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»Blitzschnell schoss der Hals des Drachen auf Gwalchmai zu - über und über mit einer grünlichen Kruste aus Blutegeln bedeckt. Paddelartige Flossen peitschten donnernd die See, und eine Woge kochender Gischt umspülte den schuppenartigen Körper. Da wusste er: Dies war der Tod!
Er richtete sich im schwankenden Kahn auf und zückte sein Schwert. Ein Schwall stinkenden Brodems quoll aus dem Maul des Monsters und raubte ihm schier die Besinnung. Doch dann stieß er mit aller Kraft zu und fühlte, wie der scharfe Stahl durch knorpelartige Massen drang.
Schon krachte der Kopf des Untiers aufs Heck des Bootes. Wie von einem Katapult emporgeschleudert schoss Gwalchmai in die Luft und tauchte ohnmächtig ins Meer...«
Mehr als nur eine tödliche Gefahr muss Gwalchmai auf seiner Reise über den Atlantik überwinden, um in Rom die Botschaft seines Vaters Ventidius Varro zu überbringen: dass nämlich römische Legionäre Amerika entdeckten! Und der Patensohn des großen Magiers Merlin findet auch die Reste des versunkenen Atlantis – und er findet Corenice, das wunderschöne Mädchen mit dem Körper aus lebendigem Metall...
Das Schiff von Atlantis, erstmals 1967 erschienen, ist der zweite Band der Trilogie um Merlins Sohn und setzt die in Ein König am Rande der Welt geschilderten Ereignisse fort. Der Apex-Verlag veröffentlicht die Trilogie in der Reihe APEX FANTASY-KLASSIKER als durchgesehene Neuausgabe; der dritte Band, Merlins Ring, befindet sich derzeit in Vorbereitung.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
H. Warner Munn
Das Schiff
von Atlantis
Merlins Sohn, Band 2
Roman
Apex Fantasy-Klassiker, Band 5
Apex-Verlag
Inhaltsverzeichnis
Das Buch
DAS SCHIFF VON ATLANTIS
1. Merlins Patensohn
2. Der goldene Vogel
3. Das Standbild in der Nische
4. Das Schiff von Atlantis
5. Das Volk der Morgendämmerung
6. Die Insel unter dem Meer
7. Das Loch
8. Der Kampf um den Turm
9. Vale! Sei gegrüßt, Donnervogel!
Nachwort
»Blitzschnell schoss der Hals des Drachen auf Gwalchmai zu - über und über mit einer grünlichen Kruste aus Blutegeln bedeckt. Paddelartige Flossen peitschten donnernd die See, und eine Woge kochender Gischt umspülte den schuppenartigen Körper. Da wußte er: Dies war der Tod!
Er richtete sich im schwankenden Kahn auf und zückte sein Schwert. Ein Schwall stinkenden Brodems quoll aus dem Maul des Monsters und raubte ihm schier die Besinnung. Doch dann stieß er mit aller Kraft zu und fühlte, wie der scharfe Stahl durch knorpelartige Massen drang.
Schon krachte der Kopf des Untiers aufs Heck des Bootes. Wie von einem Katapult emporgeschleudert schoss Gwalchmai in die Luft und tauchte ohnmächtig ins Meer...«
Mehr als nur eine tödliche Gefahr muss Gwalchmai auf seiner Reise über den Atlantik überwinden, um in Rom die Botschaft seines Vaters Ventidius Varro zu überbringen: dass nämlich römische Legionäre Amerika entdeckten! Und der Patensohn des großen Magiers Merlin findet auch die Reste des versunkenen Atlantis – und er findet Corenice, das wunderschöne Mädchen mit dem Körper aus lebendigem Metall...
Das Schiff von Atlantis, erstmals 1967 erschienen, ist der zweite Band der Trilogie um Merlins Sohn und setzt die in Ein König am Rande der Welt geschilderten Ereignisse fort. Der Apex-Verlag veröffentlicht die Trilogie in der Reihe APEX FANTASY-KLASSIKER als durchgesehene Neuausgabe; der dritte Band, Merlins Ring, befindet sich derzeit in Vorbereitung.
Es war nach der Zeitrechnung von Aztlan im Jahr des Eichhörnchens. Und da die Sterne günstig standen, fand einige Meilen flussaufwärts der Stelle, wo sich der Misconzebe (der Urvater der Flüsse) mit den salzigen Fluten des Golfs vermischt, ein großes Fest statt.
Schon seit einem Monat trafen Gäste ein auf der Festung Tollan, welche den Zugang zu diesem wichtigen Fluss schützte, der dann weiter nach Norden zu den reichen Ländereien Tlapallans führte. Das Schilf, das der Gegend ihren Namen gab, war verschwunden; plattgetrampelt durch Tausende von Füßen oder von den Gästen zum Bau provisorischer Hütten verwendet. Das Ufer säumten lange Reihen mit Booten und Schiffen.
Büffelhautboote, Kanus aus Birken- oder Ulmenborke sowie Kanus, aus einem einzigen Baumstamm geschnitzt, schaukelten - von Ankern gehalten - auf den Wellen oder lagen kieloben am Strand. Verziert mit phantasievollen Mustern, bildeten sie eine lange, farbenprächtige Reihe dicht bei der menschenwimmelnden Stadt aus Weik-Waums und Tapis, die rings um die palisadengekrönten Erdwälle der Festung entstanden war. Doch kaum einer der zahlreichen Gäste, welche zu dem gewaltigen Friedensrat eintrafen, verschwendete auf diese farbenprächtige Flotte mehr als einen flüchtigen Blick im Vorübergehen. Ein Stück flussaufwärts gab es nämlich etwas viel Eindrucksvolleres zu sehen.
Im flachen Uferwasser, durch starke Taue gegen die reißende Strömung gesichert, lag etwas, das jeder Brite sofort als ein sächsisches Piratenschiff erkannt hätte. Man schrieb das Jahr des Herrn 616, und derlei Schiffe waren in Britannien längst keine Besonderheit mehr, befuhren sie doch dessen Flüsse und Küstengewässer zu Hunderten. In Alata jedoch (so nannte man damals Nordamerika) gab es nur eines davon. Schon zwanzig Jahre vor dem jetzigen Ereignis aus kräftigen Eichenholzplanken gebaut, mit Pech und Bisonhaaren abgedichtet, wartete es nun auf den wichtigsten Augenblick seines Bestehens.
Das Schiff war siebenundsiebzig Fuß lang und klinkerweise gebaut. Vorder- und Achterdeck hatte man in die Höhe gebaut. Dazwischen, beträchtlich tiefer, lag ein Halbdeck beziehungsweise eine Plattform zum Kämpfen. Die Ruderbänke waren unüberdacht. Es gab fünfzehn auf jeder Seite; dazwischen verlief eine Laufplanke. An den Seiten des Schiffs waren in langer Reihe hölzerne Schilde befestigt, mit den Totems jener jungen Azteken verziert, die man ausersehen hatte, die Riemen zu führen. Diese Schilde besaßen die Aufgabe, die Männer vor Wellen oder auch Pfeilen zu schützen.
Das Schiff war hervorragend ausgestattet - und dies musste es auch sein, war es doch dazu ausersehen, den Sohn des Königs, des Herrschers am Ende der Welt, nach Osten zu tragen, auf dass er die Welt entdecke. Vom Drachenkopf mit goldener Mähne, welcher am Bug prangte, bis zum Schwanz am Heck, der mit glänzenden Platten aus Glimmer verziert war, erstrahlte das stolze Gefährt in leuchtenden Farben. Der Rumpf war rot und weiß gestreift, leuchtendrote Fuchsschwänze dienten als Standarten und Windfahnen, und ein poliertes Kupferband wand sich um den einzigen Mast des Schiffs.
Die Löcher, aus denen die Ruder hervorkamen, waren mit Schließklappen versehen, die den Zweck hatten, Wasser abzuhalten, wenn das Schiff mit Segeln lief. Die winzigen Fenster in der Kabine des Kommandanten auf dem Achterdeck sowie das Zeughaus und die Vorratskammern besaßen ähnliche Schutzvorrichtungen. In den Augen der Menge, die sich neugierig am Ufer drängte, war die Gefiederte Schlange ein großes Wunder.
Die Menschen, die sich dort versammelt hatten, waren in ihrer äußeren Erscheinung genauso buntscheckig wie ihre Zelte, ihre Hütten und ihre Kanus. Viele Stämme und Nationen waren an diesem Festtag vertreten. Da sah man aztekische Kaziken, die stolz ihre mit Sägezähnen aus Feuerkiesel besetzten Schwerter zur Schau trugen. Mit Federn besetzte Schilde vervollkommneten die Bewaffnung, und Helme mit Federbäuschen zierten ihre Häupter und verliehen ihnen ein farbenprächtiges, eindrucksvolles Aussehen. Dazwischen waren narbige Krieger aus dem Heideland im Westen zu entdecken, mit Steinmessern und Tomahawks, kurze Hornbögen über den Rücken geschnallt. Einige trugen Kopfschmuck aus Bisonfell, andere Kriegshauben, die von manch heftiger Schlacht zeugten.
Diejenigen, die aus den großen Sumpfgebieten nach Norden gereist waren, trugen aus Schilfrohr gefertigte Blasrohre, kleine Schleudern und Beutel mit Steinen als Munition, während die
Abgeordneten des Großen Hauses der Fünf Völker mit Hochmut auf ihre geringeren Waffenbrüder hinabschauten. Sie selbst wirkten hochgewachsen und unterschieden sich von den anderen durch Adlerfedern, die in einem dicken Haarknoten auf ihrem Kopf steckten. Sie waren aus ihrer Heimat hoch oben im Norden herangereist, um an der Versammlung teilzunehmen. Sie stellten in der Tat ein stolzes, wildes Volk dar, diese Hodenosaunee, doch trug keiner von ihnen Kriegsbemalung - mit Friedensgürteln kamen sie ins rote Land Tlapallan, wohin sie einst unter dem Banner von Merlin, dem Zauberer, marschiert waren, um bei der Vernichtung der verhassten mianischen Sklavenhalter und ihres grausamen Reiches mitzuhelfen.
Über all diese wachten mit Argusaugen die Hund-Soldaten, die im Lager für Ordnung sorgten; doch gab es nicht viel zu tun für sie. Es war eine friedliche, eine fröhliche und ausgelassene Menge, die sich da am Misconzebe versammelte. Alle lachten und feierten fröhlich miteinander. Da machten Friedenspfeifen die Runde, da gab es für die Alten alte Erinnerungen auszutauschen und aufzufrischen. Zur gegenseitigen Verständigung diente die uralte Zeichensprache, die den versammelten Völkern seit Menschengedenken geläufig war. Die jungen Männer übten sich indessen im friedlichen Wettstreit. Sie rangen miteinander, sprangen über Hindernisse und warfen Tomahawk, Lanze oder Atlatl-Wurfpfeil. Sie erprobten ihre Fähigkeit im Bogenschießen, schossen pfeilschnell wie Fische durch die Fluten des Flusses oder jagten mit ihren Rennkanus an seiner Oberfläche dahin.
Die dunklen Augen holder Maiden glänzten vor Freude und Stolz über den Sieg des Geliebten, und so mancher mokassinbeschuhte Fuß würde über neue Pfade zu einem neuen Heim schreiten, sobald die Feierlichkeiten vorüber waren. Doch wie überall im Leben, so waren auch hier die fröhliche Stimmung und das Glück von vielfältigen kleinen Kümmernissen getrübt. Manch schlanke Jungfer blickte mit sehnsuchtsvollen Augen hinüber zu dem hohen Erdwall nahe beim Fluss, einen Blick vom Angebeteten zu erhaschen, und nichts und niemand auf der Welt vermochte sie zu trösten.
Der dort so unerreichbar stand, war ein kräftiger junger Mann, dessen braunes Haar und helle Haut ihn von seinen Altersgenossen abhoben. Wie diese trug auch er einen Lendenschurz aus Rehleder, ein mit Perlen besetztes Stirnband, Beinkleider und Mokassins, denn das Wetter war warm, und er hatte gerade erst an den sportlichen Wettkämpfen teilgenommen. Er machte ein ernstes Gesicht, denn dies war der letzte Tag der Festlichkeiten, und der eigentlich wichtige Anlass des Treffens rückte näher.
Jetzt trat der Hauptpriester des Kriegsgotts nach vorn und stimmte folgenden Gesang an:
»Oh, Tlaloc, Du, der Du Pflanzen und Bäume sprießen lässt; und Du, sein Weib, Gischt auf dem Wasser, ich flehe Euch an: Seid günstig und gewogen der Mission dieses jungen Mannes, Sohn Eures Bruders Huitzilopochtli, des Wütenden und Schrecklichen!
Huitzilopochtli kam zu uns, als wir schwach waren. Wir lebten verborgen im Schutze der Felsen wie Kaninchen. Er gab uns Waffen, lehrte uns, stolz und aufrecht einherzuschreiten, und machte unserer Furcht ein Ende. Er schuf die Nation von Aztlan. Unter seiner Führung zogen wir gegen unsere mianischen Unterdrücker zu Felde. Mit der Hilfe seines Bruders, des Gottes Quetzalcoatl, des Herrn der Winde, und unserer Verbündeten aus dem Norden, der Hodenosaunee, töteten wir den mianischen Kukulcan und trieben sein Volk zurück.
Nun ist Tlapallan ein Land des Friedens, wie Quetzalcoatl es immer ersehnte, denn er liebte den Frieden, so wie wir ihn liebten, obwohl wir Männer des Krieges und des Kampfes sind. Heute jedoch kommen wir in Frieden hier zusammen, und nirgends in Alata gibt es noch Krieg. Unser Gott und Führer, Huitzilopochtli, rief uns herbei, auf dass wir seinem Sohn Gwalchmai, dem Adler, der nun in jenem Schlangenschiff dort aufs Große Wasser hinausfahren wird, einen ehrenvollen Abschied erweisen. Er wird die Kunde unserer Schlachten und unseres Ruhms dem Volke seines Vaters überbringen.
Und so bitten wir Dich, oh, Tlaloc, sei ihm gewogen und schenke ihm günstige Winde, damit er schnell übers Meer eile und rasch zurückkomme zu uns, die wir wünschten, er müsste uns niemals fern sein!«
Der Hauptpriester hob beschwörend die Hände, verbeugte sich tief und trat zur Seite. Ein anderer Mann trat vor. Sein blanker Brustpanzer aus Stahl glänzte in der Sonne. Er erhob seinen mit kupfernen Armbändern verzierten rechten Arm empor zum römischen Salut. Obwohl sein Haar unter dem mit einem Kamm verzierten Helm an den Schläfen bereits ergraute, gab er mit seinen eisernen Muskeln unter bronzener Haut noch immer ein Bild bester Manneskraft ab. Die Menge stimmte einen lauten Ruf der Begeisterung an. Er bat mit knapper Geste um Ruhe. Augenblicklich verstummte der Jubel.
»Dies ist mein Sohn und Botschafter. Sein Pate war Quetzalcoatl, der von uns schied ins Reich der Toten und der eines Tages zu uns zurückkehren wird. Heute gedenken wir des Herrn des Windes und erinnern uns daran, wie er uns allen mit seiner magischen Kraft half - euch, den Söhnen Alatas, und uns Römern, die wir als Schiffbrüchige an eure Gestade gespült wurden. Wir kannten und verehrten ihn als einen Mann von ungeheurem Wissen. Er fürchtete sich nicht, mit dem Schwert in der Hand zu kämpfen, wenn die Stunde der Schlacht gekommen war, aber er scheute sich auch nicht, Milde und Gnade walten zu lassen, wenn die Schlacht geschlagen und der Sieg errungen war. Und damit auch andere von seinem Ruhm und seiner Größe erfahren, senden mein Weib und ich unseren einzigen Sohn zurück nach Rom, auf dass er unserem Volke Kunde gebe von der Weisheit seines Paten und Neuigkeiten von dorther zurückbringe. Goldene Blume des Lichts...«
Eine zierliche Frau trat vor; freundlich lächelnd schaute sie ihren Gatten und ihren Sohn an. Sie trug einen wunderschönen Umhang aus Kolibrifedern über ihrem Hualpilli (Frauenhemd) aus florartigem weißem Baumwollstoff. Ihr langes, schwarzglänzendes Haar hatte sie zu einem blumenartigen Muster gewunden; dunkle Locken kringelten sich wie Efeu um ihre zierlichen Ohren. Um die Handgelenke trug sie Armreife aus Kaurie-Muscheln, und um ihren Hals schmiegte sich eine Kette aus kostbaren, sorgfältig aufeinander abgestimmten Perlen. Um ihre schlanke Taille trug sie einen Gürtel aus Münzen, die in ihrer Art einzigartig waren in Alata. Es handelte sich um römische Denarii aus Silber und Kupfersesterzen, alle mit Goldstegen untereinander verbunden. Taucher hatten sie vom Wrack der Prydwen heraufgebracht, jenem berühmten Kriegsschiff König Arthurs von Britannien, mit dem Merlin Ambrosius über den Atlantik gesegelt war, um ein neues Land zu entdecken. Zusammen mit ihm und seinen neun Barden war auch Ventidius Varro, Zenturio der Sechsten Legion, in die Neue Welt gekommen, wo er sich zum König machte und als Gott verehrt wurde.
Goldene Blume des Lichts küsste ihren Sohn und nahm das Schwert in Empfang, das Ventidius von seinem Gürtel löste. Tränen traten ihr in die Augen, als sie ihrem Sohn den Gürtel umlegte - doch es waren Tränen des Stolzes. Sie schloss ihn in die Arme, drückte ihn kurz und heftig, dann ließ sie ihn wieder los. Die Menge brach in donnernden Jubel aus, und der ohrenbetäubende Lärm Tausender von Knochenpfeifen und begeistert geschwenkter, wild rasselnder Kürbisflaschen hallte über den Fluss.
Ventidius hob erneut die Hand. Seine Frau trat zurück, und der Tumult legte sich augenblicklich. Ventidius hielt einen bronzenen Zylinder hoch in die Luft, so dass alle ihn sehen konnten.
»In diesem bronzenen Gefäß befindet sich eine Schriftrolle, die alles enthält, was seit unserer Ankunft hier geschah. Unsere Schlachten in Aztlan, unser Kampf für die Vereinigung aller Onguy-Völker zur Nation des Großen Hauses, unser Marsch auf Miapan, unser Triumph über die tlapallanischen Heere und die Zerstörung des Reiches der Mias.
Diesen Behälter nun sende ich an meinen Tecutli, meinen Herrn jenseits des Großen Wassers. Er wird mit Freude vernehmen, dass auch hier tapfere Menschen leben. Und damit die Nachricht auch sicher an ihren Bestimmungsort gelangt, übergebe ich sie der Obhut meines Sohns, der sie zusammen mit seinen Gefährten, mit Kraft, Geschick und mit Hilfe der Weisheit seines Paten wohlbehalten dorthin bringt. Mögen günstige Winde sowie ruhige Wasser ihn auf seiner Reise begleiten und ihn sicher und wohlbehalten zu uns zurückkehren lassen.«
Ventidius legte den Bronzezylinder in die Hand seines Sohns. Gwalchmai schob ihn unter seinen Gürtel; dann fassten die beiden Männer sich bei den Armen und blickten sich lange tief in die Augen. Sie sprachen nicht miteinander, sondern schauten sich nur an.
Dann stiegen beide langsam die Stufen des Teocalli hinab und schritten, gefolgt von den Priestern, durch die schweigende, am Boden kniende Menge. Dreißig aztekische Jünglinge, als Ruderer ausersehen, hatten das Drachenschiff inzwischen von seiner Vertäuung gelöst und sich mit ihren Riemen ein Stück vom Ufer abgestoßen. Gwalchmai musste, um an Bord des Schiffes zu gehen, daher erst ein paar Schritte durch kniehohes Wasser waten.
Er stand auf der Steuermannsplattform - seine Hand ruhte fest auf der Ruderpinne -, als das Schiff sich mit dem Bug in die Strömung legte. Er warf einen letzten Blick zurück auf seine Eltern, die am Ufer zurückblieben. Sie standen genauso unbeweglich und ruhig da wie er - römischer Stolz, gepaart mit aztekischer Würde. Doch wenn Herzen weinen könnten, es wären Tränen in Strömen geflossen.
Dreißig Ruder tauchten zum Salut ein. Das schwere Baumwollsegel, Mantel des Windes geheißen, stieg mit seiner geflügelten Schlange am Mast empor und flatterte wild im Wind. Als es sich aufblähte, peitschten die Riemen das Wasser, und das Schiff flog pfeilschnell auf die Mitte des Stroms zu und glitt, von der Strömung getragen, den Wogen des Golfs entgegen.
Ventidius und sein Weib verharrten am Ufer und blickten dem Schiff nach, das rasch kleiner wurde. Die Menge erstarrte in atemloser Stille. Selbst die Kinder schienen die Bedeutung des Augenblicks zu spüren und blieben ruhig. Weit in der Ferne leuchtete ein winziger Farbtupfer auf. War es ein Ruderblatt, auf dem sich für Sekunden das Licht der Sonne brach? War es eine Welle, in der sich ein Sonnenstrahl spiegelte? War es der Flügel einer Möwe, die vom Wasser aufflog, oder ein kurzes Zucken der beweglichen Drachenzunge am Vordersteven des Schiffs? Niemand vermochte es genau zu erkennen, und im selben Moment war es auch schon wieder verschwunden.
Alle wandten sich vom Ufer ab und gingen zurück durch die wartende Menge; Ventidius hatte seinen Arm um die Schultern seiner Frau gelegt. Während sie langsam die Stufen hinaufstiegen, legte sie ihren Kopf an seine Schulter. Ihre Augen waren halbgeschlossen, aber tränenleer.
Zwei Männer traten aus der Menge heraus und gingen schweigend neben den beiden her: Der eine war Ga-no-go-a-da-we, der Mann, der Haar verbrennt, mächtiger Gesandter vom Volk des Feuersteins, der andere Hayonwatha, Royaneh der Onondaga.
Ventidius löste seinen Blick vom Boden, richtete ihn auf die zwei Männer, und ein leises Zucken lief über sein Gesicht. Goldene Blume des Lichts lächelte, streckte die Arme aus und begrüßte die beiden herzlich. »Gute, treue Freunde!«, rief sie bewegt aus. »Immer wart ihr zur Stelle, wenn wir euch brauchten. Und nun, da wir wieder zu zweit sind, benötigen wir euren Beistand mehr denn je.«
Ventidius beugte sich zu seiner Frau herab und küsste sie. »Oh, nein, meine Geliebte, wir werden immer zu dritt sein. Amavimus. Amamus. Amabimus: Wir haben geliebt. Wir lieben. Wir werden lieben. Wir wissen nicht, was unser Sohn am Ende seiner Reise finden wird. Am Ende meiner Reise fand ich dich.«
Die kleine Gruppe schritt weiter durch die Menge und begab sich zu ihren Quartieren; das Fest nahm seinen Verlauf.
Nachdem das Drachenschiff die trüben Wasser des Misconzebe-Deltas hinter sich gebracht hatte, wandte es sich nach Osten. Eine frische Brise wehte von achtern, und das Segel blähte sich. Hier und da gab es Inselchen und Sandbänke zu umschiffen, und gelegentlich musste man einen Bogen um die Mündungen kleiner Flüsse machen, die Bäume und abgerissenes Buschwerk ins Meer schwemmten. Da seine Route zunächst einmal eine ganze Weile an der Küste entlangführte, überließ Gwalchmai das Ruder dem Steuermann und gab ihm Anweisung, einen ausreichend großen Abstand vom Ufer einzuhalten. Einen ganzen Tag lang segelten sie so dahin, den grünen Küstenstreifen zu ihrer Linken immer im Auge behaltend.
Als der Abend nahte, holten sie das Segel ein und ruderten in eine kleine Bucht, wo sie an einem Korallenstrand für die Nacht festmachten. Eine schmale Süßwasserrinne mündete an dieser Stelle ins Meer, und zahlreiche Spuren im weichen Lehmboden deuteten darauf hin, dass sie eine häufig aufgesuchte Wildtränke war. Während ein paar Männer der Schiffsbesatzung sich aufmachten, Austern, Muscheln und Krebse zu suchen, holten andere ihre Jagdwaffen aus den Kisten unter den Ruderbänken hervor und gingen auf Jagd in den Wald. Es dauerte nicht lange, und köstlich duftendes Wildbret brutzelte über einem Feuer aus rot glühender Treibholzkohle.
Nach einem ausgedehnten Mahl (für das die Vorräte auf dem Schiff nicht angetastet zu werden brauchten) legten sich die meisten Männer neben dem Feuer nieder, um zu schlafen. Die Nacht war warm, und da es keine Anzeichen für Regen gab, benötigten sie kein Dach über dem Kopf, obwohl die Möglichkeit dazu - wie bei den meisten sächsischen Kriegsschiffen - bestand, und zwar dergestalt, dass man den leichten Mast heraushob und ihn mit der Spitze in den gegabelten Göschstock am Schiffsschnabel legte. Wenn man über diese schräge Zeltstange dann das Segel zog und es ordentlich festzurrte, entstand ein abgedeckter Raum über den Ruderbänken, wo die Seeleute recht bequem und vor den Unbilden des Wetters geschützt schlafen konnten.
Für die Nacht stellte man Posten auf, die regelmäßig abgelöst wurden. Es ereignete sich jedoch nichts Bemerkenswertes. Am nächsten Morgen lenkte Gwalchmai das Schiff gemäß der Instruktionen, die sein Vater ihm gegeben hatte, auf Südkurs, und zwar parallel zur Küste Floridas (die natürlich damals noch nicht diesen Namen trug).
Einst war dies ein Land des Schreckens gewesen. Und selbst jetzt noch lebten trotz der Schönheit der Landschaft und des großen Wildreichtums nur sehr wenige Menschen hier. Tagsüber hallten die Wälder vom Gezwitscher unzähliger Vogelarten wider, und aus den Sümpfen erscholl das mächtige dröhnende Gebrüll der Alligatoren. Hin und wieder ertönte der schrille Schrei eines Panthers, der auf der Jagd war. Aber es ereignete sich nichts, was der Mannschaft der Gefiederten Schlange Angst einzujagen vermochte.
Das Wetter blieb weiterhin gut. Der Gott Hurakan hatte sich allem Anschein nach schlafen gelegt. Sie gerieten in ein Gewirr von Inseln und Korallenriffen; Land betrafen sie nur zum Schlafen, Jagen und zur Auffrischung ihrer Wasservorräte, welche sie in großen irdenen Krügen mit sich führten. Als sie Cape Sable umschiffen wollten, trieben widrige Winde sie in südwestlicher Richtung aus der Sichtweite der Küste.
Hätten sie nicht Merlins kleinen Eisenfisch besessen, der - in einer Schale Wasser schwimmend - Prydwen einst den Weg westwärts übers Große Wasser bis nach Alata gewiesen hatte, sie wären unrettbar verloren gewesen. So aber war, nachdem die See sich beruhigt hatte, bald wieder festes Land in Sicht, wo sie vor Anker gehen konnten. Das Gelände war von üppiger Vegetation überzogen und äußerst fruchtbar. Sie fingen am Strand eine riesige Schildkröte und verzehrten sie.
Als die Kameraden eingeschlafen waren, setzte sich Gwalchmai in seine kleine Kabine und studierte die Landkarten. Die Insel, auf der sie gelandet waren, fand er nicht darauf, doch hatte dies nicht allzu viel zu bedeuten. Zahlreiche andere Inseln, an denen sie vorbeigekommen waren, blieben ebenfalls unerwähnt. Und auch der Verlauf der Küste stimmte nicht mit der Karte überein. Somit sah er sich zu dem Schluß gezwungen, sich auf die Karten nur sehr grob verlassen zu können. Schließlich rollte er die bemalten Baumwollstreifen wieder zusammen und legte sie in Merlins große Kiste zurück.
In dieser Kiste befand sich noch anderes magisches Gerät, das, wie er wusste, weit wirksamer war als die Karten. Merlin hatte diese Utensilien seine Werkzeuge genannt, und Gwalchmai war so vertraut mit ihnen wie mit den Fingern seiner eigenen rechten Hand. Da gab es zum Beispiel magische Kräuter, Fläschchen mit Zaubertränken und Amulette. In einem Kästchen (sein Deckel war mit Schnitzereien verziert, deren Muster sich auf geheimnisvolle Weise ständig änderte) befanden sich zahlreiche Pülverchen und Pillen, welche nur im Verein mit Gebeten und Zaubersprüchen angewendet werden durften. Und hier, in einem kleinen Seitenfach, lagen sein Zauberstab und der magische Ring, welchen der alte Zauberer zu Lebzeiten stets trug. Gwalchmai wog ihn gedankenvoll auf der Handfläche und streifte ihn, einer plötzlichen Eingebung folgend, über den Ringfinger seiner rechten Hand.
Er erinnerte sich dunkel daran, wie er auf dem Schloss des alten Mannes gesessen und ihn an seinem langen weißen Bart gezupft hatte. Merlin hatte gelacht und ihn den Falken der Schlacht genannt. Damals war er noch ganz klein gewesen. Nun war Merlin nicht mehr, und er - Gwalchmai - besaß all diese wundervollen Werkzeuge.
Und hier waren seine Bücher mit Zaubersprüchen, alle in kunstvollen Lettern auf feines Pergament gemalt, sowie die Bände mit den Rezepten für explosive Pulvermischungen und bunte Feuer. Darunter, am Boden der Kiste, verbargen sich die Dreizehn Magischen Schätze der Insel Britannien, die der Alte beiseite geschafft hatte, um sie vor den sächsischen Piraten zu retten. Gwalchmai war gerade dabei, das Große Füllhorn aus dem Mantel der Unsichtbarkeit auszuwickeln, als ihn ein lauter Schrei vom Strand auffahren ließ. Im Hinauslaufen riss er das Kurzschwert seines Vaters aus der Scheide. Eine Szenerie des Grauens empfing ihn.
Schon eine Weile vorher waren plötzlich seltsam anzuschauende, mit Schuppen bedeckte Köpfe aus dem Wasser aufgetaucht, nicht weit von der Stelle am Strand, wo die Männer die Schildkröte geschlachtet hatten. Als die seltsamen Wesen das Blut gewittert hatten, waren sie aus dem Wasser gestiegen und an den Strand gekommen. Dabei hatten sich auf ihren Köpfen Kämme wie die von Hähnen aufgerichtet, und die fleischigen Kehllappen unter ihren zurücktretenden, kinnlosen Mäulern waren zu wütendem Purpur, gesprenkelt mit roten Flecken, angelaufen.
Rasend vor Gier scharrten sie im blutgetränkten Sand und durchwühlten ihn mit den Krallen ihrer mit Schwimmhäuten versehenen Gliedmaßen, die menschlichen Händen ähnelten. Dann starrten sie mit ihren lidlosen runden Augen ruhelos umher und zischten wütend aus rudimentären Kiemen.
Ventidius Varro hatte es unterlassen, seinen Sohn vor diesen furchterregenden Kreaturen zu warnen. Bei den Völkern des Südostens und bei den Illini waren sie unter dem Namen Piasa bekannt, sie selbst aber nannten sich Gronks. Ventidius hatte gegen sie gekämpft und geglaubt, sie seien ausgerottet. Einige jedoch hatten überlebt. Sie waren auf diese Insel geflohen, um Zeugnis davon abzulegen, welch schreckliche Geschöpfe Mutter Natur in Momenten des Wahns zu zeugen imstande war.
Als die Gronks das Schiff erblickten, machten sich einige dieser Geschöpfe auf krummen Beinen auf den Weg dorthin, und ihre langen, spitzen Krallen zuckten in Vorfreude hin und her. Die meisten anderen krochen auf allen vieren langsam auf das schlafende Lager zu. Immer darauf bedacht, dem Feuer nicht zu nahe zu kommen (Feuer war das einzige, was die kaltblütigen Ungeheuer in Todesangst versetzte), umzingelten sie die unglückseligen schlafenden Männer. Obwohl ihre Leiber vor Gier auf das unerwartete Festmahl bebten und ihre kurzen Stummelschwänze zuckten, als wollten sie peitschend in die Luft schnellen wie die Schwänze von Alligatoren, warteten sie auf das Signal zum Angriff.
Während sie so lauerten, verständigten sie sich untereinander mit leisen Grunzlauten und hell zirpenden Zischtönen - ein deutlicher Beweis dafür, dass es sich um hochentwickelte Lebewesen handelte, welche die Entwicklungsstufe von Tieren bereits überschritten, die des Menschen jedoch noch nicht erreicht hatten. Dann brüllte ihr Anführer das Kommando, und alle stürzten sich auf die ahnungslosen Schläfer.
Der schlaftrunken vor sich hin dösende Wachtposten fiel dem wütenden Angriff zum Opfer, bevor er überhaupt wusste, was geschah. Es war von Anfang an ein hoffnungsloser Kampf! Kein Mann Alatas schlief jemals außerhalb der Reichweite seiner