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Da Tante Penelope sich mit ihrem Wohnmobil auf Reisen begeben hat und ihre Ponypflegerin im Krankenhaus gelandet ist, muss Ajax einspringen: Es gilt, eine kleine Kate nahe der Nordsee und drei gefräßige Mitbewohner einzuhüten. Begeistert ist anders, zumal die Shetlandponys ihn das Fürchten lehren. Als die kleinen Monster den Zaun zerlegen, rückt glücklicherweise Hilfe an: Florian, der sonst als Mädchen für alles die zahlreichen Ferienhäuser in der Umgebung betreut. Dieser fabulöse Wundermann kann sogar eine Kettensäge bedienen und besticht die Ponys mit Karotten. Dass Ajax im Gegensatz zu seinem Namensgeber ein sehr sanfter, eher hilfloser Mann ist, durchschaut Florian auf den ersten Blick. Ehrensache, dass er sich als besonders hilfreich präsentiert. Und das ist auch gut so, als er eines Morgens die Kate durchwühlt vorfindet. Von Ajax keine Spur. Dabei ist Florian extra mit Blumen und Pralinen angerückt, verflixt!
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Kann Spuren von Erdnüssen enthalten!
Es gibt Inhalte, die Betroffene triggern können, das heißt, dass womöglich alte Traumata wieder an die Oberfläche geholt werden. Deswegen habe ich für diese Personen eine Liste mit möglichen Inhaltswarnungen für alle meine Romane zusammengestellt:
www.tanja-rast.de/inhaltswarnungen
Papa war herzlos, so einfach war das. Da verbannte er seinen Jüngsten in norddeutsche Einöde nach Westerneddersum – ein Ortsname, der lustiger kaum möglich schien – und legte ihm besonders ans Herz, sich gewissenhaft um die Bande blutrünstiger Meuchelponys zu kümmern. Jedes Widerwort, das Ajax vielleicht vorzubringen gedacht hatte, war von Papa im Keim erstickt worden.
»Denk dran, sie ist deine Erbtante.«
Hektor – Ajax' großer Bruder – hatte daraufhin gelacht, bis er Schluckauf bekam. So hilfreich.
Erbtante … Zum einen war das schlichtweg Unfug, weil Ajax Tante Penelope mochte und überhaupt nicht auf deren Ableben lauerte. Obendrein war sie Papas kleine Schwester! Zum anderen … bestand das Erbe aus einer kleinen, komplett zugewachsenen Kate nahe der Nordsee, zahllosen Zeugnissen von Tante Penelopes künstlerischer Betätigung als Bildhauerin, Malerin, Töpferin und mehr. Und natürlich gehörten die drei Meuchelponys auch dazu. Ajax hatte einen Heidenrespekt vor den kurzbeinigen Monstern, seitdem Fury ihn als Dreikäsehoch abgeworfen hatte.
Hieß es nicht immer, dass alle Leute, die sich wirklich mit Pferden und Ponys auskannten, einen großen Bogen um Shetlandponys machten? Nun, Ajax kannte sich gänzlich nicht mit Pferdeartigen aus, und sein Respekt vor den drei kleinen Untieren stapelte sich höher als der Gipfel des Mount Everest!
Die praktische und vernünftige Seite seiner Abordnung an die Westküste sah er gerade noch ein. Tante Penelope benötigte dringend jemand, der Haus und Monster auf Hufen hütete. Und im Gegensatz zu Hektor war Ajax gerade arbeitslos, nachdem er gleich nach der stressigen Ausbildung im Betrieb eines Menschenschinders die Kündigung eingereicht hatte. Er würde schon wieder etwas finden, aber es brachte ja nichts, mit dreißig reif für die Rente zu sein. Außerdem war sein Chef eine cholerische Niete, wenn es um Organisation ging. Die letzten Monate hatte Ajax sich nur noch mit massiven Magenschmerzen zur Arbeit schleppen können, und Papa war aufrichtig besorgt um ihn gewesen.
Zugutehalten musste Ajax seinem Vater, dass diese abgeschlossene Ausbildung die Dritte gewesen war, die Ajax angefangen hatte. Ein Betrieb hatte wegen des Todes des Besitzers geschlossen, der Zweite war vom Gesundheitsamt gekillt worden. Immerhin hatte Ajax dadurch in viel hineinschnuppern können. Hektor hingegen hatte brav studiert und sich nach dem Ersten Staatsexamen einen guten Platz für sein Referendariat gesichert. Noch anderthalb Jahre bis zum zweiten Staatsexamen. Beharrlich war Hektor! Nun, Ajax musste seinem großen Bruder ja nicht alles nachmachen, nicht wahr?
»Sieh es als bezahlten Urlaub an«, riet Papa ihm, während er in der Tür zu Ajax' Zimmer stand und ihm beim Packen zusah. »Du wohnst dann da, wo andere Leute Urlaub machen. Der Strand ist gar nicht weit, und die Landschaft ist wundervoll.«
Ajax stopfte noch ein Paar Turnschuhe in seinen Koffer und richtete sich auf, wobei er sich die langen Haare aus dem Gesicht strich. »Ich weiß das. Ich weiß aber auch, dass der Haken an der Sache drei Ponys sind, die mich angucken, gehässig lachen und dabei Fiesheiten aushecken. Leugne es nicht, Papa! Du hast nämlich auch Schiss vor den kleinen Monstern!«
»Nicht direkt Schiss«, behauptete Papa mit dem besten Pokerface der Welt. Alleine die winzigen Lachfältchen in den Augenwinkeln verrieten ihn ein bisschen. Nur ein wenig, weil die fest eingebaut waren.
»Dein armer Jüngster wird nachts zitternd im Bett liegen, welche Schurkenstücke die Monster sich ausdenken, um ihm den Tag zu verschönern!«, behauptete Ajax vehement.
»Ja, das glaube ich auch.« Papa lachte, machte drei Schritte in den Raum hinein und umarmte Ajax liebevoll. »Aber du schaffst das. Nach zwei zitternden Nächten wirst du Routine finden, und sie werden vor Bewunderung vor dir vergehen und sehr artig sein.«
»Haha.«
»Nein, wirklich! Rein zufällig habe ich die beiden wundervollsten Söhne dieser ganzen Welt. Das ist eine Tatsache, keine Meinung eines schwer verliebten Vaters. Und diese Tatsache werden auch die Ponys im Handum… im Hufumdrehen begreifen und würdigen. Shettys sind doch so intelligente kleine Kerlchen. Und wer weiß, vielleicht lernst du einen tollen Mann kennen, reißt die Leitung eines Touristencafés an dich und willst dort gar nicht mehr weg.«
Ja, für einen Freund hatte er neben der Fronarbeit für den Menschenschinder gar keine Zeit gehabt. Guter Punkt, Papa. Ajax richtete sich kerzengerade auf. Er ging jetzt nicht auf die Suche nach einem Mann, nur um sich den Aufenthalt in der Kate schönzureden!
»Ich schaffe es bestimmt, am Wochenende vorbeizukommen und dir zu helfen. Aber wie ich dich kenne, hast du bis dahin alles perfekt im Griff«, tröstete Papa ihn und drückte ihn noch einmal an sich. »Du wirst mir fehlen. Mein Küken bricht auf in die weite Welt.«
Da der Altersunterschied zu Hektor zu vernachlässigen war und Nordfriesland keinesfalls eine Weltreise entfernt lag, sah Ajax eher kritisch zu Papa auf.
Dieser lachte. Der Mann war wie eine Ente, an der perlte auch alles ab!
Aber Papa half, das Gepäck nach unten zu schleppen, und ging dabei eine mentale Checkliste durch, ob Ajax auch an alles gedacht hatte.
Sie wohnten in einem kleinen Reihenmittelhaus aus den Sechzigern, das nahe genug am Kieler Stadtrand stand, sodass Hektor und Ajax im Knick, an Feldrändern und mit hervorragendem Rodelberg aufgewachsen waren. Sie hatte als Kinder Maiskolben geklaut, Sandburgen auf dem großen Spielplatz nahe den Bahnschienen gebaut und mit ihren Fahrrädern die Umgebung unsicher gemacht.
Ihre gemütliche Dreisamkeit mit Oma und Tante Penelope in der Hinterhand war erst vor einem halben Jahr zu einem Ende gekommen, als Hektor ausgezogen war, um seine eigene, erste Wohnung in Rendsburg zu beziehen, damit er mit dem Rad zur Arbeit konnte. Das war ja nur vernünftig, aber Ajax vermisste seinen Bruder.
Er blieb an der Heckklappe des Autos stehen, nachdem er seinen Koffer verladen hatte, und blickte ernst zu Papa auf. »Kriegst du ein Leeres-Nest-Syndrom, wenn ich jetzt abdüse? Sei ehrlich!«
»Nein«, sagte Papa fest. »Ich werde endlich in Ruhe puzzlen können.«
Ajax schnappte empört nach Luft. »Als würden wir dich davon abhalten!«
»Viel schlimmer! Ihr kommt ins Zimmer, um mir etwas Tolles aus euren Leben zu erzählen – und nebenbei schnappt ihr euch zehn Puzzleteile, über denen ich seit Stunden grübele, und setzt sie lässig an ihre Plätze! Das ist frustrierend!«
»Wir wollen nur helfen!«
»Ich weiß, ich sollte kleine Puzzles für kleine Menschen machen, damit ich euch nicht beschäme, weil ich so langsam bin.«
Ajax schloss die Heckklappe des Autos energisch. »Ich werde in den Touristenläden nach Puzzles mit fünftausend Teilen suchen! Das hast du jetzt davon! Salzwiesen im Morgennebel! Meer in der Abenddämmerung, Sand in den Dünen und so!«
Papa umarmte ihn wieder. »Ich hab dich auch lieb. Bitte, ruf an, sobald du heil gelandet bist, ja? Hast du die Telefonnummer der Ponypflegerin gespeichert? Sie hat ja nur ein gebrochenes Bein, sie kann dir bestimmt Fragen beantworten, welches Pony denn den rosa Trog bekommt.«
»Ich werde dich nachts um drei weinend anrufen, wenn Darius am Fußende meines Bettes steht!«
»Können Ponys Treppen steigen? Das ist ein interessantes Forschungsprojekt, Ajax!«
»Ich werde berichten! Nachts um drei!«, versprach Ajax und stieg ins Auto.
Papa blieb mit kleinem Sicherheitsabstand stehen und winkte munter. Das konnte er gut! Ajax erinnerte sich an seine Grundschulzeiten, wenn Hektor und er die leichte Steigung zu den Mehrfamilienhäusern hochgegangen waren. Oben waren sie rechts abgebogen und damit außer Sichtweite vom Reihenhaus gelangt. Und die ganze Zeit hatte Papa gewinkt und sie selbst abwechselnd zurückgewinkt.
Papa war großartig, und er hatte es bestimmt nicht immer leicht mit zwei kleinen Jungs gehabt, nachdem Mama gestorben war. Aber er hatte Mama stolz gemacht, da war Ajax vollkommen sicher.
Er parkte behutsam aus und tuckerte auf die breite Straße, auf der Tempo Dreißig galt. Dort winkte er noch einmal zu Papa und fühlte sich ganz scheußlich, dass dieser jetzt alleine im Haus verblieb – nur mit den Puzzles als Gesellschaft.
Wohnen, wo andere Urlaub machten, hatte Papa gesagt. Genau deswegen war Tante Penelope ja auch in ihr Wohnmobil geklettert, um sich wochenlang in Schweden herumtreiben zu können. Wahrscheinlich brauchte sie Urlaub von ihren Monsterponys.
In der Theorie kannte er die Strecke, trotzdem aktivierte Ajax die Navi-Funktion in seinem Handy. Sicher war sicher! Und wieder in der Theorie war es auch gar nicht so fürchterlich weit, wäre da nicht der Umstand, dass es mit der A7 eine Nord-Süd-Verbindung durch Schleswig-Holstein gab, während zwischen Ostsee und Nordsee nur Landstraßen verliefen, die durch jedes erdenkliche kleine Kleckerdorf führten.
Egal! Er nahm sich gerade felsenfest vor, das Ganze jetzt tatsächlich als wohlverdienten Urlaub nach der Kündigung anzusehen. Landleben, Milch beim Bauern holen, auf Spaziergängen Slalom um Kuhfladen laufen und so.
Leider war sein Auto eher eines von der kleinen Sorte, sodass er keine Chance gehabt hatte, sein Fahrrad mitzunehmen. Falls Papa wirklich am Wochenende auftauchte, würde er das hoffentlich irgendwie in seinen gelben Bus stopfen können.
Aber sonst hatte Ajax wirklich alles Mögliche eingepackt, womit er sich die Zeit abseits vom Ponyhüten vertreiben konnte. Er wollte an den Strand, durch die Gegend wandern, gemütlich kochen und auch mal abends zum Essen ausgehen. Frische Seeluft – die Nordsee war so viel gewaltiger und irgendwie auch frischer als die Ostsee, die er in Kiel ja vor der Haustür hatte. Vielleicht raffte er sich sogar zu einer geführten Wattwanderung auf. Alleine machte er das garantiert nicht! Die Tiden und die Priele waren nicht ungefährlich!
Sein Handy quäkte unterwegs, dass er eine Mail bekommen hätte, aber er ignorierte es. Er kam jetzt in die Büll-Ecke, wie Hektor und er diese Gegend immer nannten. Jedes Dorf hatte einen lustigen Namen, der auf Büll endete, und da brauchte er sein Navi aber voll und ganz. Er lachte sogar hin und wieder, wenn die künstliche Stimme sich die digitale Zunge verbog, während sie die Ortsnamen auszusprechen versuchte.
Die Straßen wurden schmaler und das Land immer platter. Nicht, dass Kiel sich auf einem Gebirgszug erhob, aber so platt war die Stadt an der Förde wirklich nicht! Es gab … Steigungen und kleine Höhenunterschiede, genau. Hier gab es nur Grün, Knicks, Gräben und Kühe, so schien es.
Ajax wusste, dass Tante Penelopes Kate außerhalb der Ortschaft lag. Ihr Grundstück bildete eine kleine Insel inmitten der Felder, die dieses Jahr mit Getreide bepflanzt waren, wie er mit dem Kennerblick eines Stadtkindes erkannte. Flauschiges Getreide. Okay, er hatte keine Ahnung, was das war.
Von der Straße, so man diesen besseren Feldweg so nennen wollte, war das Haus inmitten Kiefern und Apfelbäumen und hinter einer dicken Hecke gar nicht zu sehen, aber das Navi erkannte zeitgleich mit Ajax die Zufahrt, und so konnte er abbiegen und sich auf dem gepflasterten Hof wiederfinden. Hier parkten normalerweise das Wohnmobil in einer gewaltigen Remise neben dem Pferdeanhänger und das nicht eben kleine Auto, das nun stolz in nämlicher Remise stand und Ajax' Fahrzeug nicht einen Zoll Platz zu machen gedachte. Klassischer Bauerndiesel mit Anhängerkupplung.
Trotzig stellte Ajax seinen Wagen neben die Remise, schaltete den Motor ab und atmete tief durch. Angekommen. Und noch war keine Ponynase in Sicht. Wundervoll!
Allerdings würde das nicht lange so bleiben, wie er genau wusste. Denn die Haustür – uralt, wunderschöner Friesenstil mit Glaseinsätzen – war nur noch zur Verzierung da. Irgendwann war das Schloss verreckt, und statt es ersetzen zu lassen, hatte Tante Penelope eine trennende Wand einreißen lassen und solcherart ihr Wohnzimmer vergrößert. Auf der Innenseite war die Tür durch eines ihrer Bilder verdeckt, und davor stand ihr pummeliges Sofa. Es gab nur einen Weg ins Wohnhaus, und der führte durch den Ponystall.
Ajax plante, möglichst unauffällig und ohne Gepäck durch den Stall zu schleichen, sich mittels Papas Schlüssel in den Wohntrakt einzulassen, dort ein Fenster nach vorne zu öffnen, hinauszuklettern und sein Gepäck durch nämliches Fenster zu stopfen, statt es an drei gefräßigen Monstern vorbeizutragen, die garantiert Wegezoll oder so verlangten, Riemen durchbissen oder mit einem Rucksack davonrannten.
»Ich schaff das!«, teilte er seinem treuen Vehikel mit. Dann kletterte er nach draußen und hielt Ausschau nach den Ponys. Wetten, dass Darius bereits hinter der Hecke lauerte? Das Biest war einfach zu schlau. Immerhin hatte Ajax sich gemerkt, wer wer war! Darius war ein Grauschimmel, der über Winter ganz schwarz wirkte und nur im Sommer in Silbergrau herumrannte. Fury war braun mit zwei weißen Hinterfüßen. Naomi trug den modischen Kuhflecktarn. Sie war die Verträglichste von den drei Ponys, fand Ajax und hoffte, dass er sich nicht täuschte und sie sich als Wölfin im Schafspelz … Kuhfell entpuppen würde. Darius und Fury waren auf jeden Fall Megamonster.
So leise wie möglich schlich Ajax zur Holzpforte neben dem größeren Weidegatter. Die Koppel war mit Holz umzäunt. Auf der Innenseite waren drei Reihen E-Seil gespannt. Vorsichtig lugte Ajax um die Hecke herum auf die Ponyweide. Und sah nicht eines der kurzbeinigen Ungeheuer. Wehe, die hockten zu dritt kichernd im Stall, um ihm aufzulauern. Die Koppel war groß und bog sich wie ein Croissant um die Hofstelle, wies mindestens ein Wäldchen und einen Tümpel auf, und von hier aus konnte er das Areal nicht zur Gänze überblicken.
Der Briefkasten war zum Schutz der Zustellkräfte neben der Fußgängerpforte angebracht und ein Modell im amerikanischen Stil in Gestalt eines Ponys. Das rote Fähnchen war hinabgeklappt. Ajax guckte trotzdem in das Metallgehäuse. Tatsächlich leer. Daneben befand sich eine leicht angestoßene Metallbox mit Deckel. Auch dorthinein lugte Ajax. Ebenfalls leer. Wahrscheinlich für Pakete, damit diese weder im Regen standen noch von den Shettys ausgepackt werden konnten.
Dann entriegelte er leise die Fußgängerpforte, die nach innen aufschwang und dabei auch gleich die drei E-Seile öffnete. Das war wirklich pfiffig gelöst. Jetzt war Ajax besonders vorsichtig, weil er keinen gewischt bekommen wollte. Tante Penelope hatte einmal stolz erzählt, dass sie ein Zaungerät mit Kuhspannung benutzte, um die Ponys sicher grasen lassen zu können. Kühe, so hatte sie erklärt, besaßen eine dickere Haut als Ponys und brauchten mehr Wumm auf dem Zaun. Ganz bestimmt wollte Ajax keinen Kontakt zu diesem Wumm! Das tat schweinemäßig weh, einen geflattert zu bekommen!
Das große, doppelte Stalltor stand offen, die Torflügel waren mit schweren Blumenkübeln gesichert. Shettys mochten frische Luft, und im Winter sahen sie aus wie explodierte Kopfkissen und trugen eine Schneekruste. Wie Huskys. Das erklärte natürlich auch einiges. Huskys waren auch unerziehbar und stur wie drei Maulesel. Die Seelenverwandtschaft ließ sich nicht leugnen.
Tapfer stapfte Ajax auf das Tor zu und spähte in den relativ düsteren Stall. Rechts und links eines Mittelweges flankierte Ständerwerk diese breite Stallgasse, in der auch ein ausgewachsener Trecker Platz haben würde. Ajax wusste, dass rechts vor der Tür in den Wohntrakt eine Futterkammer mit angeblicher Panzertür eingebaut worden war. Durch das Ständerwerk wurden drei riesige Pferdeboxen abgetrennt, in denen die Ponys notfalls einzeln untergebracht werden konnten, falls mal eines krank war. Rechts befand sich außer der einbruchsicheren Futterkammer ein großer Freiraum. Über dem Mittelgang blieb der Blick bis zum Reetdach frei, über den Seitenabteilungen befanden sich die Heuvorräte.
Ajax sah hinauf und machte nur noch klägliche Reste aus. Mit viel Pech musste er sich um Nachschub für den Winter kümmern! Und das bedeutete, die Ballen mittels Forke vom bäuerlichen Heuanhänger nach oben zu schaffen! Hektor und er hatten einmal dabei geholfen und mit tagelangem Muskelkater und Rückenschmerzen bezahlt! Oh, verflixt!
Der Stall erwies sich glücklicherweise als ponyfreie Zone, und so eilte Ajax zur Haustür, wobei er unterwegs natürlich noch in unter Strohhalmen verborgene Ponyäppel trat und beinahe ausgerutscht wäre. Landleben, juhu, ich komme!
Vor der Tür gab es zur Sicherheit noch einen Zaun, dann konnte Ajax endlich aufschließen und in den kleinen Flur treten. Er schloss die Tür hinter sich und atmete auf. Okay, aufgeschoben war nicht aufgehoben. Er würde sich der dreifachen Monsterschar früher oder später stellen müssen. Aber erst einmal musste er sein Auto ausladen, sich ein bisschen einrichten und nach Anweisungen suchen. Wem gehörte der rosa Trog, was und wie viel bekamen die Ungeheuer zu fressen und Ähnliches.
Kurzerhand schob er all das erst einmal auf, ließ sich aufs Sofa fallen und zog das Handy aus der Hosentasche. Wer hatte ihm denn da unterwegs eine Mail geschrieben?
Zwei Nachrichten. Eine von Tante Penelope, in der sich das Wort Danke und darunter das WLAN-Passwort befanden. Darunter stand: Melde dich bitte, sobald du gelandet bist. Penelope
Die andere Mail war von einer Maike, die Ajax nicht kannte, die sich aber als die verunfallte Ponypflegerin entpuppte, die sich herzlich entschuldigte, dass sie von ihrem Pferd gefallen war, sodass Ajax einspringen musste. Sie hatte sicherheitshalber Mobil- und Festnetznummer für ihn aufgeschrieben und vier Fotos mit Listen angehängt. Tierarzt und Ähnliches, dann je Pony eine detaillierte Liste mit Fütterungsanweisungen, Marotten und mehr. Alle Zettel waren in Tante Penelopes Handschrift gefertigt. Gut, die Bedienungsanleitungen hatte Maike wohl mitgenommen und geistesgegenwärtig an die Mail gehängt, da sie ja nun wegen Gipsbein nicht einfach vorbeikommen konnte.
Wohlerzogen dankte Ajax für die Informationen und wünschte Maike gute Besserung. Dann loggte er sich ins WLAN ein und antwortete auf Tante Penelopes Mail mit einem frechen: Bescheid!
Ohne auf Antwort zu warten, kletterte er aus dem Fenster, um sein Auto zu entladen.
Die Küchenschränke waren leer. Also, richtig leer. Nicht einmal Salz oder Zucker fanden sich. Der Kühlschrank war ebenso leer, sauber geschrubbt, duftete nach Zitrus und stand ein Stück offen. Ein Geschirrtuch war oben eingeklemmt, damit die Tür nicht zufallen konnte.
Wie schaltete man so ein Ding an?
Ajax war kurz davor, Papa anzurufen und um Hilfe zu schreien, bis seine Bemühungen mit einem Mal mit einem leisen Brummen und Licht im Kühlgerät belohnt wurden. Yeah! Damit war auch das Gefrierabteil in der unteren Hälfte erwacht, das natürlich auch sauber und leer mit viel Platz aufwartete. Es war lange her, dass Ajax einen Gefrierschrank ohne Eiskruste gesehen hatte. Es war also möglich.
Er sah auf seine Uhr, suchte den nächsten Supermarkt im Handy heraus und erfasste, dass er noch gute drei Stunden Zeit hatte, ehe dieses Geschäft seine Pforten schloss. Das bekam er hin!
Noch während er das Smartphone wieder verstaute, signalisierte es den Eingang einer neuen Mail. Wahrscheinlich Tante Penelope. Ajax sah nach. Ja, Volltreffer, sie war es. Im Anhang ein Bild des Wohnmobils an einem Seeufer. Malerisch hoch drei!
Der Text war irgendwie noch wundervoller. Als Allererstes bot Tante Penelope nämlich an, ihren Urlaub abzubrechen! So ein Schatz! Aber da Ajax wusste, dass Papa nicht begeistert sein würde, falls sein Küken so einfach aufgab, kam das nicht infrage. Außerdem war Ajax schon mal hier. Er mochte die Kate, die so klein und kuschelig eingerichtet war. Die Einbauküche war neu, das Ledersofa urgemütlich, und das Badezimmer im ersten Stock einfach ein Traum. Und still war es hier! Nein, er schaffte das. Auch Tante Penelope zuliebe! Das würde er ihr gleich schreiben und sie darin bestärken, sich voll und ganz auf ihn zu verlassen. Die Ponys? Ach, das schaffte er irgendwie! Er war kein kleiner Junge mehr, der vom Ponyrücken flog. Zumal Fury ihm heute wahrscheinlich zwischen den Beinen hindurchlaufen konnte. Pah!
Der nächste Teil der Nachricht ließ ihn nach Luft schnappen. Sie hatte Maike nämlich ihre Bankkarte dagelassen, damit diese alle notwendigen Ausgaben stemmen konnte. Diese Karte würde er im Gefrierschrank unter der untersten Schublade finden, und Tante Penelope – so schrieb sie in Großbuchstaben und mit einem wahren Rudel von Ausrufezeichen – wäre sehr traurig, wenn Ajax diese Karte nicht hemmungslos benutzte.
Nun hemmungslos würde er das garantiert nicht tun! Er würde hier kostenlos wohnen, und nun kamen auch keine Lebensmittelkosten auf ihn zu, das genügte vollauf!
Er barg die Karte, ehe sie am Boden des Tiefkühlschrankes anfrieren konnte! Das war wirklich lieb, so musste er nicht seine kargen Ersparnisse auffuttern!
Er durfte Tante Penelopes Auto, ihr Fahrrad und auch sonst wirklich alles benutzen, das er vorfand. Sie erwähnte die Bedienungsanleitungen für die Ponys, die sie auf dem Küchentresen hinterlassen hatte, von wo Maike sie mitgenommen hatte. Okay, er hatte Fotos davon, war also alles da.
Rasch schrieb Ajax eine kurze Nachricht zurück. Ausführlicher konnte er nachher – das schrieb er auch – vom Laptop aus antworten, das ging schneller und besser. Jetzt wollte er einkaufen und schwor, dafür brav Tante Penelopes Karte zu benutzen.
Sie antwortete mit einem wahren Bombardement von Herzchen. Sie war einfach süß!
Fenster geschlossen, Autoschlüssel, Tante Penelopes Karte und das Handy eingesteckt. Ajax schnappte sich einen bunten Afrikakorb, der im kleinen Flur auf hungrige Einkäufer wartete, und trat frohgemut in den Stall.
Spiel mir das Lied vom Tod, die Mundharmonika. Er blieb wie angenagelt stehen, noch sicher hinter dem kleinen Zaun, der die Haustür vor dem Zugriff der Panzerknackerbande schützte. Mitten im Stall stand entweder die kleinste Kuh der Welt – oder Naomi. Nun, eigentlich stand da ein winziges Fass auf kurzen Stöpselbeinen und mit einem unglaublichen Mopp Mähne, durch die die Stute doch gar nichts sehen können sollte. Sie kaute auf einem Heuhalm und betrachtete Ajax neugierig.
Das Horn erklang, als Fury um die Ecke kam und zu seiner Freundin aufschloss.
Ajax schluckte trocken. Aber … sie waren winzig! Er war sich auch beinahe sicher, dass sie weder bissen noch traten. Behauptete Tante Penelope nicht immer, dass die Lütten ihr wie treue Hunde folgten und aufs Wort gehorchten? Ah! Wie lautete das Wort?
Die E-Gitarre setzte ein. Darius blieb draußen im Sonnenschein stehen, der sein silbernes Fell zum Gleißen brachte. Kopf, Beine und Mähne waren immer noch lackschwarz. Weiß wie jeder andere anständige Schimmel würde das Oberhaupt der Bande niemals werden.
Lässig, als wüsste er genau, dass dieser Stall ihm gehörte, schlenderte Darius näher.
Die beiden anderen machten jeweils einen Schritt zur Seite, um Darius in ihre Mitte treten zu lassen.
Au, Backe! Und eben hatte Ajax noch ganz cool geschrieben, dass er wundervoll klarkommen würde. Das Schlimmste: Er hatte das bis eben gerade sogar gedacht und geglaubt!
Aber sie waren klein. Wirklich drei laufende Meter.
Er hätte den Korb durch das Fenster nach draußen werfen sollen. Aber auf dem Rückweg musste er damit ja auch durch den Stall.
Verdammt, Ajax, das sind drei winzige Ponys! Reiß dich zusammen! Konnten Ponys nicht Angst riechen? So, wie ein Hai Blut im Wasser witterte?
Ajax, du und deine große Klappe! Los jetzt! Vom Herumstehen wird es auch nicht besser!
»Moin, Meuchelponys«, sagte er so nonchalant wie möglich. An Darius, der wie ein Filmbösewicht lässig dastand, reichte er nicht heran. »Vielleicht erinnert ihr euch noch an mich. Ich bin jetzt der Ersatzpapa, bis Tante Penelope zurückkehrt.«
Sie spitzten die winzigen Öhrchen, die Mühe hatten, aus dem Mähnenmopp hervorzulugen, und sahen ihn einfach nur an. In Ajax' Kopf wimmerte die Mundharmonika weiter.
Okay. Er konnte hier nicht ewig stehen bleiben. Vor allem konnte er nicht durch das Fenster ein- und ausgehen, während er mehrere Wochen hier lebte. Außerdem musste er die Bande morgens und abends füttern. Kneifen ging also ganz und gar nicht.
Er packte den Henkel des Korbs fester und öffnete energisch die kleine Schutzpforte, trat hindurch und verriegelte den Zugang sorgfältig wieder. Nicht, dass bei seiner Heimkehr aus dem Dorfladen drei schnarchende Shettys auf dem Sofa lagen.
Naomi machte ein unglaubliches niedliches Geräusch und stapfte vorwärts. Darius und Fury sahen ihr wachsam nach.
»Hallo, Kleine«, sagte Ajax und behielt die beiden Wallache im Blick. Er streckte ihr die Hand zum Schnuppern hin. Machte man das so? Oder waren das Hunde?
Die kleine Stute schnupperte auf jeden Fall höflich an seiner Hand, ehe sie einen beherzten Schritt vorwärts tat und den dicken Kopf im Korb zu versenken trachtete.
Uff! Klein mochte sie sein, aber sie hatte verdammt viel Kraft und zwang Ajax, der nicht gewillt war, seinen Einkaufskorb an ein Pony zu verlieren, beinahe in die Knie. Da war nichts im Korb! Nun, außer einem Ponykopf!
Er versuchte sich an Tauziehen um den Korb, bis er auf die Idee kam, mit einem Ruck nachzugeben und solcherart sein Tragebehältnis von der Ponyschnute zu ziehen. Sodann hielt er den Korb über dem Kopf und fürchtete einen Augenblick lang, dass Naomi ihn nun anspringen würde, um noch einmal nachzugucken, ob er ihr auch wirklich keine Äpfel vorenthielt. Nein, das machten wirklich nur Hunde, oder?
Fast hatte er den Eindruck, dass das Pony aufstampfen wollte vor lauter Enttäuschung.
Und Darius musterte ihn eindeutig mit einem Blick, den jemand Putzwütiges für einen schlammigen Fußabdruck auf dem frisch gewischten Boden benutzen würde.
»Ich gehe einkaufen«, verkündete Ajax und kam sich albern dabei vor. »Falls ihr mich lieb durchlasst, versuche ich, euch etwas mitzubringen. Äpfel oder … oder Karotten!«
Karotten – die natürliche Ernährung von Ponys. Allgemein bekannt die Karottenfelder, die sie in freier Wildbahn anlegten und pflegten. Kleine Shettys mit Gießkannen und Harken! Er musste lachen, als er sich diese drei in Gummistiefelchen vorstellte.
Irgendwie … schien das Lachen eine Wunderwaffe. Denn Naomi hörte auf, begehrlich nach dem Korb zu schielen, und als Ajax sich behutsam in Bewegung setzte, trippelte sie neben ihm her, ohne ihn erneut zu überfallen.
Fury war natürlich dickfelliger. Vielleicht erinnerte er sich auch an seinen Sieg über einen ganz kleinen Ajax, den er sauber in den Matsch abserviert hatte. Er blieb als Bollwerk stehen, und Ajax musste einen Schlenker laufen, um an ihm vorbei zu kommen. Die ganze Zeit spürte er dabei Darius' Blick auf sich ruhen. Aber die Ponys ließen Ajax passieren, und auch Naomi blieb bei ihren Kumpeln im Stall, während Ajax über den gepflasterten Vorhof zur Pforte marschierte und auf die Auffahrt flüchtete.
Er atmete lautlos auf, überprüfte gewissenhaft, dass das E-Seil verbunden und die Riegel eingeschnappt waren. Da! Das war doch gar nicht so schwierig und so schlimm gewesen. Nachher würde er die Bedienungsanleitungen lesen. Fütterung der wilden Meute bekam er bestimmt auch hin. Er ließ sich einfach Zeit und hielt sich an den Zetteln fest. Vielleicht hatte Tante Penelope oben einen Drucker? Er hatte das Arbeitszimmer vorhin nur zügig durchquert, um seinen Koffer ins Schlafzimmer zu schaffen. Am liebsten hätte Ajax die Zettel nämlich ausgedruckt vor sich, damit er die erledigten Punkte abhaken konnte. Außerdem musste er auf dem Handybildschirm vergrößern und wild herumwischen, um alles entziffern zu können. Das war lästig und unhandlich. Hoffentlich stand oben ein Drucker!
Er begriff, dass er da gerade einen Plan hatte, und das fühlte sich ebenso gut an wie die überlebte erste Begegnung mit den Meuchelponys. Darius sah doch echt aus wie so ein Mafia-Killer! Dieses Ruhige, Abschätzende! Er hatte Ajax taxiert und garantiert sogleich begriffen, dass dieser echt keine Ahnung hatte, die über Allgemeinwissen über Ponys hinausging. Aber offenkundig hatte Darius den neuen Ponysitter als harmlos eingeschätzt, das war doch auch schon mal etwas wert!
Ein wenig mühsam wendete Ajax auf der Auffahrt, um nicht rückwärts auf die Straße stoßen zu müssen. Garantiert würden nämlich genau dann Touristen auf Fahrrädern oder Trecker vorbeisausen. Vorwärts war besser, und hier auf dem Hof hinter dicken Hecken konnte auch niemand sein Wendemanöver beobachten und Punkte verteilen, weil er wirklich eine ganze Weile rühren musste.
Immerhin entdeckte er bei diesem Hin und Her den Schuppen an der Stirnseite der Remise, in dem er hoffentlich das von Tante Penelope angepriesene Fahrrad finden würde. Oh, und Gartengeräte, denn er konnte all das Grün rund um die Kate und den Stall nicht wochenlang wuchern lassen, ohne kürzend einzuschreiten! Zumindest einen Rasenmäher musste Tante Penelope doch besitzen.
Ein ernüchternder Gedanke dämpfte seine Euphorie: Bestimmt stand ganz hinten im Schuppen ein Hollandrad mit Körbchen oder so. Na, zum Einkaufen ganz praktisch. Und er konnte ja immer noch hoffen, dass Papa ihm seinen Drahtesel vorbeibrachte.
Behutsam tuckerte er auf die schmale Landstraße und dann in Richtung Westerneddersum, wo der Dorfladen der Plünderung harrte. Er brauchte ja alles! Und er musste an die versprochenen Karotten denken, um die Ponys mit seiner Anwesenheit zu versöhnen und ihnen zu beweisen, dass er ganz lieb war. Damit sie ihn nicht fraßen und ihm hoffentlich nicht allzu viele Schwierigkeiten bereiteten.
Er schaffte das. Er schaffte alles, was er sich vornahm. Gutes Mantra! Immerhin hatte er auch die Ausbildungszeit überstanden. Das Gesicht des Wutnickels, als Ajax ihm selbstsicher die Kündigung präsentiert hatte, war es wert gewesen und hatte Ajax für sehr viel entschädigt.
Jetzt hatte er ein paar Wochen in der schönsten Sommersaison in einem Haus vor sich, das eben mittendrin lag, wo andere Urlaub machten.
Zeugnisse dieser besonderen Lage entdeckte er überall. Ferienwohnungen stand auf Schildern am Straßenrand, und stets der Zusatz belegt. Er sah aber auch eindeutig teure Bungalows, die sich rund um einen Waldweg ballten, Hinweise auf einen Campingplatz, Minigolf und eine Pension, noch ehe er den Ort selbst erreichte.
Die Straße – nicht länger die schmale Piste, die unter anderem zu Tante Penelopes Kate führte – verfügte über einen breiten Fahrradweg, auf dem sich ganze Familien auf Ausflügen tummelten. Mit dabei waren kleine Kinder auf Minifahrrädern mit Stützrädern und bunten Wimpeln an langen Stangen, damit sie nicht so leicht übersehen werden konnten. Leute mit Hunden schleppten Rucksäcke, schoben Kinderwagen oder waren auf Inlineskates unterwegs.
Auf der Straße schoben sich eindeutige Touristenautos entlang: bis unters Dach vollgestopft, mit Heckträgern für Drahtesel, Transportboxen thronten über allem. Dazu Wohnmobile, Wohnwagengespanne, Fahrzeuge Einheimischer und natürlich Trecker.
Am Straßenrand vor einem ehemaligen Bauernhof, der nun Zimmer an Urlaubsbedürftige vermietete, stand ein kleiner Kastenwagen, der mit Dünen und Strand unter einem Himmel voller Drachen foliert war. Darauf prangten weithin sichtbar Flo-Service, eine Mobilnummer und ein QR-Code. Offenbar ein Hausmeisterdienst oder Ähnliches, denn das Heck des Wagens stand offen und offenbarte ordentliche Werkzeugregale sowie einen Rasenmäher.
Das war wohl wie Weihnachtsbaumverkäufer eine sehr saisonale Angelegenheit, dachte Ajax grinsend. Im Sommer brummte das Geschäft, im Winter blieb nur Däumchendrehen. Oder? Nein, gerade im Winter mussten die leer stehenden Ferienhäuser ja umsorgt werden, damit nicht Wasserleitungen platzten und so.
Ajax stellte sich den Job als fahrender Hausmeister trotzdem irgendwie toll vor. Selbst im Winter oder Herbst, auch wenn dann Rasenmähen anstrengenderen Arbeiten Platz machte. Ajax malte sich aus, was nach einem munteren Herbststurm alles zu erledigen wäre, wenn Bäume mit Ästen geworfen hatten oder einfach selbst und vollständig umgekippt waren. Trotzdem, das hatte etwas!
Nebenbei klopfte der mahnende Gedanke bei ihm an, dass er selbst jetzt zwar so etwas Ähnliches wie Urlaub hatte, er sich aber trotzdem um eine Anstellung kümmern musste. Er hatte absolut keine Lust darauf, Bewerbungen zu schreiben und Jobangebote zu durchstöbern, aber irgendwann kehrte selbst die reiselustigste Tante zurück, und dann sollte Ajax etwas Neues gefunden haben. Er konnte zwar weiterhin bei Papa wohnen, aber auf der Tasche würde er dem lieben Schatz ganz bestimmt nicht liegen!
Für ein Studium fehlte ihm einfach das Sitzfleisch. Außerdem hatte er ja gesehen, wie sehr Hektor geschuftet, bis spät in die Nacht gebüffelt hatte, wie sehr er oftmals auf dem Zahnfleisch gegangen war. Nein, das war nichts für Papas Jüngsten!
Er erreichte Westerneddersum, das er sich alleine nach Größe und vor allem albernem Namen als verschlafenes Kaff vorgestellt hatte. Weit gefehlt! Klein war das Örtchen, aber offenbar ganz auf Tourismus ausgelegt. Auf Anhieb sah er zwei kleine Boutiquen, ein Café, eine Eisdiele, ein Fischrestaurant und schließlich den Dorfladen. Weiter hinten winkte noch ein Schild einer Tankstelle. Gut!
Der Parkplatz des kleinen Supermarkts war gerammelt voll, die Kennzeichen der Autos stammten gefühlt aus der halben Bundesrepublik. Ajax quetschte sein Auto in eine Lücke zwischen einen SUV und ein Wohnmobil und kletterte unter Mitnahme des Afrikakorbs aus dem Fahrzeug.
Ein Trubel hier! Einkaufswagen ratterten über den Parkplatz, Kinder quengelten, dass sie Eis wollten, erzählten vom letzten Strandabenteuer, quietschten, lachten und hopsten neben den Eltern her. Überall wurden Einkäufe verstaut, klappten Autotüren. Selbst auf einem Supermarktplatz in Kiel ging es besinnlicher zu! Und das am Heiligabend zehn Minuten vor dem Schließen!
Mit knapper Mühe ergatterte Ajax einen Einkaufwagen und stürzte sich heldenhaft ins Getümmel.
Er brauchte alles, so einfach war es. Der Wagen würde voll werden, der Korb definitiv nicht ausreichen. Dann kaufte er eben an der Kasse noch ein oder zwei große Mehrwegtragetaschen.
Er robbte sich durch den Laden. Langsam nicht nur, weil er aus fast jedem Regal etwas mitnehmen musste, sondern auch, weil so viele Leute ringsum sich durch die Gänge schoben.
Alleine mit Grundsätzlichem wie Salz, Zucker, Tee, Gewürzen, Eiern, Nudeln und H-Milch war der Wagen schon gut gefüllt. Da ihm das hier echt zu voll war, beschloss Ajax, dass er höchstens einmal die Woche einkaufen wollte! Also packte er sein Vehikel voll. Obst, Gemüse, Tiefkühlfutter, Käse, Knäcke standen allesamt auf seiner Einkaufsliste, die er im Handy angelegt hatte. Geistesgegenwärtig fügte er auch Klopapier und Küchenkrepp der Ladung hinzu. Na, und dann kam er an den Kühltruhen mit Eis und TK-Gebäck vorbei und wurde schwach. Sehr schwach. Hektor und er nannten solche Fressattacken-Einkäufe mit viel Lust auf Zucker Unsinn kaufen. Nun, dann kaufte er eben Unsinn! Er brauchte Nervennahrung, um sich der Meuchelponybande erneut zu stellen! Genau! Oh, Getränke außer Tee benötigte er auch noch, beinahe vergessen!
Er stopfte die Mehrwegkästen unten auf die Ladefläche, wobei er einer Großfamilie im Weg stand, die zwei Einkaufswagen voller Unsinn schob. Die älteren Familienmitglieder versuchten derweil, vier lebhafte Kinder zu bändigen, die im Sekundentakt noch mehr Unsinn anschleppten.
Die Leute hatten TK-Lasagne im Wagen, erkannte er voller Neid. Okay, wo kam die her? Die wollte er jetzt auch. Ein wenig beschwerlich war es schon, mit dem vollen Wagen zu wenden, um zurück zu den Kühltruhen zu gelangen.
Nach einiger Suche entdeckte Ajax das Gewünschte. Ganz hinten. Und die Vorräte sahen schon tüchtig dezimiert aus. Er schob den Deckel der Truhe auf und begann, nach der Lasagne zu angeln. Gleich verlor er den Boden unter den Füßen und kam trotzdem nicht an die kleinen Pakete. Wer dachte sich solche Kühltruhen aus? Kleine, alte, dicke oder behinderte Personen kamen da doch überhaupt nicht heran! Klein – wie er selbst! Heiliger Strohsack, was, wenn er jetzt kopfüber in der Truhe verschwand? Nur noch ein Stückchen! Nein, keine Chance, so sehr er sich auch streckte. Dabei berührten seine Fingerkuppen fast schon den Deckel der Pappverpackung.
»Darf ich behilflich sein?«, erklang eine Stimme hinter ihm, die genau wie heiße Schokolade klang.
Ajax lag bäuchlings auf dem vorderen Rand der Truhe, nur noch die Zehenspitzen eines Fußes berührten den Boden, und so wandte er den Kopf, um den Hilfsbereiten anzusehen.
Der klang nicht nur nach heißer Schokolade, sondern sah auch genau so süß aus. Mit Sahnehaube und darübergestreuter Raspelschokolade. Außerdem war er viel größer als Ajax und konnte vielleicht wirklich die Lasagne erreichen.
Hochgewachsen, breitschultrig, schlank. Gepflegter, kurzer Bart und Haare in einem warmen Dunkelblond. Oder war das Hellbraun? Egal, sah gut aus! Am meisten gefielen Ajax die vielen, vielen Lachfältchen, die sich auch jetzt vertieften. Sonnengebräunt war der Mann auch noch, und das weiße T-Shirt wies Grasflecken auf. Dito die Jeans. Stand ihm! Sogar die Grasflecken!
Also wuchtete Ajax sich aus der Kühltruhe und brachte ein wenig heiser hervor: »Die Lasagne hätte ich so gerne!«
»Ich tue mein Bestes!«, versprach die heiße Schokolade auf Beinen und tauchte in die Gefriertruhe ab.
Ui. Jetzt wurde Ajax klar, welchen Anblick er selbst abgegeben hatte. Der Hintern in der Jeans sah knackig aus, die langen Beine waren eine Augenweide. Und er selbst hatte noch sehr viel mehr kopfüber in der Truhe gehangen!
Mühsam hielt er sich davon ab, sich Luft zuzufächeln.
»Eine oder zwei?«, erklang es ein wenig gedämpft aus der Truhe.
»Zwei? Aber falls das zu mühsam ist, bin ich auch mit einer sehr glücklich.« Glücklich. Japp. Ihm wurde auf jeden Fall angenehm warm. Vielleicht sollte er danach wirklich in eine der Truhen klettern, um sich abzukühlen.
»Das schaffe ich.« Der Held der Kühltruhe reckte sich noch ein bisschen, um sich gleich darauf wieder aus der Kälte empor zu stemmen und mit einem außerordentlich ansteckenden Lächeln zwei der kleinen Kartons zu überreichen. »Das war übrigens erfrischend. Ich habe den ganzen Tag mit Rasenmähen verbracht, und das war echt die Abkühlung, die ich gebraucht habe.«
Ajax nahm seine Lasagnen entgegen und würde nun auch zu gerne in die Truhe klettern. Das Lächeln seines Gegenübers taugte hervorragend als Herzschrittmacher. »Danke«, brachte er ein wenig lahm hervor und grinste wahrscheinlich gerade im Kreis.
Noch ein Kopfnicken, und der Held der Tiefkühltruhe verabschiedete sich.
Ajax stand mit seiner kalten Lasagne da, bis er merkte, dass ihm die Finger abfroren. Dann warf er die beiden Packungen in seinen proppevollen Wagen und stemmte sich gegen dessen Griff, um den Monstereinkauf gen Kasse zu schieben.
Ja, wenn er ehrlich war, hielt er Ausschau, wohin dieser freundliche Mann entschwunden war. Einfach, um noch einmal einen Blick auf ihn werfen zu können.
Da war er! Im Gang mit dem Müsli stand er und unterhielt sich mit einer Verkaufskraft, eine Packung Cornflakes unter dem Arm. Und – ja, Ajax schämte sich ein klein bisschen - jetzt erst sah er nämlich, dass das T-Shirt auf der Rückseite einen Aufdruck hatte: Flo-Service. Ach, sieh an! Das war ihm beim Tauchgang in die Kühltruhe ganz und gar nicht aufgefallen. Ehrlich: kein Wunder!
Im letzten Augenblick vor der Kasse fiel ihm ein, dass er den Ponys Karotten versprochen hatte. Also rannte er noch einmal in die Gemüseabteilung und schaffte dann alles aufs Laufband bei der Kasse. Hatte er wirklich so viel eingekauft? Ein bisschen peinlich war ihm das schon, aber er benötigte ja die komplette Grundausstattung. Garantiert hatte er etwas vergessen!
