DAS ROTE HAAR - Victor Gunn - E-Book

DAS ROTE HAAR E-Book

Victor Gunn

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Farley, ein romantischer Urlaubsort in Suffolk, ist aus seinem Dornröschen-Schlaf erwacht: Nach zwei mysteriösen Mordfällen beauftragt Scotland Yard Chefinspektor Bill Cromwell und seinen Assistenten Johnny Lister, ihren Urlaub abzubrechen. Und Cromwell arbeitet verbissen an diesem schwierigsten Fall seiner Laufbahn... Der Roman DAS ROTE HAAR von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1954; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1964. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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Seitenzahl: 374

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Victor Gunn

 

 

Das rote Haar

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 151

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

DAS ROTE HAAR 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Farley, ein romantischer Urlaubsort in Suffolk, ist aus seinem Dornröschen-Schlaf erwacht: Nach zwei mysteriösen Mordfällen beauftragt Scotland Yard Chefinspektor Bill Cromwell und seinen Assistenten Johnny Lister, ihren Urlaub abzubrechen.

Und Cromwell arbeitet verbissen an diesem schwierigsten Fall seiner Laufbahn...

 

Der Roman Das rote Haar von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1954; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1964.  

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

   DAS ROTE HAAR

 

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Chefinspektor Cromwell gönnte dem Green-Valley-Motel nur einen flüchtigen Blick. Aber dieser genügte.

»Nein«, sagte er.

Er stieß dies eine Wort mit empörter, unwiderruflicher Endgültigkeit hervor. Sein ohnehin meist übelgelauntes Gesicht war in noch grämlichere Falten gelegt als sonst. Die Mundwinkel zogen sich verächtlich nach unten. Die dichten, buschigen Augenbrauen waren über der Nasenwurzel finster zusammengezogen und bildeten ein unheilverkündendes V. Ein Bild des Unmuts, saß er in dem schnittigen Aston-Martin-Sportwagen, der gegenüber dem Motel am Straßenrand hielt.

»Also hör mal, Old Iron!«, protestierte der elegante, junge Sergeant Lister, der neben ihm hinter dem Steuer saß. »Du machst ja ein Gesicht zum Fürchten! Man könnte meinen, du blicktest auf Sodom und Gomorrha. Nun verrate mir doch bloß mal, was dir an diesem idyllischen Plätzchen so missfällt?«

»Alles«, knurrte Cromwell. »Es ist zu groß... zu luxuriös... zu modern. Ich ziehe es vor, meine vierzehn Tage wohlverdienten Urlaubs an einem ruhigen, naturverbundenen Ort, weitab vom Lärm und Getriebe der vielbefahrenen Straßen zu verbringen. Als du mir den Vorschlag gemacht hast, hier herauszufahren, dachte ich etwas Derartiges vorzufinden. Aber hier würde ich es ja nicht einmal aushalten, selbst wenn es mich keinen roten Heller kosten würde.«

»Und der Fluss - ist der gar nichts?«

»Doch, der sieht soweit schon ganz ordentlich aus... dagegen ist nichts einzuwenden«, musste der Chefinspektor widerwillig zugeben. »Er erinnert mich fast an einen Abschnitt der Themse, nicht weit von Windsor.«

»Es heißt, dass es in diesem Gewässer ganz ausgezeichnete Brassen und Rotaugen geben soll. Sieh dich doch wenigstens erst einmal ein wenig um, Old Iron. Verurteile doch nicht alles von vorneherein in Bausch und Bogen.«

Der hochgewachsene, hagere Beamte von Scotland Yard stieß lediglich ein unverständliches Brummen aus. Er war nicht zu Unrecht für seine Halsstarrigkeit bekannt und nicht leicht von einer vorgefassten Meinung abzubringen. Und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte er sich sein Urteil bereits gebildet. Steifbeinig kletterte er aus dem, wie er nie zu betonen vergaß, höchst unbequemen Wagen und setzte sich in Richtung auf den Fluss in Bewegung. Als passionierten Sportangler zog ihn Wasser stets unwiderstehlich wie ein Magnet an.

Es war Samstagabend, Anfang Juni. Cromwell und sein stets gutgelaunter, junger Assistent hatten dienstfrei, und so hatte Johnny vorgeschlagen, diese kleine Spritztour nach Suffolk zu unternehmen. In wenigen Wochen stand der vierzehntägige Urlaub seines Chefs bevor, und Johnny hatte gemeint, das Green-Valley-Motel, kurz vor dem kleinen Marktflecken Farley, müsse genau das geeignete Domizil für Cromwell sein. Johnny hingegen plante, nach dem Festland hinüberzufahren, um wenigstens einmal reichlich Sonne aufzutanken. Die Idee, Tag für Tag am Ufer eines Flusses in Suffolk zu verbringen, womöglich noch in strömendem Regen, war nicht gerade das, was er sich unter einem Urlaub vorstellte.

Irgendwann einmal hatte ein Freund das Green-Valley-Motel ihm gegenüber in höchsten Tönen gelobt. Und zumindest trug es, das konnte er schon vom Wagen aus beurteilen, seinen Namen zu Recht. Es lag inmitten einer zauberhaften, grünen Hügellandschaft. Im Lauf der letzten Jahre war es zu einem begehrten Ferienziel geworden. Vor allem in Anglerkreisen. Nach allem, was Johnny gehört hatte, musste der Besitzer ein umgänglicher und angenehmer Mann sein, der fast so berühmt und beliebt war wie sein Motel.

Während Cromwell quer über die Straße auf den Fluss zu marschierte, steuerte Johnny seinen Wagen auf den riesigen Parkplatz vor dem Hauptgebäude. Das Haus war zweistöckig gebaut, grüne Fensterläden leuchteten auf der weißgekalkten Mauer. Über dem Eingang lag die große Terrasse, deren Säulen und Geländer von üppig wucherndem wildem Wein umrankt waren. Zwei, drei Wagen standen bereits in der Nähe des Portals. Die Chromteile und der gutgepflegte Lack blitzten und spiegelten im Sonnenschein, denn nur ausgesprochen wohlhabende Leute konnten es sich leisten, diesen exklusiven Ort zu besuchen. Hinter dem Hauptgebäude dehnte sich der kurzgeschorene, prachtvoll gepflegte grüne Rasen. Und beiderseits dieses parkartigen Gartens zogen sich in zwei Reihen die kleinen, individuell gebauten Bungalows hin. Jedes dieser winzigen stabil gebauten Häuschen besaß eine eigene Garage.

»Tja, mein Sohn, gegen den Fluss ist nichts einzuwenden«, ertönte plötzlich hinter Johnny Cromwells sonore Stimme. »Man könnte fast sagen, er sieht verlockend aus. Tief und klar - es muss reichlich Fische geben.«

»Komm, du alter Brummbär, lass uns wenigstens einen Moment hineingehen und etwas trinken«, schlug Johnny vor. »Es eilt ja nicht. Morgen ist Sonntag. Es genügt doch, wenn wir um Mitternacht zurück sind, und man fährt nicht einmal ganz zwei Stunden.«

So gingen sie hinein. Und Johnny zumindest genoss die Harmonie der riesigen, gut aufgeteilten und mit wenigen Möbeln in erlesenem Geschmack eingerichteten Halle. Hier und da standen, mit wohldurchdachter Zufälligkeit, große, einladende Ledersessel. Davor kleine Tischchen mit einer Glasplatte darauf. Die Schmalseite dieses ansprechenden Raumes nahm eine lange, ebenfalls lederbezogene Bar ein, deren warme Beleuchtung versteckt oberhalb der Spiegel hinter den mit bunten Flaschen vollgesteckten Fächern angebracht war. Die vielfältigen, farbenfrohen Etiketten versprachen jeden nur erdenklichen Genuss. Eine Flügeltür stand weit offen und gab den Blick auf einen leeren Festsaal frei. Zwei der hohen Hocker vor der Bar waren besetzt. Andere Gäste unterhielten sich mit gedämpfter Stimme, gemütlich in die riesigen Sessel gekauert. Trotzdem war überall noch reichlich Platz. Es war ja auch noch früh am Abend.

Ein Mann, ein wahrer Riese von ungefähr fünfzig Jahren, in sehr aufrechter Haltung, mit am Hals offenstehendem Sporthemd und beigen Gabardinehosen mit messerscharfer Bügelfalte kam hinter der Bar hervor auf sie zu. Das sonnengebräunte, freundliche Gesicht zierte ein enormer Schnurrbart.

»Willkommen im Green Valley, meine Herren«, begrüßte er sie munter. »Mein Name ist Melrose. Falls Sie beabsichtigen sollten, zu bleiben - zurzeit ist genügend Platz. Die Saison hat noch nicht begonnen. Vor Mitte Juli ist hier nicht viel los.«

»Wir hätten gerne etwas getrunken - das wäre alles. Im Augenblick jedenfalls«, gab Cromwell vorsichtig zurück. »Ihr Fluss gefällt mir. Ich wusste bisher gar nicht, dass es hier in Suffolk ein so prächtiges Gewässer gibt.«

Dem Chefinspektor war sofort klar, dass er den Besitzer Godfrey Melrose, Captain a. D., vor sich hatte. Mehr als einmal war ein Foto von ihm in der Anglerzeitung, die der Chefinspektor regelmäßig las, gebracht-worden. Denn Captain Melrose war in gewisser Weise so etwas wie eine Berühmtheit. Er war gleichermaßen als Sportfischer wie als Gastronom eine anerkannte Persönlichkeit. Die Küche im Green-Valley-Motel war einzigartig. Und so kam  es, dass die Leute aus allen Teilen des Landes nach dieser stillen Ecke Suffolks strömten, um hier ihren Urlaub zu verbringen.

Melrose hatte das Motel kurz nach dem Krieg erbaut. Nach und nach hatte er dann dies und jenes hinzugefügt und es so langsam vervollkommnet. Ursprünglich war es für die durchreisenden Autofahrer gedacht und für deren Bedürfnisse eingerichtet gewesen. Wie ja schon das Wort Motel besagte. Aber im Lauf der letzten fünf Jahre war die Kunde des erlesenen Komforts, der erstklassigen Verpflegung und des gepflegten Services so weit gedrungen, dass sich die Gäste mehr aus Dauer- und Ferienbesuchern als aus flüchtig einkehrenden Touristen zusammensetzten. Und nicht alle, die unter dem gastfreien Dach einkehrten, waren unbedingt begeisterte Angler.

Der saure, düstere Gesichtsausdruck des berühmten Kriminalbeamten, der allgemein als Ironsides bekannt war, hatte sich erstaunlich besänftigt. Und als er schließlich einen der Barhocker erklomm, konnte man seine Miene fast als menschlich bezeichnen. Johnny Lister war über diesen auffälligen Wechsel höchst erfreut. Ein gut aussehender junger Mann stellte die gewünschten Getränke vor sie hin.

»Mein Sohn Peter«, stellte Melrose vor. »Er ist mir bei der Geschäftsführung behilflich, und meine Frau hat die Küche unter sich. Sie wird auch gleich erscheinen. Nein, Sir, bitte stecken Sie Ihr Geld wieder ein. Der erste Drink geht auf meine Rechnung. Eine Sitte meines Hauses.«

»Außerordentlich freundlich, Mr. Melrose«, meinte Cromwell dankend. »Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mich etwas umsehe, bevor ich zu einem Entschluss komme? Ich angle hin und wieder auch. Und Ihr Fluss gefällt mir, muss ich schon sagen. Ich bin nämlich auf der Suche nach einem gemütlichen Plätzchen, wo ich Anfang Juli meinen vierzehntägigen Sommerurlaub verbringen kann.«

Melrose lachte belustigt auf. Um seine Augen tanzten tausend Lachfältchen.

»Wenn es Ihnen um das Fischen geht, brauchen Sie nicht länger zu suchen«, bemerkte er trocken. »Anfang Juli, sagten Sie?« Er lächelte bedeutungsvoll. »Das ist genau der Zeitpunkt, zu dem wir unseren jährlichen Wettbewerb abhalten. Hätten Sie nicht Lust, daran teilzunehmen? Allerdings muss ich gleich erwähnen, dass ich für Anfang nächsten Monats so gut wie ausgebucht bin.«

Er verließ sie, um weitere Neuankömmlinge zu begrüßen. Offensichtlich Leute hier aus der Gegend. Denn das Green-Valley-Motel stellte auch für die sogenannten Spitzen der hiesigen Gesellschaft den erklärten Anziehungspunkt dar. Es war ihnen im Lauf der Zeit zur Gewohnheit geworden, abends auf ein Glas und ein Schwätzchen hier hereinzuschauen.

»Wenn das Essen so gut ist, wie es allgemein gerühmt wird, Old Iron, sehe ich mich schon meine eigenen Pläne über den Haufen werfen und ebenfalls hier einkehren«, äußerte Johnny. »Ich bin zwar kein Angler, aber ich habe auf dem Fluss ein paar nette kleine Segelboote vertäut gesehen. Sicher tut sich auch in dieser Richtung einiges hier. Das Ganze scheint mir mehr oder weniger ein Familienbetrieb zu sein. Und so etwas ist meist eine gute Sache.«

Cromwell sagte nichts dazu. Er hörte mit halbem Ohr auf die joviale, fast herzliche Unterhaltung zwischen Mr. Melrose und den Ortsansässigen. Der Riese mit dem auffallenden Schnurrbart war wirklich ein Typ für sich. Und alle, die hereinkamen, grüßten ihn mit vergnügten Sticheleien, die er prompt und schlagfertig erwiderte.

Cromwells und Johnnys Gläser waren leer, so standen die beiden auf und schlenderten gemächlich durch den leeren Saal, um dann durch die offenstehenden französischen Fenstertüren in den weitläufigen Garten hinauszutreten. Die sich langsam rot verfärbende Sonne tauchte die Anlage mit ihrer Blumenpracht in ein unwirkliches, flammendes Licht. Nirgendwo war ein Blättchen Unkraut zu sehen, und auf dem kurzgeschorenen Rasen ging es sich wie auf einem weichen Teppich. Die gesondert stehenden, untereinander verschiedenen Bungalows, jeder mit seiner eigenen Garage, sahen mehr wie Villen im Miniaturformat denn Unterkünfte eines Motels aus. Durch die Fensterscheiben schimmerten buntgemusterte, bäuerliche Gardinen. Auf jeder der verschiedenfarbig gestrichenen Türen stand eine Zahl.

Eine dieser Türen stand offen, und Cromwell benutzte die Gelegenheit, einen Blick in das Innere zu werfen. Was er sah, befriedigte ihn ungemein. Der Raum war schlicht und doch zugleich gemütlich eingerichtet. Die zweckentsprechenden Möbel waren aus teuren Hölzern, die Bezüge stofflich und farblich ausgezeichnet aufeinander abgestimmt. Breite, einladende Doppelbetten füllten die eine Wand fast aus. An jeder Seite gab es einen Nachttisch mit einer aus alten Messingleuchtern montierten Lampe darauf. Das Bad war hellgrün gekachelt und bis ins letzte komplett ausgestattet.

»Gar nicht so übel«, brummte Cromwell vor sich hin. »Da ließe es sich zur Not schon aushalten.«

Ein solches Lob aus seinem Munde war eine außerordentliche Seltenheit.

Gemächlich schlenderte er nun zum Fluss hinunter und nahm den zuverlässig aussehenden, gut gebauten Steg in Augenschein. Drei Motorboote lagen daran vertäut. Ganz zu schweigen von den vielen kleinen Segeljollen. Weiter unten auf dem Fluss kreuzten etliche dieser wendigen kleinen Boote hin und her. Nicht weit entfernt von Cromwell hielten es die passionierten Angler in unerschütterlicher Geduld aus. Der Fluss kräuselte sich in winzigen Wellen. Ein Anblick, der Cromwells Seele ausgesprochen Wohltat.

»Na - zu viel versprochen?«, erkundigte sich Johnny Lister.

»Schon gut - es besteht nicht der geringste Grund, gleich diesen Ton anzuschlagen«, schnaubte sein Chef unwillig. »Eins zu null für dich, Johnny. Es gefällt mir immer besser hier. Ich könnte mich fast daran gewöhnen. Doch ich möchte betonen, dass es vor allem der Fluss ist, der es mir angetan hat. Die grauenhafte, supermoderne Aufmachung des Haupthauses werde ich dann wohl in Kauf nehmen müssen. Da, sieh dir doch nur dies Wasser an!« Seine Augen funkelten begeistert. »Ich kann es kaum abwarten, mein Angelzeug hier zu haben.«

Sie kehrten in die Halle zurück, machten es sich in zwei Sesseln bequem und bestellten noch zwei Martinis. Es bestand keine Eile, nach London zurückzufahren. Cromwell beschloss, frühestens in einer Stunde zu starten. Die weitläufige Halle begann sich nach und nach zu füllen, und es interessierte ihn, was für Leute sich hier samstagabends zusammenfanden.

Er brauchte nicht lange, um das zu ergründen. Die Tür ging unablässig, und im Grunde waren es immer die gleichen drei Typen von Menschen, die hereinströmten. Wohlhabende Geschäftsleute aus Farley, schwere, kräftige Bauern mit gutmütigen Gesichtern in Begleitung ihrer Frauen, aristokratisch aussehende, hagere Gestalten, häufig mit scharf geschnittenen Pferdegesichtern, der Landadel aus der näheren Umgebung. Alle wurden von Godfrey Melrose freundlich und aufmerksam begrüßt. Und es tat wohl, die warme Atmosphäre der freundschaftlichen Verbundenheit zu sehen.

Cromwell schätzte, dass heute Abend noch getanzt werden würde, denn die meisten Damen kamen im Cocktailkleid. In kurzen oder langen, leichten, hellen, oft geblümten Sommerkleidern. Die Herren hatten es sich dagegen bequem gemacht, sie trugen zumeist Flanellhosen und dazu Sporthemden mit offenem Kragen. Jetzt war Mrs. Melrose hinter der Bar aufgetaucht. Sie ging ihrem Sohn zur Hand - eine kräftige, gesunde, gut aussehende Frau, mit hervorragendem Geschmack gekleidet und mit einem Minimum an Make-up. Der Chefinspektor gewann, nachdem er sie eine Weile beobachtet hatte, den Eindruck, dass sie wohl mehr von diesem Gefechtsstand aus regierte und alles, was um sie herum vorging, im Auge behielt, als dass sie sich selbst betätigt hätte. Zwei junge Burschen in kurzen weißen Jäckchen servierten jetzt die Getränke. Das Ganze wirkte in seiner unkomplizierten Fröhlichkeit eher wie eine kleine Gesellschaft in einem gepflegten Landhaus als eine mit Gästen gefüllte Hotelhalle. Jeder schien hier jeden zu kennen. Gedämpft und vergnügt plätscherte die Unterhaltung dahin. Plötzlich fiel es Bill Cromwell auf, dass allgemeines Schweigen eintrat. Neugierig drehte er sich um.

»Donnerwetter!«, entfuhr es Johnny Lister begeistert.

Ein bezauberndes junges Mädchen stand in der Tür zur Halle. Ihr helles, perlendes Lachen und ihre strahlenden Augen mussten jeden sofort gefangen nehmen. Bescheiden, aber mit bezwingendem Charme begrüßte sie jetzt Mr. Melrose. Volles, dunkles Haar fiel ihr bis auf die schmalen Schultern. Ihr Gang war elastisch und graziös. Das Tanzkleid mit dem weiten, schwingenden Rock wirkte trotz des betont schlichten Schnittes als wäre es eine Robe von Dior oder Hartnell. Der junge Peter Melrose kam sofort hinter seiner Bar hervor. Sie gab ihm zur Begrüßung einen stürmischen Kuss.

»Bei Gott, unsere Gillian Hartley ist wirklich ein zauberhaftes Geschöpf!«, murmelte ein Mann bewundernd, der am Tisch neben Ironsides und Johnny saß. Er war sich offenbar nicht bewusst, wie weit seine dröhnende Stimme trug, oder meinte, sie gesenkt zu haben. »Dies Mädchen hat etwas an sich, was einem jedes Mal das Blut in Wallung bringt, wenn man sie sieht, wie? Sie kommt mir immer vor wie die personifizierte Jugend und Frische.«

»Ausgezeichnet formuliert, Sir Malcolm«, stimmte sein Gegenüber zu. »Jugend und Frische, das ist der richtige Ausdruck. Sie ist nicht nur bildhübsch, von ihr scheint geradezu eine mitreißende Vitalität auszuströmen. Und tüchtig ist sie obendrein auch noch. Fragen Sie mal den Pastor.«

Sir Malcolm Gregg, Herr auf Schloss Farley, kicherte, dass seine Schultern bebten.

»Peter ist ein kluger Bursche, was?«, meinte er. »Der weiß schon was er an ihr hat. Einen Riesendusel hat der Junge. Ist aber auch ein feiner Kerl. Kenne ihn schon, seit er in den Windeln gelegen hat. Nebenbei bemerkt war sein Vater während des Krieges in meinem Regiment. Ein ausgezeichneter Soldat!«

»Verdammt noch mal, es war schon das große Los für Farley, dass Melrose gleich nach Kriegsende das Ding ausgerechnet hier gebaut hat«, sagte der andere. »Bis dahin war es ein gottverlassenes Nest.«

Sir Malcolm runzelte die Stirn.

»Ja, ruhig war es schon«, gab er zu bedenken. »Aber vergessen Sie nicht, dass Farley einer der schönsten Flecken Suffolks ist. Wo finden Sie sonst noch solche prachtvollen alten Fachwerkhäuser? Also, wenn Sie mich fragen, so ist Farley noch bedeutend schöner als das vielgerühmte Lavenham. In gewisser Hinsicht jedenfalls.«

Cromwells Interesse wurde durch das auffällige Benehmen eines jungen Mannes mit erhitztem Gesicht und in die Stirn fallendem, wirrem, braunem Haar, der soeben die Halle betreten hatte, abgelenkt. Die Augen des Neuankömmlings überflogen die Anwesenden. Offenbar sucht er ungeduldig nach jemand. Dann blieb sein Blick an Gillian Hartley hängen, und seine Stirn runzelte sich finster. Nein, eigentlich galt sein grimmiges Starren nicht dem Mädchen, sondern vielmehr Peter Melrose, der beredt auf Gillian einsprach und dabei ihren Arm umfasst hielt. Wenn Cromwell noch nie im Gesicht eines Menschen den Ausdruck erbitterter, blinder Eifersucht beobachtet hätte, hier war er nicht zu verkennen. Doch dann wurde seine Aufmerksamkeit abermals abgelenkt. Ein schlankes, zierliches junges Mädchen mit leuchtend blondem Haar, das unweit von ihnen an einem Tisch gesessen hatte, sprang plötzlich auf und stürzte auf den immer noch in der Nähe der Tür stehenden, erhitzten jungen Mann zu. Ihre blauen Augen strahlten ihm geradezu entgegen.                          

»Guten Abend, Roy!«, begrüßte sie ihn atemlos.

Er würdigte sie kaum eines Blickes.

»Bezaubernd siehst du heute Abend wieder aus, Peggy«, murmelte er mit fadenscheiniger Bewunderung. Merkbar nichts als reine Höflichkeit. Und damit ging er davon.

Das blondhaarige junge Mädchen erblasste. Dann, gleich darauf, kroch helle Röte ihren langen, gebogenen Hals empor und überflutete ihr ovales, fast noch kindliches Gesicht. Schweigend sank sie wahllos auf einen zufällig in der Nähe stehenden Sessel. Cromwell, dem selten etwas entging, sei es nun bemerkenswert oder vielleicht auch vollkommen unwichtig, verspürte fast so etwas wie Mitleid mit der Kleinen. Mein Gott, war sie enttäuscht! Er hätte dem stämmigen jungen Mann am liebsten ein paar um die Ohren gegeben, dass er sie so behandelte.

»Nanu, du machst ja so ein verärgertes Gesicht, Old Iron?«, erkundigte sich Johnny neugierig.

»Ach, nichts Besonderes«, grollte Cromwell. »Ich habe mich nur über etwas, was da eben vor sich gegangen ist, geärgert.«

»Eh? Ich habe gar nicht bemerkt, dass sich etwas Ungewöhnliches ereignet hätte.«

»Das, mein Sohn, glaube ich dir aufs Wort.«

Das junge Mädchen, welches der kräftige Jüngling mit Peggy angeredet hatte, war jetzt eifrig mit ihrer kleinen, silbernen Puderdose beschäftigt. Völlig unnötigerweise fuhr sie sich mit der Quaste über ihre Nasenspitze. Dabei blickte sie verstohlen um sich. Offenbar beschämt und ängstlich, ihr Schmerz könne allgemein aufgefallen sein. Ihr zart geschwungener Mund war zu einem schmalen Strich zusammengepresst.

Es war charakteristisch für Cromwell, dass er sich jetzt umwandte und den Mann am Nebentisch, den sein Freund Sir Malcolm tituliert hatte, ansprach.

»Wer ist diese blondhaarige Kleine?«, erkundigte er sich.

»Oh, Sie meinen Peggy Anderson?«, gab der andere zurück, nicht unangenehm berührt durch das Interesse eines völlig Fremden. Das brachte die freundliche Atmosphäre, die hier herrschte, mit sich. »Sie ist die Tochter von Dr. Anderson«, fügte er aus freien Stücken noch hinzu.

»Und der junge Bursche, der gerade eben mit ihr gesprochen hat?«

»Das ist Roy Campbell, vom Tal-Hof.« Sir Malcolm gluckste leise vor sich hin. »Für Roy sind wir alle Luft, das versichere ich Ihnen. Er sieht nichts weiter als Gillian Hartley. Er ist bis über beide Ohren in sie verliebt, der arme Junge. Arme Peggy. Sie kennt Roy, solange sie denken kann - sie sind zusammen zur Schule gegangen -, und wir wissen alle, dass es ihr schwer zu schaffen macht. Armes Kind, dabei bemerkt Roy überhaupt nicht, dass sie da ist.«

Cromwell war Sir Malcolm für seine geschwätzige Auskunft sehr dankbar. Er reagierte überaus sensibel auf alle menschlichen Unterströmungen, und die geballten Wolken der Leidenschaft standen - wollte man diese friedliche Halle damit vergleichen - am klaren blauen Sommerhimmel wie eine düstere Drohung. Peter Melrose, der ganz in seine Unterhaltung mit Gillian Hartley vertieft schien, machte einen nervösen und unruhigen Eindruck. Sein Vater, der gerade ein paar weitere Neuankömmlinge mit stets gleichbleibender jovialer Herzlichkeit begrüßte, konzentrierte, das war nicht zu verkennen, im Grunde genommen sein Interesse auf den Sohn. Und nun marschierte Roy Campbell mit gesenktem Kopf auf die dicht umlagerte Bar zu. Sein Gesicht trug einen mürrischen, verdrossenen Ausdruck.

»Alles höchst interessant, Johnny«, murmelte der aufmerksame Chefinspektor leise. »Sogar in einem verschlafenen Nest wie diesem gärt es unter der ruhigen Oberfläche. Man muss nur eine Antenne dafür haben.« Er seufzte tief auf, als er dem verständnislosen Blick seines Assistenten begegnete. »Schon gut. Lassen wir das. Ich hatte im Moment vergessen, dass du von Natur aus mit Blindheit geschlagen bist.«

»Wovon, zum Teufel, redest du überhaupt?«

Ironsides sparte sich eine Antwort. Es wollte ihm kaum gelingen, seine Augen von der sprühend lebhaften, bildhübschen Gillian Hartley abzuwenden. Er musste sich eingestehen, dass er im stillen der Bemerkung Sir Malcolm Greggs vollkommen zustimmte. Selten hatte er ein junges Mädchen gesehen, das derart Jugend und Frische verkörperte. Es war lange her, dass ein weibliches Wesen den trockenen, griesgrämigen Chefinspektor so beeindruckt hatte. Dieses Mädchen hatte irgendetwas an sich, das einem das Herz höher schlagen ließ. Sie unterhielt sich immer noch mit Peter Melrose. Nichts schien außer ihm auf dieser Erde für sie zu existieren. Sie strahlte ihn mit einem verhaltenen Feuer an, das über ihrem ganzen Wesen lag.

Roy Campbell stand an der Bar und starrte sie aus brennenden Augen an.

Es kam Cromwell, dessen Aufmerksamkeit jetzt ganz gefesselt war, so vor, als ob die Lebhaftigkeit des schwarzhaarigen Mädchens Peter Melrose beunruhigte, wenn nicht gar in Verlegenheit versetzte. Sie sprach mit temperamentvollen Gebärden, ohne jede Rücksichtnahme auf die Umsitzenden, auf ihn ein, und ihr helles Lachen übertönte sogar das summende Stimmengewirr in der Halle. Cromwell sah sich nach dem zarten, blonden Geschöpf um. Lautlos fluchte er in sich hinein. Peggy Anderson sah entsetzlich verlassen und verzweifelt aus.

In diesem Augenblick wandte sich Mr. Melrose von den Gästen, mit welchen er sich eben unterhielt, ab und sagte etwas zu seinem Sohn. Dieser nickte, entschuldigte sich offenbar bei Gillian Hartley und eilte davon. Roy Campbell reagierte blitzschnell. Er schoss auf Gillian zu und ergriff heftig ihren Arm.

»Ich muss mit dir sprechen«, drängte er ungestüm.

»Roy, bitte, nimm Vernunft an. Hier geht es doch nicht.«

»Gut, dann irgendwo anders?«

»Nein. Und lass meinen Arm los, bitte.«

»Ich denke gar nicht daran«, widersprach er leidenschaftlich. Sein Gesicht war vor Wut dunkelrot. »Nicht, bevor ich mit dir gesprochen habe. Wer weiß, vielleicht ist dies meine letzte Chance.«

Er hielt ihren Arm weiter umklammert und zerrte sie fast aus der Halle in den leeren Ballraum hinüber. Cromwell, der die beiden die ganze Zeit über gespannt beobachtet hatte, konnte sehen, dass sich das junge Mädchen ängstlich bemühte, eine öffentliche Szene zu vermeiden, und wohl nur deshalb widerspruchslos mitging. Sie verschwanden durch die Fenstertür in der tiefen Dunkelheit des Gartens.

»Roy, du benimmst dich wirklich zu albern...«

»Nein, das tue ich nicht!«, unterbrach er sie heftig. »Jedes Mal, wenn ich dich sprechen will oder in deine Nähe komme, entziehst du dich mir unter irgendeinem Vorwand. Um Gottes willen, Gillian, weshalb denn? Ich bin doch schließlich nicht aussätzig!«

»Weil es doch einfach keinen Zweck hat, Roy«, gab sie ruhig zurück. »Weshalb kannst du bloß nicht vernünftig sein? Du weißt doch, dass ich mit Peter verlobt bin.«

Mit seinen großen, ungefügen Händen umfasste er brutal ihre Schultern und zwang sie, ihn anzusehen. Gegen diese wilde, ungestüme Kraft war sie machtlos.

»Verlobt mit Peter!«, explodierte er. »Und wenn ich fragen darf, seit wann? Noch nicht einmal einen Monat! Und ich - ich liebe dich seit mehr als einem Jahr. Ich habe dich, bei Gott, oft genug gebeten, meine Frau zu werden!«

Gillian bemühte sich verzweifelt, loszukommen. Aber vergeblich.

»Du benimmst dich genau wie das, was du bist... wie ein ungehobelter, ungeschliffener Bauer!«, schimpfte sie wütend. »Ich liebe dich nicht, Roy! Und ich habe dich nie geliebt!«

»Das ist nicht wahr!«, schrie er beinah. »Bis vor einem Monat bist du jeden Samstagabend mit mir tanzen gegangen... du hast lange Spaziergänge mit mir gemacht... du hast dich sogar von mir küssen lassen!« Seine Stimme bebte vor innerer Erregung. »Erst als du dich plötzlich in diesen Peter Melrose verliebtest, hast du mich einfach sang- und klanglos fallen lassen...«

»Roy, schrei doch nicht so! Schließlich sind wir nicht allein im Garten. Was sollen die heute denken! Sie meinen noch, wir streiten uns«, unterbrach sie ihn streng. »Ich habe dich niemals wirklich ermutigt, das weißt du. Und immerhin hat ein junges Mädchen doch wohl das Recht dazu, den Mann zu heiraten, den es will. Oder etwa nicht? Peter ist ein feiner Kerl... er ist ein Gentleman. Lass mich jetzt bitte endlich los! Du beweist nur wieder einmal, dass du kein Gentleman bist.«

»Gillian... bitte!«, flehte er. Aber seine Stimme war leiser geworden, besänftigt von ihrer unerschütterlichen Gelassenheit. »Es ist alles so durcheinander, so verworren. Bis vor einem Monat dachte ich immer, du würdest eines Tages ja sagen, wenn ich nur genug Geduld hätte. Dann lässt du mich einfach sitzen und verlobst dich mit Peter Melrose. Du liebst ihn doch gar nicht ehrlich. Ich weiß gar nicht, weshalb du dich plötzlich verändert hast. Und ich halte es auch für von Grund auf verkehrt, dass du da so mutterseelenallein in deinem abgelegenen Häuschen in Poldon Farley wohnst.«

Offensichtlich belustigte sie die letzte Bemerkung. Sie platzte laut heraus. Und ihr Lachen brach die unerträgliche Spannung.

»Was macht es denn schon aus, wo ich wohne?«, meinte sie trocken. »Jetzt ist es doch praktisch gleichgültig. Ich werde ja ohnehin nicht mehr lange dort bleiben... du vergisst, dass Peter und ich in Kürze heiraten werden.«

In ihm stieg die kaum abgeebbte Wut wieder hoch.

»Du wirst Peter nicht heiraten!« beschwor er sie außer sich. »Du liebst ihn nicht! Denkst du, ich spürte das nicht? Er ist ein guter Junge... ich habe ja gar nichts gegen ihn... aber ich will verdammt sein, wenn ich zulasse, dass er dich bekommt!«

»Du schreist schon wieder, Roy«, mahnte sie. »Die anderen Gäste werden noch auf uns aufmerksam werden.«

»Also gut, dann komm mit hier herein. Hier sind wir ungestört«, sagte er und öffnete die Tür von Nummer zwanzig. Der Bungalow war der letzte in der Reihe, am weitesten vom Haupthaus entfernt. »Hier hört uns niemand.«

Er schubste sie fast in den dunklen Raum und zog die Tür hinter sich zu. Dann stemmte er sich mit dem Rücken dagegen und wartete ab. In der nervenzermürbenden Anspannung fiel ihnen überhaupt nicht auf, wie muffig es hier drinnen war.

In der stickigen Enge und der undurchdringlichen Finsternis versuchte das junge Mädchen abermals angestrengt, sich seinen groben Händen zu entwinden.

»Roy, du benimmst dich wirklich wie ein Wahnsinniger!«, fuhr sie ihn wütend an. »Wirst du mich jetzt bitte sofort loslassen!«

»Ich werde vernünftig sein«, versprach er mit belegter Stimme. »Bist du nun zufrieden?«

»Ja.« Auch sie sprach jetzt wieder in normalem Ton. »Aber  mach es kurz, bitte. Es ist geradezu unsinnig, hier im Dunkeln herumzustehen.«

»Ich stehe gerne mit dir im Dunklen.«

»Ich aber nicht!«

Roy beherrschte sich mühsam. Er griff in die Tasche und holte seine Zigaretten heraus. Sobald er sie losgelassen hatte, wich Gillian vor ihm zurück. Heftig atmend stand sie wenige Meter von ihm entfernt, als das kleine Flämmchen des Feuerzeugs aufflackerte.

»Möchtest du auch eine?« bot er ihr fiebrig an.

»Nein, danke, ich...«

Er war verblüfft und geradezu entsetzt über den Ausdruck maßlosen Grauens, der sich auf Gillians Gesicht ausbreitete. Mit, weit aufgerissenen Augen starrte sie an ihm vorbei, auf den winzigen Umkreis, den das zitternde Flämmchen seines Feuerzeugs erhellte.

Sie stieß einen gellenden Schrei aus, stürzte an ihm vorbei, riss die Tür auf und hetzte hinaus ins Freie.

»Was zum Teufel...«

Er steckte die unangezündete Zigarette wieder ein, als sein Feuerzeug erlosch, und versuchte sich in der ihn umgebenden Schwärze zu orientieren. Was konnte sie nur gesehen haben? Was hatte sie zu diesem durch Mark und Bein gehenden Schrei veranlasst?

Seine bebenden Finger tasteten die Wand entlang, fanden den Lichtschalter und drückten ihn hinunter. Roy erstarrte.

Auf dem Boden, mitten im Raum, lag der unbekleidete Körper eines Toten.

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

In der Halle leerte Chefinspektor Cromwell sein Glas und erhob sich. »Gehen wir, Johnny. Es wird allmählich spät.«

»Jetzt schon?«, fragte Johnny Lister enttäuscht. »Sei doch nicht so ungemütlich! Es besteht doch gar kein Grund zur Eile. Es soll doch nachher nebenan noch getanzt werden.«

»Tanzereien können mir gestohlen bleiben, das weißt du doch.«

»Es ist kaum neun - zum Teufel, was war das?«

Sie hatten es beide gehört... jeder in der riesigen Halle hatte es gehört... den grauenhaften Schrei, irgendwo dort draußen im Garten. Der Laut war so durchdringend, so unerwartet in der gemütlichen Atmosphäre, dass allen das Wort im Munde stecken blieb. Totenstille breitete sich aus. Und dann, Sekunden später,  stürzte Gillian Hartley durch den noch leeren Ballsaal herein, kreideweiß im Gesicht, am ganzen Körper zitternd.

Mr. Melrose, der ihr am nächsten stand, eilte auf sie zu und stützte sie.

»Großer Gott! Gillian, was ist denn?«, fragte er scharf. »Ich habe dich mit Roy Campbell hinausgehen sehen. Ist der junge Hitzkopf dir irgendwie zu nahe getreten?«

»Nein, nein«, flüsterte sie kaum hörbar. »Es... es liegt ein toter Mann in einem der Bungalows. Roy und ich haben ihn gefunden...« Sie schloss die Augen und schlug die Hände vors Gesicht. »Ich - ich habe ihn nur ganz flüchtig gesehen, aber...«

Gillian sank wie ein Häufchen Unglück in einen der riesigen Sessel. Ihre Zähne schlugen aufeinander, sie bebte. Panik beherrschte sie. Mr. Melrose sah auf sie hinunter. Er war fassungslos und im Augenblick außerstande, etwas zu unternehmen. Hilflos wandte er sich nach seiner Frau um und nickte ihr zu.

»Kümmere du dich um sie«, bat er leise, als Mrs. Melrose herangekommen war. »Das Ganze muss ein Irrtum sein. Ich gehe mal hin und sehe nach.«

Er eilte hinaus. Johnny Lister stieß Bill Cromwell an. 

»Hast du das gehört?«, murmelte er. »Ein Toter! Was machen wir?«

Cromwell hielt sich nicht mit langen Vorreden auf. Er handelte. Er setzte sich in der gleichen Richtung wie Mr. Melrose in Bewegung, und Johnny schloss sich sofort an. Überall erhoben sich jetzt die Leute, liefen durcheinander und schickten sich teilweise an, hinter den beiden Beamten herzukommen. Draußen, ganz hinten im Garten, entdeckten Cromwell und Johnny den Motel-Besitzer vor dem letzten Bungalow, wie er sich von Roy Campbell über das Vorgefallene aufklären ließ.

»Es ist wahr, Mr. Melrose«, beteuerte Roy gerade in ziemlich erregtem Tonfall. »Es muss für Gillian ein entsetzlicher Schock gewesen sein. Ich war mit ihr nur dorthin gegangen, um einmal in Ruhe mit ihr sprechen zu können...«

»Was soll dieser Unsinn von einem Toten bedeuten?«, fiel ihm Melrose barsch ins Wort. »Und was, zum Teufel, denken Sie sich eigentlich dabei, das junge Mädchen in den Garten zu schleppen und nicht genug damit, auch noch in einen meiner Bungalows zu zerren? Was bilden Sie sich eigentlich ein, Roy?«

Roys Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er hatte keine Lust, auf diese Fragen einzugehen, und sprach ziemlich ungeduldig weiter.

»Verdammt noch mal«, brauste er auf. »Haben Sie denn nicht gehört? Dort drinnen liegt eine Leiche. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, überzeugen Sie sich doch selbst. Gillian muss sie gesehen haben...«

Melrose schob den jungen Mann einfach beiseite und öffnete die Tür von Nummer zwanzig. Cromwell und Johnny folgten ihm auf dem Fuße. Aber der Captain a. D. wandte sich nach ihnen um.

»Sie können nicht mit hineinkommen«, erklärte er knapp. »Es scheint sich ein Unfall ereignet zu haben.«

Der Chefinspektor ignorierte Melrose vollkommen und drängte sich an ihm vorbei. Dann blieb er stehen und starrte auf den Boden hinunter. Der unbekleidete Mann war tot. Daran konnte gar kein Zweifel bestehen. Das bleiche Gesicht und die halb offenstehenden Augen sprachen eine deutliche Sprache. Der Tote hatte nicht das kleinste Kleidungsstück am Leibe. Dafür ragten zwischen seinen Zehen und Fingern winzige Gras- oder Unkrautbüschel hervor. Der Mann war sehr schlank, ja schon mager. Und sein Haar war feuerrot.

»Ich hatte Sie gebeten, draußen zu bleiben, Sir«, monierte Mr. Melrose erbost. »Roy«, fügte er zu Roy Campbell gewandt, der neben der Tür stand, hinzu, »geh ins Haus zurück und rufe die Polizei an!«

»Das wollte ich Ihnen eben auch empfehlen«, äußerte Cromwell. »Informieren Sie die Polizei. Und eilen Sie sich, junger Mann! Bis zum Eintreffen der hiesigen Beamten werde ich mich der Sache annehmen.« Er sah Melrose an. »Mein Name ist Cromwell... Chefinspektor Cromwell von Scotland Yard.«

Der Captain a. D. war derart überrascht, dass er seinen entsetzten Blick für einen Augenblick von der Leiche zu lösen vermochte und Cromwell zuwandte. Sein Gesicht drückte tiefe Ungläubigkeit aus, als er Cromwells glänzenden, alten und obendrein anscheinend seit Wochen nicht mehr gebügelten Anzug und im Gegensatz dazu Johnny Listers tadellose Eleganz, die aus einem Modejournal hätte stammen können, musterte.

»Falls das ein Scherz sein soll, Sir, so muss ich Ihnen sagen, dass ich das im Augenblick für höchst geschmacklos...«

»Ich pflege nicht zu scherzen«, unterbrach ihn Cromwell schroff. »Wenn Sie meinen Dienstausweis sehen möchten, bitte sehr.«

Melroses Züge entspannten sich und zeigten jetzt einen geradezu erleichterten Ausdruck. Er beachtete die Dienstmarke kaum.

»Dann bitte ich um Entschuldigung, Mr. Cromwell«, sagte er.

»Das konnte ich ja nicht ahnen. Ich hatte Sie so verstanden, dass Sie sich mein Motel im Hinblick auf Ihren vierzehntägigen Urlaub etwas näher ansehen wollten...«

»Das wollte ich auch«, fiel ihm der Chefinspektor ungeduldig ins Wort. »Polizeibeamte pflegen nämlich genauso einen Anspruch auf Urlaub zu haben wie jeder andere auch. Übrigens, das ist mein Assistent, Sergeant Lister«, stellte er Johnny mit einer Handbewegung vor. »Er war so freundlich, mich an unserem dienstfreien Nachmittag hier herauszufahren.« Der Chefinspektor runzelte düster die Stirn. »Aber der Tod scheint mich überall hin zu verfolgen. Selbst wenn ich einmal wirklich zu meinem reinen Vergnügen unterwegs bin.«

Melrose starrte wieder auf die Leiche hinunter.

»Wie, um Himmels willen, konnte dieser Mann splitterfasernackt in einen meiner Bungalows gelangen?«, fragte er in ziemlich verwirrtem Ton. »Kein Wunder, dass die arme Kleine vollkommen die Nerven verloren hat.«

»Kennen Sie diesen Mann, Sir?«

»Nein. Er ist kein Gast von mir, wenn Sie das meinen«, gab der Besitzer zurück. »Rotes Haar wie dieses würde einem auffallen. Aber weshalb ist er denn bloß gänzlich unbekleidet?«

»Das liegt auf der Hand, würde ich sagen«, gab Johnny Lister seine Meinung zum Besten. »Der arme Kerl nahm ein nächtliches Bad im Fluss, dabei wurde ihm plötzlich übel, er kroch an Land und wollte zu Ihnen, um Hilfe zu holen. Das hat er aber scheinbar nicht mehr ganz geschafft. Sterbend flüchtete er sich mit letzter Kraft in diesen Bungalow.«

»Ja, so muss es sich abgespielt haben«, stimmte ihm Melrose zu. »Eine andere Erklärung gibt es ja gar nicht. Armer Teufel. Wenn ich nur wüsste, wer er sein kann?«

Cromwell beachtete die Diskussion der beiden überhaupt nicht. Er war neben der Leiche in die Knie gegangen und unterzog diese einer eingehenden Untersuchung. Melrose wurde ziemlich grün im Gesicht, als er beobachtete, wie der Chefinspektor sich tief über den Toten beugte und an seinem halb offenstehenden Mund roch. Dann schien seine Neugierde befriedigt zu sein, Cromwell stand auf und machte ein noch grimmigeres Gesicht als zuvor.

»Deine Deutung ist zwar ungeheuer bequem, lieber Johnny, aber sie ist wieder einmal falsch«, verkündete er missgelaunt. »Dieser Mann ist seit mindestens vierundzwanzig Stunden tot, wenn nicht noch länger. Sollte er tatsächlich noch aus eigener Kraft hier hereingekrochen sein, so müsste das schon letzte Nacht gewesen sein.

Weshalb hat man ihn dann aber heute, den Tag über, nicht gefunden?«

»Großer Gott! Sind Sie Ihrer Sache ganz sicher, Sir?«, stammelte Melrose.

»Ich habe in meinem Leben zu viele Tote gesehen, um mich in solch einer Angelegenheit zu irren, Sir«, schnaubte der Chefinspektor.

»Nun, für einen Punkt jedenfalls gibt es eine ganz einfache Erklärung«, bemerkte Melrose. »Nämlich, weshalb die Leiche nicht früher entdeckt worden ist. Die Saison hat noch nicht richtig begonnen. Bisher wohnen nur vereinzelte Gäste hier, und so vergeben wir zunächst die näher zum Haus gelegenen Bungalows. Diese hier, am äußersten Ende, belegen wir erst, wenn die Saison im vollen Gange ist und wir bis zum letzten Bett ausgebucht sind. So besteht für keinen meiner Angestellten ein Anlass, hier hereinzuschauen.«

»Hm. Ich verstehe. Das erklärt allerdings...« Cromwell unterbrach sich. »Und nun, Johnny?«, fragte er.

»Wenn er an den Fluss hinunterging, um zu baden, so muss er sich doch am Ufer ausgezogen haben. Und da er splitternackend ist, liegt der Schluss nahe, dass er sein Bad erst nach Eintritt der Dunkelheit genommen hat. Bist du soweit einverstanden?«

»Und weiter?«

»Verdammt noch mal! Dann ist es doch mehr als eigenartig, dass niemand heute am Ufer die Kleidung gefunden hat, das meinst du doch, nicht wahr?« mutmaßte Johnny weiter. »Er muss sie doch dort zurückgelassen haben. Und das wiederum bedeutet, dass sie seit gestern Abend sozusagen offen auf dem Präsentierteller gelegen hat - den ganzen Tag über. Es war heute heiß, und die Sonne hat geschienen. Eine Menge Leute müssen am Fluss gewesen sein.«

»Das ist nicht das einzige, was mir auffällt, mein Sohn.«

»Nein? Was denn noch?«

Cromwell fand keine Zeit mehr zu einer Antwort. Sie hörten Schritte den Weg herunterkommen. Und gleich darauf betrat Peter Melrose in Begleitung eines hochgewachsenen, breitschultrigen Polizeiinspektors den kleinen Raum.

Der uniformierte Beamte blickte auf die Leiche hinunter. Sein frisches Gesicht verzog sich. Dann warf er Cromwell und Johnny einen missbilligenden Blick zu.

»Sie hätten diese Leute nicht hier herein lassen dürfen, Mr. Melrose«, tadelte er. »Ich muss Sie und den jungen Herrn leider bitten, sofort den Bungalow zu verlassen, Sir«, fügte er hinzu und musterte Cromwell stirnrunzelnd. »Dies ist eine Sache der...«

»Philipott, nicht«, fiel ihm Melrose hastig ins Wort. »Der Herr dort ist Chefinspektor Cromwell von Scotland Yard. Und dies hier ist Sergeant Lister. Sie befanden sich zufällig in meinem Motel. Und ich war sehr erleichtert, als die Herren mich über ihre Identität aufklärten.«

Das Gesicht des Inspektors wurde tiefrot, soweit man das bei seiner ohnehin gesunden roten Farbe feststellen konnte. Er öffnete den Mund, um eine Entschuldigung vorzubringen.

Aber Cromwell ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.

»Ist schon gut, Inspektor«, sagte er. »Ich beabsichtige gar nicht, mich in Ihren Fall einzumischen. Wie Mr. Melrose ja eben sagte, sind mein junger Freund und ich heute in rein privater Eigenschaft hier, Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen. Ich habe nicht die geringste Lust, Ihren Fall an mich zu reißen. Ich überlasse ihn mit Freuden Ihnen.«

Er warf Philipott, während er sprach, einen raschen Seitenblick zu und war froh zu sehen, dass der ortsansässige Beamte den Köder so bereitwillig schluckte.

»Nun, Mr. Melrose, ich glaube, dann brauchen wir Sie nicht mehr«, bemerkte Philipott. »Sie dürfen sich darauf verlassen, dass die Angelegenheit bei uns in besten Händen ist.«

Damit öffnete er die Tür zum Garten, und nach kurzem Zögern ging Melrose in Begleitung seines Sohnes hinaus. Hinter ihnen schloss Philipott die Tür mit einem energischen, demonstrativen Ruck. »Das entspricht doch Ihren Wünschen, nicht wahr, Mr. Cromwell?«

»Ja. Genau.« Einen Augenblick lang dachte Cromwell, die buschigen Augenbrauen zusammengezogen, nach. »An dieser Sache ist etwas höchst sonderbar. Aber es dürfte am vernünftigsten sein, wenn Sie zunächst noch nicht darüber sprechen. Ich könnte mir denken, dass ein Riesengerede kaum in Ihrem Interesse liegt.«

»Sonderbar, Sir?«

»Ja. - Melrose erklärt, den Toten nicht zu kennen. Und wie steht es mit Ihnen? Kennen Sie ihn auch nicht? Sehen Sie ihn sich genau an. Könnten Sie mit Sicherheit sagen, dass er nicht hier aus dem Ort stammt?«

»Mit der feuerroten Mähne?«, gab Inspektor Philipott zurück. »Farley ist ein winziges Nest... wir bezeichnen es zwar als Städtchen, aber es ist im Grunde genommen doch nichts als ein großes Dorf... und ein Bursche mit einem derart flammenden Schopf würde auffallen wie das Schlusslicht eines Autos nachts auf einer einsamen Landstraße. Nein, hier im Städtchen habe ich ihn nie gesehen. Die Augen brennen einem ja beim Anblick dieser Farbe.«

»Die allgemeine Ansicht geht dahin, dass er unten im Fluss ein nächtliches Bad nehmen wollte. Dass er sich am Ufer ausgezogen und seine Sachen dort zurückgelassen hat«, stellte Cromwell fest. »Da aber besteht ein logischer Fehler. Der Mann ist bereits seit vergangener Nacht tot... also vierundzwanzig Stunden. Trotzdem scheinen nirgendwo am Flussufer Kleidungsstücke gefunden worden zu sein, obwohl den ganzen Tag dafür Zeit war.«

»Tja, hol’s der Teufel! Das ist allerdings sonderbar... höchst sonderbar«, gab ihm Philipott recht. Dazu machte er ein ziemlich hoffnungsloses Gesicht. »Wissen Sie, Sir, ich bin der Meinung, wenn irgendjemand die Kleider gefunden hätte, würde darüber gesprochen worden sein. Und dann wäre sicher darüber etwas gerüchtweise auch bis zur Polizeistation gedrungen. Handelte es sich bei dem Toten lediglich um einen Fremden, der zufällig hier baden wollte, der im Wasser von Übelkeit überfallen wurde und sich dann mit letzter Kraft an Land rettete, müssten die Kleidungsstücke entdeckt worden sein. Und dann wüssten eine Menge Leute - wie es in einer Kleinstadt ist -, praktisch der ganze Ort davon.«

»Sehen Sie. Und aus eben diesem Grund schlug ich Ihnen vorhin vor, die Sache zunächst mit äußerster Diskretion zu behandeln, Inspektor«, meinte Cromwell befriedigt. »Ich würde es mir natürlich nicht anmaßen, Ihnen einen Rat erteilen zu wollen. Aber sehen Sie sich die Leiche doch einmal etwas näher an.« Beide gingen hinüber und starrten auf den Toten hinunter. »Halten wir einmal fest: in den Vierzigern... braungebrannt und gesund, es hat fast den Anschein, als käme er aus einem südlichen Land. Beachten Sie seine Hände... tadellos gepflegt, was dafür spricht, dass er keine körperliche Arbeit verrichtet hat. Auffallend klein, ich schätze, höchstens ein Meter fünfundsechzig... sehr dünn, sehnig, mit krausem, rotem Haar. Es dürfte nicht allzu schwer sein, den Mann zu identifizieren. Irgendjemandem hier in der näheren Umgebung muss er doch auf gefallen sein. Und«, fügte Cromwell fast beiläufig hinzu, »ehe ich es vergesse, der Mann wurde ermordet.«

Sogar Johnny Lister zuckte zusammen.

»Old Iron, bitte, wiederhole das noch einmal!«

»Gott sei uns gnädig, Sir. Das ist doch nicht Ihr Ernst!«, keuchte der Inspektor. »Ermordet? Kein Unfall also - wollen Sie damit sagen?«

Cromwell deutete auf die Leiche.

»Knien Sie sich doch hin und überzeugen Sie sich selbst«, knurrte er. »Nur nicht so zimperlich! Es passiert Ihnen schon nichts dabei! Riechen Sie mal an seinem Mund. Das ist zwar nicht gerade angenehm, aber dafür höchst aufschlussreich.«

Philipott verspürte nicht die geringste Lust, aber er wagte es nicht, zu widersprechen. Nachdem er Cromwells Vorschlag befolgt hatte, sah er mit verwirrtem Ausdruck zu ihm auf.

»Er riecht ja betäubend nach Alkohol«, meinte er. »Glauben Sie, er könnte betrunken gewesen sein?«

»Und weiter?«

»Tja, ich weiß nicht recht«, sprach der Inspektor vorsichtig weiter. »Aber es kommt mir ganz so vor, als ob er auch noch nach irgendwelchen Chemikalien röche. Nach was - darüber kann ich mir einfach nicht klarwerden.«

»Vielleicht wird der Doktor es uns verraten können«, meinte Ironsides. »Aber - ohne mich festlegen zu wollen -, würde ich sagen, der Mann wurde vergiftet und, während er bewusstlos war, in den Fluss geworfen. Wie er allerdings von dort aus hierher in den Bungalow kam, das, lieber Philipott, ist Ihr Problem. Aber ich wette meine Pension dagegen, dass er es niemals aus eigener Kraft geschafft hat.«

Philipott stand wieder auf und schüttelte den Kopf.

»Ist Ihnen vielleicht sonst noch etwas aufgefallen, Sir?« Philipotts Ton klang beflissen, und er schien durch Cromwells Anwesenheit in keinster Weise verstimmt oder aggressiv gestimmt zu sein - wie es sonst bei ländlichen Polizeibeamten häufig vorkam. »Ein Mord ist hier bei uns noch nie vorgekommen, Mr. Cromwell. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir mit Ihrem Rat zur Seite stehen würden. Es ist - Gott sei mir gnädig! - der erste Mordfall, den ich zu bearbeiten habe. In Farley leben wir ruhig und still dahin. Hier passiert nicht viel. Schon mal ein kleiner Diebstahl oder so. Aber ein Mord!«

»Nun, dann wünsche ich Ihnen viel Glück«, gab Ironsides zurück. »Ich bin als Privatmann nach Farley gekommen, und der junge Lister und ich werden uns bald auf den Heimweg machen. Wir müssen immerhin noch bis London zurück. Und, ja übrigens noch etwas, in den Lungen des Toten befindet sich nicht die Spur von Wasser. Ertrunken ist er also nicht...«

Philipott hob abwehrend die Hand.

»Ich hoffe, Sie sind nicht in zu großer Eile, Mr. Cromwell«, äußerte er unglücklich. »Sie werden doch wenigstens noch bleiben, bis der Doktor den armen Kerl untersucht hat, nicht wahr? Ich bin Ihnen für jeden Rat, der Ihrer großen Erfahrung entspringt, außerordentlich dankbar, Sir. Jetzt bin ich nur gespannt, was der Polizeidirektor sagen wird. Wenn es sich hier tatsächlich um Mord handelt - und ich bezweifle Ihr Urteil keine Sekunde -, dann wird es eine harte Nuss.«

»Nun, ich weiß nicht...«