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Gern wird Resilienz in der Beratungspraxis als Synonym für psychische Widerstandskraft verwendet. Doch je näher man sich mit dem Begriff beschäftigt, desto unklarer wird er. Wie also ist es möglich, Erfolg versprechendes Resilienztraining anzubieten? Unterhaltend und mit zahlreichen Beispielen aus dem prallen Leben zeigt der Autor in seiner neugierig-kritischen Bestandsaufnahme die Widersprüchlichkeit des Begriffs Resilienz und seiner Verwendung. Er lädt interessierte Laien genauso wie Professionelle aus Coaching, Beratung und sozialer Arbeit ein, mit ihm über Resilienz nachzudenken und eine alternative Sicht auf das Thema zu gewinnen.
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das Resilienzgespinst
© 2017 Dr. phil. Christian Grüninger, Gütersloh
Internet: www.ignoresys.de | [email protected]
Projektbetreuung u. Redaktion: Text & Leben, Gütersloh
Layout u. Umschlaggestaltung: Text & Leben, Gütersloh
Lektorat und Korrektorat:
DK AGENTUR / DK Literaturkommunikation
sowie Text & Leben
Bildnachweis:
Makonde: Privatarchiv Dr. Grüninger
Grafik S. 6: Fotolia
Verlag tredition GmbH, Hamburg
ISBN :
978-3-7345-8163-2 (Paperback)
978-3-7345-8164-9 (Hardcover)
978-3-7345-8165-6 (e-Book)
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Resilienz zwischen Mythos und Möglichkeit
Christian Grüninger
Alle Bezeichnungen, die sich auf Personen beziehen, meinen mit der gewählten Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit die männliche Form steht.
Die Rechtschreibung folgt der neuen deutschen Rechtschreibung seit 2006. Abweichende Schreibweisen in Zitaten wurden ohne weitere Kenntlichmachung belassen.
Bemerkungen in eckigen Klammern außerhalb von Zitaten geben recherchierte Ergänzungen bzw. Anmerkungen des Autors wieder.
Dass Sie sich für dieses Buch entschieden haben, wird einen guten Grund haben. Denn in unserer bunten Welt oft verwirrender Vielfalt müssen wir ständig das auswählen, wovon wir glauben, dass es uns weiterbringt. Sonst meldet unsere geistige Festplatte Error – in Form von Stress, Krankheit, Zusammenbruch. Noch können wir die Speichersegmente nicht einfach löschen, die wir nicht mehr brauchen. Zum Glück, meine ich. Denn wie sollten wir entscheiden, was wir löschen sollen? Wie sollten wir wissen, was wir in Zukunft nicht mehr benötigen?
Schon sind wir mittendrin im Thema Resilienz, das um die Frage der Selbsterhaltung kreist. Wie können wir heute sagen, was übermorgen die „richtige“1Entscheidung gewesen sein wird? Diese Frage betrifft natürlich genauso einen Berater oder Coach. Sehr vereinfacht gesprochen macht es sich ein Coach zur Aufgabe, andere Menschen dabei zu unterstützen, ihre Situation zu verbessern. Hier führt kein Weg an der Frage vorbei, wie der Kunde Entscheidungen trifft, was er für relevant hält, wie er Situationen wahrnimmt und bewertet. Denn davon hängen sein Selbsterhalt und dessen Qualität ab. Insofern ist das Thema Selbsterhalt und Resilienz im Kontext von Beratung im Grunde immer präsent.
Vor diesem Hintergrund habe ich als beratend Tätiger vor einiger Zeit den Versuch unternommen, mich tiefer in das Thema einzulesen. Ich wollte unter dem Gesichtspunkt von Resilienz etwas über nützliche Grundauffassungen und bewährte Handlungskonzepte erfahren, um Hinweise für den praktischen Einsatz in meiner beruflichen Tätigkeit zu erhalten. Ich wollte mich dem Thema in einer offenen Vorgehensweise nähern, ohne dabei auf allzu viele abstrakte Diskurse einzugehen. Jedoch stand ich bald vor einer erstaunlichen Erkenntnis: Ich stellte fest, dass auch nach einiger Recherche keine trennscharfe Definition von Resilienz zu finden war. Deshalb stellte sich mir die Frage, was sich überhaupt hinter dem diffusen Begriff „Resilienz“ verbirgt.
Wie gesagt: Das Bewusstsein für die hier angesprochene Problematik entwickelte ich ungewollt. Ursprünglich interessierte mich schlicht die Frage: Wie wird Resilienz im Spiegel der Literatur behandelt, und gibt es daraus abgeleitete Orientierungshilfen, die ich in einer Beratungssituation „Unter vier Augen“2anwenden kann? Gerade weil vieles, was ich las, so widersprüchlich war, ließ mich die Frage nicht mehr los, inwiefern sich Gedanken und Ideen rund um das Thema Resilienz für den Bereich Coaching und Beratung nutzen lassen. Ich wollte klären, ob beziehungsweise wie Erkenntnisse über Resilienz in der personenbezogenen Einzelberatung nutzbar sind – und ich wollte diesen Begriff von seiner Diffusität befreien, um Klarheit zu haben. Ich wollte sehen, ob Resilienz-Coaching auf den Punkt zu bringen ist und einem tragfähigen Konzept folgt beziehungsweise wenn nicht, warum. Denn trotz der Mehrdeutigkeit des Begriffs existieren erstaunlicherweise sehr wohl vermeintlich eindeutige Resilienz-Coaching-Angebote. Die verblüffende Anzahl von Büchern zum Thema legt diese Vermutung immerhin nahe.
Optimistisch machte ich mich deshalb weiter auf die Suche nach erhellender Fachliteratur, um festzustellen, dass es bislang nicht nur an einer klaren Definition von Resilienz mangelt, sondern offenbar auch eine einstimmige Konzeption zu der Frage fehlt, wie Resilienz und Beratung oder Coaching in einen Zusammenhang gebracht werden können. Doch während die soziologische, psychologische und pädagogische Forschung sich mit einer eindeutigen Definition des Begriffes schwertut, nahm ich erstaunt zur Kenntnis, dass die Coaching-Angebote, die ihrer Klientel Resilienz beziehungsweise Resilienzsteigerung versprechen, damit offenbar keinerlei Probleme haben. Vielmehr scheint sich das Thema trotz seiner Heterogenität und Unschärfe in der Coaching-Branche leicht eingrenzen zu lassen. Denn Trainingsund Coaching-Angebote schießen in diesem Bereich wie Pilze aus dem Boden und locken damit, psychisch widerstandsfähige Individuen zu modellieren.
Schon die Definition des Begriffes wirft anscheinend viele Fragen auf. Trotzdem wird Resilienz in vielen Angeboten als vermeintlich zugkräftiges Ross vor den Beratungskarren gespannt. Wenn aber Resilienz im Wissens- und Forschungsgebiet der Pädagogik und Psychologie ein schwer fassbares Thema ist, wie kann dann ein Berater versprechen, seine Kunden resilient zu machen? Ist Resilienz vielleicht gar kein so leistungsfähiges, effizientes Zugpferd, sondern eher ein störrischer Esel? Wenn ja, dann lässt sich leicht nachvollziehen, dass es schwer bestimmbar ist, wann der Karren wo ankommen wird. Anders gesagt: Wenn wir nicht einmal eindeutig sagen können, was Resilienz ist, wie wollen wir dann garantieren, dass wir jemandem zu Resilienz beziehungsweise zu mehr oder besserer Resilienz verhelfen werden? Sie merken schon, dass hier eine Gemengelage entsteht, die nach Klärung und Struktur verlangt. Dabei ist mit den genannten Aspekten die Problematik noch gar nicht umfassend umrissen. Um beim Bild des gelenkten Wagens zu bleiben, in dem der Berater oder der Coach seinen Kunden an ein gewünschtes Ziel begleitet: Wir müssen auch noch berücksichtigen, wer den Wagen lenkt und in welchem Gelände, also in welchen Umwelten, der Wagen unterwegs ist. Da kommen wir zum Thema der systemischen Beratung.
Hier setzt dieses Buch an. Ich werde versuchen, das Gespinst aus Widersprüchen auf dem Gebiet Resilienz und Resilienz-Coaching darzustellen, um es danach zu entwirren und – aufbauend auf dem dadurch entstandenen Wissen und Bewusstsein – anschließend praxisorientierte Überlegungen zu der Frage zu entwickeln, wie sich die Erkenntnisse über Resilienz im Coaching, insbesondere in der Einzelberatung, nutzen lassen. In einem wissenschaftlichen Sinne handelt es sich bei den folgenden Ausführungen eher um die Generierung und weniger um die Prüfung von Hypothesen. Mein Anliegen ist es, über eine rein deskriptive Darstellung des Phänomens hinaus einen Beitrag zu der Frage zu leisten, welche Qualitätsanforderungen sich formulieren lassen, um Erkenntnisse über Resilienz in einer Einzelberatung guten Gewissens nutzen zu können.
Zahlreiche Grundgedanken, die ich im Kontext von Resilienz berücksichtigt habe, entstammen den im Literaturverzeichnis aufgeführten Publikationen. Mit den folgenden Ausführungen bezwecke ich explizit keine eigene Konzeptualisierung. Die von mir vorgestellten Ideen postuliere ich nicht als „neu“. Ich möchte sie als Hinweise auf resiliente Prozesse verstanden wissen, die sich zum einen an konstruktivistischen, zum anderen an systemischen Positionen orientieren.
Eine Bestandsaufnahme bildet den Einstieg ins Thema Resilienz. Ich gehe der Frage nach, welche Auffassungen und Prinzipien sich hinter dem Begriff in der sozialwissenschaftlichen Forschung verbergen und stelle zugrunde liegende Mechanismen und Prozesse dar. Danach erkläre ich Resilienz anders – anhand von Büchern und Aufsätzen, die für das Thema interessante Erkenntnisse behandeln. In diesem Zusammenhang erörtere ich die möglichen Konsequenzen einer systemisch-konstruktivistischen Denkweise für das Phänomen Resilienz. Anschließend befasse ich mich mit möglichen resilienten Meta-Kompetenzen von Menschen und entwickle als Ergebnis Anregungen zur Behandlung des Themas Resilienz in Beratung und Coaching.
Betonen möchte ich allerdings, dass ich mich auch hier mit dem Phänomen Resilienz überwiegend auf der theoretischbegrifflichen Ebene befasse. Denn dieses Buch ist nicht als Ratgeber konzipiert, enthält demgemäß also nur begrenzt Handlungsanweisungen. Vielmehr bitte ich, meine Vorschläge für die praktische Nutzung des hier theoretisch erarbeiteten Wissens als behutsame Impulse zu verstehen. Ich beleuchte Resilienz aus mehreren Perspektiven, damit jeder auf der Basis breit gefächerter Informationen seine eigenen Schlussfolgerungen für Theorie und Praxis ziehen kann. Selbstverständlich werden Sie dabei meine ganz persönlichen Thesen kennenlernen, denn auch ich konstruiere mir meine Wirklichkeit. Aber letztendlich wünsche ich mir, dass die folgenden Ausführungen Sie dazu einladen, über den Begriff Resilienz nachzudenken.
Kein Buch für die Schublade
Was für ein Buch soll aus diesem Ansatz entstehen? Und für wen? Wenn ich sage, dies ist kein Buch für die Schublade, so meine ich das im doppelten Sinne. Ich will mich nicht an formalen Kategorien orientieren wie Fach- oder Sachbuch, sondern an den Inhalten und dem Leserinteresse. Meine Ideen verständlich und gut lesbar zu vermitteln ist mir wichtiger, als formalen Kriterien zu entsprechen. Außerdem entsteht meiner Meinung nach nur dann ein authentisches Buch, wenn es die Interessenlage des Autors widerspiegelt. Ich komme einerseits mit Neugier auf die zugrunde liegende Theorie, auf den wissenschaftlichen Forschungsstand, andererseits aus der Praxis, also aus dem prallen Leben. Ich stelle mir vor, dass dieses Buch vor allem für Menschen interessant ist, die im Kontext von Coaching und Beratung arbeiten, oder auch für Menschen, die im weiten Handlungsfeld der sozialen Arbeit tätig sind und sich – als Professionelle, Berufseinsteiger, interessierte Laien oder Querdenker – an das Thema Resilienz herantasten. Aber der Inhalt wurzelt im theoretischen Denken. Er bezieht sich auf systemisch-konstruktivistische Erkenntnisse und Modelle und soll, selbst wenn dies kein wissenschaftliches Forschungsprojekt ist, auch für Freunde theoretischer Konstrukte anregende Lektüre bieten können.
Neben dem Coaching ist mein zweites Arbeitsgebiet die gesetzliche Betreuung, also ein völlig anderes Betätigungsfeld. Wer ein wenig mit den hier genannten Tätigkeitsbereichen vertraut ist, dem wird klar sein, dass man bei der Beschäftigung mit dem entsprechenden Fachwissen unweigerlich mit der Idee von Resilienz konfrontiert wird. So kam es, dass ich nun das Buch geschrieben habe, das ich eigentlich kaufen wollte – in der Hoffnung, dass Sie davon profitieren.
Am Anfang meiner Recherche und Überlegungen standen also Widersprüche und viele Fragen. Die resultierenden Erkenntnisse habe ich aus einer neugierigen Einstellung heraus erarbeitet. Es ist mir ein Anliegen, sie auch in dieser Sichtweise darzustellen und zu diskutieren.
Zwei Zugänge
Aufgrund meines beruflichen Hintergrundes nähere ich mich dem Thema als Autor aus zwei Perspektiven – der eines Coachs und der eines gesetzlichen Betreuers. Als Coach berate ich Menschen hinsichtlich ihrer Rolle in ihren Organisationen und stelle mit ihnen zusammen tiefer gehende persönliche Themen in den Mittelpunkt, die sich hauptsächlich aus beruflichen Handlungsfeldern ergeben. In meiner beruflichen Praxis als gesetzlicher Betreuer dagegen habe ich überwiegend mit Menschen zu tun, die durch eine Erkrankung oder sonstige Einschränkung an der Regelung vieler persönlicher Angelegenheiten gehindert sind. Das sind also Menschen, die häufig aus der gesellschaftlichen Norm herausfallen und manchmal zum Adressaten sozialer Hilfeleistungen geworden sind. Beide Berufsfelder haben für die Betroffenen mit Resilienz zu tun. So unterschiedlich die Zugänge zu diesem Thema auf den ersten Blick erscheinen mögen, sie haben bei näherer Betrachtung doch eine Menge gemein.
Die Menschen, die angesichts mitunter dramatischer Ereignisse in ihrem wirtschaftlichen, sozialen oder privaten Handlungsumfeld im Rahmen eines Coachings Unterstützung suchen, sind vielfach in starkem Maße verunsichert, insbesondere wenn die Betroffenen sich oder ihre Lebensgrundlage existenziell bedroht sehen. Auch gesetzlich betreute Menschen mit Behinderungen, die sich z. B. durch einen frühkindlichen Hirnschaden, durch Suchterkrankungen wie Alkoholmissbrauch oder psychische Erkrankungen wie Psychosen oder geriatrische Demenz ergeben haben, wissen, was es heißt, Probleme zu haben. Beide Gruppen mussten oder müssen zum Teil fürchterliche Lebensumstände im Kontext des eigenen Daseins bewältigen.
In meinen Arbeitsbereichen als Coach und als Betreuer durfte ich lernen, Menschen in ihren Lebenslagen mit Diskretion und Wertschätzung für ihre individuelle Situation zu begleiten. Die Grundlage meiner Arbeit bilden dabei Konzepte und Erkenntnisse der Systemtheorie, Muster und Modelle des Neuro-Linguistischen Programmierens, die Philosophie des Konstruktivismus sowie Tools der ressourcen- und lösungsorientierten Kurzzeittherapie. Sowohl als Coach wie auch als Betreuer verstehe ich mich als möglichst neutrales und unabhängiges Gegenüber, das die jeweiligen Gesprächspartner wertschätzend beim Beobachten beobachtet und gemeinsam zusätzliche Optionen erarbeitet, die eine Veränderung beziehungsweise Verbesserung möglich machen.
Das von mir vertretene Menschenbild orientiert sich am autonomen, Realität konstruierenden Menschen, der über Glaubenssätze und Handlungsstrategien verfügt, um Absichten und Themen im Kontext der eigenen Lebensumstände zu realisieren. Ein freier und selbstverantwortlicher Mensch, dessen Freiheit ihre Grenzen im Idealfall an der Freiheit der anderen findet, ist die Maxime, an der ich mich ausrichte.
Ob im beruflichen oder privaten Bereich: Alle Menschen stehen vor ähnlichen Herausforderungen, wenn es um die Bewältigung schwieriger Situationen geht. Einige kritische Entwicklungen und belastende Situationen im Leben sind zu erwarten. Auf sie kann man sich bis zu einem gewissen Grad einstellen, auch wenn das noch keine Lösung für den Umgang mit diesen Situationen ist. Doch stellen plötzliche und unerwartete Krisen eine noch größere Herausforderung dar und ziehen die Betroffenen in vielen Fällen schwer in Mitleidenschaft. Damit verbundene Selbstzweifel und Unsicherheit können Menschen bis an den Rand ihrer Existenz bringen. Besonders für diejenigen, die umsichtig handeln, ihr Dasein geplant und organisiert haben und konsequent danach leben, ist ein erschütterndes Ereignis oder ein Rückschlag oft nur schwer zu verkraften, weil die Aussicht auf persönlichen Erfolg in weite Ferne rückt. Mit persönlichem Erfolg ist hier keineswegs nur die Verwirklichung materieller Ziele gemeint, sondern positiv bewertete Ergebnisse in jedwedem Lebensbereich. Bereits oberflächlich betrachtet ergeben sich im Umgang mit Schwierigkeiten von Mensch zu Mensch deutliche Unterschiede. Jemand, der sich intensiv mit der Zukunft beschäftigt, der sehr sorgfältig plant, seine Zeit präzise einteilt, einen Hang zum Perfektionismus hat, wird wahrscheinlich anders auf ein Unglück reagieren als ein Mensch, der ganz im Hier und Jetzt lebt, rasch entscheidet, praktisch denkt und handelt.
Oft ist es doch so: Wenn Mutti stirbt, gibt es einen Tag Sonderurlaub, dann muss es aber auch gut sein. Wer jedoch Zeit braucht, um Niederlagen oder Schicksalsschläge zu verkraften, hat es nicht „drauf“ oder Pech gehabt. In vielen Fällen müssen die Betroffenen zusehen, wie sie sich aus ihrer misslichen Lage selbst wieder befreien. Zu den unmittelbaren Folgen eines seelisch verletzenden Ereignisses kommen die gesellschaftlich definierten, möglicherweise stigmatisierenden Vorstellungen erschwerend hinzu. Man muss gewissermaßen doppelt resilient sein. Das gilt in besonderem Maße für unsere Arbeitswelt, in der verfehlte Ziele oder gar eine Kündigung unsägliche Makel darstellen – im Gegensatz zur Hire-and-fire-Mentalität des US-amerikanisch geprägten Kulturraums, die sich zugegebenermaßen inzwischen auch hier immer mehr ausbreitet.
Viele Untersuchungen und Arbeiten betrachten kritische Lebensereignisse als Ausnahme, als eine seltene Besonderheit im Leben der meisten Menschen. Ich teile diesen Standpunkt nicht. Tägliche Probleme, Herausforderungen, Misserfolge sind normal. Resilienz hat nach meiner Einschätzung mit dem Umgang mit Misserfolgen und (seelischen) Verwundungen im Alltag zu tun. Selbstverständlich stellt sich hier sofort die Frage, was darunter zu verstehen ist. Wenn es nicht „rundläuft“, dann ist das für den einen normal, eine kleine Unregelmäßigkeit, auf die eben spontan reagiert werden muss. Für andere kann die gleiche Situation oder sogar eine wesentlich weniger gravierende den ganzen Tag verderben. Der alltägliche Misserfolg kann genauso eine kaputte Glühlampe sein wie der Kühlschrank, der den Geist aufgibt. Während der eine es gelassen nimmt, wenn er im Stau steckt und seinen Flug verpasst, bekommt der andere fast eine Herzattacke, weil es schon wieder regnet, obwohl doch der Rasen dringend gemäht werden müsste. Wer legt fest, wann eine Situation ein Misserfolg oder eine Krise ist und wann nicht? Situationen, die nicht unserem Plan oder unserer Wunschvorstellung entsprechen, gibt es auf jeden Fall täglich zuhauf.
Resiliente Entwicklungen sind überall erkennbar
Ob Sie auf das eigene Leben blicken oder auf das von Freunden, Bekannten und anderen Mitmenschen: Immer lassen sich resiliente Entwicklungen erkennen. Der Umgang mit dem Tod nahestehender Menschen kann hier ebenso angeführt werden wie z. B. eine seit Jahren todkranke Oma, die trotzdem bei allen Familienfesten fröhlich mit den Enkeln spielt und singt. Oder nehmen wir die alleinerziehende Nachbarin mit neugeborenen Zwillingen, die morgens trotz unzähliger durchwachter Nächte noch freundlich grüßt. Auch der Freund, dem gekündigt wurde und der sich danach erfolgreich selbstständig gemacht hat, ist ein Beispiel für Situationen und Lebenslagen, in denen Menschen tagtäglich psychische Widerstandskraft beweisen. Selbst die Natur hält unerwartet immer wieder unliebsame Überraschungen für uns bereit. Gewitterschäden, Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Überschwemmungen führen uns vor Augen, dass das Leben nicht nach Plan abläuft, und konfrontieren uns mit Krisen, die wir bewältigen müssen.
Jeder Mensch muss im Laufe des Lebens mit einer Vielzahl von Stresssituationen unterschiedlicher Intensität fertigwerden. Solche Ereignisse treffen nicht nur die anderen, sondern sind auch fester Bestandteil der eigenen Existenz. Leicht nachzuvollziehen ist das anhand von Unfallfolgen, Krankheit und Behinderung. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen, dass Krankheit und Unglück einen festen Platz in unserem Dasein einnehmen. Im Jahr 2009 bezeichneten sich 15 % der deutschen Bevölkerung als gesundheitlich beeinträchtigt. Über die Hälfte aller Kranken und Unfallverletzten (54 %) waren bis zu maximal sechs Wochen krank oder unfallverletzt. 10 % der Menschen in unserem Land mussten im selben Jahr laut eigenen Angaben erhebliche krankheitsbedingte Einschränkungen im Alltag hinnehmen. Befragte zwischen 60 und 70 Jahren stuften ihren Gesundheitszustand nur noch etwa zu einem Viertel als gut oder sehr gut ein.3Etwa jede zehnte Person in Deutschland ist heute behindert. Ende 2015 gab es in der Bundesrepublik ca. 7,6 Millionen amtlich anerkannte schwerbehinderte Menschen4, über 2,54 Millionen Menschen waren im Jahr 2012 pflegebedürftig.5
Seit Jahren bewegt uns außerdem die Arbeitslosigkeit, ob nun von der Bundesagentur für Arbeit verwaltet oder von den Jobcentern und Sozialämtern. Jeder Betroffene muss tagtäglich mit dieser Situation zurechtkommen. Weit mehr als 3,2 Millionen Menschen waren in Deutschland zumindest noch im Jahr 2010 arbeitslos gemeldet. Laut den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes steigt das Armutsrisiko in Deutschland mit jedem Jahr weiter an. Der Anteil der von Armut bedrohten Bevölkerung lag im Jahr 2010 in Deutschland bereits bei 15,8 %.6
Tücken und Risiken erfordern Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit
Der Stressforscher Antonovsky beschreibt im Zusammenhang seiner Arbeit sein Konzept der Salutogenese, das in der Medizin-Soziologie beheimatet ist. Es beschäftigt sich mit Faktoren und deren dynamischen Wechselwirkungen, die zur Entstehung und Erhaltung von Gesundheit führen.7Demnach ist Gesundheit nicht ein bestimmter Zustand, sondern vielmehr ein veränderlicher Prozess. Antonovsky schreibt, dass Heterostase8, Altern und fortschreitende Entropie9die Kerncharakteristika aller lebenden Organismen sind.10Nicht nur der natürliche Prozess des Erwachsenwerdens und Älterwerdens – mit allen darin enthaltenen Erlebnissen wie Tod, Unfall, Entwertungserfahrungen oder anderem Ungemach – bedingt Veränderungen und damit verbundene Unsicherheiten. Auch jede darin enthaltene Lebensphase birgt Tücken und Risiken und erfordert deshalb von Menschen Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit – von der Kindheit über Partnerschaft und Arbeitsleben bis hin zum Greisenalter. Wetz bringt die Tragweite menschlicher Probleme auf den Punkt: „Verlegenheit über die Unfähigkeit, uns selbst die Voraussetzungen für unsere Existenz zu geben, Beunruhigung über die Kürze menschlichen Daseins, Bestürzung über die eigene Entbehrlichkeit im Ganzen der Welt, Bekümmerung über die Last des Alltags und Ratlosigkeit vor allem bei harten Schicksalsschlägen setzen uns Fragen aus, von denen es heißt, dass sie uns […] die Unverfügbarkeit über Schicksalsfügungen, drastisch vor Augen führen und zum Bewusstsein bringen.“11
Nicht nur schwer zu verkraftende Einzelereignisse sind eine Herausforderung für die Selbsterhaltung. Auch der permanente Veränderungsdruck, die sich rasant verkürzende Halbwertszeit von Wissen oder der gestiegene Leistungsdruck in der Arbeitswelt stellen Menschen täglich vor neue Probleme.
Der Soziologe Beck hat mit seinem gesellschaftstheoretischen Ansatz der Risikogesellschaft auf die Individualisierung von Lebenswegen und Lebenslagen hingewiesen. Diese Dynamik bewirkt seiner Meinung nach, dass Menschen aus traditionellen Bindungen und Versorgungsbezügen herausgelöst und auf sich selbst und ihr Schicksal mit allen Risiken, Chancen und Widersprüchen verwiesen werden.12Bastelbiografien sind heute normal, eine geradlinig verlaufende Entwicklung stellt aufgrund häufiger Umzüge oder Jobwechsel eher eine Ausnahme dar. In einer Gesellschaft, die immer komplexer wird und sich stetig wandelt, in der tief greifende Veränderungen schnell und oftmals ohne Vorwarnung eintreten, steigt auch die Gefahr, zusätzlich mit schmerzhaften Krisen konfrontiert zu werden. Wer z. B. seine Arbeitsstelle verliert, für den löst sich die gewohnte Ordnung des eigenen Lebensraumes zumindest teilweise auf. Individualisierung und Dynamisierung von Lebensprozessen, genauso wie rascher Wandel und zunehmende Komplexität der Gesellschaft führen zur Zersetzung von Halt gebenden Strukturen. Die Folgen sind ein erhöhtes Krisenrisiko und mehr auf sich allein gestellte Menschen.
„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“13
Weil das alles noch nicht genug zu sein scheint, besitzen wir auch noch die Gabe, uns gegenseitig das Leben schwer zu machen. Denn einen erheblichen Teil der Probleme, mit denen der Mensch im Leben zurechtkommen muss, verdankt er lieben Mitmenschen, wenn diese ihn, gewollt oder ungewollt, durch ihr Verhalten in scheinbar ausweglose Situationen bringen. Die Ehe ist nicht das einzige Beispiel dafür, aber ein sehr anschauliches. Im Jahr 2014 standen 400.115 Eheschließungen 163.335 Scheidungen gegenüber.14
Die genannten Beispiele machen deutlich, dass Individuen, naturbedingt oder durch die von Menschen geschaffenen Bedingungen, permanent Resilienz beweisen müssen. Egal welche Ereignisse auch zu bewältigen sind, ob Prüfung, Krankheit, Unfall, Kündigung, Scheidung, der Verlust eines geliebten Menschen oder einer geliebten beruflichen Position – es muss dem Betroffenen trotz des erlebten Stresses gelingen, den eigenen Fortbestand zu sichern.
Krisen bringen den Menschen sich selbst näher
In der überwiegenden Anzahl der mir bekannten Fälle lässt sich beobachten, dass Krisen beim Betroffenen Neuordnungen der persönlichen Lebenswirklichkeit hervorrufen. Einmal gezwungen, angesichts des eigenen Scheiterns seine Situation von Neuem zu analysieren und zu bewerten, lernen Menschen ihre individuellen Stärken und Schwächen genauer kennen. Im Zuge schrecklicher, grausiger oder lediglich unangenehmer Lebensereignisse begegnet der betroffene Mensch sich selbst immer wieder neu. Denn er erlebt und erkennt eigene Fähigkeiten, über die er bis dahin nicht zu verfügen glaubte. Psychische Widerstandskraft ist somit permanent und nicht nur in Ausnahmesituationen gefordert. Obwohl von vielen Seiten anders postuliert, vertrete ich daher die These, dass Resilienz keineswegs nur die Reaktion auf Ausnahmesituationen darstellt, sondern dass Krisen und deren Bewältigung ein weitgehend normaler Bestandteil des Alltags eines jeden Menschen sind.
Unbestritten dürfte jedenfalls sein, dass alle Individuen auf Krisen reagieren müssen, um nicht an ihnen zu zerbrechen. Ob man im Krieg alles verloren hat und nicht weiß, wovon man am nächsten Tag leben soll, oder ob einem das Selbstwertgefühl geraubt wurde: Wie sollen wir es nennen, wenn solche Menschen nicht aufgeben, wenn sie wieder aufstehen, sich nicht unterkriegen lassen? Bewältigung, psychische Widerstandskraft, Resilienz? Ist man resilient, wenn man sein Schicksal annimmt und mit wenig wohlgemut auskommt? Oder ist man erst dann resilient, wenn man den entstandenen Schaden kompensiert hat, also wieder zu Wohlstand gekommen ist? Ist jemand, der sich nach einer persönlichen Krise mühsam durchs Leben schleppt, nicht resilient? Derjenige, der bald wieder schwungvoll und optimistisch daherkommt jedoch schon? Wo beginnt Resilienz? Wo fehlt sie und muss trainiert werden? Kann man ResiIienz überhaupt trainieren? Ist jemand, der nicht so „funktioniert“, wie es für seine Mitmenschen praktisch wäre, nicht vielleicht auch resilient?
Fragen über Fragen. Sie lassen sich nur beantworten, wenn wir wissen, was sich genau hinter dem Begriff Resilienz verbirgt, wofür er steht. Da wird es doch wohl eine präzise Definition geben, oder?
… leider alles andere als eindeutig definiert. Diese Erkenntnis wurde mir zuteil, als ich am Anfang meiner Recherche nach brauchbaren Definitionen suchte, um einen konkreten Einstieg in das Thema zu finden. Klar war mir schließlich vor allem, dass nichts klar ist. Ich fand keine trennscharfe Definition von Resilienz im Zusammenhang mit dem Buchthema. Selbstverständlich war ich nicht der Erste, dem das auffiel. Short und Weinspach konstatierten bereits im Jahr 2007, „[…] dass auch heute noch keine allgemein verbindliche Definition vorliegt und auch noch keine Einigkeit darüber herrscht, welche empirischen Sachverhalte dem hypothetischen Konstrukt zuzuordnen sind, […]“15. Diese Aussage hat an Aktualität bis heute nichts verloren.
In einigen Veröffentlichungen zum Thema nehmen die Autoren wahrscheinlich zugunsten der Plausibilität und vermeintlichen Eindeutigkeit ihrer Resilienzdefinition ein gerüttelt Maß an Spekulation in Kauf. Diese Autoren „verkaufen“ ihr jeweiliges Resilienzrezept als den „richtigen“ Weg. Damit wird die Definition zur Überzeugungssache der darin geschulten Glaubensgemeinde. Indem sie ignorieren, welchen Einfluss der Beobachter auf das Geschehen hat, und sogar so tun, als sei dieser unabhängig von den Prozessen, die er beschreibt und bewertet, erscheinen die von ihm verwendeten subjektiven Begrifflichkeiten wie allgemeingültige, verbindliche Wahrheiten, ja sogar wie objektives Wissen über Resilienz.16
Die folgende Auswahl von Resilienzdefinitionen verstehe ich exemplarisch. Sie soll meine Ausführungen veranschaulichen und untermauern.
Eine Definition mit Variationen
Zahlreiche Studien zum Thema Resilienz befassen sich mit der Untersuchung der kindlichen Entwicklung. In Pädagogik und Erziehungswissenschaft wird Resilienz unter anderem wie folgt definiert:
•„Resilienz meint die psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken.“17
• „Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit(en) von Individuen oder Systemen (z. B. Familie), erfolgreich mit belastenden Situationen (z. B. Misserfolgen, Unglücken, Notsituationen, traumatischen Erfahrungen, Risikosituationen u. ä.) umzugehen.“18
• „Resilienz kann als eine individuelle Eigenschaft angesehen werden, die das Individuum vor einer Vielzahl negativer Entwicklungsresultate in einer großen Zahl ökologischer Kontexte schützt […]“19
• „Der Begriff Resilienz umfasst die Fähigkeit eines Kindes, mit Druck und Belastungen fertigzuwerden, die täglichen Herausforderungen zu bewältigen, sich angesichts von Enttäuschungen oder unerfreulichen und traumatischen Erfahrungen rasch wieder zu fangen, klare und realistische Zielvorstellungen zu entwickeln, Probleme zu lösen, gut mit den Mitmenschen zurechtzukommen, sich selbst und anderen mit Respekt zu begegnen.“20
Eine Definition entwicklungspsychologischer Genese lautet:
• „Mit ‚Resilienz‘ bezeichnet man die psychologische bzw. psychophysiologische Widerstandsfähigkeit, die Menschen befähigt, psychologische und psychophysische Belastungen (stress, hyperstress, strain) unbeschadet auszuhalten und zu meistern.“21
Auch jede Menge Ratgeberliteratur ist zum Thema erschienen. Hilfe für den Alltag verspricht beispielsweise das Buch „Der R-Faktor“ von Rampe. Es enthält neben einem Resilienztest zur Selbstauswertung unter anderem die Definition:
• Resilienz bezeichnet „die Fähigkeit eines Menschen, sich trotz widriger Umstände, trotz Niederlagen, Kümmernissen und Krankheiten immer wieder zu fangen und neu aufzurichten.“22
Scheitern nicht vorgesehen
Bei der Untersuchung des Begriffes „Bewältigung“ in der Stressund Emotionsforschung führt Thomae aus, dass viele Psychologen einem Leitbild folgen, das aus „US-amerikanischen Westernfilmen“ stamme: „Der Held im Western wird von keiner Katastrophe und keinem noch so schmerzhaften Verlust eines geliebten Menschen überwältigt oder aus der Fassung gebracht. Er bewältigt alle diese Schicksalsschläge und die von ihnen ausgelösten Emotionen – und zwar in einer Weise, die von vornherein ein Versagen auszuschließen scheint. Unkritisch übernommene Leitbilder, nicht die Orientierung am Erleben und Verhalten realer Menschen bestimmen weitgehend die gegenwärtige Stress- und Emotionsforschung.“23Ähnliche Denkmuster liegen offenbar auch einigen Definitionsversuchen von Resilienz zugrunde, die z. B. in dem Buch „Die Strategie der Stehauf-Menschen“ verbreitet werden:
• „Resilienz ist nicht nur ein Schutz gegen die Möglichkeit, unvorstellbarem Leid ausgesetzt zu sein. Sie ist eine grundsätzliche Geisteshaltung, die auch in allen Aspekten des gewohnten Alltagslebens dienlich ist. Sie bietet bei einmaligen einschneidenden Ereignissen im Leben wie auch bei immer wiederkehrenden alltäglichen ein Reservoir an emotionaler Stärke und praktischen Fähigkeiten.“24
Ist Resilienz gerade wegen seiner Unschärfe populär?
Die unterschiedlichen Definitionen könnten den Vorwurf nach sich ziehen, Resilienz sei eine beliebige Begriffshülse. Andererseits muss man schon genau hinsehen, um sich die Unterschiedlichkeit der Definitionen überhaupt bewusst zu machen. Denn auf den ersten Blick klingt vieles doch sehr ähnlich. Vielleicht ist es gerade diese Unschärfe, die dem Begriff Resilienz zunehmende Popularität verleiht. Er mag diejenigen, die sich auf die Suche nach diesem unbestimmten Phänomen begeben haben, in ihrer Zuversicht einen, nach der gleichen Sache zu forschen, ohne dass man sich der Tatsache bewusst ist, dass es gar kein einheitliches Verständnis der zugrunde liegenden Prozesse gibt.
Resilienz – ein Fremdwort
Letzten Endes bleibt Resilienz ein Fremdwort – und Fremdwörter gehören so sehr zu unserem Alltag, dass sie uns nicht einmal mehr fremd vorkommen. Wer wüsste nicht, was Ketchup ist oder ein Restaurant. Doch dass auch der Begriff Resilienz inzwischen gewissermaßen zum Gemeingut geworden ist, z. B. in der Arbeitswelt, stimmt mich nachdenklich. Wer Personalverantwortlichen, Führungskräften oder Menschen, die in der sozialen Arbeit tätig sind, etwas von Resilienzsteigerung erzählt, muss nicht damit rechnen, in fragende Gesichter zu blicken, sondern eher in leuchtende Augen. Das heißt allerdings nicht zwangsläufig, dass sich alle dasselbe darunter vorstellen. Fremdwörter haben oft zwei Gesichter. Einerseits sind sie ein Segen, weil sie die Verständigung erleichtern, indem sie einen Sachverhalt eindeutig benennen, der sonst umständlich umschrieben werden müsste. Andererseits können sie viel darstellen, ohne zu zeigen, was wirklich in ihnen steckt. Besonders fatal ist das, wenn die Bedeutung des jeweiligen Begriffes strittig ist. In diesem Fall ersparen uns solche Worthülsen das Nachdenken. Resilienz gehört meines Erachtens zur zweiten Kategorie. Der inflationäre Gebrauch dieses Wortes, beispielsweise in Pädagogik oder Entwicklungspsychologie, wird wohl genau darauf zurückzuführen sein.
Auch im Managementtraining und Coaching ist das Resilienzkonzept seit geraumer Zeit ausgesprochen en vogue.25Resilienz verkauft sich gut und wird daher gern und geschickt in Marketingstrategien integriert. Klingt gut, aber was ist drin, wenn wir genauer hinsehen? Für mich jedenfalls wurde das Phänomen Resilienz umso unklarer, je genauer ich mich damit befasste.
Dabei scheint es doch so einfach zu sein. „Denn: Psychische Widerstandskraft lässt sich offenbar erlernen. Und das ist in Change-Zeiten nützlich“, lesen wir schon 2007 bei Rauen zu den Verlockungen von Resilienz26. Resilienz ist demnach psychische Widerstandskraft.
Burnout war gestern
Wenn wir dies zunächst so stehen lassen, dann erklärt das, warum Offerten zur Förderung von Resilienz bei vielen Coaching-Anbietern längst zum Standardrepertoire gehören. Wer möchte in unserer unsicheren und schnelllebigen Zeit, in der Angst und Druck an der Tagesordnung sind, nicht gern über eine besonders ausgeprägte psychische Widerstandsfähigkeit verfügen? Vielleicht wird deshalb die Entwicklung von Resilienz von einigen Unternehmensberatungen bereits als die „Antwort auf die Burnout-Thematik“ angepriesen.27
Es ist sogar so, dass individuelle psychische Widerstandsfähigkeit in unserer Leistungsgesellschaft geradezu vorausgesetzt wird: Unter welchem Stress der Einzelne auch stehen mag, solange er nicht für alle sichtbar körperlich krank ist, erwartet man von ihm, dass er weiter seine Rolle ausfüllt und funktioniert. Denn persönliches Scheitern, Misserfolge oder Unglücke sind Tabus – Kratzer im Lack des Erfolges. Und weiß man, wenn schon das Finish Macken hat, ob nicht auch die Grundierung bald hinüber ist und der Rost seinen Siegeszug antritt?
Anpassung statt Widerstand
In Bezug auf Zustände in Ökosystemen meint Resilienz allgemein deren Eigenschaft, Störungen des Systemzustands zu tolerieren, und die Fähigkeit zur Selbstregeneration. Die Vorstellung von Resilienz als Fähigkeit zur Selbstregeneration erscheint mir grundsätzlich nützlicher als eine Deutung anhand des etymologischen Ursprungs des Wortes Resilienz. Das lateinische Stammwort „resilire“ bedeutet so viel wie „abprallen“ oder „zurückspringen“. Im physikalischen Kontext wird mit dem Begriff Resilienz in Übereinstimmung mit dem Wortursprung die Eigenschaft eines Materials beschrieben, nach einer Deformierung wieder in seine ursprüngliche Form zurückzukehren. Den Begriff in diesem Sinne in psychosoziale Kontexte zu übernehmen, halte ich für unzureichend. Denn es geht im Leben nicht nur darum, die Fähigkeit zu besitzen, gegen Ereignisse oder Umweltbedingungen Widerstand zu leisten, sondern meiner Überzeugung nach ebenso um die Fähigkeit, sich im richtigen Moment anzupassen und eben keinen Widerstand zu leisten, sich also im Einklang mit seiner Umwelt zu entwickeln. Resilienz lediglich mit psychischer Widerstandsfähigkeit zu übersetzen, erscheint vor diesem Hintergrund recht einseitig.
Es geht bei der Definition von Resilienz meiner Überzeugung nach also weniger um die Beschreibung einzelner Eigenschaften eines Menschen, sondern vielmehr um die Beschreibung eines Prozesses, der durch zahllose Wechselwirkungen zwischen Individuum und Umwelt charakterisiert wird.
Griffig erscheinen mir deshalb einige Beschreibungen aus dem systemischen Lager. Aus familientherapeutischer Sicht wird das Phänomen Resilienz beschrieben als:
• „[…] ein aktiver Prozess des Wagemuts und der Fähigkeit zur Selbstkorrektur sowie des Wachsens als eine Antwort auf Krisen und die daraus resultierenden Herausforderungen. Resilienz ist die Fähigkeit, Elend, Not und Traumata zu überwinden.“
