Das Recht auf Sex - Amia Srinivasan - E-Book

Das Recht auf Sex E-Book

Amia Srinivasan

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Beschreibung

Was denken wir über Sex? Wie sollten wir darüber nachdenken? Angeblich ist Sex ganz privat, intim und doch wird er ständig mit öffentlicher Bedeutung aufgeladen und überfrachtet. Wir leben unsere ganz persönlichen Vorliebe beim Sex aus und doch wissen wir, dass er von äußeren, gesellschaftlichen Kräften geformt wird, denen wir nie entkommen. Vergnügen und Ethik klaffen beim Sex denkbar weit auseinander.  Sex ist das Privateste und das Intimste. Gleichzeitig ist Sex öffentlich aufgeladen und ein Zustand des menschlichen Lebens, an dem Lust und Ethik weit und extrem auseinanderklaffen. Amia Srinivasans atemberaubendes Debüt spürt der Bedeutung von Sex in unserer Welt in den Zeiten von #MeToo nach. Erfüllt von der Hoffnung auf eine andere Welt, greift sie auf den politischen Feminismus für ihren Entwurf für das 21. Jahrhundert zurück. Was denken wir über Sex? Ist das Intime politisch? Srinivasen diskutiert spannungsgeladene Beziehungen zwischen Diskriminierung, Vorlieben, Pornografie, Freiheit, Rassenungerechtigkeit, Lust und Macht. Dieser fulminante Wurf ist Provokation und Versprechen zugleich und verändert viele unserer drängenden politischen Debatten. Srinivasan sucht nach Antworten auf eine Kernfrage unserer Zeit, dem veränderten Verhältnis der Geschlechter: Was bedeutet es, in der Öffentlichkeit wie im Privaten wirklich frei zu sein?

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Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Amia Srinivasan

Das Recht auf Sex

Feminismus im 21.Jahrhundert

Aus dem Englischen übersetzt von Claudia Arlinghaus und Anne Emmert

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel: »The Right to Sex« bei Bloomsbury Publishing, London, Oxford, Dublin, New York

© 2021 by Amia Srinivasan

Für die deutsche Ausgabe

© 2022 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde

Lektorat: Dr. Sabrina Keim

Gedruckt und gebunden von Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-608-98238-1

E-Book ISBN 978-3-608-11843-8

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Adrienne Rich, Diving into the Wreck

Einleitung

Die Verschwörung gegen Männer

Gespräche mit Studierenden über Pornografie

Das Recht auf Sex

Coda: Die Politik des Begehrens

Warum man nicht mit seinen Studierenden schlafen sollte

Sex, Karzeralismus, Kapitalismus

Anhang

Dank

Anmerkungen

Einleitung

Die Verschwörung gegen Männer

Gespräche mit Studierenden über Pornografie

Das Recht auf Sex

Coda: Die Politik des Begehrens

Warum man nicht mit seinen Studierenden schlafen sollte

Sex, Karzeralismus, Kapitalismus

Anhang

Personen- und Ortsregister

Für meine Mutter Chitra

Adrienne Rich(1), Diving into the Wreck

the thing I came for:

the wreck and not the story of the wreck

the thing itself and not the myth

»was mich herbringt:

das Wrack und nicht die Geschichte des Wracks

das Ding selbst und nicht der Mythos«

Einleitung

Feminismus ist keine Philosophie, keine Theorie, ja, nicht einmal eine Anschauung. Er ist vielmehr eine politische Bewegung, die die Welt bis zur Unkenntlichkeit verändern soll. Der Feminismus fragt: Wie sähe die Welt aus, wenn wir der politischen, gesellschaftlichen, sexuellen, wirtschaftlichen, psychischen und physischen Unterordnung von Frauen ein Ende setzten? Er antwortet: Wir wissen es nicht; probieren wir es aus!

Feminismus beginnt dort, wo eine Frau erkennt, dass sie einer Geschlechterklasse angehört: dass sie Mitglied einer Klasse von Menschen ist, denen ein untergeordneter gesellschaftlicher Status zugewiesen wird, und zwar basierend auf dem sogenannten ›Geschlecht‹, das angeblich natürlich und präpolitisch ist, eine objektive materielle Grundlage, auf der die gesamte menschliche Kultur errichtet ist.

Wenn wir diese angeblich natürliche Sache, das ›Geschlecht‹, genauer betrachten, stellen wir fest, dass es bereits mit Bedeutung aufgeladen ist. Bei der Geburt werden alle Körper in ›männlich‹ und ›weiblich‹ sortiert, obwohl viele verstümmelt werden müssen, um in die eine oder andere Kategorie zu passen, und viele später gegen die gefällte Entscheidung aufbegehren. Diese originäre Zuteilung entscheidet über den gesellschaftlichen Zweck, der einem Körper zugewiesen wird. Einige Körper sind dazu bestimmt, neue Körper zu erschaffen, andere Körper zu waschen, zu kleiden und zu ernähren (aus Liebe, nie aus Pflichtgefühl), sie sind dazu bestimmt, anderen Körpern zu einem Gefühl des Wohlbefindens, der Kontrolle, der Freiheit zu verhelfen. Das Geschlecht ist somit etwas Kulturelles, das sich als etwas Natürliches ausgibt. Das Geschlecht, das der Feminismus uns vom Gender zu unterscheiden gelehrt hat, ist bereits getarntes Gender.[1]

Das ›Geschlecht‹ ist ein Aspekt der Sexualität, ›Sex‹ oder das, was wir mit unserem geschlechtlichen Körper tun, ein anderer. Einige Körper sind dazu da, dass andere mit ihnen Sex haben. Einige Körper sind für die Lust anderer da, dafür, von anderen besessen, konsumiert und angebetet zu werden, anderen zu Diensten zu sein und sie aufzuwerten. Auch in diesem zweiten Sinne, heißt es, sei ›Sexualität‹ etwas Natürliches, das außerhalb von Politik existiere. Der Feminismus zeigt auf, dass auch das eine Fiktion ist, und zwar eine, die ganz bestimmten Interessen dient. Der Geschlechtsakt, den wir als den privatesten aller Akte betrachten, ist in Wahrheit etwas Öffentliches. Die Rollen, die wir spielen, die Regungen, die wir empfinden, wer gibt, wer nimmt, wer fordert, wer dient, wer will, wer gewollt ist, wer profitiert, wer leidet: Die Regeln dafür wurden lange, bevor wir auf die Welt kamen, festgelegt.

Ein berühmter Philosoph sagte im Gespräch mit mir einmal, er lehne jede feministische Kritik der Sexualität ab, weil er nur beim Sex das Gefühl habe, wahrhaft außerhalb der Politik, wahrhaft frei zu sein. Ich fragte ihn, was seine Frau dazu sagen würde. (Selbst konnte ich sie nicht fragen, da sie zu dem Dinner nicht eingeladen war.) Das soll nicht heißen, dass Sex nicht frei sein kann. Feministinnen träumen seit Langem von sexueller Freiheit. Was sie allerdings ablehnen, ist das Trugbild: eine Sexualität, die angeblich frei ist, nicht weil sie gleichberechtigt, sondern weil sie allgegenwärtig ist. Sexuelle Freiheit ist in dieser Welt nicht selbstverständlich, sondern muss errungen werden, und sie bleibt immer unvollkommen. Simone de Beauvoir(1), die sich für die Zukunft eine freiere Sexualität erträumte, schrieb dazu in Das andere Geschlecht:

Sicher wird die Autonomie des weiblichen Geschlechts, wenn sie den Männern manchen Verdruß erspart, ihnen auch viel Unbequemlichkeit bereiten. Sicher gibt es gewisse Arten, das sexuelle Abenteuer zu leben, die der Welt von morgen verlorengehen. Aber das bedeutet nicht, daß die Liebe, das Glück, die Poesie und der Traum aus ihr verbannt wären. Hüten wir uns, daß unser mangelndes Vorstellungsvermögen nicht immer die Zukunft entvölkert […]. Unter den Geschlechtern werden neue körperliche und affektive Beziehungen entstehen […]. Es ist absurd zu behaupten, es würde keine Orgien, kein Laster, keine Ekstase, keine Leidenschaft mehr geben, wenn Mann und Frau einander konkret gleichgestellt wären. Die Widersprüche zwischen Fleisch und Geist, dem Augenblick und der Dauer, dem Sog der Immanenz und dem Ruf der Transzendenz, dem Absoluten der Lust und dem Nichts des Vergessens werden nie aufgehoben sein. Die Spannung, die Zerrissenheit, die Freude, das Scheitern und der Triumph der Existenz werden sich in der Sexualität immer materialisieren. […] Im Gegenteil, erst wenn die Versklavung der einen Hälfte der Menschheit mitsamt dem ganzen verlogenen System, das dazugehört, einmal abgeschafft ist, wird […] das von zwei Menschen gebildete Paar seine wahre Gestalt finden(2).[2]

Was wäre zu tun, damit Sex wirklich frei ist? Wir wissen es noch nicht, aber versuchen wir doch, es herauszufinden.

Diese Essays handeln von Politik und Ethik der Sexualität in dieser Welt und sind getrieben von der Hoffnung auf eine andere Welt. Sie beziehen sich auf eine ältere feministische Tradition, in der sich frau nicht fürchtete, Sex als ein politisches Phänomen zu betrachten, als etwas, das fest in der Sozialkritik verankert ist. Die Frauen dieser Tradition von Simone de Beauvoir(3) und Alexandra Kollontai(1) bis hin zu bell hooks(1), Audre Lorde(1), Catharine MacKinnon(1) und Adrienne Rich(2) fordern uns auf, die Ethik des Sex außerhalb der engen Parameter des consent, des »einvernehmlichen Sex«, zu denken. Sie beleuchten die Frage, welche Kräfte hinter dem Ja einer Frau stehen; was es über den Geschlechtsakt aussagt, wenn dafür ein Einverständnis notwendig ist; warum wir heute dieses Einverständnis mit einer psychischen, kulturellen und juristischen Last befrachten, für die es nicht ausgelegt ist. Und sie laden uns ein, mit ihnen von einer freieren Sexualität zu träumen.

Gleichzeitig unternehme ich in diesen Essays eine politische Kritik der Sexualität, die im Hinblick auf das 21. Jahrhundert geschrieben ist. Unter Berücksichtigung des komplexen Verhältnisses zwischen Sex und Race, Klasse, körperlicher oder geistiger Einschränkung, Nationalität und Kaste soll beleuchtet werden, was im Internetzeitalter aus der Sexualität geworden ist und was es heißt, im Umgang mit den Problemen der Sexualität die Macht des kapitalistischen, karzeralen Staates ins Feld zu führen.

In diesen Essays berücksichtige ich überwiegend die Situation in den USA und in Großbritannien(1), teilweise auch in Indien(1). In dieser Schwerpunktsetzung spiegelt sich meine Herkunft, es ist aber auch eine gezielte Entscheidung. Ich unterziehe hier Theorie und Praxis des englischsprachigen Mainstream-Feminismus, der seit Jahrzehnten die sichtbarste und materiell einflussreichste Form des weltweiten Feminismus darstellt, einer kritischen Betrachtung. (Frauen, die sich außerhalb des englischsprachigen feministischen Mainstreams betätigen, waren für sich oder ihr Umfeld natürlich nie unsichtbar oder ›marginal‹.) Diese Dominanz schwächt sich seit einiger Zeit zum Glück ab, nicht zuletzt, weil in jüngster Zeit die begeisterndsten und kraftvollsten feministischen Wortmeldungen außerhalb des englischsprachigen Kontextes zu finden waren. Um nur einige aktuelle Beispiele zu nennen: In Polen(1), wo die rechte Koalitionsregierung die Abtreibung weiter einschränkt, lehnten sich Feminist:innen mit Demonstrationen in mehr als 500 Groß- und Kleinstädten dagegen auf.[3] In Argentinien(1) sah sich der Kongress nach fünf Jahren feministischer Massenaufmärsche unter dem Slogan Ni una Menos (»Nicht eine Frau weniger«) gezwungen, die Abtreibung zu legalisieren, und in Brasilien(1), Chile(1) und Kolumbien(1), wo sie noch weitgehend verboten ist, organisieren sich Feminist:innen entsprechend. Im Sudan(1) haben Frauen die revolutionären Proteste angeführt, die Omar Al-Baschirs(1) diktatorisches Regime stürzten, und es war die sudanesische Feministin Alaa Salah(1), die mit kaum mehr als zwanzig Jahren den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen aufforderte, er möge dafür Sorge tragen, dass Frauen, Widerstandsgruppen und religiöse Minderheiten gleichberechtigt in der sudanesischen(2) Übergangsregierung vertreten sind.[4]

In einigen Themenbereichen – Rechte für Sexarbeiter:innen, die zerstörerische Wirkung karzeraler Politik, die Pathologien der zeitgenössischen Sexualität – vertrete ich in diesen Essays einen festen Standpunkt. In anderen bleiben meine Texte ambivalent und vermeiden es, komplexe und komplizierte Sachverhalte zu vereinfachen. Der Feminismus ist, gerade wenn es um ihn selbst geht, schonungslos der Wahrheit verpflichtet. (Eine radikale Bewegung, »die offen mit sich selbst spricht«, so der Arbeitshistoriker David Roediger(1), sei »weit wichtiger als eine, die ›der Macht die Wahrheit ins Gesicht sagt‹«.[5]) Im Feminismus dürfen wir nicht der Illusion verfallen, dass sich Interessen grundsätzlich einander annähern; dass unsere Pläne keine unerwarteten, unerwünschten Folgen haben, dass die Politik eine Wohlfühlzone wäre.

Die feministische Denkerin und Aktivistin Bernice Johnson Reagon(1) wies noch im letzten Jahrhundert darauf hin, dass eine wahrhaft radikale Politik – d.h. in ihren Augen eine koalitionäre Politik – ihren Mitgliedern kein Zuhause bieten darf:

Koalitionsarbeit ist keine Arbeit, die man zu Hause macht. Koalitionsarbeit muss auf der Straße stattfinden […]. Und man sollte keine Gemütlichkeit erwarten. Manche Leute schließen sich einer Koalition an und bemessen den Erfolg der Koalition danach, ob sie sich wohl darin fühlen. Sie suchen gar keine Koalition, sie suchen ein Zuhause! Sie suchen eine Milchflasche mit Sauger, aber so etwas gibt es nicht in einer Koalition.[6]

Reagon(2) zufolge ist die Haltung, Politik müsse ein gemütliches Zuhause bieten – einen Ort vollkommener Zugehörigkeit, »einen Mutterleib«, wie sie es formuliert –, an vielen exkludierenden Widersprüchen des Feminismus schuld. Ein Feminismus, der als »Zuhause« betrachtet wird, betont das Gemeinsame, ehe es erreicht wurde, und schiebt all jene beiseite, die das heimelige Idyll stören könnten. Eine wirklich inkludierende Politik ist eine unbequeme Politik ohne Geborgenheit.

In diesen Essays halte ich mich daher, wo notwendig, im Unbequemen und Ambivalenten auf. Diese Essays bieten kein Zuhause. Doch ich hoffe, sie geben hier und da Gelegenheit zum Wiedererkennen. Man kann die Essays einzeln oder gemeinsam als Buch lesen. Sie sollen niemanden überzeugen oder umstimmen, auch wenn ich nicht unglücklich wäre, wenn es ihnen gelänge. Vielmehr unternehme ich darin den Versuch, in Worte zu fassen, was viele Frauen und einige Männer bereits wissen. Das war schon immer der Ansatz des Feminismus: Frauen arbeiten kollektiv daran, das Ungesagte, das bislang Unsagbare zu artikulieren. Im besten Fall gründet feministische Theorie auf dem, was Frauen denken, wenn sie für sich sind, und was sie sagen, wenn sie streikend vor dem Werkstor, an der Montagestraße, an der Straßenecke oder im Schlafzimmer ins Gespräch kommen; auf dem, was sie ihren Ehemännern, Vätern, Söhnen, Chefs und gewählten Vertretern Tausende Male zu sagen versucht haben. Im besten Fall legt feministische Theorie Möglichkeiten für das Frauenleben offen, die in den Kämpfen der Frauen bereits latent angelegt sind, und rückt diese Möglichkeiten näher heran. Allzu oft allerdings abstrahiert feministische Theorie von den Besonderheiten im Leben der Frauen und doziert von oben herab, was ihr Leben tatsächlich zu bedeuten habe. Die meisten Frauen können mit solcher Überheblichkeit wenig anfangen. Dafür haben sie einfach zu viel zu erledigen.

Oxford 2020

Die Verschwörung gegen Männer

Ich kenne zwei Männer, die – da bin ich mir ziemlich sicher – fälschlich der Vergewaltigung bezichtigt wurden. Den Vorwurf gegen den einen, einen wohlhabenden jungen Mann, erhob eine verzweifelte junge Frau, die sich nach einem Kreditkartendiebstahl auf der Flucht befand. Die Bezichtigung war Teil eines größer angelegten Betrugsversuchs. Der Beschuldigte hatte sich jedoch nicht dort aufgehalten, wo der Überfall angeblich stattgefunden hatte; es gab keine über die Aussage der Frau hinausgehenden Beweise für eine Nötigung, und etliche weitere ihrer Aussagen stellten sich als unwahr heraus. Der junge Mann wurde weder inhaftiert noch angeklagt, und die Polizei versicherte ihm von Anfang an, dass er nichts zu befürchten habe.

Der zweite Mann ist ein Widerling: narzisstisch, charmant, manipulativ und verlogen. Er ist dafür bekannt, dass er Frauen auf jede mögliche Weise unter Druck setzt, um sie ins Bett zu bekommen, allerdings nie so, dass es unter den Tatbestand der Nötigung fiele. Die Frauen, mit denen er Sex hat (jung, von ihren Reizen überzeugt, selbstbewusst), willigen ein; tatsächlich gehört er zu jenen Männern, denen es gelingt, der Frau im entscheidenden Moment den Eindruck zu vermitteln, sie sei die Verführerin, sie verfüge über alle Handlungsgewalt und Macht – auch wenn davon keine Rede sein kann. (»Ich wurde verführt« ist eine Verteidigungsstrategie, die Vergewaltiger allenthalben gern wählen, und Pädophile ebenso.) Als eine dieser Frauen Jahre später sein Vorgehensmuster und ihn selbst endlich durchschaute und ihn bezichtigte, ihr Gewalt angetan zu haben, erschien es denjenigen, die ihn kannten, als versuche sie, ihn gerichtlich dafür zu belangen, dass er sie ausgenutzt, manipuliert und belogen hatte. Womöglich hatte er ihr obendrein tatsächlich Gewalt angetan, doch dies gab die Beweislage nicht her. Es wurde nie offiziell Anklage erhoben; allerdings musste er aufgrund seines verantwortungslosen, unprofessionellen Verhaltens seine Stelle kündigen. Meines Wissens hat der Mann eine neue Anstellung gefunden und macht dort weiter wie zuvor – nun allerdings vorsichtiger und unauffälliger und stets darauf bedacht, mögliche Vorwürfe noch glaubhafter von sich weisen zu können. Dieser Tage mimt er sogar den Feministen.

Ich kenne weitaus mehr als zwei Frauen, die vergewaltigt wurden. Das verwundert nicht, denn die Zahl der Frauen, denen Gewalt angetan wird, ist wesentlich höher als die Zahl der Männer, die fälschlich eines solchen Vergehens bezichtigt werden. Mit einer einzigen Ausnahme hat keine der Frauen, die ich kenne, Strafanzeige erstattet oder den Vorfall auch nur bei der Polizei zu Protokoll gegeben. So erzählte mir während meiner Collegezeit eine Freundin und Kommilitonin am Telefon von einem Vorfall während eines abendlichen Ausflugs mit einer Gruppe von Freunden: Sie habe auf einem Billardtisch in einem leeren Gemeinschaftsraum mit einem flüchtigen Bekannten herumgeknutscht, als dieser gewaltsam in sie eingedrungen sei. Sie habe Nein gesagt und sich gewehrt und ihn schließlich von sich schieben können. Danach sei der Abend weitergegangen, als wäre nichts geschehen. Weder ihr noch mir war es damals in den Sinn gekommen, damit zur Polizei zu gehen. Sie hatte mich lediglich angerufen, um mir von dieser Sache – als Vergewaltigung bezeichneten wir den Vorfall beide nicht – zu berichten.

Es wäre absurd, leugnen zu wollen, dass manche Männer tatsächlich Opfer einer Fehlbezichtigung werden. Dennoch sind solche falschen Beschuldigungen selten. 2005 veröffentlichte das britische(2) Innenministerium die detaillierteste Studie, die je auf der Basis von Anzeigen sexueller Nötigung erstellt wurde; sie kam zu dem Ergebnis, dass es sich bei schätzungsweise drei Prozent der 2643 im Verlauf von fünfzehn Jahren zu Protokoll gegebenen Vergewaltigungen »wahrscheinlich« oder »möglicherweise« um Falschanschuldigungen gehandelt habe.[1] Und doch hatte die britische(3) Polizei im selben Zeitraum ursprünglich mehr als doppelt so viele, nämlich acht Prozent eben dieser Anzeigen, als Fehlbezichtigung klassifiziert, und zwar aufgrund der persönlichen Einschätzung durch die Polizeibediensteten.[2] Auch das FBI hatte 1996 den Anteil »nicht belegbarer« oder »falscher« Vergewaltigungsvorwürfe bei acht Prozent eingeordnet; Grundlage waren verschiedene Polizeistatistiken aus den USA.[3] Sowohl in Großbritannien(4) als auch in den Vereinigten Staaten(3) resultierten diese geschätzten acht Prozent vor allem aus der Empfänglichkeit der Polizeibediensteten für ›Vergewaltigungsmythen‹. In beiden Ländern war eine Tendenz zu beobachten, eine entsprechende Anschuldigung als haltlos einzuordnen, sobald keine körperliche Gewalt und/oder keine Waffe im Spiel gewesen war oder aber wenn die Anzeige erstattende und die beschuldigte Person sich zuvor in einer Beziehung befunden hatten.[4] Eine 2014 in Indien(2) veröffentlichte Statistik stufte 53 Prozent der im Vorjahr in Delhi(1) zu Protokoll gegebenen Vergewaltigungsvorwürfe als ungerechtfertigt ein; indische(3) Männerrechtler nahmen dieses Zahlenwerk hocherfreut zur Kenntnis. Die Definition »Falschbeschuldigung« war dort allerdings auf sämtliche Fälle ausgeweitet worden, die nicht zur Verhandlung gekommen waren; selbstverständlich blieben zugleich alle Fälle von vornherein ausgeschlossen, die nicht die in Indien(4) gültigen Tatbestandsmerkmale der Vergewaltigung erfüllten.[5] Dazu zählt auch die Vergewaltigung in der Ehe, die – eigenen Aussagen zufolge – sechs Prozent der verheirateten Inderinnen erfahren haben.[6]

In der Studie des britischen(5) Innenministeriums hatten die Polizeibediensteten 216 von 2643 Anschuldigungen als unrichtig eingeschätzt. Von diesen 216 Fällen waren insgesamt 39 Beschuldigte betroffen. Sechs von diesen waren festgenommen und zwei schließlich angeklagt worden; bei beiden wurde die Klage letztendlich eingestellt. Unterm Strich hatten also nicht mehr als 0,23 Prozent der angezeigten Vergewaltigungen zu einer ungerechtfertigten Festnahme und lediglich 0,07 Prozent zu einer ungerechtfertigten Anklage geführt, und keine einzige zur Verurteilung eines Unschuldigen.[7]

Ich will damit nicht behaupten, eine falsche Anschuldigung wegen Vergewaltigung sei zu vernachlässigen, denn das ist sie ganz und gar nicht. Wird einem unschuldigen Mann nicht geglaubt, wird ihm misstraut, werden sein Alltag auf den Kopf gestellt und sein Ruf, ja womöglich sein ganzes Leben durch eine solche Manipulation staatlicher Instanzen ruiniert, so ist dies ein moralischer Skandal. Doch dieser moralische Skandal hat wohlgemerkt vieles gemein mit den Erfahrungen von Vergewaltigungsopfern, die sich häufig allgemeinem Unglauben ausgesetzt sehen, ganz besonders seitens der Polizei. Und dennoch: Eine falsche Beschuldigung als Vergewaltiger bleibt objektiv betrachtet ein eher seltenes Ereignis, das – ähnlich einem Flugzeugabsturz – unverhältnismäßig viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Warum aber ist gerade diese Thematik kulturell derart aufgeladen? Die Antwort, weil es sich bei den Opfern um Männer handele, greift zu kurz, liegt doch die Zahl jener Männer, die selbst zum Opfer einer Vergewaltigung werden – in überwiegender Zahl durch andere Männer – deutlich höher als die Zahl jener, die zum Opfer einer falschen Tatbeschuldigung werden.[8] Könnte es nicht daran liegen, dass automatisch angenommen wird, solche Fehlbezichtigungen gingen stets von Frauen aus?

Tatsache ist allerdings, dass ungerechtfertigte Vergewaltigungsvorwürfe sehr häufig von Männern ausgehen; dies wird fast immer übersehen. Hören wir von Falschbeschuldigungen, haben wir beinahe reflexartig das Bild einer Frau im Kopf, die aus enttäuschter Liebe oder aus Habgier die Behörden anlügt. Und doch sind viele, vielleicht sogar die meisten Fehlverurteilungen auf diesem Gebiet das Resultat falscher Schuldzuweisungen durch Männer: durch die überwiegend durch Männer vertretene Polizei und die Staatsanwaltschaft nämlich, die eine tatsächliche Vergewaltigung dem falschen Verdächtigen anhängen. Zwischen 1989 und 2020 wurden in den USA, dem Land mit der weltweit höchsten Inhaftierungsquote, 147 Männer freigesprochen und rehabilitiert, die sich aufgrund eines Meineides oder einer falschen Anklage wegen sexueller Nötigung in Haft befanden.[9] (Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wurde für fünfmal so viele wegen Mordes Einsitzende – nämlich 755 – festgestellt, dass ihre Verurteilung auf einer Fehlbeschuldigung beruhte.[10]) In weniger als der Hälfte der Fälle war dem angeblichen Vergewaltiger die Tat gezielt durch sein angebliches Opfer angehängt worden. Für die übrigen – mehr als die Hälfte – wurde »Behördenwillkür« konstatiert, eine Kategorie, die dann zum Tragen kommt, wenn (a) infolge polizeilicher Einflussnahme auf Opfer oder Zeugen eine Fehlidentifizierung erfolgte, wenn (b) gegen die Verdachtsperson Anklage erhoben wurde, obgleich das Opfer sie nicht als den Angreifer identifiziert hatte, oder wenn (c) Beweismittel unterschlagen oder falsche Geständnisse herbeigeführt worden waren.

Es hat sich niemand gegen die Männer verschworen. Jedoch hat sich etwas gegen bestimmte Teile der männlichen Bevölkerung verschworen. Von den gerade genannten 147 unschuldig wegen sexueller Nötigung verurteilten Männern waren 62 weiß und 85 nicht-weiß. Von diesen 85 nicht-weißen Männern waren 76 schwarz[11] – anders gesagt: 52 Prozent der Männer, die man nachweislich aufgrund von Falschbeschuldigung oder Meineid der Vergewaltigung schuldig gesprochen hatte, waren schwarz. Dementgegen machen Schwarze lediglich 14 Prozent der männlichen US-Bevölkerung aus und nicht mehr als 27 Prozent der rechtskräftig wegen Vergewaltigung verurteilten Männer.[12] Für einen Schwarzen ist die Wahrscheinlichkeit, unschuldig wegen sexueller Nötigung ins Gefängnis zu kommen, dreieinhalb Mal so hoch wie für einen Weißen.[13] Zugleich ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit arm – und zwar nicht allein deshalb, weil dies auf einen überproportional großen Teil der schwarzen US-Bevölkerung zutrifft, sondern vor allem deshalb, weil dies auf die meisten inhaftierten Amerikaner, gleich welcher Hautfarbe, zutrifft.[14]

Von all den Schwarzen, deren Aburteilung wegen falscher Vergewaltigungsvorwürfe an den Behörden vorbeilief – eine bis weit in die Vergangenheit der USA zurückreichende Geschichte – liest man im National Registry of Exonerations nichts, denn dieses öffentlich zugängliche Verzeichnis unschuldig verurteilter Männer und Frauen setzt erst im Jahr 1989 ein. So bleiben darin die vorgeschobenen Vergewaltigungsvorwürfe aus der Jim-Crow(1)-Ära unerwähnt, die als Vorwand dienten, um sich jener Schwarzen zu entledigen, welche »allmählich zu Besitz und Reichtum gelangten, und so diese Rasse weiter zu terrorisieren«,[15] wie Ida B. Wells(1) es am Ende des 19. Jahrhunderts ausdrückte. Unerwähnt bleiben die 150 Schwarzen, die Wells(2)’ bemerkenswerter Chronik The Red Record[16] zufolge allein in den Jahren 1892 bis 1894 gelyncht wurden, weil man ihnen die tatsächliche oder versuchte Vergewaltigung einer weißen Frau zum Vorwurf machte – ein Vorwurf, der auch bei einem einvernehmlichen Liebesverhältnis zwischen einem schwarzen Mann und einer weißen Frau erhoben werden konnte. Unerwähnt bleibt der Fall des William Brooks(1) aus Galesline(1), Arkansas, der am 23. Mai 1894 gelyncht wurde, weil er einer weißen Frau einen Heiratsantrag gemacht hatte. Auch von dem namenlosen Schwarzen, der Wells(3) zufolge im selben Monat in West-Texas(1) gelyncht worden war, weil er sich des »Briefeschreibens an eine weiße Frau« schuldig gemacht hatte, erfahren wir nichts. Im Jahr 2007 gestand Carolyn Bryant(1), gelogen zu haben, als sie 52 Jahre zuvor behauptete, der vierzehnjährige Emmett Till(1) habe sie gepackt und ihr einen unsittlichen Antrag gemacht – eine Lüge, die ihren Mann Roy(1) und seinen Bruder damals veranlasst hatte, den jungen Schwarzen zu entführen, brutal zu misshandeln und zu erschießen.[17] Roy Bryant(2) und sein Bruder waren trotz erdrückender Beweislast von der Mordanklage freigesprochen worden; vier Monate darauf zahlte ihnen das Magazin Look dreitausend Dollar für einen detaillierten Bericht ihres Vorgehens. Kein Verzeichnis dokumentiert, wie und in welchem Maße falsche Vergewaltigungsvorwürfe als Mittel kolonialer Machtausübung zum Einsatz kamen, sei es in Indien(5), Australien(1), Südafrika(1) oder Palästina(1).[18]

So mag es verwundern, dass der falsche Vergewaltigungsvorwurf heute vor allem reiche weiße Männer umtreibt. Wirklich überraschend ist es jedoch nicht. Bei der Angst vor einer solchen ungerechtfertigten Anschuldigung geht es nur vordergründig um Gerechtigkeit (»bloß keinen Unschuldigen verurteilen«); tatsächlich aber steht eine Geschlechterfrage im Mittelpunkt: der unschuldige Mann, dem eine arglistige Frau Böses will. Zugleich geht es um Race und um Klasse: darum, dass die Strafverfolgungsbehörden einen reichen Weißen womöglich genauso behandeln könnten, wie sie routinemäßig arme Men of Color[19] behandeln. Für arme Men und Women of Color ist der von der weißen Frau vorgebrachte unwahre Vergewaltigungsvorwurf nur eine Komponente in einer komplexen Matrix der Hilflosigkeit gegenüber der Staatsmacht.[20] Für den weißen Mann der Mittel- oder Oberschicht hingegen ist der unwahre Vergewaltigungsvorwurf ein Sonderfall, bei dem er sich jener Ungerechtigkeit des Karzeralstaats ausgeliefert fühlt, der sich arme Nicht-Weiße – Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen – routinemäßig ausgesetzt sehen. Der gut situierte weiße Mann verlässt sich instinktiv und nicht ohne Grund darauf, dass er im Rechtssystem gut aufgehoben ist: Niemand schiebt ihm Drogen unter, niemand schießt auf ihn, um später zu behaupten, er habe doch eine Waffe gehabt, niemand schikaniert ihn, weil er sich in einer Gegend befindet, in der er »nichts zu suchen hat«, und wird er mit einem Gramm Kokain oder einem Tütchen Gras erwischt, wird großzügig darüber hinweggesehen. Im Falle des Vergewaltigungsvorwurfs aber überkommt den gut situierten weißen Mann die Befürchtung, dass die immer lautere Forderung, der Frau müsse geglaubt werden, sein eigenes Recht auf Schutz vor einer voreingenommenen Staatsgewalt ins Wanken bringt.[21]

Diese Darstellung ist natürlich unzutreffend: Selbst dann, wenn es um Vergewaltigung geht, ist der Staat auf der Seite des reichen weißen Mannes. Für dessen Weltbild jedoch ist nicht die Wirklichkeit ausschlaggebend, sondern deren Verkehrung. Der reiche weiße Mann unterliegt einem Irrtum, wenn er glaubt, er sei Frauen oder dem Staat ausgeliefert.

2016 verurteilte Aaron Persky(1), Richter am Santa Clara Superior Court, den zwanzigjährigen Stanford-Leistungsschwimmer Brock Turner(1) wegen dreier Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung einer jungen Frau zu sechs Monaten im Bezirksgefängnis. Turner(2) saß davon drei ab. In einem Brief appellierte der Vater des jungen Mannes an den Richter:

Brocks Leben wird nach den Ereignissen des 17. und 18. Januar für immer verändert sein. Nie wieder wird er so unbekümmert sein wie zuvor, nie wieder so unbeschwert, nie mehr so offen lächeln […] Man hört es an seiner gedämpften Stimme, man sieht es in seinem Gesicht, an seinem Gang, seiner Appetitlosigkeit. Sein Leben lang liebte Brock(3) bestimmte Gerichte, er ist selbst ein ausgezeichneter Koch. Wie gern brachte ich ihm ein großes Ribeye-Steak für den Grill mit, oder seine Lieblingssnacks. Von den Salzstangen und Chips, die ich selbst gern mag, musste ich immer etwas vor ihm verstecken, denn wenn Brock von seinem langen Schwimmtraining nach Hause kam, blieb nichts für mich übrig. Heute nimmt er kaum noch etwas zu sich, essen ist für ihn nur noch Überlebenszweck. Diese Urteile haben ihn und unsere Familie völlig gebrochen. Das Leben, von dem er geträumt und für das er so hart gearbeitet hat, wird er nie führen. Das ist ein gewaltiger Preis für einen Akt von zwanzig Minuten in seinen mehr als zwanzig Lebensjahren.[22]

Diese lediglich auf das Wohlbefinden seines Sohnes(4) fokussierte Sicht Dan A. Turners(1) verblüfft: Traf denn nicht dasselbe auf das Leben des Opfers Chanel Miller(1) zu – »für immer verändert«? Noch verblüffender erscheint die (wohl unbeabsichtigt) zweideutige Formulierung »Akt von zwanzig Minuten«, als habe es sich lediglich um etwas unschuldigen jugendlichen Spaß gehandelt. Soll Brock wirklich – so scheint der Vater zu fragen – dafür bestraft werden? Und dann die Sache mit dem Essen. Brock(5) schmeckt sein Steak nicht mehr? Sein Vater muss die Salzstangen und Chips nicht mehr vor ihm verstecken? So spricht man vom Familienhund, nicht aber von einem erwachsenen Menschen. Und tatsächlich beschreibt Dan Turner(2) gewissermaßen ein perfektes Zuchtexemplar, nämlich einen jungen, reichen weißen Amerikaner: »unbekümmert«, »unbeschwert«, sportlich, freundlich, mit gesundem Appetit und glänzendem Fell gesegnet. Und wie ein Tier scheint auch Brock(6) außerhalb der moralischen Ordnung zu stehen. Diese vitalen, weißhäutigen, die besten Eigenschaften Amerikas(8) verkörpernden Jungs und die mit denselben Eigenschaften ausgestatteten Mädchen, mit denen sie ausgehen und die sie heiraten (aber die sie absolut niemals missbrauchen) – dies sind gute Jungs und Mädchen, die besten, unsere Jungs und Mädchen nämlich.

Dass auch Brett Kavanaugh(1), heute Richter am Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten(9), einmal ein solcher die besten Eigenschaften Amerikas(10) verkörpernder Junge war, brachte er selbst als seine ultimative Verteidigung gegen Christine Blasey Ford(1) vor, als diese ihm sexuelle Nötigung während ihrer Highschool-Zeit vorwarf. Ford(2), so Kavanaugh(2), »bewegte sich nicht in denselben Kreisen« wie er und seine Freunde.[23] Brett, das einzige Kind von Martha(1) und Everett Edward Kavanaugh(1) Jr., hatte den Sommer des Jahres 1982 mit seinen Schulfreunden von der Georgetown Preparatory School (einer der teuersten Privatschulen der USA, Alma Mater unter anderem von Neil Gorsuch(1)[24] und zwei Söhnen Robert Kennedys(1)) und mit Schülerinnen der benachbarten katholischen Mädchenschulen Stone Ridge, Holy Child, Visitation, Immaculata und Holy Cross(1) verbracht. Diese Gruppe – Tobin, Mark, P. J., Squi, Bernie, Matt, Becky, Denise, Lori, Jenny, Pat, Amy, Julie, Kristin, Karen, Suzanne, Maura, Megan, Nicki – vergnügte sich den Sommer über mit Strandausflügen, Football-Training, Gewichtheben, Biertrinken und sonntäglichem Kirchgang und amüsierte sich überhaupt aufs Prächtigste. Fünfundsechzig Frauen, die Kavanaugh(3) aus Highschool-Zeiten kannten, unterschrieben nach Fords(3) Anschuldigung einen Brief, in dem sie ihn verteidigten. »Freundschaften fürs Leben«, kommentierte Kavanaugh(4) ihre Reaktion, »seit dem vierzehnten Lebensjahr hat man sich über alles Wichtige im Leben ausgetauscht.«

Objektiv betrachtet waren Ford(4) und Kavanaugh(5) gesellschaftlich und ökonomisch gleichgestellt. Auch sie war weiß und reich und mindestens einmal auch mit Brett und seiner Clique unterwegs (sofern sie sich korrekt erinnert – aber soll man wirklich davon ausgehen, dass sie irrt?). Fords(5) Anschuldigungen aber reißen sie aus diesem Zirkel weißer, gutbürgerlicher junger Menschen heraus, die sich zwar gelegentlich zu etwas »Beklopptem« oder »Peinlichem« (so Kavanaughs Worte) hinreißen ließen, nie jedoch zu etwas Kriminellem. Im Jahrbuch des Abschlussjahrgangs beschrieben sich Kavanaugh(6) und seine Freunde als »Renate Alumnius [sic]« (»Renate erfolgreich abgeschlossen«) – eine Anspielung auf Renate Schroeder(1), eine jener fünfundsechzig »Freundinnen fürs Leben« und Unterzeichnerinnen des Briefes, der Kavanaugh(7) bescheinigte, »Frauen immer anständig und respektvoll behandelt« zu haben. Auf den Ausdruck angesprochen, erklärte Kavanaugh(8), man habe damit »unbeholfen seine Zuneigung und ihre Zugehörigkeit zum Ausdruck bringen« wollen, mit Sex habe das »nichts zu tun gehabt«. Schroeder(2) erfuhr von dem beleidigenden Jahrbuch-Kommentar erst, nachdem sie den besagten Brief signiert hatte; der Times gegenüber bezeichnete sie ihn als »schrecklich, verletzend und schlicht unwahr«. »Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was siebzehnjährigen Jungs durch den Kopf geht, wenn sie so etwas schreiben«, sagte sie. »Ich hoffe, ihre Töchter werden nie eine solche Behandlung erfahren.«[25] Als Christine Blasey Fords(6) Vater Ralph Blasey(1) nach Kavanaughs Ernennung zum obersten Bundesrichter auf dessen Vater Ed Kavanaugh(2) traf – beide Väter sind Mitglied im Burning Tree Golfclub von Bethesda –, schüttelte er diesem wärmstens die Hand. »Ich bin froh, dass Brett bestätigt wurde«, soll Blasey(2) gesagt haben. Zwei republikanische Väter unter sich.[26]

Was wäre wohl geschehen, wäre Brett Kavanaugh(9) nicht-weiß? Ein derart kontrafaktischer Gedanke lässt sich nur schwer verfolgen, denn dafür hätte die Welt, in der dieser junge Man of Color aufwuchs, eine völlig andere sein müssen. Eine, in der der junge Mann nicht nur die gleichen finanziellen und sozialen Privilegien hätte genießen müssen wie der tatsächliche Brett Kavanaugh(10) – mit Familienvermögen, Eliteschule und Yale-Studium –, sondern in der er sich auch einer Phalanx von ähnlich privilegierten Leuten hätte sicher sein können, Leuten seinesgleichen, die ihm Rückendeckung gegeben hätten, komme, was wolle. Die von Kavanaugh(11) als »Freundschaft« bezeichnete Solidarität jener Menschen, die ihn von früher kannten, war die Solidarität wohlhabender Weißer untereinander. Ein Kavanaugh(12) of Color ist nicht vorstellbar, ohne dafür Amerikas(12) auf Race und Besitz basierende Regeln völlig auf den Kopf zu stellen.

Für viele Women of Color wirft die feministische Mainstream-Forderung »Believe women« und deren digitale Entsprechung #IBelieveHer mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Wem sollen wir glauben – der weißen Frau, die sagt, sie sei vergewaltigt worden, oder der Woman of Color, die darauf beharrt, ihrem Sohn werde etwas angehängt? Carolyn Bryant(2) oder Mamie Till(1)?

›Männerrechtler‹ sagen gern, mit der Forderung, der Frau zu glauben, werde die Unschuldsvermutung verletzt. Das jedoch ist ein Denkfehler. Die Unschuldsvermutung ist ein Grundprinzip der Rechtsstaatlichkeit; sie trägt unserem Empfinden Rechnung, dass – unterm Strich – eine Fehlverurteilung schlimmer ist als ein ungerechtfertigter Freispruch. Aus genau diesem Grund liegt in der Mehrzahl der Rechtssysteme die Beweispflicht nicht beim Beschuldigten, sondern beim Ankläger. »Believe Women« jedoch fordert in den allermeisten Fällen nicht dazu auf, das Grundprinzip der Unschuldsvermutung über Bord zu werfen; stattdessen ist das Postulat eine politische Reaktion auf die Annahme, dass eben dieses Grundprinzip ungleich angewandt wird. Vor dem Gesetz sind alle Angeklagten zunächst unschuldig, aber manche – so viel wissen wir – sind unschuldiger. Gegen diese Voreingenommenheit bei der Anwendung der Unschuldsvermutung wendet sich die Forderung »Believe women«; sie fungiert als Korrektiv, als Zeichen der Unterstützung für jene Menschen, die das Gesetz viel zu häufig als Lügner behandelt: Frauen.

Und es liegt ein zweiter Denkfehler in der Behauptung, mit »Believe women« werde die Unschuldsvermutung aufgegeben: Die Unschuldsvermutung macht keine Aussage über das, was wir glauben sollen. Stattdessen legt sie fest, auf welche Weise ein rechtsgültiger Schuldnachweis zu erfolgen hat: Nämlich durch ein Verfahren, das die Karten wissentlich im Sinne des Beschuldigten mischt. Harvey Weinstein(1) hatte bei seinem Gerichtsverfahren das Recht auf die Anwendung der Unschuldsvermutung. Wir allerdings, die wir nicht Teil der Jury waren, unterlagen keiner Pflicht, ihn als unschuldig zu betrachten oder von einer ›Vorverurteilung‹ abzusehen. Für uns zeigten die vorgelegten Beweise, darunter die überzeugenden, übereinstimmenden, detaillierten Zeugenaussagen von über einhundert Frauen, wie überaus wahrscheinlich es war, dass sich Weinstein(2) tatsächlich der sexuellen Nötigung und Belästigung schuldig gemacht hatte. Außerdem wissen wir, dass Männer, die über jene Art von Macht verfügen, wie auch Weinstein(3) sie hatte, diese nur allzu oft missbrauchen. Das Gesetz muss jede Einzelperson in jedem einzelnen Fall neu bewerten – bei Weinstein(4) musste es von der Grundannahme ausgehen, dass er sich ebenso wenig an jemandem vergangen hatte, wie man es bei einem neunzigjährigen Großmütterchen vermuten würde. Das Gesetz gehorcht dabei anderen Regeln als der gesunde Menschenverstand. Dieser orientiert sich an der Macht der vorgelegten Beweise: in diesem Fall der Statistik, derzufolge Männer wie Weinstein(5) dazu neigen, ihre Macht zu missbrauchen, sowie dem starken Zeugnis der Frauen, die ihm eben diesen Machtmissbrauch vorwarfen. Gewiss kann ein Strafverfahren neue Beweise ans Licht bringen und andere, die zunächst schlüssig zu sein scheinen, widerlegen. (Auch können Reichtum und Macht handfeste Beweise verschwinden lassen.) Doch der Ausgang eines Gerichtsverfahrens bestimmt nicht, was wir glauben. Hätten wir, wäre Weinstein(6) in allen Punkten freigesprochen worden, den Schluss gezogen, dass seine Anklägerinnen logen?

Manche Kommentare – auch von feministischer Seite –[27] betonen, in einem Fall wie dem von Harvey Weinstein(7) könne man »nie ganz sicher sein«, ob sich jemand wirklich eines Sexualdelikts schuldig gemacht habe, selbst dann nicht, wenn alle Beweise gegen ihn sprächen. Eine solche Hypothese lässt sich gewiss vertreten. Man müsste dann jedoch konsequent bleiben: Wenn man sich »nie ganz sicher sein« kann, ob Weinstein(8) ein Verbrecher ist oder aber Opfer eines ausgeklügelten Komplotts, dann kann man sich in allen anderen Fällen – etwa bei Bernie Madoff(1) – ebenfalls nie ganz sicher sein.[28] Aus feministischer Perspektive stellt sich die Frage, warum ausgerechnet Sexualdelikte eine derart selektive Skepsis hervorrufen. Und die feministische Antwort sollte lauten: weil die überwältigende Mehrheit derartiger Delikte von Männern an Frauen begangen wird. Manchmal handelt es sich bei »Believe women« schlicht um die Aufforderung, auf die naheliegendste Weise zu einem Schluss zu kommen: nämlich strikt nach Faktenlage.

Und doch fehlt der Aufforderung »Glaubt ihr« die inhaltliche Schärfe. Es schwingt darin ein »Glaubt nicht ihm« mit. Eine solche Nullsummenlogik aber – sie sagt die Wahrheit, er lügt – basiert auf der Annahme, dass für die unterschiedliche Bewertung von Vergewaltigungsvorwürfen einzig der Faktor des biologischen Geschlechts ausschlaggebend sei. Spätestens dann jedoch, wenn weitere Faktoren wie Race, Klasse, Religion, Aufenthaltsstatus, sexuelle Orientierung hinzukommen, beginnt zu verschwimmen, wem wir zum Ausgleich von Machtasymmetrien ein Zeichen der Solidarität entgegenbringen sollten. So waren an der Colgate University, einer geisteswissenschaftlichen Eliteuniversität im Norden des Bundesstaats New York(1), im Studienjahr 2013 bis 2014 lediglich 4,2 Prozent schwarze Studierende eingeschrieben; dennoch war im selben Jahr die Hälfte der wegen eines sexuellen Vergehens Angeschuldigten schwarz.[29] Sorgt nun also »Believe women« an dieser Uni für Recht und Gerechtigkeit?

Seit Langem wehren sich schwarze Feminist:innen[30] gegen die scherenschnittartigen Vergewaltigungserzählungen des weißen Feminismus. Shulamith Firestones(1) hochambitioniertes Buch Frauenbefreiung und sexuelle Revolution (1975 [1970]) strauchelt auf bedrohliche Weise bei seiner Behandlung von Race und Vergewaltigung.[31] Für Firestone(2) ist die Vergewaltigung weißer Frauen durch schwarze Männer das Resultat eines natürlichen ödipalen Impulses, der den weißen Vater vernichten und sich alles, was diesem gehört, aneignen und unterwerfen will. »Ob nun bewußt oder unbewußt«, schrieb Angela Davis(1) 1981 in ihrem Klassiker Women, Race & Class, Firestones(3) Erklärungen »haben die Wiederbelebung des schäbigen Mythos vom schwarzen Vergewaltiger gefördert«. Doch damit nicht genug, erklärt Davis(2):

Das erdichtete Bild vom schwarzen Mann als Vergewaltiger hat immer auch sein untrennbares Gegenstück verstärkt: Das Bild von der schwarzen Frau als chronisch promiskuös. Hat sich erst die Vorstellung verfestigt, daß der schwarze Mann unwiderstehlichen, tierhaften sexuellen Begierden ausgeliefert sei, so ist gleich die gesamte Rasse mit dieser Bestialität behaftet(3).[32]

Am Abend des 16. Dezember 2012 wurde in Delhi(2) die dreiundzwanzigjährige Jyoti Singh(1), die in ganz Indien(6) bald als Nirbhaya (»die Furchtlose«) bekannt war, auf einer Busfahrt von sechs Männern einschließlich des Fahrers vergewaltigt und gefoltert. Dreizehn Tage später verstarb sie; die Ärzte hatten massive Hirnschäden, Herzstillstand, Lungenentzündung sowie weitere Komplikationen als Folgen der Attacke verzeichnet, während derer die Angreifer sie(2) mit einer rostigen Eisenstange vaginal vergewaltigt hatten. Nicht lange nach dem Überfall sprach mich bei einem Dinner ein Vater aus dem Freundeskreis darauf an. »Dabei sind die Inder doch so zivilisiert«, meinte er. Ich hätte ihm gern geantwortet, dass Zivilisation in einem Patriarchat unmöglich ist.

Viele nicht-indische(7) Beobachter sahen in dem Mord an Singh(3) unterdessen vor allem das Symptom eines Kulturversagens: eine Folge der unterdrückten Sexualität, des Analphabetentums und des Konservatismus in diesem Land. Ohne Zweifel wirken sich historische und kulturelle Gegebenheiten darauf aus, wie eine Gesellschaft mit sexualisierter Gewalt umgeht. Neben der durch Kastensystem, Religion und Armut bedingten Lebenswirklichkeit prägt noch immer das Fortwirken der langjährigen britischen(6) Kolonialherrschaft die sexualisierte Gewalt in Indien(8); ebenso prägt die auf Race und Klasse basierende Ungleichheit im Zusammenspiel mit dem Erbe von Sklaverei und Empire das System sexualisierter Gewalt in den Vereinigten Staaten(13) und Großbritannien(7). Von Nicht-Indern(9) wurde die Brutalität des Angriffs auf Jyoti Singh(4) jedoch dazu herangezogen, die jeweilige Sexualkultur ihres eigenen Landes ganz klar von derjenigen Indiens(10) abzugrenzen. Schon bald nach dem Mord bezeichnete die britische(8) Journalistin Libby Purves(1) die »mörderische, hyänengleiche Frauenverachtung indischer(11) Männer« als »Norm«.[33] Doch die erste Frage muss hier lauten: Wie kommt es, dass ein weißer Vergewaltiger gegen die Norm verstößt, ein indischer(12) hingegen angeblich der Norm entspricht? Die zweite Frage: Wenn indische(13) Männer Hyänen sind, was macht das aus indischen(14) Frauen?

In weiß dominierten Ländern galten Women of Color seit jeher als unrapeable – »unschändbar«. Begründet wurde dies mit einer ihnen unterstellten Hypersexualität.[34] Erstatteten sie Anzeige wegen Vergewaltigung, so wurde ihnen von vornherein wenig Glauben geschenkt. In der Kapkolonie, dem heutigen Südafrika(2), verurteilte 1850 Richter William Menzies(1) den achtzehnjährigen Arbeiter Damon(1) Booysen(1) zum Tode, nachdem dieser die Vergewaltigung von Anna Simpson(1), der Frau seines Chefs, gestanden hatte. Einige Tage nach der Urteilsverkündung schrieb der Richter(2) an den Gouverneur der britischen(9) Kronkolonie, ihm sei ein furchtbarer Fehler unterlaufen. Er sei davon ausgegangen, Anna Simpson(2) sei weiß, doch eine Gruppe »ehrbarer« Bürger der betreffenden Stadt habe ihn inzwischen davon in Kenntnis gesetzt, dass »die Frau und ihr Ehemann farbige Mischlinge« seien. Der Gouverneur gab der dringenden Bitte, Booysens(2) Todesstrafe umzuwandeln, statt.[35] In Mississippi(1) revidierte ein Richter 1859 die Verurteilung eines erwachsenen Versklavten, der ein versklavtes Mädchen vergewaltigt hatte; die Verteidigung hatte angeführt, dass »in diesem Bundesstaat für die Interaktionen afrikanischer Sklaven der Straftatbestand der Vergewaltigung formaljuristisch nicht existiert, [… da] sie promiskuitiv verkehren«. Das Mädchen war zu dem Zeitpunkt keine zehn Jahre alt.[36] 1918 befand das Oberste Gericht von Florida(1), bei weißen Frauen sei davon auszugehen, dass sie keusch seien und ein von ihnen vorgebrachter Vergewaltigungsvorwurf somit zutreffe, während diese Regel auf »eine andere, weitgehend unmoralische Rasse, die einen beträchtlichen Bevölkerungsanteil« ausmache, dagegen nicht anzuwenden sei.[37] Bei einer Studie, die das Center on Poverty and Inequality der juristischen Fakultät der Georgetown University in den USA durchführte, tendierten sämtliche Befragten gleich welcher Hautfarbe dazu, schwarze Mädchen als in sexueller Hinsicht kundiger zu betrachten denn gleichaltrige weiße Mädchen und zugleich als weniger förder-, schutz- und hilfsbedürftig.[38] 2008 stand R. Kelly(1), der sich selbst als »Rattenfänger des R&B« bezeichnet, wegen Kinderpornografie vor Gericht, weil er sich beim Sex mit einer Vierzehnjährigen gefilmt hatte. In dream hamptons(1) Dokumentarfilm Surviving R. Kelly(2) (2019) erläutert einer der Geschworenen, ein weißer Mann, die Entscheidung der Jury für Freispruch: »Ich habe ihnen einfach nicht geglaubt, den Frauen […] Ihre Kleidung, ihr Verhalten – sie waren mir unsympathisch. Ich habe mit Nein gestimmt. Was sie gesagt haben, hat für mich keinen Unterschied gemacht.«[39]

Fakt ist, dass in den heutigen USA schwarze Mädchen und Frauen im Vergleich zu weißen Frauen bestimmten Formen der interpersonellen Gewalt besonders ausgeliefert sind.[40] Die Politiktheoretikerin Shatema Threadcraft(1) schreibt darüber, wie stark in den USA in der mit schwarzen Themen befassten Politik der Fokus auf das Bild des toten schwarzen Mannes verengt ist – der gelynchte schwarze Mann, der von Polizisten niedergeschossene schwarze Mann – und wie dieser Leichnam den Blick auf gängige Formen staatlicher Gewalt blockiert, die sich gegen schwarze Frauen richten. Auch wenn in den Jahren nach dem Sezessionskrieg die Lynchmobs der Südstaaten neben Männern auch schwarze Frauen ermordeten und Polizisten heute dasselbe tun: Die üblichen Erfahrungen, die schwarze Frauen mit staatlichen Instanzen machen, sind anderer Natur. Schwarze Frauen werden überproportional häufig von der Polizei schikaniert und sexuell misshandelt; sie werden gewaltsam von ihren Kindern getrennt und müssen, wenn sie häusliche Gewalt anzeigen, damit rechnen, dass man ihnen weder Glauben schenkt noch mit Respekt begegnet.[41] Selbst in ihrer Gefährdung, Opfer von Gewalt durch den Intimpartner zu werden, wirkt die Staatsgewalt fort: Das überproportional hohe Risiko schwarzer Frauen, vom eigenen Partner getötet zu werden, korreliert mit höheren Arbeitslosenzahlen unter schwarzen Männern.[42] »Was ist nötig«, so fragt Threadcraft(2), »damit die Leute für die getöteten schwarzen Frauen auf die Straße gehen?«[43]

Der weiße Mythos von ›schwarzer Sexualität‹ ist auf perfide Weise genial. Indem der schwarze Mann als Vergewaltiger und die schwarze Frau als unrapeable – ›unschändbar‹ – hingestellt werden (Angela Davis(4) zufolge sind dies zwei Seiten ein und derselben Medaille namens »schwarze Hypersexualität«), schafft diese Erzählung ein Spannungsfeld zwischen dem unablässigen Druck auf den schwarzen Mann, seine Ehre wiederherzustellen, und der ständigen Notwendigkeit für die schwarze Frau, sich sexualisierter Gewalt zu erwehren – einschließlich jener Gewalt, die von schwarzen Männern gegen sie verübt wird. Das Resultat ist eine doppelte sexuelle Unterwerfung der schwarzen Frau. Protestiert sie gegen schwarze männliche Gewalt, so wird ihr vorgeworfen, sie verstärke negative Stereotype, die sich gegen ihre Community richten, und suche Schutz beim rassistischen Staat. Gleichzeitig bewirkt das internalisierte Stereotyp des sexuell frühreifen schwarzen Mädchens, dass manche schwarzen Männer glauben, Mädchen und Frauen ihrer eigenen Hautfarbe forderten den Missbrauch geradezu heraus. Auf die gut dokumentierten Vorwürfe, R. Kelly(3) habe sich über Jahrzehnte des Missbrauchs und der Vergewaltigung schuldig gemacht, reagierten dessen Verteidiger 2018 mit der Erklärung, sie widersprächen »aufs Energischste diesem öffentlichen Lynchversuch an einem Schwarzen, der einen so außergewöhnlichen Beitrag zu unserer Kultur geleistet« habe.[44] Darauf, dass die Beschwerdeführerinnen ebenfalls fast ausschließlich schwarz waren, ging Kellys Verteidigerteam nicht ein.[45]

Im Februar 2019 traten zwei Frauen, beide schwarz, mit glaubhaften Beschuldigungen gegen den schwarzen Vizegouverneur von Virginia(1) an die Öffentlichkeit. Justin Fairfax(1) stand kurz davor, den Posten des Gouverneurs von Ralph Northam(1) zu übernehmen, der sich wegen eines angeblichen Blackface-Fotos zum Rücktritt aufgefordert sah.[46] Vanessa Tyson(1), Politikprofessorin am renommierten Scripps College, beschuldigte Fairfax(2), sie während des Parteitags der Demokraten im Jahr 2004 in einem Hotelzimmer zum Oralverkehr gezwungen zu haben. Einige Tage später folgte Meredith Watson(1) mit der Aussage, Fairfax(3) habe sie im Jahr 2000 vergewaltigt, als beide an der Elitehochschule Duke University studierten. Wenige Tage, nachdem sich die beiden Anklägerinnen zu einer öffentlichen Zeugenaussage bereiterklärten, verglich sich Fairfax(4) in einer spontanen Rede vor dem Senat von Virginia(2) mit den historischen Opfern der Lynchjustiz:

Ich habe in diesen Senatsräumen viele Reden gegen die Lynchjustiz gehört, gegen jene zutiefst bedauerlichen Vorgänge, bei denen gegen Menschen ohne auch nur den Anschein eines ordentlichen Verfahrens vorgegangen wurde […] Und doch gibt es hier und heute denselben Wunsch nach einem vorschnellen Urteil, rein auf Basis von Anschuldigungen, ohne Fakten, und wir sind gewillt, wieder so zu handeln.

Welche Ironie in dieser Gleichstellung schwarzer Frauen mit einem weißen Lynchmob lag, bemerkte Fairfax(5) offenbar nicht.[47] Übrigens auch nicht Clarence Thomas(1), der bereits 1991 Anita Hill(1) vorgeworfen hatte, ein »Hightech-Lynchverfahren« in Gang zu setzen. So wird dieselbe Logik, die den Lynchmord an schwarzen Männern überhaupt erst ermöglichte, nämlich das Argument der schwarzen Hypersexualität, dafür missbraucht, schwarze Frauen ungerechtfertigterweise als die wahren Tyrannen anzuklagen.

Die Gruppenvergewaltigung und der gewaltsame Tod von Jyoti Singh(5) entfachte in ganz Indien(15) einen Sturm der Trauer und Entrüstung. Eine vollständige Abrechnung damit, was Vergewaltigung eigentlich bedeutet, blieb dennoch aus. Die Vergewaltigung in der Ehe – in Großbritannien(10) erst 1991 unter Strafe gestellt und in den USA erst seit 1993 in sämtlichen fünfzig Bundesstaaten strafbar – bleibt in Indien(16) ein juristischer Widerspruch in sich. Ein aus einem 1942 durch die britischen(11) Kolonialherren eingeführten Gesetz zur Unterdrückung von Unabhängigkeitsbestrebungen hervorgegangenes Notstandsgesetz, das als Armed Forces Special Powers Act bezeichnet wird, gestattet es dem indischen(17) Militär bis heute, Frauen in »Unruhegebieten« einschließlich Assam(1) und Kaschmir(1) ungestraft zu vergewaltigen. Im Jahr 2004 entführten, folterten, vergewaltigten und ermordeten Angehörige des 17. Bataillons der Assam(2) Rifles, einer Abteilung der indischen(18) Armee, eine junge Frau aus Manipur namens Thangjam Manorama(1) unter dem Vorwurf, sie gehöre einer Separatistengruppe an. Innerhalb von wenigen Tagen organisierte ein Dutzend Frauen, die ihre Mütter hätten sein können, einen Protest vor den Toren des Kangla Fort, wo die Assam(3) Rifles stationiert waren; sie warfen ihre Kleider ab und sangen splitternackt: Schändet uns, tötet uns! Schändet uns, tötet uns![48]

Genau wie in der übrigen Welt wiegen in Indien(19) manche Vergewaltigungen schwerer als andere. Jyoti Singh(6) war eine gut ausgebildete Städterin aus einer hohen Kaste: Diese sozialen Komponenten bildeten die Voraussetzung für ihre spätere Überhöhung als »Tochter Indiens(20)«. In dem südindischen(21) Bundesstaat Kerala(1) wurde 2016 der ausgeweidete, von mehr als dreißig tiefen Schnittwunden übersäte Leichnam der 29-jährigen Jurastudentin Jisha(1) aufgefunden; sie gehörte zur ›unberührbaren‹ Kaste der Dalit. Die Autopsie ergab, dass man sie ermordet hatte, als sie sich gegen eine Vergewaltigung zur Wehr setzte. Im selben Jahr wurde in Rajasthan(1) der Leichnam von Delta Meghwal(1), einer siebzehnjährigen Dalit, im Wasserreservoir ihrer Schule entdeckt. Am Tag vor ihrer Ermordung hatte Meghwal(2) ihren Eltern von der Vergewaltigung durch einen Lehrer berichtet. Der Aufruhr, den die Vergewaltigung und der Mord an Jyoti Singh(7) nach sich zogen, war ungleich größer gewesen als die Aufmerksamkeit, die diese beiden toten Dalit erhielten. Ähnlich wie schwarze Frauen in den USA und anderen weiß dominierten Gesellschaften gelten in Indien(22) die Frauen der Dalit und anderer niedriger Kasten als promisk und somit als Freiwild – unrapeable.[49] Niemand kam für die Vergewaltigung und Ermordung von Delta Meghwal(3) vor Gericht, und weder sie noch Jisha(2) wurden von einer trauernden Nation mit einem Ehrentitel bedacht. Im September 2020 verstarb in einem Krankenhaus in Uttar Pradesh(1) eine neunzehnjährige Dalit; zuvor hatte sie der Polizei noch gemeldet, sie sei von vier hochkastigen Nachbarn vergewaltigt worden. Die Polizei bestritt diesen Bericht und verbrannte den Leichnam der jungen Frau gegen den Protest ihrer Familie noch in derselben Nacht.[50]

Punita Devi(1), die Frau eines der Männer, die für die Vergewaltigung und Ermordung von Jyoti Singh(8) zum Tode verurteilt wurden, klagte: »Wo soll ich wohnen? Was soll mein Kind essen?«[51] Devi(2) stammte aus Bihar, einem der ärmsten indischen(23) Bundesstaaten. Selbst am Tag der Hinrichtung beteuerte sie noch ihres Mannes Unschuld. Vielleicht wollte sie die Wahrheit nicht sehen; vielleicht war ihr auch einfach nur klar, wie leicht ein besitzloser Mann zum Opfer einer Falschanschuldigung wird. Eine Sache jedenfalls sah Punita Devi(3) glasklar: Nach den Gesetzlichkeiten der Vergewaltigung – nicht den durch Paragraphen geregelten Gesetzen, sondern jenen unausgesprochenen Regeln, nach denen eine Vergewaltigung bewertet wird – gelten Frauen wie sie nichts. Hätte ihr Mann nicht Jyoti Singh(9), sondern sie selbst oder eine andere niedrigkastige Frau vergewaltigt, wäre er aller Wahrscheinlichkeit nach noch am Leben. Wie Devi(4) und ihr Kind nach der Hinrichtung ihres Mannes ihr Leben bestreiten, interessiert den indischen(24) Staat nicht. Und so fragte sie: »Warum denken die Politiker nicht an mich? Auch ich bin eine Frau.«[52]

Der von Kimberlé Crenshaw(1) geprägte Begriff der »Intersektionalität« gibt einer Überlegung einen Namen, die andere Feministinnen zuvor schon ansprachen – von Claudia Jones(1) und Frances M. Beal(1) über das Combahee River Collective bis hin zu Selma James(1), Angela Davis(5), bell hooks(2), Enriqueta Longeaux y Vásquez(1) und Cherríe Moraga(1). In der Praxis wird Intersektionalität gern auf die Forderung reduziert, den verschiedenen Machtachsen zwischen Unterdrückung und Privileg Rechnung zu tragen: Race, Klasse, Sexualität, Behinderung und so weiter.[53]