Verliebt in den Drachenkumpel - Horatio Dabelstein - E-Book

Verliebt in den Drachenkumpel E-Book

Horatio Dabelstein

0,0
3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eigentlich sollte es ein gemütliches Live-Rollenspiel-Wochenende werden: Lagerleben, gemeinsam kochen und als Highlight eine Schnitzeljagd durch den Wald - das perfekte Abenteuer für einen Haufen Hobby-Elfen, Teilzeit-Heilkundige, Wochenend-Krieger und Freizeit-Gaukler.

Dass schon die Anreise zum Abenteuer wird, hat der zurückhaltende Bauchredner Ivo nicht erwartet, doch kurz vor dem Ziel gibt sein Navi in der Einöde von Sommerneversfeld auf. Was für ein Glück, dass er trotzdem ein Café findet, in dem er nach dem Weg fragen kann! Dort begegnet er dem attraktiven Julian, der – noch mehr Glück! - einer der Organisatoren des Treffens ist und natürlich gern hilft.

Über die lähmende Schüchternheit hilft Ivo seine Drachenfreundin Krilli hinweg - denn es ist ja nicht er, der einen flotten Spruch nach dem anderen raushaut, sondern die freche Drachenhandpuppe, die so täuschend echt erscheint. Sogar Julian lacht über Drachenweisheiten, und Ivo rafft all seinen Mut zusammen, damit der so wunderbar unbeschwert scheinende Julian merkt, wie toll Ivo ihn findet! Doch er ahnt nicht, dass noch eine ganz andere Herausforderung vor ihm liegt. Denn finstere Gesellen schleichen um das Feldlager ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltswarnungen

Kann Spuren von Erdnüssen enthalten!

Es gibt Inhalte, die Betroffene triggern können, das heißt, dass womöglich alte Traumata wieder an die Oberfläche geholt werden. Deswegen habe ich für diese Personen eine Liste mit möglichen Inhaltswarnungen für alle meine Romane zusammengestellt:

www.tanja-rast.de/inhaltswarnungen

Inhaltsverzeichnis
Inhaltswarnungen
1. Der Wegweiser
2. Das Lager
3. Alles über Drachen
4. Bachidylle
5. Einhornglitzer
6. Abend am Lagerfeuer
7. Drachenweisheit
8. Der junge Morgen
9. Aufbruchstimmung
10. Die Suche nach der Mauer
11. Tag der offenen Tür
12. Alles Gute kommt von oben
13. Der Hochsitz
14. Zurück ins Lager
15. John Wayne im Regen
16. Kavallerie
17. Die Auflösung
Epilog Sieg über die Schergen der Nacht
Der Autor
Eine kleine Bitte
Danke
Wer ist Horatio Dabelstein?
Impressum

1. Der Wegweiser

Julian

Das lange, wundervolle Wochenende begann in drei Stunden! Julian musste sich echt zusammenreißen, um nicht singend durch das Café zu schweben.

Seine Schwester Melissa war schon mit ihrem und seinem Gepäck aufgebrochen, um ihr gemeinsames Zelt einzurichten, und im Geiste ging Julian wieder und wieder die Checkliste durch. Es war ja für Melissa und ihn nicht nur irgendein LARP-Wochenende, bei dem sie zu einer Veranstaltung anreisten, um dann drei Tage über Holzfeuern zu kochen, in Zelten zu pennen, in Gewandung herumzurennen und viel Spaß zu haben. Nein, dieses Mal hingen sie voll mit in der Organisation drin! Das machte alles noch einmal so spannend und aufregend als ohnehin schon.

Die großen Wiesen gute zehn Fußminuten hinter Tante Flos Café gelegen, obendrein der Wald mit jener malerischen Brandruine auf einer sehr zugewucherten Lichtung – all das bot sich für diese Veranstaltung einfach an!

Baustellenklos – natürlich perfekt getarnt –, gemietete Zelte, Waschzelt, Feldküche … Oh, sie hatten hoffentlich wirklich an alles gedacht! Holzstämme und Strohballen rund um die große Feuerstelle, eine kleine Bühne … Gute Güte, er hibbelte!

Und während Melissa und der Spielleiter Gunnar sowie die ersten Angereisten sich auf der Wiese einrichteten, hatte Julian sich als lebender Wegweiser im Café niedergelassen. Hinter ihm an der Theke arbeiteten Tante Flo und drei Aushilfen, um Kaffee, heiße Schokolade, Himbeertörtchen, Kirschkränze und Windbeutel an hungrige Ausflügler und Urlauberfamilien zu verkaufen. Im Café war echt gut was los – kein Wunder bei diesem Sahnewetter!

Julian war natürlich schon in Gewandung, damit er umgehend zu erkennen war, falls jemand den Parkplatz auf dem vormaligen Wirtschaftshof nicht gleich fand oder Mühe hatte, den Fußweg zu entdecken, der zur Wiese führte.

Nebenbei räumte er Teller und Tassen auf den Geschirrwagen, wenn die Gäste fertig waren. Tische wischte er auch ab. Brachte ja nichts, sich während der Wartezeit fröhlich kribbelig zu machen und die ganze Zeit am Fenster zu kleben, ob seine Hilfe benötigt wurde. Wachsam war er natürlich trotzdem, aber er unterstützte Tante Flo gern!

Auf Melissa und Gunnar konnte er sich getrost verlassen. Gunnar hatte schon mehrfach kleinere LARP-Partys in der Gegend veranstaltet und war ein großartiger Spielleiter. Melissa und Julian hatten sich echt ein Herz genommen, erst vorsichtig bei Tante Flo wegen der Wiese anzufragen und dann Gunnar einzuweihen. Er war begeistert gewesen! Das Gelände war ein Traum, die Ruine im Wald geheimnisvoll. Es gab einen Bach und einen Waldtümpel, und im Notfall konnten sie sich allesamt in Tante Flos Scheune zurückziehen, wo es genug Platz für Isomatten und Schlafsäcke gab und obendrein den Duschraum für das Personal! Wer wollte, konnte also vor der Heimfahrt noch einmal unter die Dusche springen. Es sollte wirklich für alles gesorgt sein.

Er verabschiedete einige Gäste, denen er vorhin schon erklärt hatte, was seine Aufmachung zu bedeuten hatte. Das Interesse tat gut, dass er nicht einfach als überkandidelt abgestempelt wurde. Außerdem wurden seine Erklärungen, fand er, mit jedem Mal besser. Der Vergleich mit Romanfiguren, die alle ihre persönlichen Charakterbögen bezüglich Vorgeschichte, Fähigkeiten und mehr in Händen hielten und von einem Spielleiter häppchenweise mit dem Drehbuch versorgt wurden, machte ihn besonders stolz.

Er räumte Teller und Tassen ab und trug sie seitlich zur Theke.

Prompt schob Tante Flo ihm einen der bauchigen, bunt glasierten Becher zu, der von einem Berg Schlagsahne mit bunten Streuseln gekrönt wurde. »Für die Wartezeit«, raunte sie ihm liebevoll zu.

»Mache ich einen sehr aufgedrehten Eindruck?«, fragte er und nahm den Becher dankbar an. Kalter Kakao, er roch es sofort.

»Gar nicht. Du machst das ganz wundervoll. Oh, guck, da kommt John Wayne.«

Beinahe hätte Julian in seine Schlagsahne gelacht, was eine nette Sauerei verursacht hätte. John Wayne war ihr Dorfsheriff – Herr Johannsen war die geläufigere Bezeichnung. Würdevoll im Dienst ergraut und mit einem Bäuchlein besaß er keine wirkliche Ähnlichkeit mit dem Schauspieler, aber war irgendwie immer zur Stelle. Julian mochte ihn.

Sommerneversfeld hatte nur eine kleine Polizeistation im Gebäude der Gemeindeverwaltung, und jede neu hinzukommende Kraft wurde von den alten Hasen zu jedem Tiereinsatz mitgeschleppt, wie sie auf dem Land immer mal vorkamen. Ausgebüxte Schafe oder Ponys einfangen und wieder nach Hause bringen zum Beispiel. Herr Johannsen hatte im Laufe der Jahre ein besonders gutes Händchen für Kühe entwickelt. Julian argwöhnte mitunter, dass die Hornviecher nur auskniffen, damit der Polizist sie mit Apfelvierteln und liebevoll gesäuseltem Unsinn einfangen konnte. Deswegen John Wayne.

Hastig stellte Julian seinen Kakao ab und wandte sich zum Dorfsheriff um, der gemütlich eintrat, den Blick in die Runde schweifen ließ und mit einem freundlichem Moin alle Anwesenden grüßte. Dann stakste er zur Theke, um Tante Flo, die Aushilfen und Julian zu begrüßen. Natürlich per Handschlag, sie waren ja auf dem Dorf.

Tante Flo fragte ihn sogleich, ob er einen Kaffee haben wollte.

»Kaffee lehne ich nie ab«, erklärte John Wayne mit einem Grinsen. »Aber hauptsächlich bin ich gerade für Julian und die Bande Wegelagerer hier.«

Julian riss die Augen weit auf und versuchte sich an einem Dackelblick. »Ja?« Woran lag das nur, dass man selbst mit dem reinsten Gewissen der Welt Magengrimmen bekam, wenn ein Polizist auftauchte? Außerdem war das Herr Johannsen, der Kuhflüsterer!

Dieser überreichte Julian eine von Hand beschriebene, kleine Karteikarte. »Falls ihr mich brauchen solltet. Ich kenne mich ja aus und kann im Handumdrehen da sein. Einfach nur zur Sicherheit.«

Falls Kühe die Zelte niedertrampeln? Geistesgegenwärtig verschluckte Julian diese Worte und nahm die Karte entgegen. »Danke.«

»Man weiß ja nie. Feuerlöscher und Branddecken habt ihr, ja?«

»Ja, alles dabei. Einer unserer Mitspieler ist bei der Freiwilligen Feuerwehr, zwei andere sind im Rettungsdienst tätig. Für erste Maßnahmen sind wir bestens aufgestellt.«

»Hervorragend. Grüß deine Schwester, und habt alle zusammen ein tolles Wochenende.« Herr Johannsen transferierte seine Aufmerksamkeit nun auf Tante Flo. »Einen Kaffee mit Milch und Zucker hätte ich gern, Frau Westermoor. Hab meinen Becher mit, damit ich es mitnehmen kann.«

Tante Flo gab einer ihrer Hilfen einen Wink und beugte sich dann für einen freundlichen Plausch über die Theke, während Julian die Karte in seiner Gürteltasche verstaute und einen leeren Tisch entdeckte, auf dem zwei Becher und Teller standen. Darum kümmerte er sich rasch!

Er schoss einen Blick nach draußen auf den kleinen Gästeparkplatz, ob er da ein neues Auto mit auswärtigem Kennzeichen entdecken könnte. Nein, noch nichts. Er spähte zur Uhr über der Theke. Noch immer fast drei Stunden, bis es losging. Er wurde wirklich zappelig vor Vorfreude!

Doch ehe er im Geiste noch einmal seine Checkliste durchgehen konnte, schlich ein ziemlich beladenes Auto auf der Straße vorbei. Julian erhaschte einen Blick auf ein Kennzeichen aus Nordfriesland. Gleich darauf leuchteten die Bremslichter auf, und der Wagen setzte zurück.

Jetzt konnte Julian ein echsenartiges Gesicht sehen, das ihn aus großen, gelben Augen von der Rückbank fixierte.

Sein Herzschlag beschleunigte sich, und dann parkte der Wagen vor dem Café ein, und nur Augenblicke später entfaltete sich ein … Gute Güte! Ein athletisch gebauter Mann – und was für einer! – mit nahezu weißblonden Haaren aus dem Fahrzeug. Er sah sich ein wenig unsicher um und gab sich einen Ruck, um in Richtung der Glastür zu marschieren.

Julian kannte ihn. Nun, kennen war zu viel gesagt, aber er hatte einen wenige Sekunden langen Videoclip von diesem Mann gesehen, um dessen Schultern ein Drache drapiert gelegen hatte. Natürlich! Das echsenartige Gesicht mit den gelben Kulleraugen! Der geschuppte Schwanz hatte sich um die schmalen Hüften des Mannes geringelt, und Melissa und Julian hatten beide freudig gequietscht, als der Drache im Video den Kopf leicht schräg gelegt und dann mit dem Unterkiefer geklappert hatte.

Ivo Hingstheide, dem Julian trotz des stark ablenkenden, wundervollen Drachen einen mehr als beiläufigen Blick geschenkt hatte, weil der Mann einfach großartig aussah, erreichte nun die Tür zum Café. Julian öffnete sie ihm sogleich, deutete eine Verneigung mit großer Geste an, die zu seinem LARP-Charakter, einem Barden passte. Vom Dorfplatz über kleine Kneipen bis zu Auftritten bei Hof – alles gehörte zu seinem Repertoire, und seine Gewandung sollte sogleich zeigen, dass Ivo am rechten Platz war.

Dieser trug natürlich noch Zivilkleidung: ein weißes Leinenhemd, das durchaus LARP-angemessen sein könnte, bleached Bluejeans, die ihm umwerfend standen, und stabile Wanderstiefel. Und jetzt atmete er ganz laut auf.

»Verfahren?«, fragte Julian anteilnehmend.

»Mein Navi hat mich in Feldwege geschickt, die an Koppelgattern endeten«, gab Ivo mit einem herrlichen Lächeln zu. »Die Kühe betrachteten mich wie eine Sensation.«

Aus der Nähe betrachtet fielen Julian seine sanfte Sonnenbräune und schier unglaublich strahlende, helle blaue Augen auf. Saphire? Oder noch heller? Wow, auf jeden Fall! Gute Güte!

Er kramte vernünftige Gedanken zusammen. »Deswegen habe ich mich hier postiert. Julian«, stellte er sich vor.

»Ivo.« Dann starrte Ivo an ihm vorbei zur Theke. »Himbeertörtchen?« Er errötete ganz leicht und sah Julian an, als hätte er ein schlechtes Gewissen, weil er dessen Hilfsbereitschaft über Gebäck nicht ausreichend gewürdigt hatte.

»Beste Himbeertörtchen von Schleswig-Holstein. Meine Tante Flo … Flora ist hier die Chefin. Die Wiese gehört ihr auch. Ich habe gerade von ihr einen Becher kalten Kakao verordnet bekommen.«

»Klingt großartig!«

Julian nickte zufrieden. »Kleine Stärkung nach der Irrfahrt? Danach zeige ich dir den großen Parkplatz, wo du das Auto unbesorgt das ganze Wochenende abstellen kannst. Tante Flo wohnt oben im Haus und spielt Parkplatzwächterin. Und dann weise ich dir den Weg zum Lagerplatz. Ich selbst würde gerne noch eine Weile hierbleiben.« Nein, wollte er nicht. Er wollte Ivo mit dessen Gepäck helfen und den Drachen sehen! Und mehr von Ivo! Der musste doch echt im Fitnessstudio schuften. Die Schultern! Gute Güte! Julian selbst war etwa ebenso groß, aber voll der Schlacks. »Für den Fall, dass noch mehr Leute von Koppelgatter zu Koppelgatter irren und erschöpft meine Dienste als lebender Wegweiser benötigen«, setzte er hinzu.

Ivo nickte und schloss sich ihm auf dem Weg zur Theke an, wobei er sich seitlich und ein wenig hinter Julian hielt, als wollte er ihn als Schutzschild verwenden. Dabei war er viel zu groß und kräftig gebaut, um sich hinter Julian unsichtbar machen zu können.

Tante Flo empfing sie bereits mit einem zweiten Becher kaltem Kakao – ebenso liebevoll serviert wie Julians Becher zuvor. »Ich habe große Ohren. Himbeertörtchen mit Schlackermaschü?« War ja klar, dass sie das plattdeutsche Wort für Schlagsahne benutzte!

»Ja, bitte«, antwortete Ivo leise, wobei er immer noch ein wenig Deckung hinter Julian zu suchen schien.

Tante Flo zwinkerte ihm zu. »Damit ist Schlagsahne gemeint. Nur, falls Sie kein Nordlicht sind.«

Ivo lachte. »Friedrichstadt. Mein Großonkel spricht nur platt mit uns.«

Da wollte Julian immer noch mal hin! Das Venedig des Nordens wurde Friedrichstadt auch genannt. Aber erst nach den Sommerferien. Tante Flo brauchte Melissa und ihn ja hier. Er fand es schon echt kapital, dass sie ihnen dieses LARP-Wochenende ermöglichen konnte. Hochsaison! Doch mit dem Bonus, dass Ivo in Friedrichstadt wohnte, übte die Stadt mit ihren Grachten gleich noch mehr Reiz auf Julian aus.

»Sucht euch ein Plätzchen, Törtchen kommt umgehend. Julian, mien Jung, du auch eins?«

Er nickte nach nur sekundenschneller Überlegung. Ey, er hatte heute Morgen noch geholfen, die Törtchen zuzubereiten, ehe er sich in seine Gewandung verfrachtet hatte, da hatte er sich wirklich eins verdient, fand er. Außerdem tankte er so noch einmal eine Dosis Zivilisation, ehe er zweieinhalb Tage lang nur ein Barde sein würde.

Ivo und er nahmen ihre Becher mit zum Tisch, wobei Julian dem anderen Mann die Platzwahl überließ. Eine der Nischen inmitten Zitrusbäumchen mit Blick auf die Straße, sehr gut.

Und mit Blick auf das Auto und somit auf den Drachen, der aussah, als würde er auch gerne Schlackermaschü auf irgendetwas haben!

»Wie heißt er? Oder sie?«, fragte Julian und wies in Richtung des Schuppenwesens.

»Sie heißt Krilli.« Ivo riss die klarblauen Augen weit und wie unschuldig auf. »Und ich habe in der Anmeldung die reine Wahrheit gesagt, dass sie nicht bissig ist. Sie liebt Obst und Honig und Kekse.«

Julian lachte. Ja, darauf hatten Gunnar und Melissa Wert gelegt: keine beißfreudigen Überraschungen! Keine Vampire, die nachts plötzlich vor Hunger fast ohnmächtig wurden und Gefährten einfach anknabbern mussten, keine Werwölfe, die mit einem Mal in Blutrausch verfielen, weil der Mond genau fünf Minuten vor Gemetzel anzeigte. Ihr kleines Treffen sollte gemütlich und stressfrei werden. Auch die Schnitzeljagd durch den Wald und rund um die Ruine würde eher niedliche Aufgaben umfassen, hatte Gunnar versprochen.

»Und dann muss sie vor einem Café im Auto warten. Ein hartes Los«, sagte er also.

Ivo beugte sich leicht zur Seite und winkte dem ausharrenden Drachen zu. Wie zauberhaft war das, bitte? Er saß hier noch in Jeans in einem modernen Café und war doch schon halb in character, spielte schon ein wenig den Drachenkumpel, der er nachher im Lager und während der Schnitzeljagd auch sein würde.

Bedauerlicherweise winkte der Drache nicht zurück. Über den Gedanken musste Julian lachen. Immerhin war er keine sofortige Erklärung schuldig, denn Tante Flo rückte mit den Himbeertörtchen samt einem wahren Berg Schlackermaschü an. Gründlich war sie schon immer gewesen. »Und das geht aufs Haus«, verkündete sie obendrein, zwinkerte ihnen beiden zu und eilte wieder zur Theke, da gerade eine riesige Urlauberfamilie das Café betrat. Alle in Sommerklamotten, und ein großer, aufblasbarer Hai enterte das Haus ebenfalls, da er unter den Arm eines kleinen, sandigen Kindes geklemmt gar keine andere Wahl hatte.

Er merkte, dass sie beide den Drachen anstarrten, dann tauschten sie einen Blick über den Tisch und lachten beide leise. Gute Güte, das fühlte sich großartig an! Mal abgesehen davon, wie gut es Ivo stand, wertete Julian diese gemeinsame Heiterkeit auch als gutes Zeichen für das bevorstehende Wochenende.

Gunnar und Melissa hatten sich um die Einladungen gekümmert, Gunnar obendrein die Geschichte der Schnitzeljagd ausgearbeitet, während Julian sich eher um die praktischen Dinge gekümmert hatte: Zelte mieten, den portablen Toiletten hinterhertelefonieren, den benachbarten Landwirt Herrn Seedorf gebeten, alles Schwere mit Trecker und Frontlader zur Wiese zu bringen, nachdem die Heuernte eingefahren worden war.

Ivo kostete jetzt von seinem Himbeertörtchen und seufzte zufrieden.

»Ausreichend entschädigt für die fiesen Koppelgatter?«, fragte Julian grinsend.

»Ich verzeihe sogar meinem fiesen Navi all seine Schandtaten«, antwortete Ivo und lächelte selig. »Möglicherweise war ich auch nicht ganz unschuldig. Ich war die ganze Fahrt aufgeregt und habe mich deswegen mit Krilli unterhalten.« Er setzte hinzu, weil er wohl dachte, dass das merkwürdig klang: »Ventriloquismus. Ich bin Bauchredner, Autodidakt. Meistens übernimmt Krilli das Reden für uns. Im Gegensatz zu mir ist sie ein Plappermäulchen.«

»Ich hab ein miniwinziges Video von euch gesehen«, plapperte Julian nun selbst los. »Sie bewegt sich nicht nur, sie spricht auch! Das wusste ich nicht! Gute Güte!«

Ivo fiel ein wenig aus seiner Rolle, als er erklärte: »Ich habe fast ein Jahr lang gebastelt, bis sie so war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sie kann die Augen schließen, mit den Augen rollen, was eine größere Herausforderung war, als die Schuppen und Hörner herzustellen. Aber es passt einfach so gut zu ihrem Charakter.«

Prompt sah Julian wieder zum Drachen hinter der Autoglasscheibe, ob Krilli vielleicht gerade erbost über ihren eklatanten Mangel an Himbeertörtchen mit den Augen rollte. Prompt lachte er wieder.

Ivo parkte sein Auto neben der alten Kastanie, während Julian schon einen der nicht ganz authentischen, aber ungemein praktischen Bollerwagen aus der Remise holte, damit Ivo sein Gepäck mühelos zum Lager schaffen konnte. Gunnar hatte die kleinen Vehikel im Laufe der Jahre gesammelt und in seinem Bulli mitgebracht.

Aber dann blieb Julian stehen und sah verträumt zu, da Ivo ein mit vielen Flicken verziertes Lederwams überstreifte und gleich darauf Krilli aus dem Wagen hob, um sie sich um die Schultern zu legen.

Jetzt sah Julian auch die Haken, mittels derer der lange Drachenleib daran gehindert werden würde, Ivo einfach von der Schulter zu gleiten. Ein weiterer winziger Karabiner sicherte den geschuppten Schwanz … und dann erwachte Krilli zum Leben!

Sie gähnte herzhaft, schmatzte danach zwei-, dreimal, schloss die Augen, riss sie wieder auf. Ihr Kopf pendelte wie suchend hin und her, ehe sie mit ihrem gelben Blick Julian fixierte, den Kopf wiegte und ihm dann eindeutig zuzwinkerte! Mit nur einem Auge! Gute Güte! Der Drache wirkte absolut und vollkommen lebendig!

»Sie mag bestimmt nicht mit meinen Klamotten auf dem Bollerwagen fahren«, sagte Ivo leise und entschuldigend.

Krilli schüttelte den Kopf und sagte dann mit einer hellen, leicht rauen Stimme: »Das wäre entwürdigend! Ich bin doch kein Packstück! Sehe ich aus wie ein Packstück? Haben Packstücke Flügel? Nein!« Sie wandte den Kopf, sah Ivo an und schmiegte dann ihre Stirn an seine Wange, ehe sie leise kicherte.

»Spuck mir nicht wieder ins Ohr«, bat Ivo.

Krilli kicherte wieder.

Und Julian stand da wie eins von John Waynes Rindviechern und konnte nur bewundernd starren, weil das so zauberhaft war. Und es sah so unglaublich echt aus, als würden da wirklich zwei Lebewesen miteinander agieren!

Er musste sich einen Ruck geben, um Ivo beim Verladen seiner Sachen zu helfen, wobei Krilli traurig den Kopf hängen ließ, da Ivo beide Hände benötigte.

Seite an Seite marschierten sie durch das alte Torhaus des Wirtschaftshofes, und Julian wies Ivo und Krilli den Weg.

Diesen hatte Melissa mit Seidenkrepp zusätzlich markiert, aber Julian wollte ganz sichergehen, dass Ivo heil ankam. Seine beständige Sorge war nämlich, dass irgendjemand die Markierungen verändern könnte. Sehr unwahrscheinlich, da all dies Privatbesitz war, aber man wusste ja nie!

2. Das Lager

Ivo

Nicht hilfreich, dass Krilli ihm während der Wanderung leise vorschwärmte, wie toll Julians Locken aussahen, dass sie da gerne echt mal das Näschen hineinwühlen würde, weil das so kuschelig aussah.

Und haselnussbraune Augen, was Krilli dankenswerterweise darauf brachte, dass sie echt Hunger hatte und dringend einer Stärkung bedurfte.

Ivo hoffte nur, dass er sich nicht vollkommen danebenbenommen oder der Lächerlichkeit preisgegeben hatte. Diese Angst schleppte er beständig mit sich herum, sobald er mehr als zwei, drei Worte äußern musste. Er liebte LARP-Veranstaltungen, weil er dann nicht das schüchterne Mauerblümchen Ivo Hingstheide war, sondern der Gaukler und Drachenkumpel Ivo von Hingst, der die Zuneigung eines leibhaftigen Drachen gewonnen hatte, jonglieren konnte und sich inmitten Gleichgesinnter tatsächlich wohlfühlte. Würde er die gleiche Gruppe auf einer normalen Party treffen, würde er sich mit einem Colaglas in eine stille Ecke verkrümeln, keinen Piep hervorbringen und sich komplett unwohl fühlen.

Vielleicht war ihm die Unterhaltung mit Julian nicht ganz so schwergefallen, weil dieser bereits gewandet gewesen war, ihn mit einer anmutigen Verneigung begrüßt hatte und das wohl umwerfendste Lächeln der Welt besaß.

Oh, Mann! Und was für ein Lächeln! Der ganze Mann wirkte so unglaublich lebendig, lebhaft und … und unbekümmert! Und gleichzeitig selbstsicher!

Und Krilli hatte natürlich recht, dass Julian toll aussah. Etwa Ivos Größe, aber schmaler gebaut, agiler und unglaublich graziös. Ivo war gespannt, was Julians LARP-Charakter sein würde. Die Gewandung ließ für ihn noch keine Schlüsse zu. Ein bisschen besser gekleidet als ein Bauer, klar. Er konnte vom Waldläufer über Barde, Künstler, Handwerker bis zu einem ausgemachten Schurken alles sein.

Jetzt kam das Lager in Sicht, und Ivo straffte sich. Nein, er weckte Krilli jetzt nicht auf, indem er seinen Arm in ihren Hals und die Hand in ihren Kopf bugsierte. Er musste sich gleich in einem Zelt einrichten, die anderen kennenlernen und wollte dann auch fragen – Gunnar kannte er ja zumindest von einem vorherigen Treffen –, ob er den Bollerwagen wieder zurück zum Café bringen sollte. Aber erst einmal das Lager erkunden. Waschgelegenheiten, Toiletten, die Küche – wo war was? Und fragen, ob er irgendwo mit anfassen konnte. Krilli durfte so lange im Zelt auf ihn warten.

Ah, da beim Feuer war eine Elfe mit einem ebenso fülligen Lockenschopf, wie Julian ihn aufwies. Auch die Haarfarbe stimmte. Konnte seine Schwester sein, nicht wahr? Das war dann Melissa.

Sie drehte sich um, als sie das Rumpeln der Wagenräder vernahm, strahlte wie eine kleine Supernova – jetzt war die Ähnlichkeit wirklich nicht zu übersehen – und kam ihm eilig entgegen.

»Oh, beim Rauschen des Wassers, dein Drache! Das ist das zauberhafteste Geschöpf, das ich jemals sah!« Sie überlegte kurz, grinste und stellte sich dann vor: »Melissa del Moor. Ich bitte um Vergebung. Ich begrüße immer zuerst Tiere, fürchte ich.«

»Ivo von Hingst. Und dies ist Krilli.«

»Sie? Er? Atemberaubend auf jeden Fall.«

»Sie. Und sie beißt auch wirklich nicht.«

Melissa lachte – absolut auf die gleiche Art wie ihr Bruder. Sie war ebenso hochgewachsen wie Julian, und jetzt aus der Nähe konnte Ivo ihre Gewandung auch voll würdigen. Eine leichte Rüstung über einer maigrünen Tunika, die täuschend schlicht geschnitten war und wahrscheinlich viele Stunden voller Fluchen an der Nähmaschine bedeutet hatte. Die Abnäher und Biesen wiesen eindeutig darauf hin! Davon verstand Ivo genug, hatte er doch mit seinem eigenen Hemd gekämpft und es mehr als einmal fast in die Ecke gefeuert. Das Wams war einfacher gewesen, bis es darum ging, es für Krilli anzupassen, da sie die Tendenz besaß, sich von seiner Schulter abzuseilen. Kichernd, natürlich! Immerhin war das Krilli.

»Erst einmal einrichten, nicht wahr? Die Toiletten stehen ein wenig abseits unter dem ganzen Grünzeug. Niemand möchte zu nahe bei ihnen schlafen. Du hast noch eine fast freie Auswahl, welches Zelt du haben möchtest. Da die meisten von uns mit viel Kram reisen, haben wir Zwei-Personen-Zelte für jeweils nur eine Person eingeplant. Die Größeren sind dann für zwei bis drei Leute, die gemeinsam reisen.«

Ein eigenes Zelt! Dafür war Ivo sehr dankbar. Er konnte einfach nicht einschlafen, wenn eine fremde Person nahe bei ihm lag, sich herumwälzte und schlichtweg … da war. Insgeheim fürchtete er sich immer, dass er selbst schnarchen oder gar Gas lassen könnte!

Im Vorbeigehen wies Melissa auf ein größeres Zelt. »Da werden Julian und ich hausen. Wir sind Zwillinge und teilen uns immer eine Unterkunft, weil wir uns nicht gegenseitig stören und genau wissen, wie viel Platz wir für unseren ganzen Kram benötigen.«

Danke, da war die Bestätigung, dass die beiden Geschwister waren. Ivo hatte sich also nicht getäuscht. Und obendrein waren sie Zwillinge. Er blieb vor dem kleineren Zelt direkt neben dem von Melissa und Julian stehen. Genug Abstand, dass – er schnarchte eigentlich wirklich nicht, aber auf einer Isomatte konnte das natürlich anders aussehen, fürchtete er – er niemand stören konnte. Waschzelt, Feldküche und Lagerfeuer befanden sich in bequemer Reichweite, dito die Klos. Und er mochte die Zwillinge. »Ich denke, ich bleibe gleich bei euch.«

»Gute Wahl! Die anderen Örtlichkeiten hast du schon entdeckt, vermute ich?«

Ivo nickte.

»Du hast auch zwei Strohballen im Zelt. Wir wollten einfache Sitzgelegenheiten zur Verfügung stellen, und als Schutz vor der Feuchtigkeit des Bodens sind sie auch praktisch, finde ich. Den Bollerwagen kannst du bei dir im Zelt behalten.« Sie lächelte und beugte sich ein wenig vor, um Krilli ins Gesicht zu sehen. »Ich weiß ja nicht, wo Krilli schlafen möchte? Vielleicht kann sie ihr Nest im Wagen haben?«

Krilli war bedingt regenfest. Darauf hatte Ivo sehr viel Mühe aufgewandt. Aber es war natürlich viel besser, wenn sie es trocken hatte. Er nickte. »Der Bollerwagen wird ihr gefallen. Danke.« Himmel, Gesäß und Nähgarn! Bekomm doch einmal nur die Zähne auseinander! Aber er war wirklich aufgeregt und gerade zu schüchtern für mehr. Das wurde nachher besser, das wusste er. Er hoffte nur, dass er jetzt nicht alle Leute vor den Kopf stieß und gegen sich einnahm. Fieberhaft überlegte er, ob er in seine Anmeldung geschrieben hatte, dass er schüchtern war. Nein, nicht wahr?

»Dann überlasse ich euch jetzt der Arbeit, euch häuslich einzurichten. Falls du irgendetwas brauchen solltest: Sag einfach Bescheid, ja? Und: Schön, dass ihr da seid.« Sie feuerte noch einmal die volle Wattzahl ihres Lächelns auf ihn ab, stutzte kurz und setzte hinzu: »Bevor du fragst: Wir sind mit allem fertig. Es fehlen nur noch ein paar Leute. Richtet euch gemütlich ein, bitte.« Dann eilte sie zurück zum Mittelpunkt des Lagers, wo abends das Lagerfeuer brennen würde. Ringsum würde die bunte Schar sich versammeln. Musik, Geschichten, kleine Vorführungen waren laut Gunnar eingeplant. Darauf freute Ivo sich so sehr. Er sehnte sich schon jetzt nach dem Gemeinschaftsgefühl. Und dank Krilli und dem gemeinsamen Hobby aller Anwesenden konnte er auch seine Schüchternheit abwerfen, weil er dann ja Ivo von Hingst war!

Aber erst einrichten. Noch hatte er gutes Licht, und das galt es auszunutzen. Keinesfalls wollte er abends oder noch später beim Schein einer kleinen LED-Kerze sein Schlaflager aufbauen.

Gleich links neben dem Eingang stand ein handlicher Feuerlöscher, daneben lag ein kleines Erste-Hilfe-Set, registrierte Ivo dankbar. Das Zelt war durch einen Vorhang in zwei Hälften geteilt, was Sinn ergab, da es eigentlich für zwei Leute vorgesehen war. Die beiden Hälften des Vorhangs waren an den Seiten am Zeltgestänge angebunden worden, sodass dahinter wirklich ein leicht abgeteiltes Schlafzimmer lag, während Ivo im Eingangsbereich, wo auch die beiden Strohballen sich befanden, seinen Wohnbereich und Krillis Lager einrichten konnte.

Erst einmal setzte er Krilli auf einem Strohballen ab, zog den Bollerwagen ins Zelt und machte sich dann an die Arbeit. Dicke Isomatte, die ihn nicht nur trocken halten und vor der Kälte des Bodens schützen würde, sondern auch für ein Polster sorgte. Darauf breitete er eine bunte, gewebte Decke und zwei in Form geschnittene Stücke Kunstpelz aus, um die moderne Matte zu verbergen, ehe er den Schlafsack aufschüttelte, auf das Lager legte und dann ebenfalls mit Kunstpelz und einer dicken Wolldecke abdeckte. Eine kleine Holztruhe kam ans Kopfende, in der Ivo Persönliches wie Handy und Autoschlüssel verstauen konnte. Auf den Deckel hatte er Halterungen für die LED-Kerzen montiert, sodass er die Truhe öffnen konnte, ohne dass diese kleinen Lichtquellen umgehend purzeln würden.

Ein Webteppich landete im Zeltbereich mit den Strohballen, ehe Ivo eine Decke mit Kokelflecken – liebevoll mit schwarzem Filzstift aufgebracht – im Bollerwagen ausbreitete. Dazu kamen ein paar goldfarbene Münzen, damit es aussah wie ein kleiner Drachenhort.

Er knotete eine Leine an die Zeltstangen, über die er Klamotten hängte und an der er auch seinen Lederbeutel mit Körperpflegeprodukten befestigte. Die Reisetasche landete dann im Schlafbereich, wo er sie in einer Ecke verstecken konnte.

Die handgenähte kleine Schultertasche enthielt seine Gauklerutensilien wie Lederbälle, und auch diesen Sack ließ Ivo von der Leine baumeln. Damit war sein kleines Reich fertig. Ivo überlegte kurz, dann tauschte er das Hemd, das er während der Autofahrt getragen hatte, gegen das, das zu seiner Gewandung gehörte, und streifte sich erneut das Wams über die Schultern. Er kramte den dritten Arm aus dem Rucksack und hängte ihn mittels eines Karabinerhakens unter seine linke Achsel, stopfte die künstliche Hand in die Tasche des Wamses und legte sich Krilli über die Schultern. Der falsche Arm vervollständige die Illusion, da sein echter linker Arm ja in Krilli verschwand, um sie zum Leben zu erwecken. Und der dritte Arm war nicht einfach nur ein ausgestopfter Ärmel, sondern Ivo hatte einen Abdruck von seinem echten linken Arm genommen, genau ausreichend gebeugt, dass es angemessen aussah, wenn er die Hand in die Tasche steckte.

Okay, er trug immer noch die Jeans, aber das musste jetzt eben gehen. Vor dem offiziellen Start würde er sich komplett in Gewandung werfen.

»Na, Krilli? Gucken wir uns das Lager an?«

Prompt gähnte sie und reckte den Hals, drehte den Kopf hin und her, blickte sich um und prustete zufrieden. »Ich hoffe, hier gibt es Kekse. Du hattest ja Himbeertörtchen. Mit Schlackermaschü!« Ein kleiner Stoßseufzer folgte.

Durch den Zelteingang fiel ein Schatten, und jemand lachte.

Hastig blickte Ivo auf und erblickte einen Barbarenkrieger und daneben einen ziemlich spärlich bekleideten Elfenmagier, die beide mit großen Augen Krilli betrachteten.

»Ähm. Ja«, brachte Ivo nicht sehr geistreich hervor.

»Ich habe Kekse!«, sagte der Elf und trat eilig zurück zu dem Bollerwagen, den der Krieger bislang gezogen hatte.

»Tjure aus dem Norden«, stellte der Krieger sich vor, als Ivo aus dem Zelt kam. Er wies auf den Elfen. »Sigmar vom Brellanwald. Wir sind übrigens, falls Melissa das schon erwähnt hat, die Notfallsanitäter. Alle Schnittwunden, Brandblasen, verkorksten Mägen und verstauchten Knöchel zu uns. Selbstverständlich mit modernem Verbandskasten. Sigmar ist aber obendrein auch Elfenheiler, falls dein Drache sich ein Krällchen stößt.«

»Und Zeckengebissene kommen auch zu uns! Ich führe einen Minizauberstab gegen die kleinen Blutsauger mit mir. Hier sind die Schokoladenkekse!« Sigmar kehrte mit der Packung zurück und hielt sie geöffnet in die Runde.

»Und was esst ihr?«, fragte Krilli unvermeidlich und klimperte mit den Lidern.

Ivo gab ihr einen liebevollen Nasenstüber, und sie kicherte vergnügt. »Ivo von Hingst. Gaukler und Drachenträger«, stellte er sich dann vor.

»Irgendjemand muss es tun«, stimmte Tjure mit Grabesstimme zu und schnappte sich einen Keks. »Drachenbeinchen werden bestimmt sehr schnell müde.«

»Endlich jemand, der mich versteht!«, stieß Krilli aus. Sie stupste Ivos Wange mit ihrer runden Schnauze an. »Keks!«

Sigmar lachte, und Ivo bediente sich mit einem Keks.

»Mein Herz«, sagte Tjure und wies auf eines der größeren Zelte nur ein paar Schritte entfernt. »Ist dir das Zelt dort recht?«

Nun, Ivos Herz machte auf jeden Fall einen glücklichen Hopser.

Sigmar biss erst einmal von seinem Gebäck ab, kaute und nickte. »Ja, das sieht wundervoll aus. Die ganze Gegend hier ist wunderschön! So weitläufig! Da hinten am Waldsaum fließt auch ein Bach, und es soll einen verwunschenen Teich im Wald selbst geben. Und die alten Ruinen. Herrlich!« Er sah Krilli in die Augen. »Lass dir deinen Keks schmecken.« Dann nickte er Ivo zu. »Bis nachher! Wir werden erst einmal Gerümpel ausladen und eine kleine Krankenstation einrichten.«

Versonnen sah Ivo ihnen nach. Tjure zog den Bollerwagen mühelos, und nach zwei fröhlichen Schritten hakte Sigmar sich bei ihm ein und lehnte den Kopf gegen eine gerüstete Schulter. Der Elfenmagier bestand fast nur aus schlanken Beinen, langen Haaren und spitzen Ohren.

Ja, Ivo wusste, dass Gunnar darauf achtete, keine queerfeindlichen oder rassistischen Leute einzuladen. Auf jeden Fall kein zweites Mal! Tjure und Sigmar fühlten sich auf jeden Fall sicher, und das war einfach wundervoll.

Gunnar! Genau, den ging er jetzt suchen. Aber erst aß er seinen Keks. Genau genommen waren es zwei Haferkekse, die mit Schokolade zusammengeklebt worden waren. Lecker! Und bestimmt gesund. Er lachte leise und verließ sein Zelt nun endgültig. Gunnar war bestimmt beim Lagerfeuer, sonst beim Küchenzelt oder so. Er prüfte ja immer alles doppelt und dreifach.

---ENDE DER LESEPROBE---