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Zahllos sind die Abenteuer, die Gwalchmai, Sohn eines römischen Legionärs und Patenkind des großen Magiers Merlin, bestehen muss. Gemeinsam mit Corenice, der Frau mit dem goldenen Körper, zieht er aus, die Kunde vom unermesslich reichen Kontinent Alata im Westen der Welt einem christlichen Herrscher zu bringen, damit dieser das Land besiedle. Doch niemand scheint der Verheißung würdig – bis Gwalchmai auf Christoph Kolumbus trifft und ihm den Weg nach Amerika weist...
Merlins Ring, erstmals 1974 erschienen, ist der dritte Band der Trilogie um Merlins Sohn und setzt die in Das Schiff von Atlantis geschilderten Ereignisse fort: Mit seiner Mischung aus Sword & Sorcery und epischen Fantasy-Elementen und der überzeugend gelungenen Verknüpfung des Artus- und des Atlantis-Mythos mit überlieferter Geschichte erweist sich nicht nur vom Umfang her als den beiden Vorgängerbänden weit überlegen und gilt völlig zu Recht als Munns magnum opus.
Der Apex-Verlag veröffentlicht die Trilogie in der Reihe APEX FANTASY-KLASSIKER als durchgesehene Neuausgabe.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
H. Warner Munn
Merlins Ring
Merlins Sohn, Band 3
Roman
Apex Fantasy-Klassiker, Band 6
Apex-Verlag
Inhaltsverzeichnis
Das Buch
MERLINS RING
TEIL EINS
1. Der Mann im Eis
2. Merlins Patensohn
3. Die Celi Dei
4. Auf nach Alata!
5. Die Seherin
6. Im Land der Elfen
7. Die verbrannte Heide
8. Die Jagd nach dem Einhorn
9. Das Schwert Arthurs
10. König einst und König der Zukunft
11. Arngrim und die Goldene Frau
12. Zu Ehren Rolands
13. Endlich in Rom
TEIL ZWEI
14. Die Katakomben
15. Auf der Suche nach Priester Johann
16. Durch die magische Tür
17. Die Feuerdrachen
18. Das Reich der Träume
19. Söldner des Glücks
20. Vorwärts - das Banner
21. Endlich - Corenice
22. Für die Jungfrau!
23. Der Marktplatz von Rouen
24. Der Phönix steigt aus der Asche
25. Der Teufel von Mâchecoul
26. Der Wanderer
27. Merlin erklärt
Epilog
Nachwort
Zahllos sind die Abenteuer, die Gwalchmai, Sohn eines römischen Legionärs und Patenkind des großen Magiers Merlin, bestehen muss. Gemeinsam mit Corenice, der Frau mit dem goldenen Körper, zieht er aus, die Kunde vom unermesslich reichen Kontinent Alata im Westen der Welt einem christlichen Herrscher zu bringen, damit dieser das Land besiedle. Doch niemand scheint der Verheißung würdig – bis Gwalchmai auf Christoph Kolumbus trifft und ihm den Weg nach Amerika weist...
Merlins Ring, erstmals 1974 erschienen, ist der dritte Band der Trilogie um Merlins Sohn und setzt die in Das Schiff von Atlantis geschilderten Ereignisse fort: Mit seiner Mischung aus Sword & Sorcery und epischen Fantasy-Elementen und der überzeugend gelungenen Verknüpfung des Artus- und des Atlantis-Mythos mit überlieferter Geschichte erweist sich nicht nur vom Umfang her als den beiden Vorgängerbänden weit überlegen und gilt völlig zu Recht als Munns magnum opus.
Der Apex-Verlag veröffentlicht die Trilogie in der Reihe APEX FANTASY-KLASSIKER als durchgesehene Neuausgabe.
Fünf Tagesreisen von Streymoy entfernt, bei den Färöer-Inseln, erreichte das kleine Fischerboot, nachdem ein steifer Westwind es weit auf die unbekannte See hinausgetrieben hatte, neues Land. Der Tag war schön, und der Himmel leuchtete blau.
Als der Wind und der herniederprasselnde Regen aufgehört hatten und die Sonne herausgekommen war, sie zu wärmen, hatten die vier Insassen des Schiffes den Göttern gedankt. Zu keinem Zeitpunkt ihrer Irrfahrt hatten sie übertriebene Furcht empfunden. Sie alle waren gute und erfahrene Seeleute. Dennoch hatte es ihnen ein gewisses Gefühl der Beruhigung vermittelt, das kleine Goldstück zwischen den Fingern zu spüren, das jeder nordische Seemann bei sich trug, war es doch ein großes Unglück, mit leeren Händen Rans Halle zu betreten, wenn man ertrunken war.
Am meisten hatte ihnen der Mangel an warmer Nahrung zu schaffen gemacht. Käse und harter Zwieback mögen zwar nahrhaft sein, doch sind sie alles andere als schmackhaft, und roher Kabeljau ist auch nicht viel mehr als ein schaler Ausgleich. Zu allem Überfluss ging ihnen jetzt auch noch das Wasser aus, obgleich sie sehr sparsam damit umgegangen waren und einiges von dem Regenwasser hatten auffangen können.
Zwar trieben Eisschollen auf dem Wasser, doch war dies Eis noch neu und brackig; es enthielt noch viel zu viel Eis, um als Trinkwasser verwertet werden zu können. Auf der Suche nach einem geeigneten Trinkwasserreservoir drehten sie jetzt nach Norden, wo eine dichte Schicht Packeis, das sich weiß glänzend gegen den blauen Himmel abhob, darauf hindeutete, dass festes Land darunter lag.
Der Eigentümer des Schiffes war Skeggi Harvadsson, von seinen Leuten Haarmaul genannt, jedoch nur, wenn er außer Hörweite war. Dann waren da noch Thyra, seine Tochter, und Biarki, dem sie versprochen war.
Biarki war der Sohn Orms. Dieser wiederum war der Sohn von Ketil dem Starken. Der Ruf seines Vaters lag wie ein Schatten über ihm, und Biarki war alles andere als glücklich und stolz darüber, einen solchen Vorfahren zu haben, denn er konnte den Schatten seines Vaters einfach nicht abschütteln, und seine Mittel erlaubten es ihm nicht, so zu leben, wie er es gerne gewollt hätte. Obwohl er Skeggis Partner war, die Hälfte des Bootes besaß und sich darauf freuen konnte, dass Thyra einmal seine Frau werden würde, haderte er mit dem Schicksal. Statt ein einfacher Fischer zu sein, wäre er viel lieber als stolzer Wikinger in die Welt hinausgefahren, um große Abenteuer zu bestehen. Denn nur auf diese Weise, so glaubte er, konnte er Ehre und Ruhm erlangen.
Der vierte im Bunde war Flann, der Knecht, der mit Verachtung auf die Mitglieder seines Standes herabzuschauen pflegte. Auch er hatte ein Kümmernis, das ihm schwer zu schaffen machte. Obwohl Skeggi und Thyra ihn als ein vollwertiges, verdientes Mitglied ihrer Familie betrachteten, trug er doch immer noch den eisernen Kragen. Es war das einzige Zeichen seiner Knechtschaft. Obwohl es kaum dicker als ein Draht war und die anderen es kaum bemerkten, lastete es auf Flann wie ein schweres Joch.
Als kleiner Junge schon war er bei der Plünderung von Lindisfarne geraubt worden, als seine Eltern unglücklicherweise zu diesem Zeitpunkt gerade zu einem Besuch auf jener heiligen Insel weilten.
Er war von einem Herrn zum anderen weiterverkauft worden und viel geschlagen worden. Doch trotz alledem hatte er immer fest an seinem Glauben gehalten und ging nie einer Gelegenheit aus dem Wege, sich mit denen zu streiten, die er als Heiden betrachtete. Er konnte lesen und schreiben, und eine seiner größten Entbehrungen war der Mangel an Büchern.
Da er eine schöne Stimme besaß und ausgezeichnet singen konnte, war er bei den meisten Leuten beliebt. Doch er war recht streitsüchtig, und manch einer fand, es wäre besser gewesen, er hätte häufiger geschwiegen, statt zu reden. Biarki hasste ihn wegen seines losen Mundwerks.
Nun lächelte er spöttisch, als Biarki auf die ruhige See schaute, auf der sich lediglich ein paar kleine Wellen kräuselten, und bemerkte: »Rans Bad reicht tief hinab, aber Thor hat die Winde beruhigt und wird uns sicher nach Hause geleiten.«.
»Die alten Götter sind tot«, entgegnete Flann spitz. »Ist das noch nicht bis zu dir vorgedrungen?«
»Bei Thors Hammer!«, brüllte Biarki und fuhr herum. Er konnte schnell aufbrausen. Drohend beugte er sich über den Leibeigenen. »Wieviel muss sich ein Mann noch von diesem Sohn einer schwarzen Robbe bieten lassen? Skeggi, ich bezahle jetzt das Goldstück und bringe diesen Kerl um! Er kann niemals sein Maul halten, und mir reicht es! Hier, sein Gegenwert!«
Mit diesen Worten warf er eine Kupfermünze zu Boden und zückte seinen Dolch.
Flann bewegte sich nicht und änderte auch seinen spöttischen Gesichtsausdruck nicht, doch Thyra erhob sich in dem schwankenden Boot und griff nach Biarkis Arm. Ihr Gesicht war bleich.
Skeggi hob die Hand von der Ruderpinne. »Wenn er den Tod für eine ehrliche Meinung und feste Haltung verdient - was im Übrigen nicht meine Ansicht ist -, dann von meiner Hand! Er ist mein Leibeigener, Biarki, nicht deiner, und Blut, das in meiner Familie vergossen wird, kann nur mit Blut vergolten werden, nicht mit Geld. Steck deinen Dolch weg, wenn du nicht bereit bist, auch den meinigen zu spüren!«
Biarki schaute ihn mit loderndem, hasserfülltem Blick an. Sein von einem verfilzten, mit salzigen Flecken gesprenkelten Bart umrahmtes Gesicht lief purpurrot an. Seine Familie, so sagte man, hatte nicht wenige Berserker hervorgebracht, und Biarki war gefährlich nahe daran, in einen ebensolchen Wahn zu verfallen. Doch das Gefühl von Thyras kleinen Händen auf seinem Arm beruhigte ihn, und seine Wut verrauchte.
Er stieß ein unwilliges Grunzen aus und setzte sich wieder hin. Thyra blieb stehen und blickte, gegen den kurzen Mast gelehnt, hinaus auf das Meer. Nur noch gelegentlich bauschte jetzt ein sanfter Windstoß das schlaff herunterhängende Segel auf, doch immer noch hatte es Kraft genug, das Boot in dieselbe Richtung zu treiben - jene, die sie gewünscht hatten.
Im gleichen Augenblick - als sollte es ein gutes Omen sein - stieß ein Rabe aus dem Himmel zu ihnen herab und umkreiste das Boot dreimal. Nachdem er sie vorsichtig von allen Seiten bespäht hatte, landete er auf dem Mastkorb, um sich auszuruhen. Sein kleiner Kopf bewegte sich schnell hin und her. Dann öffnete er lautlos seinen Schnabel und beäugte sie, so als wollte er ihnen etwas mitteilen.
Biarki fasste sich ein Herz. »Schaut, ein Bote Odins! Er ist gekommen, um uns an Land zu geleiten. Das ist mehr als das, was dein Gott tun würde, Leibeigener!«
Auch Skeggi warf Flann einen gestrengen Blick zu. »Diesmal hattest du Unrecht. Die alten Götter regieren noch immer, denn noch hat Ragnarök uns nicht befallen! Dein Weißer Christus, von dem du ewig predigst, ist vielleicht im Südland stark und mächtig; hier aber hat er keine Macht. Wenn du um Hilfe beten willst, dann bete wie wir zu Odin, damit wir alle gerettet werden und nicht wegen dir in Aegirs Netz fallen. Nein!«, fuhr er auf, als Flann etwas erwidern wollte. »Schweig! Ich will nichts mehr davon hören. Doch bei Odin, was hat das Mädchen?«
Thyra, die noch immer gegen den Mast gelehnt dastand, war ganz plötzlich erstarrt und zeigte mit erhobenem Arm nach Norden.
Biarki und Flann, die darüber ihren Streit rasch vergaßen, sprangen gleichzeitig auf, aber ihr Körper war hart wie Eisen geworden, und es gelang ihnen nicht, sie von der Stelle zu bewegen. Ihre Augen waren starr und hatten einen glasigen Ausdruck angenommen. Und ihre Stimme klang ganz fremd in den Ohren der drei Männer, die sie schon kannten, seit sie ein kleines Kind war. Sie hatte einen seltsamen Unterton, und ihre Worte hatten eine ganz fremdartige Betonung, als sie sprach.
»Rudert!«, befahl sie. »Rudert mit aller Kraft! Rudert schnell, wenn ihr ein Leben retten wollt! Rudert, ohne anzuhalten, und ich werde euch den Weg zeigen!«
Trotz des herrischen Klangs ihrer Stimme lag eine gewisse Sanftheit darin, doch es war nicht die von Thyra. Es war ein kaum vernehmbarer Nebenklang, fast wie eine zweite Stimme. Es war wie ein Gefühl, ein kaum spürbarer Hauch von kleinen, in weiter Ferne läutenden goldenen Glöckchen.
Biarki schaute sie entsetzt an. »Sie ist verhext! Was sieht sie bloß?«
Flann ließ seine Hand langsam vor ihren Augen vorbeigleiten. Sie zuckte nicht einmal mit den Wimpern.
»Du hast Recht; sie ist verhext«, pflichtete er Biarki bei. »Was auch immer sie sieht, sie wird uns dorthin führen. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie uns ins Verderben leitet.«
Skeggi nickte zustimmend. »Auch ich habe dasselbe Gefühl, dass etwas Gutes dabei herauskommen wird. Vielleicht haben uns Thors Winde eigens zu diesem Zwecke nach hier verschlagen. Lasst uns tun, wie sie uns heißt, und dorthin rudern, wohin sie uns lenkt.«
Wie eine Schlafwandlerin ging Thyra nach achtem und ergriff die Ruderpinne, während die drei Männer die Ruder losmachten. Der Wind frischte auf und trieb sie ein wenig nach Osten ab.
Die Luft war ganz klar, und gegen Mittag erblickten sie am Horizont eine Fahne schwarzen Rauchs; sie hatte gewaltige Ausmaße und stieg sehr hoch in den Himmel, bevor sie weit oben von einem Wind, den sie nicht spüren konnten, fortgeblasen wurde. Unter diesem düsteren Banner lagen schneebedeckte Gipfel, und als sie näher kamen, trat eine niedrige Küstenlinie in ihren Blick. Ganze Schwärme neugieriger Vögel kamen ihnen entgegengeflogen - Möwen, Lummen und Papageitaucher, die von ihren Brutstellen oder den kleinen Inseln und Küstenfelsen aufstiegen.
Während sie nach Nahrung suchten, stürzten Adler und Falken von oben auf sie herab und versuchten, ihnen ihre Beute zu entreißen oder die auf dem Wasser schwimmenden Fischer zu schlagen. Hier und da tauchten die runden Köpfe von Robben aus dem Wasser auf, die ebenfalls auf Nahrungssuche waren oder einfach im Wasser herumtollten, und Skeggi erkannte sofort anhand unmissverständlicher Anzeichen, dass sich in diesen Gewässern große Schwärme von Dorschen und Schellfischen befanden. In der Ferne spritzte ein Wal seine Fontäne hoch in die Luft, und ein Hai, der sich an der Wasseroberfläche in der Sonne wärmte, tauchte, aufgeschreckt von dem näherkommenden Boot, eilig unter und brachte mit dem Strudel, den er verursachte, das kleine Schiff zum Schwanken.
Die Männer teilten sich in einen Zwieback und beobachteten, während sie sich zurücklehnten und sich treiben ließen, die Küste. Thyra nahm ihren Zwieback nicht an und starrte ungeduldig nach vorn, während sie noch immer Kurs auf das Land hielt, auf das die Brise sie jetzt rasch zutrieb.
Als sie näher kamen, mussten sie zu ihrem Missfallen erkennen, dass die Küste keine Flussmündungen oder Buchten aufwies, die sie anlaufen konnten, um Schutz gegen einen plötzlich aufkommenden Sturm zu suchen. Die Küste schien von eintöniger Gleichförmigkeit zu sein; der ebene, aus schwarzem Lavasand bestehende Strand war an zahlreichen Stellen von kleinen Süßwasserbächen unterbrochen, die ins Meer flössen. Dahinter sahen sie Gras und Heidekraut, das bis weit auf die Hügel hinauf wucherte, obwohl so hoch im Norden die Linie ewigen Schnees selten oberhalb einer Grenze von zweitausendfünfhundert Fuß lag.
Skeggis scharfe Augen, die nie durch Lesen angestrengt worden waren, konnten die Form der Bäume ausmachen, die auf der Küstenebene und auf den näherliegenden, niedrigen Hügeln wuchsen. Sie waren nicht sehr zahlreich, obwohl überall dort, wo die Lava zu Erde zerfallen war, fettes, hohes Gras wucherte.
Und über alles fiel beständig ein leichtes Pulver aus schwarzer Asche. Wie ein dünnes Tuch legte sich diese körnige Substanz auf Land, Wasser und Boot. Sie kam von der schwarzen Wolke, die sie anfangs fälschlicherweise für Rauch gehalten hatten, die sich jedoch, wie sie jetzt deutlich sehen konnten, über einem aktiven Vulkan erhob, der weit hinten im Binnenland emporragte.
Und als die Wolke auf sie zu schwebte, sahen sie, wie ihre Unterseite von roten Blitzen erhellt wurde, und das unaufhörliche Grollen der Explosionen rollte über das Meer wie ferner Kanonendonner. Unterhalb der Wolke und im vollen Licht der Sonne nur wenig von dieser verdunkelt sahen sie, woher der harte Glanz von Eis kam, den sie schon von weitem wahrgenommen hatten: Vor ihren Augen erstreckte sich ein riesiges Feld von Eis in Richtung Osten längs der Küste und bis weit ins Binnenland hinein, das seine Gletscher in die See hinaussandte und unter dem beständigen Beben der Erde, das von den gewaltigen unterirdischen Eruptionen des Vulkans herrührte, pausenlos neue Eisschollen von beträchtlichen Ausmaßen gebar, die ins offene Meer hinaustrieben.
Sie konnten nicht wissen, dass dieses Eisfeld eine Fläche von über viertausend Quadratmeilen bedeckte, denn zu jener Zeit hatte es noch keinen Namen. Später einmal würde dieses Land, auf das sie so zufällig gestoßen waren, den Namen Island tragen, wegen seines riesigen Gletschers aus Eis, und der Gletscher selbst würde Vatnajokull genannt werden.
Und auf dieses drohende Ungetüm aus Eis steuerte Thyra jetzt unbeirrt zu. Sie schien sich der Richtigkeit des eingeschlagenen Kurses so sicher zu sein, dass man glauben konnte, sie steuere eine ihr wohlbekannte Stelle an.
Um den launenhaften, unbeständigen Wind zu unterstützen, nahmen die erschöpften Männer wieder die Ruder zur Hand und trieben das Boot schneller voran, von der Vorfreude beseelt, bald in irgendeiner kleinen Bucht zu landen, wo sie das kleine Fässchen mit frischem Trinkwasser auffüllen konnten.
Am vorderen Rand des riesigen Eisfeldes erkannten sie jetzt einen langen, sanft ansteigenden Abhang, der von zahlreichen kleineren Hügeln unterbrochen und von beträchtlichen Strömen durchschnitten wurde. An dieser Stelle eignete sich der Strand hervorragend zum Landen, doch weigerte sich Thyra, das Boot an den Strand zu steuern. Stattdessen fuhr sie weiter an der Küste entlang, bis sie an eine Stelle kamen, wo die Ausläufer des Eisfeldes so dicht an das Wasser heranreichten, dass zwischen ihnen und dem Wasser kaum noch Platz war.
Eine große Gletscherzunge endete hier in einer Felsfront von gut hundert Fuß Höhe; einst hatte sich hier eine Flussmündung tief ins Landesinnere hineingeschnitten. Die Lavakanten der Wälle, die diese Bucht umschlossen, waren noch immer deutlich zu sehen. Einst zerklüftet und ausgezackt, hatten die Zeit und der ständig sich bewegende Gletscher das Ihre getan, sie glattzuschmirgeln und abzurunden. Thyra ließ ihren Blick prüfend über sie schweifen, so als wären die von der glühenden Lava eingebrannten Narben im Fels wohlbekannte Erkennungszeichen.
Als die Prüfung zu ihrer Zufriedenheit verlaufen war, steuerte sie geradewegs auf die gefährliche Eisfront zu. Das Boot landete knirschend auf einem winzigen Stück Strandes.
Ein Fluss kam ihnen an dieser Stelle entgegen. Er floss aus einer Höhle, die in den Leib des Gletschers geschmolzen war. Das Wasser dieses Flusses war trübe von zu Pulver zermahlenem Felsgestein, das unter dem ungeheuren Gewicht der auf ihm ruhenden Eismasse zerkleinert und durch die beständige Reibung mit der Zeit zu mehlfeinem Staub zerrieben worden war. Das Wasser war daher zum Trinken völlig ungeeignet. Die Männer schauten Thyra überrascht an. Es war ihnen unbegreiflich, dass Thyra ausgerechnet eine derart ungeeignete Stelle als Landungsplatz gewählt hatte.
»Nach Ragnarök«, sagte ihr Vater, »und wenn Asgard nicht mehr ist, kommen die Götter gewiss hierher, um in diesem Land zu wohnen. Vielleicht werden sie Loki für immer im Feuer dieses Vulkans einsperren. Wie angenehm diese wogenden Wiesen für den zarten Schritt von Freyas Füßen wären! Sicher hat Baldur, der Schöne, im Frühling an diesem Ort sein Lächeln erklingen lassen. Doch der Ort, an dem wir nun stehen, meine Tochter, ist die Heimat der Eisriesen. Dieses Donnergrollen am Himmel ist nicht der Streitwagen Thors, der kommt, uns willkommen zu heißen. Es bedeutet Verderben für den Menschen! Wir werden alle unter dem Eis begraben werden. Lass uns sofort von hier wegfahren!«
Thyra warf ihm einen seltsamen Blick zu, als wäre er ein Fremder. In ihrem Blick lag etwas Gebieterisches und Verächtliches, so wie er es noch nie zuvor bei ihr gesehen hatte. Sie schob die Hand beiseite, die er ausgestreckt hatte, um sie zurückzuhalten, drehte sich wortlos um und lief in die Höhle.
Flann, dem als erster bewusst wurde, was sie da tat, sprang mit einem heiseren Angstschrei aus dem Boot und watete durch das flache, jedoch reißende Wasser hinter ihr her.
Ungeachtet der Gefahr, die ihnen drohte, folgten die anderen beiden dem tollkühnen Paar, und die Höhle hallte von ihren aufgeregten Rufen wider, mit denen sie die beiden zurückholen wollten.
Die reißende Strömung verhinderte, dass Flann Thyra einfangen konnte; zu groß war ihr Vorsprung. Als sie tiefer in den Gletscher eindrangen, nahm das Sonnenlicht, das von oben durch die dicken, von Ascheschichten früherer Eruptionen durchzogenen Eisschichten fiel, immer seltsamere Farbschattierungen an. und tauchte sie in ein unwirklich anmutendes, türkis- bis indigofarben schimmerndes Licht.
Der Boden unter ihren Füßen bebte. Die Hände auf beiden Seiten beim Gehen vorsichtig gegen die Eiswälle der tunnelartigen Höhle gestützt, spürten sie fast ständig die Erschütterungen, die von weit entfernten Eruptionen herrührten. Immer wieder öffneten sich unter Donnergetöse klaffende Risse in der Eiswand, doch die winzigen Partikel von Fels und Eis, die dann jedes Mal auf sie herabrieselten und sie für einen Moment in Angst und Schrecken versetzten, waren zunächst noch harmlos.
Kurz vor dem Ende des Tunnels erreichte Flann Thyra endlich. An dieser Stelle war das Eis über ihnen so dick, dass die Sonnenstrahlen es kaum mehr zu durchdringen vermochten. Sie stand da, den Körper gegen eine glatte Auswölbung im Eis gepresst, und hielt die Arme weit geöffnet, so als wolle sie die Auswölbung umarmen.
Ihre Augen waren geschlossen; ihre Wange hielt sie fest gegen das Eis gepresst.
Als Flann dicht bei ihr war, streckte er seine Hand nach ihr aus. Er berührte sie jedoch nicht, bemerkte er doch sofort an dem entzückten Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag, dass sie weder ihn wahrnahm noch sich der Gefahr bewusst zu sein schien, in der sie schwebte.
Jetzt schmiegte sie ihren Körper noch fester gegen das Eis, so als wolle sie es mit der Wärme ihres Körpers zum Schmelzen
bringen, um sich den Weg hindurch zu bahnen. Sie war völlig entrückt; nie zuvor hatte Flann sie oder einen anderen Menschen in einem derartigen Zustand gesehen. Er fiel neben ihr auf die Knie, senkte den Kopf und fing an zu beten. Er hörte über sich, wie sie leise sprach, und begann zu weinen, weil er wusste, dass ihre Worte nicht ihm galten.
»Oh, mein Geliebter, mein einziger! Ich bin zurückgekommen, wie ich es dir versprochen habe!«
Als er den Eiswall näher in Augenschein nahm, sah er, dass er dünn wie Pergament war. Dahinter befand sich, wie er jetzt sah, da sich seine Augen langsam an das trübe Licht gewöhnt hatten, eine eiförmige Kammer. Und in dieser Kammer lag - eingepfercht wie ein Embryo im Mutterleib - ein Mann! Wie lange er schon dort eingeschlossen sein mochte, vermochte Flann nicht zu erkennen. Der Mann war in Leder gekleidet. Am Gürtel trug er ein kurzes Schwert und eine Feuersteinaxt.
Seine Augen waren geschlossen, der Kopf ruhte auf dem Arm. Es sah aus, als schliefe er. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck friedvoller Erwartung. Ein sanftes Lächeln wie von süßen Träumen spielte um seinen Mund. Im Augenblick seines Todes schien er keine Furcht gehabt zu haben.
In diesem Moment hatten auch die anderen sie eingeholt. Biarki fegte Flann mit einem wütenden Hieb zur Seite, der ihn in das eisige Wasser schleuderte, und Skeggi sprang mit einem Satz über ihn hinweg und packte seine Tochter beim Arm, um sie von der Eiswand fortzuzerren.
Mit einer Kraft, die er nie bei ihr vermutet hätte, widersetzte sie sich seinem Griff und verharrte unbeweglich an ihrem Platz an der Wand. Flann erhob sich tropfend aus dem Wasser, das Gesicht zu einer wütenden Grimasse verzerrt, und wollte sich gerade auf Biarki stürzen, als über ihnen ein Riß in der Wand erschien und ein Schwall eisigen Wassers sich über sie ergoss.
Die hauchdünne Eisschicht zersprang in tausend Stücke, und nun konnten sie alle den seltsam gekleideten Mann deutlich erkennen. Die eiförmige Kammer begann jetzt ihre Form zu verändern und sich in ein flaches Oval zu verwandeln. Es hätte nicht lange gedauert, und die langsam herabsinkende Decke der Kammer hätte ihren Bewohner zermalmt, wäre nicht Thyra in die immer enger werdende Höhlung hineingekrochen und hätte den Mann mit festem Griff bei seinem Hemd aus Rehleder gepackt und aus dem Loch herausgezerrt.
Sein steifgefrorener Körper glitt ohne Schwierigkeit über das nasse Eis und fiel in das flache Wasser. Keine Sekunde zu früh, denn kaum schlug er auf dem Wasser auf, als die Kammer mit lautem Getöse in sich zusammenfiel und verschwand, als hätte sie niemals existiert.
Jetzt kam immer mehr Eis vom Dach des Tunnels herunter. Angesichts der drohenden Todesgefahr, in der sie schwebten, vergaßen die drei Männer ihre Differenzen. Jetzt gab es nur noch eins: hinaus aus dem Eistunnel, und zwar so schnell wie möglich! Da Thyra das Hemd des Fremden mit eisernem Griff umklammert hielt und es nicht so aussah, als könne man sie dazu bringen, ihn loszulassen, hatten sie keine andere Wahl, als den Mann aus der Höhle hinauszutragen, wenn sie das Leben des Mädchens retten wollten.
Zum Glück bereitete ihnen der Rückweg keine großen Schwierigkeiten. Das Wasser half ihnen, das Gewicht des Mannes zu tragen, und die heftige Strömung tat das Ihrige, ihre wilde Flucht zum Ausgang des Tunnels zu beschleunigen. Uber ihnen, unter ihnen, um sie herum - überall begann nun der Gletscher sich knirschend und mahlend in Bewegung zu setzen. Hinter ihnen gerieten die Wände des Tunnels ins Wanken, wurden schmaler und kippten schließlich aufeinander. Dies ging so schnell, dass sie kaum Zeit hatten, sich umzublicken. Der Gletscher gönnte ihnen keine Atempause. Von panischer Todesangst getrieben, den erstarrten Körper des Mannes und Thyra hinter sich her schleifend, stolperten sie zum Ausgang.
Eine mächtige Wasserwoge erfasste sie und schleuderte sie hinaus, jedoch nicht in Sicherheit, denn obwohl sie zappelnd und benommen von der Wucht des Aufpralls auf dem Strand landeten, brachen schon riesige Eisstücke aus der Vorderfront des Gletschers heraus und schlugen berstend und krachend dicht neben ihnen auf. Ein Hagel von Eisbrocken und Splittern prasselte auf sie hernieder, doch wie durch ein Wunder blieben sie bis auf ein paar kleinere Schrammen und Prellungen unverletzt.
Thyra trug noch immer diesen seltsam entschlossenen Ausdruck im Gesicht. Es bedurfte keines ausdrücklichen Befehls - ein Blick genügte, und Biarki und Flann hoben ihren merkwürdigen Fund auf. Und erst jetzt löste sich der eiserne Griff ihrer blutleeren Hände vom Körper des Mannes.
Eilig trugen sie ihn den schwarzen Strand hinunter in das Boot. Thyras Augen schlossen sich. Alle Farbe und auch der Aus
druck festester Entschlossenheit wichen mit einem Mal aus ihrem Gesicht. Sie begann zu taumeln und drohte jeden Augenblick hinzufallen. Mit einem Satz war ihr Vater bei ihr und fing sie auf. Er warf sie in Flanns ausgestreckte Arme und rammte seinen massigen Körper gegen den auf Grund gelaufenen Bug des Bootes. Unter dem Geklirre und Getöse der niederprasselnden Eisbrocken löste sich das Boot knirschend aus dem schwarzen Sand und glitt frei.
Asche und Bimsstein lagen wie eine dicke Kruste auf dem Wasser und bedeckten knöcheltief den Boden des Bootes. Die Brandung kam hereingerollt wie Öl, ohne sich zu brechen, obwohl die Wellen sehr groß waren und der Seegang mit jeder Sekunde spürbar an Heftigkeit zunahm. Aus Leibeskräften rudernd, zwangen die Männer das Boot durch die Brandung, um in sicheren Abstand von dem Gletscher zu gelangen. Dieser war jetzt in heftige Bewegung geraten; wie ein riesiger, zuckender Leib hob und senkte er sich unter den mächtigen Stößen, die das ganze Land erfasst zu haben schienen.
»Loki muss hier sein!«, schrie Biarki keuchend. »Sigyn bringt ihm die Schale zu spät zurück! Seht, wie er sich krümmt und windet!«
Flann warf ihm einen angeekelten Blick zu, den Biarki jedoch nicht wahrnahm. Flann glaubte nicht eine Sekunde daran, dass der gefesselte Gott wirklich an Schlangengift zugrunde ging, das ihm auf das Gesicht tropfte, weil seine Frau es nicht in einer Schale auffing, um ihn zu schützen. Er glaubte ebenso wenig an Loki, aber er wusste auch, dass dies nicht der Augenblick war, seine Zweifel offen zu äußern. Er biss die Zähne zusammen und ruderte weiter.
Sie hatten gut daran getan, keine Zeit zu vergeuden. Bald krachte die ganze Vorderfront des Gletschers mit fürchterlichem Donnergetöse in sich zusammen, begrub den ganzen Strand unter sich und verschüttete den Tunneleingang vollkommen. Zwar sahen sie keine größeren Eisberge, doch waren die Brocken, die spritzend in das Wasser krachten, noch immer groß genug, dass die Wellen, die sie verursachten, das Schiff gefährlich nahe ans Kentern brachten.
Als sie sahen, wie das Meer sich immer mehr mit mahlenden, sich übereinander schiebenden Schollen zusetzte, beschlossen sie, die ursprünglich eingeschlagene Richtung aufzugeben, und wendeten das Boot, um auf die Westküste zuzuhalten. Es war schon später Nachmittag, doch jetzt im Sommer stand die Sonne noch hoch am Himmel.
Etwa zwei Stunden lang behielten sie diesen Kurs bei und fuhren dicht an der Küste entlang. Das einzige, was sie sahen, waren kahle, nackte Gestade. Allmählich gelangten sie außer Reichweite des Aschenregens, und als hätte der in der Ferne rumorende Berg eingesehen, dass sie seinem Machtbereich entschlüpft waren, verminderte er die Heftigkeit seiner Eruptionen.
Thyras Augenlider begannen zu zucken und öffneten sich. Sie blickte verwirrt um sich, und einen kurzen Augenblick schien es, als wäre sie wieder sie selbst. Doch bevor jemand den Mund auftun konnte, um sie zu fragen, wie sie sich fühlte, trat dieser seltsame, herrische Blick wieder auf ihr Gesicht, der sie den anderen als eine fremde Person erscheinen ließ, der sie jedoch auch schöner erscheinen ließ als je zuvor.
Sie stieß einen lautlosen Schrei des Glücks aus, kroch zu dem Mann hinüber, den sie gerettet hatten, nahm ihn überschwänglich in die Arme und legte ihren Kopf auf seine Brust. Wieder schlossen sich ihre Augen. Diesmal jedoch schlief sie ein. Ihr geheimnisvolles Verhalten flößte den Männern Angst ein, und sie wagten es nicht, sie zu berühren.
Und so blieben die beiden denn engumschlungen liegen, bis das Boot erneut landete - sie, die Lebende, und er, den sie für tot hielten, denn sollte er tatsächlich atmen, so sahen sie nichts davon, und andere Lebenszeichen gab er nicht von sich.
Sie steuerten das Boot in eine kleine Bucht und zogen es auf den Strand. Das Wasser war an dieser Stelle ziemlich ruhig, lediglich ein kleiner Gießbach, der über eine felsige Anhöhe stürzte, brachte es ein wenig in Wallung, Ein Lachs, offenbar auf Nahrungssuche, sprang hoch in die Luft, und sie prägten sich die Stelle ein, an der er wahrscheinlich auf der Lauer gelegen hatte; wichtiger war es jetzt jedoch zunächst einmal, eine geschützte Stelle zu finden.
Weiter hinten gab es mehrere Hügel, und noch ein weiteres Stück dahinter erhob sich ein Berg, der den Blick auf den nördlich vor der Bucht liegenden Vulkan versperrte, der noch immer in unregelmäßigen Abständen ein drohendes Grollen ausstieß. Sie konnten den Feuerschein erkennen, der über seinem Gipfel leuchtete, aber die Erde hatte sich inzwischen - abgesehen von einem gelegentlichen Rumoren - wieder einigermaßen beruhigt. Die Sonne brannte von beiden Seiten zwischen den Klippen hindurch auf sie herab, aber es ging ein mächtiger Wind, und obwohl sie ihm nicht direkt ausgesetzt waren, reichte die Wärme, die die Felsen ausstrahlten, nicht aus, sie zu wärmen. Ihre Kleider waren einfach zu nass.
Skeggi hob behutsam seine schlafende Tochter auf, die noch immer den Fremden umschlungen hielt, und legte sie sanft zwischen zwei Felsen auf das weiche Gras. Dann deckte er sie mit einem Kleid zu. Mehr konnte er im Augenblick nicht tun. Als nächstes hoben sie gemeinsam den Fremden aus dem Boot und legten ihn ebenfalls ins Gras. Nun hatten sie zum ersten Mal Gelegenheit, ihn in Ruhe zu betrachten.
Er trug Beinkleider aus Rehleder. Sie reichten ihm von den Knöcheln bis zum Oberschenkel. Sein Rock - oder besser sein Hemd - hatte an den Ärmeln lange Fransen, ähnlich wie die Beinkleider. Über dem Hemd trug er eine ärmellose Weste aus festem Leder, die mit gefärbten Stachelschweinborsten bestickt war. Schnürte man die beiden Hälften der Weste über der Brust zusammen, entstand das Bild eines Adlers, der die Schwingen spreizte. Sein Schnabel war geöffnet, so als wäre er kurz davor, sich auf seine Beute zu stürzen.
Die schlanke Taille des Mannes zierte ein breiter Gürtel, der mit merkwürdigen Silber- und Bronzemünzen besetzt war. Die Münzen schienen sehr alt zu sein und waren stark abgewetzt. Die Prägung war nicht mehr zu entziffern. Rechts an seinem Gürtel hing ein kurzes, schweres Schwert und an einem zweiten schmaleren Gürtel, der sich ein wenig über dem ersten befand, baumelte, lediglich in einer losen Schlaufe hängend, eine kleine Wurfaxt mit einer Schneide aus Feuerstein.
Sein Gesäßschurz war aus weißem Rehkalbsleder, und zwei breite, bestickte Streifen aus demselben Material hingen ihm vorne und hinten bis in Kniehöhe herab. Auch diese beiden Streifen waren an den Säumen gefranst; überhaupt schien seine ganze Kleidung das Produkt hoher Kunstfertigkeit und liebevoller Mühe zu sein. Kein Zweifel: Dieser Mann musste sich einst hoher Wertschätzung, Liebe und großen Respekts erfreut haben.
Seine Füße steckten in bestickten, offenbar nur wenig getragenen Mokassins. Er trug keine Kopfbedeckung, jedoch wäre eine solche auch angesichts seines sonstigen Kopfschmuckes überflüssig erschienen. Um seine Stirn hatte er ein mit Perlen besticktes Band geschlungen, und seine langen braunen Haare, die üppig darunter hervorquollen, waren hinten zu einem dicken Zopf geflochten, dessen Ende von einem perlenbesetzten Ring zusammengehalten wurde.
Seine Haut war von einer tiefen, rotbraunen Tönung. Es schien sich hierbei um seine natürliche Hautfarbe zu handeln; sie war brauner als die Tönung, die ihr die Sonne in diesen Breitengraden hätte verleihen können. Biarkis Augen verengten sich zu Schlitzen, als er dies bemerkte.
»Seiner dunklen Haut nach zu urteilen, ist er zweifellos ein Mann aus Surt«, bemerkte er argwöhnisch. »Bestimmt hat er dort auf der Lauer gelegen und gewartet, bis er mit seinem Schwarzen Herrn aus Muspelheim hinausfahren konnte, um Feuer über die Welt zu bringen und sie zu vernichten. Es war töricht von uns, ihn aus dem Eise zu befreien. Wir täten besser daran, ihm die Gurgel durchzuschneiden, bevor er wieder zum Leben erwacht und es zu spät ist!«
Skeggi stieß ein schallendes Lachen aus. »Wenn hier einer töricht ist, dann bist du es! Der Mann ist doch tot!«
Sein Partner grunzte ungehalten vor sich hin. »Vielleicht - vielleicht auch nicht. Sieh doch, seine Arme und Beine sind biegsam, und sein Kopf lässt sich auch hin und her bewegen.« Mit diesen Worten stupste er unsanft den Fuß gegen die Wange des Mannes, um seine Behauptung auf eindrucksvolle Weise zu demonstrieren.
»Sein Gesicht ist weich, und dabei müsste es doch eigentlich steinhart sein! Ich glaube, ich töte ihn besser; er ist nämlich nicht tot.«
Er zog dem Mann das Schwert aus der Scheide. Es bestand aus prächtigem Stahl, und auch seine äußerst scharfe Schneide schien nicht in Mitleidenschaft gezogen. Als er die Blicke der beiden anderen bemerkte, tat er so, als habe er nur einen Scherz machen wollen, und warf das Schwert verlegen von einer Hand in die andere.
»Nun ja, wenn wir sicher sind, dass er tot ist, werde ich wenigstens sein Schwert behalten. Schaut mal, da sind Runen drauf!«
Flann machte einen raschen Schritt auf ihn zu und nahm ihm mit der geschickten Bewegung eines Mannes, der im Umgang mit einer solchen Waffe wohlvertraut ist, das Schwert aus der Hand. Als Biarki es ihm mit wütendem Grollen wieder entreißen wollte, widersetzte er sich nicht, hielt die Waffe jedoch immer so, dass der andere sie, wollte er sie packen, nur an der Spitze hätte fassen können. Nachdem Biarki missmutig von seinen Versuchen, das Schwert wieder an sich zu bringen, Abstand genommen hatte, betrachtete der Leibeigene es mit prüfendem Blick.
»Ich weiß sehr wohl, dass ich in deinen Augen zu nicht viel mehr tauge als Köderfisch zurechtzuschneiden, Biarki. Aber vielleicht lernst du eines Tages noch, dass ich auch noch andere Fähigkeiten besitze. Könntest du wie ich Bücher lesen und hättest du mit Mönchen gesprochen, anstatt sie abzuschlachten, dann wärest du klüger.
Ich habe auf der Heiligen Insel unter dem Seligen Aldwith studiert, und ich sage dir, diese Zeichen sind keine Runen - was auch du wüsstest, wenn du selbst dazu fähig wärst, Runen zu ritzen.
Diese Inschrift hier wurde von einem römischen Schmied auf ein römisches Schwert eingraviert, und zwar für einen römischen Soldaten! Und ich sage dir auch, Biarki, zu deiner weiteren Unterweisung, dass gegen dieses Schwert deine Axt und dein Schild völlig machtlos wären. Zu seiner Zeit war es die fürchterlichste Nahkampfwaffe, die es auf der ganzen Welt gab! Die Inschrift lautet Sechste Legion - Victrix.
Ich weiß ebenso wenig wie du, wie dieser Mann hierhergekommen ist, aber ich würde mich hüten, ihn so zu verhöhnen, wie du es mit mir zu tun pflegst, solltest du ihm jemals im Zweikampf gegenüberstehen. Deine Dummheit und Ignoranz können dir sonst noch einmal zum Verhängnis werden!
Wenn er ein Legionär war, dann muss der Sidhe ihn geschützt haben, denn nun, zur Regierungszeit Haralds des Blonden, vor dem ihr aus Norwegen geflohen seid, zählen wir Christen das Jahr des Herrn 873.
Nun ist mir jedoch aus meinen Büchern, über die ihr ja so geringschätzig lächelt, bekannt, dass das mächtige Rom im Jahre 516 zusammenbrach. Danach ging nie wieder ein römischer Soldat auf Raubzug. Und sollte dieser hier nicht zu den Verwandten Methusalems zählen - was, wie mir scheint, nicht der Fall ist -, dann gibt es nur eine Erklärung, nämlich die, dass er wohl an die dreihundert Jahre im Eis eingefroren war!«
Man kann nicht wissen, was in diesem Augenblick in Biarkis unberechenbarem Hirn vorging; jedenfalls ließ seine scharlachrote Gesichtsfarbe auf einen kurz bevorstehenden Wutausbruch von katastrophenartigen Ausmaßen schließen. Obwohl Flann ihn keinen Moment aus den Augen ließ, bereit, sofort mit dem Schwert zuzustoßen, falls Biarki sich auf ihn stürzte, wäre er im Falle eines Angriffs angesichts der Bärenkräfte Biarkis mit Sicherheit nicht ungeschoren davongekommen.
Skeggi ließ den Blick vom einen zum anderen wandern. Offenbar hatte er nicht die Absicht, sich einzumischen, egal, was passieren würde. Einen Augenblick lang herrschte gespannte Stille; die Nerven aller waren zum Zerreißen gespannt. Umso mehr waren sie erschrocken, als plötzlich eine wütende, gebieterisch tönende Stimme in die Stille hineinbrach.
Alle drei fuhren wie vom Donner gerührt herum. Vor ihnen stand Thyra, aber es war nicht die wirkliche Thyra - nicht die, wie sie sie bisher gekannt hatten. Die seltsam klingende Stimme, die sie in den Gletscher geführt hatte, hatte noch immer diesen metallenen, glockenähnlichen Klang, doch war es nun nicht mehr das fein perlende Geläut goldener Glöckchen, sondern das harte Tönen von Eisen.
»Wollt ihr zusehen, wie der Körper dieses Mädchens langsam erfriert, während ihr wertlosen Kreaturen euch herumstreitet? Wenn sie stirbt, dann stirbt der Mann mit ihr, und er soll nicht sterben, denn sonst werdet auch ihr mit ihm in den Tod gehen, so wahr ich hier stehe! Und bevor ich zulasse, dass die beiden sterben, werde ich eher ihre Leiber mit eurem Blut wärmen! Beeilt euch! Ich brauche sofort etwas zu essen für das Mädchen! Ich brauche ein Dach über dem Kopf und ein Feuer, damit mein Mann wieder zum Leben erwacht! Los, besorgt Holz, schafft Felsbrocken her, hackt Pfähle zurecht und hebt eine Grube aus! Wenn ihr damit fertig seid, werde ich euch weitere Anweisungen geben. Und nun geht los und beeilt euch!«
Skeggi blies die Backen auf und glotzte seine Tochter ungläubig an. Bevor er jedoch dazu kam, etwas zu erwidern, hatte sie schon mit einer blitzschnellen Bewegung Flann das Schwert aus der zitternden Hand gerissen und machte einen drohenden Schritt auf ihren Vater zu.
Und nun trottete auch Skeggi brav wie ein Lamm hinter den anderen her.
Nachdem sie, dem Fluss folgend, die Anhöhe aus scharfkantigem, erstarrtem Lavageröll hinaufgestiegen waren, kamen sie auf eine große Wiese. Auf dieser Wiese wuchs wilder Hafer, und als sie näher kamen, flog direkt vor ihren Augen ein erschreckter Schwarm Seehühner auf. Als nächstes entdeckten sie die Spuren eines Flusses.
Als sie sich einem stillen Teich näherten, blieb Flann stehen und gab den anderen durch Zeichen zu verstehen, dass sie sich so ruhig wie möglich verhalten sollten. Dann trat er vorsichtig einen Schritt vor, beugte sich behutsam über das Wasser und ließ seine Hand ganz langsam unter eine große Forelle gleiten, die unbeweglich im Wasser schwebte, wobei sich ihre Flossen kaum merklich bewegten, gerade so schnell, dass sie ihre Stellung gegen die träge Strömung des Wassers halten konnte. Mit einer raschen Bewegung warf sie Flann auf das Ufer. Er ging dabei so geschickt vor, dass sich die Wasseroberfläche kaum kräuselte. Bevor die anderen Fische sich der Gefahr bewusst wurden und mit ein paar schnellen Schwanzbewegungen in tiefere, sicherere Gewässer davonschossen, hatte er schon drei weitere auf dieselbe Weise aus dem Wasser geholt. Dann knüpfte er seinen Fang an einen Weidenzweig und ging, die Fische über der Schulter tragend, weiter, die Wiese zu erkunden.
Überall wuchsen wilde Blumen. Ihre kleinen, zierlichen Blüten verströmten einen köstlichen Duft. Auch wilde Heidelbeeren und Brombeeren gab es in Hülle und Fülle. Sie pflückten ein paar davon, während sie weitergingen, hielten sich aber nicht lange damit auf, da die Zeit drängte. Zwar waren die Tage um diese Jahreszeit lang, aber noch hatten sie die Nacht vor sich, und die würde kalt werden.
Auf dem Hang des nächsten Hügels, aus dessen Richtung kommend sich der Strom, der in dem in der Ferne aufblitzenden Gletscher entsprang, durch die Landschaft wand, wuchsen noch mehr Weiden und Wacholderbüsche. Dort gab es auch ein kleines Gehölz von Birken, von denen keine höher als zwölf Fuß war.
Als sie die Wiese überquerten und auf die Bäume zuschritten, scheuchten sie einen weiteren Schwarm Schneehühner auf. Skeggi warf mit einem Stock nach ihnen und erwischte zwei von ihnen. Erfreut band er sich den unverhofften Fang an den Gürtel. Als sie an einem Sumpf entlanggingen, sahen sie, dass das Wasser, mit dem sich sofort die tiefen Fußabdrücke füllten, die sie hinterließen, schmutzig-braun von Torf war.
Biarki ließ seinen Blick umherschweifen. Das Land war gut, und es schien unbewohnt zu sein. In Gedanken schätzte er seinen Reichtum ab. Es gab Steine genug für Mauern und Tiergehege. Das Land war hervorragend für die Schafhaltung geeignet. Es bot exzellente Weidegründe für Kühe und Pferde. Und da auch die Gewässer nur so von Fischen zu wimmeln schienen und ganze Schwärme wilder Wasservögel ständig über ihre Köpfe hinwegbrausten, würde es auch an Fleisch und Eiern niemals mangeln. Hier und da nisteten fette Eidergänse. Auch Robben hatte er gesehen, und er liebte Robbenfleisch über alles! Vielleicht gab es weiter hinten im Hochland auch Wild; bisher hatte er jedoch noch keinerlei Anzeichen dafür entdecken können.
Ein Haus würde er nicht bauen, nein. Das würde er anderen überlassen. Er spitzte nachdenklich die Lippen. Sein Gehirn arbeitete immer etwas langsam, nicht so wie das von diesem scharfsinnigen, spitzzüngigen Knecht, der ihn immer seine Überlegenheit auf so erniedrigende Art und Weise spüren ließ! Sobald das Haus fertig wäre, würde er Flann töten. Ein Grund dafür fände sich schon. Er hatte nie Schwierigkeiten gehabt, so wütend zu werden, dass er Lust hatte, den verdammten Leibeigenen umzubringen.
Skeggi aus dem Weg zu räumen, war da schon schwieriger. Aber Unfälle passierten ja schließlich immer wieder mal. Wer weiß - vielleicht würde er eine Klippe hinunterstürzen oder aus dem Boot fallen. Natürlich musste das so geschehen, dass seine Tochter davon nichts mitbekam.
Und dann würde dies ganze wunderbare Land ihm allein gehören! Und auch Thyra würde ihm gehören, ihm ganz allein! Er war sich ihrer nie ganz sicher gewesen, denn das Eheversprechen, das er als Faustpfand in der Hand hielt, kam nicht von ihr, sondern von ihrem Vater.
Ach, sollte doch Loki die ganze Sippschaft holen! Aber da war ja noch der Fremde! Den hatte er völlig vergessen! Nun, wenn er wirklich noch nicht tot war, dann würde er, Biarki, schon dafür sorgen, dass er es bald wäre. Sein Gesicht lief rot an, und seine kleinen Schweinsaugen verengten sich zu Schlitzen. Der Fremde würde sterben, sobald sich eine günstige Gelegenheit bot, ihn aus dem Wege zu schaffen. Vielleicht würde er ihm schon diese Nacht den Kopf abschlagen, wie er es ja schon einmal vorgeschlagen hatte. Den anderen würde er erzählen, dass der Tote kein Mann sei, sondern ein Troll, der ihn während des Schlafes überfallen und angegriffen habe. Und das Gegenteil würden sie ihm niemals beweisen können, denn den Kopf wollte er ganz schnell ins Meer werfen.
»Biarki! Setz deine lahmen Knochen ein bisschen in Trab! Oder bist du vielleicht im Sumpf steckengeblieben? Macht dir wohl Spaß, uns beim Arbeiten zuzuschauen, was? Beweg deinen hässlichen Wanst ein bisschen und komm her zu uns!«
Es war Skeggi, der ihn auf solch freundliche Art und Weise dazu aufforderte, nicht so dumm herumzustehen. Flann hingegen lachte bloß. Biarki, der stolze Landeigentümer in spe, fuhr wie von einer Wespe gestochen aus seinen Träumereien auf. Dann beeilte er sich, den anderen nachzuklettern, die oben auf dem Hügel standen und schon einen ansehnlichen Stapel Pfähle abgehackt und zurechtgestutzt hatten.
Er beugte sich hinunter und hob einen Armvoll davon auf. Dann straffte er sich und schaute die Anhöhe hinunter. In diesem Moment sah er weit hinten im Westen, hinter einer Landzunge, die vermutlich eine Bucht verdeckte, kleine Rauchwölkchen aufsteigen, und im gleichen Moment wusste er, dass das Land doch nicht so menschenleer war, wie er geglaubt hatte.
Er senkte hastig den Blick, so als fühle er sich ertappt, und schwieg. Hoffentlich hatten die anderen nichts gemerkt. Allem Anschein nach waren sie zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, um sich die Umgebung genauer anzuschauen, denn keiner von ihnen erwähnte den Rauch auch nur mit einem Wort.
Als sie wieder unten auf der Wiese angelangt waren, stellte Biarki erleichtert fest, dass keinerlei Fußspuren zu sehen waren. Er konnte also noch immer seinen Plan verwirklichen. Er musste ihn nur etwas schneller als ursprünglich vorgesehen in die Tat umsetzen. Und so wie die Dinge standen, sah es ganz so aus, als würde er sich sein Haus selber bauen müssen.
Unten, im sicheren Schutz der Klippen, machte sich Thyra unterdessen an dem Fremden zu schaffen, der ihr so viel mehr zu bedeuten schien, als man normalerweise hätte annehmen sollen. Mit einer Kraft, die die anderen ihr niemals zugetraut hätten, schleppte sie ihn an eine Stelle, wo die Sonne noch einigermaßen warm herabschien.
Als nächstes fertigte sie ein Bündel aus blühendem Thymian und schob es ihm behutsam als Kissen unter den Kopf. Obwohl im Boot reichlich Felle vorhanden waren, ließ sie sie für einen späteren Zeitpunkt dort liegen. In den Strahlen der Sonne liegen Kraft, Wärme und Leben, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er all dies im Überfluss bekäme.
Sie strich ihm voller Zärtlichkeit über das Haar und legte ihre warme Hand auf seine Wange. Sie war geschmeidig, doch so schrecklich kalt. Seine Wimpern waren mit Frost überzuckert, und als sie ihn anblickte, sah sie, wie sich eine kleine Flocke davon löste und herunterfiel. Sie glaubte gesehen zu haben, wie sein Augenlid zuckte, war sich dessen aber nicht ganz sicher.
»Oh, komm doch! Oh, komm doch zu mir zurück!«, rief sie flehend und machte sich wieder an die Arbeit.
In der Ferne hörte sie den kalten Wind leise heulen, und als sie hochschaute, sah sie die Vögel in großen Schwärmen vom Meer zu ihren Nistplätzen zurückkehren. Zu dieser Jahreszeit gab es zwar keine richtige Nacht, aber kalt würde es werden - bitter kalt. Doch während dieses eisigen Zwielichts, bis der Morgen kam, würde sie es ihm nicht bloß warm machen, sondern so heiß, wie es ein Mensch eben noch aushalten konnte. Dann würde er wieder zum Leben erwachen! Und dann würde auch sie endlich wieder lebendig sein - für ihn! Nach diesem Augenblick sehnte sie sich mit solch inbrünstiger Leidenschaft, dass sie Angst hatte, ihr könne vor Freude das Herz zerspringen, und sie zwang sich zur Ruhe.
Dann sammelte sie Borken, Reisig und Blätter. Diese zerbrach und zerriss sie in ihren Händen zu kleinen Stückchen und schichtete sie neben einer großen, ebenen Fläche aus Lavasand zu einem Häufchen auf. Als nächstes suchte sie oberhalb der Flutmarke nach trockenem Treibholz. Hiervon gab es im Überfluss, da der Golfstrom, der diese nördlichen Gestade umspülte, reichlich Treibgut aus Regionen wärmeren Klimas heranschwemmte. Auch die schichtete sie zu einem großen Haufen auf, und als sie damit fertig war, begann sie, Steine zu sammeln.
Scharfkantige Lavabrocken, Basaltklumpen, dicke, runde Brocken Fels, die irgendwann einmal aus einem entfesselten Krater hoch in den Himmel gespien worden waren - all diese Schätze, die einst vom Höllenfeuer im Innern der Erde getauft worden waren, sollten nun ein zweites Mal mit dem Feuer in Berührung kommen. Doch woher die Flamme nehmen, derer es bedurfte, ein solches zu entzünden?
Die alte Thyra hätte mit einem Feuerstein gegen Stahl geschlagen, mit dem daraus entstehenden Funken Zunder in Brand gesetzt und somit in wenigen Sekunden ein hübsches Feuerchen entfacht. Die neue Thyra kannte diese Methode auch, aber Skeggi hatte die Schachtel mit dem Zunder bei sich, und er war nicht da. Sie überlegte, ob sie einfach die Feuersteinaxt und das stählerne Schwert zu diesem Zwecke benutzen sollte. Zwischen ihren Augen, an der Nasenwurzel, bildeten sich zwei Konzentrationsfältchen. Dann hellte sich ihr Blick auf.
Sie zog die Rechte des Fremden zu sich heran und streifte ihm den Ring ab. Da seine Hände zur Faust geballt waren, war der Ring den Blicken der Männer entgangen. Inzwischen jedoch hatte sich die Starre gelöst, die Hände hatten sich geöffnet, und es gab keine Probleme, ihm den Ring vom Finger zu ziehen. Er fühlte sich sehr warm an, wie er so auf ihrer Handfläche lag, und sie ließ ihn zwischen den Fingern hin und her gleiten, während sie überlegte und sich plötzlich wieder erinnerte.
Richtig, er hatte ihr gesagt, dass der Ring warm würde, sobald ihm Gefahr drohte. Bedeutete das also, dass er jetzt in großer Gefahr schwebte? Nun, sie würde schon dafür sorgen, dass er so geschützt sein würde wie noch nie zuvor!
Sie hob etwas von der zerriebenen Borke von der Erde auf, hielt sie in der Hand und legte den Ring darauf. Die Sonne schien durch den Stein, mit dem der Ring verziert war, hindurch und zauberte einen winzigen, hellen Lichtpunkt auf das Pulver in ihrer Hand. Doch da es feucht war, fing es nicht an zu glimmen.
Für einen Moment wichen alle Kraft und alles Gebieterische aus ihrem Gesicht. Sie schien jetzt nicht mehr als ein kleines, hilfloses Mädchen zu sein - allein und von seinen Freunden verlassen.
Hätte Flann sie jetzt sehen können, er hätte sie für niemand anderen als die kleine Thyra Skeggisdatter gehalten, die er seit so vielen Jahren kannte.
Sie schloss die Augen. »Oh, Quetzalcoatl, Herr der Winde! Wenn du jemals deinen Patensohn geliebt hast, dann stehe ihm jetzt, in dieser Stunde, bei!«
Ein sanfter Windhauch strich über ihre Hand, fast einer Liebkosung gleich. Der Ring verwandelte sich in einen winzigen, hell leuchtenden Kreis aus Licht. Der Zunder in ihrer Handfläche fing an zu glühen und zu qualmen. Vorsichtig legte sie die winzige Glut auf das Häufchen aus Reisig und zerkrümelter Rinde und blies darauf.
Ein Flämmchen flackerte auf. Vorsichtig fütterte sie es mit Brennholz, bis es zu beachtlicher Größe gewachsen war. Begierig verschlang die Flamme nun die Holzstückchen, die sie nachwarf. Schon stieg eine dünne Rauchfahne empor.
Sie klatschte in die Hände und lachte voller Fröhlichkeit, wobei sie mit anmutigem Schwung den Kopf in den Nacken warf. Sie war sehr schön anzusehen in ihrer Freude und ihrem Glück. Der Ring war jetzt wieder erkaltet, und sie steckte ihn zurück auf die schlaffe, kalte Hand des Mannes. War die Gefahr gebannt? Es schien ganz so.
Plötzlich entstand in der Gischt am Fuße des Wasserfalls ein Regenbogen, gleichsam wie ein verheißungsvolles Symbol, das ihr versprechen wollte, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen würden. Sie schaute ihn an und senkte demütig den Kopf.
»Ahuni-i! Geist der Woge! Vergib mir! Ich weiß, dass du bei mir bist. Ich werde nicht wieder zweifeln!«
Und erneut ging eine Woge von Lebenskraft durch ihren erschöpften Körper. Sie schürte das Feuer und warf große Holzstücke hinein, bis die Hitze sie zurücktrieb. Dann legte sie die Steine in die Flammen. Das Feuer toste und prasselte. Funken stoben in die Luft, und die Glut ließ die Steinbrocken langsam rot werden. Sie schimmerten vor Hitze und Meersalz - rot und grün und blau.
Schließlich hatte sie nicht mehr die Kraft, ihren ermatteten Körper aufrecht zu halten. Erschöpft sank sie zu Boden und starrte müde in die Glut, die jetzt schon eine weißliche Färbung angenommen hatte. In diesem Zustand der Stumpfheit fanden sie die Männer vor, als sie mit den Pfählen und der Jagdbeute zurückkehrten.
Nach dieser kurzen Ruhepause erwachte sie noch einmal zu neuem Leben, und obwohl auch die Männer nach all den Anstrengungen des Tages müde und erschöpft waren, gab sie ihnen erneut Anweisungen.
Auf ihr Geheiß hin gruben sie eine breite, flache Vertiefung in den Sand. Dann trieben sie rings um diese Mulde die Pfähle tief in den Boden, und zwar so, dass sie nach innen geneigt standen und sich an der Spitze trafen. Als nächstes hieß Thyra sie, die Pfähle oben zusammenzubinden.
Die Männer fragten sich neugierig, wozu diese merkwürdige Konstruktion wohl gut sein sollte, aber der seltsame Zauber, der auf Thyra lag, schien erneut sehr stark zu sein, und sie hatte auch wieder diesen seltsamen Blick. Aus diesem Grunde zogen sie es vor, sie besser nicht danach zu fragen. Nur Flann konnte seine Neugierde nicht beherrschen; und wahrscheinlich war er auch der einzige von den dreien, der überhaupt mit einer Antwort rechnen durfte. Schließlich war er derjenige gewesen, der ihr als erster in den Eistunnel gefolgt war - von den anderen beiden nahm sie augenscheinlich überhaupt keine Notiz.
»Eine Hütte?« Sie schien mit diesem Wort nichts anfangen zu können. »Nein, keine Hütte - was ist das überhaupt; eine Hütte? Ein Schwitzhäuschen der Abenaki - dem Volk der Morgendämmerung! Beeilt euch, Männer!«
Und wie sie sich beeilten! Als nächstes legten sie das Segel über die Pfähle. Dann warfen sie den Sand, den sie beim Graben der Vertiefung gewonnen hatten, ringsherum auf den Rand des so entstandenen zeltförmigen Gebildes. Dann holten sie die glühenden Steine aus dem Feuer, legten sie in die Vertiefung, verteilten sie gleichmäßig, bedeckten sie mit heißem Sand, den sie unter dem Feuer hervorgruben, und verteilten weiches Heidekraut über das Loch. Schon bald bauschte sich das Segel durch die im Innern des Zeltes entstehende Hitze nach allen Seiten aus.
Nun legten sie Kleider auf das Heidekraut, mit der Fellseite nach oben. Als sie damit fertig waren, trugen sie den Mann aus dem Gletscher herein und legten ihn in die Mitte des Zelts auf die Felle.
Das Mädchen kam herein und gab den anderen ein Zeichen, zu verschwinden. Dann ließ sie den nach außen eingeschlagenen Rand des Segeltuchdaches herunter, und das Zelt war so gut wie hermetisch verschlossen. Als sie sich ebenfalls gerade erschöpft neben dem Mann auf den Rücken gelegt hatte, trat auch Skeggi herein. Mit einer Mischung aus Neugierde und Verwunderung starrte er sie an.
Zunächst schien sie ungehalten, doch dann lächelte sie und streckte einladend die Hand aus. Er nahm sie und kauerte sich neben sie. Schweigend schauten sie sich eine Weile an.
Skeggi gingen mehrere Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Er fühlte sich verwirrt. War dieses seltsam verhext scheinende Mädchen noch seine Tochter? Wenn nicht, wer oder was war sie dann? In fremden Ländern passierten oft die merkwürdigsten Dinge; das wusste er aus den Erzählungen von Männern seines Volkes, die weit herumgekommen waren. Auf merkwürdige Dinge hatte er sich daher auch gefasst gemacht, als der Wind sie aus den heimatlichen Gewässern abgetrieben hatte. Doch dies hier grenzte schon an ein Wunder. Die Skalden und Sagenerzähler hatten schon von den seltsamsten Ereignissen berichtet, doch so etwas, wie er es jetzt hier erlebte, hatte er noch nie gehört.
Nur wenn sie lächelte, schien sie sein Töchterchen zu sein, das er liebte. Dennoch - das Feuer und die ungeheure Lebenskraft, welche sie heute an den Tag gelegt hatte, fesselten ihn auf eine seltsame Weise. Ja, er bewunderte sie fast. Mit welcher Sicherheit und Bestimmtheit sie sie geführt hatte, und wie genau sie wusste, was zu tun war in diesem fremden, menschenleeren Land, das keiner von ihnen je zuvor gesehen, geschweige denn betreten hatte! Es war geradezu so, als ob sie schon oftmals hier gewesen wäre - ja, man hätte beinahe glauben können, sie habe gewusst, dass der Mann dort in dem Gletscher lag, und nur den rechten Zeitpunkt abgewartet, zu dem sie ihn herausholen konnte!
Aber wie war das möglich? Sie waren doch niemals voneinander getrennt gewesen, weder in Norwegen noch auf den Färöern - niemals seit ihrer Geburt! Doch nun gebrauchte sie plötzlich fremde, seltsam klingende Worte und Namen, sprach von Völkern und Ländern, die er, Skeggi, niemals zuvor gehört hatte, gab Anweisungen und Befehle, als wäre sie eine Königin - oder gar eine Göttin!
Skeggi war ein einfacher Mann, aber er war grundehrlich und hatte ein gutes Herz. Alles was sie bisher getan hatte, war in seinen Augen gut und recht gewesen. Und daher musste auch das, was sie nun tat, richtig sein, weil sie seine Tochter war, sobald sie lächelte - und sie lächelte noch immer.
Er gab ihr einen Kuss, und sie erwiderte ihn warm und liebevoll. Er ließ ihre Hand los und legte sich auf die andere Seite neben den Mann. Dann seufzte er tief. Und gleich darauf schlief er ein, erschöpft von den Anstrengungen, die dieser bemerkenswerte Tag mit sich gebracht hatte.
Keiner von ihnen hatte etwas gegessen, wenn man einmal von den paar Brombeeren absah, die Skeggi unterwegs gepflückt und sogleich verzehrt hatte. Trotzdem hatte das Mädchen keinen Hunger. Die Aufregung hatte die Bedürfnisse des Leibes in den Hintergrund treten lassen. Und nun, wie sie so dalag, benommen von der wohltuenden Wärme, wich allmählich die Erregung aus ihrem Körper, und sie hatte Mühe, die Augen geöffnet zu halten.
Wie aus weiter Ferne hörte sie draußen in der Kälte Biarki und Flann miteinander herumzanken. Sie wusste, dass die beiden dabei waren, die gefangenen Vögel und Fische auszunehmen. Vielleicht würden sie essen. Vielleicht würden sie sich nach dem Essen unter dem kieloben auf dem Strand liegenden Boot schlafen legen. All dies schien ihr im Moment ziemlich belanglos. Sie hatte das, was sie wollte, und wie lange hatte sie darauf warten müssen, sich danach verzehrt! Wie hoffnungslos ihr das Warten manchmal erschienen war! Und nun war er da, und sie hatte ihre Arme fest um seinen Leib geschlungen! Er gehörte ihr, und endlich konnte sie ihn an sich drücken, ihn festhalten!
Mit bebenden Fingern rollte sie ihn behutsam von einer Seite auf die andere, bis sie es schließlich geschafft hatte, ihm die ärmellose Weste auszuziehen. Fast schwanden ihr dabei die Kräfte, so müde und erschöpft war sie. Sie hatte das Gefühl, als sei sein Körper schon ein wenig wärmer geworden. Als nächstes zog sie ihm das weiche Lederhemd über den Kopf. Sie glaubte, ein schwaches Pochen in seinen Schläfen zu fühlen, aber noch gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass sein Herz wieder schlug.
Sie streichelte seine muskulösen Arme und ließ ihre Finger über ihr noch gut in Erinnerung gebliebene Narben auf seinem Oberkörper gleiten. Hier, diese lange Schramme über den Rippen zum Beispiel - dort hatte sich einst eine Lanze hineingebohrt. Und jene Krallennarben auf seinem Rücken - da hatte ihn einst ein Puma erwischt, damals, als sie zusammen beim Volk der Morgendämmerung gelebt hatten. Der Name des Volkes rührte daher, dass es von allen roten Völkern des Nordens auf dem Kontinent Alata des Morgens als erstes die Sonne aufgehen sah.
Ach, Ahuni-i! Wie leicht hätte es sein können, dass sie sich niemals wiedergesehen hätten, wäre nicht seine Magie so stark und ihre Göttin so gnädig.
Ein Schauer durchlief ihren Körper bei diesem Gedanken. Erneut umschlang sie ihn mit den Armen. Spürte sie da nicht eine Bewegung? Eine ganz winzige nur? Sie küsste ihm zärtlich den Nacken, und ihre Augen wurden feucht.
So also weinten menschliche Wesen! Beinahe hatte sie es schon vergessen.
Warum fühlte er sich nur so kalt an - so entsetzlich kalt?
Sie öffnete den Kragen ihres wollenen Hemdes und öffnete die Schnüre, die ihr Kleid vorne zusammenhielten. Sie schlug es weit auf, hüllte ihn und sich selbst damit ein und schmiegte ihren wannen, nackten Leib an seinen nackten Rücken. Dann schlang sie ihre Arme um seinen Körper, presste die Handflächen auf sein stummes Herz und drückte ihre Wange gegen die seinige - still lagen sie da, ihre Leiber zu einem vereint.
Mehr konnte sie nicht tun. Die einzige Magie, über die sie verfügte, war ihre Liebe - sie besaß kein Zaubermittel außer ihren Gebeten zu einer Göttin, die man auf einem Kontinent verehrt hatte, der vor langer Zeit in den Tiefen des Meeres versunken war und an die sich außer ihr selbst niemand mehr erinnerte. Seine Kälte drang langsam in Thyras Körper, der nicht mehr gänzlich Thyra gehörte, unterkühlte ihn bis auf die Knochen, und ihr Herzschlag wurde langsamer, als die Körpertemperatur sank und der Kreislauf fast zum Stillstand zu kommen schien. Als schließlich die Bewusstlosigkeit kam, wusste sie nicht, ob sie in einen tiefen Schlaf fiel oder in einen gnädigen, doch einsamen Tod.
In diesem Augenblick erwachte die wirkliche Thyra Skeggisdatter, die bis zu diesem ereignisreichen und denkwürdigen Tag jenen Körper mit niemand anderem geteilt hatte, wie aus einem Traum. Das erste, was ihr ins Bewusstsein drang, war das Gefühl, in dem Körper wie in einem Kerker eingeschlossen zu sein. Es ist schrecklich, wenn man erkennen muss, dass ein Körper, dessen Vorhandensein man immer als etwas Selbstverständliches empfunden hat, am Ende nichts weiter als ein Transportmittel des Bewusstseins ist, dass zwischen ihm und dem Ich eine Trennung existiert.
Sie hatte das Gefühl, nur noch eine Mücke oder eine winzige Motte zu sein, die verzweifelt umherflatterte, um ins Freie zu gelangen, und die immer hilflos gegen eine undurchdringliche Wand stieß. Sie wusste, ohne zu wissen, wie es möglich war, dass sie es wusste, dass dieses hilflose Ding, das da gefangen war, ihr wirkliches Ich war, jene wahre Essenz des Seins, von den Menschen in Ermangelung eines besseren Namens Seele genannt.
Sie war gefangengenommen und beiseite gestoßen worden. Sie war in ihrem eigenen Körper eingesperrt - so sicher und unentrinnbar, als hätte ein Wikingerführer eine Burg eingenommen und ihren Herrn ins Verlies geworfen, wo er schmachten musste, bis der Eroberer entschieden hatte, was mit ihm geschehen sollte.
Sie hatte große Angst. Irgendwie konnte sie das Gefühl nicht loswerden, dass der neue Bewohner ihres Körpers ihre Furcht spürte und sich daran ergötzte. Sie spürte, dass eine ruhige, besänftigende Stimme zu ihrer Seele sprach. Das kleine, zitternde Etwas, das ihr Ich war, wurde von Wärme eingehüllt. Sie spürte ein Gefühl von Frieden und Ermutigung.