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Im Herzen der Atacama-Wüste entdeckt ein Astronomenteam eine kosmische Anomalie: Licht krümmt sich ohne materielle Ursache – als folge es einer unsichtbaren Ordnung. Gleichzeitig stößt eine Anthropologin im Zagros-Gebirge auf ein uraltes Symbolsystem, das mehr einem physikalischen Schaltplan als religiöser Kunst gleicht. Was zunächst wie Zufall erscheint, entpuppt sich als das Fragment einer Wahrheit, die das Fundament der Realität selbst betrifft.
„Das Subsistenzfeld“ ist ein metaphysisch-dystopischer Erkenntnisthriller über das Wesen der Ordnung, das Bewusstsein als Resonanzorgan – und die Möglichkeit, die Realität selbst zu schreiben.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Die Stille in der Atacama-Wüste war nicht nur eine Abwesenheit von Lärm. Sie war eine Präsenz, eine fast greifbare Kraft, die sich über die ockerfarbenen Weiten legte und die Kuppeln des La-Silla-Observatoriums wie weiße Schreine in einer fremden Welt wirken ließ. Hier oben, auf 2400 Metern Höhe, war die Luft so dünn und trocken, dass sie die Sterne zum Greifen nah rückte. Für das Dutzend Forscher, die hier arbeiteten, war diese Abgeschiedenheit kein Opfer, sondern eine Notwendigkeit – der Preis für einen unverstellten Blick ins Herz des Kosmos.
In dieser Nacht war die Stille jedoch trügerisch. Im Inneren der Hauptkontrollkuppel, unter dem leisen Surren der Kühlsysteme und dem rhythmischen Blinken der Server-Racks, herrschte eine angespannte, fast fiebrige Atmosphäre. Auf dem Hauptbildschirm prangte ein Bild, das nicht existieren durfte. Es zeigte ein Sternenfeld im Sternbild Sculptor, einen unscheinbaren, tiefschwarzen Fleck Raum, den das Team seit Monaten im Rahmen des „Deep Sky Coherence Survey“ beobachtete. Doch das Bild war falsch.
Dr. Martin Drotleff, der Direktor des Projekts, ein Mann, dessen Geduld so unermesslich schien wie das Universum selbst, fuhr sich mit der Hand über sein ergrautes Haar. „Noch einmal. Führt die Kalibrierung erneut durch. Prüft die Gravitationslinsen-Modelle. Irgendwo muss ein Fehler sein.“
Seine Stimme war ruhig, aber ein scharfer Unterton verriet seine Beunruhigung. Seit drei Tagen starrten sie auf dieselbe Unmöglichkeit. Das Licht ferner Galaxien, das diesen Raumsektor durchquerte, wurde gekrümmt. Nicht stark, aber messbar. Es bildete subtile, verzerrte Bögen und geisterhafte Ringe – ein klassischer Fall von Gravitationslinseneffekt. Das Problem war nur: Da war nichts. Absolut nichts, das eine solche Krümmung verursachen könnte. Keine Galaxie, kein Schwarzes Loch, nicht einmal die verräterischen Spuren von Dunkler Materie, die ihre Modelle vorhersagten. Das Licht bog sich um ein Nichts.
„Die Instrumente sind sauber, Martin“, meldete sich Lena, die leitende Astrophysikerin. „Wir haben die Daten mit dem VLT in Paranal und sogar mit Hubble-Archivdaten trianguliert. Die Anomalie ist real. Unsere neuen KI-Rauschfilter sind makellos. Wir hätten diese feinen Fluktuationen vor zwei Jahren noch gar nicht vom Hintergrundrauschen unterscheiden können. Das Signal ist echt, es ist da. Das Licht wird abgelenkt, aber die Masse fehlt.“
Ein Murmeln ging durch den Raum. Fehlende Masse. In der Physik war das so, als würde man sagen, ein Schatten existiere ohne ein Objekt, das ihn wirft. Es war ein Widerspruch in sich, ein Webfehler im Stoff der Realität.
Nur einer im Raum blieb still. Slavtcho Bonev, der jüngste im Team, stand leicht abseits und betrachtete nicht die rohen Daten, sondern ihre visuelle Aufbereitung. Es war eine animierte Darstellung, die zeigte, wie sich die Krümmungen über die Zeit veränderten. Sie waren nicht statisch. Sie schienen zu … atmen. Die Lichtbögen pulsierten sanft, verschoben sich in einem langsamen, fast organischen Rhythmus. Es war genau die Art von subtiler, kohärenter Bewegung, die frühere Surveys als Instrumentenfehler abgetan hätten. Doch ihr Projekt war explizit darauf ausgelegt, nach dem Rhythmus im Rauschen zu suchen.
Slavtcho war als Theoretiker hier, ein brillanter Kopf, dessen unkonventionelle Ansätze ihm ebenso viel Anerkennung wie Misstrauen einbrachten. Während seine Kollegen in Gleichungen und Messwerten dachten, dachte Slavtcho in Mustern und Beziehungen. Und das Muster, das er hier sah, verstörte ihn zutiefst.
„Es ist die Kohärenz“, murmelte er, so leise, dass es kaum jemand hörte.
Drotleff wandte sich ihm zu. „Was sagst du, Slavtcho?“
Slavtcho trat näher an den Bildschirm. Seine Finger schwebten über der glatten Oberfläche, ohne sie zu berühren. „Es ist die Art, wie es sich krümmt. Es ist keine rohe gravitative Kraft. Es ist zu … geordnet. Zu elegant. Sehen Sie hier?“ Er zeigte auf eine Stelle, an der sich drei schwache Lichtbögen fast perfekt überlappten. „Die Verzerrung folgt einer fraktalen Logik. Sie ist komplex, aber nicht chaotisch. Es ist, als ob das Licht nicht gezwungen wird, einen Weg zu nehmen, sondern als ob ihm ein Pfad angeboten wird.“
Lena lachte kurz auf, ein ungläubiges Schnauben. „Angeboten? Slavtcho, das ist Licht. Photonen. Sie folgen den Geodäten der Raumzeit. Sie haben keinen Willen.“
„Vielleicht nicht“, erwiderte Slavtcho, seine Augen starr auf den Bildschirm gerichtet. „Aber vielleicht ist die Raumzeit selbst nicht nur eine passive Leinwand, auf die die Masse ihre Dellen drückt. Was, wenn es in der Raumzeit … Regeln gibt? Eine inhärente Ordnung, die nichts mit Materie zu tun hat?“
Drotleff verschränkte die Arme vor der Brust. „Eine Ordnung ohne Ursache? Das ist Philosophie, Slavtcho, keine Physik. Jede Wirkung braucht eine Ursache. Hier fehlt sie.“
„Nein“, widersprach Slavtcho mit einer neuen, festen Überzeugung in der Stimme, die die anderen aufhorchen ließ. „Wir suchen nach einer materiellen Ursache. Wir suchen nach einem Ding, nach Masse, nach Energie. Wir nehmen an, dass die Ordnung eine Eigenschaft der Materie ist. Aber was, wenn es umgekehrt ist? Was, wenn die Materie nur eine lokalisierte, grobe Manifestation einer viel fundamentaleren Ordnung ist?“
Er sah in die verwirrten und skeptischen Gesichter seiner Kollegen. Er wusste, wie es klang. Es war Ketzerei gegen das Fundament der modernen Wissenschaft.
„Ich glaube, wir sehen hier keine Anomalie der Materie“, fuhr er fort und fand endlich die Worte für das Gefühl, das ihn seit Tagen nicht mehr losließ. „Wir sehen den Beweis für eine nicht-materielle Ordnung. Etwas, das dem Raum selbst innewohnt. Eine Art … formales Prinzip, das entscheidet, wie sich die Realität zu verhalten hat. Das Licht wird nicht von etwas gekrümmt. Es folgt einer unsichtbaren Struktur, die schon immer da war.“
Die Stille, die darauf folgte, war schwerer als die der Wüste draußen. Es war die Stille, die entsteht, wenn eine Tür zu einem Raum aufgestoßen wird, von dem niemand wusste, dass er existiert. Martin Drotleff starrte auf das pulsierende, unmögliche Bild auf dem Schirm, dann auf das ernste, junge Gesicht von Slavtcho.
„Eine nicht-materielle Ordnung“, wiederholte er langsam. Der Satz schmeckte nach Gefahr und unendlichen Möglichkeiten. „Und wie, beim Himmel, sollen wir das beweisen?“
Slavtcho hatte keine Antwort. Noch nicht. Aber als er auf die sanft atmenden Lichtbögen blickte, wusste er mit einer unumstößlichen Sicherheit, dass sie nicht auf das Universum blickten. Sie blickten auf dessen Betriebssystem.