Das Problem mit niemals wieder - Rhiana Corbin - E-Book
BESTSELLER

Das Problem mit niemals wieder E-Book

Rhiana Corbin

3,8

Beschreibung

Florence lebt seit kurzer Zeit in Virginia Beach bei ihrem Vater. Ihre Mutter ist eine französiche Schauspielerin und hat wenig Zeit für ihre Tochter, denn die Karriere ist ihr wichtiger. Als Florence vom einem Internat auf die staatliche Schule wechselt, ist das Chaos vorprogrammiert. Gleich am ersten Tag lernt sie Javier Mendes kennen und verliebt sich in den gut aussehenden Jungen mit spanischen Wurzeln. Jedoch hat Javier viele Eisen im Feuer und ein großes Geheimnis. Das ist Florence zu viel. Sie schwört sich: Niemals wieder. Zehn Jahre vergehen, als sie sich wiedersehen ... doch Florence hat sich etwas geschworen ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 165

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
3,8 (6 Bewertungen)
3
1
1
0
1
Sortieren nach:
Roxymonoxid
(bearbeitet)

Nicht empfehlenswert

Kann denn BITTE mal jemand den Tippfehler auf dem Cover ausbessern? Ich werde einenTeufel tun und ein Buch lesen, das mit einem Rechtschreibfehler direkt auf dem COVER hervorsticht. Das tut doch weh, Mensch.
10

Beliebtheit




Das Problem mit niemals wieder

Rhiana Corbin

Inhalt

Zitat

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

10 Jahre später

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Danksagung

Leseprobe

Deutsche Neuausgabe

Copyright © 2017, 2018 Rhiana Corbin

Alle Rechte vorbehalten

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung

1. Auflage

Lektorat: C. Ullmann

Covergestaltung: Andrea Wölk

Unter Verwendung folgender Fotos:

© anna_om – Bigstock.com

Rhiana Corbin, Lutherstr. 16, 46414 Rhede

www.mybooklove.de

Zitat

Man kann nicht wählen, wann man lieben wird.

(norwegisches Sprichwort)

Kapitel 1

Florence

Hast du genug Geld dabei, um dein Mittagessen zu bezahlen?«

Die Stimme meines Vaters hallt durch den Flur, als würde er die Kadetten zum Morgenappell wecken. Immerhin ist er Commander der Naval Air Station Oceana in Virginia Beach. Ich stehe stramm, als gehörte ich seiner Basis an. Sein Ton ist mir neu, denn so lange lebe ich noch nicht mit ihm zusammen, aber ich werde mich schon an ihn gewöhnen. Jetzt, wo er mich am Hals hat, leben wir in einem richtigen Haus, nahe der Air Base. Es wäre für Alexander, meinen Vater, alles wesentlich einfacher, wenn Mom nicht so eine Egoistin wäre, der ihre Karriere als Schauspielerin wichtiger ist als ihr einziges Kind. Ich habe bisher ein unstetes Leben geführt, jedes Jahr in einem neuen Land, einer anderen Stadt, mit einer unbekannten Schule, da Mutter immer wieder an entfernten Orten gedreht hat und mich bei sich behalten wollte. Alexander hat dem nun einen Riegel vorgeschoben und mit Mathilda vereinbart, dass ich das letzte Highschool-Jahr bei ihm in Virginia Beach verbringe.

Seit drei Tagen lebe ich nun hier und muss mit einem Vater klarkommen, den ich zuletzt vor fünf Jahren gesehen habe. In jüngster Zeit habe ich in Paris gelebt, weil Mathilda dort einen Filmdreh hatte. Ich habe dort die internationale Schule besucht. Mich jetzt wieder an einer staatlichen Lehranstalt zurechtzufinden, wird eine Umstellung.

Alexander hat mir einen kleinen Wagen gekauft. Der Fiesta hat schon einige Jahre auf dem Buckel, aber er ist gut in Schuss. Über die Farbe lässt sich streiten, Kirschrot ist nicht so ganz mein Ding, viel zu auffällig, aber bekanntlich schaut man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul. Daher halte ich die Klappe und schnappe mir die Autoschlüssel. Alex hat ihn mir mit einem Schlüsselanhänger überreicht: ein silberner Schutzengel, als wüsste er genau, wie ich Auto fahre. Ich gebe zu, es ist nicht ganz einfach für mich hier, denn ich bin die Straßen in Europa gewohnt, die kleiner und überschaubarer sind. Doch ich werde das schon hinbekommen. So wie ich immer alles meistere, was meine Mutter mir zumutet. Wäre ich ein Tier, dann vermutlich ein Chamäleon. Ich ordne mich den Gegebenheiten unter, versuche, nicht aufzufallen, schwimme mit der Masse. Wenn man eine Mutter wie Mathilda King hat, die bereits als Dreizehnjährige einen Golden Globe gewonnen hat und zusätzlich den Oscar, sozusagen als Sahnehäubchen obendrauf, weiß man, wie man sich unsichtbar macht. Eine berühmte Mutter zu haben, ist nicht immer von Vorteil, erst recht nicht, wenn diese das Älterwerden nicht erträgt. Eine Tochter, die augenscheinlich faltenfrei neben einem steht, lässt jede Mutter alt aussehen. Sie musste die Konkurrenz beiseiteschaffen. Töten konnte sie mich ja nicht, also musste sie mich eben versteckt halten.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, bin ich froh, nun bei meinem Vater zu leben. Er steht zu seinen Falten, allerdings hat er auch kaum welche.

Alex wartet mit einer ledernen Aktentasche in der Tür auf mich, die hinausgeht auf unseren ansehnlichen Vorgarten. Alles ist sehr gepflegt, wie jedes Haus in diesem echt schönen Viertel von Virginia Beach, jeder Grashalm ist akkurat geschnitten, als wäre er ein Soldat in Alex’ Kompanie. Ich sollte mich darüber nicht lustig machen, denn ich habe eine Menge Kinder kennengelernt, die es nicht so gut haben wie ich. Dennoch kann ich mir diese Frotzeleien nicht verbeißen, es ist eben meine Art Humor und solange ich niemanden damit verletze, darf ich es mir erlauben.

»Hast du alles, Kleines?«

Kleines! Das war schon immer sein Kosename für mich und es zaubert mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht, wenn er es mit dieser militärisch geschulten Stimme sagt. Dieser Widerspruch hat etwas Reizvolles. Dann kann ich verstehen, was Mathilda an ihm gefunden hat. Was er allerdings an ihr geliebt hat, wird wohl immer sein Geheimnis bleiben. Vielleicht frage ich ihn mal danach, wenn ich den richtigen Zeitpunkt erwische, doch der ist bisher noch nicht aufgetaucht.

»Ja, Alex. Ich bin bereit.«

Wenn er lächelt, zeigt sich ein Grübchen auf der rechten Wangenseite. Es zeigt mir, dass er zufrieden ist. Er hat nie von mir verlangt, dass ich ihn Dad nenne, dafür kenne ich ihn einfach nicht gut genug. Er scheint mit »Alex« zurechtzukommen, und ich mag den Namen.

»Du kennst den Weg?«

»Klar, es ist ja nur die Straße runter.« Das bekomme selbst ich hin.

Er berührt meine Schulter, als ich in den Fiesta steige, und presst die Lippen aufeinander, das ist seine Art, sich zu verabschieden. »Hab einen schönen Tag, wir sehen uns heute Abend.«

»Alles klar, du auch«, rufe ich ihm hinterher, während er in den Jeep steigt.

Ich starte den Wagen, der problemlos anspringt, und gebe Gas. Nicht zu viel, denn ich bin erst zweimal damit gefahren, doch immerhin ist es ein europäisches Modell, alles ist mir vertraut. Vom Abelia Way, der Straße, in der unser Haus steht, bis zur Ocean Lakes Highschool fahre ich gerade mal vier Minuten. Ich biege vom Schumann Drive auf den Parkplatz, der mächtig voll ist, und ergattere noch eine Parkbucht ganz vorne, die nicht für die Lehrer reserviert ist. Als ich aussteige, blicken mich eine Menge Schüler neugierig an, aber ich denke mir nichts dabei.

»Hey, schöne Frau, hat man dir erlaubt, auf diesem Platz zu parken?«, ruft ein groß gewachsener Junge mit blonden Haaren und kommt auf mich zugerannt.

Sofort nehme ich eine Abwehrhaltung ein und verschränke die Arme vor der Brust, nachdem ich meine Schultasche über die Schulter gehängt habe. »Nein, wieso? Ist der vielleicht reserviert? Ich kann kein Schild entdecken.«

»Du bist neu hier, stimmt’s? Ich habe dich noch nie gesehen. Denn wenn du hier aufgewachsen wärst, wüsstest du, dass das der Parkplatz von Javier ist«, erklärt er mir und gestikuliert aufgeregt mit den Händen.

»Wer ist Javier? Der Schuldirektor?«, will ich wissen. Denn wer außer dem Direktor sollte einen Parkplatz haben, den niemand besetzen darf?

»Oh Mann, du hast echt keine Ahnung«, stöhnt der Junge auf. »Ich an deiner Stelle würde den Wagen umparken, wenn du Ärger aus dem Weg gehen willst. Und zwar schnellstens, bevor Javier kommt.«

Ich stehe dem Jungen gegenüber und sehe in seine grauen Augen, die weit aufgerissen sind. Sein Blick hat etwas Alarmierendes an sich, das mir ein ungutes Gefühl in der Magengegend verursacht. Will er mich nur verarschen oder sollte ich auf ihn hören? Die Vernunft siegt, und ich steige zurück in den Wagen, drehe eine Runde und parke dann in einer der hintersten Reihen.

Als ich auf den Eingang des Schulgebäudes zusteuere, tritt er mir erneut in den Weg. »Da bist du jedenfalls sicherer aufgehoben«, spricht er mich an und grinst. »Hi, ich bin Bennet Reed. Und du bist?« Er hält mir eine Hand hin.

»Ich bin die Neue. Florence Mitchell«, stelle ich mich vor und schüttele seine Hand. Komischer Kauz. Wer reicht einem heute noch die Hand, wenn er nicht mindestens über dreißig ist?

»Florence? Ein französischer Name?«

Darüber wundern sich die meisten – mein amerikanischer Nachname in Kombination mit dem französisch ausgesprochenen Vornamen.

»Ja. Beschwer dich bei meiner Mutter, die hat den Namen ausgesucht.«

Ich will an ihm vorbei, doch er hält mich auf. »Hey, warte doch mal. Ich hab doch gar nichts gesagt, sei nicht direkt eingeschnappt. Ich hab diesen Namen so nur noch nie gehört. Wo kommst du her?«

»Du bist ganz schön neugierig. Aber um deinen Wissendurst zu stillen: Ich komme aus Paris, also zumindest habe ich im letzten Jahr dort gelebt, davor in London und Madrid. Jetzt lebe ich hier.« Mehr braucht er nicht zu wissen, das ist schon mehr als genug.

»Wow! Du bist ja ganz schön rumgekommen. Wie kommt das?«

»Meine Mutter ist ...«, setze ich an, doch bremse mich schnell. »Mein Vater ist bei der Armee«, verbessere ich mich schnell. Niemand muss wissen, wer meine Mutter ist. Laute Musik lenkt mich von Bennet ab und ich blicke Richtung Parkplatz. Dort, wo vor wenigen Minuten noch mein Wagen stand, bevor Bennet mich beauftragt hat, ihn wegzufahren, parkt jetzt ein schwarzer Ford Mustang. Sein Lack glänzt in der Sonne. Drei Schüler steigen aus: zwei Jungs und ein Mädchen.

»Siehst du, jetzt weißt du, warum du den Platz frei machen solltest. Der Fahrer ist Javier Mendes und niemand legt sich freiwillig mit ihm an. Wir sehen uns.« Bennet macht sich aus dem Staub.

Die laute Musik ist mit dem Absterben des Motors verstummt. Ich blicke zu dem Typen, der aus dem Fond des Wagens geklettert ist. Er ist schmal und nicht sehr groß, hat aber einen Gang, als gehöre ihm die Welt. Er erinnert mich irgendwie an einen kleinen Welpen, der vorgibt, erwachsen zu sein. Das Mädchen, das auf der Beifahrerseite ausgestiegen ist, hat lange schwarze Haare, die ihr glatt über die Schultern fallen. Mann, sie reichen ihr fast bis zum Po. Auf High Heels stöckelt das Mädchen daher, als wäre sie darin geboren worden. Ich blicke auf meine Chucks, die schon bessere Tage gesehen haben, und schüttele den Kopf. In High Heels würde ich nicht mal drei Meter überstehen, ohne mir den Fuß zu brechen.

Als Letztes blicke ich den Fahrer an. Er sieht nicht aus wie ein Javier Mendes. Sein Name klingt spanisch, aber seine Haare sind karamellfarben und gewellt. Sie sehen aus wie Milchkaffee. Er trägt sie kinnlang und die Locken stehen ihm wild vom Kopf ab. Er ist groß, bestimmt einen Meter neunzig, schlank, doch die Arme wirken muskulös. Seine schwarze Jeans hängt ihm so tief auf den Hüften, dass man Angst haben könnte, sie würde ihm beim nächsten Schritt in die Kniekehlen rutschen. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, darüber ein schwarzes Hemd, das bis zur Mitte aufgeknöpft ist. Als er meinen Blick erwidert, zieht er die schwarzen Augenbrauen zusammen. Seine Augen sind hellbraun. Dunkle Bartstoppeln zieren sein Kinn. Okay, wenn ich ihn genauer betrachte, hat er etwas Spanisches an sich, das man aber erst auf den zweiten Blick erkennt. Er bahnt sich seinen Weg durch die Menge, und alle anderen Schüler scheinen ihm Platz zu machen. Sie schauen ihm heimlich hinterher, Mädchen verdrehen sehnsüchtig die Augen. Anscheinend ist er so etwas wie der Star der Schule. Vielleicht sollte ich Bennet dankbar sein, dass er mich gewarnt hat, denn mit einem Typen wie Javier will ich mich lieber nicht anlegen.

Er schlendert an mir vorbei, sieht mir dabei in die Augen, als wüsste er, dass ich auf seinem Parkplatz gestanden habe. Pure Verachtung kann ich in seinem Gesicht erkennen. Ich weiche diesem Blick unsicher aus, schultere meine Tasche. Lieber nicht unangenehm auffallen. Das hat mir in den letzten Jahren zu viel Chaos beschert. Ich will einfach nur in Ruhe dieses Schuljahr zu Ende bringen. Leider hat es gerade erst begonnen.

In der ersten Stunde habe ich Literatur – eines meiner Lieblingsfächer. Obwohl ich meinen Spind auf Anhieb finde, fällt es mir beim richtigen Klassenraum schon schwerer. Er liegt im ersten Stock, ganz am Ende des Gangs. Allerdings habe ich die falsche Treppe genommen, erklärt mir ein jüngeres Mädchen, das ich nach dem Weg frage. Ich hätte den gegenüberliegenden Treppenaufgang benutzen müssen. Dann finde ich den richtigen Raum. Natürlich komme ich zu spät. Der Lehrer hat bereits mit dem Unterricht begonnen, also muss ich klopfen. Das wird jetzt peinlich. Wie ich es hasse, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, aber als die Neue habe ich nun mal keine Wahl.

Mister Henry leitet den Kurs. Er ist ein schlanker Mann Mitte vierzig, sieht aber eher aus, als wäre er erst Anfang Dreißig. Für einen Lehrer sieht er sogar ultragut aus, wie ich feststelle. Sein Haar trägt er etwas länger und die schwarze moderne Brille sitzt lässig auf seiner Nase.

»Ah, Sie müssen Miss Mitchell sein, wenn ich richtig informiert bin.« Er winkt mich in den Raum.

»Florence Mitchell, Sir«, stelle ich mich zaghaft vor.

»Kommen Sie herein, junge Dame. Wie mir ein Vögelchen gezwitschert hat, ist Ihre Mutter die bezaubernde Mathilda King. Habe ich recht?«

Ich trete näher und verdrehe innerlich die Augen. »Ja«, gebe ich leise zu. Da es aber so still ist, dass man eine Nadel fallen hören könnte, klingt es, als würde ich durch ein Megaphon sprechen. Ein Raunen geht durch die Klasse. Natürlich kennen alle meine Mom.

»Ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Mutter«, erklärt Henry, steht auf und reicht mir die Hand. Er scheint zu vergessen, dass Mathilda der Star ist, nicht ich. Aber vielleicht denkt er, wenn er mich berührt, würde er gleichzeitig ihr nahekommen.

»Toll. Ich freue mich, Sie in meiner Klasse zu haben. Setzen Sie sich. Dort hinten in der letzten Reihe ist noch ein Platz frei.« Er zeigt auf den Fensterplatz in der hintersten Sitzgruppe.

Mit gesenktem Kopf gehe ich an den Stuhlreihen entlang und kann die neugierigen Blicke förmlich spüren. So geräuschlos wie möglich lasse ich mich auf den letzten freien Platz nieder.

»Ich freue mich, dass Sie alle dieses Jahr meinen Kurs besuchen. Im letzten Jahr hatten wir damit begonnen, Arbeitsgruppen zu bilden, was sich als äußerst hilfreich erwiesen hat. Deshalb werden wir das in diesem Jahr fortführen.«

Ein Raunen geht durch die Reihen.

»Im ersten Halbjahr nehmen wir uns die Werke von Jane Austen vor. Sie werden jeweils mit dem Partner zu Ihrer linken Seite eine Arbeitsgruppe bilden.«

Lautes Stöhnen wabert über dem Raum wie zäher Morgennebel. Ich lächele in mich hinein. Ich habe keinen linken Nachbarn, also werde ich allein lernen. Alles bestens.

»Dann sind wir wohl für dieses Jahr la pareja.« Die tiefe, leise Stimme lässt mich zusammenfahren, denn sie kitzelt an meinem Ohr.

Erschrocken blicke ich zur Seite und sehe in hellbraune Augen mit goldenen Sprenkeln, gepaart mit karamellfarbenen Locken. Ich muss hart schlucken, der spanische Akzent überrascht mich.

»La pareja?«, wiederhole ich leise.

»Sí … ein Paar. Arbeitspartner. Hallo, mein Name ist Javier Mendes.«

Kapitel 2

Florence

Ich muss eingeschlafen und in der Hölle aufgewacht sein. Der Literaturhölle von Mister Henry. Vorsichtig werfe ich einen Blick über unsere Reihe und zähle ab. Das kann doch nicht sein. Eins, zwei, eins, zwei … zähle ich. Übrig bleiben dieser Javier und … ich.

Kann dieser Tag noch schlimmer werden? Vielleicht sollte ich das Hauptfach wechseln. Was natürlich nicht möglich ist, aber träumen darf man doch wohl.

»Ich habe hier Textauszüge, die Sie bitte in Ihrer Arbeitsgruppe durcharbeiten werden. Es ist eine Hausaufgabe, für die Sie sechs Wochen Zeit haben.« Mister Henry beginnt damit, die Blätter zu verteilen.

Vermutlich habe ich doch Glück. Dieser Mendes sieht nicht aus, als würde er Hausaufgaben machen, geschweige denn sich für Jane Austen interessieren. Ich nehme den Zettel entgegen und Mister Henry bleibt einen Augenblick an unserem Tisch stehen.

»Mendes und Miss Mitchell. Das ist eine interessante Zusammensetzung«, meint er knapp und wendet sich wieder der Klasse zu.

Was auch immer er damit gemeint hat …

»Wo wohnst du?«, fragt Mendes leise.

Ich starre ihn entsetzt an. Wieso will er wissen, wo ich wohne?

»Das geht dich nichts an«, flüstere ich.

»Wenn wir die Hausaufgabe zusammen erledigen wollen, muss ich wissen, wo du wohnst. Bei mir können wir nicht arbeiten«, knurrt er wütend.

Er ist sehr furchteinflößend, daher murmele ich schnell: »Abelia Way, das letzte Haus auf der rechten Seite.«

»Welche Farbe hat dein Haus?«

»Die Häuser in der Straße sehen alle gleich aus, beige mit einem schwarzen Dach.« So wie alle sechzehn Häuser in der Straße.

Er kritzelt die Adresse auf das Blatt, welches uns Mister Henry gegeben hat. Ich werfe einen Blick darauf. Stolz und Vorurteil steht dort als Überschrift mit großen Lettern. War ja klar. Ich rutsche immer tiefer auf meinem Stuhl. Wann ist diese Stunde endlich vorbei und beendet mein Leiden? Ich sollte die Schule wechseln, nein, vielleicht direkt die Stadt.

Das Mädchen, das in der Reihe vor mir sitzt, dreht sich zu uns um. »Welches Thema habt ihr bekommen?«, will sie wissen. Ihre Augen blicken mich neugierig an und sie lächelt freundlich. Ihr blonder Pferdeschwanz wippt unaufhörlich.

Ich blicke sie schweigend an.

»Bennet und Darcy«, antwortet Javier für uns.

»Wir haben Verstand und Gefühl«, erklärt sie und blickt zu dem Jungen neben sich.

»Hi, Florence«, meint er und ich schaue in Bennet Reeds Gesicht. »Du hättest mir sagen sollen, dass du im Literaturkurs bist, dann hätte ich dir den Raum gezeigt.«

Vielen Dank auch.

»Du kennst sie?«, fragt Javier an Bennet gewandt, als wäre ich gar nicht anwesend.

»Nein, er kennt mich nicht«, erkläre ich pampig.

»Klar, wir sind uns heute Morgen am Eingang begegnet«, erklärt Bennet und zwinkert mir zu.

Soll das Zwinkern heißen, er wird nicht verraten, dass ich Javiers Parkplatz besetzt hatte? Überhaupt, welcher Schüler hat schon seine eigene Parkbucht? Gehört ihm etwa die verdammte Schule? Wohl kaum.

»Was hast du in der nächsten Stunde?«, fragt das Mädchen.

»Mathe«, meine ich begeistert und sehe, wie sich ihr Gesichter verfinstert.

»Ich auch«, meint sie mürrisch. »Ich bin übrigens Em, also Emma Spencer, und dieser Dummkopf hier ist mein Freund.«

»Hey«, meint Bennet und küsst ihre Wange.

»Wir können ja zusammen gehen, dann musst du den Raum nicht suchen«, schlägt Emma hoffnungsvoll vor.

»Sie kann mit mir gehen«, brummt Javier und keiner wagt, ihm zu widersprechen. Selbst ich nicht. Doch ich schenke Emma ein Lächeln.

»Mister Reed, wenn Sie nach Ihren Liebesbekundungen wieder dem Unterricht folgen wollen?«, ruft Mister Henry in den Raum und alle verstummen.

Bennet dreht sich lächelnd um. »Aber immer doch«, entgegnet er und bringt damit alle zum Lachen.

Nach der Stunde will ich mich Emma und Bennet anschließen, doch Javier raunt mir ein unfreundliches »Komm mit« zu, schnappt sich meine Tasche und läuft davon.

»Hey«, rufe ich und sehe Emma entschuldigend an. Sie verfolgt die Szene mit offenem Mund, während ich hinter Javier herlaufe.

»Warte, du kannst doch nicht einfach so mit meiner Tasche abhauen«, meckere ich, nachdem ich ihn eingeholt habe.

»Doch«, ist seine Antwort.

Wir betreten einen Raum, in dem schon einige Schüler sitzen. Genau wie in der ersten Stunde, werde ich offensichtlich unter die Lupe genommen. Da mich Javier begleitet, wird mir mehr Aufmerksamkeit zuteil, als mir lieb ist.

»Hier, setz dich. Der Platz neben mir ist frei«, erklärt er leise.

»Schon wieder? Du scheinst von freien Plätzen umgeben zu sein. Will niemand neben dir sitzen?«, frage ich freiheraus.

Ein dunkles Lachen ist die Antwort.

Das Mädchen, das vorhin aus Javiers Auto gestiegen ist, kommt geradewegs auf mich zu. »Du sitzt auf meinem Platz«, zischt sie mich an.

Ich blicke Javier geschockt an. Will er mich vorführen? Warum hat er mir das nicht gesagt, sondern mir diesen Platz sogar noch angeboten?

»Entschuldige«, erwidere ich kleinlaut und will mich erheben, doch Javier greift nach meiner Hand, sodass ich in der Bewegung innehalte.

»Du sitzt nicht mehr hier, Loreena.« Javier schaut zu ihr hoch und liefert sich mit ihr ein Blickduell.

Loreena ist eine schwarzhaarige Schönheit. Superschlank, mit endlos langen Beinen, die in hohen Schuhen stecken, die ich nicht mal zum Abschlussball tragen würde. Ihre mandelförmigen grünen Augen glänzen wie Edelsteine. Sie wirft mit einer Hand ihr Haar zurück. Dabei rutscht das Shirt über ihrer knappen Jeans hoch, wodurch ihr Bauchnabel sichtbar wird.

»Ist das jetzt deine neue puta?«, zischt sie herablassend.

Javier schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch und springt auf. »Das geht dich nichts mehr an. Such dir einen anderen Tisch.« Er spricht leise, aber sein Blick sagt, dass es genug ist.