Das Prinzip des Terrors - Tass Saada - E-Book

Das Prinzip des Terrors E-Book

Tass Saada

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Beschreibung

Die Medien berichten über die tragischen Vorfälle – die Bombenanschläge, die Massaker, die Selbstmordattentate. Die Nachrichtensprecher erklären ausführlich, wer dabei die Beteiligten sind: von der Hisbollah zur al-Quds-Einheit, vom IS zur Palästinensischen Autonomiebehörde. Doch was ist es, das hinter diesen Ereignissen steckt und eine Gräueltat nach der anderen produziert? Tass Saada gibt darauf Antworten, während er das Prinzip des Terrors erläutert und erklärt, was die Extremistengruppen im ganzen Nahen Osten motiviert und antreibt. Tass kennt als ehemaliger Muslim und Scharfschütze für Arafats Fatah dieses Prinzip nur zu gut. Er hat selbst danach gelebt. Doch im Alter von 42 Jahren hat er in seinem Leben eine völlig neue Richtung eingeschlagen. Tass beschreibt nicht nur die Motive und Ziele der islamischen Terroristen, er weist auch auf eine mögliche friedliche Lösung hin. Wir können Samen der Hoffnung pflanzen, die nicht nur den Nahen Osten, sondern auch die wegen der vielen Flüchtlinge immer internationaler werdenden Orte unserer Heimat verändern.

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Tass Saada Das Prinzip des Terrors

Tass Saada

mit Dean Merrill

Das Prinzip des Terrors

Der Ex-Sniper Arafats über die dunklen Motive des ISIS und anderer Extremisten, über Abgründe und Alternativen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Dieses Buch erschien zuerst im Amerikanischen unter dem Titel: «The Mind of Terror», veröffentlicht von Tyndale House Group, Colorado Springs, USA. Copyright © 2016 by Taysir Abu Saada, Seeds of Hope, USA.

Soweit nicht anders angegeben, stammen die Bibelstellen aus:

Hoffnung für alle © 1983, 1996, 2002 Biblica, Inc.®, hrsg. von Fontis – Brunnen Basel

(Hervorhebungen in den Bibelzitaten stammen vom Verfasser.)

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Christian Rendel, Witzenhausen

Copyright der deutschen Ausgabe: © 2016 by Fontis – Brunnen Basel

Umschlag: Spoon Design. Olaf Johannson, Langgöns (unter Mithilfe von Linda Giacovelli, Tyndale House) Fotos Umschlag: GettyImages.de E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-788-3

Inhalt

Erster Teil:Wie Terroristen denken

1. Keine Zuflucht

2. Ehre und Schande: Eine andere Denkweise

3. Was macht jemanden zum Terroristen?

4. Tiefe Wurzeln

Zweiter Teil:Was können wir jetzt machen?

5. Wir können uns Sorgen machen

6. Wir können zurückschlagen

7. Wir können uns «Lösungen» wünschen, die nie Wirklichkeit werden

8. Wir können alles auf die Endzeit schieben

Dritter Teil:Ein besserer Weg

9. Gottes Pläne für Isaak – und für Ismael

10. Der Geist des Friedens

11. Das Recht, gehört zu werden

12. Was Sie tun können, um den Terrorismus zu neutralisieren

13. Ist der Weg Jesu «realistisch»?

14. Silberstreifen am Horizont

Vierter Teil:Helden des Alltags: Friedensstifter bei der Arbeit

15. Die führenden Köpfe von morgen heranbilden

16. Agenten der Veränderung

17. Die Herzen Erwachsener erweichen

Anmerkungen

Erster Teil

Kapitel 1

Keine Zuflucht

In dem Moment, als das erste Flugzeug das World Trade Center traf, wusste ich Bescheid.

Fassungslose Augenzeugen und Nachrichtensprecher spekulierten, ob es vielleicht eine schreckliche Panne bei der Flugverkehrskontrolle gegeben hatte. Aber ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass der radikale Islam die Vereinigten Staaten erreicht hatte.

Während der neun Monate zuvor hatte ich den Eindruck von Gott, ich solle reisen, meine Geschichte erzählen und die Warnung weitergeben, dass der islamische Extremismus auf unserer Türschwelle stand. Ich hatte vor großen Versammlungen und vor kleinen Gruppen in Wohnzimmern gesprochen. Ich muss zugeben, dass nicht viele meiner Zuhörer mich ernst nahmen. Die meisten dachten, so etwas könne hier niemals passieren.

Dann kam der 11. September. Auf einmal war die ganze falsche Sicherheit verschwunden. Binnen Stunden wurde bekannt, dass die Flugzeugentführer Muslime aus dem Nahen Osten waren. Und ich lebte als Araber in den Vereinigten Staaten. Wenn Sie meinen, Sie wären an jenem Tag geschockt und bestürzt gewesen, dann hätten Sie mal in meinen Schuhen stecken sollen.

Was soll aus uns werden?, fragte ich mich voller Sorge. Welche Folgen wird das für meine Frau haben, für unsere beiden Kinder? Was denken unsere Freunde jetzt von uns? Sie alle wissen, dass ich aus einem muslimischen Hintergrund komme. Das FBI hat das vermutlich auch schon herausgefunden.

Es mag einmal eine Zeit gegeben haben, in der wir so tun konnten, als gäbe es in der Welt zwei Kategorien: «sichere» Gegenden und «unsichere» Gegenden. Dieser Mythos wurde am 11. September ein für alle Mal zunichte gemacht.

Während der nächsten Tage hätte ich am liebsten kaum mit anderen Leuten geredet. Ich war zu wütend und aufgeregt darüber, wie dieses Ereignis mein Leben und die Sicherheit meiner Familie durcheinanderbringen würde. Ich schottete mich ab und hing nur noch vor dem Fernseher, um die Nonstop-Nachrichten zu verfolgen. Wie sollte ich darauf reagieren? Was sollte ich sagen? Ich hatte keine Ahnung.

Gegen Ende jener Woche musste ich zu einer Vortragsreise aufbrechen und meine Familie zu Hause im nordöstlichen Missouri zurücklassen, wo wir bei Heartland Ministries arbeiteten, einer christlichen Farm und Schule für schwierige Jugendliche und Erwachsene mit Suchtproblemen. Und siehe da, während ich unterwegs war – stand das FBI auf der Matte. Da er mich nicht antraf, wollte der Agent aus dem nahen Kirksville meine Frau Karen und unsere vierundzwanzigjährige Tochter Farah verhören. Eine halbe Stunde lang erkundigte er sich danach, wer ich war, was ich tat und welche Verbindungen ich hatte. Dann ließ er die Bombe hochgehen:

«Mrs. Abu Saada, uns liegt ein Bericht vor, Ihr Mann sei mit Osama bin Laden befreundet …»

Karen riss die Augen auf und lachte unsicher. «Wirklich?»

«Ja», entgegnete der Agent nüchtern. «Stimmt das?»

Karen schüttelte den Kopf und begann zu erklären: «Vor über fünfunddreißig Jahren, als Tass noch ein Junge war, hatte sein Vater in Saudi-Arabien eine geschäftliche Verbindung zu Muhammad bin Laden, Osamas Vater. Tass' Vater hat eine Auto-Karosseriewerkstatt und reparierte die Autos der bin Ladens. Also ja, einmal kam der Junge mit in die Werkstatt, und sie sind sich begegnet. Aber das war alles.»

Der Agent machte sich Notizen und erwiderte dann: «Okay. Es tut mir leid, Ma'am, aber wir müssen jedem Hinweis nachgehen, den wir bekommen. Hier ist meine Karte; bitte sagen Sie Ihrem Mann, er möchte mich anrufen.»

Furcht und Zittern

Wir wussten nicht genau, wer aus der Nachbarschaft dem FBI diesen Tipp gegeben hatte. Aber natürlich hatte ich schon einige Male vor einem öffentlichen Publikum meine Lebensgeschichte erzählt. Also rief ich wie gewünscht den Agenten an. Ich sagte: «Hallo, hier ist Tass Abu Saada. Meine Frau sagte mir, Sie wollten mich sprechen.»

«Danke, dass Sie zurückrufen», sagte er höflich.

Ich dachte mir, es könne nichts schaden, ihm zu bestätigen, was er wahrscheinlich ohnehin schon wusste. «Ja, es stimmt, dass ich in einer muslimischen Familie im Nahen Osten geboren und aufgewachsen bin», gab ich zu. «Ja, ich bin ein ehemaliger Terrorist – ich habe als Jugendlicher in der Fatah gekämpft, der Miliz von Jassir Arafat. Ja, schon vorher bin ich einmal in der Werkstatt meines Vaters Osama bin Laden begegnet, als ich etwa neun Jahre alt war. Komischer kleiner Kerl, dieser Osama, dachte ich – er sagte kaum ein Wort. Aber kann ich heute behaupten, ihn zu ‹kennen›? Dass er ‹mein Freund› sei? Auf keinen Fall. Es war eine einmalige Begegnung, das ist alles.»

Ich holte Luft und fuhr dann fort. «Ich bin 1974 in dieses Land gekommen, habe mich niedergelassen, eine Greencard bekommen, eine Arbeit gefunden, habe geheiratet und bin Vater geworden. Über das, was letzte Woche passiert ist, bin ich genauso bestürzt wie jeder andere Amerikaner.»

«Schon gut», sagte der Agent. «Ich habe Sie überprüft, und es haben sich keinerlei Unstimmigkeiten ergeben. Machen Sie sich keine Sorgen; rufen Sie mich an, wenn Sie wieder in der Gegend sind. Vielleicht können wir einen Kaffee trinken gehen.»

Puh. Das war schön zu hören. Aber es bedeutete nicht, dass ich mich vollkommen entspannen konnte. Ich wusste, dass immer noch alle möglichen Leute mich im Auge hatten.

Drei oder vier Monate später bekam ich eine E-Mail von einer Adresse, die ich nicht erkannte. Die Betreffzeile ließ mich sofort aufmerken. Sie lautete: «Die Zeit ist gekommen. Sie ist reif» – und dann kam ein kleines Bomben-Icon!

Wer verschickte so etwas? Und warum ausgerechnet mir?

Ich traute mich nicht, die E-Mail zu öffnen. Stattdessen griff ich zum Telefon und rief meinen Kontaktmann beim FBI an. Ich las ihm die Betreffzeile vor und fragte dann: «Soll ich das einfach löschen oder was?»

«Oh nein, nein», antwortete er. «Lassen Sie mich einen Blick darauf werfen. Ich komme vorbei und schaue mir Ihren Computer selber an.»

Bald darauf stand er mit einem anderen Agenten vor der Tür. Er setzte sich an meinen Computer und machte sich daran zu schaffen. «Irgendetwas stimmt hier nicht», sagte er geheimnisvoll. Und schließlich: «Ich werde das zur genaueren Analyse in unser Labor geben.»

Ich habe nie erfahren, was dabei herauskam, wenn überhaupt irgendetwas. Wie alle anderen Amerikaner konnte ich mir nur den Kopf zerbrechen – und abwarten.

In den fünfzehn Jahren seither ist der Terrorismus überall auf der Welt geradezu explodiert. Und das betrifft nicht nur den Nahen Osten. Eine inoffizielle Zählung auf Wikipedia für einen einzigen Monat (Januar 2015) verzeichnete siebenundzwanzig schwerwiegende Vorfälle, von den Philippinen über Libyen und Frankreich bis nach Nigeria. Im nächsten Monat (Februar) waren es elf. Im nächsten Monat (März) zwanzig. Im nächsten Monat (April) fünfzehn. Im nächsten Monat (Mai) vierundzwanzig. Und so geht es weiter. Mit anderen Worten, es gibt de facto mindestens jeden zweiten Tag einen Anschlag.1

Welche Anschläge in diesem jungen Jahrhundert waren die tödlichsten? Werfen wir einen Blick auf diese blutige Statistik:2

Es mag einmal eine Zeit gegeben haben, in der Leute aus dem Westen, die behaglich in Nordamerika und Europa lebten, so tun konnten, als gäbe es in der Welt zwei Kategorien: «sichere» Gegenden und «unsichere» Gegenden. In bestimmten Städten und Ländern konnte man bedenkenlos Urlaub machen, in anderen dagegen nicht. Dieser Mythos wurde am 11. September ein für alle Mal zunichte gemacht, als der Terror den Finanzdistrikt von New York und das militärische Hauptquartier Washingtons erreichte.

Seither lautet die einzig vernünftige Schlussfolgerung, dass es auf dem ganzen Globus keine sichere Zuflucht gibt. Die Frage «Ist es hier sicher?» stellt sich überhaupt nicht mehr.

Viele Player

Es ist keine leichte Aufgabe, den Überblick über die vielen terroristischen Gruppen zu behalten, zumal es ständig Fusionen, Abspaltungen und Namensänderungen gibt. Das US-Außenministerium führt eine offizielle Liste von «FTOs» («Foreign Terrorist Organizations»)3, auf der zur Zeit der Abfassung dieses Buches achtundfünfzig Organisationen stehen. All die berühmten Namen sind dort zu finden, neben vielen unbekannten, von denen Sie wahrscheinlich noch nie gehört haben.

Die britische Regierung führt eine ähnliche, sogar noch längere Liste namens «Proscribed Terrorist Organisations».4 In dieser Tabelle stehen siebenundsechzig Gruppen. Dazu kommen weitere vierzehn, die speziell mit der Situation in Nordirland zu tun haben.

Über jeden dieser wichtigen Player ließe sich ein ganzes Buch schreiben – aber das kann hier wohl kaum unser Ziel sein. Wir wissen bereits aus den täglichen Nachrichten eine Menge über sie und ihre Aktivitäten. Vielleicht können wir den Überblick in diesem Kapitel eingrenzen, indem wir uns an die Liste der «zehn reichsten Terrororganisationen der Welt» aus dem Magazin «Forbes» halten5 – zumal Geld ein entscheidender Faktor für die Fähigkeit einer Gruppe ist, ihren Willen durchzusetzen. Wie Sie schnell sehen werden, handelt es sich hierbei nicht nur um verwahrloste Gruppen von Freischärlern, die sich im Schatten herumdrücken. Es sind Unternehmen von beträchtlicher Größe.

Der Islamische Staat (abgekürzt IS, ISIS oder arabisch Daesh) und seine fünfunddreißig Zweigorganisationen6. Jahresumsatz laut «Forbes»: 2 Milliarden US-Dollar. Geldquellen: Ölverkäufe; Entführungen und Lösegelder; Steuereinnahmen und Schutzgelder; Banküberfälle und Ländereien.

Geschätzte Anzahl der Kämpfer: 30.000.

Bisheriges Einflussgebiet: große Teile von Irak und Syrien.

Ziel: Destabilisierung der gegenwärtigen Staaten des Nahen Ostens, Auslöschung der Grenzlinien der gegenwärtigen Landkarte (die nach dem Ersten Weltkrieg vor allem von den Briten gezeichnet wurde) und Errichtung eines neuen Kalifats in der gesamten Region, das den wahren Islam umsetzt.

Berüchtigt vor allem für: Enthauptungen westlicher Journalisten, koptischer Christen und anderer Opfer; Kreuzigungen; Steinigungen; Verbrennung lebender Opfer (zum Beispiel eines gefangenen jordanischen Piloten, der in einem eisernen Käfig eingeschlossen war – Januar 2015).

Diese Gruppe entstand nicht aus dem Nichts; sie hieß vorher «Al-Qaida im Irak», bis sie Mitte 2014 plötzlich weltweit in den Schlagzeilen auftauchte. Ihre Brutalität ist kein Zufall; sie ist darauf angelegt, den Westen zu schockieren – und gleichzeitig bei den Völkern und Regierungen der Region Angst zu erzeugen. Mit dieser bewussten Strategie versucht der IS, die gegenwärtige Ordnung zu zerstören und eine Rückkehr zum reinen Islam vorzubereiten.

Der IS hat öffentlich erklärt, er kämpfe nicht gegen Israel – zumindest noch nicht. Das bedeutet, dass das gegenwärtige Problem nicht Israel ist, sondern die arabische Uneinigkeit. Der IS verachtet die gegenwärtigen arabischen Könige und Präsidenten als Abtrünnige, Verworfene und Kollaborateure mit dem Westen, die sich nur selbst bereichern wollen. Hat der IS die arabischen Völker erst einmal zu einem neuen Staatswesen geformt – vielleicht die «Vereinigten Arabischen Staaten» –, wird er in der Position sein, Israel zu bekämpfen (und dessen reiche Freunde im Westen: Großbritannien, die Vereinigten Staaten und andere). Schon jetzt erleben wir, dass sich IS-Kämpfer unter die Scharen verzweifelter syrischer Flüchtlinge mischen, die auf dem Weg nach Europa sind.

(Weitere Informationen finden Sie in dem zweiunddreißigseitigen «Special Report: The Islamic State», den das Clarion Project online veröffentlicht hat,7 oder in Graeme Woods ausführlichem Artikel «What ISIS Really Wants» in: «The Atlantic», März 2015).8

Hamas. Jahresumsatz: 1 Milliarde US-Dollar. Geldquellen: Steuern und Gebühren; Schutzgelderpressung von Firmen (alles von Banken bis zu Fischzuchtbetrieben); finanzielle Unterstützung und Spenden (besonders aus dem reichen Golfstaat Katar sowie aus dem Iran).

Einflussgebiet: gegenwärtig nur der Gazastreifen (360 Quadratkilometer).

Ziel: Israel zu vertreiben, damit sich ein palästinensischer Staat vom Mittelmeer bis zum Jordan erstrecken kann.

Berüchtigt vor allem für: Raketenangriffe aufs südliche Israel.

Die Hamas hatte einen ganz harmlosen Anfang als humanitäre Hilfsorganisation und wurde (das werden Sie jetzt nicht glauben) 1978 in Israel als solche registriert! Offenbar dachten sich die Israelis, wenn die Palästinenser eine bessere Gesundheitsversorgung, bessere Schulen und andere öffentliche Leistungen bekämen, würde sich ihre Loyalität von Jassir Arafat und der Fatah abkehren.

Doch als die Weltmächte Druck auf Israel ausübten, mit Arafat zu verhandeln, fand sich die Hamas auf dem Abstellgleis. Sie wurde gewalttätiger und feindseliger, als Israel je erwartet hatte. Die Position der Hamas ist heute offiziell dokumentiert als «keine Lösung für die Palästinenserfrage außer durch den Dschihad». Diese Stoßrichtung verfolgt sie bis heute.9

Meine Frau und ich zogen 2006 in den Gazastreifen, um eine Oase der Ruhe und Liebe für unschuldige Kindergartenkinder zu eröffnen. Wir mieteten ein Gebäude, stellten Mitarbeiter ein und erlebten einen guten Start mit sechzig Kindern in jenem ersten Schuljahr. Doch als die Hamas im Juni 2007 die Wahlen gewann, vertrieb sie die Sicherheitskräfte der Fatah und suchte uns bald darauf heim, um unser Gebäude zu plündern.10 Uns blieb keine Wahl, als den Kindergarten zu schließen.

FARC («Revolutionäre bewaffnete Streitkräfte von Kolumbien»). Jahresumsatz: 600 Millionen US-Dollar. Geldquellen: Drogenproduktion und Drogenhandel (die Hälfte des Kokains weltweit); Entführungen und Lösegelder; Bergbau, insbesondere Goldförderung.

Einflussgebiet: etwa 30 Prozent des kolumbianischen Staatsgebiets.

Ziel: den Kapitalismus in Kolumbien stürzen und durch eine marxistisch-sozialistische Staatsform ersetzen.

Hisbollah («Partei Allahs»). Jahresumsatz: 500 Millionen US-Dollar. Geldquellen: Unterstützung hauptsächlich durch ihren schiitischen Verbündeten Iran; außerdem Drogenschmuggel.

Einflussgebiet: große Teile im Süden und Nordosten des Libanon.

Zwei Ziele: Jerusalem und ganz Palästina «befreien» und den Libanon in einen schiitischen Staat verwandeln.

Berüchtigt vor allem für: die Lkw-Bombe 1983 in Beirut, die 241 amerikanische Militärangehörige (größtenteils Marines) tötete.

Taliban («Schüler»). Jahresumsatz: 400 Millionen US-Dollar. Geldquellen: Gelder für «Schutz und Unterstützung» bei allen Stadien des Handels mit Opium (Rohstoff für Heroin); Spenden.

Ziel: eine islamische Theokratie in Afghanistan mit strikter Geltung der Scharia. (Dieses Ziel hatten die Taliban von 1996 bis zur Ankunft der Truppen der USA und der NATO 2001 verwirklicht; sie kämpfen heute noch darum, wieder die Oberhand zu gewinnen.)

Berüchtigt vor allem für: Massaker in Dörfern; strikte Durchsetzung der Scharia, besonders gegen Frauen.

Al-Qaida («die Grundlage» oder «die Basis»). Ebenso ihre Zweige wie Al-Qaida im Maghreb (Nordafrika), Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (Saudi-Arabien, Jemen). Jahresumsatz: 150 Millionen US-Dollar. Geldquellen: saudische Spenden, Entführungen und Lösegelder, Drogenhandel.

Ziel: eine geeinte islamische Front gegen den Westen.

Berüchtigt vor allem für: Sprengstoffanschläge gegen die US-Botschaften in Kenia und Tansania am 7. August 1998; danach natürlich die Anschläge vom 11. September 2001 gegen Amerika.

Laschkar-e Taiba («Armee der Gerechten»). Jahresumsatz: 100 Millionen US-Dollar. Geldquellen: Spenden.

Ziel: den indischen Staat zwingen, den gesamten Bundesstaat Jammu-Kaschmir wieder der pakistanischen (muslimischen) Herrschaft zu unterstellen – und dann die indische Regierung stürzen.

Al-Schabaab («die Jugend»). Jahresumsatz: 70 Millionen US-Dollar. Geldquellen: Lösegelder für Schiffsentführungen und Piraterie; Spenden.

Einflussgebiet: hält eine Anzahl somalischer Flughäfen und kleiner Seehäfen.

Ziel: alle Ausländer (einschließlich der Truppen der Afrikanischen Union) aus Somalia vertreiben, um dort ein islamisches Kalifat zu errichten.

Berüchtigt vor allem für: den dramatischen Anschlag von 2013 auf das luxuriöse Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi.

Man könnte sich fragen, wieso Afrikaner etwas für den Dschihad übrighaben. Die Antwort liegt teilweise in der Geografie. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass zwischen Somalia und der arabischen Halbinsel nur ein 200 Meilen breiter Wasserstreifen liegt. Die meisten Beobachter nennen Somalia einen «gescheiterten Staat» – mit anderen Worten, seine Regierung hat große Mühe, ihre Funktion zu erfüllen (und das war schon seit Anfang der 1990er so; erinnern Sie sich an «Black Hawk Down»?). Truppen aus den Nachbarländern Kenia und Äthiopien versuchen, die Situation zu verbessern – und Al-Shabaab bevorzugt das gegenwärtige Machtvakuum.

Die Folge sind Vergeltungsschläge im Osten Kenias, die großen Schaden anrichten. Selbst Schulen geraten in Mitleidenschaft, da Lehrer aus anderen Teilen Kenias sich auf sicherere Posten flüchten.11

Real IRA, eine Abspaltung von der Irisch-Republikanischen Armee (IRA), die 1998 ein Friedensabkommen mit Großbritannien unterzeichnete. Jahresumsatz: 50 Millionen US-Dollar. Geldquellen: Schmuggel, illegaler Handel, Spenden.

Ziel: die Briten vollständig aus Nordirland vertreiben.

Besonders berüchtigt für: Anschläge mit Raketen und Autobomben im Herzen Londons.

Boko Haram («Westliche Bildung ist Sünde»), tritt jetzt unter neuem Namen als «Westafrikanische Provinz des Islamischen Staates» auf. Jahresumsatz: 50 Millionen US-Dollar. Geldquellen: Entführungen und Lösegelder, Gebühren und Steuern, Banküberfälle, Plünderungen.

Ziel: Einführung der Scharia in ganz Nigeria (das ungefähr zur Hälfte von Muslimen und zur anderen Hälfte von Christen bevölkert ist), dadurch Ausmerzung säkularer/westlicher Einflüsse.

Berüchtigt vor allem für: Entführung von 276 Mädchen aus einem Internat in Chibok im April 2014.

Hunderte, wenn nicht Tausende von Mädchen, zum Teil nicht älter als elf Jahre, wurden von dieser Gruppe vergewaltigt. Ein nigerianischer Regierungsbeamter sagte der «New York Times»: «Die Sektenführer legen es bewusst darauf an, die Frauen zu schwängern. Manche von ihnen, so sagte man mir, beten sogar vor dem Beischlaf und bitten Gott, die Früchte ihres Tuns mögen Kinder sein, die ihre Ideologie ererben werden.»12 Diese «Früchte» sind freilich nicht nur Kinder, sondern auch Infektionen, die Risiken früher Schwangerschaften und lebenslange Stigmatisierung der Opfer.

(Falls Sie sich fragen, warum meine frühere Gruppe, die Fatah, hier nicht erwähnt wird: Das liegt daran, dass nach dem Tod meines einstigen Helden Jassir Arafat im Jahr 2004 die neue Führung unter Mahmud Abbas sich für eine andere Strategie entschied: Gewaltlosigkeit. Im palästinensischen Westjordanland sagen sich die arabischen Führer sinngemäß: «Die Zeit der Gewalt ist vorbei. Die israelische Armee schlägt uns sowieso jedes Mal. Wir werden weiter für unsere Rechte eintreten, aber auf friedliche Weise.» Diese Herangehensweise findet in Europa und anderswo viel Beifall. Selbst Papst Franziskus hieß Abbas 2015 im Vatikan als «Friedensengel» willkommen.13)

Ähnlichkeiten und Unterschiede

Es zeigt sich auf den ersten Blick, dass acht der finanziell stärksten terroristischen Gruppen auf irgendeine Weise mit dem Islam verbunden sind. Und dies wird unser Schwerpunkt im Rest dieses Buches sein, da es im Westen den größten Anlass zur Sorge gibt (und zufällig auch mein persönlicher Hintergrund ist).

Es wäre aber ein Fehler, zu glauben, dass alle Muslime gleich denken und handeln. Die beinahe 1,8 Milliarden Anhänger Allahs in aller Welt14, die sich von Marokko bis nach Indonesien und darüber hinaus erstrecken, sind gewiss nicht alle gleich – genauso wenig, wie es die 2,3 Milliarden Anhänger Christi sind. Beide Glaubensrichtungen zerfallen in etliche verschiedene Strömungen, und unter den beiden gibt es eine große Bandbreite des religiösen Eifers oder der religiösen Gleichgültigkeit.

Nicht alle 1,8 Milliarden Anhänger Allahs denken und handeln gleich – genauso wenig, wie es alle 2,3 Milliarden Anhänger Christi tun.

Denken Sie einen Moment an Malala Yousafzai, das junge Mädchen aus Pakistan, dem die Taliban eine Kugel in den Kopf jagten, weil sie zur Schule ging. Sie überlebte und wurde in aller Welt zu einer Wortführerin für Bildung für Mädchen. 2014 wurde sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Und nun denken Sie an Abu Bakr al-Baghdadi, den feuerspeienden Mullah, der im selben Jahr zum Kalifen (also zum Nachfolger Mohammeds und somit zur höchsten Autorität) des IS erklärt wurde. Beide sind Muslime! Beide lesen den Koran, gehen freitags in die Moschee, sprechen die vorgeschriebenen Gebete usw. Aber zwischen ihren Persönlichkeiten liegen Welten.

Die größten Segmente – oder «Denominationen», wenn Sie so wollen – im Islam sind die Sunniten (über 80 Prozent) und die Schiiten (weniger als 20 Prozent). Aber sie sind nicht gleichmäßig verteilt. Die Schiiten sind in Ländern wie Iran, Irak, Jemen und Bahrain in der Mehrzahl. Dazu kommen große Bevölkerungsanteile im Libanon, in Pakistan und Indien. So ziemlich überall sonst dominieren die Sunniten – in Saudi-Arabien, Jordanien, Syrien, der Türkei, Ägypten und den palästinensischen Gebieten sowie in den Golfstaaten Katar (wo meine Familie immer noch lebt) und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Man kann von keinem Land sagen, es sei ganz das eine oder das andere, genauso wenig, wie man einfach sagen kann, England sei protestantisch oder Mexiko sei katholisch.

Diese Spaltung des Islam ist nichts Neues. Sie reicht zurück bis zum Tode Mohammeds im Jahr 632. Wer sollte sein Nachfolger werden, der nächste Kalif? Die meisten Anhänger sagten, es solle Abu Bakr sein, ein enger Freund Mohammeds und zugleich sein Schwiegervater. Sie verpflichteten sich, den Taten und den sunna (Lehren) des Propheten nachzufolgen; daher der Name Sunniten.

Andere jedoch widersprachen und sagten, der neue Anführer sollte ein Blutsverwandter Mohammeds sein. Sie behaupteten, er habe Ali, seinen Vetter und Schwiegersohn, gesalbt. Diese Leute nannten sich schiaat Ali («Parteigänger Alis»), woraus sich der Name Schiiten entwickelte.

Fast fünfzig Jahre lang ging der Streit hin und her – bis Alis Sohn Hussein in einer Schlacht mit sunnitischen Truppen im Jahr 680 in Kerbela (im heutigen Irak) enthauptet wurde. Damit war die Spaltung für alle Zeiten besiegelt. Bis heute sind vierzig Prozent der Sunniten der Meinung, Schiiten seien keine richtigen Muslime. Und die Schiiten sind den Sunniten auch nicht besonders grün.

Knifflige Politik

Richtig unübersichtlich wird es, wenn in einer Nation irgendwie ein Herrscher an die Macht kommt, der zu einer Minderheit gehört. Präsident Baschar al-Assad von Syrien zum Beispiel gehört zu den Alawiten («Anhänger Alis»), einem Zweig der schiitischen Sekte. Doch die Bevölkerung Syriens ist zu drei Vierteln sunnitisch, während die Alawiten nur zwölf Prozent ausmachen. Von daher ist es kein Wunder, dass das Land sich seit 2011 in einem Bürgerkrieg zerfleischt, der die nach Meinung vieler Beobachter schlimmste Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg auslöste. Millionen unschuldiger Männer, Frauen und Kinder laufen um ihr Leben, während Assads Armee, die Rebellen, die ihn stürzen wollen, und der IS die Nation auseinanderreißen.

Ein Gegenbeispiel: Saddam Hussein herrschte als sunnitischer Muslim über den ganzen Irak, der zu zwei Dritteln aus Schiiten besteht (ganz zu schweigen von weiteren zehn Prozent Kurden). Dennoch gelang es ihm, mit eiserner Faust zu herrschen. Bei seiner Gefangennahme und seinem Tod Ende 2006 üben schiitische Präsidenten die Kontrolle aus – und haben alle Mühe, die Minderheit der Sunniten nicht zu polarisieren.

Der IS ist durch und durch eine sunnitische Organisation. Für Schiiten gibt es in der Zukunftsvision des IS keinen Platz. Sie sind dem Tode geweiht. Der IS betrachtet sich selbst als den wahren Beschützer der Sunniten, im Gegensatz zu den meisten Politikern, auf die nach den Worten des IS kein Verlass ist.

Als der IS im Herbst 2014 Ramadi erstürmte, eine große irakische Stadt mit einer halben Million Einwohnern, musste die Welt bestürzt mit ansehen, wie die Regierungsarmee dahinschmolz wie ein Eiswürfel in der Sonne. Besonders die amerikanischen und die Koalitionstruppen, die 2006 mit allen Kräften für diese Stadt gekämpft hatten, waren entsetzt. Der amerikanische Verteidigungsminister Ashton Carter sagte gegenüber CNN: «Die irakischen Streitkräfte zeigten einfach keinen Willen zum Kämpfen, [obwohl] sie zahlenmäßig nicht unterlegen waren. Im Gegenteil, sie waren dem Gegner sogar haushoch überlegen.»

Warum der Rückzug? Meiner Meinung nach lag es daran, dass die sunnitischen Soldaten nicht genügend taktische Unterstützung von den schiitischen Generälen in Bagdad bekamen. Die schiitischen Führer wollten sunnitische Kämpfer nicht mit adäquaten Waffen ausrüsten – die sich dann womöglich eines Tages gegen sie selbst richten würden. Ein Staat, der in sich selbst gespalten war, hatte dem IS nichts entgegenzusetzen.

Vielleicht sind Ihnen auch die Ausdrücke Salafisten oder Wahhabiten schon einmal untergekommen. Sie bezeichnen eine Bewegung innerhalb der sunnitischen Welt, die großen Wert auf die Reinheit der Religion, eine buchstäbliche Auslegung des Korans und die strikte Einhaltung seiner Vorschriften legt. Salafisten sind besonders in Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten aktiv. (Der Name Wahhabit steht für dieselben Leute, gilt aber als Schimpfwort.) Der IS ist definitiv der salafistischen Strömung innerhalb des sunnitischen Islam zuzurechnen.

Es könnte noch viel mehr über die Einzelheiten des islamischen Terrorismus geschrieben werden. Aber dies mag als Kontext reichen. Es wird deutlich, dass die Welt vor einer großen Herausforderung steht – besonders angesichts der Tatsache, dass regelmäßig junge Leute als «einsame Wölfe» auftauchen, um Terroranschläge an so unterschiedlichen Orten wie dem Boston-Marathon, dem kanadischen Parlament und den U-Bahnen von London und Moskau zu verüben. Die Angst ist überall.

Was steckt hinter alledem? Was für ein Denken treibt diese Leute, die Bomben legen, Raketen abschießen und Köpfe abschlagen? Woher dieser leidenschaftliche Hass? Und wie lässt er sich entschärfen? Diesen Fragen wollen wir uns nun zuwenden.

Kapitel 2

Ehre und Schande: Eine andere Denkweise

Wenn Sie in einer westlichen Gesellschaft leben, werden Sie sich selbst tendenziell hauptsächlich als Individuum begreifen. Von klein auf haben Sie verbreitete Redewendungen gehört wie «Du musst auf deinen eigenen Füßen stehen»; «Sei ein eigenständiger Mensch»; «Kümmere dich nicht darum, was andere über dich sagen»; «Jeder ist seines Glückes Schmied»; «Auf deinem Schiff bist du der Kapitän».

Wenn Angehörige oder Nachbarn etwas nicht gut finden, was Sie tun, dann ist das deren Problem, sagen Sie sich. Sie müssen sich an Ihre eigene Richtschnur halten.

Wenn ein Amerikaner, ein Deutscher oder ein Australier eine gesetzwidrige Handlung begeht, dann verlangt die Gesellschaft, dass diese Person festgenommen und vor Gericht gestellt wird, um bestraft zu werden. Ansonsten soll man die Leute in Ruhe lassen – jeder ist unschuldig, bis seine Schuld erwiesen ist.

Die Macht der Gruppe

Ich habe eine Neuigkeit für Sie: Im größten Teil der Welt läuft das ganz anders. Auf jeden Fall in der islamischen Welt. Ja, es gibt geschriebene Gesetze, an die man sich halten muss – aber tief in ihrem Innern sind die Leute nicht individualistisch; sie sind kollektivistisch. Sie sehen sich selbst als Teile von größeren Gruppierungen – der Familie, des Dorfes, des Stammes, der umma (das arabische Wort für die weltweite Gemeinschaft der Anhänger des Islams). Wie die Gruppe eine Person sieht, ist von höchster Wichtigkeit.

Deshalb liegt das Kontinuum, das die Menschen in jedem wachen Moment im Bewusstsein haben, nicht in erster Linie zwischen Schuld und Unschuld, sondern vielmehr zwischen Ehre und Schande. Mache ich meiner Gruppe Ehre? Was denken die Leute jetzt von mir? Bin ich ein angesehenes Mitglied? Habe ich irgendetwas getan, was meine Leute in Verlegenheit bringt? Kann ich erhobenen Hauptes meinen Eltern, meinen Großeltern, den Ältesten meiner Gemeinschaft, dem Imam in meiner Moschee unter die Augen treten?

Wenn ein Mitglied meiner Gruppe schlecht behandelt worden ist, ist es meine Pflicht, ihm Ehre zu erweisen, indem ich Maßnahmen zu seiner Verteidigung ergreife. Wenn jemand in meiner Gruppe sich illoyal verhalten hat, so muss ich ihn mit Schimpf und Schande dafür bestrafen.

Hier ist ein Beispiel: Als ich im Alter von zweiundvierzig Jahren in Kansas City (Missouri) Jasua (Jesus) als das wahre Wort Gottes annahm und ihm mein Leben anvertraute, da sagte meine Familie in Katar, zwölftausend Kilometer weit weg, nicht etwa: «Nun, er ist ein erwachsener Mann; lasst ihn tun, was er will» (individuelle Autonomie).

Sie sagte auch nicht: «Tass, du bist im Irrtum. Du hast eine falsche Religion angenommen» (intellektueller Widerspruch).

Sie sagte nicht: «Dafür wirst du in der Hölle schmoren» (praktische Konsequenz).

Nein, sie sagte sinngemäß: «Du hast unsere Familie entehrt! Du hast uns alle in Verlegenheit gebracht. Du hast der ganzen Familie Abu Saada Schande gemacht. Wir sind entsetzt darüber, wie du unseren Namen besudelt hast.»

Ich hatte ihnen einen sorgfältig formulierten Brief geschickt – handgeschrieben, sieben Seiten lang –, um ihnen zu erklären, was Gott in meinem Herzen und meinem Leben tat. Die postwendende Antwort meiner Familie war dreimal so lang – einundzwanzig Seiten, geschrieben von einem meiner Brüder im Namen der ganzen Gruppe. Der Inhalt lautete sinngemäß: «Du bist verrückt. Wenn du nicht sofort zum Islam zurückkehrst, bringen wir dich bei der ersten Gelegenheit um.»

Daraufhin rief ich meinen Vater an und versuchte, vernünftig mit ihm zu reden. Ich gab zu, dass ich während der letzten neunzehn Jahre, seit ich in Amerika lebte, so ziemlich jede Sünde begangen hatte, die man sich in irgendeiner Religion vorstellen kann. Ich hatte zügellos gelebt. Ich hatte Alkohol getrunken (im Islam ein absolutes Tabu), war ein Schürzenjäger gewesen und hatte meinen Bekannten Leid zugefügt. «Aber jetzt habe ich mich verpflichtet, ein neues Leben anzufangen, mich um meine Frau und meine beiden Kinder zu kümmern und den Armen zu helfen», fügte ich optimistisch hinzu.

Die Antwort meines Vaters war schroff: «Solange du lebst, werden wir nichts mehr mit dir zu tun haben.»

Elf Jahre später hatte ich den Eindruck, ich sollte das Risiko eingehen, zurückzukehren und meine alten Eltern noch einmal zu besuchen. Beide waren inzwischen gesundheitlich angeschlagen. Als ich meinen ältesten Bruder, den Erstgeborenen der Familie, anrief, um ihm meine Flugpläne mitzuteilen, fuhr er mich barsch an: «Du hast offenbar ein schlechtes Gedächtnis, Taysir. Weißt du nicht mehr, dass ich dich umbringen will?» Er und die anderen waren offensichtlich überzeugt davon, sie müssten mein Blut vergießen, um ihre Ehre zurückzugewinnen.

(Wie dieses Drama ausging, können Sie in meiner Autobiografie Ich kämpfte für Arafat nachlesen.)

Reinheit oder Tod

Das ist keine extreme oder ungewöhnliche Reaktion in einer Kultur, die auf Ehre und Schande beruht. Wenn ein Mädchen entehrt wird, ist das ein besonders schwerer Schlag für eine arabische Familie. Deshalb entführen und vergewaltigen Terrorgruppen junge Frauen. Sie wissen, dass sie damit ganzen Familien tiefe Wunden zufügen.

Wird ein entführtes Mädchen irgendwie befreit und seiner Familie zurückgegeben, wird es nicht mit offenen Armen empfangen, wie es im Westen der Fall wäre. Die Familie ist entehrt worden. Diese Schande würde sich noch vergrößern, wenn die Tochter wieder aufgenommen würde und unter dem Dach der Familie leben dürfte. Sie ist «beschmutzt» worden. Deshalb glaubt die Familie in vielen Fällen, das Mädchen töten zu müssen, um ihren guten Ruf wiederherzustellen. Die Gruppenehre ist ein höherer Wert als ein individuelles Leben.

Wenn ein Mädchen entehrt wird, ist das ein besonders schwerer Schlag für eine arabische Familie. Deshalb entführen und vergewaltigen Terrorgruppen junge Frauen.

Ich werde nie den Abend der Hochzeit meiner Schwester in Katar vergessen. Ich war sechzehn Jahre alt, und sie heiratete meinen besten Freund. Die Trauung fand in dem großzügigen Haus der Familie des Bräutigams statt und wurde von dem örtlichen Imam vorgenommen. Nachdem die Formalitäten abgeschlossen waren, begann das Fest mit reichlich Essen, Gesang und Gelächter.

Ich war jedoch nervös, denn bald war es Zeit, dass sich das Paar zu seiner ersten nikah (eigentlich Eheschließung; wird aber auch für Ehevollzug verwendet) in ein Schlafzimmer zurückziehen würde, um danach wieder zum Fest zurückzukehren. Dabei würden die Angehörigen des Ehemannes vor der Tür stehen, ebenso wie meine Eltern und mein ältester Bruder. Unglücklicherweise befand sich mein Bruder aber zu seinem ersten Studienjahr in Ägypten, so dass ich als das nächstälteste männliche Familienmitglied für ihn einspringen musste. Mir war das sehr peinlich.

Die Jungfräulichkeit meiner Schwester war absolut obligatorisch – und musste hinterher durch ein Betttuch mit frischem Blut von dem gerissenen Jungfernhäutchen bewiesen werden. Dies ist keine rein islamische Sitte; Sie können das auch schon im Gesetz des Mose nachlesen. In 5. Mose 22,13–21 finden wir die Vorschrift, wenn ein junger Ehemann behauptet, seine Braut sei in ihrer Hochzeitsnacht keine Jungfrau mehr gewesen, sollen ihre Eltern «das Gewand (aus der Hochzeitsnacht) vor den Ältesten der Stadt ausbreiten, dann sollen die Ältesten dieser Stadt den Mann packen und züchtigen lassen. Sie sollen ihm eine Geldbuße von hundert Silberschekel auferlegen und sie dem Vater des Mädchens übergeben, weil der Mann eine unberührte Israelitin in Verruf gebracht hat» (Vers 17–19; Einheitsübersetzung).

Andererseits, «wenn der Vorwurf aber zutrifft, wenn sich keine Beweisstücke für die Unberührtheit des Mädchens beibringen lassen, soll man das Mädchen hinausführen und vor die Tür ihres Vaterhauses bringen. Dann sollen die Männer ihrer Stadt sie steinigen und sie soll sterben, denn sie hat eine Schandtat in Israel begangen, indem sie in ihrem Vaterhaus Unzucht trieb. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen» (Vers 20–21; Einheitsübersetzung).

Genauso galt das in unserer islamischen Kultur auch noch 1967 – nur dass die Tötung, falls sie nötig werden sollte, schneller und effizienter vonstatten gehen würde. Ich starrte an jenem Abend auf die Pistole, die bereits im Hosenbund meines Vaters steckte. Ich wusste, er würde nicht zögern, sie zu benutzen, falls meine Schwester vorgetäuscht hatte, etwas zu sein, was sie nicht war. Meine Mutter und ich würden die offiziellen Zeugen sein.

Aber dann ging eine schreckliche Vorstellung durch meinen jungen Kopf: Was wäre, wenn mein Vater mir die Waffe geben und mir befehlen würde, die Tat an seiner Statt zu vollbringen? Ich erschauerte bei dem Gedanken. Würde ich seinem Befehl gehorchen können? Ich wusste es nicht. Händeringend stand ich da, während sich die Gedanken in meinem Kopf überschlugen.

Zäh verstrichen die Minuten. Ich gab mir alle Mühe, ruhig zu bleiben. Dann kam mein frischgebackener Schwager aus dem Schlafzimmer und hielt das befleckte Bettlaken empor. Meine Schwester hatte den Test bestanden. Alles war gut. Die Ehre unserer Familie war gewahrt. Ich stieß einen gewaltigen Seufzer der Erleichterung aus. Die Pistole würde heute Abend nicht gebraucht werden.

Gründe für den Hass auf den Westen