbuschs peitschten. »Ich hab gerade Tee gekocht.« Kathleen wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging zum Herd. »Möchtest du eine Tasse?«

»Gern, Mam. Setz dich hin und lass mich das machen, ja?« Grania drückte ihre Mutter sanft auf einen Küchenstuhl.

»Bloß fünf Minuten. Um sechs kommen die Jungs heim und wollen ihren Tee.«

Als Grania das starke Gebräu in zwei Tassen goss, runzelte sie die Stirn. In den zehn Jahren ihrer Abwesenheit hatte sich nichts verändert – Kathleen verwöhnte ihre Männer wie eh und je und ordnete ihre eigenen Bedürfnisse den ihren unter. Der Kontrast zwischen dem Leben ihrer Mutter und dem Granias, in dem Emanzipation und Gleichberechtigung selbstverständlich waren, verunsicherte Grania.

Sie fragte sich, wer von ihnen beiden, Mutter oder Tochter, im Augenblick glücklicher war. Seufzend gab Grania Milch in Kathleens Tee. Die Antwort kannte sie.

»Möchtest du einen Keks?«, erkundigte sich Grania, stellte die Dose vor Kathleen und öffnete sie. Wie üblich war sie bis zum Rand voll. Granias figurbewusste New Yorker Zeitgenossinnen hätten diese Kekse, die Grania an ihre Kindheit erinnerten, sicher entsetzt beäugt.

Kathleen nahm zwei und sagte: »Gönn dir doch auch einen, damit ich nicht allein bin. Du isst wie ein Spatz.«

Grania nahm ebenfalls einen Keks und knabberte daran. Sie hatte das Gefühl, seit ihrer Heimkehr zehn Tage zuvor ständig zu essen.

»Der Spaziergang hat dich ein bisschen durchgelüftet, was?«, erkundigte sich Kathleen, die bereits beim dritten Keks war. »Ich geh beim Nachdenken gern spazieren. Wenn ich wieder daheim bin, weiß ich meistens die Lösung meiner Probleme.«

»Ich hab da draußen etwas Merkwürdiges gesehen.« Grania trank einen Schluck Tee. »Ein kleines Mädchen, vielleicht acht oder neun Jahre alt, mit wunderschönen langen roten Haaren, im Nachthemd am Rand der Klippe. Ich hatte den Eindruck, dass die Kleine schlafwandelt. Als sie sich zu mir umgedreht hat, war ihr Blick …«, Grania suchte nach dem richtigen Wort, »… ausdruckslos. Als würde sie mich nicht wahrnehmen. Sie ist aufgewacht und wie ein erschrecktes Kaninchen den Klippenpfad entlanggerannt. Weißt du, wer das gewesen sein könnte?«

Kathleen wurde blass.

»Alles in Ordnung, Mam?«

»Du hast sie gerade eben gesehen?«

»Ja.«

»Maria, Mutter Gottes.« Kathleen bekreuzigte sich. »Sie sind also wieder da.«

»Wer ist ›wieder da‹, Mam?«, fragte Grania.

»Warum sind sie zurückgekommen?« Kathleen blickte durchs Fenster in die Nacht hinaus. »Warum nur? Ich dachte, sie wären endlich weg.« Kathleen ergriff Granias Hand. »Bist du dir sicher, dass das ein kleines Mädchen war, keine erwachsene Frau?«

»Ja, Mam. Ungefähr acht oder neun Jahre alt. Ich habe mir Sorgen gemacht. Die Kleine hatte keine Schuhe an; ihre Füße waren blau gefroren. Ich dachte zuerst, ich hätte einen Geist vor mir.«

»Da liegst du vielleicht gar nicht so falsch, Grania«, murmelte Kathleen. »Sie sind noch nicht lange wieder da. Ich bin letzten Freitag nach zehn abends an ihrem Haus vorbeigekommen und habe kein Licht gesehen.«

»Welches Haus ist es?«

»Dunworley House.«

»Das große verlassene Gebäude auf der Klippe?«, fragte Grania. »Das steht doch seit Jahren leer, oder?«

»In deiner Kindheit, ja …« Kathleen seufzte. »Während deiner Zeit in New York sind sie zurückgekommen und nach dem … Unfall verschwunden. Niemand hätte gedacht, dass sie wieder hier auftauchen würden. Ehrlich gesagt, waren wir ganz froh darüber. Ihre und unsere Familie verbindet eine lange Geschichte. Aber«, Kathleen schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und machte Anstalten aufzustehen, »vorbei ist vorbei. Ich würde dir raten, dich von ihnen fernzuhalten. Sie bringen uns nur Schwierigkeiten.«

Kathleen trat an den Herd, um den schweren Topf mit dem Abendessen aus dem Ofen zu holen.

»Wenn das Kind, das ich beobachtet habe, eine Mutter hat, sollte die doch erfahren, in was für einer gefährlichen Situation sich ihre Tochter heute befand, oder?«, meinte Grania.

»Die Kleine hat keine Mutter.« Kathleen rührte mit einem Holzlöffel in dem Eintopf.

»Sie ist tot?«

»Ja.«

»Verstehe … Und wer kümmert sich um das arme Kind?«

»Frag mich nicht.« Kathleen zuckte mit den Achseln. »Die Leute sind mir egal; sie interessieren mich nicht.«

Grania runzelte die Stirn. Diese Reaktion war völlig untypisch für Kathleen, deren großes Herz für alle notleidenden Wesen, besonders Kinder, schlug.

»Wie ist ihre Mutter gestorben?«

Kathleen hörte auf zu rühren; es herrschte Stille. Erst nach einer ganzen Weile drehte sie sich seufzend zu ihrer Tochter um. »Wenn ich es dir nicht erzähle, erfährst du’s von jemand anders. Sie hat sich das Leben genommen.«

»Selbstmord?«

»Ja, so nennt man das wohl.«

»Wie lange ist das her?«

»Vier Jahre. Sie hat sich von der Klippe gestürzt. Ihre Leiche wurde zwei Tage später bei Inchydoney angeschwemmt.«

Grania blieb einige Sekunden lang stumm, bevor sie sich erkundigte: »Wo genau ist sie gesprungen?«

»Ich vermute an der Stelle, an der du heute ihrer Tochter begegnet bist. Wahrscheinlich hat Aurora nach ihrer Mutter gesucht.«

»Du kennst ihren Namen?«

»Klar. Der ist kein Geheimnis. Früher hat den Lisles alles hier gehört, ganz Dunworley, dieses Haus eingeschlossen. Sie waren die Herren der Gegend. In den Sechzigern haben sie den Grund verkauft und nur das Gebäude auf der Klippe behalten.«

»Der Name kommt mir bekannt vor … Lisle …«

»Der örtliche Friedhof ist voll mit ihren Gräbern.«

»Du hast das Mädchen – Aurora – schon mal auf der Klippe beobachtet?«

»Deswegen hat ihr Daddy sie weggebracht. Nach dem Tod ihrer Mutter ist Aurora immer die Klippen entlanggelaufen und hat, halb wahnsinnig vor Kummer, nach ihr gerufen.«

Grania fiel auf, dass die Miene ihrer Mutter sanfter wurde. »Arme Kleine«, sagte sie mit leiser Stimme.

»Ja, ein solches Schicksal hat sie nicht verdient. Aber der Familie haftet etwas Düsteres an. Hör auf mich, Grania, und lass die Finger von diesen Leuten.«

»Warum sie wohl zurückgekommen sind?«, murmelte Grania.

»Die Lisles machen, was sie wollen. Ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal. Würdest du mir jetzt bitte helfen, den Tisch zu decken?«

Grania ging wie an jedem Abend seit ihrer Ankunft kurz nach zehn in ihr Zimmer. Währenddessen deckte ihre Mutter unten den Tisch fürs Frühstück, ihr Vater döste in einem Sessel vor dem Fernseher, und ihr Bruder Shane war im örtlichen Pub. Er bewirtschaftete mit seinem Vater die Zweihundert-Hektar-Farm, hauptsächlich mit Milchkühen und Schafen. Trotz seiner neunundzwanzig Jahre schien »der Junge«, wie Shane immer noch liebevoll genannt wurde, keinen eigenen Haushalt gründen zu wollen. Frauen kamen und gingen in seinem Leben, doch kaum eine fand den Weg über die Schwelle seines Elternhauses. Obwohl Kathleen die Stirn darüber runzelte, wusste Grania, dass sie ohne ihren Sohn verloren gewesen wäre.

Grania lauschte vom Bett aus auf den Regen, der gegen die Fensterscheiben prasselte, und hoffte, dass die arme Aurora Lisle im warmen, sicheren Haus ihres Vaters war. Sie blätterte gähnend in einem Buch. Vielleicht machte die frische Luft hier sie müde; in New York schlief sie selten vor Mitternacht.

Grania konnte sich an kaum einen Abend ihrer Kindheit erinnern, an dem ihre Mutter nicht zu Hause gewesen wäre. Wenn sie tatsächlich einmal beschloss, über Nacht wegzubleiben, weil sie sich um einen kranken Verwandten kümmern musste, plante sie ihre Abwesenheit generalstabsmäßig. Und Granias Vater hatte ihres Wissens keinen einzigen Abend seiner vierunddreißig Ehejahre außer Haus verbracht. Er stand jeden Morgen um halb sechs zum Melken auf und kam erst bei Einbruch der Dunkelheit wieder heim. Die beiden wussten immer genau, wo der andere sich gerade aufhielt. Ihre Leben waren untrennbar miteinander verbunden, nicht zuletzt durch die Kinder.

Als Grania und Matt acht Jahre zuvor zusammengezogen waren, hatten sie fest damit gerechnet, eines Tages Kinder zu bekommen. Trotzdem hatten sie wie alle modernen Paare das Dasein genossen und Karriere gemacht.

Eines Morgens war Grania aufgewacht und in Jogginghose und Kapuzenshirt geschlüpft, um den Hudson entlang zum Battery Park zu laufen und sich an den Winter Gardens eine Latte und einen Bagel zu genehmigen. Dort war es passiert: Sie hatte in den Kinderwagen beim Nachbartisch geschaut und plötzlich das überwältigende Bedürfnis verspürt, das winzige Wesen aus dem Wagen zu holen und an ihre Brust zu drücken. Die Mutter hatte ihren Blick mit einem nervösen Lächeln quittiert und war aufgestanden und gegangen, während Grania, bestürzt über die Emotionen, die der Säugling in ihr auslöste, nach Hause joggte.

In der Erwartung, dass diese Gefühle sich verflüchtigen würden, hatte sie den Tag in ihrem Atelier verbracht und aus braunem Ton eine Figur geformt, eine Auftragsarbeit – ohne die Emotionen loszuwerden.

Um sechs hatte sie das Atelier verlassen, sich für die Vernissage am Abend umgezogen, sich ein Glas Wein eingeschenkt und war an das Fenster getreten, das auf die funkelnden Lichter von New Jersey auf der anderen Seite des Hudson River ging.

»Ich will ein Kind.«

Grania hatte einen großen Schluck Wein genommen und es noch einmal ausgesprochen, um sicher zu sein.

Die Worte hatten nach wie vor richtig geklungen und ganz natürlich, als hätten der Gedanke und das Bedürfnis schon seit Ewigkeiten in ihr geschlummert.

Dann war Grania zu der Vernissage gegangen und hatte Small Talk mit den üblichen Künstlern und Sammlern gemacht, während sie über die praktischen Aspekte ihrer Entscheidung nachdachte. Würden sie umziehen müssen? Vermutlich nicht gleich – ihr Loft in TriBeCa war geräumig, und Matts Arbeitsraum ließ sich ohne Weiteres in ein Kinderzimmer verwandeln. Er nutzte ihn ohnehin nur selten und saß lieber mit seinem Laptop im Wohnbereich. Das Loft befand sich im dritten Stock; der Lastenaufzug war groß genug für einen Kinderwagen, und der Battery Park mit seinem gut ausgestatteten Spielplatz befand sich gleich in der Nähe. Grania hatte ihr Atelier ebenfalls zu Hause, so dass sie, selbst wenn sie ein Kindermädchen einstellen müssten, im Bedarfsfall immer schnell zur Stelle wäre.

Später hatte Grania sich in das große leere Bett gelegt und frustriert geseufzt, weil sie Matt, der beruflich unterwegs war und erst in ein paar Tagen zurückkommen würde, ihre Pläne noch nicht mitteilen konnte. So etwas ließ sich nicht am Telefon verkünden.

Matt war bei seiner Rückkehr genauso begeistert über die Idee gewesen wie sie, und sie hatten sich sofort an die Verwirklichung des Plans gemacht. Das Kind würde ihre Beziehung zementieren wie die von Granias Eltern und aus ihnen eine richtige Familie machen.

Grania lauschte von ihrem schmalen Kinderbett aus auf den Wind, der um die Steinmauern des Farmhauses heulte, griff nach einem Papiertaschentuch und schnäuzte sich.

Das war ein Jahr zuvor gewesen. Leider hatte sich herausgestellt, dass das Projekt ihre Beziehung nicht zementierte, sondern zerstörte.

2

Als Grania am nächsten Morgen aufwachte, hatte sich der Sturm verzogen, und die Sonne, im Winter ein seltener Gast, erhellte die sich schier endlos erstreckenden grünen Felder mit den weißen, wolligen Schafen.

Grania wusste, dass dieses Wetter nicht lange anhalten würde; in West Cork ähnelte die Sonne einer launischen Diva.

Da Grania des unaufhörlichen Regens in den vergangenen zehn Tagen wegen nicht wie sonst hatte joggen können, sprang sie aus dem Bett und holte ihr Kapuzenshirt, die Leggings und die Laufschuhe aus dem Koffer.

»Du bist ziemlich früh auf heute Morgen«, bemerkte ihre Mutter, als Grania in die Küche kam. »Haferbrei?«

»Wenn ich zurück bin. Ich geh joggen.«

»Überanstreng dich nicht. Du siehst blass aus.«

»Ich hoffe, dass ich beim Laufen ein bisschen Farbe kriege, Mam.« Grania verkniff sich ein Lächeln. »Bis später.«

»Verkühl dich nicht, ja?«, rief Kathleen ihrer Tochter nach. Bei Granias Heimkehr war Kathleen schockiert gewesen. In den drei Jahren, die sie ihre hübsche, lebenslustige Tochter mit der rosigen Haut, den blonden Locken und den türkisblauen Augen nicht zu Gesicht bekommen hatte, schien sie ihre Vitalität verloren zu haben. Zu ihrem Mann John hatte Kathleen gesagt, Grania erinnere sie an ein leuchtend rosafarbenes Hemd, das in der dunklen Wäsche gelandet und grau eingefärbt worden war.

Kathleen kannte den Grund, weil Grania ihr alles am Telefon erzählt und sie gefragt hatte, ob sie eine Weile nach Hause kommen könne. Natürlich hatte Kathleen Ja gesagt, da sie sich über diese unerwartete Gelegenheit, Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen, freute. Allerdings begriff sie Granias Motive nicht – ihrer Ansicht nach war dies eine Zeit, in der sie und ihr Partner einander im Kummer beistehen sollten.

Matt rief jeden Abend an, doch Grania weigerte sich beharrlich, mit ihm zu sprechen. Kathleen hatte immer eine Schwäche für ihn gehabt. Mit seinem guten Aussehen, dem leichten Connecticut-Akzent und den untadeligen Manieren erinnerte er sie an die Filmstars ihrer Mädchenzeit. Sie verglich Matt gern mit dem jungen Robert Redford. Warum Grania ihn nicht längst geheiratet hatte, war ihr ein Rätsel. Und nun stand ihre störrische Tochter kurz davor, ihn zu verlieren.

Viel wusste Kathleen nicht über die Welt, aber mit dem männlichen Ego kannte sie sich aus. Männer waren anders gestrickt als Frauen – sie besaßen nicht deren Fähigkeit, Zurückweisungen hinzunehmen –, weswegen Matt mit Sicherheit über kurz oder lang aufhören würde, jeden Abend anzurufen.

Seufzend räumte sie die Frühstücksteller weg und stellte sie in die Spüle. Grania war die einzige Ryan, die sich in die weite Welt hinausgewagt und ihre Familie, besonders ihre Mutter, stolz gemacht hatte. Das Kind, nach dem die Verwandten sich, fasziniert von den Zeitungsausschnitten anlässlich ihrer Ausstellungen in New York, erkundigten …

Es in Amerika zu schaffen war nach wie vor der irische Traum.

Kathleen trocknete Geschirr und Besteck ab und verstaute alles in der Anrichte. Natürlich hatte niemand das perfekte Leben, das wusste Kathleen. Sie war immer davon ausgegangen, dass Grania sich nicht nach dem Getrippel kleiner Füße im Haus sehnte, und hatte das akzeptiert. Hatte sie nicht einen wohlgeratenen, kräftigen Sohn, der ihr eines Tages Enkel schenken würde? Doch offenbar hatte Kathleen sich getäuscht. Grania führte zwar ein interessantes Leben dort, wo sich für Kathleen der Nabel der Welt befand, aber die Kinder fehlten. Bis sie kamen, würde ihre Tochter nicht glücklich werden.

Kathleen glaubte, dass Grania sich das selbst zuzuschreiben hatte. Ihrer Meinung nach war trotz all der Hightechmedizin Jugend der wichtigste Faktor. Sie selbst hatte Grania mit neunzehn zur Welt gebracht und die Energie besessen, in den folgenden beiden Jahren mit einem weiteren Baby fertig zu werden. Grania war bereits einunddreißig. Egal, was diese modernen Karrierefrauen dachten: Man konnte nicht alles haben.

Obwohl sie Mitleid mit ihrer Tochter hatte, neigte sie selbst eher dazu, mit dem zufrieden zu sein, was sie hatte, und sich nicht nach dem zu sehnen, was sie nicht bekommen konnte.

Grania sank auf einen feuchten, moosbewachsenen Felsen, um Atem zu schöpfen. Sie keuchte wie eine alte Frau; offenbar hatten die Fehlgeburt und der Mangel an körperlicher Betätigung ihren Tribut gefordert. Grania senkte den Kopf und stieß mit den Schuhen gegen die groben Klumpen stoppeligen Grases, ohne dass es sich von den Wurzeln gelöst hätte. Wenn nur das kleine Leben in Granias Bauch genauso kräftig gewesen wäre …

Vier Monate … als sie und Matt gedacht hatten, es könne nichts mehr passieren … Sogar Grania hatte begonnen, sich zu entspannen und auf das Kind zu freuen.

Sie und Matt hatten es beiden Großelternpaaren mitgeteilt, woraufhin Matts Eltern Elaine und Bob sie ins L’Escale in der Nähe ihres riesigen Hauses in der bewachten Wohnanlage Belle Haven, Greenwich, einluden. Bob hatte sie unverblümt gefragt, wann Matt und Grania heiraten wollten, jetzt, da Grania schwanger sei. Schließlich handle es sich um ihr erstes Enkelkind, und ihm sei wichtig, dass es den Namen seiner Familie trage. Grania hatte ausweichend geantwortet – wenn sie sich in die Enge getrieben fühlte, besonders von Matts Vater, sträubten sich ihr die Nackenhaare –, das müssten sie und Matt noch besprechen.

Eine Woche später war eine komplette Kinderzimmerausstattung von Bloomingdale’s geliefert worden. Grania, die zu abergläubisch war, um die Sachen gleich ins Loft bringen zu lassen, hatte sie erst einmal im Keller deponiert, wo sie bis kurz vor dem Geburtstermin bleiben sollten.

»Damit hätte sich dann ja wohl unser Ausflug zu Bloomingdale’s erübrigt«, hatte Grania sich alles andere als dankbar am Abend bei Matt beklagt.

»Mom will bloß helfen, Grania«, hatte Matt gesagt. »Sie weiß, dass ich nicht viel verdiene und dein Einkommen zwar ordentlich, aber unregelmäßig ist. Vielleicht sollte ich mir doch überlegen, bei Dad einzusteigen, jetzt, wo du schwanger bist.«

»Nein, Matt!«, hatte Grania entsetzt ausgerufen. »Du hättest keinerlei eigenes Leben und keine Freiheit mehr, wenn du für deinen Dad arbeitest. Du weißt doch, wie besitzergreifend er ist.«

Grania hörte auf, das Gras zu bearbeiten, und blickte, grimmig über diese Untertreibung lächelnd, aufs Meer hinaus. Bob war im Hinblick auf seinen Sohn ein Kontrollfreak. Obwohl sie seine Enttäuschung darüber verstehen konnte, dass Matt kein Interesse daran hatte, in seine Fußstapfen als Investmentbanker zu treten, begriff sie sein mangelndes Interesse an der Karriere seines Sohnes nicht. Matt war mittlerweile eine anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Kinderpsychologie, hatte einen Lehrstuhl an der Columbia University und wurde häufig zu Gastvorträgen an anderen amerikanischen Universitäten eingeladen. Außerdem äußerte sich Bob gern herablassend über Granias Herkunft und Ausbildung.

Rückblickend war Grania froh, dass sie niemals finanzielle Unterstützung von Matts Eltern angenommen hatten. Am Anfang, als sie sich noch einen Namen als Bildhauerin machen musste, Matt an seiner Doktorarbeit saß und es gar nicht so leicht war, die Miete für ihr winziges Einzimmerapartment zusammenzukratzen, hatte sie sogar unter Paranoia gelitten. Aus gutem Grund, dachte Grania; die perfekten, immer makellos gekleideten Connecticut-Mädchen, die sie über Matt und seine Familie kennenlernte, hätten ihr, der einfachen Klosterschülerin aus einem kleinen irischen Dorf, nicht unähnlicher sein können. Vielleicht war ihre Beziehung von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen …

»Hallo.«

Grania zuckte zusammen.

»Hallo, habe ich gesagt.«

Die Stimme kam von hinten. Grania drehte sich um und erkannte Aurora, die Jeans, einen zu weiten Anorak und eine Wollmütze trug, unter der ihre roten Haare fast völlig verborgen waren. Ihre riesigen Augen und vollen Lippen wirkten in dem winzigen, hübsch geformten Gesicht viel zu groß.

»Hallo, Aurora.«

»Woher weißt du meinen Namen?«, fragte Aurora erstaunt.

»Ich bin dir gestern begegnet.«

»Ach. Wo denn?«

»Hier auf den Klippen.«

»Wirklich?« Aurora runzelte die Stirn. »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich gestern hier gewesen bin oder mit dir geredet habe.«

»Wir haben nicht lange miteinander gesprochen«, erklärte Grania.

»Woher kennst du dann meinen Namen?«

»Ich habe meine Mutter gefragt, wer das kleine Mädchen mit den schönen roten Haaren sein könnte. Sie hat es mir gesagt.«

»Und woher kennt sie mich?«

»Sie ist aus dem Dorf und hat mir erzählt, dass ihr vor Jahren weggegangen seid.«

»Ja. Aber jetzt sind wir wieder da.« Aurora blickte aufs Meer hinaus und breitete die Arme aus. »Mir gefällt es hier. Und dir?«

»Natürlich. Schließlich bin ich hier geboren und aufgewachsen.«

»Aha«, meinte Aurora, setzte sich neben Grania ins Gras und musterte sie eingehend mit ihren blauen Augen. »Und wie heißt du?«

»Grania, Grania Ryan.«

»Sagt mir nichts.«

Grania schmunzelte über Auroras altkluge Art. »Kann ich mir denken. Ich war fast zehn Jahre weg.«

Aurora klatschte begeistert in die Hände. »Das bedeutet, dass wir beide gleichzeitig an einen Ort zurückgekehrt sind, den wir lieben.«

»Ja, stimmt.«

»Dann können wir Freunde sein.«

»Das ist sehr nett von dir, Aurora.«

»Du bist sicher einsam.«

»Möglich …« Grania lächelte. »Und du? Bist du auch einsam?«

»Manchmal, ja.« Aurora zuckte mit den Achseln. »Daddy hat viel zu tun und ist oft weg. Dann kann ich nur mit der Haushälterin spielen. Aber die macht das nicht so gut.« Aurora rümpfte die sommersprossige Nase.

»Oje«, seufzte Grania, sowohl entwaffnet als auch verunsichert von diesem merkwürdigen Kind. »Du hast doch sicher Schulfreundinnen, oder?«

»Ich gehe nicht in die Schule. Mein Vater hat mich gern bei sich. Ich habe eine Hauslehrerin.«

»Und wo ist die jetzt?«

»Daddy und ich mögen sie nicht besonders, also haben wir sie in London gelassen«, antwortete Aurora kichernd.

»Verstehe.«

»Was arbeitest du?«, erkundigte sich Aurora.

»Ich bin Bildhauerin.«

»Ist das nicht jemand, der Figuren aus Ton macht?«

»Ja, so ähnlich.«

»Kennst du dich mit Pappmaché aus?« Auroras Augen glänzten. »Ich liebe Pappmaché! Ein Kindermädchen hat mir gezeigt, wie man Kugeln daraus formt und sie anmalt. Die habe ich dann Daddy geschenkt. Kommst du und machst Pappmachékugeln mit mir? Bitte.«

Grania war gerührt über Auroras Eifer und aufrichtige Begeisterung. »Na schön.« Sie nickte. »Es spricht nichts dagegen.«

»Kommst du gleich mit?« Aurora ergriff ihre Hand. »Wir könnten was für Daddy basteln, bevor er verreist.« Aurora zupfte an Granias Kapuze. »Bitte sag Ja!«

»Nein, Aurora, gleich geht nicht. Ich muss erst die Sachen besorgen, die wir dafür brauchen. Außerdem würde meine Mammy vielleicht denken, ich hätte mich verlaufen.«

Die Fröhlichkeit verschwand aus Auroras Blick, sie ließ die Schultern hängen. »Ich habe keine Mummy. Früher mal, aber sie ist gestorben.«

»Das tut mir leid, Aurora.« Grania legte tröstend die Hand auf ihre Schulter. »Sie fehlt dir sicher sehr.«

»Ja. Sie war ein wunderbarer Mensch, ein Engel, sagt Daddy. Die anderen Engel haben sie zu sich in den Himmel geholt.«

»Wenigstens hast du noch deinen Daddy.«

»Ja. Er ist der beste und attraktivste Vater der Welt. Du verliebst dich bestimmt in ihn. Das tun alle Frauen.«

»Dann muss ich ihn wohl kennenlernen, was?« Grania lächelte.

»Ja.« Aurora sprang auf. »Ich muss los. Wir treffen uns morgen um die gleiche Zeit wieder hier.«

»Ich …«

»Gut.« Aurora schlang die Arme um Grania. »Bring alles mit, was wir fürs Pappmachébasteln brauchen. Tschüs, Grania, bis morgen.«

»Auf Wiedersehen.« Grania winkte Aurora nach, die wie eine Gazelle die Klippen entlanghüpfte und -tanzte. Sogar in Anorak und Turnschuhen besaß sie erstaunliche Anmut.

Als Aurora außer Sichtweite war, holte Grania tief Luft, erhob sich kopfschüttelnd und stellte sich die Reaktion ihrer Mutter vor, wenn sie ihr mitteilte, dass sie nach Dunworley House gehen würde, um mit Aurora Lisle zu spielen.

3

Am Abend, nachdem ihr Vater und ihr Bruder vom Esstisch aufgestanden waren, half Grania Kathleen beim Abwasch.

»Ich hab heute Aurora Lisle getroffen«, erzählte Grania, während sie die Teller abtrocknete.

Kathleen hob eine Augenbraue. »War sie wieder im Nachthemd unterwegs?«

»Nein, voll bekleidet. Ein seltsames kleines Mädchen, nicht wahr?«

»Keine Ahnung, wie sie ist«, antwortete Kathleen mit verkniffenem Mund.

»Ich habe ihr versprochen, sie zu besuchen und mit ihr zu basteln. Sie scheint einsam zu sein«, erklärte Grania.

Kathleen schwieg kurz, bevor sie erwiderte: »Ich habe dich vor dieser Familie gewarnt, Grania, aber du bist erwachsen und musst selber wissen, was du tust.«

»Mam, sie wirkt so verloren … Sie hat keine Mutter. Was kann es schon schaden, ein paar Stunden mit ihr zu verbringen?«

»Das Thema ist für mich abgeschlossen. Du kennst meine Meinung.«

Das Telefon klingelte. Grania machte genauso wenig Anstalten ranzugehen wie ihre Mutter. Beim siebten Klingeln stemmte Kathleen die Hände in die Hüften. »Du weißt, wer das ist.«

»Nein«, log Grania. »Keine Ahnung.«

»Es dürfte klar sein. Mir wäre es peinlich, wieder mit ihm zu reden.«

Das Telefon klingelte eine ganze Weile weiter, bis es verstummte. Grania und Kathleen sahen einander an.

»Ich kann eine solche Unhöflichkeit unter meinem Dach nicht dulden, Grania. Was hat der arme Mann dir getan, dass du ihn so behandelst? An deinem Verlust ist ja wohl kaum er schuld, oder?«

»Es tut mir leid, Mam.« Grania schüttelte den Kopf. »Das verstehst du nicht.«

»Da muss ich dir leider zustimmen. Warum erklärst du es mir nicht?«

»Mam, bitte! Ich kann nicht …« Grania rang die Hände. »Ich kann es einfach nicht.«

»Das reicht mir nicht, Grania. Was auch immer passiert ist, es beeinflusst das Leben aller in diesem Haus, weswegen du uns über die Situation aufklären solltest. Ich …«

»Es ist Matt, Liebes«, sagte ihr Vater, der die Küche mit dem Telefon in der Hand betrat. »Wir haben uns nett unterhalten, aber ich glaube, er möchte jetzt mit dir sprechen.« John hielt ihr verlegen lächelnd den Apparat hin.

Sie nahm ihn mit einem eisigen Blick und ging aus der Küche hinauf in ihr Zimmer.

»Grania? Bist du das?« Der vertraute Klang von Matts Stimme schnürte ihr die Kehle zu, als sie die Tür hinter sich schloss und sich auf die Bettkante setzte.

»Matt, ich hatte dich gebeten, mich in Ruhe zu lassen.«

»Ich begreife nicht, was los ist. Was habe ich falsch gemacht? Warum hast du mich verlassen?«

Grania grub die Finger ihrer freien Hand in ihren Oberschenkel.

»Grania? Bist du noch dran, Schatz? Wenn du mir erklärst, was ich deiner Meinung nach getan habe, kann ich mich wenigstens verteidigen.«

Schweigen.

»Grania, bitte sprich mit mir. Ich bin’s, Matt, der Mann, der dich liebt. Mit dem du seit acht Jahren das Leben teilst. Ich werde noch verrückt, weil ich nicht weiß, warum du verschwunden bist.«

Grania holte tief Luft. »Bitte ruf mich nicht mehr an. Ich will nicht mit dir reden. Und meine Eltern bringt es aus der Fassung, wenn du sie jeden Abend belästigst.«

»Grania, bitte. Ich weiß, dass es ziemlich hart für dich war, das Baby zu verlieren, aber wir können es doch noch mal probieren. Ich liebe dich, und ich würde alles tun, um …«

»Tschüs, Matt.« Grania legte auf und starrte die verblichenen Blumen auf der Tapete ihres Kinderzimmers an, ohne sie richtig wahrzunehmen. Das Muster hatte sie Abend für Abend betrachtet, wenn sie von ihrem Märchenprinzen träumte. In Matt hatte sie ihn gefunden … Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen.

Grania legte sich aufs Bett und schlang die Arme um das Kissen. Sie hatte den Glauben daran, dass Liebe auch die größten Probleme überwindet, verloren.

Matt Connelly sank, Handy in der Hand, aufs Sofa.

In den zwei Wochen seit Granias Abreise hatte er sich den Kopf über ihre Gründe für die Trennung zerbrochen, ohne auf einen grünen Zweig gekommen zu sein. Grania hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie im Moment nichts mit ihm zu tun haben wollte … war ihre Beziehung tatsächlich zu Ende?

»Verdammt!« Matt schleuderte das Handy quer durch den Raum, so dass die Batterie heraussprang, als es auf dem Boden landete. Er konnte verstehen, dass die Fehlgeburt sie in Verzweiflung gestürzt hatte, doch das war kein Grund, ihn aus ihrem Leben zu verbannen. Vielleicht sollte er einfach zu ihr nach Irland fliegen. Aber was, wenn sie ihn nicht sehen wollte? Was, wenn er es nur noch schlimmer machte?

Matt ging zu seinem Laptop. Alles war besser als die Ungewissheit, in der er augenblicklich lebte.

Matt loggte sich ein und informierte sich über Flüge von New York nach Dublin. Es klingelte an der Haustür. Er achtete nicht darauf, weil er niemanden erwartete. Als es penetrant weiterklingelte, stand Matt verärgert auf und betätigte die Gegensprechanlage. »Ja?«

»Hallo, Schätzchen, war gerade in der Gegend. Wollte sehen, ob’s dir gut geht.«

Matt drückte auf den Knopf. »Sorry, Charley, komm rauf.« Er ließ die Tür offen und wandte sich wieder seiner Internetrecherche zu. Charley gehörte zu den wenigen Leuten, deren Gegenwart er im Moment ertragen konnte. Er kannte sie aus Kindertagen, hatte sie jedoch – wie so viele seiner alten Freunde – in der Zeit mit Grania aus den Augen verloren. Grania hatte sich in Gesellschaft seiner Bekannten und Freunde aus Connecticut unwohl gefühlt, weswegen er ihr zuliebe einen weiten Bogen um sie machte. Einige Tage zuvor hatte Charley aus heiterem Himmel angerufen und gesagt, sie habe von seinen Eltern gehört, dass Grania nach Irland zurückgegangen sei. Dann war sie vom anderen Ende der Stadt zu ihm gefahren und mit ihm Pizza essen gegangen.

Wenige Minuten später umarmte Charley ihn und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Wange, bevor sie eine Flasche Rotwein auf den Schreibtisch neben seinen Laptop stellte.

»Hab mir gedacht, du könntest einen Schluck vertragen. Soll ich uns Gläser holen?«

»Ja, gern. Danke, Charley.« Matt verglich Uhrzeiten und Preise, während Charley die Flasche öffnete und zwei Gläser füllte.

»Was machst du da?«, fragte sie, schlüpfte aus den Stiefeln, setzte sich aufs Sofa und schlug die langen Beine unter.

»Ich informiere mich über Flüge nach Irland. Wenn Grania nicht zu mir kommt, muss ich eben zu ihr.«

Charley hob eine sorgfältig gezupfte Augenbraue. »Findest du das sinnvoll?«

»Was soll ich denn sonst tun? Hier rumhängen und fast den Verstand verlieren, während ich versuche rauszufinden, wo das Problem liegt?«

Charley warf ihre glänzende dunkle Haarmähne in den Nacken und nahm einen Schluck Wein. »Was, wenn sie einfach ein bisschen Raum zum Atmen braucht, bis sie die Sache überwunden hat? Möglicherweise machst du alles nur noch schlimmer, wenn du zu ihr fliegst, Matty. Hat Grania gesagt, dass sie dich sehen möchte?«

»Nein. Ich hab gerade mit ihr telefoniert. Sie hat mich gebeten, sie nicht mehr anzurufen.« Matt stand auf, trank einen großen Schluck Wein und gesellte sich zu Charley aufs Sofa. »Vielleicht hast du recht. Sie kommt schon irgendwann zur Vernunft. Der Verlust des Babys war ein harter Schlag für sie. Du weißt ja, wie sehr Mom und Dad sich auf ein Enkelkind gefreut haben. Dad war nach der Fehlgeburt ziemlich enttäuscht.«

»Kann ich mir vorstellen.« Charley verdrehte die Augen. »Sonderlich feinfühlig war dein Vater ja noch nie. Ich hab damit kein Problem, weil ich ihn kenne, aber für jemanden wie Grania ist es vermutlich ganz schön schwierig, mit ihm zurechtzukommen.«

»Ja.« Matt stützte die Ellbogen auf die Knie und legte den Kopf in die Hände. »Vielleicht habe ich nicht genug Rücksicht genommen. Ich weiß, wie unwohl sie sich immer wegen unserer unterschiedlichen Herkunft gefühlt hat.«

»Matty, Schätzchen … du hättest wirklich nicht mehr tun können. Du hast ja sogar mich abserviert, als Grania in dein Leben getreten ist.«

Matt legte die Stirn in Falten. »Die Sache mit uns hatte keine Zukunft. Darüber waren wir uns einig.«

»Klar, Matty.« Charley beruhigte ihn mit einem Lächeln. »Irgendwann wär’s sowieso passiert.«

»Ja.«

»Weißt du was?«, fragte Charley. »Wenn ich sehe, wie meine Freundinnen von einer chaotischen Affäre in die nächste stolpern, danke ich meinem Schöpfer, dass ich Single bin. Ich kenne kaum jemanden, der eine richtig gute Beziehung führt. Nur bei euch beiden hatte ich geglaubt, dass ihr es schafft.«

»Das dachten wir auch«, erklärte er traurig. »Du spielst nicht ernsthaft mit dem Gedanken, den Rest deines Lebens allein zu bleiben, oder? In unserer Greenwich-Gruppe warst du doch immer vorn dran: Schulsprecherin, Musterschülerin und das hübscheste Mädchen der Klasse. Und jetzt erfolgreiche Zeitschriftenredakteurin … Mein Gott, Charley, du weißt, dass du jeden haben könntest.«

»Möglicherweise ist es genau das«, meinte Charley seufzend. »Ich bin zu wählerisch; keiner ist mir gut genug. Aber reden wir nicht über mich. Du bist derjenige, der Probleme hat. Wie kann ich dir helfen?«

»Sag mir, ob ich mich morgen in einen Flieger nach Dublin setzen soll, um meine Beziehung zu retten«, antwortete Matt.

»Matty, das liegt ganz bei dir.« Charley rümpfte die Nase. »Wenn du meine Meinung wirklich hören möchtest: Ich würde Grania Raum und Zeit geben. Sie muss etwas verarbeiten und kommt bestimmt zu dir zurück, wenn sie so weit ist. Sie hat dich doch gebeten, sie in Ruhe zu lassen, oder? Warum tust du ihr nicht den Gefallen und beschäftigst dich in ein paar Wochen noch einmal mit der Frage? Außerdem dachte ich, du bist mit Arbeit eingedeckt?«

»Stimmt«, bestätigte Matt. »Vielleicht hast du recht. Ich muss ihr Raum lassen.« Er tätschelte Charleys Schienbein. »Danke, Schwesterherz. Du wirst immer für mich da sein, oder?«

»Ja, Schätzchen.« Charley schenkte ihm ein Lächeln.

Einige Tage später klingelte es wieder an Matts Tür.

»Hallo, ich bin’s, Mom. Kann ich raufkommen?«

»Klar.« Matt öffnete ihr, erstaunt über ihren Besuch, die Tür. Seine Eltern beehrten diesen Teil der Stadt nur selten, und niemals unangemeldet.

»Na, mein Lieber, wie geht’s dir?« Elaine küsste ihren Sohn auf beide Wangen und folgte ihm in die Wohnung.

»Schon okay«, antwortete Matt, während seine Mutter aus dem Pelzmantel schlüpfte, ihre dezent gesträhnten Haare arrangierte und auf dem Sofa Platz nahm. Matt entfernte hastig ein Paar Turnschuhe und einige leere Bierflaschen vom Boden neben ihren schmalen Füßen, die in hochhackigen Schuhen steckten. »Was führt dich zu mir?«

»Ich war wegen einem Wohltätigkeitsessen in der Stadt und wollte auf dem Heimweg sehen, wie es meinem Jungen geht.«

»Okay«, wiederholte Matt. »Möchtest du was trinken, Mom?«

»Wasser, danke.«

»Gern.«

Elaine beobachtete ihn, wie er Wasser aus dem Kühlschrank holte und einschenkte. Er wirkte blass und müde. »Danke«, sagte sie, als er ihr das Glas reichte. »Hast du was von Grania gehört?«

»Vor ein paar Tagen habe ich kurz mit ihr telefoniert, aber eigentlich will sie nicht mit mir reden.«

»Weißt du inzwischen, warum sie gegangen ist?«

»Nein.« Matt zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung, was ich verbrochen habe. Mom, das Baby hat ihr so viel bedeutet.«

»Im Krankenhaus war sie sehr schweigsam, und sie sah aus, als hätte sie geweint.«

»Ja. Als ich sie am nächsten Tag nach der Arbeit besuchen wollte, hatte sie die Klinik verlassen. Und auf einem Zettel, der hier lag, stand, dass sie nach Irland zu ihren Eltern geflogen ist. Seitdem hat sie sich mir gegenüber nicht mehr geäußert. Ich weiß nur, dass sie leidet.«

»Du leidest sicher auch. Schließlich war es dein Kind so gut wie ihres«, stellte Elaine fest.

»Ja, im Moment fühle ich mich tatsächlich nicht sonderlich gut. Wir wollten eine Familie gründen. Das war mein Traum … Scheiße! Sorry, Mom.« Matt gelang es nur mit Mühe, die Tränen zurückzuhalten. »Ich liebe sie, und auch das Kleine, das es nicht geschafft hat. Es war ein Teil von uns … Ich …«

Elaine stand auf und nahm ihren Sohn in die Arme. »Es tut mir so leid für dich. Wenn ich dir irgendwie helfen kann …«

Matt, dem es peinlich war, dass seine Mutter ihn ausgerechnet in einem so schwachen Moment erwischte, riss sich zusammen. »Ich bin ein großer Junge, Mom, und komme schon wieder auf die Beine. Ich wünschte nur, ich würde wissen, warum Grania sich abgesetzt hat. Ich verstehe es einfach nicht.«

»Möchtest du eine Weile zu uns kommen? Mir gefällt der Gedanke, dass du ganz allein hier bist, nicht.«

»Danke, Mom, ich habe jede Menge Arbeit. Ich muss daran glauben, dass Grania zurückkehrt, wenn sie ihre Wunden geleckt hat. Sie hatte schon immer ihren eigenen Kopf. Wahrscheinlich liebe ich sie deshalb so sehr.«

»Sie ist jedenfalls ungewöhnlich«, pflichtete Elaine ihm bei. »Und scheint sich nicht um unsere Regeln zu scheren.«

»Möglicherweise, weil sie nicht damit aufgewachsen ist«, konterte Matt, der nicht in der Laune war für abfällige Bemerkungen.

»Matt, du verstehst mich falsch«, erwiderte Elaine hastig. »Ich bewundere Grania wirklich, und auch euch beide, weil es euch gelungen ist, aus dem Hamsterrad herauszukommen. Vielleicht sollten wir öfter unserem Herzen folgen.« Elaine seufzte. »Ich muss los. Dein Vater hat seine Golffreunde zum alljährlichen Winterdinner eingeladen.«

Matt half Elaine in den Pelzmantel. »Danke für deinen Besuch, Mom.«

»Hat mich gefreut, dich zu sehen, Matt.« Sie küsste ihn auf die Wange. »Dir ist klar, dass ich stolz auf dich bin, oder? Wenn du reden möchtest: Ich bin jederzeit für dich da. Ich weiß, wie du dich fühlst.« Ihr Blick wurde traurig. »Auf Wiedersehen, Matty.«

Als Matt die Tür hinter ihr schloss, spürte er, dass sie sich tatsächlich in ihn hineinversetzen konnte. Zum ersten Mal wurde ihm klar, wie wenig er über die Frau hinter der glänzenden Fassade der perfekten Connecticut-Ehefrau und -Mutter wusste.

4

Kaum hatte Kathleen am folgenden Morgen das Haus verlassen, um den Wocheneinkauf in Clonakilty zu erledigen, holte Grania aus der Scheune alte Zeitungen und aus der unordentlichen Werkstatt ihres Vaters einen angeschimmelten Karton mit Tapetenkleister, steckte alles in eine Tüte und machte sich auf den Weg zu den Klippen. Wenn Aurora nicht auftauchte, würde sie einfach wieder nach Hause gehen.

Unterwegs dachte Grania nach. Es kam ihr vor, als führte jemand anders ihr Leben, als käme sie nicht an ihre eigenen Gefühle heran. Sie konnte nicht weinen, Kontakt mit Matt aufnehmen oder sich darüber klar werden, ob ihre Reaktion rational gewesen war. Denn dazu hätte sie sich mit dem Schmerz auseinandersetzen müssen, und die beste und sicherste Lösung bestand für sie momentan darin, sich abzuschotten.

Grania setzte sich auf einen Felsen und blickte seufzend aufs Meer hinaus. Sie hatte tatsächlich gedacht, ihre Beziehung mit Matt würde im Gegensatz zu denen ihrer Freunde halten. Grania schämte sich, wenn sie an ihre selbstgefälligen Bemerkungen von früher dachte: »Die Armen« oder »Uns passiert das nicht.« Von wegen!

Plötzlich verspürte sie große Achtung vor ihren Eltern. Irgendwie war es ihnen gelungen, das Unmögliche zu schaffen – Kompromisse zu schließen und vierunddreißig Jahre lang miteinander glücklich zu sein.

Vielleicht waren die Erwartungen in der modernen Zeit zu hoch; die Hierarchie der Bedürfnisse hatte sich verschoben. Paare mussten sich im Regelfall keine allzu großen Sorgen mehr darüber machen, ob sie ihre Kinder ernähren oder im Krankheitsfall einen Arzt bezahlen konnten. Nun drehte es sich weniger um warme Kleidung als um Designermarken. Und in der westlichen Gesellschaft mussten auch kaum noch Frauen ihre Männer an die Front verabschieden. Mit anderen Worten: Heute ging es nicht mehr ums reine Überleben.

»Wir fordern das Glück, weil wir glauben, dass es uns zusteht.« Grania sprach diese Worte laut aus. Fast beneidete sie ihre Eltern um ihre Zufriedenheit und Gelassenheit. Sie besaßen nicht viel, und ihr Horizont war beschränkt. Sie lachten gemeinsam über Nichtigkeiten. Ihre kleine, sichere Welt schweißte sie zusammen. Grania und Matt hingegen lebten in einer Metropole, in der der Himmel allein die Grenze war.

»Hallo, Grania«, hörte sie Auroras Stimme hinter sich.

»Hallo, Aurora. Wie geht’s?«

»Sehr gut, danke. Wollen wir uns auf den Weg machen?«

»Ja. Ich habe dabei, was wir brauchen.«

»Ich weiß. Ich habe die Tüte gesehen.«

Grania stand auf.

»Du solltest Daddy kennenlernen«, schlug Aurora vor. »Er ist im Arbeitszimmer. Könnte allerdings sein, dass er Kopfweh hat, das passiert oft.«

»Ach.«

»Ja. Er setzt beim Lesen die Brille nicht auf und überanstrengt seine Augen.«

»Dumm, findest du nicht?«

»Jetzt, wo Mummy tot ist, hat er niemanden mehr, der sich um ihn kümmert. Nur noch mich.«

»Das machst du sicher gut«, sagte Grania, als sie sich dem Tor zum Anwesen näherten.

»Ich bemühe mich«, versicherte Aurora und drückte das Tor auf. »Hier bin ich zu Hause, in Dunworley House. Es gehört seit zweihundert Jahren den Lisles. Bist du schon mal hier gewesen?«

»Nein«, antwortete Grania, während sie Aurora durch das Tor folgte. Der Wind, der ihnen auf den Klippen um die Ohren geblasen hatte, war hinter der für West Cork typischen dichten Hecke aus Brombeersträuchern und wilden Fuchsien nicht mehr zu spüren.

Grania bewunderte den gepflegten französischen Garten um das abweisende graue Gebäude. Niedrige Lorbeerhecken säumten den Weg, der zum Haus führte, und in den Beeten wuchsen Rosenbüsche, deren Farbenpracht im Sommer sicher beeindruckend war.

»Wir benutzen den Haupteingang nicht«, teilte Aurora Grania mit und marschierte an der Vorderfront des Hauses entlang nach hinten. »Daddy sagt, der ist während der Unruhen in Nordirland verschlossen worden; irgendjemand hat den Schlüssel verloren.«

In dem großen Hof stand ein nagelneuer Range Rover.

»Komm«, sagte Aurora und öffnete die hintere Tür.

Grania folgte ihr durch den Eingangsbereich in eine große Küche, in der eine massige Anrichte mit blau-weißen Tellern und anderem Geschirr eine ganze Wand einnahm. An der zweiten Wand befand sich ein Herd und an der dritten eine große Spüle zwischen zwei alten Melaminharz-Arbeitsflächen. In der Mitte des Raums stand ein langer, mit Zeitungsstapeln bedeckter Eichentisch.

Dies war kein gemütlicher Ort, an dem sich die Familie versammelte, während die Mutter am Herd das Abendessen zubereitete. Der Raum wirkte spartanisch, funktional und streng.

»Ich hätte keine Zeitungen mitbringen müssen«, stellte Grania mit einem Blick auf den Tisch fest.

»Die braucht Daddy für die Kamine. Er friert immer. Wollen wir auf dem Tisch Platz machen, damit wir anfangen können?« Aurora sah Grania erwartungsvoll an.

»Ja … Aber findest du nicht, wir sollten jemandem sagen, dass ich da bin?«

»Nein. Daddy möchte nicht gestört werden, und ich habe Mrs. Myther schon erklärt, dass du kommen würdest.« Sie schob einige Stapel Zeitungen vom Tisch auf den Boden. »Was brauchen wir sonst noch?«

»Wasser zum Anrühren des Kleisters.« Grania leerte ihre Tüte mit einem unbehaglichen Gefühl darüber, dass sie sich unangemeldet in diesem Haus aufhielt.

»Ich hole welches.« Aurora nahm einen Krug aus der Anrichte und füllte ihn.

»Und einen großen Behälter zum Mischen.«

Aurora brachte ein Gefäß und stellte es vor Grania auf den Tisch. Während Grania den Kleber anrührte, beobachtete Aurora sie mit glänzenden Augen. »Das macht Spaß, was? Mein letztes Kindermädchen hat mir das nie erlaubt, weil sie Angst hatte, dass ich schmutzig werde.«

»In meinem Beruf geht es schmutzig zu«, bemerkte Grania. »Ich fertige Skulpturen aus ähnlichem Material wie diesem. Setz dich zu mir, dann zeige ich dir, wie man Schalen und Kugeln macht.«

Aurora, die sich als begabte und eifrige Schülerin entpuppte, konnte bereits eine Stunde später eine feuchte Kugel aus Zeitungspapier zum Trocknen auf die Herdplatte legen.

»Sobald sie trocken ist, malen wir sie an. Hast du Farben?«, erkundigte sich Grania, während sie sich die Hände in der Spüle wusch.

»Nein. Die habe ich in London gelassen.«

»Vielleicht finde ich welche bei mir zu Hause.«

»Darf ich mitkommen und mir dein Haus anschauen? Ich glaube, das Leben auf einer Farm würde mir Spaß machen.«

»Ich wohne nicht dort, Aurora«, erklärte Grania. »Ich lebe in New York und bin nur vorübergehend bei meinen Eltern.«

»Ach.« Aurora ließ die Schultern hängen. »Heißt das, du gehst bald wieder?«

»Ja, aber ich weiß noch nicht, wann.«

»Warum bist du traurig?«, fragte Aurora.

»Ich bin nicht traurig, Aurora.«

»Doch, das sehe ich an deinem Blick. Hat dir jemand wehgetan?«

»Nein, Aurora, es ist alles in Ordnung.« Grania spürte, wie sie rot wurde.

»Ich weiß, dass du traurig bist.« Aurora verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich weiß auch, wie sich das anfühlt. Wenn ich traurig bin, gehe ich an meinen magischen Ort.«

»Wo ist der?«

»Das kann ich dir nicht verraten, sonst wäre er nicht mehr magisch und würde nicht mehr mir gehören. Du solltest dir auch einen suchen.«

»Gute Idee.« Grania sah auf ihre Uhr. »Ich muss los. Es ist Zeit zum Mittagessen. Du hast sicher Hunger. Kocht dir jemand was?«

»Mrs. Myther hat sicher was warm gestellt. Wahrscheinlich wieder Suppe. Möchtest du dir, bevor du gehst, das Haus anschauen?«

»Aurora, ich …«

»Komm!« Aurora ergriff Granias Arm und zog sie in Richtung Tür. »Es ist schön.«

Aurora dirigierte Grania aus der Küche in den geräumigen Eingangsbereich, dessen Boden mit schwarz-weißen Fliesen bedeckt war. Eine elegante Eichenholztreppe führte ins obere Stockwerk. Wenig später betraten sie einen großen Salon mit hohen Terrassentüren. In dem Raum war es unerträglich heiß; im Marmorkamin brannte ein Holzfeuer.

Granias Blick wanderte über den Kamin zum Porträt einer jungen Frau, deren herzförmiges, symmetrisches Gesicht von tizianroten Locken eingerahmt wurde. Die leuchtend blauen Augen in dem hellen Teint wirkten unschuldig und gleichzeitig wissend. Das Bild war von einem talentierten Künstler gemalt worden. Grania bemerkte sofort die Ähnlichkeit mit Aurora.

»Meine Mutter. Alle behaupten, ich bin ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.«

»Stimmt«, bestätigte Grania. »Wie hieß sie?«

Aurora holte tief Luft. »Lily.«

»Tut mir sehr leid, dass sie gestorben ist«, sagte Grania mit sanfter Stimme.

»Wen haben wir denn da, Aurora?«, fragte unvermittelt eine Männerstimme. Grania drehte sich erschrocken um.

An der Tür stand der attraktivste Mann, den sie je zu Gesicht bekommen hatte. Er war groß gewachsen – über einsachtzig –, hatte dichtes, schwarzes Haar, ordentlich gekämmt, aber etwa einen Zentimeter zu lang, so dass es sich im Nacken kringelte. Dazu volle Lippen und tiefblaue Augen mit langen dunklen Wimpern sowie deutlich hervortretende Wangenknochen, ein markantes Kinn und eine wohlgeformte Nase. Ein Gesicht, das Grania sich einprägen wollte, um es zu einem späteren Zeitpunkt selbst formen zu können.

Das alles auf einem schlanken, gut proportionierten Körper. Seine schmalen, sensiblen Finger ballten sich zusammen und lockerten sich wieder, wohl ein Zeichen innerer Anspannung. Der Mann wirkte elegant, eine Eigenschaft, die Grania normalerweise nur mit Frauen in Verbindung brachte, und zog mit Sicherheit die Blicke aller auf sich, wenn er einen Raum betrat.

»Wer sind Sie?«, erkundigte er sich noch einmal.

»Das ist meine Freundin Grania, Daddy«, antwortete Aurora. »Ich hab dir doch erzählt, dass sie mir gestern auf den Klippen begegnet ist. Wir hatten heute Morgen in der Küche einen Mordsspaß. Wenn die Kugel aus Zeitungspapier und Kleister, die wir gebastelt haben, angemalt ist, kriegst du sie.« Aurora umarmte ihren Vater.

»Schön, dass es dir Freude gemacht hat, Liebes.« Er strich ihr sanft übers Haar und bedachte Grania mit einem leicht argwöhnischen Lächeln. »Sind Sie zu Besuch in Dunworley?«, fragte er.

»Ich stamme aus dem Ort, lebe aber seit zehn Jahren im Ausland. Ich bin vorübergehend bei meiner Familie.«

»Verstehe.« Er sah durch die Terrassentür hinaus in den Garten. »Dies ist ein magischer Ort, nicht wahr, Aurora?«

»Ja, Daddy. Hier sind wir zu Hause.«

»Stimmt.« Er wandte sich wieder Grania zu. »Tut mir leid, ich habe mich noch nicht vorgestellt.« Er streckte ihr die Hand hin. »Alexander Devonshire.« Seine langen, schlanken Finger schlossen sich um die ihren.

»Devonshire? Ich dachte, hier wohnen die Lisles.«

Seine dunklen Augenbrauen hoben sich kaum merklich. »Es handelt sich in der Tat um das Haus der Lisles, in deren Familie ich eingeheiratet habe. Meine Frau …«, Alexanders Blick wanderte zu dem Gemälde, »… hat Dunworley House geerbt, und eines Tages wird es unserer Tochter gehören.«

»Entschuldigung. Das wusste ich nicht.«

»Kein Problem, Grania. Ich bin es gewohnt, in der Gegend ›Mr. Lisle‹ genannt zu werden.« Alexander zog seine Tochter näher zu sich heran.

»Ich gehe jetzt wohl lieber«, erklärte Grania mit einem Gefühl des Unbehagens.

»Daddy, kann sie nicht zum Lunch bleiben?«, bettelte Aurora.

»Danke für das Angebot, aber ich muss wirklich los.«

»Natürlich«, sagte Alexander. »Es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie sich mit meiner Tochter beschäftigen.«

»Mit ihr ist es viel schöner als mit dem alten Kindermädchen, Daddy. Warum kann sie nicht auf mich aufpassen?«

»Grania hat bestimmt Wichtigeres zu tun.« Alexander bedachte Grania mit einem verlegenen Lächeln. »Wir dürfen ihr nicht die Zeit stehlen.«

»Keine Sorge, es war mir ein Vergnügen.«

»Kommst du morgen mit den Farben wieder?«, fragte Aurora.

Grania sah Alexander an, der nickte. »Ja. Ich schaue mal, was ich auftreiben kann.« Grania setzte sich in Bewegung. Alexander trat beiseite und streckte ihr noch einmal die Hand hin.

»Danke, Grania. Sehr freundlich von Ihnen, sich Zeit für meine Tochter zu nehmen. Sie sind hier jederzeit willkommen. Falls ich nicht da sein sollte: Mrs. Myther, die auf Aurora aufpasst, wohnt im Haus.« Er begleitete Grania mit Aurora aus dem Salon durch den Eingangsbereich zurück zur Küche. »Aurora, würdest du bitte Mrs. Myther sagen, dass sie das Mittagessen auftragen kann?«

»Ja, Daddy. Auf Wiedersehen, Grania, bis morgen.« Aurora lief die Treppe hinauf.

Alexander ging Grania voran zur hinteren Tür, wo er sich ihr zuwandte. »Aurora kann sehr beharrlich sein. Lassen Sie sich nicht von ihr überreden, mehr Zeit mit ihr zu verbringen, als Sie wollen.«

»Wie gesagt: Ich bin gern mit ihr zusammen.«

»Passen Sie trotzdem auf.«

»Ja.«

»Gut. Wir werden Sie sicher bald wieder hier begrüßen können. Auf Wiedersehen, Grania.«

»Auf Wiedersehen.«

Grania hätte sich am liebsten umgedreht, um zu sehen, ob er ihr nachschaute, doch sobald sie durch das Tor war, folgte sie schnellen Schrittes dem Klippenweg, bis sie ihren Lieblingsfelsen erreichte, auf den sie sich, außer Atem und ein wenig verwirrt über Alexanders Wirkung auf sie, setzte.

Sie richtete den Blick aufs Meer. Es war ruhig, ein schlafendes Ungeheuer, das jederzeit zum Leben erwachen und Chaos anrichten konnte.

Als Grania sich auf den Heimweg machte, überlegte sie, ob das auch auf den Mann zutraf, den sie gerade kennengelernt hatte.

»Hallo, ich bin’s. Lässt du mich rein?«

»Klar.« Matt drückte auf den Türöffner und wandte sich wieder dem Baseballmatch im Fernsehen zu.

Charley trat ein und schloss die Tür hinter sich. »Ich hab uns was vom Chinesen mitgebracht, deine Lieblingsspeise, knusprige Ente«, teilte sie ihm mit, während sie in Richtung Küche ging, um zwei Teller zu holen und die Flasche Wein aufzumachen, die sie dabeihatte. »Hast du Hunger?«

»Nein«, antwortete Matt.

»Du musst was essen, Schätzchen, sonst fällst du vom Fleisch.« Sie stellte das Essen und die Teller auf dem Tischchen vor ihm ab und rollte ihm einen Pfannkuchen aus Entenfleischstreifen und Hoisinsauce.

Matt nahm ihn seufzend, biss hinein und kaute ohne Appetit.

Charley rollte ihm einen weiteren Pfannkuchen und trank einen Schluck Wein. »Möchtest du reden?«

»Was gibt’s da schon zu sagen?« Matt zuckte mit den Achseln. »Meine Freundin hat mich aus Gründen verlassen, die ich weder kenne noch verstehe, und weigert sich, sie mir zu erklären.« Er schüttelte verzweifelt den Kopf. »Deine Strategie des Schweigens hat übrigens nicht funktioniert. Grania hat nicht angerufen.«

»Tut mir leid, Matty. Ich dachte wirklich, dass Grania sich melden würde. Ich dachte, sie liebt dich.«

»Das dachte ich auch.« Matt verzog das Gesicht. »Vielleicht habe ich mich getäuscht, und sie will mich nicht mehr. Ich habe mir das Hirn zermartert und komme einfach auf nichts, womit ich sie verletzt haben könnte.«

Charley legte tröstend die Hand auf Matts Knie. »Vermutlich hat es mit dem Verlust des Babys zu tun, und ihre Gefühle haben sich verändert … Sorry, andere Gemeinplätze fallen mir nicht ein.«

»Tja, wahrscheinlich gibt’s wirklich nichts zu sagen. Sie ist weg, und mit jedem Tag ihrer Abwesenheit nimmt mein Glaube, dass sie zurückkommt, ab.« Matt sah Charley an. »Meinst du, ich sollte doch nach Irland fliegen?«

»Keine Ahnung. Ich will ja nicht negativ klingen, aber sie scheint ziemlich klargemacht zu haben, dass sie im Moment keinen Kontakt will.«

»Stimmt.« Matt leerte sein Weinglas und schenkte sich nach. »Ich versuche mir einzureden, dass es nicht vorbei ist.«

»Warte bis Ende der Woche, ob sie anruft. Wenn sie es tut, schlägst du ihr vor, nach Irland zu kommen.«

»Das wäre eine Möglichkeit, ja, doch allmählich habe ich es satt, als Schuldiger dazustehen. Außerdem habe ich jede Menge Arbeit und bin die nächsten zwei Wochen auf einer Vortragsreise.«

»Armer Matty«, versuchte Charley, ihn zu trösten, »im Moment ist es wirklich ein bisschen viel. Aber ich sage dir, es wird besser, so oder so. Wir haben alle schon mal harte Zeiten erlebt.«

»Klar«, pflichtete Matt ihr bei. »Sorry. Im Moment bin ich keine sonderlich angenehme Gesellschaft.«

»Trotzdem müssen Freunde da sein, wenn man sie braucht. Kleiner Themenwechsel: Darf ich dich um einen Gefallen bitten?«

»Und zwar?«

»In ein paar Tagen kommen bei mir Handwerker und bleiben ungefähr einen Monat. Ich wollte dich fragen, ob ich in der Zeit bei dir ins Gästezimmer könnte. Ich würde dir natürlich Geld dafür geben«, fügte Charley hinzu. »Du weißt ja, dass ich die meisten Abende und Wochenenden unterwegs bin.«

»Du musst nichts zahlen. Ich bin in nächster Zeit mehr weg als hier, also komm einfach, wann immer du möchtest.« Matt stand auf, um einen Schlüssel aus dem Schreibtisch zu holen, und reichte ihn ihr.

»Danke.«

»Keine Ursache. Offen gestanden: Wahrscheinlich bin ich sogar froh über die Gesellschaft. Du tust mir einen Gefallen.«

»Wenn du sicher bist …«

Matt tätschelte ihr Bein. »Ich weiß deine Sorge um mich zu schätzen.«

»Keine Ursache, Matty.« Charley schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

5

»Was hast du denn vor?«, fragte Kathleen Grania, als diese ihren Mantel zuknöpfte. »Du hast dir die Haare gewaschen und dich geschminkt.«

»Ich besuche Aurora. Ist es in dieser Gegend eine Sensation, sich die Haare zu waschen und Make-up zu tragen?«, fragte Grania zurück.

»Du willst nach Dunworley House?«

»Ja.«

Kathleen verschränkte die Arme. »Ich habe dich gewarnt, Grania. Lass die Finger von den Lisles.«

»Mam, ich versuche, einem Mädchen die Langeweile zu vertreiben, und habe nicht die Absicht, bei ihnen einzuziehen! Was ist bloß los?«

»Ich habe es dir doch erklärt: Die Lisles machen unserer Familie nur Probleme. Du hast schon genug ohne die ihren.«

»Mein Gott, Mam! Aurora hat keine Mutter mehr und kennt hier niemanden. Sie ist einsam!«, zischte Grania. »Bis später.«

Als die Tür hinter Grania ins Schloss fiel, seufzte Kathleen. »Ja«, murmelte sie, »und du hast kein Kind.«

Kathleen überlegte, ob sie mit John über Grania und ihre Besuche in Dunworley House sprechen sollte. In der vergangenen Woche war Grania jeden Tag dort gewesen und manchmal sogar erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückgekehrt. Der Blick ihrer Tochter verriet Kathleen, dass sie sich magisch angezogen fühlte, wie schon andere vor ihr …

»Tja, Mädchen«, sagte Kathleen, während sie Shanes Bett machte, »je eher du zurück nach New York zu Matt fliegst, desto besser. Für uns alle.«

Grania wusste inzwischen, dass Aurora ihr auf dem Hügel entgegenkommen würde, um sie zum Tor zu begleiten. Sie mochte es, wie sie auf sie zurannte; ein so anmutiges Kind war ihr noch nie begegnet. Beim Gehen schwebte Aurora fast, und beim Laufen tanzte sie. Sie erinnerte Grania an die Feen aus den irischen Märchenbüchern, die ihre Mutter ihr als Kind vorgelesen hatte.

»Hallo, Grania.« Aurora umarmte sie und nahm ihre Hand. »Ich hab schon auf dich gewartet. Daddy will dich, glaube ich, was fragen.«

»Ach.« Grania hatte Alexander in der vergangenen Woche kein einziges Mal gesehen. Aurora hatte ihr erzählt, dass er von einer schweren Migräne geplagt werde, weshalb er sich in sein Zimmer zurückgezogen habe, und auf Granias besorgte Äußerung über seinen Gesundheitszustand mit einem Achselzucken reagiert.

»Er fängt sich schnell wieder, wenn man ihn in Ruhe lässt.«

Granias Gedanken waren an den Abenden vor dem Einschlafen immer wieder zu Auroras Vater gewandert. Sie wusste nicht, wieso Alexander eine solche Wirkung auf sie ausübte, stellte jedoch fest, dass sie zunehmend weniger an Matt dachte.

»Warum möchte er mich sehen?«, fragte Grania.

Aurora kicherte. »Das ist ein Geheimnis.« Sie tänzelte auf das Tor zu und öffnete es für Grania.

»Hast du in London jemals Tanzstunden genommen, Aurora? Ich könnte mir vorstellen, dass dir das Spaß machen würde.«

»Nein, Mummy wollte das nicht. Sie hat Ballett gehasst.« Aurora rieb sich die Nase, als sie das Tor hinter ihnen schloss. »Aber ich würde gern tanzen lernen und Ballerina werden. Ich habe ein paar alte Bücher im Speicher gefunden, mit Bildern von hübschen Frauen auf Zehenspitzen.«

Grania beobachtete Aurora, wie sie den Pfad vor ihr entlanghüpfte. Am liebsten hätte sie ihr gesagt, dass Lily tot sei und sicher nichts dagegen hätte, wenn sie tanzen lernte, doch das stand ihr nicht zu. Sie folgte Aurora schweigend in die Küche.

»Was machen wir heute?«, erkundigte sich Aurora, die Hände in die Hüften gestemmt. »Was ist in deiner Zaubertasche?«

Grania holte Aquarellfarben und eine kleine Leinwand heraus. »Weil das Wetter so schön ist, dachte ich, wir könnten rausgehen und malen. Was meinst du?«

Aurora nickte. »Brauchen wir keine Staffelei?«

»Wir kommen auch ohne aus, aber wenn dir das Malen gefällt, fahre ich vielleicht mit dir nach Cork, um eine zu kaufen.«

Aurora strahlte. »Mit dem Bus? Ich wollte immer schon mal mit dem Bus fahren.«

»Hast du das denn noch nie gemacht?«

»Nein, hier verkehren nicht viele, und in London hat uns Daddys Chauffeur überall hingebracht. Fragst du Daddy?«

Grania nickte. Als sie vom Salon auf die Terrasse gehen wollten, kam die Haushälterin Mrs. Myther mit einem Wäschekorb die Treppe herunter.

»Könnte ich kurz mit Ihnen sprechen, Grania? Unter vier Augen«, fügte Mrs. Myther mit gesenkter Stimme hinzu.

»Aurora, geh du schon mal voraus und such uns die schönste Stelle zum Malen. Ich komme gleich nach.«

Aurora nickte und öffnete die Terrassentür.

»Mr. Devonshire möchte wissen, ob Sie ihm heute oder morgen Gesellschaft beim Abendessen leisten könnten. Er würde sich gern mit Ihnen über Aurora unterhalten.«

»Verstehe.«