Das sündige Geheimnis des Lords - Susanna Craig - E-Book

Das sündige Geheimnis des Lords E-Book

Susanna Craig

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Beschreibung

Eine skandalöse Verbindung ohne Zukunft … oder etwa doch nicht?
Band drei der leidenschaftlichen Regency Romance Reihe mit Herz und Humor

Die selbstbewusste und kreative Julia Addison hatte schon immer nur einen Traum – auf der Bühne stehen und vom Publikum gefeiert werden. Doch als Tochter eines Geistlichen weiß sie ebenso gut, dass sie sich diesen Lebenstraum nie erfüllen kann. Aber lässt sie sich von solchen Nichtigkeiten unterkriegen? Gewiss nicht! Julia findet ihren ganz eigenen Weg in das Theater, indem sie mit spitzer Feder unverblümte Kritiken für das beliebteste (und berüchtigtste) Klatschmagazin in ganz London schreibt. Ihre unverhohlenen Texte sind nicht nur Gesprächsthema Nr. 1 in der Londoner Gesellschaft, sondern verschaffen Julia auch die besten Plätze für die neuesten Theatervorstellungen. Und eben dort teilt sie sich die Loge mit einem gewissen Earl Graham McKay, Lord von Dunstane – verflucht gut aussehend und mit einer geheimnisvollen Ausstrahlung, die Julia sofort anzieht. Aber auch Lord Dunstane, der London sonst nicht viel abgewinnen kann, ist von der schlagfertigen und wunderschönen jungen Frau hingerissen. Aber zwischen den Beiden stehen Geheimnisse, die ihre leidenschaftlichen Gefühle in Gefahr bringen. Können die beiden trotz ihrer skandalösen Intrigen zueinander finden?

Erste Leser:innenstimmen
„Eine bezaubernde und spicy Regency Romance!“
„Knisternde Stimmung zwischen den beiden Protagonisten, einfach mitreißend.“
„Eine tolle Liebesgeschichte mit einer Menge Leidenschaft.“
„Humorvoll und romantisch, einfach eine fantastische Regency Romance.“

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Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses E-Book

Die selbstbewusste und kreative Julia Addison hatte schon immer nur einen Traum – auf der Bühne stehen und vom Publikum gefeiert werden. Doch als Tochter eines Geistlichen weiß sie ebenso gut, dass sie sich diesen Lebenstraum nie erfüllen kann. Aber lässt sie sich von solchen Nichtigkeiten unterkriegen? Gewiss nicht! Julia findet ihren ganz eigenen Weg in das Theater, indem sie mit spitzer Feder unverblümte Kritiken für das beliebteste (und berüchtigtste) Klatschmagazin in ganz London schreibt. Ihre unverhohlenen Texte sind nicht nur Gesprächsthema Nr. 1 in der Londoner Gesellschaft, sondern verschaffen Julia auch die besten Plätze für die neuesten Theatervorstellungen. Und eben dort teilt sie sich die Loge mit einem gewissen Earl Graham McKay, Lord von Dunstane – verflucht gut aussehend und mit einer geheimnisvollen Ausstrahlung, die Julia sofort anzieht. Aber auch Lord Dunstane, der London sonst nicht viel abgewinnen kann, ist von der schlagfertigen und wunderschönen jungen Frau hingerissen. Aber zwischen den Beiden stehen Geheimnisse, die ihre leidenschaftlichen Gefühle in Gefahr bringen. Können die beiden trotz ihrer skandalösen Intrigen zueinander finden?

Impressum

Deutsche Erstausgabe Juni 2025

Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-98998-775-3

Copyright © 2024, Susan Kroeg Titel des englischen Originals: The Lady Plays with Fire

Published by Arrangement with KENSINGTON PUBLISHING CORP., NEW YORK, NY 10018 USA

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Jeanette Mey Covergestaltung: ArtC.ore-Design / Wildly & Slow Photography Unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © Oleg Gekman periodImages.com: © Mary Chronis adobe.firefly.com: © Christin Peulecke Korrektorat: Katrin Ulbrich

E-Book-Version 18.06.2025, 12:19:35.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Das sündige Geheimnis des Lords

Für meine Mutter, in Liebe

Prolog

Schloss Dunstane, Schottland

Juni 1810

Mit aufgestützten Ellbogen saß Graham McKay an dem zerschrammten Eichenschreibtisch, der einst dem ersten Earl of Dunstane, seinem Ur-Ur-Ur…Großvater gehört hatte.

Ein sentimentalerer Mann hätte genau gewusst, wie viele Ur es waren.

Trotz seiner andächtigen Haltung – Augen geschlossen, Handflächen aneinandergelegt – war Graham kein Mann, der zu Gefühlsausbrüchen neigte. Oder irgendeinem anderen Zeichen von Schwäche. Ohne aufzublicken, forderte er seinen Sekretär, Simon Keynes, auf: „Fahren Sie fort!“

„Aye, Mylord.“ Keynes räusperte sich, Papiere raschelten. „‚Die Szenerie wurde von geschickter Hand gemalt, und die Kostüme zeugten von gutem Schneiderhandwerk‘“, las der Mann monoton und schnell vor, als wäre er mit einer unangenehmen Aufgabe betraut worden. „‚Weitere Worte des Lobes kann man für Ransom Blackadders neueste Schändung der Bühne nicht finden. Nicht einmal die besten Darsteller wären in der Lage, den Text schönzureden, der so offensichtlich darauf abzielt, zu beleidigen und zu verletzen, ohne auch nur ansatzweise humorvoll zu sein.‘“ Keynes machte eine Pause, gefolgt von einem hörbaren Schlucken. „‚Nun ja, leider zieht Mr Blackadders Ruf als Dramatiker nicht die besten Darsteller an.‘“

Das Knistern und Zischen eines Feuers im Kamin hätte die furchtbare Stille, die folgte, ein wenig gefüllt. Aber es war zumindest ansatzweise Frühling, egal wie feucht und stürmisch der Tag war. Und Gemütlichkeit war noch nie Grahams Art gewesen.

Er hätte jedoch Mitleid mit dem armen Keynes haben können. Schlimm genug, dass er den Mann losgeschickt hatte, jede zweitklassige, Tinte verschwendende Zeitschrift auf den britischen Inseln – und die waren zahlreich, wie sich herausstellte – ausfindig zu machen, die Blackadders skandalöses, satirisches Werk erwähnte. Aber von ihm zu verlangen, diese Worte laut vorzulesen – egal wie kritisch und beißend sie auch waren – grenzte an Grausamkeit.

Da Graham kein Zeichen gab, das Ganze abzubrechen, fuhr Keynes fort und zwang die folgenden Worte über seine widerstrebenden Lippen. „‚Ebenso wenig sollte Das Laster ist sein eigener Lohn, das mit so wenig Etikette oder Schicklichkeit inszeniert wurde, das feine Publikum oder überhaupt ein Publikum anziehen.‘“

Rote Flecken – Demütigung, wie Graham vermutete – sprenkelten Keynes’ Gesicht und betonten seine blassen, dürren Züge. Eigentlich sollte der Kerl mittlerweile daran gewöhnt sein. Bei den Rezensionen von Blackadders Stücken trieften die Zeitungen nur so vor Wörtern wie schockierend, beleidigend, beschämend.

Dank ihnen war jeder Platz im Theater Abend für Abend voll.

Graham seinerseits empfand nur Erleichterung darüber. Wenn die Leute für das Vergnügen, verhöhnt und getreten zu werden, zahlten, warum sollte er nicht davon profitieren?

Eine positive Kritik könnte das ganze Unternehmen ins Wanken bringen.

Graham presste die Spitzen seiner Zeigefinger fester auf seine Lippen, um das sardonische Lächeln zu verbergen, das sich zu bilden begann.

„Gibt es noch andere, Mr Keynes?“, murmelte er, sobald er sich sicher fühlte, dass er jeden Anflug von Genugtuung aus seiner Stimme halten konnte.

Er hatte schon längst eine vernünftige Erklärung für sein Interesse an Blackadders Erfolg. Graham hatte sich selbst als Mäzen beschrieben. Investor. Interessierte Partei. Nichtsdestotrotz fragte er sich von Zeit zu Zeit, ob Keynes die Wahrheit ahnte, ob er wusste, dass er jede vernichtende Kritik in Wirklichkeit dem Dramatiker höchstpersönlich vortrug.

„Sicherlich, Mylord, ist das, was ich gelesen habe, ausreichend, um …“

Graham öffnete die Augen und warf seinem Sekretär einen Blick zu.

Kurz sah Keynes Graham hinter der verschmierten Brille in die Augen, schluckte und begann erneut in seiner abgenutzten Ledermappe zu wühlen.

Alles an Simon Keynes war dünn: seine hagere Gestalt, die in einen erdgrauen Wollmantel gekleidet war, dessen Farbton fast nahtlos in die Steinmauer hinter ihm überging; seine stets geschürzten Lippen und sein Haar.

Endlich holte er etwas aus seiner Mappe, das eine Zeitschrift zu sein schien. „Dies ist der letzte Artikel, den ich gefunden habe, Mylord. Er hat einen etwas anderen Charakter als die meisten.“

Einen anderen Charakter? Hatte Keynes das Beste – oder besser gesagt, das Schlimmste – für den Schluss aufgehoben? Graham nickte kurz, um dem Sekretär zu signalisieren, dass er es vorlesen sollte.

Keynes fummelte einen Moment lang herum, klemmte die Mappe unbeholfen unter einen Arm und ließ die Seiten über seinen Daumennagel gleiten, in dem eiligen Versuch, die Stelle zu finden, der die Mühe jedoch nicht lohnte. Er musste ein paar Mal hin und her blättern, bis er fand, was er suchte. Noch einmal räusperte er sich scharf, dann begann er zu lesen: „‚Das Laster ist sein eigener Lohn ist eine Reihe kurzer und prägnanter Darstellungen der Heuchelei und Doppelmoral in Bezug auf die Gesellschaft, unsere Parlamentsgesetze und sogar Ehegelübde. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Mr Blackadder sich selbst als Mann außerhalb unserer Zeit wähnt. Hätte er zu Beginn des letzten, statt zu Beginn dieses Jahrhunderts geschrieben, wäre sein Humor von den Kritikern vielleicht besser gewürdigt worden.‘“

Etwas kribbelte unter Grahams Haut, eine merkwürdige Unruhe, die seinen Puls um ein oder zwei Schläge erhöhte.

Das Gefühl ähnelte der Vorsicht, die man verspürte, wenn man einen unbekannten Waldweg beschritt, wo das Knistern im Unterholz etwas Kleines und Unbedrohliches sein konnte … oder etwas wesentlich Gefährlicheres.

„‚Im unzüchtigen Zeitalter der Restauration oder in den Salons der großen augusteischen Satiriker hätte sich Mr Blackadder sicher wohler gefühlt – wenn auch ehrfürchtig, wie man hofft, in der Gegenwart deren Glanzes. Da sein Schaffen jedoch uns zugefallen ist und nicht unseren Ur-Ur-Großeltern‘“ – Graham hatte den deutlichen Eindruck, dass der Rezensent genau wusste, wie vieler Ur es bedurfte – „‚wäre es zu verzeihen, wenn man es merkwürdig findet, dass er die Sticheleien eines früheren Zeitalters auf die modernen Marotten seines heutigen Publikums richtet. Wenn es Mr Blackadders Bestreben ist, die Gesellschaft zu bessern, indem er sie dazu bringt, über sich selbst zu lachen, dann sollte er uns besser in den Witz einweihen.‘“

Graham konnte sich ein spöttisches Schnauben nicht verkneifen. Jedes Ransom Blackadder-Stück machte sich auf unverschämte Weise über sein Publikum lustig und verführte die Leute zu boshaftem Spott auf deren eigene Kosten. Sein Werk hatte nicht einmal angedeutet, dass er glaubte, die Menschen könnten in einem Moment nüchterner Betrachtung ihre eigenen Fehler erkennen und diese beheben.

Er machte es ganz offensichtlich, dass er sie der Verbesserung für unfähig befand.

„Vielen Dank, Keynes“, sagte er mit einer abweisenden Handbewegung. „Sie können gehen.“

Aber Keynes bewegte sich nicht, klappte die Zeitschrift nicht zu, blickte nicht einmal auf. „Wenn es Eurer Lordschaft recht ist, da ist noch etwas.“

Wieder jagte das warnende Kribbeln über Grahams Wirbelsäule, diesmal schärfer.

Keynes packte das Magazin fester und hielt es weiter von sich weg, als bemühte er sich, das Bild scharf zu stellen. Oder als könnte er nicht ganz glauben, was dort stand.

„‚Diese Rezensentin bezweifelt jedoch, dass Mr Blackadders Ziele so edel sind‘“, las er. „‚Und wenn ich mit meiner Einschätzung richtigliege, wäre es schade, ein solch beachtliches Talent an die bloße Verachtung für seine Mitmenschen zu verschwenden.‘“

Scharf sog Graham den Atem durch seine Nasenlöcher ein. Es war kein wirkliches Lob –, aber beachtliches Talent kam dem gefährlich nahe.

Auf Mitleid war er noch weniger vorbereitet gewesen.

„Wer?“, fragte er. „Wo?“

Keynes stürzte sich auf die Fragen. „Eine neuere Publikation, Sir. Mrs Goodes Magazin für junge Damen.“

„Junge Damen?“, echote Graham ungläubig. „Eine Frauenzeitschrift?“

„Junge Frauen, Sir“, stellte Keynes klar – ein wenig zu schadenfroh für Grahams Ohren. „Und zur Frage, wer es geschrieben hat … Nun, alle Kolumnen sind anonym, bis auf eine von Mrs Goode selbst verfasste, und ich vermute, selbst das ist ein Deckname. Diese Rezension ist unterschrieben von Miss on Scene.“

„Miss on Scene“, wiederholte Graham leise knurrend. „Miss on –“ Unwillkürlich brach er schief kichernd ab. „Ah. Clever.“

Er hatte die Bemerkung nicht als Kompliment gemeint.

Keynes schien den Scherz nicht zu verstehen.

„Mise en scène“, sagte Graham. „Das ist der französische Ausdruck für Bühnenkunst.“

Er streckte seinen Arm aus, die Handfläche nach oben. Keynes trat an den Schreibtisch heran und öffnete die Zeitschrift an besagter Stelle, bevor er sie Graham reichte.

Die Ränder des Papiers waren weich und zerfleddert, als wäre dieses besondere Exemplar bereits wiederholt gelesen und nur widerwillig hergegeben worden. Zwei Karyatiden – Säulen in Form von Frauen – umrahmten den Titel: Mrs Goodes Magazin für junge Damen. Im Untertitel stand die Vision der Zeitschrift: Wissen zu erweitern und rationales Verhalten unter den jungen Mitgliedern des schönen Geschlechts zu fördern.

Jemand hatte die Worte junge Damen durchgestrichen und mit Tinte ein anderes Wort darüber eingefügt: Unfug.

Fragend blickte Graham zu Keynes auf.

„Der Inhalt der Zeitschrift ist nicht unbedingt das, was die meisten als angemessen für junge Damen halten würden“, sagte der Sekretär.

Bildete Graham sich das nur ein oder zuckte da ein Lächeln um die Mundwinkel des Mannes?

„Offensichtlich“, erwiderte Graham. „Wozu sollten anständige junge Damen eine Rezension von Laster benötigen?“

Falls er überhaupt für ein solches Publikum schrieb, dann tat er das sicher nicht, um junge Damen zu amüsieren. Und ihn interessierte auch nicht, was sie davon hielten, egal ob die Meinung der Ladies gut oder schlecht ausfiel.

„Manche gehen so weit, es als MrsGoodes Leitfaden für Verfehlungen zu bezeichnen“, fuhr Keynes fort, nachdem er den Kopf bejahend geneigt hatte – vielleicht, um ein weiteres Schmunzeln zu verbergen. „Der Skandal, der mit der Veröffentlichung einherging, hat die Popularität der Publikation nur gesteigert … nicht unähnlich dem Werk eines gewissen Dramatikers. Von Eltern, Gouvernanten und dergleichen verboten, wird die Zeitschrift meist heimlich von Hand zu Hand weitergereicht. Daher auch das etwas ramponierte Aussehen dieses Exemplars. Ich musste teuer dafür bezahlen. Soweit ich bislang feststellen konnte, weiß jede moderne Lady in ganz London, was im Magazin für junge Damen geschrieben steht, auch wenn sie selbst nicht das Glück hatte, die neueste Ausgabe mit eigenen Augen zu sehen.“

Während Keynes sprach, blätterte Graham durch die abgenutzten Seiten. Auf den ersten Blick fiel ihm nichts bemerkenswertes auf: Skizzen der neuesten Moden, als Nachrichten getarnter Klatsch, Ratschläge.

Doch als er genauer hinsah, entdeckte er, dass die Ratgeberkolumnistin zu dem schockierenden Schritt riet, die Verlobung mit einem berüchtigten Wüstling zu lösen (‚besser eine zufriedene Jungfer als eine unglückliche Ehefrau‘, meinte jemand, der sich Miss Busy B nannte) und der Modeteil zeigte satirische Darstellungen der Kleidung, die fast schon einem von Ransom Blackadders Stücken ebenbürtig waren.

Und apropos …

Das Papier raschelte unter seinen Fingerspitzen, während er die Rezension von Miss on Scene suchte und fand. Keynes’ Schatten fiel über die Seite, als Graham sich zum Lesen niederließ.

„Die Nachlassangelegenheit kann bis morgen warten“, sagte Graham. Er sah nicht auf, sondern machte mit den Fingern eine abweisende Bewegung. „Sie können gehen.“

Er hörte, wie Keynes Luft holte – der Auftakt für einen Einwand oder eine Erwiderung. Die Nachlassangelegenheit hatte sicher Vorrang vor einer albernen Rezension. Sein Sekretär war vierzehn Tage lang unterwegs gewesen, und die Korrespondenz stapelte sich. Graham wusste das nur zu gut.

Aber Keynes sagte nichts, sondern drehte sich um und ging, wobei die schwere Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss fiel. Graham war sich nicht einmal sicher, ob der Mann die übliche höfliche Verbeugung gemacht hatte.

Er war zu sehr in seine Lektüre vertieft, um sich darum zu kümmern.

… wäre es schade, ein solch beachtliches Talent … zu verschwenden …

Er klappte die Zeitschrift zu. Am liebsten hätte er sie in Richtung des leeren Kamins geschleudert. Aber in letzter Sekunde fing er sich, ließ die Zeitschrift auf den Schreibtisch sinken und glättete den zerknitterten Einband mit der Handfläche.

Wäre es schade …

Mit automatischen Bewegungen holte er einen Stapel leerer Seiten aus einer Schublade, fischte einen Bleistift von einem mattierten Silbertablett und befeuchtete dessen Spitze mit der Zunge. Ransom Blackadder würde Mrs Goodes Damen eine Lektion erteilen. Die Autorin dieser lächerlichen Rezension würde bald verstehen, welches Unglück eine junge Lady erwartete, die dumm genug war, mit dem Feuer zu spielen.

Kapitel 1

London, September 1810

Während die Kutsche durch die überfüllten Straßen des West End rollte, wuchs Julia Addisons Vorfreude so stark, dass man die tanzenden und flatternden Schmetterlinge in ihrem Bauch für eine Herde verwegen galoppierender Hirsche hätte halten können. Dieser Abend markierte den offiziellen Beginn ihrer zweiten Londoner Saison.

Aber es waren nicht die Bälle, gesellschaftlichen Ereignisse oder Dinnerpartys, die ihr neunzehnjähriges Herz höher schlagen ließen.

Dieser Teil der Saison stand noch bevor und war nichts, an dem sie als Gesellschafterin teilnehmen würde. In Julias Augen war nicht einmal die Eröffnung des Parlaments der Beginn der Saison. Nein, ihre Aufregung galt dem neuen Angebot an Opern, Balletts und vor allem den Theaterstücken, die jeden Herbst und Winter im Royal Theatre in Covent Garden aufgeführt wurden und die sie von Mrs Mildred Hayes’ Loge aus, im zweiten Rang, mit Blick auf die Bühne links, verfolgen würde.

Mrs Hayes saß auf dem Sitz, der in Fahrtrichtung der Kutsche zeigte, die Spitze ihres Stocks war auf dem Boden zwischen ihren Füßen aufgestellt, beide Hände ruhten auf dem polierten Silbergriff und ihr Körper schwankte im Gleichklang mit den Bewegungen des Fahrzeugs. Sie hielt die Augen geschlossen.

Julia fragte sich, wie jemand zu dieser Zeit schlafen konnte. Der Lärm um sie herum war ohrenbetäubend: die Hufe und Geschirre der Pferde klapperten, eisenbeschlagene Räder ratterten über das Kopfsteinpflaster; Männer, Frauen und Kinder boten auf dem Bürgersteig Waren und Dienstleistungen feil, von praktischen bis hin zu profanen Dingen; und die Kutscher fluchten lautstark – gelegentlich auch ihr eigener.

Während sie aus dem Fenster schaute, wurde eine Sänfte vorbeigetragen, die sich mühelos ihren Weg durch das Verkehrswirrwarr bahnte. Julia beneidete den Insassen. Ganz gleich wie kräftig die Männer auch sein mochten, die die Stangen trugen, Mrs Hayes brachte es dennoch nicht über sich, ihr Vertrauen in eine solche Art der Fortbewegung zu setzen. Also rumpelten sie in Mrs Hayes’ altmodischem Landauer im Schneckentempo durch die überfüllten Straßen während die Minuten verstrichen.

Sie würden zu spät kommen. Um halb sieben hob sich der Vorhang für die gefeierte Mrs Siddons, die die Rolle der Desdemona in Othello spielte. Julia könnte genauso gut wieder in dem kleinen steinernen Pfarrhaus in Oxfordshire sein, in dem sie aufgewachsen war, wo sie in etwa ähnlich viel sehen würde.

Nein, dort! Da war die Bow Street, in der Ferne gerade noch auszumachen. Wenn sie jetzt ausstiege – sie bräuchte dem Fahrer nicht einmal zu signalisieren, anzuhalten, so langsam fuhren sie –, könnte sie den Rest des Weges in wenigen Augenblicken zu Fuß zurücklegen.

„Beruhigen Sie sich, meine Liebe. Es ist modern, sich ein wenig zu verspäten.“

Ohne es zu bemerken, hatte Julia nach der Türklinke gegriffen. Jetzt zog sie sich schuldbewusst auf ihren Platz zurück. Natürlich konnte man von Mrs Hayes nicht erwarten, so weit zu laufen. Die Treppe zu den Logen wäre schon beschwerlich genug. Von ihrem Rheumatismus abgesehen, entsprach eine solche Hektik auch nicht ihren Vorstellungen von Anstand und Konsequenz.

Julia stellte fest, dass Mrs Hayes diese beruhigenden Worte gesprochen hatte, ohne auch nur die Augen zu öffnen. Die mit Juwelen besetzte Lorgnette, die Julia schon lange als unnötige Hilfe für Mrs Hayes’ Sehkraft ausgemacht hatte, diente lediglich zur Zurschaustellung. Aber sicherlich besaß sie keine hellseherischen Gaben?

„Ich bitte um Verzeihung, Ma’am.“ Julia legte die Hände in ihren Schoß und weigerte sich, auch nur einen Blick zum Fenster zu werfen, obwohl die zunehmende Düsternis in der Kutsche die späte Stunde verriet. „Ich muss lernen, meine Ungeduld zu zügeln.“

Ein Lächeln umspielte Mrs Hayes’ faltige Lippen, ihr rundes Gesicht hob sich als blasser Kreis von dem ledernen Polster ab, das sich hinter ihrem schwarzen Bombazin-Kleid erhob. „Ich verstehe Ihren Eifer – ich fürchte, als ich in Ihrem Alter war hat das Publikum mindestens so viel von meiner Aufmerksamkeit gefordert, wie die Schauspieler. Nun ja … die meisten der Schauspieler.“ Ein Augenzwinkern verriet, dass ihre Augen nicht so fest geschlossen waren, wie Julia geglaubt hatte.

Gerüchte besagten, dass Mrs Hayes, die schon viel länger Witwe als Ehefrau war, eine Affäre mit Mr Garrick unterhalten hatte, einem der gefeiertsten Schauspieler ihrer Zeit. Meist fand es Julia unmöglich, dieser Geschichte Glauben zu schenken, aber in diesem Moment – ihre Fantasie, gepaart mit der Magie des Abends und Mrs Hayes’ schelmischem Gesichtsausdruck – fragte sie sich, ob sie nicht doch wahr sein könnte.

„Man kann nicht umhin, das Publikum anzuschauen, Ma’am“, räumte Julia ein und versuchte, sich das Innere des Theaters vorzustellen. Riesige Kronleuchter erhellten das Haus während der gesamten Aufführung, und die Leute – juwelenbehangen und in prächtige Seiden- und glitzernde Taftstoffe gehüllt – besuchten das Theater weniger, um zu sehen, als um gesehen zu werden.

„Sicherlich werden Sie mir zustimmen, dass dies manchmal die interessantere Vorstellung ist.“

Widerwillig neigte Julia ihr Kinn. „Manchmal.“

Nicht jedes Stück auf dem Spielplan konnte gleich unterhaltsam sein.

Allerdings hatte sie, um ehrlich zu sein, noch nie einen Gentleman im Publikum entdeckt, der ihre Aufmerksamkeit fesseln konnte, der ihren Atem stocken ließ und ihren Herzschlag beschleunigte, wie die Schauspieler auf den Brettern, die die Welt bedeuteten. Seit sie zum ersten Mal eine Truppe fahrender Schauspieler gesehen hatte, die auf einer behelfsmäßigen Bühne auf dem Dorfanger ihren Text vortrugen, hatte sie sich gewünscht, sich ihnen anschließen zu können – ein unmöglicher Traum für fast jede Frau, ganz besonders für die Tochter eines Geistlichen.

Die scharfe Abzweigung in die Bow Street überraschte sie, so vertieft war sie in das Bild, das sie vor ihrem geistigen Auge sah: eine phantastische Vision von sich selbst als gefeierte Schauspielerin, die das Publikum in ihren Bann zog.

„Wir sind fast da“, sagte sie zu Mrs Hayes, die den Weg sicher mindestens genauso gut kannte wie Julia.

Einen Moment zuvor schien alles noch ihrem Vergnügen im Weg gestanden zu haben, aber jetzt brachte sie jedes Ruckeln näher, denn jeder Wagen in der Reihe vor ihnen spuckte seine Passagiere aus, und der Abstand zwischen Julia und den Theatertüren schrumpfte auf Yards, Fuß, Inches.

Den Blick auf die große Fassade des Theaters gerichtet, stieg Julia als Erste aus der Kutsche, um Mrs Hayes helfen zu können. Sie drehte sich gerade um, als Mrs Hayes in der Tür des Wagens erschien, griff mit einer Hand nach dem Stock und schlang die andere Hand um den linken Arm der älteren Frau, während ein livrierter Lakai ihren rechten stützte. Gemeinsam halfen sie Mrs Hayes die zwei Stufen hinunter auf den Bürgersteig. Nachdem diese ihr Kleid glattgestrichen und sich aufgerichtet hatte, verlangte sie nach ihrem ebenholzfarbenen Gehstock, den Julia seiner rechtmäßigen Besitzerin zurückgab. Das übliche Klack-Klack der silbernen Spitze auf dem Boden war aufgrund des Lärms der Menge, die sich auf den Weg nach drinnen machte, nicht zu hören.

Julia hielt sich an ihr Versprechen und warf nur einen kurzen Blick auf das Gedränge der Gäste, die sich auf allen Seiten drängten. Sobald sie die Türen passiert hatten, stiegen sie die geschwungene Treppe hinauf in den eleganten Salon, der sich hinter den Privatlogen befand. Er war mit Marmorskulpturen im griechischen Stil geschmückt und verfügte über mit karmesinrotem Samt gepolsterte Sitzbänke. Der Duft von Kölnisch Wasser lag in der Luft, konnte den Geruch des Tabaks der Zigarren, die die Herren draußen geraucht hatten, aber nicht ganz verdrängen. Gesprächsfetzen schwappten wie Wellen über sie, ein Gruß hier, ein Ausruf dort. Die Federn auf Mrs Hayes‘ Turban wippten nach links und rechts, aber sie hielt nie länger als einen Moment inne, da sie fast so eifrig wie Julia darauf bedacht war, ihre Plätze zu erreichen.

Alles deutete darauf hin, dass sie den Beginn der Aufführung nicht verpasst hatten, obwohl es sicher schon fast Viertel vor sieben sein musste. Schwere Vorhänge aus karmesinrotem Samt hingen vor den Eingängen der einzelnen Logen, was den Insassen ein wenig Privatsphäre bot und den anhaltenden Lärm aus dem Salon dämpfte. Eine ganze Reihe der Logeneingänge stand noch offen und wartete auf die Ankunft der Gäste. Da kein Platzanweiser in der Nähe war, um zu helfen, schob Julia den Vorhang zur Loge für Mrs Hayes beiseite.

Seltsam. Die Kordel, die den Vorhang während des Stücks geschlossen hielt, war von innen befestigt worden. Sie nahm an, dass sie irgendwie aus Versehen an ihren Platz gefallen war. Sie würde ihre Hand um die Ecke des Türrahmens schieben müssen, um sie zu lösen.

Als sie den Metallhaken mit ihren behandschuhten Fingerspitzen ertastet hatte und die seidene Schlaufe darüber schob, wurde der Vorhang aufgerissen und eine starke, warme Hand umschloss ihr Handgelenk.

„Und was glauben Sie, was Sie da tun?“, fragte eine Männerstimme mit unverkennbarem, wenn auch nicht unangenehmem, schottischen Akzent.

Da sie das grelle Licht des Theaterraumes hinter ihm blendete, konnte sie den Mann nicht erkennen, sondern lediglich feststellen, dass er groß war und rotbraunes Haar hatte, das kupfern glänzte.

Sie versuchte immer noch, seine Gesichtszüge auszumachen und ihren vor Schreck rasenden Puls unter Kontrolle zu bringen, als Mrs Hayes sich zu Wort meldete.

„Wir versuchen, unsere Loge zu betreten, guter Herr“, sagte sie mit fester Stimme und schlug die Spitze ihres Stocks hart auf den Boden. „Und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie meine Nichte losließen.“

Mildred Hayes war nicht Julias Tante. Bestenfalls war sie Julias Schwiegertante, wenn man überhaupt von einer solchen Beziehung sprechen konnte. Vor nicht ganz zwei Jahren hatte Mrs Hayes’ eigentliche Nichte Laura, Julias Bruder Jeremy, Viscount Sterling, geheiratet und war mit ihm nach Wiltshire gezogen. Mrs Hayes war jedoch entschlossen gewesen, in London zu bleiben, statt aufs Land zu ziehen. Da sie ihre Tante nicht im Stich lassen wollte, hatte Laura vorgeschlagen, dass ihre neue Schwägerin den Platz als Tante Mildreds Gesellschafterin übernahm.

Nur wenige junge Damen von siebzehn Jahren hätten die Chance ergriffen, einer Witwe zu dienen, die trotz ihrer erklärten Liebe zur Großstadt eher zurückgezogen in Clapham lebte. Aber Julia, konfrontiert mit der Aussicht, zu einem ruhigen Landleben auf dem Anwesen ihres Bruders zurückzukehren, hatte das Angebot angenommen. Mrs Hayes galt als aufgeschlossen und gutmütig. Vor allem aber liebte sie das Theater fast so sehr wie Julia selbst.

Julias Bruder hatte sie hin und wieder ins Theater mitgenommen, wenn er die Zeit und das Geld dafür hatte. Sie behielt die Erinnerungen an diese Abende in Haymarket und Drury Lane in guter Erinnerung: Wie sie sich angestrengt hatte, einen Blick auf die üppigen Kostüme zu erhaschen, und glaubte, selbst von den billigsten Plätzen aus einen Hauch von Schminke in den Gesichtern der Darsteller zu sehen. Damals hatte sie nicht einmal gewagt, von dem zu träumen, was Mrs Hayes ihr seitdem bot: Karten für die ganze Saison, jede Vorstellung zum Greifen nah.

Und apropos Greifen …

Der unbekannte Gentleman ließ sie nur widerwillig los, als wäre sie eine Diebin, die er unbedingt den Behörden ausliefern müsse.

Nachdem er von ihr abgelassen hatte, verspürte sie den Drang, ihr Handgelenk zu reiben, nicht weil es wehtat – trotz der Schnelligkeit seiner Bewegung war er weder grob noch unvorsichtig gewesen –, sondern um sich von dem Gefühl seiner unwillkommenen Berührung zu befreien.

Das ungeduldige Klopfen von Mrs Hayes’ Stock wich einem spöttischen Schnauben, als die Witwe ihre Lorgnette aufklappte und den Gentleman misstrauisch beäugte. „Wer, zum Teufel, sind Sie? Und was machen Sie in meiner Loge?“

„Ihre Loge, Madam?“ Die Worte klangen spöttisch. „Ich denke, Sie werden feststellen, dass Sie sich irren.“

Endlich hatte es Julia geschafft, sich so zu stellen, dass sie den Mann besser erkannte, auch wenn seine Gesichtszüge noch immer im Schatten lagen. Sie schätzte ihn auf Ende zwanzig, er war tadellos, aber nicht protzig gekleidet und hatte überraschend breite Schultern, die irgendwie im Widerspruch zu seinem aristokratischen Auftreten standen.

Julia drehte sich um, um Mrs Hayes etwas zuzumurmeln. Doch bevor sie darum bitten konnte, einen Platzanweiser holen zu dürfen, erschien Mr Pope, der Verwalter der Logen, neben ihnen, als hätte ihn jemand mit einem Fingerschnippen herbeigerufen. Dem Fingerschnippen starker, warmer Finger.

Trotz ihrer früheren Entschlossenheit, es nicht zu tun, schlang sie ihre Finger um das Handgelenk, das er, wenn auch nur kurz, in seinem unerbittlichen Griff gehalten hatte, und hoffte, dass die Falten ihres Rocks die Bewegung verdeckten.

Mr Pope verbeugte sich vor dem Gentleman, als ob Mrs Hayes plötzlich nicht mehr seiner Aufmerksamkeit bedürfe, egal wie respektabel sie auch sein mochte. „Darf ich Ihnen behilflich sein, Mylord?“

Mylord.

Julia schaffte es gerade noch, nicht mit den Augen zu rollen. Sie hatte keine gute Meinung von Adligen – ihren Bruder ausgenommen, und das auch nur, weil er den Titel unerwartet und ohne die Belastung und die damit verbundenen Erwartungen auf ein Vermögen geerbt hatte, als er schon fast ein Mann und somit dem Alter entwachsen war, in dem der Charakter verdarb.

„Ja.“ Mrs Hayes warf ihm einen abschätzigen Blick zu und hob ihre Lorgnette nur halb an die Augen „Sie können diesem Gentleman erklären, dass er in meiner Loge ist, und mir dann den Gefallen tun, ihn zu seinem Platz zu eskortieren.“

Die Farbe, die Mr Pope in die Wangen stieg, war deutlich sichtbar, trotz des schummerigen Lichts im Bereich zwischen Salon und dem hinteren Teil der Loge, der noch zusätzlich durch den Vorhang abgeschirmt war. „Ich, äh …“

„Aye, Mr Pope.“ Julia nahm einen Hauch von Humor in Lord Scottishs Stimme wahr, der die Arme hinter dem Rücken verschränkte und so noch breiter wirkte. „Warum erklären Sie die Sache nicht? Ich gestehe, ich bin sehr gespannt darauf, zu hören, was Sie zu sagen haben.“

„Ich, äh …“, stammelte Mr Pope wieder und blickte zu Boden, bevor er sich an Mrs Hayes wandte. „Dies ist Lord Dunstanes Loge und war es schon immer. Aber da er so selten – fast nie – in die Stadt kommt, habe ich mir erlaubt … äh … habe ich mir die Freiheit genommen, die Sitze an Sie weiterzuverkaufen, Ma’am.“

Der Wiederverkauf von Eintrittskarten war eine gängige Praxis. Wenn diejenigen, die eine Privatloge hatten, eine Aufführung bereits gesehen hatten oder nicht kommen konnten, wurde der Verwalter der Loge beauftragt, die Karten an einen anderen Interessenten weiterzuverkaufen. Aber was Mr Pope getan hatte, war ein klarer Verstoß sowohl gegen die Theaterpolitik als auch gegen die guten Sitten.

„Ich vermute, Sie haben den doppelten Gewinn selbst eingestrichen?“, fragte Lord Dunstane. Zu Julias Erstaunen klang er nicht wütend, sondern eher amüsiert.

Das Rosa auf Mr Popes Wangen verdunkelte sich zu Karmesinrot. Er wies die Anschuldigung nicht zurück.

Mrs Hayes umklammerte den Griff ihres Stocks noch fester. „Ich verstehe. Dann müssen Sie uns unser Eindringen verzeihen, Mylord. Wir hatten natürlich keine Ahnung.“

In der Absicht, Freunde zu bitten, sie während der Saison zu begleiten, hatte sie in diesem Jahr eine Loge gemietet. Zum Glück erwartete sie an diesem Abend keinerlei Gäste. Verlegen dachte Julia an die Einladungen, die sie würde rückgängig machen müssen: Lady Clearwater und ihre Töchter in der kommenden Woche; später Mama und ihr Mann, Mr Remington, und Mr Remingtons besondere Freunde, General und Mrs Scott.

„Vielleicht kann Mr Pope eine andere Loge für uns finden?“, schlug Julia vor.

„Leider ist die Vorstellung für die nächsten Abende …“, begann der Verwalter. Julia konnte sich denken, was er sagen wollte.

Ausverkauft!

Sie erinnerte sich an das Plakat, das vor dem Theater aushing. Selbst wenn sie es nicht gesehen hätte, hätte sie den Stand der Dinge aus dem Gedränge der Kutschen auf der Bow Street und der lärmenden Menge, die sich im Vestibül mischte, ableiten können. Die Menge des Publikums, das Chaos, bis alle ihren Platz gefunden hatten, erklärte, warum die Vorstellung mit Verzögerung begann.

„Ich habe die Karten für heute Abend bezahlt, Mr Pope“, erinnerte Mrs Hayes und hielt die dünne Elfenbeinscheibe hoch, auf der Lord Dunstanes Logennummer geschrieben stand. „Karten, die Sie auf irgendeine Weise einlösen werden.“

Mr Pope blickte nach unten in den Orchestergraben, wo man die auf langen Bänken sitzenden Gäste zusammenquetschen konnte, um noch ein oder zwei weitere Personen unterzubringen.

Diesen stillen Vorschlag quittierte Mrs Hayes mit einem lauten Aufschrei des Unwillens. „Oh nein, Sir, ich glaube nicht!“

„Ich könnte Ihnen leicht Plätze für nächste Woche besorgen“, schlug Mr Pope vor.

Nächste Woche? Julia schluckte. Nicht, dass sie so verwöhnt gewesen wäre, zu glauben, sie trüge einen irreparablen Schaden davon, wenn sie ein paar Tage wartete, um Othello zu sehen.

Es war nicht ihre eigene Enttäuschung, mit der sie zu kämpfen hatte.

Unter dem Namen Miss on Scene schrieb sie Rezensionen über Theateraufführungen für Mrs Goodes Magazin für junge Damen, und der Abgabetermin für diesen Monat war bereits morgen. Lady Stalbridge, die Herausgeberin der Zeitschrift, erwartete Julias Beitrag bis spätestens zum Mittag. Durch Mr Popes Doppelzüngigkeit würden sowohl Lady Stalbridge, als auch die Leser und die Zeitschrift leiden.

Im Theater war es plötzlich still geworden, was dazu führte, dass das Geräusch in ihrer Kehle erstaunlich hörbar wurde. Es glich einem leisen Schluchzen. Lord Dunstane richtete seine hellen Augen auf sie und nahm jedes Detail ihrer Erscheinung, ihr Alter und die bescheidene Qualität ihres gerüschten Musselin-Kleides wahr. Eine verarmte Verwandte, sagte sein sardonischer Blick deutlich, verdammt zu einer Zukunft als Gesellschafterin einer Lady.

Und doch wandte er nicht sofort den Blick ab – zumindest nicht bis zu Mrs Hayes’ Einwand: „Inakzeptabel. Wir werden uns Lord Dunstane einfach anschließen müssen. Da er allein ist, wird es ihm sicher nichts ausmachen.“

Damit trat sie in die Loge und ertastete den Weg mit dem Stock. Sowohl Mr Pope als auch Lord Dunstane sahen ihr entgeistert nach.

Da keiner der beiden Männer Anstalten machte, Mrs Hayes zu helfen oder sie aufzuhalten, trat Julia vor und legte ihr eine Hand auf den Arm. „Ma’am, wir dürfen uns nicht anmaßen …“, begann sie.

Aber Mrs Hayes ging weiter. „Hmpf. Ich sehe nicht, wo wir die Anmaßenden wären. Und jetzt helfen Sie mir in diesen Sitz, Kind.“ Mit der Spitze ihres Stockes deutete sie auf einen der Sessel.

Die Loge – ihre Loge, wie Julia bis vor wenigen Augenblicken gedacht hatte – war mit nur sechs Plätzen in zwei Dreierreihen eine der kleineren Logen im Theater. Lord Scottish schien offensichtlich nicht der Typ zu sein, der eine Loge reservierte, um ein Dutzend seiner engsten Freunde einzuladen, die während der ganzen Vorstellung plauderten.

Nachdem Mrs Hayes in der vordersten Reihe Platz genommen hatte, setzte sich Julia in einen der blau gepolsterten Sessel in der zweiten Reihe. Lord Dunstane sprach sie von hinten an: „Auf dem Platz neben Ihrer Tante werden Sie es bequemer haben – und besser sehen können.“

Mehr aus Überraschung denn aus Zustimmung nickte sie und nahm den mittleren Sessel ein. Einen Moment später saß er zu ihrer Rechten. Natürlich würde er erwarten, dass er von seinem Platz aus die beste Aussicht – oder zumindest die beste verbleibende Aussicht – bekam. Sie weigerte sich, ihren Kopf in seine Richtung zu drehen, nicht einmal, als ein schiefes Lachen über seine Lippen kam, als könne er sein eigenes Ungemach kaum glauben.

Es war untypisch für Julia, aber sie verspürte den Drang, zu zappeln. Doch aus welchem Grund sollte Lord Dunstane sie in Aufregung versetzen?

Nach diesem Abend würde er zweifellos keinen weiteren Gedanken an sie verschwenden. Noch eher als nach diesem Abend, dachte sie, als sie sich an seinen verächtlichen und mitleidigen Blick erinnerte. Sobald die Aufführung begann und ihnen allen etwas anderes zu denken gab, würde er ihre Existenz völlig vergessen.

Dennoch konnte sie sich nicht daran erinnern, dass sie sich der seltsamen Intimität einer Theaterloge je so bewusst gewesen wäre, in der die Menschen fast Schulter an Schulter saßen, eingebettet in ihre private Welt und doch sichtbar für jeden, der es wollte.

Und die Leute würden schauen, von unten oder aus anderen Logen, jeder begierig darauf, etwas Neues oder Unerwartetes zu erblicken.

Lord Dunstane – ein umwerfend aussehender Schotte, der so selten nach London kam, dass Mr Pope glaubte, seine Täuschung bliebe unentdeckt, der aber dennoch eine Loge für Aufführungen in Covent Garden reservierte, welche er nie sah – entsprach diesem Bild auf jeden Fall.

Einen Moment lang überlegte Julia, ob sie sich auf einen der leeren Plätze im hinteren Teil der Loge zurückziehen sollte. Aber bevor sie etwas unternehmen konnte, öffnete sich der Vorhang.

Kapitel 2

Fest entschlossen, nicht hinzusehen, beobachtete Graham die junge Frau aus dem Augenwinkel. Die Muschel ihres Ohres, die samtene Wölbung ihrer Wange, die Neigung ihrer Nase … Sie war ein Schatten in seiner Peripherie, eine Ablenkung, eine ständige Erinnerung daran, dass er den Abend nicht so verbrachte, wie er es beabsichtigt hatte: Allein.

Es war nicht die Geste eines Gentlemans gewesen, die junge Frau am Handgelenk zu packen und sie festzuhalten, als sei sie eine einfache Taschendiebin. Aber das Erscheinen der schlanken Hand hinter dem Vorhang seiner Loge hatte ihn erschreckt, und er hatte instinktiv reagiert, um seine Einsamkeit zu bewahren.

Anstatt den unverschämten Dieb seiner Privatsphäre erfolgreich abzuwehren, befand er sich nun in der unerträglichen Situation, seine Loge mit völlig Fremden teilen zu müssen. Wenn er nicht sicher gewesen wäre, dass die alte Dame eine unangenehme Szene verursacht hätte – und noch wichtiger, wenn die Aufführung nicht in diesem Moment begonnen hätte, hätte er darauf bestanden, sie zu entfernen. Wäre das unhöflich von ihm gewesen? Ja, natürlich.

Keiner, der ihn kannte, hätte etwas anderes erwartet.

Nun, zumindest konnte man nicht erwarten, dass er sich mit ihnen unterhielt. Das Anschauen der Aufführung war eine stille Aktivität. Sie waren nicht einmal vorgestellt worden.

Das Fehlen einer angemessenen Vorstellung erwies sich als Unannehmlichkeit, als das Stück seinen Lauf nahm. Neben ihm lehnte sich die junge Dame nach vorne, sichtlich hingerissen von dem, was er als mittelmäßige Vorstellung bezeichnet hätte. Er bewegte sich leicht in seinem Sitz und seufzte.

Aber sein Seufzer stieß auf taube Ohren. Oder dessen Absicht wurde missverstanden.

Anstatt zu verschwinden, schob sich ihr Profil noch eindringlicher in sein Blickfeld. Sie hatte einen langen Hals, von dem er annahm, dass irgendein Narr ihn als schwanenhaft bezeichnen würde. Und ein keckes Kinn, passend zu ihrer Nase und völlig unpassend für eine sanftmütige Gesellschafterin. Und eine durch und durch unmodische Menge dunkelbraunen Haars, das ihr sicher bis zur Taille fiele, wenn man die Frisur lösen würde …

„Hm-hm.“ In der Hoffnung, seine eigene Träumerei ebenso zu unterbrechen wie ihre, räusperte er sich leise. Er hatte nicht das Recht, über das offene Haar einer jungen Dame zu sinnieren, wie es ihre Schultern umschmeicheln und sich aufreizend an die Kurve ihrer vollen Brüste schmiegte.

Das war sehr unhöflich von ihm. Er war rüpelhaft, ja, aber kein Schuft.

„Hm.“ Beim zweiten Mal räusperte er sich lauter, da der erste Versuch nicht den gewünschten Effekt hatte – weder auf ihre Körperhaltung noch auf seine Gedanken.

Sie war so sehr in sein Blickfeld eingedrungen, dass er sich auf kaum etwas anderes konzentrieren konnte und auch nur noch wenig von der Bühne sah. So sah er sich gezwungen, sich selbst nach vorne zu beugen, eine Hand auf das vordere Geländer der Loge zu legen und zu sagen: „Verzeihen Sie, Miss –“

„Addison“, sagte sie ohne Umschweife, ohne ihren Kopf vollständig zu ihm zu drehen. Und dann fügte sie zur Sicherheit noch hinzu: „Psst.“

Unerklärlicherweise ließ ihre Ermahnung ein Lachen in seiner Brust aufsteigen. Sicherlich eine Reaktion auf die Absurdität seiner misslichen Lage.

Sie hatte ihn zum Schweigen gebracht! Dieses … dieses Mädchen, wirklich – sie konnte nicht älter als zwanzig sein –, deren Schicksal zweifellos darin bestand, das Theater als gelegentliches Sahnestückchen zu besuchen, ein Luxus, den ihr ihre schrullige Tante nur häppchenweise zukommen ließ.

Das würde ihre Verzweiflung erklären, als zu befürchten stand, dass ihr das abendliche Vergnügen verwehrt werden würde. Ihre Konzentration auf die Bühne. Ihren … Enthusiasmus.

Das Wort löste einen Schauer des Widerwillens in ihm aus. Er erinnerte sich nicht, wann ihn zum letzten Mal etwas so begeistert hatte.

Und vielleicht war das ein Teil des Problems. Vielleicht fiel es ihm deshalb so schwer, Miss Addisons Eindringen in seine Loge, sein Sichtfeld, seine Gedanken zu ignorieren. Wenn er es sich selbst gestattete, konnte er sich immer noch an die Weichheit ihrer Haut erinnern, an die Zentimeter zwischen dem oberen Ende ihres Lederhandschuhs und dem Saum ihres Ärmels, wo er sie berührt hatte.

Großer Gott! Mit einem Fingerschnipsen schüttelte er das Kribbeln der Erinnerung ab, verschränkte die Arme vor der Brust und presste die Hand gegen seine Rippen. Offensichtlich musste er selbst ein wenig, ähm, Enthusiasmus abbauen.

Die Abgeschiedenheit von Castle Dunstane, kombiniert mit der spärlichen Bevölkerung der schottischen Highlands, bedeutete, dass weibliche Gesellschaft schwer zu finden war.

Und was für eine unverschämte Schönfärberei das war. Als ob er irgendjemandes Gesellschaft bräuchte, schon gar nicht die einer Frau.

Aber er war immer noch ein Mann, mit den Bedürfnissen eines Mannes.

Glücklicherweise war London ein hervorragender Ort, um sie zu befriedigen. Mit dem Besuch der Metropole hatte er wohl einfach zu lange gewartet, sodass er sich nun von der ersten halbwegs hübschen jungen Frau ablenken ließ, die ihm unter die Augen kam.

Jetzt aber war er in einer guten Position, um ein geeigneteres Objekt der Aufmerksamkeit zu finden. Wenn er sich ein bisschen aufrechter hinsetzte und etwas Abstand hielt, anstatt sich in Miss Addisons Richtung zu lehnen, konnte er die Bühne gut einsehen.

Gut genug, um zum Beispiel die Reize der Schauspielerin zu erkennen, welche die Emilia spielte. Wenn die Aufführung zu Ende war, würde er in den grünen Salon gehen und sich vorstellen. Sie würde wissen, warum er sie aufsuchte, und wenn er sie zum Essen einlud, würde sie nicht ablehnen – es sei denn, sie hätte bereits einen Beschützer. Aber vielleicht nicht einmal dann. Wenn seine Streifzüge in die Stadt auch selten waren, so hatte Graham doch einen gewissen Ruf als … naja, nennen wir es Mäzen der Künste.

In ein paar Stunden würde er die zarte, seidige Haut von Miss Addisons Handgelenk vergessen haben, unter der ihr Puls so eindringlich gepocht hatte und ihm nur allzu bewusst machte, dass er der Grund für den überstürzten Rhythmus war. Er würde die Länge ihres Haares oder die Wölbung ihres Halses vergessen, die freche Spitze ihrer Nase.

Sie wäre – war – ein Nichts für ihn, ein absoluter Niemand, ihre Anwesenheit eine kleine Unannehmlichkeit von der Sorte, die man erwarten sollte, wenn man so tollkühn war, sich wieder unter Menschen zu wagen.

Er runzelte die Stirn und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die Bühne. Emilia war noch schöner, als er zunächst angenommen hatte, mit perfekt symmetrischen Zügen und schimmernd goldenem Haar.

Allerdings war sie keine besonders gute Schauspielerin. Ihren Gesten fehlte es an Subtilität. Und man hätte mehr Zeit darauf verwenden sollen, die schärfsten Kanten ihrer Redeweise zu schleifen, bevor man ihr eine Sprechrolle zugestand. Ganz offensichtlich stammte sie aus Plymouth – von irgendwo ganz in der Nähe der Docks.

Es gab Zeiten, da hätte er sich über die Leistung des Mädchens gefreut. Gott, wie wählerisch er geworden war – eine Folge davon, dass er gelernt hatte, seinen eigenen Akzent zu verbergen. Wie gut, dass Miss Addison nichts von seinen Gedanken ahnte. Sie würde noch schlechter von ihm denken, als sie das ohnehin schon tun musste – nicht, dass er sich einen Deut um ihre gute Meinung scherte.

Ein Raunen der Verärgerung musste ihm über die Lippen gekommen sein, oder er hatte laut mit den Zähnen geknirscht. Miss Addison sah ihn über ihre Schulter hinweg an und fixierte ihn mit einem Blick, der von leichter Irritation fast unmerklich in Besorgnis umschlug. Oder vielleicht Alarm? Wahrscheinlich schaute er finster drein, ein Ausdruck, den er so gewohnt war, dass er ihn nicht immer bewusst wahrnahm. Und angesichts ihrer Sitzpositionen, musste es aller Welt so erscheinen, als würde er ihr einen bösen Blick zuwerfen.

Was er in gewisser Weise auch tat.

„Geht es Ihnen gut, Mylord?“, flüsterte sie. Trotz ihrer offensichtlichen Besorgnis funkelte die Aufregung des Abends in ihren blauen Augen – oder zumindest das Licht des Kronleuchters.

„Absolut“, antwortete er mit einem schroffen Nicken.

Aber das Wort selbst wurde von dem plötzlichen Beifallssturm übertönt, der losbrach, als der Vorhang fiel, und ihr Blick wanderte zurück auf die Bühne, ohne seine abweisende Geste zu bemerken, so als wäre sie erschrocken darüber, dass die Vorstellung unterbrochen wurde.

Das Geräusch ließ die Tante in ihrem Sitz ein wenig zusammenzucken. Er fragte sich, ob sie geschlafen hatte – eine verständliche Reaktion auf die wenig anregende Aufführung, wie er fand. Miss Addison, stellte er fest, klatschte nicht.

Vielleicht war sie eine bessere Theaterkennerin, als er ihr zugetraut hatte.

Unten steigerte sich das Rascheln der Menge zu einem dumpfen Getöse, als die Leute begannen, sich umzusehen und sich mit Bekannten am anderen Ende des Ganges oder ein paar Reihen entfernt zu unterhalten. Einige standen auf und gingen umher. Andere hoben ihre Gesichter, um die Gäste in den Logen zu studieren und herauszufinden, welche Idole der Gesellschaft erspäht werden konnten, und in wessen Gesellschaft sie sich befanden.

Nicht zum ersten Mal wünschte sich Graham, hinten in der Loge Platz genommen zu haben. Allerdings wäre er selbst dort kaum unbeobachtet geblieben. Vor allem nicht von Miss Addison, die sich ihm noch einmal mit einem fast erwartungsvollen Ausdruck zuwandte.

„Nun, Mylord? Sie scheinen mit der bisherigen Aufführung unzufrieden.“ Wieder dieses schelmische blaue Funkeln – also doch nicht nur ein Effekt des Lichts. Der Kronleuchter befand sich hinter ihr. „Entweder das, oder unser Eindringen in Ihre Loge hat Ihnen die Freude am Abend verdorben.“

Könnte nicht beides wahr sein?

Es war genau die Art von beschwichtigender Erwiderung, die er normalerweise geben würde – obwohl nichts Gewöhnliches an der gegenwärtigen Situation war. Aber zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren sprach er die spöttischen Worte, die ihm sonst mühelos über die Lippen kamen, nicht aus. Das brauchte er auch nicht.

Miss Addison tat es für ihn.

„Beides“, ergänzte sie mit etwas tieferer Stimme und einem vage nordischen Akzent. Sie machte sich über ihn lustig.

„Julia“, schimpfte ihre Tante, die dem Wortwechsel weit mehr Aufmerksamkeit schenkte als der Aufführung.

„Ich habe nur laut ausgesprochen, was Seine Lordschaft offensichtlich dachte“, verteidigte sich Miss Addison.

Aber Grahams Gedanken hatten bereits eine andere Wendung genommen. Oder besser gesagt, sie kehrten auf ihre vorherige, verbotene Spur zurück.

Julia. Julia Addison.

„Verzeihen Sie mir“, sagte er und stand auf. Das Geländer an der Loge war zu niedrig, um einem Mann seiner Statur viel Sicherheit zu bieten. Er umrundete seinen Sessel und schritt in den schmalen Kanal zwischen den beiden Sitzreihen, näher zu der älteren Frau, dann verbeugte er sich. „Da der wertlose Mr Pope nicht daran gedacht hat, mir die Ehre zu erweisen, erlaube ich mir, mich vorzustellen. Dunstane, zu Ihren Diensten, Ma’am.“

Sie klappte ihre juwelenbesetzte Lorgnette auf und musterte ihn von oben bis unten, bevor sie mit einem erstaunlich königlichen Nicken erwiderte: „Mrs Hayes.“

Mrs Hayes entschuldigte sich nicht für ihr Eindringen in seine Loge. Das hatte er auch nicht wirklich von ihr erwartet. Schließlich war ihr Unrecht geschehen, genau wie ihm. Graham würde dafür sorgen, dass der Verwalter der Loge sein doppeltes Spiel bereute.

„Meine Nichte, Miss Addison“, fügte Mrs Hayes mit einer Handbewegung hinzu.

Miss Addison erhob sich eilig. „Mylord.“ Ihr Knicks war anmutig, trotz der Enge des Raumes. Aber auch widerwillig. Welche Schüchternheit und Ehrerbietung sie beim Betreten der Loge auch immer gezeigt hatte – oder die er sich eingebildet hatte – war verflogen. Hätte sie es ausgesprochen, wäre kaum deutlicher geworden, dass sie ihn der Arroganz verdächtigte.

Scharfsinnige Göre.

„Darf ich Ihnen eine Erfrischung bringen, Mrs Hayes?“, bot er an, nicht um Miss Addison zu beweisen, dass sie sich in ihm täuschte – sie hatte ja recht –, sondern um ihre Gewissheit zu erschüttern. Um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, sozusagen. Metaphorisch, natürlich. Er war nicht gewissenlos genug, ihr zu wünschen, sie möge in den Abgrund stürzen und sich ihren hübschen Hals brechen.

„Vielen Dank, Mylord“, sagte Mrs Hayes und neigte den Kopf, während sie ihre Nichte mit ihrer nun zusammengeklappten Lorgnette anstupste. „Dann gehen Sie.“

Miss Addisons – Julias – Augen weiteten sich, und einen Moment lang dachte er, sie würde sich weigern, ihn zu begleiten.

Natürlich hätte es ihn nicht im Geringsten gestört, wenn sie dies getan hätte. Er hatte die Erfrischung sowohl angeboten, um sich eine vorübergehende Pause von ihrer Gesellschaft zu verschaffen, als auch aus einem Gefühl ehrenhafter Verpflichtung.

Aber nach einem kurzen Zögern und mit einem fast unmerklichen Straffen ihrer Schultern, als müsste sie sich anstrengen, um der Bitte ihrer Tante nachzukommen, schickte sie sich an, die Loge zu verlassen. Er bot ihr seinen Arm nicht an.

Der lange Salon war genauso überfüllt, wie es zu erwarten war, und Graham hasste Menschenmengen. Am Rande des Raumes zögerte er und erwartete schaudernd das Gefühl, das ihn beschlich, wenn sich fremde Menschen an ihm vorbeischoben. Wieder seufzte er, doch das Raunen der Gespräche um sie herum verschluckte das Geräusch.

Unbeeindruckt von dem Gedränge trat Miss Addison vor, um sich ihren Weg durch die Menge zu bahnen. Hätte er nicht den Arm ausgestreckt und sie am Ellenbogen berührt, hätte er sie einen Moment darauf aus den Augen verloren.

Sie blieb stehen, wie ein Fels, der den Strom der Menschen um sie herum störte, und sah zu ihm auf. „Ja, Mylord?“

Wie konnte sie so sicher sein, dass die Fingerspitzen, die kurz ihren Arm berührt hatten, zu ihm gehörten und nicht zur Hand eines unvorsichtigen Passanten?

„Warten Sie hier.“ Mit dem Kinn deutete er in Richtung der nächsten Statue und machte sich dann daran, Erfrischungen für Mrs Hayes zu besorgen. Trotz seiner Abneigung, sich in den Kampf zu stürzen, kam er relativ leicht voran; seine Größe gereichte ihm zum Vorteil, und er wusste sie zu nutzen.

Als er einige Augenblicke später mit zwei Gläsern Wein zurückkehrte, suchte er über die Köpfe der Menge nach der vertrauten Statue. Eine quasi-griechische Abbildung einer Frau, halb bekleidet mit einem Marmor- oder vielmehr Gipsgewand. Sie erinnerte ihn an eine der Karyatiden auf dem Titelblatt dieser verdammten Frauenzeitschrift, die seine Gedanken in den letzten Monaten mehr beschäftigt hatte, als es der Publikation gebührte.

Unter der Statue stand Miss Addison – zu seiner großen Überraschung genau dort, wo er sie zurückgelassen hatte. Sie schaute sich um und nahm den Anblick auf, ohne sonderlich berührt zu scheinen. Ihm war, als gehöre sie zu der seltenen Sorte Frau, die ins Theater ging, um etwas anderes zu tun, als die anderen Theaterbesucher anzustarren.

Sie hielt die Hände manierlich vor sich gefaltet, aber der schlichte Saum ihres Musselin–Kleides kräuselte sich verräterisch an der Stelle, an der sie mit dem Zeh tippte.

„Ungeduldig, zur Loge zurückzukehren?“, fragte er, als er unbemerkt an ihre Seite trat.

Sie zuckte zusammen. Offensichtlich hatte sie seine Rückkehr nicht mit angehaltenem Atem erwartet. Ihre hellen Augen musterten ihn von oben bis unten. Er bemerkte ihr übertriebenes Staunen, als hätte sie nicht bemerkt, wie sehr er sie überragte. Sie warf einen Blick über die Schulter, in Richtung des verhängten Eingangs zu seiner Loge. „Ich will nicht, dass Mrs Hayes sich sorgt.“

Er machte keinen Schritt in die Richtung, in die sie so offensichtlich gehen wollte. „Genießen Sie die Vorstellung?“

Sie machte eine Pause, bevor sie antwortete. „Die Rolle des Jago ist lobenswert gespielt.“ Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass selbst diese unvollständige Antwort eines sorgfältigen Abwägens bedurfte. „Ich denke, im Großen und Ganzen finde ich es unterhaltsam.“

Das war ein schwaches Lob. Das hatte er von ihr nicht erwartet – oder besser gesagt, er hatte es nicht von dem Mädchen erwartet, das noch vor einer halben Stunde neben ihm gesessen hatte, allem Anschein nach gefesselt von allem, was vor ihr auf der Bühne passierte.

Aber vielleicht hatte er ihren Enthusiasmus missverstanden. Sie missverstanden.

Vielleicht war auch sie entschlossen gewesen, die Ablenkung, die seine unerwartete Gesellschaft bot, zu ignorieren.

„Interessant“, antwortete er mit einem weisen Nicken. „Ich hätte es als geschmacklos bezeichnet.“

Das Aufflackern ihrer Augen spiegelte Überraschung wider, aber nicht, wie er glaubte, dass sie seiner Einschätzung nicht zustimmte.

„Das passiert manchmal“, fuhr er fort und beugte sich leicht zu ihr hin, um gehört zu werden, wenn er seine Stimme senkte. „Sogar die großen Schauspieler haben Schwanzfedern vor der Uraufführung.“

Miss Addison blickte wieder zu den Logen.

„Dann hätte Mrs Hayes vielleicht Mr Popes Angebot annehmen sollen, uns Karten für einen anderen Abend zu besorgen.“

Er erinnerte sich an Miss Addisons leisen Laut des Unmuts angesichts dieser Aussicht. Sie musste sich schon seit einiger Zeit auf diesen Abend gefreut haben. Jetzt war sie enttäuscht, wie sich die Dinge entwickelt hatten. Verunsichert.

Nun, der Abend war auch nicht so verlaufen, wie er geplant hatte.

Ein Glöckchen signalisierte das Ende der Pause. Er reichte ihr ein Glas mit süßsaurem Ratafia. „Für Ihre Tante.“

Eine undefinierbare Reaktion runzelte ihre Stirn, dann glättete sie sich wieder. „Mrs Hayes ist nicht meine Tante“, sagte sie, als sie das Glas annahm. Er erwartete eine weitere Erklärung – er hatte genau gehört, dass die ältere Frau Miss Addison als ihre Nichte bezeichnet hatte –, aber es kam keine. Sie drehte sich in Richtung des Logeneingangs und sah dann über ihre Schulter zurück, als sie bemerkte, dass er ihr nicht folgte.

„Sie haben nicht die Absicht, sich den Rest des Stücks anzusehen?“