Das psychologische Experiment - Oswald Huber - E-Book

Das psychologische Experiment E-Book

Oswald Huber

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Beschreibung

Die seit Jahren bewährte Einführung macht mit den elementaren Grundlagen des Experimentierens und der Prüfung von empirischen Hypothesen vertraut – konsequent anhand anschaulicher Beispiele und mit vielen praktischen Tipps. Die zahlreichen Cartoons stammen alle aus der Feder des Autors. Das Konzept des Buches entstand aus der jahrelangen Lehrtätigkeit des Autors in der Methodikausbildung. Das Lehrbuch wurde vielfach erfolgreich in der Praxis erprobt und hat schon Generationen von Studierenden begleitet. Für die siebte Auflage wurde der Text ergänzt und aktualisiert. Unentbehrlich für Studierende der Psychologie und der Nachbardisziplinen, Lehrende im Bereich der Methoden lehre sowie für Nicht-Psychologen, die an einem besseren Verständnis der empirischen und experimentellen Psychologie interessiert sind.

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EPUB
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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Das psychologische Experiment

Oswald Huber

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Psychologie:

Prof. Dr. Guy Bodenmann, Zürich; Prof. Dr. Lutz Jäncke, Zürich; Prof. Dr. Franz Petermann, Bremen; Prof. Dr. Astrid Schütz, Bamberg; Prof. Dr. Markus Wirtz, Freiburg i.Br.

Oswald Huber

Das psychologische Experiment

Eine Einführung

Mit fünfundfünfzig Cartoons aus der Feder des Autors

7., überarbeitete Auflage

Prof. Dr. Oswald Huber

Bd de Pérolles 32

1700 Fribourg

Schweiz

E-Mail: [email protected]

 

Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien und Vervielfältigungen zu Lehr- und Unterrichtszwecken, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Psychologie

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

Schweiz

Tel. +41 31 300 45 00

[email protected]

www.hogrefe.ch

 

Lektorat: Dr. Susanne Lauri

Herstellung: René Tschirren

Umschlagabbildung: Oswald Huber, Fribourg

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Satz: Claudia Wild, Konstanz

Druck und buchbinderische Verarbeitung: AZ Druck und Datentechnik GmbH, Kempten

Printed in Germany

 

7., überarbeitete Auflage 2019

© 2019 Hogrefe Verlag, Bern

© 1987/1995/2000/2005/2009/2013 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern

 

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96010-4)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76010-0)

ISBN 978-3-456-86010-7

http://doi.org/10.1024/86010-000

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Anmerkung

Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.

Inhalt
Vorwort zur 7. Auflage
Einleitung
Kapitel 1: Psychologie als Wissenschaft
1.1 Alltagspsychologie und wissenschaftliche Psychologie
1.2 Sammlung von Tatsachenwissen – Erforschung von Gesetzmäßigkeiten
1.3 Variablen
1.4 Notwendigkeit der Variablenselektion
1.5 Die Prüfung von Hypothesen: Ein Überblick
Kapitel 2: Hypothesen
2.1 Was ist eine Hypothese?
2.2 Entstehung der Hypothesen
2.3 Überprüfung von Hypothesen
2.4 Typen von Hypothesen
2.4.1 Universelle Hypothesen
2.4.2 Existenzielle Hypothesen
2.4.3 Hypothesen über Anteile
2.4.4 Fast-universelle Hypothesen
2.5 Verifizieren – falsifizieren – bestätigen
2.5.1 Universelle Hypothesen
2.5.2 Existenzielle Hypothesen
2.5.3 Hypothesen über Anteile
2.5.4 Zusammenfassung
2.5.5 Prüfung von Hypothesen – Prüfung von Theorien
2.6 Vorbedingungen für die Überprüfbarkeit einer Hypothese
2.6.1 Widerspruchsfreiheit
2.6.2 Kritisierbarkeit
2.6.3 Operationalisierbarkeit
2.6.4 Aufstellung der Hypothese vor der Überprüfung
2.7 Qualitätskriterien für die Hypothese und die Überprüfung
2.7.1 Möglichst hoher empirischer Gehalt
2.7.2 Möglichst strenge Prüfung
Kapitel 3: Die Grundidee des Experimentierens
3.1 Experimentelle – nicht experimentelle Forschung
3.2 Typen von Variablen im Experiment
3.3 Beteiligte Personen
3.4 Grundprinzipien der Kontrolle von Störvariablen
3.5 Arten von Experimenten
3.5.1 Einteilung nach dem Ziel
3.5.2 Einteilung nach der Zahl der UVn
3.5.3 Einteilung nach der Zahl der AVn
3.5.4 Labor- und Feldexperimente
3.5.5 Internet-Experimente
3.5.6 Echte Experimente und Quasi-Experimente
Kapitel 4: Die wichtigsten Schritte bei einem Experiment
4.1 Überblick
4.2 Operationalisieren und Messen
4.2.1 Operationalisieren
4.2.2 Güte der Operationalisierung
4.2.3 Operationalisierungstechniken
4.2.4 Messen
4.2.5 Problemkreise beim Messen
4.3 Versuchsplan
4.4 Kontrolle der Störvariablen
4.4.1 Kontrolle von Störvariablen der Vpn
4.4.2 Störvariablen der Untersuchungssituation
4.4.3 Konfundierung
4.5 Stichprobe
4.5.1 Stichproben mit/ohne Zufallsauswahl
4.5.2 Stichprobe mit/ohne Schichtung
4.5.3 Typen von Stichproben
4.6 Empirische Vorhersage und statistische Hypothese
4.6.1 Empirische Vorhersage
4.6.2 Statistische Hypothese
4.6.3 Zusammenfassung
4.7 Durchführung
4.7.1 Ablauf
4.7.2 „Pflege“ der Vpn
4.7.3 Räumlichkeiten
4.7.4 Hilfsmittel und Geräte
4.7.5 Die Rolle des Computers
4.7.6 Instruktion
4.7.7 Standardisierung der Untersuchungsbedingungen
4.7.8 Probelauf (Vorexperiment)
4.8 Ergebnis
4.8.1 Statistische Auswertung
4.8.2 Schluss auf die Sachhypothese
4.8.3 Arten der Validität im Experiment (Gütekriterien)
4.9 Bericht
4.9.1 Inhaltliche Gliederung
4.9.2 Kritisches Lesen eines Berichtes
Kapitel 5: Versuchspläne mit mehr als zwei Gruppen
5.1 Einfaktorielle Versuchspläne
5.1.1 Prinzip
5.1.2 Prüfbare Hypothesen
5.2 Versuchspläne mit mehreren UVn
5.2.1 Prinzip
5.2.2 Prüfbare Hypothesen: Haupteffekte und Interaktionen
Kapitel 6: Störvariablen bei mehreren experimentellen Bedingungen pro Vp (Within-subjects-Designs – Versuchspläne mit Messwiederholung)
6.1 Positionseffekt und Carry-over-Effekt
6.2 Kontrolle von Positionseffekten
6.2.1 Vollständiges Ausbalancieren
6.2.2 Unvollständiges Ausbalancieren
6.3 Kontrolle von Carry-over-Effekten
Kapitel 7: Störvariablen aus der sozialen Situation des Experimentes
7.1 Die Erwartung des Vl als Störvariable
7.1.1 Der Versuchsleiter-Erwartungseffekt
7.1.2 Kontrolle des Vl-Erwartungseffektes
7.2 Versuchspersonen-Effekte
7.2.1 Erwartung der Vp
7.2.2 Motive der Vp
Kapitel 8: Quasi-Experimente
8.1 Was sind Quasi-Experimente?
8.2 Quasi-experimentelle Versuchspläne
8.2.1 Versuchspläne mit nicht äquivalenter Kontrollgruppe
8.2.2 Zeitreihenversuchspläne
8.2.3 Einzelfall-Versuchsplan mit Reversion
Kapitel 9: Ethische Probleme
9.1 Ethische Probleme bei psychologischen Untersuchungen
9.1.1 Schädigung der Vpn
9.1.2 Täuschung
9.1.3 Manipulation von Vpn-Eigenschaften
9.1.4 Unfreiwillige Teilnahme
9.1.5 Verletzungen der Vertraulichkeit/des Datenschutzes
9.2 Entschärfung und/oder Lösung von ethischen Problemen
9.2.1 Beseitigung des ethischen Problems
9.2.2 Informierte Einwilligung und Teilnahme
9.2.3 Nachträgliche Aufklärung
9.2.4 Expliziter Verzicht der Vp auf Rechte
9.2.5 Aufwiegen der negativen Aspekte pro Vp
9.2.6 Kosten-Nutzen-Rechnung
Literatur
Sachwortverzeichnis
Personenverzeichnis
Der Autor
Anmerkungen

Vorwort zur 7. Auflage

In der neuen Auflage habe ich den Text verschiedentlich ergänzt und aktualisiert. Die Grundkonzeption des Buches als allererster Einstieg in die experimentelle Methodik habe ich beibehalten. Ich habe auch jetzt wieder der Versuchung widerstanden, den Inhalt auszubauen und damit den Umfang zu erhöhen.

 

Fribourg, im Sommer 2019

 

Oswald Huber

Einleitung

In diesem Buch geht es um Methoden zum Prüfen von Hypothesen, oder einfacher ausgedrückt: um Werkzeuge, mit deren Hilfe wir feststellen können, ob eine Behauptung (z.B.: Fernsehen macht aggressiv) als falsch verworfen werden muss oder als (vorläufig) wahr akzeptiert werden kann.

Unter den Methoden zur Hypothesenprüfung nimmt das Experiment eine zentrale Stellung ein. Mit dem Buch verfolge ich das Ziel, die Leser mit den Grundlagen der experimentellen Methode vertraut zu machen.

Viele der behandelten Aspekte sind aber nicht nur für das Experiment bedeutsam, sondern auch für die anderen empirischen Methoden, so z.B. die Formulierung einer Instruktion oder die Kontrolle von Störvariablen.

Das Buch ist für Studierende der Psychologie in den allerersten Semestern geschrieben. Es setzt aber keinerlei spezielle psychologische Fachkenntnisse voraus. Daher ist es auch für Interessierte anderer Fachrichtungen als Einführung geeignet.

Ich möchte mit diesem Buch einen Einstieg in die Experimentalpsychologie bieten. Ich konzentriere mich daher auf die wichtigsten Aspekte und Probleme des Experimentierens und versuche, diese so einfach und klar darzustellen, wie es mir möglich ist.

Von dieser Konzeption als erster Einstieg für Studienanfänger her ist klar, dass das Buch unvollständig und selektiv sein muss. Manches muss hier auch vereinfacht dargestellt werden, was dann in späteren Semestern vertieft werden sollte. Meiner Erfahrung nach können aber Studierende in den ersten Semestern mit einer (unvollständigen und gelegentlich vereinfachenden) elementaren Einleitung wesentlich mehr anfangen als mit einem enzyklopädischen Handbuch. Dies scheint insbesondere dann zu gelten, wenn das Thema – bei den meisten Studienanfängern wenigstens – zunächst nicht gerade Begeisterungsstürme auslöst.

Den Stoff des Buches kann man erfahrungsgemäß in einer Vorlesung zu zwei Wochenstunden in einem Semester (ca. 14 Veranstaltungen) mit den Hörern gut durcharbeiten. Dabei ist vorausgesetzt, dass der Stoff der Statistik unabhängig von dieser Vorlesung erarbeitet wird.

Das Buch kann in drei große Inhaltsbereiche gegliedert werden:

Zunächst wird die Experimentalpsychologie in den generellen Rahmen der Formulierung und Prüfung von wissenschaftlichen Hypothesen eingebettet (Kap. 1–2).

Dann (Kap. 3–4) werden die experimentelle Methodik und die dabei auftretenden Probleme ausführlich behandelt. Ich habe mich bemüht, hier nicht nur einen theoretischen Überblick zu vermitteln, sondern auch immer wieder Hinweise und Tipps aus der Praxis des Experimentierens eingebaut.

Der letzte Teil (Kap. 5–9) bringt eine Erweiterung der Grundlagen (Versuchspläne mit mehr als zwei Gruppen, Stellungs- und Carry-over-Effekte, Effekte aus der sozialen Situation eines Experimentes, z.B. Versuchsleitereffekte, Quasi-Experimente, ethische Probleme).

Ich habe mit diesem Aufbau in der Lehre bisher sehr gute Erfahrungen gesammelt.

Kapitel 1

Psychologie als Wissenschaft

1.1 Alltagspsychologie und wissenschaftliche Psychologie

Damit wir im täglichen Leben bestehen können, benötigen wir eine Unmenge von Wissen aus den verschiedensten Sachbereichen. Ein Kind muss in den ersten Jahren seines Lebens u.a. lernen, dass Gegenstände auf den Boden fallen, wenn man sie aus der Hand lässt, dass ein Vogel fliegen kann, ein Dackel dagegen nicht, dass Menschen oder Gegenstände kleiner erscheinen, wenn man sich von ihnen wegbewegt, etc. All dies Wissen erarbeitet sich das Kind, ohne je Physik, Optik etc. zu studieren. Vieles erfährt es auch von anderen Menschen, die aber – wenigstens in den allermeisten Fällen – ebenfalls kein Studium absolviert haben. In ähnlicher Weise lernt das Kind auch psychologische Gesetzmäßigkeiten, z.B. dass fast immer in relativ kurzer Zeit die Mutter oder der Vater kommt, wenn es laut genug weint, dass sich andere Kinder oft zur Wehr setzen, wenn man versucht, ihnen ihr Spielzeug wegzunehmen, dass der Vater unwirsch reagiert, wenn er beim Fernsehen gestört wird, dass man Angst bekommt, wenn man in fremder Umgebung alleine sein muss, etc. Auch Erwachsene benutzen ein derartiges alltagspsychologisches Wissen im Umgang mit anderen Menschen und auch mit sich selbst. Wir verfügen also alle über eine Alltagspsychologie, Alltagsphysik, Alltagsbiologie, Alltagsastronomie, Alltagsmedizin etc., ohne diese Fächer wissenschaftlich studiert zu haben.

 

Ist unter diesen Umständen die wissenschaftliche Psychologie und ihr Studium nicht völlig überflüssig?

Dagegen spricht vor allem, dass alltagspsychologisches Wissen ein Eintopf aus Richtigem und Falschem, Vorurteilen, unbewiesenen Annahmen, (selten) aktuellen und (meist) längst überholten wissenschaftlichen Theorien etc. ist. Oft enthält es auch Widersprüche, die aber gar nicht weiter auffallen (z.B.: Gleich und gleich gesellt sich gern – Gegensätze ziehen sich an). Im Unterschied zur wissenschaftlichen Psychologie wird nämlich das Wissen der Alltagspsychologie normalerweise nicht mit geeigneten Methoden daraufhin kritisch überprüft, ob es wahr oder falsch ist. Alltagspsychologische Behauptungen werden in der Regel überhaupt nicht hinterfragt. Geschieht es dennoch, dann üblicherweise mit untauglichen Methoden. So ist eine im Alltag beliebte Methode, eine Behauptung zu „begründen“, die Berufung auf eine (natürlich möglichst anerkannte) Autorität: Professor X.Y., „die Wissenschaftler“ etc. Ich werde im Kapitel 2.3 wenigstens die wichtigsten dieser untauglichen Methoden behandeln (und kritisieren).

Weil in der Alltagspsychologie die Behauptungen nicht systematisch und methodisch kontrolliert auf ihre Richtigkeit hin geprüft werden, enthält sie einen wesentlich größeren Anteil an falschen Behauptungen als die wissenschaftliche Psychologie.

 

Hier nur einige Beispiele, die ich persönlich gehört oder gelesen habe. Sie sind sicher in der Lage, diese Beispiele aus Ihrer eigenen Erfahrung zu ergänzen:

Türken sind faul.Wer Alkohol gewohnt ist, der fährt auch mit 1,5 Promille genauso gut und sicher Auto wie ohne Alkohol.Frauen sind technisch weniger begabt als Männer.Ein paar Ohrfeigen haben noch keinem Kind geschadet.Menschen, die im Sternbild des Stieres geboren sind, sind stur.Ein männlicher Säugling, bei dem die Augenbrauen zusammengewachsen sind, wird einmal ein Taugenichts.Arbeitsgruppen leisten unter allen Bedingungen mehr als Einzelarbeiter.

Es gibt auch wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit alltagspsychologischen Annahmen beschäftigen. So fanden z.B. Secord, Dukes und Bevan bereits 1959 heraus, dass Männer mit grober Haut als aggressiver eingeschätzt werden als solche mit glatter. Das Buch von Atran und Medin (2008) behandelt die sogenannte Folkbiology, also die Art und Weise, wie Menschen im Alltag die biologische Welt verstehen.

Es sei betont, dass keineswegs alle Aussagen der Alltagspsychologie falsch sind. Das Problem liegt vielmehr darin, dass sie keine geeigneten Methoden (Werkzeuge) hat, um – wenigstens annäherungsweise – richtige von falschen Annahmen und Behauptungen trennen zu können. Der wesentliche Unterschied zwischen Alltags- und wissenschaftlicher Psychologie besteht darin, dass die wissenschaftliche Psychologie sich laufend bemüht, die Wahrheit oder Falschheit ihrer Behauptungen methodisch kontrolliert zu überprüfen. Methodisch kontrolliert meint, dass man Kenntnisse aus den verschiedensten Wissensbereichen anwendet, um Fehler und Irrtümer bei dieser kritischen Überprüfung zu vermeiden. „Normale Leute“ und auch Wissenschaftler neigen dazu, Informationen und Daten zu ignorieren, die ihrer Meinung widersprechen (vgl. z.B. Markman & Gentner, 2001). Die wissenschaftliche Methodik hilft den Wissenschaftlern jedoch, diesen Fehler weniger häufig zu machen. Wissenschaftliche Methodik kann also auch als Bemühen gesehen werden, unser Denken zu disziplinieren und zu verbessern.

In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit dem Problem der methodisch kontrollierten Überprüfung von Behauptungen ausführlich auseinandersetzen.

Wir sollten uns noch kurz überlegen, wieso uns falsche alltagspsychologische Annahmen, Vorurteile etc. in unserem täglichen Leben meistens gar nicht auffallen. Dies ist nämlich auch wichtig für die methodisch kontrollierte Überprüfung in der wissenschaftlichen Psychologie.

 

Ich sehe vier Hauptgründe:

(1) Auch wenn ich mein Handeln (oder meine Vorhersage) auf einer falschen Annahme aufbaue, kann das gewünschte (oder vorhergesagte) Ergebnis ohne mein Zutun trotzdem eintreten, weil ich Glück oder Pech (o. ä.) habe.

Herr K. hat die alltagspsychologische Theorie, dass man bei ausreichender Gewöhnung an Alkohol auch noch mit mehr als zwei Promille sicher fahren kann. Am vergangenen Mittwoch fuhr er nach dem Genuss von sechs großen Pils mit den dazugehörigen Schnäpsen mit dem Auto vom Stammtisch nach Hause, ohne auch nur in den kleinsten Unfall verwickelt zu werden. Herr K. sieht das als weitere Bestätigung seiner Theorie. In Wirklichkeit hat er nur Glück gehabt, dass er in keine kritische Verkehrssituation geraten ist.

Es ist aber durchaus möglich, dass das Ereignis ohnehin eintritt, unabhängig von meinem Handeln. Ein Beispiel ist der Medizinmann eines Stammes, der mit einem bestimmten Ritual jeden Morgen dafür sorgen muss, dass die Sonne aufgeht. Solange der Medizinmann jeden Morgen sein Ritual vollzieht, bestätigt der Sonnenaufgang für alle Beteiligten die Annahme, dass der Medizinmann dafür verantwortlich ist.

(2) Alltagspsychologische Annahmen (auch falsche) beeinflussen unser Handeln. Durch unser Handeln können wir aber u.U. das erwartete Ergebnis herbeiführen, auch wenn diese alltagspsychologische Annahme falsch ist.

Ein Elternpaar hat z.B. die falsche alltagspsychologische Hypothese, dass Mädchen technisch weniger begabt sind als Knaben. Aus diesem Grund versorgen sie ihre Tochter auch hauptsächlich mit typischem Mädchenspielzeug: Puppen, Puppenküche etc. Spielzeug, welches das technische Verständnis fördert (z.B. technische Baukästen), bieten sie nicht an. Beschäftigt sich das Mädchen dennoch gelegentlich mit technischen Dingen, machen sie abwertende Bemerkungen („Das verstehst du doch nicht“, „Das ist doch nichts für ein Mädchen“ etc.). Damit – und durch noch andere Verhaltensweisen – erreichen die Eltern im Lauf der Zeit (und ohne das speziell geplant zu haben), dass das Mädchen sein Interesse an technischen Dingen tatsächlich verliert und sich sein sehr wohl vorhandenes technisches Verständnis nicht weiterentwickelt. Für die Eltern ist aber dann sein Mangel an technischem Verständnis ein weiterer Beweis für ihre Alltagstheorie, dass dies eine spezifische Eigenschaft von Frauen ist.

 

(3) Was wir wahrnehmen und erinnern, ist oft von unseren Wünschen, Erwartungen etc. beeinflusst und verzerrt. Dies kann z.B. dazu führen, dass eine falsche alltagspsychologische Annahme nicht als solche erkannt wird.

Herr S. ist davon überzeugt, dass Leute, die im Sternbild der Zwillinge geboren sind, neugierig sind. Nun kann man aber sehr viele menschliche Verhaltensweisen als mehr oder weniger neugierig interpretieren: fernsehen, lesen, tratschen etc. Es kann durchaus sein, dass Herr S. ein und dieselbe Verhaltensweise anders wahrnimmt und interpretiert, je nachdem, ob die handelnde Person Zwilling ist oder nicht. Was ihm bei einem Zwilling als typisch neugierig erscheint, fällt ihm vielleicht bei einem Löwen gar nicht auf. Es findet also bereits auf der Ebene der Wahrnehmung eine Verzerrung zugunsten der Erwartung statt. Tatsächlich lässt sich zeigen, dass derartige Verzerrungen ungemein wirksam sind und uns helfen, unsere Vorurteile beizubehalten, solange es irgendwie geht. Aber auch das Gedächtnis spielt mit: Wir tendieren z.B. dazu, uns an die Fälle, welche unserer Erwartung entsprechen (also in unserem Beispiel: neugierige Zwillinge), gut zu erinnern, während wir solche, bei denen derartige Erwartungen nicht erfüllt werden, eher vergessen. Auch das bewahrt uns davor, unsere Annahmen ändern zu müssen.

 

(4) Bei der Anwendung alltagspsychologischen Wissens ist es oft schlicht irrelevant, ob das Wissen richtig oder falsch oder auch widersprüchlich ist. Wir verwenden es häufig nur dazu, um uns bestimmte Vorgänge nachträglich zu erklären. Dabei genügt es uns, wenn wir eine plausible (Schein-)Erklärung finden. Ob sie auch stimmt, ist nebensächlich. Ein ganz einfaches Beispiel: Frau X. erklärt sich die Tatsache, dass Frau G. (Akademikerin) und Herr D. (ungelernter Hilfsarbeiter) geheiratet haben, damit, dass sich Gegensätze eben anziehen. Sie hat damit eine subjektiv befriedigende Erklärung gefunden. Ob diese Alltagstheorie über die Gründe, warum Menschen einander anziehend finden, stimmt, ist irrelevant. Ihre wichtigste Funktion ist, dass Frau X das Ereignis nun in ihr Weltbild einordnen kann.

Die wissenschaftliche Psychologie bemüht sich systematisch, herauszufinden, ob ihre Behauptungen wahr sind oder falsch. Bei dieser kritischen Überprüfung versucht sie, die vorher besprochenen (und auch noch andere) Fehlerquellen zu neutralisieren. Wie wir gesehen haben, ist das nicht einfach, denn die Falschheit einer Behauptung muss gar nicht so ohne Weiteres auffallen. Die wissenschaftliche Psychologie entwickelt daher gezielt Strategien, welche es ermöglichen, auch falsche Behauptungen als solche zu entlarven.

Diese methodisch kontrollierte kritische Überprüfung ist der vermutlich wichtigste Unterschied zwischen der wissenschaftlichen und der Alltagspsychologie. Da die Letztere zum Thema „Prüfung von Behauptungen“ kaum etwas beizutragen hat (außer schlechten Beispielen), werde ich ab nun unter dem Begriff Psychologie stets die wissenschaftliche Psychologie verstehen.

Die methodisch kontrollierte kritische Überprüfung von Aussagen ist auch einer der zentralen Unterschiede zwischen Wissenschaften und Pseudowissenschaften (z.B. Astrologie, Intelligent Design, pseudohistorische Holocaustleugnung). Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit Pseudowissenschaften finden Sie in Macho (2016) und Shermer (2002). Das Magazin Skeptic geht auf aktuelle pseudowissenschaftliche Behauptungen und Ansätze im Detail ein. Nützlich für die Auseinandersetzung mit Pseudowissenschaften können auch die folgenden Websites sein: http://www.skeptic.com (Magazin Skeptic) und http://www.gwup.org (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e. V.). Auf dieser Website finden Sie auch einen Link zur deutschsprachigen Ausgabe von Skeptic: skeptiker (Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken).

1.2 Sammlung von Tatsachenwissen – Erforschung von Gesetzmäßigkeiten

Auf einem sehr allgemeinen Niveau kann man zwei globale Ziele der wissenschaftlichen Forschung unterscheiden: die Sammlung von Tatsachenwissen und die Erforschung von Gesetzmäßigkeiten.

 

Das Ziel der Sammlung von Tatsachenwissen ist die reine Beschreibung dessen, was (zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einem bestimmten Zeitraum) bei einer bestimmten Person, einer bestimmten Gruppe etc. der Fall ist. Sie sucht eine Antwort auf Fragen der Art: Was ereignet sich?, Was ist der Fall?, Welche Eigenschaften hat X.Y.?, Haben alle Individuen der Gruppe K die Eigenschaft A? etc.

„Klassische“ Sammlungen von Tatsachenwissen bilden medizinische oder auch klinisch-psychologische Einzelfallstudien, z.B. die Beschreibung von relevanten Symptomen, Eigenschaften, Verhaltensweisen, bedeutsamen Aspekten der persönlichen Geschichte eines ganz bestimmten Patienten. Die Sammlung von Tatsachenwissen gibt es aber auch in den Wissenschaften, deren Gegenstandsbereich leblose Objekte sind. So gehören zum gesammelten Wissen der Astronomie detaillierte Beschreibungen von einzelnen Himmelskörpern (z.B. Umlaufbahn, Größe, Zusammensetzung, Entfernung von anderen Himmelskörpern).

 

Die Erforschung von Gesetzmäßigkeiten hat als Ziel, ein Phänomen in ein (mehr oder weniger komplexes) System von psychologischen Gesetzmäßigkeiten einzubetten. Damit wird es auch möglich, vorherzusagen, was (unter bestimmten Voraussetzungen) geschehen wird. Sie versucht eine Antwort auf Fragen der Art zu geben: Wieso ist das und das geschehen?, Weshalb ereignet es sich?, Warum tut X.Y. das?, Was muss ich tun, damit das Ziel X erreicht wird?, Wie wird sich X.Y. in der Situation S verhalten? etc.

Eine Beschreibung eines Einzelfalles im Rahmen des Tatsachenwissens würde also z.B. genau auflisten, ob und wie im Detail sich Frau A. in einem bestimmten Zeitabschnitt aggressiv verhält. Die Erforschung von Gesetzmäßigkeiten hat dagegen das Ziel, allgemeine Gesetzmäßigkeiten herauszufinden, unter welchen Bedingungen sich Menschen aggressiv verhalten oder nicht. Eine derartige Gesetzmäßigkeit könnte z.B. lauten: Wenn ein Mensch A beobachtet, dass sich ein anderer Mensch B in einer bestimmten Situation (z.B. bei einer Reklamation im Kaufhaus) aggressiv verhält, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Mensch A ebenfalls aggressiv verhält. Die Beobachtung eines aggressiven Modelles wäre also (eine) Ursache für aggressives Verhalten.

 

Gesetzmäßigkeiten werden zunächst in Form von Vermutungen formuliert. Derartige Vermutungen werden als Hypothesen bezeichnet. Eine Hypothese aufzustellen, ist ein wichtiger Schritt im Forschungsprozess. Er kann jedoch nur ein Anfang sein, denn es muss ja erst noch kritisch überprüft werden, ob die Vermutung zutrifft, ob also die Hypothese wahr ist oder falsch. Ich werde in Abschnitt 1.5 einen ersten Überblick darüber geben, wie psychologische Hypothesen geprüft werden.

Die Sammlung von Tatsachenwissen (z.B. in Form von guten Beschreibungen von Einzelfällen) ist für die Psychologie – wie für die anderen empirischen Wissenschaften auch – eine wichtige und notwendige Grundlage für die Entwicklung von Hypothesen und Theorien. Das eigentliche Ziel einer Wissenschaft aber sind allgemeine Gesetzmäßigkeiten. So ist es sicher wichtig, möglichst detaillierte Beschreibungen von einzelnen Verkehrsunfällen zu sammeln. Das allein bringt uns aber nicht weiter, weder bei der Theorienbildung noch bei der praktischen Unfallverhütung. Was eigentlich interessant und auch für die praktische Arbeit notwendig ist, sind allgemeine Gesetzmäßigkeiten über die Ursachen, die zu Verkehrsunfällen führen.

 

Auf zwei Aspekte möchte ich im Zusammenhang mit der Sammlung von Tatsachenwissen nachdrücklich hinweisen:

Aus dem Tatsachenwissen (z.B. einer Sammlung von Einzelfallbeschreibungen) ergibt sich keineswegs quasi „von selbst“ (z.B. mithilfe statistischer Analysen) eine Hypothese oder eine Theorie. Dazu ist ein expliziter Akt der Hypothesenbildung notwendig. Damit die Hypothese aber brauchbar wird, muss sie erst noch kritisch überprüft werden.Auch die Beschreibung eines Einzelfalles kann nie vollständig sein und – im Zusammenhang damit – nie voraussetzungslos. Diesen Aspekt werde ich in den folgenden Abschnitten – besonders in Abschnitt 1.4 – behandeln.

1.3 Variablen

Sowohl Beschreibungen im Rahmen des Tatsachenwissens als auch Hypothesen über Gesetzmäßigkeiten enthalten Variablen als wesentliche Bestandteile.

 

Die Bezeichnung Variable hat sich in der Psychologie eingebürgert für beliebige Merkmale oder Eigenschaften eines Menschen, Lebewesens, Objektes, Systems etc. Die oben formulierte Hypothese über eine der möglichen Ursachen für aggressives Verhalten enthält beispielsweise die folgenden Variablen: Beobachtung bzw. Nichtbeobachtung eines aggressiven Modells, die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von aggressivem Verhalten.

Eine Variable hat mindestens zwei Abstufungen. Bei einem konkreten Menschen z.B. ist aber (in einem bestimmten Zeitabschnitt) jeweils nur eine Ausprägung vorhanden: Ein Mensch hat Angst vor Spinnen oder nicht, er ist weiblichen oder männlichen Geschlechtes, zeigt einem Autofahrer den Vogel oder nicht, kennt die Grundregeln des Schachspieles oder nicht etc. Eine Variable kann aber auch mehr als zwei, ja sehr viele Abstufungen haben: Ein Mensch erlebt z.B. eine (oder mehrere) der Emotionen: Freude, Trauer, Angst, Scham, Neugierde etc. Jede dieser Emotionen kann verschieden stark vorhanden sein (von gar nicht bis extrem stark, mit allen Zwischenstufen). Da auch sehr viele Kombinationen möglich sind (z.B. Angst gemeinsam mit Neugierde), kann die Variable momentaner emotionaler Zustand sehr viele Ausprägungen haben. Ein Mensch kann bei einem bestimmten Intelligenztest einen Intelligenzquotienten zwischen z.B. 70 und 145 erreichen, d.h. die Variable mit dem XY-Test gemessene Intelligenz zur Zeit t nimmt einen der Werte an: 70, 71, 72, …, 143, 144, 145. Die subjektive Wahrscheinlichkeit dafür, dass es außerirdische intelligente Lebewesen gibt, kann sehr groß, groß, mittel, klein oder sehr klein sein etc. Weitere Unterscheidungen kann man im Zusammenhang mit dem Skalenniveau treffen, auf dem eine quantitative Variable messbar ist (vgl. 4.2.4). Variablen mit sehr vielen Abstufungen kann man dabei stets auf wenige Stufen reduzieren. Man muss aber bedenken, dass dabei Information verloren geht. Anstatt z.B. das Alter eines Menschen in Jahren und Monaten genau anzugeben, kann man natürlich lediglich die beiden Kategorien jung und alt verwenden. Dabei entstehen allerdings Probleme, auf die ich im Kapitel über Messen etwas genauer eingehen werde.

Variablen können vergleichsweise einfache Merkmale sein, wie z.B. das Alter, das Geschlecht, aber auch höchst komplexe Konfigurationen, wie z.B. politische Einstellungen, die sozialen Bezüge, in die ein Individuum eingebettet ist, Wissenskomplexe oder die nonverbalen Signale, die ein Individuum zu einer bestimmten Zeit aussendet (Gesichtsausdruck, Parasprache, Gestik, Körperhaltung) etc. Nur am Rande sei bemerkt, dass es Variablen gibt, die sich bei ein und demselben Individuum im Lauf der Zeit ändern (z.B. Alter, Stimmung), während andere stabil bleiben (z.B. Geschlecht).

Variablen können mehr oder weniger beobachtungsnah sein. Beobachtungsnahen (konkreten, manifesten) Variablen kann man vergleichsweise einfach beobachtbare Phänomene zuordnen, mit denen wir bestimmen können, welche Stufe dieser Variablen vorliegt. So können wir z.B. recht einfach festellen, ob eine Person im Fragebogen bei Frage 29 das Kästchen Nein oder Ja angekreuzt hat oder ob Frau O. zu einem bestimmten Zeitpunkt lächelt oder nicht. Andere Variablen sind dagegen beobachtungsfern (latent, abstrakt). Solche Variablen können in der Regel nicht direkt beobachtet werden, sondern nur indirekt. Wir können z.B. nicht direkt beobachten, ob ein bestimmtes Gesicht im Gedächtnis eines Menschen gespeichert ist. Auch die Variable Intelligenz ist nicht direkt beobachtbar. Wir brauchen spezielle Methoden (in der Regel einen Test), um sie indirekt beobachten zu können: wir beobachten Verhalten, von dem wir annehmen können, dass es von der latenten Variablen Intelligenz beeinflusst ist, z.B. Reaktionen auf bestimmte Denkaufgaben. Theoretische Begriffe sind in der Regel eher latente Variablen.

Variablen, die in wissenschaftlichen Hypothesen und Theorien auftreten, sind meistens abstrakt und beobachtungsfern. Daher ist ihre Operationalisierung ein wesentlicher Schritt in der Hypothesenprüfung, d.h. die Zuordnung von beobachtbaren Phänomenen zu diesen Variablen stellt ein wichtiges und oft auch schwieriges Problem dar (vgl. Kap. 4.2).

Tatsachenwissen liefert Information darüber, welche Stufe bei bestimmten Variablen zu einer bestimmten Zeit vorliegt. Bei der Erforschung von Gesetzmäßigkeiten werden gesetzmäßige Beziehungen zwischen Variablen (z.B. Ursache-Wirkung) untersucht.

1.4 Notwendigkeit der Variablenselektion

Jede wissenschaftliche (und auch nicht wissenschaftliche) Auseinandersetzung mit dem Menschen oder ähnlich komplexen Lebewesen, Objekten etc. zwingt dazu, aus den praktisch unendlich vielen Variablen, die zur Beschreibung möglich sind, einige herauszugreifen (zu selegieren), sich auf diese zu konzentrieren und die anderen zu vernachlässigen.

Wie ungeheuer groß die Menge der Variablen ist, die man zur Beschreibung eines Menschen heranziehen könnte, kann man sich relativ einfach klarmachen: Sammeln Sie einige Minuten lang alle Variablen, mit denen man Sie ganz persönlich, so wie Sie jetzt sind, möglichst vollständig beschreiben könnte. Im Kasten habe ich einige Typen von derartigen Variablen mit Beispielen zusammengestellt. Ich behaupte keineswegs, dass diese Liste von Variablen auch nur annähernd vollständig ist.

Einige Typen von Variablen zur Beschreibung von Menschen (unvollständige Liste)

Äußerlichkeiten

Schuhgröße

Haarfarbe

Form der Nasenlöcher

 

Soziale Bezüge

Sohn/Tochter, Mutter/Vater, Neffe/Nichte, Urururururururururururenkel/enkelin etc. von …

persönlich bekannt mit …

nicht persönlich bekannt mit …

befreundet mit …, nicht befreundet mit …

Zeitgenosse von …, nicht Zeitgenosse von …

Nachbar von …, nicht Nachbar von …

Vorgesetzte/r von …

 

Persönlichkeitseigenschaften

Intelligenz

Neurotizismus

Hilfsbereitschaft

 

Ziele/Wünsche/Präferenzen

beruflich, musikalisch etc.

 

Physiologische Variablen

Blutdruck

Größe der Leber

 

Persönliche Geschichte

wichtige Kindheitserlebnisse

wesentliche Begegnungen mit Menschen

wie sah das Schwimmbad/See/etc. aus, in dem Schwimmen gelernt

wurde, wie roch es dort etc.

 

Wissen

grammatikalische Regeln in Deutsch (und anderen Sprachen)

Ortskenntnis

gelesene Bücher, gesehene Filme etc.

Schulwissen in verschiedensten Fächern

Fußballergebnisse

Kochkenntnisse

Man sieht an diesem einfachen Beispiel, dass es müßig ist, eine vollständige Beschreibung anstreben zu wollen, da die Zahl der prinzipiell infrage kommenden Variablen so ungeheuer groß ist. Man muss daher auf jeden Fall einige Variablen auswählen, die man für relevant hält, und den irrelevanten Rest vernachlässigen. Dies gilt sowohl für die Sammlung von Tatsachenwissen als auch für die Erforschung von Gesetzmäßigkeiten. Welche Variablen wichtig und welche unwichtig sind, hängt von dem entsprechenden Forschungskontext ab. Ist man z.B. an den Ursachen für aggressives Verhalten interessiert, wird man andere Variablen berücksichtigen, als wenn man die Gesetzmäßigkeiten der optischen Wahrnehmung erforscht. Die Zahl der möglichen Variablen wird umso größer, je beobachtungsnäher diese Variablen sind. Daher werden auch bei der Sammlung von Tatsachenwissen – soweit möglich – übergeordnete abstraktere Variablen verwendet. Ein Gutachten enthält z.B. nicht die genaue Beschreibung der Reaktionen eines Individuums auf jede einzelne Testaufgabe, sondern lediglich die zusammengefassten Gesamtergebnisse.

Allerdings – und das kann man nicht nachdrücklich genug betonen – gibt es keine objektive Instanz, die dem Forscher die Entscheidung darüber abnimmt, ob eine Variable bedeutsam ist oder nicht. Diese Entscheidung ist bereits eine – vergleichsweise einfache – Hypothese, auch wenn dies dem Wissenschaftler unter Umständen gar nicht bewusst wird. Auch solche Hypothesen müssen geprüft werden und können sich als falsch erweisen.

Wissenschaft besteht also auch darin, die für eine bestimmte Fragestellung bedeutsamen Variablen zu entdecken. Dass diese Suche keineswegs trivial und einfach ist, möchte ich an einigen Beispielen von Theorien zur Depression illustrieren.

Für unsere Zwecke genügt es, eine Depression als eine Störung zu definieren, die durch eine gedrückte, niedergeschlagene Stimmung gekennzeichnet ist, verbunden mit Veränderungen im kognitiven (z.B. negative Erwartungen, Unentschlossenheit), motivationalen (Verlust an Motivation, Wertlosigkeit) und vegetativ-körperlichen Bereich (z. B. Schlafstörungen, Appetitlosigkeit).

Das Phänomen der Depression hat die Wissenschaft schon lange interessiert. Welche Variablen wurden nun mit ihr in Verbindung gebracht? Hippokrates (406–377) führt die Depression auf das Überwiegen eines der vier Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) zurück, nämlich auf das der schwarzen Galle (daher auch die Bezeichnung Melancholie).

Nach Theorien aus dem Mittelalter sind Depressive vom Teufel oder von Dämonen besessen. Andere Theorien dieser Zeit erklären Depression als göttliche Strafe für die Sünde des Müßigganges.

In seinem im 17. Jahrhundert veröffentlichten medizinischen Lehrbuch berichtet Höping über charakteristische Handlinien, die er bei Selbstmördern beobachtet hat (Höping, 1979).

Astrologen aus verschiedenen Jahrhunderten bringen depressive Symptome in Zusammenhang mit der Stellung der Gestirne, Planeten und anderer Himmelskörper zum Zeitpunkt der Geburt.

Keine dieser Variablen spielt in psychologischen Depressionstheorien der Gegenwart noch eine Rolle. Ich kann und will hier natürlich keinen Überblick über die gegenwärtig vertretenen Theorien zur Depression geben, sondern nur einige Variablen als Beispiele herausgreifen. Eine Zusammenstellung von Depressionstheorien finden Sie z.B. bei de Jong-Meyer (2011).

Die Psychoanalytische Theorie bringt unter anderem Variablen aus der frühen Kindheit mit dem Auftreten der Depression in Verbindung. Das Potenzial zur Depression entsteht nach Freud dadurch, dass die Bedürfnisse des Kindes in der oralen Phase zu wenig oder zu viel befriedigt werden. In dieser Theorie ist die orale Phase die erste Phase der psychosexuellen Entwicklung. Sie erstreckt sich von der Geburt bis ins zweite Lebensjahr hinein. In dieser Phase wird die sexuelle Triebbefriedigung durch die Reizung der Mundschleimhaut (saugen, beißen etc.) erreicht.

Die Theorie von Beck betrachtet Denkprozesse als ursächliche Variablen für die Entstehung der Depression. Depressive Menschen sind deswegen depressiv, weil sie ganz typische Denkfehler begehen. Sie tendieren dazu, alle unangenehmen Ereignisse (z.B. eine Autopanne) in Richtung von Selbstvorwürfen, Selbstherabsetzung, Katastrophen oder Ähnlichem zu verzerren.

In seiner Theorie der erlernten Hilflosigkeit geht Seligman davon aus, dass auf eine belastende Situation (z.B. Tod eines geliebten Menschen) zunächst mit Angst reagiert wird. An die Stelle der Angst tritt aber die Depression, wenn der Mensch zur Überzeugung kommt, dass er keine Kontrollmöglichkeiten (d.h. angemessene Reaktionsweisen) über die negative Situation hat.

Andere Theorien der Gegenwart greifen physiologische Variablen zur Erklärung der Depression heraus. So scheint es bei bestimmten Formen der Depression eine genetische Komponente zu geben. Andere Theorien stellen eine Verbindung zwischen Depression und Neurotransmittern her. Neurotransmitter sind chemische Substanzen, die für die Übertragung eines Nervenimpulses von einer Nervenzelle zur anderen wichtig sind. Nach einer dieser Theorien ist Depression durch einen niedrigen Noradrenalinspiegel verursacht, nach der anderen durch einen niedrigen Serotoninspiegel.

 

Diese Beispiele genügen wohl, um die Vielfalt der Variablen zu illustrieren, die zur Erklärung ein und desselben Phänomens herangezogen wurden und werden. Ich hoffe, dass damit auch die große Bedeutung klar geworden ist, die der Selektion von Variablen im Wissenschaftsprozess zukommt.

1.5 Die Prüfung von Hypothesen: Ein Überblick

Eine Hypothese ist – wie wir oben festgestellt haben – eine Vermutung über eine Gesetzmäßigkeit. Oder anders formuliert: Eine Hypothese ist eine vermutete Antwort auf eine bestimmte Frage (vgl. 1.2).

Damit festgestellt werden kann, ob die Hypothese zutrifft oder nicht, muss sie mit geeigneten wissenschaftlichen Methoden überprüft werden.

Die Grundidee der empirischen Prüfung ist die, dass man aus der Hypothese eine empirische Vorhersage formuliert und diese mit der Wirklichkeit vergleicht.