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Im Münchner Glockenbachviertel wird ein Frisör ermordet. Maximilian Gernleitner, ein schwuler Modedesigner aus München, vermietet zwischenzeitlich seine Wohnung an Judith Schätzle, eine zugezogene Trainerin im Bereich Deutsch als Fremdsprache. Während Judith sich auf die Suche nach einer Arbeit und einer bezahlbaren Wohnung macht, gerät Gernleitner unfreiwillig ins Visier der italienischen Mafia.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Hanna Perlmann und Ilonka Svensson
Das Paradies hat einen Namen
Eine Münchner Krimi-Humoreske
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Paradies hat einen Namen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Impressum neobooks
Münchner Krimi-Humoreske
von Hanna Perlmann und Ilonka Svensson
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen
und
bestehenden Institutionen
sind
Figaro stirbt
„ A Schmarrn is des!“ Franki Eydner ließ seinem Grant freien Lauf. Die Windböen schleuderten den gerade zusammengekehrten Müll durch die Luft, denn ein überraschend warmer Frühlingsföhn peitschte die liegengebliebenen Zeitungsreste durch die Hans-Sachs-Straße des Glockenbachviertels in München.
Währenddessen lief Maximilian Gernleitner mit seinem Russell Terrier Jacky einmal um den Block und schlürfte anschließend seinen allmorgendlichen Latte macchiato im Mezzo, einer in pompejanisches Rot getauchten Tramezzinibar in der Ickstattstraße. Die Einzeltische waren schon alle belegt. Gernleitner nahm sich zwei Zeitungen und setzte sich an den großen Gemeinschaftstisch .
Ein kurzer Blick in die Süddeutsche Zeitung: Hochhausdebatte und Stadionbau in München, Hauptstadtkrise Berlin mit Milliardenloch und Polit-Nutten, ein Interview mit dem Kanzler der ruhigen Hand, der Arbeitslose für Faulpelze hält. Und dann noch der realpolitisch verkleidete Opportunismus, verkörpert vom Außenminister – ja mai- wenigstens ist der Joschka inzwischen stilvoll angezogen. Das Berliner Chaos war weit weg im wilden Nordosten der Republik. Und sein geliebtes München?
Ganz in Ruhe konnte es weiter denTitel „heimliche Hauptstadt“ für sich beanspruchen und sich im Glanz illustrer Spinner, schöner Jungs und Mädls, großmütiger Eingeborener und brauchtumsbegieriger Zugezogener sonnen. Jawohl, das Paradies hat einen Namen...
„Gäh weida, Saubazi, sakrischa, pfui daife, oide Sau, oide“ , Gaugigl vom Nachbarhaus beschimpfte mal wieder die Paarungsversuche seines Rauhaardackels Purzel mit einer Mischlingshundedame. Sein Türabstreifer, der inzwischen im ganzen Viertel berühmt geworden war, trug die provozierende Aufschrift: „Fuck in oder schleich di“. Zahlreiche Nachahmer hatten sich bereits gefunden.
Maximilian Gernleitner zog erheitert einen handschriftlich verfassten Zettel für das anstehende Interview mit dem Journalisten Gustl Wachtmeister von der Abendzeitung aus seiner Jackentasche. Ein Blick darauf ermunterte ihn, die Schlagworte leise vor sich hin zu deklamieren:
“ Leichte Schalen, sinnliche Hüllen haben mein Leben bestimmt. Die Edeldemokratisierung der Mode ist die Vision meines Konzepts. Toplösungen für Geschäftsleute beruflich und privat, elegant und leger. Mode kann und soll nicht Sünde sein.Casual Wear als sportliches Outfit für Millionen.....“
Damit würde er mit Sicherheit die schlechte Presse seiner letzten Modenschau wieder wettmachen und sein renommiertes Modeunternehmen „All about Adam“ gebührend positionieren. Er zahlte, nahm Jacky an die Leine, stand auf und schlenderte wieder zurück in die Hans-Sachs-Straße.
Das Bestattungsinstitut Denk parkte mit einem schwarzen Leichenwagen vor der Eingangstür des Friseurgeschäftes von Sascha Sand. Ein Sarg wurde gerade herausgetragen. Gaugigl kommentierte ungeniert das Geschehen:
„Kimm I grad daher, siag des, der Sascha, furt is er, der kimmt nimmer net, der Wahnsinn! Kimm, geh weiter, Purzel, Depp damischer.“
Genaueres erfuhr Gernleitner von einem der anwesenden Polizisten. Sascha Sand war am frühen Morgen in seinem Friseursalon tot aufgefunden worden, erdrosselt mit dem Stromkabel eines Haarföns.
Die Spurensicherung wurde gerade abgeschlossen und der Sarg unter den Augen zahlreicher Schaulustiger und eintreffender Journalisten in den Leichenwagen getragen. Gernleitner erkannte Gustl Wachtmeister von der Abendzeitung, der gierig vor Sensationslust, aber vergeblich die Absperrung der Polizei zu überwinden suchte. Als er Gernleitner erblickte, stürzte er auf ihn zu und stellte ihm hastig mehrere Fragen.
„Ja natürlich hab ich den Sascha gekannt. Einer meiner besten Kunden und auch ich einer seiner besten Kunden. Ah geh, Feinde hat der doch nicht gehabt, nein niemals, Sascha war bei allen sehr beliebt. Ein äußerst talentierter und erfolgreicher Hairstylist, schrecklich, wie konnte das nur passieren?“
Sie verschoben das anstehende Interview über „All about Adam“ auf den nächstenTag.
Das Böse hatte sich heimlich in das Paradies geschlichen und sich in die sicherste Stadt Deutschlands verirrt.
Rom ruft
Maximilian Gernleitner parkte seinen schwarzen Porsche vor dem Bogenhausener Kirchplatz und betrat gedankenversunken den kleinen Friedhof. Dass der Tod so schnell Einzug in seiner Familie halten würde, hätte er sich noch vor einer Woche nicht träumen lassen.Verloren blickte er in die dunkelgrauen Wolken und warf einen kurzen Blick nach rechts auf das Grab seines Lieblingsschriftstellers Erich Kästner:
Liebe das Leben, und denk an den Tod!
Tritt, wenn die Stunde da ist, stolz beiseite.
Einmal leben zu müssen
Heißt unser erstes Gebot.
Nur einmal Leben zu dürfen,
lautet das zweite.
Großartig, dieser Erich Kästner, der genauso wie er an seiner Mutter gehangen hatte. Er öffnete die Eingangstür der St. Georg Kirche und schmunzelte, wie schon so oft, über das Deckenfresco des Schutzpatrons St. Georg, dessen debiler Gesichtsausdruck über den Eintretenden schwebte.
Die Trauergemeinde schien bereits vollzählig zu sein. Das Blumengebinde auf Mutters weißem Sarg passte vorzüglich, rote Rosen, verflochten in weißem und grünem Efeu, gebunden zu einem Kranz.
Er nahm in der ersten Reihe neben seiner Schwester Barbara Platz. Während die sonorige Stimme des Pfarres Hochgruber kryptisch diffus in seine Ohren drang, dachte er an das letzte Telefonat mit Mama.
Sie hatte wohlauf, ja sogar beschwingt geklungen. Zumindest hatte sie nicht leiden müssen, schnell und schmerzlos war sie nach einer kurzen Herzattacke in eine andere Welt verschwunden.
Nach dem Trauergottesdienst folgte Gernleitner gemessenen Schrittes dem Sarg der Mutter. Seine handgenähten Haferlschuhe der bayerischen Traditionsfirma Meindl knirschten auf der feuchten Kieselerde beim letzten Geleit.
Welch eine hervorragende Ruhestätte für Rosa Gernleitner. Hinter ihr lag Prof. Dr. Felix Burda, zu ihrer linken Josef Schörghuber und zu ihrer rechten ihr Lieblingsschauspieler Sigfrid Lowitz, auf dessen Grabstein sein Neffe Archi Platz genommen hatte.
Mit verquollenen Augen ließ er eine weiße Rose auf den Sarg von Mama fallen, dann waren seine Schwester Barbara an der Reihe und ihr Mann Klaus, der es selbst bei diesem Anlass fertiggebracht hatte, einen farblich völlig deplazierten und geschmacklosen Anzug zu tragen. Archi tippte verstohlen eine SMS.
Eins war klar: Daphne, Mamas cremeweiße Perserkatze, wird er auf jeden Fall nach München mitnehmen. Schon rein optisch gesehen würde sie sehr gut zu seiner Wohnungseinrichtung passen. Und Jacky, sein Jack Russell, würde sich im Laufe der Zeit an sie gewöhnen. Leicht unbehaglich wurde ihm beim Gedanken an die anfänglichen Jagden zwischen Hund und Katz – einige seiner schneeweißen Pilati-Diwane würden dran glauben müssen. Na ja, das Erbe würde für etliche Neubezüge reichen. So ist´s halt – was reingeht, geht auf die ein oder andere Weise wieder raus.
Geradezu gelitten hatte Mama jahrezehntelang an ihrer Ehe mit Alois Gernleitner, einem despotischen stockkonservativen Mühldorfer, dessen zäher pflichtversessener Ehrgeiz ihm schließlich in der Staatskanzlei die Position eines Staatssekretärs eingebracht hatte. Seinen sensiblen, der Kunstästhetik zugeneigten Sohn hatte er regelrecht gehasst und ihn deshalb vor 10 Jahren in seinem Testament komplett übergangen. Leichte Schadenfreude keimte in ihm beim Gedanken an die Gesichter von Barbara und Klaus auf, wenn das mütterliche Testament verlesen würde. Auch sie würden sich dann der Herausforderung stellen müssen, nicht aus dem Erfolg, sondern aus Krisen zu lernen. Ihre voraussehbare Wut wäre dann nicht sein Problem. Als erfolgreicher Münchner Modedesigner und Inhaber des Unternehmens “All about Adam” wusste Gernleitner zu gut, wie wichtig es ist, Bedenkenträgereien gleich optimistisch nach vorne zu korrigieren.
Auf seiner Porscheheimfahrt nach München kreisten seine Gedanken noch um den Leichenschmaus für Mama, für den er eigens ihren einstigen Lieblingsplatz am Starnberger See ausgesucht hatte, das Hotel Kaiserin Elisabeth. Ungeachtet des In-Titels "Golfhotel" schien die Zeit dort dank nicht stattgefundener Sanierungen stehengeblieben zu sein. Die Verzauberung bemächtigte sich unwillkürlich aller Besucher und Gernleitner hätte sich nicht gewundert, wenn seine Mutter plötzlich lächelnd auf einem der alten Fauteuils gesessen hätte. Alle ihre ehemaligen Freundinnen aus dem Bridge Club waren nach der Beerdigung zum Leichenschmaus, einem hervorragenden Tafelspitz, gekommen. Ganz im Gegensatz zu seiner Schwester waren sie feine kultivierte Damen, allen voran Freifrau von Gumppenberg-Pöttmeß-Oberbrunnberg. Sie hatte es sich trotz des traurigen Anlasses nicht nehmen lassen, nach dem dritten Prosecco hemmungslos mit Maximilian zu flirten und mehrmals auf die "so sehr gegensätzlichen Charaktere von Vater Alois und Sohn" anzustoßen. Diese heitere Runde ließ Barbara und Familie wie Fremdkörper erscheinen – fast schon amüsiert beobachtete er die demonstrative Eitelkeit des Oberstudienrats Klaus, die verkrampfte Verbissenheit seiner Schwester und seinen Neffen Archi, diesen überbehüteten Klugscheißer. Der einzige Wortwechsel mit seiner Schwester bestand darin, dass sie sich kühl bei ihm für die Begleichung der gesamten Rechnung bedankte.
Na ja, diese Bagage war er erst mal los. Im Foyer des Bayerischen Hofes warteten schon Kiki mit Hund Daisy bei einem Gläschen Taiti.
“Maxl, du musst jetzt erst amol zu dir selbst kimma, i war a beim Tod meiner Mama lange Zeit down. I woaß, wie dir zumut ist ! “ Diese Worte wirkten tröstlich auf ihn .
Richtig – er musste eine Pause einlegen, Abstand gewinnen, in sich gehen. Der Tod seiner Mutter hatte ihm erst richtig bewusst gemacht, dass er schon seit geraumer Zeit in einer Krise steckte. Die Modeentwürfe gingen ihm nicht mehr so leicht von der Hand, schon lange hatte er sich in keines seiner Modells mehr verliebt – irgendwas stimmte nicht. Da kam der Anruf auf seinem Handy gerade richtig. “Du Max, i bin´s, der Gerry. I sitz groad im Römischen Filmstudio. A Schmarrn is des mit der Garderobe hier. Willst neet kommen ? Mir brauchn a zündende Idee.”
Natürlich wollte er – Rom im Frühling durfte man sich nicht entgehen lassen, den Aperitiv auf der Navona, die opulenten Essen in diversen Osterien und Trattorien, und das Ganze in Gesellschaft seines Freundes Gerry !
Gerry beschäftigte sich schon seit Jahren mit dem sozialgeschichtlichen Phänomen der Sklaverei. In altrömischer Kulisse drehte er heuer eine Komödie. Er spielte einen Bayern, den Sklavenjäger nach Rom verschleppt hatten; er musste dort allerlei Wirren standhalten. Eine pfundige Idee!
Die Filmboys würden bestimmt Maximilians lahme Libido aufmöbeln. Seine Wohnung im Glockenbachviertel würde er solange in die Obhut der Bavaria Homesitting GmbH geben.
Das Paradies ruft
Judith Schätzle raste auf dem Fahrrad durch die Freiburger Sedanstraße. Ausgerechnet zu ihrer Abschiedsparty im Grünhof musste sie sich verspäten.
Am letzten Arbeitstag in der Anzeigenredaktion des Kleinanzeigenblattes “Zypresse” hatte sie ein Stammkunde telefonisch aufgehalten. Wie jede Woche rief der Besitzer des Second Hand Musikgeschäfts “Kling Klang” aus der Konradstraße an und gab seine Annoncen auf – nicht nur für seine gebrauchten Musikinstrumente. Seine witzig-charmante Art ließ sogar die sonst auf Pünktlichkeit versessene Judith die Zeit vergessen. Versonnen tippte sie unter der Rubrik “Verschiedenes” folgenden Text ein.
“An einem Freitagnachmittag kamst DU ins Kling Klang und hattest ein geblümeltes Klung Kling an. Deine Stimme klang und klingelte mir noch lange im Ohr. Klingelt DIR noch mein Blick im Gedächtnis-Klang ?”
Seine schmalzige Stimme klingelte jedenfalls noch nachhaltig in Judiths Ohren , als sie fast mit einem Taxi zusammenstieß.
“ Ja, geht´s noch Mädchen ?! Diese Fahrradfahrer ghöre sämtlich zammegfahre! Pass doch auf !”
"Mensch, Jean-Marie, reg dich ab! Ich lad dich dafür mit zu meinem Abschiedsessen im Grünhof ein !" Mit einem amüsierten Blick auf seine inzwischen gut 100 Kilogramm meinte sie neckend:" Du kannst die riesigen Grünhofportionen mit Sicherheit problemlos verputzen." Jean-Marie schwieg sich souverän über diese Bemerkung aus und konterte verwundert: " Hab ich Abschied ghört? Gehsch du etwa aus Freiburg weg? Ja, spinnsch du ?"
Judith ersparte sich hierzu den Kommentar – auch sie war im Badischen aufge-wachsen, konnte sich jedoch über den völlig überzogenen Lokalpatriotismus ihrer Landsleute nur noch lustig machen. Jean-Marie war das beste Beispiel dafür. Er zog es doch glatt vor, im 36. Semester Taxi zu fahren, nur damit er nicht aus Freiburg weg musste. Als sie ihm dann erklärte, aus beruflichen Gründen nach München zu ziehen, streifte sie ein schräger verständnisloser Blick. “Also ehrlich, freiwillig zu den Schicki Mickis, wo willsch denn da überhaupt ne Wohnung finde ?”
"Mit Geschick und Glück ist viel möglich. Ich hab doch schon hier im Home- sitting Bereich gejobbt. Das mach ich auch in München. Ich hab schon die Zusage für eine Wohnung im Glockenbachviertel, ganz zentral und ruhig. Ich muss lediglich den Hund ausführen und die wahrscheinlich neurotische Wohnungskatze füttern und hab erstmal für 4 Wochen eine feste Bleibe. Dann seh ich weiter. In der Zwischenzeit kann ich meiner eigentlichen Tätigkeit nachgehen, Deutsch für Ausländer. München bekommt immer mehr Zuzug von ausländischen Firmen. A bissl was geht immer – im Gegensatz zu diesem verpennten selbstverliebten Freiburg.”
Jean-Marie, überwältigt von so viel Dynamik, dachte nur bei sich,
die isch in nem Alter, wo sie sich´s beweise will. Diese Fraue heutzutag sin nimmer z´ bremse.
Das entsprach auch durchaus den Tatsachen.
Judith hatte mit ihren inzwischen 28 Jahren die erste Bremse vor dem Brems-paket „Freund- Kinder- Häuslebaue“ erfolgreich gezogen. Ihre dreijährige Beziehung mit Arnold war vor 5 Monaten zu Ende gegangen. Ihr jahrelanges Zögern mit ihm zusammenzuziehen hatte ihn dazu bewogen, seinen Kontakt zu einer Arbeitskollegin zu vertiefen, die prompt bei ihm einzog. Das Studium der Romanistik, Geschichte und Deutsch als Fremdsprache hatte Judith vor einem Jahr abgeschlossen. Der Bereich “Deutsch als Fremdsprache” war in Freiburg wenig zukunftsträchtig – nur selten siedelten sich Unternehmen in der beschaulich-trägen Unistadt an. Der SC Freiburg hatte zwar in den letzten 5 Jahren seinen Etat auf 50 Millionen verdoppelt und die notorischen Minderwertigkeitskomplexe des badischen Bürgertums kompensiert. Seitdem jedoch Trappatoni überzeugend demonstriert hatte, dass Minimaldeutsch zum Fußballspielen durchaus ausreiche, war die Hoffnung auf kapitalträchtige Spieler mit Interesse am Deutschunterricht völlig auf Null gesunken. Natürlich gab es viele Ausländer, die Deutsch studierten, aber meistens an der Uni oder sie besuchten Kurse im international renommierten Ephraim Lessing Kolleg. Daneben gab es eigentlich nur ein nennenswertes Sprachinstitut, das aber seine Sprachlehrer schamlos ausnutzte. Ein Jobmix aus Homesitting, telefonischer Kleinanzeigenaufnahme und vereinzeltem Deutschunterricht hatte die Basis ihrer Existenz gebildet. Da sie in Süddeutschland bleiben, nicht aber nach Stuttgart ziehen wollte, blieb nur München. Während eines Kurzbesuches dort vor 3 Monaten war sie mehr als angetan – regelrecht begeistert war sie durch die barock-florentinische Stadt gestreift. Als sie dann noch auf ihrer astrokarto-graphischen Karte gesehen hatte, dass München auf ihrer Jupiterlinie lag, traf sie umgehend die nötigen Vorbereitungen für einen Umzug.
Auf zu neuen Ufern, war ihre Devise. Bloß nicht im badischen Vierteledunstkreis versauern ! Auch was ihr Hobby Astrologie betraf, war München absolute Klasse, viele bekannte Astrologen hatten hier ihr Domizil und boten gute Workshops und Seminare an. Zufrieden stellte sie die Übereinstimmung zwischen ihrer Aufbruchsstimmung und ihren derzeitigen Sternkonstellationen fest. Ihre aktuelle 7 Jahres-Phase war seit kurzem der herausforderungsfreudige Widder und die dazugehörige Marsauslösung im 4. Haus stand bevor – wenn das nicht zumindest eine gute Wohnung versprach, würde selbst sie stark an der Astrologie zweifeln!
München leuchtet
Belustigende Vorstellungen über den Hausherrn von der Hans-Sachs-Straße in München gingen ihr durch den Kopf, während Judith sich in ein cremefarbiges Sofa gleiten ließ, um in Ruhe die Einrichtung zu betrachten. Diese ausgesucht eleganten und farblich abgestimmten Möbel ließen auf einen Mann mit ausge-prägt femininem Stil schließen. Selbst die Perserkatze Daphne und der Russel-Terrier Jacky passten farblich ins creme-weiße Ambiente dieser im italienischen Flair gehaltenen Dachterrassenwohnung mitten in der Hochburg der homoero-tischen Szene Münchens. Das einzig fast schon arrangiert anmutende Chaos herrschte im Arbeitszimmer, einem Atelier vergleichbar.
Der weissblaue Himmel Münchens leuchtete senkrecht auf einen Barocktisch, der mit Modeentwürfen für Männeroutfits übersät war. Eher dem Ökolook zugeneigt, schmunzelte Judith über den vornehmen Briefkopf auf dem Geschäftspapier: “All about Adam” Inhaber Maximilian Gernleitner, Klenzestraße, 80469 München
Judith taxierte die üppig grüne Bepflanzung der großen Dachterrasse und den phlegmatischen Blick der Katze. Jacky, daran gewöhnt, um diese Uhrzeit ausgeführt zu werden, wartete schwanzwedelnd an der Tür, bereit Gassi zu gehen.
Isar oder nicht Isar – das war die Spazierfrage! Oder doch bis zum Englischen Garten ?
Wie angenehm, das Haus eines reichen und kultivierten Menschen zu hüten. Wenn der Typ bloß länger weg wäre, wär ´s regelrecht perfekt. Ihr graute es beim Gedanken, wieder auf Wohnungssuche gehen zu müssen. Mehrere Besichtigungen und das systematische Durchforsten der Zeitungen hatten sie davon überzeugt, nicht auf üblichem Weg zu einer annehmbaren und dazu noch bezahlbaren Bleibe zu kommen. Deshalb hatte sie rechtzeitig der Bavaria Homesitting GmbH mitgeteilt, ab 01.04. einen neuen Auftrag zu benötigen. Nur – infolge des Wohnungsmangels waren jetzt auch andere auf diese Idee gekommen, ihr Wohnungsproblem zumindest vorübergehend zu lösen und dabei noch Geld zu verdienen. Dementsprechend mager waren deshalb die Angebote der Homesitting GmbH, zumal für eine Zuogroaste wie sie. Nicht verzagen - Sterne befragen! Mit dieser Devise vergewisserte sie sich nochmals ihrer Marsauslösung. Nun ja, schaun mer mal ! Diese Münchner Philosophie hatte sie sich schnell zu eigen gemacht.
Judith war von Natur aus eher nüchterne Pragmatikerin, bedingt durch ihren Jungfrauaszendenten. Der unter Astrologieanhängern grassierenden Tendenz, sich im voraus wegen einer nahenden Konstellation Sorgen oder gar illusorische Hoffnungen zu machen, war sie nicht lange erlegen. Statt dessen hatte sie jahrelang akribisch die Zusammenhänge zwischen kosmischen Konstellationen und äußerer Wirklichkeit beobachtet, um schnell festzustellen, dass eh immer alles anders kommt, als man denkt. Deshalb gönnte sie sich einen unbeschwer-ten Spaziergang an der Isar und staunte über das im alpenländischen Föhn erstrahlende barocke Freilufttheater München. Flugs lagen schon etliche Nackerte am Isarufer, die Cafés hatten infolge der unvermutet warmen Temperaturen ihre Tische und Stühle rausgestellt , die prompt alle besetzt waren.
Arbeitete hier überhaupt jemand , außer ihr und den Kellnern? Während sie genüßlich ihren Cappuccino vor dem Café Tambosi schlürfte, die im goldenen Ockerton erstrahlende Theatinerkirche vor Augen, vertiefte sie sich in ihre Unterrichtsvorbereitungen. Was ihre Arbeit betraf, hatte sie Glück gehabt.
Vom Ephraim Lessing Kolleg, dem renommierten Sprachinstitut, das in München auf Kleingruppen und Individualkurse für Deutsch als Fremdsprache spezialisiert war, hatte sie einige Aufträge bekommen. Frau Pöppel-Nirmalathasan, die Leiterin, hatte ihr zunächst einen Individualschüler übertragen, den – wie sie von Kollegen später erfahren hatte – kein anderer hatte übernehmen wollen.
Es handelte sich um einen hysterischen Amerikaner, der unter dem Druck seiner Firma stand, innerhalb kürzester Zeit Deutsch lernen zu müssen. Diesem Druck entzog er sich konstant, indem er nur Englisch sprach und sie dauernd fragte, mit welcher Diät man optimal Deutsch lernen könne. Judith sah schnell, dass Hopfen und Malz verloren waren. Hier war nur die Einseifmethode möglich: Dem Teilnehmer klar zu machen, er könne es ja schon ausgezeichnet und dass er mit Selbstvertrauen und der learning by doing Strategie seine Sprachhemmung beseitigen werde. Zufrieden hatte der Amerikaner daraufhin den Unterricht beendet und Judith in der Kursbeurteilung mit “sehr gut” bewertet. Wie es zu erwarten war, rutschte sie nach dieser bestandenen Prüfung auf der Auftragsleiter ein Treppchen höher. Ihr nächster Individualschüler war alles andere als ein Psychopath – ein pfiffig humorvoller Holländer, der das typische Problem hatte, alles zu verstehen, aber grammatikalisch beim Sprechen und Schreiben unglaublich viele Fehler zu machen. Ihr tat es fast schon leid, seinen munteren Redefluss stoppen zu müssen. Gleich am ersten Tag hatte er sich als Anhänger der Morosophie bekannt , denn er fand Antworten auf Fragen, die keiner stellte. Wird im Paradies holländisch gesprochen? Stammt der Mensch vom Frosch ab? Er war sich sicher, dass die Holländer aus Palästina stammten, denn natürlich wären sie das von Gott auserwählte Volk. Warum?
Weil die Holländer direkte Nachfahren der Gäste auf Noahs Arche gewesen seien. Vermutlich sei dieses Auserwähltsein die Rechtfertigung der Niederländer für ihre einstige Kolonialpolitik und den Sklavenhandel.
