Das Rentendebakel - Danny Schlumpf - E-Book

Das Rentendebakel E-Book

Danny Schlumpf

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Beschreibung

Jedes Jahr liefern die Pensionskassen-Versicherten in der Schweiz 20 Milliarden Franken an die Finanz­industrie ab. Bloß merkt das niemand. Denn Banken und Versicherungen haben das Sozialwerk der zweiten Säule in ein intransparentes Gebührensystem verwandelt, das ihnen satte Gewinne abwirft. Seit dem Obligatorium für die berufliche Vorsorge von 1985 unterstützt der Staat sie dabei: Er zwingt die Versicherten zur Einzahlung – und überlässt der Finanz­branche die Verwaltung des Geldes. Die Gesetze sind lasch, die Aufsicht ist schwach. Auch, weil viele Politiker am System mitverdienen. Die Folge sind Skandale wie das Debakel der Pensionskasse Phoenix, in dem die Schwyzer Kantonalbank eine entscheidende Rolle spielt. Das gebührengetriebene System der zweiten Säule sorgt außerdem dafür, dass die Finanzindustrie das Vorsorgevermögen zum Nachteil der Versicherten falsch anlegt. Hätte sie es seit 1985 richtig – nämlich passiv und kostengünstig – investiert, lägen heute nicht 1200 Milliarden, sondern 1400 Milliarden Franken im Schweizer Vorsorge­tresor. Jetzt streitet das Parlament über die Vor­sorge­reform BVG 21. Doch diese Vorlage reicht nicht. Das System muss neu gebaut werden. Damit es den Versicherten dient – und nicht der Finanzbranche.

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Danny Schlumpf, Mario Nottaris

Das Rentendebakel

Wie Politik und Finanzindustrieunsere Vorsorge verspielen

Und warum kaum Zeitfür Reformen derzweiten Säule bleibt

Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.

© 2022 Rotpunktverlag, Zürich

www.rotpunktverlag.ch

Umschlag und Grafiken: Erika Bardakci-Egli

eISBN 978-3-85869-975-6

1. Auflage 2022

Inhalt

Einleitung

Skandal: Die Geschichte der Pensionskasse Phoenix

»Zückerli« und »Schmerzen«: Die Schwyzer Kantonalbank steigt in den Vorsorgemarkt ein

Anonym: Der Angriff auf die Pensionskasse Phoenix

Befangen: Die Aargauer Pensionskassenaufsicht richtet ein Debakel an

Rufmord: Der Phoenix-Skandal in den Medien

Treiber: Die Schwyzer Kantonalbank im Phoenix-Skandal

Geburtsfehler: Das BVG-Obligatorium von 1985

Kostenschub: Die Finanzindustrie drängt in den Pensionskassenmarkt

Geldregen: Die Tellco-Holding erfindet den Gebührenapparat

Abgeschottet: Das Alterskapital in den Röhren der Geldhäuser

Milliarden: Wie die Finanzindustrie unsere Renten verspielt

Falsches Spiel: Die zweite Säule und der Staat

Machtlos: Die Pensionskassenaufsicht unter der Fuchtel des Parlaments

Rentnerflut: AHV 21 und BVG 21

Krankes Herz: Die Pensionskassen und das Schweizer Wirtschaftssystem

Trauma: Die Wirtschaftskrise der neunziger Jahre

Lawine: Die Pensionskassen und der nächste Immobilien-Crash

Schmetterling: Was wir wirklich ändern müssen

Schlusswort

Einleitung

Dieses Buch handelt vom Einbruch der Finanzindustrie in die Sozialwerke. Es geht um Kalkül und Gewinn, Verrat und Verlust, Kabale und Rache – und um einen der größten Skandale der Schweizer Pensionskassengeschichte.

Unterhalb des Radars der Öffentlichkeit spielt sich ein Drama um die Aargauer Vorsorgeeinrichtung PK Phoenix ab. Wenig ist in den letzten Jahren darüber an die Öffentlichkeit gedrungen. Und was den Weg nach draußen fand, stellte meist ein völlig verzerrtes Bild des Debakels dar. Eine zentrale Rolle spielt die Schwyzer Kantonalbank.

Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Das Schweizer Vorsorgesystem ist zu einem Selbstbedienungsladen für die Finanzindustrie geworden. Das Nachsehen haben die Versicherten. Vom Staat kommt bis heute keine Hilfe. Er schützt nicht das Vorsorgevermögen, sondern die Gewinne der Geldhäuser. Das ist ein entscheidender Grund, warum es um unsere Renten immer schlechter steht.

Dabei ruht die Altersvorsorge in der Schweiz eigentlich auf einem soliden Fundament. Sie stützt sich bekanntlich auf drei Säulen: die staatliche, die berufliche und die private Vorsorge. Seit 1948 soll die obligatorische Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) die Existenz nach dem Ende des Erwerbslebens sichern. 1985 wurde auch die zweite Säule obligatorisch. Das Pensionskassengeld soll die Weiterführung des gewohnten Lebensstandards ermöglichen. Und wer es sich leisten kann, investiert zusätzlich in die freiwillige dritte Säule, um die Vorsorge aktiv zu stärken.

Das Prinzip der drei Säulen zeichnet das Schweizer System aus. Es ist organisch gewachsen, verbindet Staat, Wirtschaft und Bürger. Es scheint im Kern durchdacht zu sein und ist demokratisch legitimiert. Doch das Modell hat auch gravierende Schwächen. Einige davon sind Geburtsfehler und wachsen mit den Säulen mit. Hinzu kommen Faktoren wie die demografische Entwicklung, die von außen auf das System drücken. Mit der Folge, dass die Säulen bröckeln.

Das ist schon lange bekannt. Doch Reformen der Schweizer Altersvorsorge sind schwierig. Sie scheitern immer wieder an den gegensätzlichen Interessen der politischen Kräfte im Land. Nun nimmt die Schweiz einen neuen Anlauf. 2022 ist das Jahr der Rentenreform. Im September hat das Stimmvolk die Reform AHV 21 angenommen, im Winter behandelt das Parlament die Reform BVG 21.

Doch diese Vorlagen reichen nicht. Sie verputzen die erste und die zweite Säule neu, doch sie reparieren nicht die Fundamente. Die Schweizerinnen und Schweizer müssen weiterhin um ihre Renten fürchten, denn die großen Probleme werden lediglich vertagt. Gelöst sind sie nicht.

Am ärgsten steht es um die zweite Säule. Das Kapital der beruflichen Vorsorge wirft seit Jahren immer weniger für die Versicherten ab. Und das, obwohl sich mittlerweile über 1200 Milliarden Franken Vermögen angehäuft haben. Diese enorme Summe müsste problemlos reichen, um den hiesigen Rentnerinnen und Rentnern ein sorgenfreies Dasein zu ermöglichen – möchte man denken. Doch weit gefehlt. Die zweite Säule lebt nämlich vor allem von der Rendite, die das angesparte Alterskapital der aktuell 4,4 Millionen Versicherten abwirft. Und genau die ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Immer mehr Versicherte müssen sich mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Minimalzins von 1 Prozent auf ihr Alterskapital begnügen. Entsprechend wenig schaut für sie nach der Pensionierung heraus. 2020 erhielten die Rentnerinnen und Rentner zusammen gerade einmal 24,5 Milliarden Franken aus dem Topf der beruflichen Vorsorge.

Umso irritierender, dass aus demselben Topf jedes Jahr praktisch unbemerkt 20 Milliarden abfließen, und zwar direkt in die Taschen der Finanzindustrie. Es sind Gebühren für Administration, Marketing, Vermittlung, Immobilienbewirtschaftung und weitere Dienstleistungen für die Pensionskassen im Umfang von 2 Milliarden Franken und Vermögensverwaltungskosten in der Höhe von 5 Milliarden. Hinzu kommen nicht veröffentlichte Transaktionskosten bei der Vermögensverwaltung im Umfang von schätzungsweise 12 Milliarden sowie eine Milliarde für Maklerprovisionen, Beratung und diverse Spesen. Diese enormen Beträge entwickeln sich seit Jahren nur noch in eine Richtung – nach oben. Für Versicherungen, Banken und andere Finanzdienstleister ist der Pensionskassenmarkt zu einem riesigen Geschäft auf Kosten der Versicherten geworden.

Wie konnte das passieren?

Alles beginnt 1985. Die Schweizer Wirtschaft brummt, es gibt so gut wie keine Arbeitslosen. Das ist der richtige Zeitpunkt, um der beruflichen Vorsorge ein festes Fundament zu geben. Der Staat ruft das BVG-Obligatorium ins Leben: Das Bundesgesetz über die Berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG) verpflichtet die Angestellten in der Schweiz dazu, in die zweite Säule einzuzahlen. Ihre Pensionskasse können sie allerdings nicht selbst wählen. Damit schafft der Staat ein geschlossenes System ohne Wahlfreiheit für die Konsumenten. Umso mehr Freiheiten gewährt der Staat auf der anderen Seite den Anbietern, die äußerst ineffizient überwacht werden. Sie können mit dem Geld der Versicherten hantieren wie in einem freien Markt. Die BVG-Verordnung von 1985 umfasst gerade einmal zwei Dutzend Seiten. Zwang für die Versicherten, Freiheit für die Anbieter – dieser Geburtsfehler ist ein zentraler Grund dafür, dass die Vorsorgeversicherten bis heute der Finanzindustrie machtlos ausgeliefert sind.

Der Zürcher Unternehmer Serge Aerne, auf den wir noch mehrfach kommen werden, ist Teil dieser Industrie. Sein Berufsweg bildet die kommenden Entwicklungen im Vorsorgemarkt ab. Nach einer kaufmännischen Lehre Ende der neunziger Jahre arbeitet er bei einem Treuhänder. Dann geht er für zwei Jahre zur UBS. 2004 gründet er eine eigene Devisenhandelsfirma. Als Händler verdient er gutes Geld – bis 2008. Er verspekuliert sich und geht in der Finanzkrise unter. Auch große Geldhäuser stehen vor dem Kollaps. Die Notenbanken reagieren und senken massiv die Zinsen. Mit der Folge, dass den Bankern die Margen schrumpfen und sie sich nach neuen Tätigkeitsfeldern umsehen. Fündig werden sie im Pensionskassenmarkt.

Serge Aerne wird Direktor der Schwyzer Tellco AG. Dieses Vorsorgeunternehmen ist im Besitz des Finanzmanns Hans Düring und des Politikers Reto Wehrli, der von 2003 bis 2011 für die Schwyzer CVP im Nationalrat sitzt. Düring und Wehrli bauen in den Nullerjahren ein neues Konstrukt auf, das Schule im Pensionskassenmarkt macht: die Vorsorge-Holding. In deren Zentrum steht eine Sammelstiftung, die den Anschluss einer theoretisch unbegrenzten Zahl von Betrieben ermöglicht. An die Stiftung gliedern Düring und Wehrli weitere Gefäße an: eine PK-Verwalterin, eine Anlagestiftung, eine Marketingabteilung, Immobiliengesellschaften, Treuhandfirmen. All diese Gefäße vereinen sie schließlich unter einer Dachgesellschaft, der Tellco-Holding, die mit Gebühren für ihre Dienstleistungen hohe Gewinne macht.

Die Tellco AG wird zu einer Größe im Schweizer Vorsorgemarkt. Sie wird zum Vorbild für Banken, Versicherungen und andere Finanzdienstleister, die nach der Finanzkrise mit Wucht in das Pensionskassengeschäft drängen. Die Finanzgesellschaften übernehmen die Kontrolle und degradieren die Stiftungsräte der Pensionskassen zu Marionetten. Die tragen zwar offiziell immer noch die Verantwortung und haften persönlich für das Versichertenvermögen, doch sie haben nichts mehr zu sagen. Jetzt regieren die Finanzexperten, die den Interessen der Aktionäre von Holdings, Versicherungskonzernen und Banken verpflichtet sind.

2012 macht sich Serge Aerne selbständig und gründet im aargauischen Kleindöttingen die Pensionskasse Phoenix, die er ebenfalls von einer Vorsorge-Holding betreuen lässt – der Nova Vorsorge AG. Die Schwyzer Kantonalbank (SZKB) steigt unter der Federführung von Bankpräsident Kuno Kennel ein und übernimmt eine beherrschende Stellung in der Nova-Holding. Kennel will auch mitmischen im großen Spiel, in das sich andere Kantonalbanken bereits erfolgreich eingeschaltet haben. Doch bei der PK Phoenix tauchen plötzlich Probleme auf. 2017 wird in der Kasse ein Loch von 12 Millionen Franken entdeckt. 2022 steht die Phoenix vor dem Aus.

Die Schwyzer Kantonalbank spielt eine entscheidende Rolle in diesem Drama. Sie deckt Serge Aerne mit Anzeigen ein und aktiviert eine wirkmächtige PR-Maschinerie, die den Phoenix-Gründer als Schuldigen für das Millionenloch darstellt. Auch die Aargauer Pensionskassenaufsicht schlägt sich früh und vorbehaltlos auf die Seite der Kantonalbank und lanciert auf Kosten der Versicherten einen Angriff nach dem anderen auf die PK Phoenix. Schließlich muss das Bundesgericht die Aufsicht zurückpfeifen. Ihr Geschäftsführer wird in den Ausstand beordert.

In der Öffentlichkeit dominiert bis heute die Erzählung vom betrügerischen Geschäftsmann Serge Aerne, der mit krummen Immobiliengeschäften das Loch in der Phoenix-Kasse verschuldet habe. Doch diese Version ist nicht korrekt. Die ganze Geschichte der Pensionskasse muss neu erzählt werden. Sie wirft nämlich Fragen auf, die weit über den Phoenix-Skandal hinausreichen.

Die großen Banken und Versicherungen agieren im eigenen Interesse deutlich gekonnter als die Schwyzer Kantonalbank. Sie beherrschen den Markt der beruflichen Vorsorge, ohne öffentliches Aufsehen zu erregen. Sie erklären, sie hätten durch ihre Anlagestrategien wesentlich Anteil am wachsenden Vorsorgevermögen in der Schweiz. Dafür stünden ihnen auch hohe Gebühren zu. In der Tat verwalten die Finanzleute das Versichertenvermögen mit großem Aufwand durch sogenanntes aktives Management. Sie beobachten die Märkte, analysieren, recherchieren und kreieren ständig neue Anlagelösungen.

Die Versicherten wiederum gehen selbstverständlich davon aus, die bestmögliche Rendite auf ihr Alterskapital zu bekommen. Die ist zwar nicht immer rosig, gerade nach der Finanzkrise und dem anschließenden Sturz der Zinsen. Aber es ist nach allgemeiner Überzeugung auf jeden Fall die bestmögliche.

Das aktive Anlagemanagement ist aber nur eine Möglichkeit, das Vorsorgevermögen zu vermehren. Geld lässt sich auch passiv investieren. In diesem Fall wird es so angelegt, dass es einem Börsenindex wie zum Beispiel dem Swiss Performance Index (SPI) folgt, der die großen Titel der Schweizer Börse wie Nestlé oder Roche abbildet. Diese Form des Anlegens funktioniert im Wesentlichen automatisch. Der Aufwand ist erheblich geringer, wodurch auch viel weniger Gebühren anfallen. Das heißt aber auch, dass diese Methode den Finanzvertretern weit weniger abwirft. Viele Vermögensverwalter behaupten dementsprechend, aktives Management bringe für die Kunden eine bessere Rendite als passives Anlegen ein. Doch bis heute hat niemand überprüft, ob die Vermögensverwalter mit ihrem teuren Anlagestil tatsächlich die beste Rendite aus dem Schweizer Vorsorgevermögen herausholen. Unser Buch schließt diese Lücke.

Im Jahr 1985 hat die Schweiz das BVG-Obligatorium eingeführt. Seit damals ist das gesamte Vorsorgevermögen auf 1200 Milliarden Franken gewachsen. Doch wie groß könnte es heute sein, wenn die Finanzindustrie das Alterskapital der Versicherten passiv angelegt hätte? Das Ergebnis ist frappierend. Wenn ihr Geld seit 1985 konsequent passiv angelegt worden wäre, hätten die Vorsorgeversicherten heute 200 Milliarden mehr auf dem Konto. Das ist ein Sechstel mehr als die 1200 Milliarden, die es heute tatsächlich sind. Und mit einer etwas riskanteren passiven Anlagestrategie wären sogar 400 Milliarden mehr möglich gewesen. Das ist ein Drittel mehr. Es handelt sich um ungeheure Summen.

Den Umwandlungssatz senken, das Rentenalter der Frauen angleichen, die Lohnbeiträge erhöhen, die Beitragspflicht schon ab zwanzig einführen, den Gürtel enger schnallen, Abstriche machen, Verluste in Kauf nehmen – all diese Diskussionen gäbe es jetzt nicht, wenn die Finanzindustrie das Geld der Vorsorgeversicherten so konsequent wie möglich passiv in Aktien angelegt hätte. Es gäbe keine wütenden Versicherten und keinen Rentenstreit im Bundeshaus, weil das angesparte Alterskapital in der Schweiz zu wenig hergibt für die wachsende Rentnerzahl. Es gäbe mehr als genug für alle.

Stattdessen werden die Vorsorgeversicherten bis heute im Glauben gelassen, dass die Finanzunternehmen das Beste für sie herausholen. Und welche Rolle spielt die Politik? Man hat den Eindruck, sie wolle es lieber nicht so genau wissen. Das betrifft nicht nur die Frage, ob die Pensionskassengelder wirklich zum Vorteil der Versicherten angelegt werden. Es gibt noch andere blinde Flecken.

1985 dominieren Betriebspensionskassen das Feld. Sie sind der Stolz jedes Unternehmens. Wenn die Kasse gut ist, hat auch die Firma einen guten Ruf. Doch diese Kassen werden weniger. Heute gibt es immer mehr Gemeinschaftsund Sammelstiftungen, in denen ein Dutzend bis zu mehreren Hundert Firmenkassen zusammenkommen. Drei von vier Versicherten haben ihr Alterskapital mittlerweile bei einer solchen Vorsorgeeinrichtung. Allerdings werden Gemeinschafts- und Sammelstiftungen vom Gesetz fast nicht erfasst. Diese milliardenschweren Gebilde werden praktisch nicht reguliert.

Das ist ein Einfallstor für die nach der Finanzkrise angeschlagene Finanzindustrie. Diese wehrt sich gegen alle Versuche, sie dazu zu zwingen, ihre riesigen Geldflüsse transparent zu machen. Das System ist so undurchsichtig, dass auch die Aufsichtsbehörden längst den Überblick verloren haben. Sie tun entweder nichts – wie im Fall der Schwyzer Tellco AG. Oder sie toben sich hemmungslos aus – wie im Phoenix-Skandal. Die Pensionskassen-Oberaufsicht des Bundes muss dem Treiben machtlos zusehen. Ihr Direktor Manfred Hüsler gibt unumwunden zu, er habe keine Möglichkeit, in das Geschehen einzugreifen. Ihm fehlen gesetzliche Grundlagen.

Für Gesetze ist das Parlament in Bern zuständig. Dort dominieren Vertreter von Banken, Versicherungen und Pensionskassen die Debatte. Viele von ihnen verdienen selbst mit in diesem Markt – als Stiftungsräte, Revisoren oder Verwaltungsräte großer Banken und Versicherungen. Sie haben offensichtlich kein Interesse daran, den Pensionskassenmarkt klar zu regulieren und eine effiziente Aufsicht einzuführen.

Für die Versicherten ist die Lage fatal, weil sie das BVG-System nicht umgehen können. Sie sind zur Einzahlung gezwungen und müssen sowohl den staatlich festgelegten Umwandlungssatz als auch die Höhe der Verzinsung des Alterskapitals durch ihre Pensionskasse akzeptieren. Und wenn sie überhöhte Gebühren oder andere Fehlleistungen ihrer Vorsorgeeinrichtung entdecken, haben sie keinerlei Klagerecht.

Solange sich im Bundeshaus nichts tut, fließen die Gebühren für die Finanzunternehmen weiter in Strömen aus dem Vorsorgevermögen ab. Es braucht eine öffentliche Debatte über die Rolle der Finanzindustrie im Pensionskassenmarkt, über die fehlgeleitete Regulierung, über die unsinnig strukturierte Aufsicht, die falschen Anlagestrategien, handlungsunfähige Stiftungsräte und ohnmächtige Versicherte.

Angesichts der tatsächlichen Zustände ist der Streit der Bundesparlamentarier über den Umwandlungssatz lächerlich. Die Abgeordneten haben die Aufgabe, das Volk zu vertreten. Dieses erwartet von ihnen, dass sie das verantwortungsbewusst und aufrichtig tun und sich nicht in absurden Prozenthubereien ergehen. Sie müssen sich den Realitäten in der Schweizer Vorsorge stellen. Dazu gehört auch ein nüchterner Blick auf die Demografie. Die Schweiz hat immer mehr Rentnerinnen und Rentner, die immer länger leben. Das Ungleichgewicht zwischen Jungen und Alten ist ein sich aufbauender Tsunami.

Die Zinsen steigen. Die Zeit drängt. Der Boom des Schweizer Immobilienmarkts, der seit der Jahrtausendwende die Häuserpreise durch die Decke gehen lässt, flaut ab. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es kracht. Dann wird das Vorsorgekapital im Zentrum des Sturms stehen. Denn noch nie waren Pensionskassengelder so stark in Immobilien investiert.

Das System ist komplex, unverständlich, verzweigt. Weil ganz unterschiedliche Akteure auf diversen Ebenen involviert sind. Weil es um Finanzwirtschaft und Recht und Politik geht. Weil es all diese Zahlen, Rechnungen und Erklärungen gibt, mit denen sich viele von uns gar nicht beschäftigen wollen, weil sie so schwer zu verstehen sind. Das fängt beim Pensionskassenausweis an und hört beim Studium komplexer Geschäftsberichte nicht auf. Doch vielleicht soll das auch so sein. Vielleicht ist das System auch so intransparent, damit sich die Versicherten nicht einmischen. Tatsächlich werden Informationen gefiltert, verwischt, versteckt. Das scheint kein Zufall zu sein, denn es geht um Hunderte von Milliarden, an denen sehr viele Leute sehr gut verdienen. Die Finanzindustrie versucht das System zu erhalten, indem sie es abschirmt. Und das geschieht mit freundlicher Unterstützung des Parlaments.

Der größte Schutzwall ist die Sprache. Wer sich mit Pensionskassen beschäftigt, wird von Fachbegriffen erschlagen: Umwandlungssatz, technischer Zinssatz oder Koordinationsabzug sind noch die harmloseren. Schlimmer wird es, wenn es um die wichtigen Fragen der Vermögensverwaltung geht. Da tauchen Dinge wie Hedge Funds, Private Equity oder nicht traditionelle Nominalwertanlagen auf. Es geht um Performance, Asset Allocation und TER-Kosten. Das ist Fachjargon, der abschrecken soll – wer die Sprache nicht versteht, soll auch nicht mitreden. Das haben schon die Priester im alten Ägypten und die Kirche im Mittelalter begriffen. Sie erklärten dem Volk, das weder lesen noch schreiben konnte, was es in Gottes Namen zu tun und zu lassen habe. Und das Volk hat ihnen geglaubt.

Doch das System, das sich hinter den Begriffen und Zahlen versteckt, ist eigentlich recht simpel. Pensionskassen- und Finanzjargon sind viel einfacher als Hieroglyphen oder Latein. Es reicht, ein paar Schlüsselwörter verständlich zu übersetzen, schon öffnen sich die Türen. Kein Mensch muss wissen, was nicht tradtitionelle Nominalwertanlagen sind, um es zu verstehen. Aber es ist gut zu wissen, was Vermögensverwaltungskosten sind und worin sich aktive und passive Anlagestrategien unterscheiden.

Diesem Buch liegen viele Gespräche, Interviews, auch harte Diskussionen mit Vertreterinnen und Vertretern von Pensionskassen, Pensionskassenexperten, Bankern, Vermögensverwaltern, Versicherern, Politikerinnen und Politikern und dem Brancheninsider Serge Aerne zugrunde.

Wir haben rund 2000 Akten gesammelt, inventarisiert und ausgewertet. Sämtliche Dokumente, Protokolle, Berichte, elektronischen Nachrichten und Statistiken, auf die wir im Text Bezug nehmen, sind in unserem Besitz. Wir haben sie eingehend gesichtet und sorgfältig geprüft.

Allen Personen und Unternehmen, die im Buch kritisch behandelt werden, wurde Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Diejenigen, die darauf reagiert haben, kommen im Text zu Wort. Ihre Stellungnahmen sind außerdem in voller Länge auf der Website des Rotpunktverlags einsehbar: www.rpunkt.ch/stellungnahmen-rentendebakel.

Skandal: Die Geschichte der Pensionskasse Phoenix

Die Jahresrechnung 2017 der Pensionskasse Phoenix ist knallrot. Es fehlen 12 Millionen Franken. Was steckt dahinter? Wer ist schuld daran? Wo ist das Geld hin? Verantwortlich für die Vorsorgeeinrichtung mit Sitz im aargauischen Kleindöttingen sind ihre Stiftungsräte. Doch die können nichts tun. Die Aargauer Pensionskassenaufsicht hat sie abgesetzt. Außerdem laufen diverse zivil- und strafrechtliche Verfahren gegen die Phoenix-Verantwortlichen. Es ist ein Desaster. Die Pensionskasse steht vor dem Aus. Wie konnte es so weit kommen?

»Zückerli« und »Schmerzen«: Die Schwyzer Kantonalbank steigt in den Vorsorgemarkt ein

Anfang 2012 gründet der Unternehmer Serge Aerne die Pensionskasse Phoenix. Es ist eine Sammelstiftung, die sowohl Vollversicherung als auch Teilautonomie anbietet. Die Vollversicherung übernimmt alle Risiken, allerdings zu hohen Prämien. Die teilautonome Lösung ist günstiger, aber die Versicherten tragen das Anlagerisiko selbst. Eine solche hybride Pensionskasse, die beide Lösungen offeriert, gibt es in der Schweiz bisher nicht. Doch das Modell passt perfekt zum Zeitgeist. Die Vollversicherungen, die nach 2009 ihren letzten Höhepunkt erlebten, sind immer noch stark. Und die teilautonomen Sammelstiftungen kommen gerade auf.

Mit der Nova Vorsorge AG baut Aerne außerdem eine Pensionskassenverwalterin auf, die die Vorsorgegelder der PK Phoenix betreut. Das neuartige Konstrukt beginnt erfolgreich zu wirken. Aerne gewinnt den Versicherungskonzern AXA für eine Zusammenarbeit und rekrutiert neue Versicherte. Die Pensionskasse Phoenix wächst rasant und zählt Ende 2014 bereits 3300 Kunden. 2015 erreicht die Kasse in einem der bekanntesten Schweizer Pensionskassenvergleiche den zweiten Rang in der Kategorie Servicequalität – zwei Jahre nach der Gründung.

Wie jede Pensionskasse legt auch die Phoenix einen Teil ihres Geldes in Immobilien an. Einige davon stehen im sankt-gallischen Lütisburg. Die Kasse hat sie 2013 der Profex GmbH abgekauft. Daran wäre nichts Besonderes, wenn die Prof-ex nicht Serge Aerne, seinem Bruder und seiner Mutter gehören würde. So aber verkauft Aerne der eigenen Pensionskasse Immobilien einer Firma, die seiner Familie gehört. Solche Transaktionen sind nicht widerrechtlich, aber heikel. Tatsächlich hat das Bundesgesetz über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG) sogar einen eigenen Begriff dafür: »Rechtsgeschäfte mit Nahestehenden«. Bedingung bei solchen Geschäften sind Transparenz und umfassende Dokumentation.

2012 ist nicht nur das Gründungsjahr der PK Phoenix, sondern markiert auch den Start für Kuno Kennels Präsidium bei der Schwyzer Kantonalbank. Der eidgenössisch diplomierte Experte für Finanzanalyse und Vermögensverwaltung stieg nach einer Karriere bei UBS und ABN Amro als CEO Schweiz der britischen Großbank Barclays Capital ins Investmentbanking ein. Doch nach der großen Finanzkrise ist das Ansehen dieses Geschäfts im Keller. Zu Recht, denn Investmentbanken wie die New Yorker Lehman Brothers haben den ganzen Schlamassel verursacht. Kennel springt ab und wechselt zur Schwyzer Kantonalbank. Im Juni 2012 wird der 43-jährige Finanzmann zu ihrem neuen Präsidenten gewählt.

Eine nachvollziehbare Wahl, denn Kennel hat Erfahrung in verschiedenen Geschäftsfeldern und ist auch politisch gut vernetzt. Er sitzt seit zwölf Jahren als Präsident der FDP Schwyz im Kantonsrat. Kennels Lieblingsbuch sei Der Spieler von Fjodor Dostojewski, wie er 2011 gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung bekennt: »Das Werk passt gut zur Finanzbranche und legt dar, wie man es nicht machen sollte.« Am meisten Sorgen bereiteten dem neuen Bankpräsidenten die Regulierungen, wie er am Tag seiner Wahl mitteilt: »Der Sturm auf das Bankenwesen ist noch nicht überstanden.« Tatsächlich hat die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma nach der großen Finanzkrise von 2008, in der die Schweizer Steuerzahlerinnen und Steuerzahler Milliarden zur Rettung der Großbank UBS hinblättern mussten, die Schrauben angezogen. Ein Team von mehreren Hundert Finma-Mitarbeitern schaut den Geldhäusern seither genauer auf die Finger.

Anders ist die Lage im Pensionskassenmarkt. Dort wird seit 2010 zwar die neue Pensionskassen-Oberaufsicht des Bundes mit Sitz in Bern aufgebaut, doch sie ist im Vergleich zur Finma mit äußerst bescheidenen Mitteln ausgestattet; sie zählt nur 28 Vollzeitstellen. Im Vergleich zu den Banken tummeln sich die Schweizer Pensionskassen in einem regulatorischen Niemandsland. Die Gesetze hinken der Entwicklung um Jahre hinterher. Und weil auch noch Negativzinsen das Kreditgeschäft erschweren, wird der Vorsorgemarkt für die Finanzindustrie immer attraktiver.

Kuno Kennel will die Kantonalbank ins Pensionskassengeschäft bringen. Im Frühjahr 2013 nimmt er mit Serge Aerne Kontakt auf. Kennel will bei Aernes PK Phoenix einsteigen und das Präsidium des Anlageausschusses übernehmen – eine Schlüsselfunktion, denn der Ausschuss entscheidet, wo das Geld der Versicherten investiert wird. In Kennels Bank regen sich Widerstände gegen das Vorhaben. Im März 2013 schreibt Kennel an Aerne: »Geschätzter Serge. Wie vereinbart, habe ich mein Amt bei Euch [Präsident des Anlageausschusses] dem Bankrat zur Bewilligung vorgelegt. Leider hat der Bankrat Bedenken, dass diese Funktion zu möglichen reputationellen Problemen für die Schwyzer Kantonalbank führen könnte. Das Gremium hat das vorgeschlagene Engagement nicht bewilligt.«

Kennel und Aerne halten weiterhin Kontakt. Der Bankpräsident wird Berater der PK Phoenix – unter der Bedingung, dass man ihn »nirgends auf offiziellen Dokumenten« finden dürfe, wie Kennel an Aerne schreibt. Mitte Mai 2014 schickt Kennel eine kurze E-Mail an Aerne: »Kannst du jetzt nicht 1 Million für Aerius lockermachen? Die Aktie ist jetzt wieder auf sehr attraktivem Niveau!« Aerne leitet den Hinweis anschließend an den Anlageausschuss der PK Phoenix weiter, der schließlich eine Million Franken aus dem Versichertenvermögen in Wertpapiere der Aerius investiert.

Allerdings sitzt Kuno Kennel im Verwaltungsrat der Aerius. Er wird seine Tätigkeit gegenüber SRF später so beschreiben: »Der Bankpräsident gab der Pensionskasse Phoenix keine Anlagetipps. Er war nie als Anlageberater oder dergleichen tätig. Er hatte die Phoenix Vorsorge AG bei der Personalsuche und in einzelnen administrativen Belangen beraten.« Die Aerius-E-Mail wird Kennel fünf Jahre später das Bankpräsidium kosten. Ironischerweise nimmt der eigentliche Skandal erst nach dieser Geschichte seinen Lauf.

Im Sommer 2014 kann Kennel den Bankrat der Schwyzer Kantonalbank endlich davon überzeugen, bei Serge Aernes Nova Vorsorge AG einzusteigen. Die Kantonalbank beteiligt sich mit 20 Prozent an der Pensionskassenverwalterin. Jetzt hat Kuno Kennel endlich den Fuß in der Tür, der Vorsorgemarkt steht ihm offen.

Die PK Phoenix ist seit ihrer Gründung im Jahr 2012 stark gewachsen – wohl zu schnell, wie damals Involvierte einräumen. Serge Aerne sucht nach Verstärkung in der Administration und Verwaltung. Er wendet sich an Betriebsökonom Daniel Werdenberg, Hauptaktionär und CEO der Assurinvest. Die ostschweizerische Pensionskassenverwalterin betreut bereits mehrere Vorsorgeeinrichtungen, darunter die große Alsa PK. Das von der Assurinvest verwaltete Stiftungskapital beträgt mehrere Milliarden Franken. Aerne schlägt eine Fusion vor: Assurinvest und Nova seien zusammen stärker. Die Nova will die Assurinvest kaufen und künftig die Pensionskassen beider Firmen betreuen – und zwar als neue Vorsorge-Holding.

Allerdings fehlen für die Fusion von Assurinvest und Nova zu einer neuen Holding noch 10 Millionen Franken. Dieses Problem löst Kuno Kennel. Im September 2014 schreibt er an Aerne und Werdenberg: »Guten Morgen miteinander, die Kredit-Kommission der SZKB hat gestern den Rahmenkredit von CHF 10,0 Mio an die Nova Vorsorge AG genehmigt.«

Die Nova kauft Daniel Werdenberg mit frischem Kapital der Schwyzer Kantonalbank die Assurinvest ab, die anschließend als hundertprozentige Tochtergesellschaft der Nova weiter besteht und unter CEO Daniel Werdenberg die Verwaltung sämtlicher Pensionskassen unter dem Nova-Dach übernimmt. Auch die PK Phoenix wird nun kaufmännisch von der Assurinvest betreut. Die neue Holding wird Anfang Januar 2015 ins Leben gerufen. Und die Kantonalbank verstärkt ihr Engagement: Sie besitzt inzwischen 30 Prozent der Nova. Im Verwaltungsrat sitzen Bankpräsident Kuno Kennel, die stellvertretende Geschäftsführerin der Schwyzer Kantonalbank, Daniel Werdenberg und Serge Aerne.

Doch schon in den ersten Monaten beginnt es zwischen Aerne, Kennel und Werdenberg zu kriseln. Zankapfel ist die Pensionskasse Alsa PK. Der Alsa-Stiftungsrat ist mit der Pensionskassenverwalterin Assurinvest nicht zufrieden und diskutiert die Kündigung des Vertrags. Für die Nova-Holding ist das ein Problem, denn es droht ihr der Absprung einer großen Sammelstiftung; Vorsorge-Holdings leben vom Versichertenvermögen der Pensionskassen, die sie betreuen. Ein Stiftungsrat kann der Vermögensverwalterin jederzeit kündigen, wenn er mit ihrer Arbeit unzufrieden ist. So steht es im Obligationenrecht (OR). Das ist sinnvoll und notwendig. Der Stiftungsrat ist das oberste Organ einer Pensionskasse und muss diese zum Wohl der Versicherten führen. Wenn er Unregelmäßigkeiten in der Verwaltung der Gelder feststellt, ist er zur Reaktion verpflichtet.