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Hinter einer unscheinbaren Mauer verbirgt sich ein uraltes Schloss und ein Geheimnis, das das Leben von Selina und ihren Freunden für immer verändern wird. Als die zwölfjährige Selina und ihr Bruder Benedict auf das rätselhafte Geschwisterpaar Levi und Amara treffen, beginnt ein Abenteuer voller Magie, Freundschaft und Prüfungen. Bald schließen sich Mateo, Yui und weitere Kinder an, eine bunte Gemeinschaft, die lernen muss, zusammenzuhalten. Doch das Schloss stellt sie vor Herausforderungen, die nicht nur Mut, sondern auch Vertrauen erfordern. Die Katzen Selene und Kaspar wachen über sie, während sich ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit offenbart. Das Schloss hinter der Wand ist ein modernes Märchen über Zusammenhalt, Vielfalt und die Kraft, an das Unmögliche zu glauben, für Leserinnen und Leser ab 10 Jahren.
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Seitenzahl: 301
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Widmung
Für mich – weil ich jede Seite mit Herz gefüllt, jede Hürde genommen und jede Tür geöffnet habe, die nur für mich bestimmt war.
Und für euch, liebe Leserinnen und Leser – möge dieses Buch euch daran erinnern, dass Magie überall dort entsteht, wo wir lachen, hoffen und nicht aufgeben.
Inhaltsverzeichnis
Prolog – Das Flüstern der Mauern
Kapitel 1 – Die neuen Nachbarn
Kapitel 2 – Der Hof der Geheimnisse
Kapitel 3 – Freundschaft auf Probe
Kapitel 4 – Ein Arzt voller Zweifel
Kapitel 5 – Wenn Gemüse nicht welkt
Kapitel 6 – Die unsichtbare Tür
Kapitel 7 – Stimmen in der Nacht
Kapitel 8 – Erste Spuren des Schlosses
Kapitel 9 – Das Flüstern der Steine
Kapitel 10 – Die Stimme im Traum
Kapitel 11 – Das erste Geheimnis des Schlosses
Kapitel 12 – Der verborgene Schlüssel
Kapitel 13 – Das erste Öffnen
Kapitel 14 – Stimmen der Vergangenheit
Kapitel 15 – Das Schloss hinter der Wand
Kapitel 16 – Der Garten der Sterne
Kapitel 17 – Das Gästehaus im Verborgenen
Kapitel 18 – Der geheime Weg
Kapitel 19 – Der Zauberladen bei Nacht
Kapitel 20 – Ein Dorf in Bewegung
Kapitel 21 – Geheimnisse der Dorfbewohner
Kapitel 22 – Der misstrauische Arzt
Kapitel 23 – Die Botschaft im Schloss
Kapitel 24 – Das erste Geheimnis der Erwachsenen
Kapitel 25 – Erste Schritte mit Magie
Kapitel 26 – Wenn das Dorf zu flüstern beginnt
Kapitel 27 – Ein Funke Streit im Dorf
Kapitel 28 – Die Nacht des großen Gesprächs
Kapitel 29 – Die verschobene Straße
Kapitel 30 – Das Netz, das zurückzauberte
Kapitel 31 – Die Tür, die zwei Küchen kannte
Kapitel 32 – Der Urlaub, den niemand bemerkte
Kapitel 33 – Funken im Alltag
Kapitel 34 – Das Fest aus Licht und Luft
Kapitel 35 – Der Sturm im Lichterhain
Kapitel 36 – Der Duft von Mut
Kapitel 37 – Zauber zwischen Marktständen
Kapitel 38 – Der Drache und das Versprechen
Kapitel 39 – Das Gästehaus im Mondlicht
Kapitel 40 – Zwischen den Welten
Kapitel 41 – Der Ruf des Flusses
Kapitel 42 – Die Schule der neuen Geschichten
Kapitel 43 – Die Wahrheit der Katzen
Kapitel 44 – Die erste Mission
Kapitel 45 – Die letzte Entscheidung
Epilog – Der neue Morgen
Nachwort der Autorin
Danksagung
Glossar der Magischen Dinge
Ausblick
Über die Autorin
Es heißt, Mauern hätten keine Stimmen.
Aber in jener Nacht, als der Wind wie eine leise Geige durch die Reihen der Rebstöcke strich und der Mond eine dünne Silberhaut über Dachziegel, Wasser und Fensterrahmen legte, war etwas wach auf dem Hof – etwas, das lauschte.
Das Haus stand da wie eine Figur aus Licht und Schatten: ein Architektenhaus mit klaren Linien und warmen Holzwangen, gebaut von Händen, die den Lärm der Großstadt hinter sich gelassen hatten. In seinem Herzen gab es einen Punkt, den niemand kannte außer einer Familie – eine Stelle, an der die Luft dichter war, als trüge sie unsichtbare Fäden. Wer zufällig dort entlangging, spürte vielleicht ein Kitzeln auf der Haut, als sei man durch ein Spinnennetz gestreift. Wer jedoch wusste, was dort lag, blieb einen Atemzug länger stehen und hörte… ein leises Klopfen, als würde ein ganz alter Schlüssel sich in einem ganz alten Schloss bewegen.
Hinter dieser Wand, die für die Welt nur eine Wand war, lag ein anderes Zuhause: ein Schloss, dessen Steine den Nachtwind wie eine vertraute Melodie atmeten. Seine Hallen rochen nach Bücherleder, nach Regen auf Stein, nach Feuer und Honig. Wenn der Mond richtig stand, kroch sein Licht durch Spalten, die es gar nicht gab, und zündete in den Korridoren kleine Sterne an – so nannte Selene sie, die schwarze Katze mit den mondhellen Augen, die in diesem Reich sprechen konnte wie ein Mensch. Kaspar, ihr Gefährte, nannte sie lieber „Wegweiser“, denn für ihn war alles ein Weg, wenn man nur neugierig genug blieb.
„Hörst du es?“, fragte Selene in die Nacht hinein, als säße jemand Unsichtbares neben ihr auf der Fensterbank des Schlosses.
„Ich höre den Wind im Wein, das Wasser im Pool und die Schritte im Arbeitszimmer“, antwortete Kaspar und ließ seinen Schweif wie eine Pendeluhr hin und her schwingen. „Magnus zeichnet wieder.“
Drüben, diesseits der Wand, stand ein Mann über großen Bögen Papier gebeugt. Magnus’ Hände waren ruhig, seine Linien gerade – doch jedes Mal, wenn er die Augen schloss, wanderten Wege auf dem Blatt ein Stück zur Seite, flossen Schienen über Hügel, die vorher nicht da gewesen waren, und fanden einen Verlauf, der das Dorf verschonte. Niemand außer ihm würde sich später daran erinnern, dass es je anders geplant gewesen war. Die Tinte trocknete, und mit ihr eine unsichtbare Entscheidung, die ein ganzes Tal aufatmen ließ.
„Du arbeitest zu spät“, sagte Emilia leise von der Tür her. Ihr Haar war zu einem Knoten gewunden, aus dem sich ein paar Strähnen gelöst hatten. An ihren Händen glänzte der Schimmer eines Kräutersuds, der nach Minze und etwas ganz Eigenem roch, das kein Labor der Welt in Zahlen fassen konnte. Auf dem Tisch neben ihr stand ein Glas mit honigfarbenem Licht – eine Tinktur, verdünnt, versteckt, ihr Geheimnis im Schatten der Vernunft.
„Nur noch diese Kurve“, murmelte Magnus, ohne aufzusehen. „Wenn sie bleibt, wo sie ist, wird es Morgenröte geben statt Baggerlicht.“
Emilia trat ans Fenster. Draußen lag der Pool wie ein Stück Nacht, das jemand vergessen hatte, einzusammeln. Für Sekunden zeigte seine Oberfläche nicht den Himmel, sondern ein gebrochenes Spiegelbild aus Türmen und Bögen. Dann wurde das Wasser wieder glatt, als wäre nichts gewesen.
„Sie bewegen sich näher heran“, sagte sie, und ihre Stimme klang, als läge darin eine Frage, auf die sie die Antwort schon kannte.
Magnus nickte, strich die Hand über das Papier und blies die Tinte trocken. „Ich weiß. Morgen fährt der erste Wagen die Straße herunter. Zwei Kinder werden zuerst aussteigen, dann vier. Und noch zwei später. Sie halten den Atem an, so wie wir damals.“ Er lächelte an der Erinnerung vorbei, als sähe er eine alte Szene wieder, die ihm den Mut gerettet hatte. „Die Welt wird für einen Moment größer.“
Emilia trat näher, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Und schwerer.“
„Und wahrer“, sagte Magnus. Dann legte er den Stift beiseite und zog sie an sich, kurz, ruhig, wie Menschen, die an denselben Traum glauben.
Im Schloss hinter der Wand sprang irgendwo eine Uhr an, die nie zur selben Zeit ging wie die weltlichen. Ihr Schlag war kein Ton, sondern ein Gefühl: das sanfte Dröhnen eines Herzens, das einen neuen Takt annahm. Selene kletterte auf die Lehne eines Stuhls und sah durch ein Fenster, das es im Grundriss nicht gab, hinunter in den Festsaal. Stühle rutschten still an ihren Platz, Kerzen richteten die Flammen, als strichen unsichtbare Hände sie glatt. Wenn Kinder kommen, dachte sie, müssen Räume bereit sein, Fragen zu beantworten. Kaspar sprang hinab, landete lautlos und tat, was er am liebsten tat: Er drückte seine Nase in eine Ecke, in der sich Geheimnisse sammelten wie Staub. Er nieste. Geheimnisse waren kitzlig.
„Du wirst dich benehmen“, sagte Selene, doch in ihrer Stimme schwang ein Lächeln. „Diesmal sind es viele. Und sie bringen Farben mit.“
„Und Geschichten“, brummte Kaspar. „Und Fehler. Ohne Fehler gibt es keine Abenteuer.“
Jenseits der Wand, in der Welt der stillen Dinge, klapperte in der Küche eine Pfanne ganz ohne Windstoß. Emilia hob eine Augenbraue. „Das Haus hat Hunger“, sagte sie und schob das Glas mit der Tinktur ein Stück weiter in den Schatten.
„Dann füttern wir es“, nickte Magnus. Er schaltete das Licht aus, und für einen Moment standen sie im Dämmer wie zwei Figuren aus einer alten Legende, ehe sie sich voneinander lösten: sie in Richtung Kräuter, er in Richtung Teller und Brot.
Der Hof hörte zu. Das Weingut warf lange Reihen dunkler Schatten über den Boden, jede Reihe wie eine Zeile in einem Buch, das man im Gehen las. Das Gästehaus atmete durch die offene Dachluke, als freute es sich auf Stimmen, die Geschichten mitbrachten und Sorgen zurückließen. Es hatte die seltsame Begabung, Kissen so weich und Träume so tief zu machen, dass Menschen am Morgen aufwachten und einen Teil ihrer Eile verloren hatten. Nicht alle – aber genug, um den Unterschied zu spüren.
Auch die Straße hörte zu. Sie führte am Dorfarzt vorbei, dessen Fenster noch brannte, obwohl die Uhr weit über den Feierabend hinaus war. Dr. Torsten Keller stützte das Kinn in die Hand und betrachtete Zahlenkolonnen, die ihm keine Ruhe gaben. Alles sprach von Kräutern und Chemie, von Mineralien im Wasser und einer saubereren Ernährung. Seine Patienten aber sprachen von etwas, das seine Tabellen nicht kannten: Nachtschlaf ohne Schmerzen, Lungen, die Luft wieder mochten, Augen, die Hoffnung fanden. Er drehte den Stift zwischen den Fingern und setzte einen Punkt hinter eine Zeile, in der eigentlich kein Punkt vorgesehen war. Es war nur ein Punkt. Doch manchmal brauchte ein Mensch genau einen Punkt, um zum nächsten Satz zu kommen.
Auf dem Hof verstummte der Wind, als hätte jemand ihn in die Rocktasche gesteckt. Die Nacht legte sich näher ans Haus und machte es wärmer. Die unsichtbare Tür war nicht mehr nur eine Stelle in der Wand. Sie war eine Aufmerksamkeit. Ein Warten. Sie erinnerte sich an Hände, die sie schon berührt hatten, und an Stimmen, die sie verstanden. Sie erinnerte sich an eine Frau mit Augen, die mehr sahen, als die Welt anbot, und an einen Mann, der Wege in den Morgen legte. Und sie erinnerte sich – und das war neu – an Kinderstimmen, die sie noch nie gehört hatte und die doch schon in ihren Steinen lagen wie Melodien, die der Komponist noch nicht aufgeschrieben hatte.
„Wie viele?“, fragte Kaspar, die Pfote auf die blanke Stufe des Treppenhauses gelegt, als wollte er zählen.
„Sechs“, sagte Selene. „Zwei von hier, vier von dort, doch alle von irgendwo, das nur sie selbst kennen.“
„Und was wollen sie?“
„Dass die Welt größer wird, ohne zu zerbrechen.“
Kaspar dachte nach. Für Katzen war Nachdenken eine ruhige Kunst; sie taten es mit dem Rücken, mit dem Schweif, mit den Ohren. „Und was wollen wir?“
Selene sah zur Wand, hinter der das Haus stand, das keine Burg war, und doch eine war. „Dass sie es schaffen.“
In der Küche löste Emilia ein Bündel Salbei. Ihre Finger bewegten sich mit einer Genauigkeit, die von Jahren und von Liebe kam. Ein Tropfen der Tinktur fiel daneben, lief über Holz und hinterließ eine Spur, die nach Sommer roch. Nicht nach dem Sommer der Kalender, sondern nach dem, in dem man den Atem anhält, weil das Gras um die Knöchel kitzelt und irgendwo jemand lacht. Sie strich den Tropfen mit dem Handrücken fort und wischte sich die Stirn. „Manchmal“, sagte sie leise in den Raum, „heilt am meisten, was niemand heilen sieht.“
Magnus stellte zwei Teller auf den Tisch, Brot, Käse, ein kleines Glas Traubengelee. Er blieb stehen, sah hinaus, dorthin, wo der Pool für einen Herzschlag wieder ein Dach und eine Turmspitze zeigte – das Gedächtnis des Wassers. „Und manchmal“, sagte er, ohne es zu merken, „rettet am meisten, was niemand retten darf.“
Es war die Art Nacht, in der Entscheidungen leiser fallen als Regen. Das Dorf schlief, und doch waren überall kleine Wachen aufgestellt: in einem Fenster, in einem Labor, in einem Herz. Die Straße machte eine Kurve und legte sie hin wie eine Einladung. Ein Fuchs stand am Rand des Weinbergs, sah zum Haus, hob die Nase und verschwand. Unter ihm arbeitete das Erdreich, nahm den Tag in sich auf, gab Wärme ab – und ein paar Spuren, die später für jemanden wichtig sein würden, der noch nicht wusste, dass er Spuren lesen konnte.
Das Schloss hinter der Wand öffnete ein Auge, so nannte Selene es, wenn ein Bogen aus Schatten ein wenig tiefer wurde und Licht darin aufglomm. In der Bibliothek raschelte eine Seite, ohne dass Wind vorhanden war. Ein Buch, das lange gewartet hatte, rückte unmerklich näher an die Kante des Tisches. Nicht, weil es herunterfallen wollte, sondern weil es gefunden werden wollte. Manchmal ist der Unterschied derselbe.
„Morgen“, sagte Selene, und das Wort war mehr Atem als Stimme.
„Morgen“, wiederholte Kaspar und setzte sich neben die Tür, in der aus Nichts ein Schlüsselloch schimmerte.
Sie warteten. Das ist die zweite Kunst der Katzen, gleich nach dem Nachdenken: zu warten, ohne zu vergessen, wofür.
Drüben, an der Wand, die in der anderen Welt nur eine Wand war, strich Emilia im Vorbeigehen mit dem Handrücken darüber, als sei es eine Gewohnheit. Vielleicht war es eine. Vielleicht war es auch ein Gruß. Vielleicht war es beides. Sie ging hinauf, das Licht hinterließ kleine Ovale auf den Stufen und verschwand dann. Magnus löschte als Letzter, blieb mit der Hand am Schalter stehen und sah einen Moment länger in die Dunkelheit als nötig. Man sah ihm an, dass er Menschen war, die in sich so etwas wie eine Wettervorhersage trugen. Die Luft kündigte etwas an, und er nickte dem, was da kam, zu, als begrüße er einen Gast.
Das Gästehaus schob die Kissen zurecht. Kein Mensch sah es, doch wenn morgen jemand an seiner Schwelle stand, würde er das Gefühl haben, das Haus hätte seinen Namen gesagt. Der Weinberg, zufrieden mit seiner Arbeit, legte den Kopf auf die Hände und tat, was Pflanzen in guten Nächten tun: wachsen. Der Pool hielt still und verbarg das, was er wusste, hinter einem Deckel aus Mond.
Ganz am Ende des Hofes, dort, wo sich die Dunkelheit etwas dichter machte, als fürchte sie, vom Morgen gefasst zu werden, stand ein alter Pfahl. In seiner Rinde steckte ein Nagel, an dem nie etwas hing. Man hätte glauben können, es sei eine Laune des Holzes. In Wirklichkeit war es ein Zeichen für die, die Zeichen lesen konnten: Hier beginnt etwas, das sich nicht beeilen will.
Die unsichtbare Tür atmete, ein Atemzug, so leise wie das Umblättern einer Seite. Sie wusste, was sie war: eine Grenze und eine Brücke. Sie würde sich nur für jene öffnen, denen das Haus seinen Schlüssel gab – nicht aus Metall, sondern aus Vertrauen. Und doch hatte sie die Gabe, die, die kommen würden, schon zu spüren, bevor ihre Schritte die Straße berührten.
Im Schloss hinter der Wand löschten sich die letzten Funken im Kamin. Selene sprang hinauf, machte aus sich selbst ein rundes, warmes Bündel und legte den Kopf auf die Pfoten. Kaspar blieb bei der Tür, die keine war, und starrte das Schlüsselloch an, als könne man mit Starren lernen, geduldig zu sein.
Nichts bewegte sich mehr. Und doch war alles in Bewegung.
In der Ferne seufzte die Nacht, als streiche jemand ihr den Rücken. Ganz hinten, hinter der letzten Kurve, floss ein leises Grollen den Asphalt hinauf – der erste Wagen, noch viele Stunden entfernt, aber schon im Ohr derer, die lauschten. Die Rebstöcke sahen einander an, soweit Rebstöcke so etwas können, und beschlossen, ausnahmsweise pünktlich zu sein. Das Haus spannte seine Balken wie ein Tier, das aufspringt, sobald man seinen Namen ruft. Die Welt hielt einen Moment den Atem an, und dann atmete sie weiter, tiefer, als ob sie sich erinnerte, dass sie Lungen besaß.
Mauern haben keine Stimmen, sagt man.
In dieser Nacht hatten sie eine.
Sie flüsterten: Komm.
Und irgendwo antworteten sechs Kinder – noch im Schlaf, noch ohne Worte –, indem sie ein kleines Stück näher rückten zu dem, was sie brauchten: ein Geheimnis, das sie behüten, und eine Tür, die sie verdienen mussten.
Selina stand am Küchenfenster und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Rahmen. Der Morgen war warm, die Sonne hing wie ein goldenes Tuch über den Weinbergen, und trotzdem schien ihr die Zeit stillzustehen.
„Sie müssten längst da sein“, murmelte sie und drückte die Stirn gegen die Scheibe.
Benedict, der auf dem Stuhl am Tisch hockte und einen Apfel kaute, hob kaum den Blick. „Wer?“
„Die neuen Nachbarn! Mama hat doch gesagt, dass heute ein Umzugswagen kommt.“
Benedict biss ab, sprach mit vollem Mund: „Vielleicht haben sie sich verfahren.“
„Man kann sich hier nicht verfahren“, erwiderte Selina. „Es gibt nur diese eine Straße durchs Dorf.“
Von der Küchentür her schob sich ein warmer Kräuterduft herein. Emilia, ihre Mutter, stellte eine Schale mit frisch gebundenem Salbei auf die Anrichte. „Es reicht, Kinder. Ihr müsst sie nicht beobachten wie ein Theaterstück. Lasst ihnen erst einmal ankommen.“
Selina verzog das Gesicht, blieb aber am Fenster. Sie hatte in den letzten Jahren zu oft gesehen, wie Menschen ins Dorf gezogen waren und bald wieder verschwanden. Entweder war es ihnen zu still, oder sie hielten das Landleben nicht aus. Freunde hatte sie kaum gefunden – höchstens für ein paar Monate.
Dann hörte sie es: ein dumpfes Grollen, das die Straße heraufkroch. „Da!“ rief sie und sprang fast so hoch, dass Kaspar, der schwarze Kater auf der Fensterbank, erschrocken die Ohren anlegte.
Ein weißer Umzugswagen bog um die Kurve, aufgeladen mit Kisten und Möbeln, so hoch gestapelt, dass Selina kurz befürchtete, er kippe gleich um. Hinter dem Wagen fuhr ein dunkelblauer Kombi, aus dem zwei Köpfe neugierig herauslugten.
„Endlich“, flüsterte Selina.
Emilia trat hinter sie, wischte sich die Hände an der Schürze ab und sah hinaus. Neben ihr stellte Magnus eine Tasse Kaffee ab, die er in der Werkstatt vergessen hatte, und brummte: „Sie sind pünktlich.“
Der Wagen hielt vor dem Haus, das noch leer war. Es lag schräg gegenüber vom Hof der Familie – ein langes Gebäude mit hellen Mauern und einem Garten, der seit Wochen darauf wartete, wieder betreten zu werden.
Die Türen klappten. Zuerst stieg eine Frau aus – hochgewachsen, mit dunkler Haut und einem breiten, warmen Lächeln. Neben ihr ein Mann mit kräftigen Armen, der sofort begann, Kisten zu schultern. Zwei Kinder sprangen aus dem Kombi: ein Mädchen mit glänzenden Zöpfen, die bei jedem Schritt wippten, und ein kleinerer Junge, der vor Energie fast platzte.
Selina sog scharf die Luft ein. „Das sind sie.“
Benedict schob sich nun doch ans Fenster, den Apfel in der Hand. „Sieht so aus, als hätten sie viel Zeug.“
„Typisch“, murmelte Magnus, „jedes Leben passt in Kisten – und füllt doch Häuser.“
Draußen ging es lebendig zu. Der Junge rannte um den Wagen herum, stolperte fast über eine Bordsteinkante und lachte so laut, dass selbst die Spatzen im Weinberg kurz verstummten. Das Mädchen aber stand stiller, blickte sich um, musterte die Umgebung mit Augen, die sofort alles aufnahmen.
„Die sind genau in deinem Alter“, stellte Benedict nüchtern fest.
„In unserem Alter“, verbesserte Selina. Sie konnte den Blick kaum abwenden.
Kaspar legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen, als wolle er durch die Kinder hindurchsehen. Selene, die auf der Lehne des Sofas eingerollt lag, öffnete nur ein Auge, gähnte und murmelte etwas, das fast wie ein Kommentar klang. Doch die Worte lösten sich in ein leises Schnurren auf – noch war es nicht Zeit, gehört zu werden.
„Kommt, wir gehen rüber“, schlug Selina vor.
Benedict zögerte. „Mama hat gesagt, wir sollen sie erst ankommen lassen.“
„Ankommen lassen, pff.“ Selina griff nach seiner Hand, doch er zog sie zurück.
„Ich geh nicht gleich rüber. Stell dir vor, die sind komisch.“
„Alle sind am Anfang komisch.“ Selina stemmte die Hände in die Hüften. „Aber wenn man wartet, sind sie weg, bevor man sie kennt.“
Emilia, die das Gespräch mit halbem Ohr verfolgte, legte einen Arm um beide. „Geht, aber seid höflich. Und wenn sie Hilfe brauchen, bietet ihr sie an. So macht man das, wenn man gute Nachbarn ist.“
Selina strahlte, Benedict seufzte, und Kaspar sprang elegant vom Fensterbrett. Er folgte den Kindern bis zur Tür, blieb dann jedoch stehen und blickte hinaus, als wolle er jede Regung der Neuen in sich aufnehmen.
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Auf der anderen Straßenseite herrschte Trubel. Der Vater wuchtete gerade eine Kiste auf den Boden, die so schwer war, dass er ins Schwitzen kam. Die Mutter lachte über seinen Kommentar, während sie kleinere Kartons aufeinanderstapelte.
„Hallo!“ rief Selina, und ihre Stimme klang lauter, als sie beabsichtigt hatte.
Die Familie wandte sich um. Das Mädchen mit den Zöpfen lächelte, der Junge grinste, als hätte er auf genau diesen Moment gewartet.
„Hi“, sagte der Mann und stellte die Kiste ab. „Wir sind Marcus und Naomi. Und das hier sind Amara und Levi.“
Selina nickte schnell, fast zu schnell. „Ich bin Selina. Das ist mein Bruder Benedict.“
Levi winkte wild. „Cooler Hof da drüben!“
„Danke“, antwortete Benedict knapp, und Selina stieß ihn mit dem Ellenbogen an.
Amara trat einen Schritt näher, schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr und sah Selina neugierig an. „Wohnst du da?“ Sie deutete auf das Haus mit den Holzbalken, dem Pool, den man durch die Reben hindurch blinken sah.
„Ja.“ Selina nickte. „Das ist… unser Zuhause.“
Für einen Moment war es still, als lauschten alle auf etwas Unsichtbares. Dann flatterte eine der Weinranken am Zaun, als habe sie ein Windstoß erfasst – obwohl die Luft still stand. Levi riss die Augen auf. „Habt ihr das gesehen?“
Marcus lachte. „Bestimmt ein Vogel.“
Doch Selina spürte es tief im Bauch: Es war kein Vogel gewesen.
Und Kaspar, der sich inzwischen auf der Schwelle niedergelassen hatte, blinzelte langsam – als wüsste er längst, dass das wahre Abenteuer gerade erst begonnen hatte.
Am Nachmittag stand die Sonne warm über den Reben, und der Hof glitzerte, als hätte jemand unsichtbare Funken in die Luft geworfen. Selina und Benedict führten Amara und Levi über den Kiesweg, der vom Gartentor bis zur Küche lief. Jeder Schritt knirschte, und Levi versuchte, nur auf den hellsten Steinen zu landen, als sei der Boden Lava.
„Ihr habt wirklich einen Pool“, staunte Amara. Zwischen Weinlaub und Oleander lag das Wasser wie ein tiefblaues Auge. Ein libellenleichter Wind strich darüber und zeichnete silbrige Linien aufs Blau.
„Nur im Sommer warm“, sagte Benedict sachlich. „Magnus—also, unser Vater—hat ihn so gebaut, dass er sich mit der Sonne erwärmt.“
„Magnus?“, fragte Levi. „Cooler Name. Klingt wie Zauberer.“
„Er ist Architekt“, sagte Selina schnell und biss sich auf die Lippe. „Und… manchmal baut er Dinge, die sich richtig anfühlen.“
Levi kniete sich ans Becken. „Fühlt sich das hier richtig an?“ Er tippte mit dem Zeigefinger aufs Wasser. Eine kleine Welle lief davon und kam als sanfter Hauch zu ihm zurück. Levi lachte, als hätte ihn jemand gekitzelt.
„Nicht reinfallen“, warnte Benedict, doch es klang mehr wie ein höfliches Angebot, es trotzdem zu versuchen.
Aus der offenen Küchentür kam Stimmengewirr. Emilia füllte Limonade in Gläser, die innen an den Wänden beschlagen. „Ihr bleibt doch auf einen Schluck?“, rief sie über die Schulter.
„Bleiben!“, entschied Levi und sprang so abrupt auf, dass ein Sonnenkrümel in seinem Haar aufleuchtete.
Selina führte sie am Kräuterbeet vorbei. Pfefferminze, Salbei, Zitronenmelisse – die Blätter streiften ihre Finger und ließen Düfte frei, die schmeckten wie Sommerferien. Am Rand stand ein Rankgitter, an dem Kapuzinerkresse kletterte und orangefarbene Blüten wie kleine Schirme aufspannte.
„Die isst du?“ Levi beugte sich vor, als Selina eine Blüte abknipste.
„Nur die Blütenblätter“, sagte sie und legte eines auf die Zunge. „Pfeffrigsüß.“
Amara probierte. Ihre Augen wurden groß. „Schmeckt wie Mut.“
„Wie was?“, fragte Benedict.
„Wie Mut“, wiederholte Amara und lachte. „So schmeckt’s in meinem Kopf.“
„Dann nimm zwei“, sagte Selina.
Sie setzten sich an den Holztisch unter der Pergola. Die Limonade roch nach Zitronen und etwas, das Levi „Gute-Laune-Pulver“ nannte. Selina sah, wie er trank, wie seine Schultern ein bisschen tiefer sanken, als hätte er vergessen, dass man in neuen Häusern vorsichtig sein muss.
„Wie ist euer Haus?“, fragte Benedict.
Amara stellte das Glas ab. „Hell. Groß. Noch voller Kisten. Meine Mutter sagt, Kisten sind wie Fragen: Man muss sie öffnen, um die Antwort zu finden.“
„Und dein Vater sagt, wir sollen erstmal die Küche finden, sonst gibt’s nur Luftsuppe“, ergänzte Levi und rollte mit den Augen.
Kaspar schlich auf leisen Pfoten zu ihnen. Er sprang auf die Bank, als hätte ihn jemand eingeladen, und legte sich so, dass sein Rücken die Sonne aufsog. Amara streichelte ihn. „Der fühlt sich warm an wie ein Toastbrot.“
„Kaspar ist wählerisch“, sagte Selina. „Er sitzt nicht bei jedem.“
„Pff“, meinte Levi. „Katzen mögen alle, die cool sind.“
„Dann mag er dich“, sagte Benedict und hob eine Augenbraue.
Emilia kam mit einem Teller Brot, Käse und zwei Schälchen: eines mit Oliven, eines mit dunkelrotem Traubengelee. „Bedient euch. Und wenn ihr euren Eltern helft, gibt’s später Kuchen.“
„Was für welchen?“, wollte Levi wissen.
„Der, der zuerst fertig ist“, sagte Emilia geheimnisvoll. „Hier wird oft gebacken, was gegessen werden will.“
Magnus trat aus der Werkstatt, wischte sich mit einem Tuch die Finger. In der Sonne wirkten seine Schultern stärker, und an den Lippen klebte ihm dieser ruhige Ausdruck, den Menschen haben, die Dinge an den richtigen Ort legen. „Hallo, ihr zwei“, sagte er zu Amara und Levi. „Willkommen im Dorf.“
„Wir sind Amara und Levi“, stellte Levi vor, als wäre das die Neuigkeit des Tages. „Mein Vater heißt Marcus, meine Mutter Naomi. Und wir wohnen jetzt hier. Für immer.“ Bei den letzten zwei Worten wurde seine Stimme fester, als wollte sie dem Satz Gewicht geben.
„Für immer ist ein gutes Wort“, sagte Magnus. „Es mag Gesellschaft.“
Levi sah ihn an, als hätte er einen Witz gemacht, den er noch nicht ganz verstand. Dann grinste er trotzdem.
„Wollt ihr das Weingut sehen?“, fragte Selina. „Nur kurz. Es ist nicht weit.“
Sie gingen den Feldweg hinunter, die Reben zu beiden Seiten schimmerten wie grüne Vorhänge. Schmetterlinge tanzten über den Boden. In den Reihen hing die Luft kühl und süß. Ein Käuzchen rief aus den Bäumen, obwohl es heller Tag war, und Levi rief zurück, als wäre es ein Spiel, bei dem man nicht wissen musste, wer anfängt.
„Warum stehen die Reihen so ordentlich?“, wollte Amara wissen.
„Damit sie singen können“, antwortete Magnus beiläufig, und als er die Blicke merkte, fügte er hinzu: „Wenn der Wind durchzieht. Es macht ein Geräusch, das klingt, als würde jemand Noten lernen.“
Sie blieben stehen. Der Wind strich sanft durch die Blätter, und tatsächlich – es war ein Summen, ein Streichen, ein leisestes Zupfen, als übte ein unsichtbarer Chor.
„Ich hör’s!“, flüsterte Amara, als sei das Hören etwas, das man leicht vertreiben könnte.
Benedict bückte sich, hob einen Stein auf, wog ihn in der Hand. „Hier verstecken sich Salamander. Nach dem Regen. Wenn man die Steine umdreht, muss man sie wieder genau so hinlegen, damit sie sich nicht verlaufen.“
„Du redest, als hättest du Steine im Stundenplan“, neckte Selina, und Benedict tat so, als nähme er das als Kompliment.
Weiter unten am Stück Land stand das Gästehaus: Holz, Stein, ein kleiner Balkon mit Blick über die Reihen. Das Dach schob einen Schatten vor die Tür, in dem es angenehm kühl war. Eine Glocke aus Keramik baumelte unter dem Vordach; sie bewegte sich nicht, aber als die Kinder näherkamen, klang dennoch ein Ton, so zart, dass man ihn eher spürte als hörte.
„Hier schläft Yuis Vater, wenn er sie besucht“, sagte Selina beiläufig. „Und manchmal andere Gäste, die Ruhe brauchen.“
„Wieso Ruhe braucht man?“, fragte Levi.
„Weil die Welt laut ist“, sagte Magnus. „Manchmal so laut, dass man die eigenen Gedanken nicht mehr hört.“
„Hört man sie hier?“, fragte Amara.
„Besser“, sagte Emilia, die nachgekommen war, und legte die Hand auf den Pfosten neben der Tür. Für einen Augenblick meinte Selina, die Holzmaserung bewege sich wie Wasser, das eine Geschichte erzählt. Dann stand das Holz wieder still.
„Dürfen wir rein?“, fragte Levi.
„Später“, sagte Emilia sanft. „Erstmal wieder hoch. Eure Eltern brauchen euch.“
Sie drehten um. Auf dem Rückweg blieb Selina stehen. Am Rand des Weges wuchs wilder Thymian. Sie rieb zwei Blättchen zwischen den Fingern, roch daran und spürte, wie ihr Herz schneller wurde. Es war nur Thymian. Und doch roch er, als würde er gleich eine Antwort geben, die man noch nicht gefragt hatte.
„Seid ihr schon mal umgezogen?“, fragte Amara, als sie wieder am Pool vorbeikamen.
„Einmal“, sagte Benedict. „Vor langer Zeit. Aus der Stadt hierher.“
„Warum?“
Selina sah zu Magnus. Er lächelte schmal. „Weil die Stadt uns nicht mehr zugehört hat“, sagte er. „Und weil wir diesen Platz gehört haben, bevor wir ihn kannten.“
Levi nickte, als verstehe er das. Vielleicht verstand er es wirklich: Manche Menschen verstehen Dinge, für die es keine Landkarte gibt.
Kaspar sprang auf den niedrigen Mauerrand am Pool und balancierte, als sei er Seiltänzer in einem Zirkus, der nur für Katzen spielte. Sein Spiegelbild im Wasser war so scharf, dass es Selina kurz schwindelte. Sie blinzelte – und da war es wieder, dieses andere Bild, bloß ein Flüstern: ein Bogen, ein heller Fleck wie eine Fackel in einem Gang, der nicht existierte. Dann nur noch Himmel, rein und blau.
„Habt ihr das gesehen?“, fragte sie leise.
„Was?“, Amara folgte ihrem Blick.
„Nichts“, sagte Selina schnell. „Nur… nichts.“
Sie waren wieder unter der Pergola, als Marcus’ Stimme über die Mauer rief: „Amara! Levi! Wir brauchen starke Leute!“
„Ich!“ Levi sprang auf, stolperte und fing sich mit einem Lachen. „Ich bin stark wie zwei.“
„Ich helfe auch“, sagte Amara und stellte das Glas ab. „Danke für die Limo.“
„Immer wieder“, nickte Emilia. „Kommt später zum Kuchen.“
Die beiden flitzten los, so als hänge ihre Zukunft an jeder Treppenstufe, die sie nahmen. Selina sah ihnen nach, bis die Tür ihres Hauses sie verschluckte.
„Sie bleiben“, sagte Benedict. Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Hoffnung, die man in eine Schale legt, damit sie nicht herunterfällt.
„Sie bleiben“, wiederholte Selina, und das Wort fühlte sich an, als wäre es aus Holz geschnitzt: warm und fest.
Magnus verschränkte die Arme und sah über den Hof, als prüfe er eine Zeichnung, die beinahe fertig war. „Heute Abend bringen wir ihnen Brot rüber“, sagte er. „Brot sagt mehr als Worte.“
„Und ich mache den Kuchen“, beschloss Emilia. „Den mit den Pflaumen. Er ist gut in Anfängen.“
„Kuchen, der in Anfängen gut ist“, wiederholte Benedict, als schreibe er das in ein unsichtbares Heft. „Gibt es auch Suppe, die in Gefahren hilft?“
„Natürlich“, sagte Emilia. „Aber die kocht sich nur, wenn niemand hinsieht.“
Selina lachte, stand auf und räumte die Gläser zusammen. Als sie in die Küche trat, strich sie im Vorbeigehen über die Wand im Flur. Nicht, weil sie musste. Weil es sich richtig anfühlte. Unter der Farbe vibrierte ein Hauch, so fein wie das Zittern eines Fühlerhaars.
Sie blieb stehen, legte die Finger flach auf die Stelle und hielt den Atem an. Nichts. Kein Klang, kein Licht, keine Bewegung. Nur Wärme, die in ihre Hand zurückkroch.
„Selina?“, rief Magnus. „Alles gut?“
„Ja“, sagte sie. „Ich… hab nur kurz gelauscht.“
„Nach was?“, fragte Benedict hinter ihr.
„Nach später“, antwortete sie, und als sie den Satz ausgesprochen hatte, wusste sie: Er war wahr, auch wenn man ihn nicht beweisen konnte.
Draußen sprang Kaspar von der Mauer, schüttelte das Fell und sah zur Küche. Seine Pupillen wurden schmal, als er die Stelle im Flur erahnte wie eine Spur in der Luft. Er setzte sich neben die Tür und legte die Pfote über die andere. Wer ihn kannte, hätte gewusst: Er wartete nicht auf Milch. Er wartete auf eine Geschichte, die genau hier durchgehen musste, um zur Welt zu finden.
In der Ferne lachte Levi, und das Lachen rollte wie ein Ball über die Mauer. Amara sagte etwas, das Selina nicht verstand, aber in dem Ton lag diese helle Neugier, die Kinder verbindet, die noch nicht wissen, wie lange Wege sein können.
„Kuchen“, erinnerte Emilia sich selbst, als wäre es ein Zauberwort, das Türen öffnete. Sie band sich die Schürze enger, nahm Mehl, Eier, Pflaumen. Als das Messer die Früchte schnitt, glänzten sie wie kleine Halbmonden. Der Ofen glomm auf, und für einen Moment roch die Küche nach August, nach Jahrmarkt, nach der Art von Nachmittag, von der man später sagt: Damals fing alles an, ohne dass wir es merkten.
Und vielleicht war es genau so. Vielleicht beginnen die großen Dinge, wenn jemand Pflaumen schneidet und ein anderer lacht und eine Katze sich neben eine unsichtbare Tür setzt und so tut, als wäre das die normalste Sache der Welt.
Am Abend trugen sie Brot und Kuchen hinüber. Marcus’ Hände waren vom Kistentragen rot, Naomi bedankte sich mit einer Umarmung, die nach Wärme und langer Reise roch. Auf dem Küchentisch der neuen Nachbarn standen Gläser, in denen Wasser das Licht fing, und daneben ein kleines Foto: zwei Kinder am Meer, Wind in den Haaren, Salz auf der Haut.
„Willkommen“, sagte Magnus noch einmal, diesmal wie jemand, der nicht nur eine Floskel spricht. „Wenn euch etwas fehlt, sagt es. Manchmal ist das, was fehlt, das Wichtigste.“
Naomi nickte. „Uns hat lange ein Zuhause gefehlt“, sagte sie. „Vielleicht… findet es uns jetzt.“
Als Selina später über den Hof zurückging, glühte der Horizont nach. Der Pool lag ruhig. Die Nacht kam aus dem Wein wie eine Freundin. Und als sie die Haustür hinter sich schloss, legte sie die Hand noch einmal auf die Wand im Flur.
Diesmal meinte sie, ganz tief etwas zu hören: nicht ein Geräusch, eher ein Versprechen.
Sie zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt, und musste dann über sich selbst lachen. Es war nur eine Wand.
Und doch klang ihr Lachen im Flur, als hätte es Platz, um zu wachsen.
„Morgen“, sagte sie in die Stille hinein. „Morgen zeige ich ihnen den Garten hinter dem Garten.“
Kaspar gähnte zustimmend. Er hatte das Gefühl, dass der morgige Tag Dinge an ihren Platz schieben würde, die schon lange darauf warteten. Und irgendwo, hinter Stein und Schatten, richtete sich eine Kerze auf und wartete auf den Funken, der sie entzünden würde.
Der Dorfplatz lag im warmen Schein der Vormittagssonne. Ein leichter Wind spielte mit den bunten Markisen der Stände, und der Brunnen plätscherte, als hätte er den ganzen Morgen nur darauf gewartet, die Stimmen und Schritte der Menschen zu begleiten. Selina und Benedict trugen einen Korb mit frischem Gemüse, das sie gerade von ihrer Mutter im Laden geholt hatten, als ihnen zwei fremde Gestalten auffielen, die nicht hierher gehörten – und doch so wirkten, als hätten sie einen Platz verdient.
Vor der Bäckerei stand eine Frau mit leuchtenden schwarzen Locken. Ihre Schürze war mit Farbklecksen übersät, als sei sie eben aus einem Atelier gekommen. In der Hand hielt sie ein Baguette, das sie lachend der Bäckerin entgegenstreckte, während sie ein paar spanische Wörter einwarf, die im Rhythmus der Sprache tanzten. Neben ihr stand ein Junge, vielleicht elf oder zwölf, mit ernsten Augen, die alles um ihn herum einzusaugen schienen. Er presste ein Skizzenbuch an seine Brust, als wäre es sein Herz.
„Buenos días“, sagte die Frau, als sie Selina und Benedict bemerkte. Ihre Stimme war warm, offen, einladend. „Wir sind Isabella und Mateo. Wir sind neu hier.“
Emilia, die ein paar Schritte hinter den Kindern ging, trat hinzu. „Willkommen. Ich bin Emilia, und das sind meine Kinder.“
„Hi“, murmelte Benedict und sah eher auf den Korb in seinen Händen als auf die Fremden. Selina jedoch trat sofort einen Schritt näher, ihre Neugier stärker als jede Zurückhaltung.
„Was hast du da?“ fragte sie und deutete auf Mateos Skizzenbuch.
Mateo zuckte zusammen, als habe sie ein Geheimnis berührt. Einen Moment lang hielt er das Buch fester, seine Fingerknöchel weiß vor Anspannung. Dann, unter dem sanften Nicken seiner Mutter, schlug er es auf.
Auf der Seite war ein Vogel. Nicht irgendeiner, sondern einer, der wirkte, als könne er jederzeit vom Papier flattern. Jede Feder war so präzise, so lebendig gezeichnet, dass Selina den Flügelschlag fast hörte. Für einen winzigen Augenblick – sie hätte schwören können – bewegte sich der Flügel. Nur ein Zucken, kaum mehr als ein Lufthauch, doch es ließ ihr Herz schneller schlagen.
„Wow“, hauchte sie. „Das sieht aus, als lebt er wirklich.“
Benedict trat näher, seine Skepsis wich ehrlicher Anerkennung. „Du bist richtig gut. Fast unheimlich.“
Mateo schlug das Buch hastig zu, errötete und blickte auf den Boden.
„Er zeichnet immer“, erklärte Isabella liebevoll. „Vielleicht erzählt er euch eines Tages, warum.“
Selina wollte weiterfragen, doch da ertönte ein lautes Rufen über den Platz.
„Selina! Benedict!“ Levi rannte heran, ein Apfel in der Hand, den er offensichtlich gerade vom Stand gemopst hatte. Seine Zöpfe wippten im Rhythmus seiner Schritte, und sein Grinsen war so breit, dass es unmöglich war, ihm böse zu sein. „Kommt ihr mit? Amara wartet schon im Garten! Wir haben ein Seil gefunden, wir bauen eine Schaukel im Apfelbaum!“
