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Die Flüchtlinge sind das große Thema unserer Zeit. Ein paar Hundert von ihnen haben einen bestimmten Grund, warum sie zu uns geflohen sind: Sie sind wegen ihrer sexuelle Identität hier – als Schwule werden sie in ihrer Heimat verfolgt. Zuhause drohen ihnen Gefängnis, Folter oder der Tod. Die Lebenswege dieser schwulen Flüchtlinge unterscheiden sich erheblich. Je nach Heimatland, Region oder Stammesgebiet sind Homosexuelle verschiedenen Gefahren ausgesetzt. Hinzu kommt die persönliche Situation: Wie öffentlich wurde ihr Schwulsein, müssen sie sich nicht nur vor dem Staat, sondern auch vor ihrer Familie fürchten? Gerade mit dem Bürgerkrieg in Syrien hat sich die dortige Situation für Schwule erheblich verschlimmert. Gebiete, wo jetzt der IS herrscht, wurden zu Todeszonen. Homosexuelle geraten mittlerweile im ganzen Land zwischen die Fronten. Letztlich der Grund, warum der bekannteste Schwule Syriens Zuflucht in Deutschland gesucht hat. Er wird in diesem Buch vorgestellt. Doch nicht nur Menschen aus dem Bürgerkriegsland kommen zu Wort – auch ein Zahnarzt aus dem Jemen, ein Bibliothekar aus dem Irak sowie Geflüchtete aus Afghanistan und Afrika werden porträtiert. Sie berichten von ihrer Leidenszeit zuhause, der Flucht, dem Ankommen in Deutschland. Und von den Lebensträumen, die in ihrer neuen Heimat Wirklichkeit werden sollen. Ist jetzt alles gut? Mitnichten. Traumata der Vergangenheit verfolgen sie weiter, das Asylverfahren und die damit einhergehende Unsicherheit ziehen sich über Jahre. In der Erstunterkunft haben sie es Bett an Bett mit Landsleuten zu tun, die Homosexualität für eine zu bestrafende Krankheit halten. Schwule Flüchtlinge können also nicht auf ihre Landsleute bauen, um hier ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Sie brauchen schnelle Hilfe aus der schwulen Community. Die gibt es: Landauf, landab kümmern sich ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuer um Homosexuelle aus der Ferne. Auch diese Helfer kommen im Buch zu Wort. Ebenso Organisationen wie Amnesty International oder Pro Asyl, die erklären, warum so viele schwule Flüchtlinge aus bestimmten Ländern fliehen und wie ihre Chancen stehen, hier bei uns Asyl zu erhalten.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Axel Limberg
Das rettende Ufer
Schwule Flüchtlinge berichten
Der Autor Axel Limberg ist nicht nur Journalist, sondern seit zweieinhalb Jahren auch ehrenamtlicher Flüchtlingsbetreuer in Hamburg. Er kümmert sich um Jugendliche, die ohne ihre Familien in Deutschland gelandet sind. Ob Schwule darunter sind, hat sich noch nicht herausgestellt. Für mehrere Jugendliche hat er Vormundschaften übernommen. Oder, wie es ihm die Familienrichterin gesagt hat: „Sie sind jetzt Mutter und Vater zugleich.“ Als Journalist war Axel Limberg sechs Jahre lang Redakteur beim schwulen Stadtmagazin hinnerk. „Das rettende Ufer“ ist nach „Das Plankton-Manifest“ sein zweites Sachbuch.
Himmelstürmer Verlag, part of Production House, Hamburg
www.himmelstuermer.de
E-Mail: [email protected]
Originalausgabe, September 2017
© Production House GmbH
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.
Zuwiderhandeln wird strafrechtlich verfolgt
Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage
Coverfoto: ©fotolia.de
Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de
E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
ISBN print 978-3-86361-596-3
ISBN e-pub 978-3-86361-597-0
ISBN pdf 978-3-86361-598-7
VORWORT
Die Flüchtlinge – das Mega-Thema unserer Zeit! Mal war von einem Strom, dann von einer Welle die Rede; es ging um Obergrenzen, zwischenzeitlich wurde eine Flüchtlingskrise ausgerufen. Journalisten schrieben von einem Ansturm, Politiker redeten gar von einer Lawine.
Strom, Welle, Krise, Ansturm, Lawine – das alles klingt schlimm, nach einer Naturkatastrophe oder an militärischen Bewegungen. Dass es in erster Linie um Menschen geht, rückt durch diese Wortwahl in den Hintergrund. Brutaler noch: Mit diesen weder positiven noch neutralen Begriffen nimmt man den Geflüchteten jede menschliche Betrachtung.
Viel zu selten ging und geht es den Medien und der Politik um das einzelne Schicksal. Viel zu oft wurden die Flüchtlingsbewegungen genauso analysiert wie die Börsenbewegungen. Von Anfang 2015 bis Mai 2017 wurden in Deutschland 1.317.328 Asylanträge gestellt. Das sind 1.317.328 Menschen und ebenso viele Lebensgeschichten.
Ein paar Hundert dieser Menschen haben einen sehr speziellen Grund, warum sie zu uns geflohen sind: Sie sind aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und Identität hier. Als Schwule wurden sie in ihrer Heimat verfolgt – dort drohen ihnen Gefängnis, Folter oder sogar der Tod.
Die Lebenswege der schwulen Flüchtlinge unterscheiden sich erheblich. Je nach Heimatland oder Region sind Homosexuelle ganz unterschiedlichen Gefahren ausgesetzt. Hinzu kommt die persönliche Situation: Wie öffentlich wurde ihr Schwulsein in der Heimat? Müssen sie sich nicht nur vor dem Staat, sondern auch vor ihrer Familie fürchten?
Ich habe für dieses Buch mit vielen Menschen gesprochen. Mit schwulen Geflüchteten, Flüchtlingsorganisationen und ehrenamtlichen Helfern. Herausgekommen ist eine Betrachtung, in der ich die Lebensgeschichten und Gedanken von sieben schwulen Flüchtlingen nachzeichne. In den Texten weite ich zusätzlich den Blick auf die Themen, die für Flüchtlinge von besonderer Bedeutung sind: Heimatgefühle, das „Ankommen“ in Deutschland, berufliche Perspektiven – es sind nur drei dieser großen Themen. Ergänzt werden die Berichte der Geflüchteten um Interviews, die Hintergründe beleuchten.
Ich habe dieses Buch nicht nur als Journalist, sondern auch als Experte geschrieben. Seit zweieinhalb Jahren betreue ich selbst minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge. Einen kompletten Überblick habe ich dadurch sicher nicht gewinnen können. Doch hunderte Gespräche mit Geflüchteten fließen als Erfahrung in dieses Buch ein. Eindrücke, die entstehen, weil ich in der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit unterschiedliche Rollen einnehme: Ich bin mal Vormund oder Pate, mal großer Bruder oder kleiner Vater, zuweilen auch Großvater (das liegt weniger an meinen teilweise bereits ergrauten Haaren – vielmehr gehen die hauptamtlichen Betreuer in den Jugendheimen eher als strenge Eltern durch, während ich etwas mehr erlaube oder außer der Reihe mit einem kleinen Geschenk überrasche, wie ein Opa es eben tun würde).
Wer aus schwuler Perspektive auf das Flüchtlingsthema blickt, muss das mit gemischten Gefühlen tun. Die meisten Asylbewerber kommen aus Ländern, in denen Schwule verfolgt werden. Die Ressentiments dieser Menschen gegenüber unserem Lebensstil sind entsprechend groß. Doch das muss nicht so bleiben. Erfolgreiche Integration kann diese schwere Hürde meistern. Das ist nicht nur meine Überzeugung, das ist auch meine Erfahrung. Doch werden wir so eine erfolgreiche Integration nicht immer hinbekommen. Nicht alle Geflüchteten werden oder wollen verstehen und verinnerlichen, dass Schwulsein etwas ganz Normales ist. Solche nicht zu integrierten Menschen gehören, wenn sie mit ihrer Meinung hausieren gehen, aus meiner Sicht abgeschoben, sobald es die Bedingungen in ihrem Heimatland zulassen. Sie passen nicht in unsere offene Gesellschaft. Leider spielt im Asylrecht gelungene Integration keine Rolle. Menschen, die gegen Schwule wettern, kein Deutsch lernen und nicht arbeiten wollen, haben mit einem positiven Asylbescheid keine Abschiebung zu befürchten und dürfen bleiben.
In allen Gesprächen zu diesem Buch war die schwulenfeindliche Grundeinstellung vieler Asylbewerber ein großes Thema. Dazu habe ich sehr unterschiedliche Antworten und Lösungsansätze erhalten.
Eine spannende Frage in diesem Zusammenhang ist, wie die von mir betreuten Jugendlichen – allesamt nicht schwul – mit meinem Schwulsein umgehen. Immerhin kommen auch sie alle aus Ländern, in denen Schwulen das Leben schwer, zuweilen gar zur Hölle gemacht wird. Nach zweieinhalb Jahren ehrenamtlichen Engagements kann ich sagen: Sie gehen mit diesem Thema äußerst entspannt um! Zwölf Jugendliche wissen es inzwischen – keiner von ihnen hat sich abgewendet. Die meisten machen es nicht zu einer großen Angelegenheit, drei stellen öfters Fragen. Einer will unbedingt, dass ich meinen Freund heirate (besonders, seit die Ehe für alle durch den Bundestag gekommen ist). Er würde auch Blumen streuen. Alle besuchen uns sehr gerne, niemand will auf eine herzliche Umarmung zur Begrüßung verzichten. Alles ganz normal.
Zu Beginn meiner Tätigkeit hätte ich niemals damit gerechnet, dass es so kommen würde. Die entspannte Situation heute hat aber auch viel mit dem zu tun, wie sich die Dinge entwickelt haben. Von Anfang an habe ich mich um die ruhigen, zurückhaltenden Jungs gekümmert. Verhaltensauffällige oder gar aggressive Jugendliche gehörten nie zu denen, um die ich mich kümmern wollte. Ganz bestimmt sind unter diesen Heranwachsenden welche, die Probleme mit meiner Homosexualität gehabt hätten.
Aber auch „meinen“ Jugendlichen habe ich erst spät, nach und nach, von meinem Schwulsein erzählt. Dieses späte Offenbaren fiel mir als offen Schwuler nicht leicht, da ich es seit über zwei Jahrzehnten gewohnt bin, ganz selbstverständlich mit meinem Schwulsein umzugehen. Doch bei den Jugendlichen habe ich mich immer erst geoutet, wenn ich das Gefühl hatte, der Jugendliche würde die kulturellen Unterschiede, Normen und Werte zwischen seiner Heimat und Deutschland überblicken. Wenn dann ein Jugendlicher soweit war, und ich es ihm erzählt habe, waren die Reaktionen meistens überraschend: Einer wollte mich sofort umarmen. Er fand es toll, dass ich ihm so eine persönliche Sache erzählt habe. Ein anderer hat sich nach der Gesetzeslage erkundigt und dann nachgefragt, ob man neben der Eingetragenen Partnerschaft (bald Ehe für alle) denn auch noch eine Frau heiraten könne. Ein dritter kam auf einen afghanischen Brauch zu sprechen: Danach haben dort Männer in bestimmten Regionen Sex mit Kindern und männlichen Jugendlichen. Dem schloss sich ein längeres Gespräch über Vergewaltigung und Pädophilie auf der einen Seite, sowie Liebe und einvernehmlicher Sex auf der anderen Seite an.
Es ist eine Selbstverständlichkeit, die mir am häufigsten in den Sinn kam, als ich mit Geflüchteten über oder zu diesem Buch gesprochen habe: Schwule haben in großen Teilen Deutschlands die Möglichkeit, ein relativ unbeschwertes Leben zu führen. Welch eine Errungenschaft, welch ein Glück.
„IN DAMASKUS WAR ICH AM ENDE KEIN MENSCH MEHR.“DANI, 20, AUS SYRIEN
Brust raus, Arsch raus – und dann dieses Lächeln. Wenn Dani den Raum betritt, dann ist das stets ein Auftritt. Die Menschen können nicht anders, sie müssen sich einfach nach ihm umdrehen. Selbst wenn sie Dani nur aus dem Augenwinkel sehen. Er erntet dann nicht nur Blicke, er setzt auch Gedanken in Gang. Die haben natürlich mit seinem Äußeren zu tun: androgyn, auch mal männlich, besonders aber weiblich. Und Dani wäre nicht Dani, wenn er seine feminine Seite verstecken würde. Er setzt sie gekonnt in Szene.
„In Syrien war ich ganz offen schwul. Ich habe mich nie verstellt.“ Schon mit elf Jahren wurde ihm klar, dass ihn Männer reizen und nicht Frauen. Früh mit reichlich Selbstbewusstsein ausgestattet, war das Coming-out gegenüber seiner Mutter der schnelle, nächste und logische Schritt. Dann war die Öffentlichkeit dran. Dani wurde in kürzester Zeit zu einem schwulen Facebook-Star. „Ich habe meinen Stil sehr offensiv gelebt. Und diese Offenheit hat mich schließlich berühmt gemacht“ sagt er.
Doch gehörte wohl noch mehr dazu, um diese Bekanntheit zu erlangen. Die große Bühne ist die seine. Auf Facebook startete er mit Partybildern und Selfies, zeigte sich mit den hübschesten Jungs des Viertels. Dann wurde es richtig abwechslungsreich: Dani im Kurt Cobain-Look mit Zigarette im Mundwinkel, am Strand im Sixties-Stil, in Nahaufnahme – mal verwegen, mal elegant, immer porentief. Ein paar Klicks weiter streckt er die Beine wie die Bardot gen Himmel, mimt den Überraschten im knappen Höschen, gibt sich als Fußballstar mit großen Kopfhörern und Pornobrille, dann wieder äußerst lasziv. Mal posiert er mit seiner vollen Weiblichkeit, dann wieder markant männlich. Weil das alles nicht aufgesetzt, sondern spielerisch wirkt, stieg die Zahl seiner Facebook-Freunde rasant. Wurde er durch die sozialen Medien gar zum bekanntesten Schwulen seines Landes? Die Frage gefällt ihm. Mit einem schelmischen Grinsen bleibt er nicht eindeutig: „Ja, oder vielleicht.“
Er selbst bezeichnet sich nicht als Aktivist, hat nie in einer Schwulenorganisation mitgemacht, auch demonstrieren ist seine Sache nicht. Oder doch? War nicht jedes neue Bild auf seinem Profil, jeder Gang über die Straße eine stolze Demonstration seines Andersseins und für das Anderssein? Noch dazu in einem muslimischen Land, in dem Schwule im Gefängnis landen können? Ich denke, er war ein Aktivist. Wenn auch nicht im klassischen Sinne.
Vor dem Krieg wurden Schwule in Syrien nur selten strafrechtlich verfolgt. Jetzt, im Krieg, befassen sich Strafverfolgungsbehörden eher mit anderen Dingen. Doch der Krieg hat auch und speziell für die Schwulen viele negative Folgen. Eine davon: die Verrohung der Gesellschaft. Schwule sind in Syrien jetzt vogelfrei. Sie werden geächtet. Sie werden dort einfach von Hochhäusern geschmissen – und niemanden interessiert es. Am wenigsten Polizei und Justiz. Wer gar als Schwuler im IS-Gebiet leben muss, muss sich unsichtbar machen, um zu überleben: Das Terrorregime steinigt, erschießt und köpft Schwule auf öffentlichen Plätzen.
Der nächste Gedanke war:„Ich muss hier weg.“
„Am Anfang bekam ich Drohungen über Facebook. Dann hatten sie die Nummer meines Smartphones und haben mir die Drohungen direkt geschickt. Irgendwann kamen die Leute auf der Straße auf mich zu, beleidigten mich und sprachen die Morddrohungen ganz offen aus. So selbstverständlich wie man jemanden grüßt.“
Zu den Morddrohungen kamen Ansagen, er würde schon bald vergewaltigt werden. Grotesk, aber wahr: In vielen arabischen Regionen gilt der aktive Mann nicht als homosexuell. Bei einer Vergewaltigung muss er sich demnach auch nicht um seinen Ruf sorgen.
„Auch die Polizei hat mich mehrmals mitgenommen, von der Straße aufs Revier. Sie fragten mich immer wieder, warum ich solche Kleidung trage und wieso ich so aussehe.“ Immer wieder gab er die gleichen Antworten: „Es ist mein Leben. Ich tue, was immer ich tun möchte. Und ich kleide mich, wie es mir gefällt.“
Von Kriegsmonat zu Kriegsmonat wurde die Situation aussichtsloser für ihn. Und trotz seiner inneren Stärke war dann irgendwann der Punkt erreicht.
„Ich konnte das nicht mehr aushalten.“
Während er diese Worte ausspricht, verschwindet sein typischer, optimistisch-kämpferischer Gesichtsausdruck. Er wirkt jetzt keinesfalls zerbrechlich, wahrscheinlich kann man Dani auch gar nicht brechen. Doch seine Mimik verrät: Es geht um seine größte Niederlage.
„Unter diesen Umständen hast du als Schwuler in diesem Land keine Zukunft. Das muss man akzeptieren.“ Sein nächster Gedanke war dann: „Ich muss hier weg.“
Weil seine Mutter, eine Journalistin, niemanden außer ihn hatte, sind sie gemeinsam geflohen.
„Unser Ziel war einfach nur Europa. Einfach in Sicherheit sein.“ Auf Nachfrage dann der Nachsatz: „Aber geträumt habe ich von Deutschland.“
Auf der Flucht hatten Mutter und Sohn zwei heikle Situationen zu überstehen. In Lebensgefahr waren sie nie. Aber das kleine Schlauchboot, mit dem sie auf der Ägäis unterwegs waren, führte bei Danis Mutter zu einem emotionalen Ausnahmezustand:
„Als wir auf dem Schiffchen waren, das uns von der Türkei nach Griechenland bringen sollte, war die Stimmung wirklich beängstigend. Meine Mutter hatte Todesangst. Die ganze Zeit hat sie meine Hand gehalten. Stundenlang hat sie auf mich eingeredet. ‚Ich bleibe bei dir, bleib du bei mir, wir bleiben immer zusammen.’ Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, und ich konnte sie kaum beruhigen. Es war schrecklich, denn ich liebe meine Mutter, und sie hat so gelitten.“
Zwei Wochen später dann die nächste brenzlige Situation, dieses Mal für Dani. „In Ungarn wurden wir von der Polizei festgenommen. Sie wollten mich vergewaltigen, doch ich ließ es nicht zu.“
Festnahmen von Flüchtlingen waren zur damaligen Zeit, im Sommer 2015, eine ungewöhnliche Angelegenheit. Die meisten Grenzen waren offen, in der Regel geleiteten die nationalen Polizei die Flüchtlingsgruppen durchs Land bis zur nächsten Grenze. Scharfe Gesetze, die Flüchtlinge abschrecken sollen, traten in Ungarn erst im Herbst 2015 in Kraft. Immerhin blieb die polizeiliche Willkür, die Dani und seine Mutter zu ertragen hatten, ohne schlimmere Folgen.
„Ich wohnte plötzlich mit Menschen in einem Raum, vor denen ich in Syrien geflüchtet war.“
„Als wir es dann tatsächlich bis nach Deutschland geschafft hatten, fühlte ich: Ja, ich mag es hier. So habe ich es mir vorgestellt.“
In Passau wurden sie registriert. Dann durften sie weiterreisen, wohin sie wollten.
„Ich liebe das Wasser. Und auf Bildern hatte ich gesehen, dass Hamburg viel Wasser hat. Also fuhren wir dorthin.“
Sein Zuhause war vorher in Damaskus, dort ist er geboren und aufgewachsen. Damaskus und Hamburg haben etwa gleichviel Einwohner. Doch leben die Menschen in Damaskus dicht gedrängt, die Hansestadt breitet sich auf der zehnfachen Fläche aus. Und während Damaskus nur ein paar Kanäle durchzogen ist, hat Hamburg mit Alster und Elbe weit mehr Wasser zu bieten.
„Der Hafen ist mein Lieblingsort. Ich liebe die Atmosphäre dort. Die Industrie, den Strand, die Weite.“
Doch konnte er zunächst weder seine neue Heimat noch sein neues, freies Leben genießen.
„Ich wohnte plötzlich mit solchen Menschen in einem Raum, vor denen ich in Syrien geflüchtet war.“
Bei Dani war es die Massenunterkunft, die ihn beinahe vollends verzweifeln ließ:
„In den ersten fünf Monate war ich in diesem schrecklichen Camp. Ich habe die ganze Zeit gedacht: Was habe ich mit meinem Leben gemacht! Warum bin ich hier? Genau solche Leute haben mich in Syrien bedroht. Und jetzt muss ich Bett an Bett mit ihnen zusammenwohnen.“
Als Dani nach Deutschland kam, war das die Zeit des größten Flüchtlingstrubels. Städte und Gemeinden mussten froh sein, den Geflüchteten überhaupt eine Unterkunft bieten zu können. Und so kamen Dani und seine Mutter in ein großes Sammellager. Allerorts entstanden diese unmenschlichen Schlafstätten. Platz, Privatsphäre, Ruhe – Fehlanzeige. Für Schwule, vor allem ganz offensichtliche Schwule wie Dani, sind solche Umstände erst recht unerträglich. Es geht an die Substanz. Er wurde gemobbt, geschlagen, auch musste er sich dort wieder einmal gegen Vergewaltigungen zur Wehr setzen.
„Irgendwann gingen meine Mutter und ich in den Wald. Um zu weinen. Dabei hat uns ein Mann angesprochen. Er hat uns getröstet, er war wirklich sehr freundlich zu uns. Nach einer Woche hat er vorgeschlagen, dass wir bei ihm wohnen können.“
Und noch eine andere Fügung brachte ihn von den düsteren Gedanken weg:
„Ich habe diese Gruppe gefunden: Schwule Deutsche habe uns Geflüchteten geholfen. Sie haben mich unterstützt. Vor allem haben sie mich emotional wieder aufgebaut.“
„Ich fühle mich, als wäre ich geboren, um hier zu sein.“
„Auch als die Lage in Syrien aussichtslos schien, habe ich gedacht: Irgendwie, irgendwo, irgendwann werde ich mich selbst finden.“
Dieser Moment war dann tatsächlich, nach einem Jahr in Deutschland, gekommen.
„Es war plötzlich soweit: Irgendwie war ich nun mit ganzem Herzen hier angekommen. Und: Ich war auch bei mir selbst angekommen.“
Ein warmes Gefühl machte sich in seinem Herzen breit. Es war viel stärker und doch ähnlich wie das erste Verliebtsein.
„Ich fühle mich seitdem, als wäre ich geboren, um hier zu sein.“
Es ist, und das spürt man sofort, der wichtigste Satz in unserem Gespräch. Geboren, um hier zu sein! Welcher Satz kann besser ausdrücken, so richtig und ganz angekommen zu sein; bei sich, an einem Ort, in einer Gesellschaft.
„Inzwischen fühle ich mich wie ein Deutscher. Und ich glaube, ich denke inzwischen auch wie einer.“
Er liebt nicht alles an Deutschland, hat keine rosarote Brille aufgesetzt. Dani registriert weiter aufmerksam, was in diesem Land, in dieser Gesellschaft nicht so gut läuft.
„Doch als Schwuler kann ich es mir nicht besser vorstellen. Als ich gespürt habe, wie frei man als Schwuler in Deutschland leben kann, war für mich klar: Hier gehöre ich hin. In der arabischen Gesellschaft kannst du als Schwuler nicht alles machen. Ich habe in Syrien die Grenzen ausgereizt, soweit es ging. Auch dort hatte ich ein schwules Leben. Doch hier werde ich nun immer akzeptiert, wie ich bin. Jeden Tag aufs Neue ist das für mich ein unglaubliches Erlebnis. Niemand sieht mich hier böse an. Im Gegenteil: Wildfremde Leute sprechen mich auf der Straße an und sagen mir, wie hübsch sie mich finden.“
Seine Augen funkeln jetzt wie Diamanten.
Zeit, um anzukommen. Die braucht jeder Flüchtling. In meiner ehrenamtlichen Arbeit mit jugendlichen Flüchtlingen habe ich noch niemanden erlebt, der in der Lage war, vom ersten Tag an sein neues Leben in die Hand zu nehmen. Die ganz Schnellen brauchen drei Monate, bei vielen platzt der Knoten nach einem halben, häufig erst nach einem ganzen Jahr. Wenige Spätstarter, vor allem die von Krieg und Flucht gezeichneten, bekommen erst nach eineinhalb Jahren die Kurve. Und viele werden wohl nie ankommen.
Bei jedem Geflüchteten schreien die Fluchtgründe und die Geschehnisse auf dem Weg nach Europa danach, verarbeitet zu werden. Dann ist da ein fremdes Land, eine fremde Kultur, eine fremde Sprache, keine Freunde, der Wohnraum, den man sich mit fremden Menschen teilen muss, die menschenunwürdigen Umstände in einer Massenunterkunft, der ungeklärte Asylstatus, viel zu wenig Auskunft seitens der Behörden. Monate vergehen, nichts passiert. Selbst die, die unbedingt wollen, können nicht.
„Für mich war nach einem Jahr in Deutschland der Punkt gekommen, wo ich mir sagen konnte: Ja, hier bin ich, ich werde jetzt mein Leben organisieren, ich nehme es selbst in die Hand. Ich will mein neues Leben jetzt beginnen.“
Es ging um nichts Geringeres, als sich ein neues Leben aufzubauen.
„Ich habe bei Null angefangen: Mit der Sprache, mit meinen beruflichen Zielen. Es war wirklich hart, ich hatte und habe viele Schwierigkeiten hier in Deutschland. Es war ja alles neu für mich. Aber ich habe immer daran geglaubt, es zu schaffen. Die volle Gewissheit bekam ich nach der Zeit im Camp.“
„Hamburg ist meine Heimatstadt geworden.“
Heimat. Über dieses Wort muss Dani besonders lange nachdenken.
„In meinem Herzen wird Syrien immer meine Heimat bleiben, aber ich gehöre hier her. Sollte in meiner Heimat irgendwann wieder Frieden herrschen, fahre ich zu Besuch hin. Aber ich will, ich kann da nicht mehr leben.“
Dann spricht er auch von Hamburg als seine Heimat, bricht ab, sagt:
„Ich liebe Deutschland – aber niemand kann seine Heimat vergessen.“ Zum Schluss eines langen Hin und Her über Heimatgefühle kann er es dann doch noch sortieren:
„Hamburg ist meine Heimatstadt geworden. Nach der Zeit im Camp hatte ich Zeit, die Stadt zu entdecken und sie lieb zu gewinnen. Ich liebe Hamburg. Es ist eine Stadt mit soviel Wasser, soviel Schönheit. Der Blick über den Hafen macht mich immer wieder glücklich. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben. Doch Syrien werde ich niemals vergessen. Beide Orte haben einen festen Platz in meinem Herzen. Aber es sind zwei unterschiedliche Gefühle: Ich vermisse Hamburg, wenn ich in Berlin bin. Doch nach Hamburg kann ich zurück. Syrien habe ich für immer verloren. Es ist da ein großes Verlustgefühl in meinem Herzen. Ich glaube, Menschen, die ihre Heimat nicht verloren haben, können dieses Gefühl nicht nachvollziehen. Erst, wenn ein Mensch seine Heimat verloren hat, kann er ermessen, wie wichtig Heimat wirklich ist. Es unterscheidet sich sehr von allen anderen Dingen, die man verlieren kann: Menschen, Geld, Erinnerungen – diese Verluste fühlen sich anders an.“
Inzwischen wohnt Dani in seiner eigenen Wohnung. Er wurde im Asylverfahren als Flüchtling anerkannt – auch das hat ihn einen großen Schritt vorangebracht. Er kann hier jetzt sein Leben planen, ohne die Angst haben zu müssen, zurückgeschickt zu werden.
„Dabei hat mein neues Leben in Deutschland gefühlt gerade erst begonnen. Ich habe nun Freunde, ich kann ein bisschen Deutsch und möchte bald eine Ausbildung beginnen.“ Mit „ein bisschen Deutsch“ untertreibt er allerdings ganz erheblich.
Wer als erwachsener Flüchtling nach Deutschland kommt, erlernt unsere Sprache in Deutsch- und Integrationskursen. Man macht dann alle paar Monate ein Deutsch-Diplom, beginnend auf dem Niveau A1, dann A2, B1 und B2. Mit einem Zertifikat auf B1-Niveau lässt sich bereits ein Ausbildungsplatz ergattern. Dani kann in diesem Sommer B2 schaffen. Doch längst nicht nur die Deutschkenntnisse entscheiden darüber, ob es mit einer Ausbildung in Deutschland klappt. Behörden und Ämter sind auch im Sommer 2017 noch nicht so aufgestellt, um Geflüchteten mit Potential – und so einer ist Dani – passgenaue Hilfe anzubieten. Manche landen mit ihrem Ansprechpartner im Jobcenter einen Glückstreffer, die Mehrzahl dürfte eher das Gefühl bekommen, ausgebremst zu werden. So geht es auch Dani. Doch neben den offiziellen Stellen helfen weiterhin viele Ehrenamtliche, Geflüchtete in Ausbildung und Arbeit zu bringen.
