Das System der Grundregulation - Alfred Pischinger - E-Book

Das System der Grundregulation E-Book

Alfred Pischinger

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Beschreibung

Grundregulation - Lebensbasis aller Zellen

Der Körper besteht aus vielen biologischen Systemen, die über die extrazelluläre Matrix miteinander vernetzt sind. Dies ist das größte den Organismus ganzheitlich durchziehende System und sorgt für die Ernährung der Zellen und deren Entsorgung. Es regelt das Zelle-Milieu-System und ist gleichzeitig Ort aller Entzündungs- und Abwehrvorgänge. Anhaltende Störungen der Grundregulation können Krankheiten zur Folge haben.

"Der Pischinger" – Klassiker für die wissenschaftliche Begründung der biologischen Medizin:

  • hilft u.a., die Entzündungs- und Abwehrvorgänge sowie die Mechanismen der Ausleitung zu verstehen,
  • öffnet den wissenschaftlichen Zugang zu einer Vielzahl komplementärmedizinischer Verfahren,
  • hat sich für Generationen von Ärzten und Heilberuflern als Einstieg in die wissenschaftlichen Grundlagen und die Praxis der Regulationsmedizin bewährt.

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EPUB

Seitenzahl: 350

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Alfred Pischinger

Das System der Grundregulation

Grundlagen einer ganzheitsbiologischen Medizin

Bearbeitet und herausgegeben von Hartmut Heine

unter Mitarbeit von Otto Bergsmann Felix Perger

und mit einer Einführung von Gisela Draczynski

13., unveränderte Auflage

Zum Gedenken an meinen langjährigen ärztlichen und persönlichen Freund Dr. med. Franz Lutz (Baden bei Wien)

Inhalt

Vorwort

Einführung

Erster Teil (Bearbeiter: Prof. Dr. rer. nat. med. habil. Hartmut Heine)

1 Aufbau und Funktion der Grundsubstanz

1.1 Funktionelle Einheit von Zelle und Extrazellulärraum

1.1.1 Stofftransport in der Grundsubstanz

1.1.2 Chemische Sensitivität und Umweltmedizin

1.2 Die Grundsubstanz als Eiweißregulator („Verschlackungsphänomene“)

1.3 Der Einfluß von Matrixvesikel auf die Grundregulation

2 Die Leukozytolyse

2.1 Regulation der Tumorgrundsubstanz

3 Bedeutung der Chronobiologie

3.1 Psychosomatik. Streß-Reaktions-Prozesse

3.1.1 Kontrollierbarer und unkontrollierbarer Streß

3.1.2 Körperwahrnehmung und Streßbereitschaft

3.1.3 Neurobiologische Grundlagen des Streß-Reaktions-Prozesses

4 Topographie der Grundsubstanzverteilung

5 Strukturkomponenten der Grundsubstanz

5.1 Glykosaminoglykane (GAG)

6 Zucker der Zelloberfläche – die Glykocalyx

7 Basalmembranen

8 Proteoglykane (PG)

8.1 Synthese der Proteoglykane

8.2 Funktionelle Aspekte der Ch-PG-Hyaluronsäure-Komplexe

8.2.1 Dermatansulfat-Proteoglykan

8.2.2 Funktionelle Aspekte von Dermatansulfat-Proteoglykan

8.3 Heparansulfat-Proteoglykan

8.3.1 Funktionelle Aspekte

8.4 Keratansulfat-Proteoglykan

8.4.1 Funktionelle Aspekte

9 Strukturglykoproteine

9.1 Kollagensynthese, molekulare und supramolekulare Struktur

9.1.1 Kollagenmodifikationen

9.1.2 Funktionelle Aspekte

9.2 Elastinsynthese, molekulare und supramolekulare Struktur

9.2.1 Funktionelle Aspekte

9.3 Vernetzungsproteine

9.3.1 Fibronektin

9.3.1.1 Funktionelle Aspekte

9.3.2 Laminin

9.3.3 Chondronektin

10 Energiefluß in der Grundsubstanz

11 Immunologische Beistandsreaktion substantieller Homöopathika

12 Zucker – Zeugen der präzellulären Evolution?

13 Literatur

Zweiter Teil (Bearbeiter: Doz. Dr. med. univ. Otto Bergsmann)

1 Grundsystem, Regulation und Regulationsstörung in der Praxis der Rehabilitation

1.1 Regulationsphysiologische Voraussetzungen

1.1.1 Der Organismus – ein Netzsystem

1.1.2 Der Regelkreis

1.1.2.1 Die Funktionselemente des Regelkreises

1.1.3 Die Regelgüte und ihre Entartung

2 Chronizität als biokybernetisches Problem

2.1 Beobachtungen bei chronischer Lungentuberkulose

2.1.1 Pathogenetische Untersuchung

2.1.2 Therapeutische Ergebnisse

2.1.2.1 Abbau von hyperergischen Reaktionen

2.1.2.2 Steigerung der allgemeinen Leistungsfähigkeit

2.1.2.3 Behandlung von Spannungs- und Spannungsschmerz-Syndromen durch neuraltherapeutische Herdumflutung

2.1.2.4 Regulationstherapie für Atmung und Kreislauf

2.2 Die pathogenetische Konsequenz

2.2.1 Die „Spitze des Eisberges

2.2.1.1 Die sensomotorischen Schaltsysteme

2.2.1.1.1 Der segmental-regulatorische Komplex

2.2.1.1.2 Die regulatorische Verschaltung der Muskulatur

2.2.1.1.3 Das System der muskulären Maximalpunkte

2.2.1.1.4 Die Rolle des Achsenorgans im Regulationsgeschehen

2.2.1.1.5 Spinale Afferenz und übergeordnete Schaltsysteme

2.2.2 Die „Basis des Eisberges“

2.2.2.1 Das Grundsystem

2.2.2.2 Weitergabe der Information

2.2.3 Die regulatorische Desintegration

2.2.4 Die minimale, chronische Dauerbelastung (Herd, Störfeld)

3 Diagnostische Phänomene

3.1 Diagnostische Leitsysteme

3.1.1 Kolloidzustand

3.1.2 Die Projektionssymptome innerer Organe

3.1.3 Akupunkturpunkte und -meridiane

3.2 Somatotopien

3.2.1 Perfusion

3.2.2 Humorale Parameter und Leukozyten

3.2.3 Muskelaktivität

4 Der Punkt – das Fenster zum Grundsystem

4.1 Morphologie

4.1.1 Funktionelle Möglichkeiten des Punkt-Organs

4.1.2 Zur Frage der funktionellen Beziehungen

4.1.2.1 Veränderung des Organs durch Reiz des Punktes

4.1.2.2 Veränderung physikalischer Funktionen des Punktes bei Erkrankung des zugeordneten Organs

4.1.3 Palpatorisch faßbare Phänomene des Akupunkturpunktes

4.1.4 Thermische Phänomene

4.1.4.1 Thermoregulationstests

4.1.5 Elektrophysiologische Phänomene

4.1.5.1 Leitwertuntersuchungen

4.1.5.2 Untersuchung von Potentialdifferenzen

4.1.5.3 Harmonisierung der Rhythmik

4.1.5.4 Apparat und Methode

4.1.5.5 Ergebnis

4.1.6 Synopse

5 Diagnoseverfahren

5.1 Palpation reflektorischer Krankheitszeichen

5.1.1 Thermodiagnostik, Infrarotdiagnostik

5.1.2 Elektrodiagnostik

5.1.2.1 Der Elektrohauttest

5.1.2.2 Leitwertmessung

5.1.2.3 Messung der Potentialdifferenz

5.1.2.4 Messung der Aufladbarkeit

5.1.2.5 Messung körpereigener elektromagnetischer Signale

6 Zur Regulationstherapie

7 Literatur

Dritter Teil (Bearbeiter: Dr. med. univ. Felix Perger)

1 Die therapeutischen Konsequenzen aus der Grundregulationsforschung

1.1 Das Stichphänomen

1.1.1 Bioelektrische Erscheinungen beim Stichphänomen

1.1.2 Stichphänomen und O2-Sättigung des Blutes

1.1.3 Jodometrie und Stichphänomen

1.1.4 Gesamtheit der Regulationen beim Stichphänomen

2 Die Testung der Ausgangslage und die vegetative Asymmetrie

3 Extranervale Steuerungsmechanismen der Abwehrvorgänge

4 Neuraltherapie nach Huneke

5 Die therapeutischen Konsequenzen aus der Grundregulationsforschung

5.1 Die Auswahl der spezifischen Therapeutika und Vermeidung von Spätfolgen

5.1.1 Die Rehabilitation der Abwehrleistungen

5.1.2 Die konservative Therapie zur Entlastung der Abwehrregelkreise

5.2 Die Ausschaltung von Narbenstörfeldern

5.2.1 Die Entlastung von stummen chronischen Entzündungen (Herden)

5.3 Die umstimmende (rehabilitierende) Nachbehandlung

5.4 Erfolg und Mißerfolg der Regulationstherapien

6 Literatur

Sachregister

Vorwort

Die 10. Auflage des „Pischinger“ zeigt die herausragende Bedeutung dieses Werkes für die Praxis und Theorie der biologischen Medizin seit 1974. Ohne das große Engagement des Karl F. Haug Verlages und den Lektor dieser Auflage Herrn C. v. Grumbkow sowie die vielen Diskussionen mit Lesern wäre dies nicht möglich gewesen.

Das System der Grundregulation kann erklären, warum jede Multimorbidität, jede chronische Krankheit und jedes Tumorleiden mit anhaltenden Befindensstörungen beginnt. Befindensstörungen werden bagatellisiert und die für ihre Behandlung bewährten Medikamente als unwirtschaftlich bezeichnet und zunehmend von der Erstattung ausgeschlossen. Letztlich werden Befindensstörungen (zusammen mit psychischen, sozialen und wirtschaftlichen Problemen) kaum mehr als Krankheit gesehen, sondern hinter objektiv meßbare und naturwissenschaftlich normierbare Krankheiten gestellt. Das daraus resultierende medizinische Ingenieurwesen kommt mit einem ungeheuren finanziellen Aufwand einer relativ kleinen Zahl von Hochrisikopatienten zugute, wogegen die große Zahl derer, die in Anfangsstadien von Systemerkrankungen stehen, immer weniger berücksichtigt wird. Dies geht zu Lasten der Solidargemeinschaft. Auch deshalb, weil immer teurer werdende, sogenannte innovative Medikamente und Operationsverfahren nicht nur dort eingesetzt werden, wo sie wirklich notwendig sind, sondern auf Patienten ausgedehnt werden, die dies gar nicht bräuchten.

Die Beschäftigung mit dem System der Grundregulation kann die Bedeutung der Komplementarität in der Medizin verdeutlichen, wie es das Anliegen von Pischinger war und das der Autoren ist, daß nämlich alle kausalen Erklärungen von Lebensprozessen der dazu komplementären Erläuterung über „Sinn und Zweck“ sowohl der Teile als auch des Ganzen bedürfen.

Mein guter Freund Otto Bergsmann ist im Juli 2004 verstorben. Zusammen mit ihm, Gisela Draczynski (gest. 1998) und Felix Perger (gest. 1993) haben wir uns im Sinne Pischingers bemüht, das System der Grundregulation in der Medizin international zu verankern. Heute darf ich sagen, dass dies gelungen ist. Otto Bergsmann hat dabei immer darauf gedrungen, Neues mit bewährten alten Erkenntnissen zu verbinden. Dieser Weg soll im Gedenken an die verstorbenen Gestalter dieses Werkes weiter beschritten werden.

Neuhausen, im Sommer 2004

Hartmut Heine

Einführung

Die Erfahrung lehrt, daß neue fundamentale Erkenntnisse in der Medizin erst Jahre bis Jahrzehnte nach ihrer Entstehung zum Allgemeingut der Ärzte werden.

Wissensgut, das linear-kausale Zusammenhänge aufdeckt, wird leichter verstanden und eingeordnet als solches, das multidimensionale funktionelle Zusammenhänge beschreibt.

Die Problematik der heutigen Medizin liegt darin, daß sie beide Denkansätze als gegensätzlich empfindet, statt sie als mögliche Ergänzung auf dem Wege der Erkenntnisgewinnung zu nutzen. Dem linear-kausalen Ursache-Wirkungs-Denken waren die besonderen Erfolge auf dem Sektor der Chirurgie, der akuten Erkrankungen, insbesondere im Bereich der Infektionen, u. a. beschieden. Sie gründet im wesentlichen auf der Zellularpathologie Virchows und auf der klassischen Physik Newtons. Ganz in diesem Sinne wird der randomisierte doppelte Blindversuch heute als der entscheidende Weg zur Erkenntnis medizinischer Vorgänge gesehen.

Es war aber nicht zu übersehen, daß sich chronische Erkrankungen, die in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen haben, sowohl in ihrer Pathogenese wie in ihrer Behandlung dem linear-kausalen Denken entziehen. Dies ist gerade für die Langzeitmedizin von entscheidender Bedeutung.

Zum hilfreichen Wegweiser in dieser Situation wurde die Entwicklung im Bereich der Kybernetik (Wiener 1963) und der Thermodynamik offener Systeme.

Diese Arbeiten weisen darauf hin, daß biologische Systeme keine Linearität zeigen, sondern hochvernetzt sind und einem biologischen Fließgleichgewicht unterliegen (von Bertalanffy 1952).

Sie tauschen als „offene Systeme“ mit ihrer Umgebung Energie und Materie aus.

Im Gegensatz zu den klassischen abgeschlossenen (mechanischen Newton-) Systemen zeigen offene Systeme bei Zufuhr nicht chaotischer Energie, daß sich diese über das gesamte System schlagartig ausbreiten kann. Wesentlich dabei ist die Informationsübertragung und -ausbreitung.

Eine Erweiterung der Erkenntnis ist unter Berücksichtigung der kybernetischen Systeme zu erwarten, die den Blick vom monokausalen zum multidimensionalen Geschehen öffneten.

Im Jahre 1975 legte der Ordinarius für Histologie und Embryologie der Universität Wien, Alfred Pischinger, seine Erkenntnisse über „das System der Grundregulation“ in der 1. Auflage dieses Buches vor und beschrieb damit den Resonanzboden, auf dem sich die Wechselwirkungen im menschlichen Organismus abspielen.

Pischinger war ein Schüler bedeutender Lehrer wie H. Rabel, des Nobelpreisträgers Loewi, Albrecht von Bethe und Wilhelm von Möllendorf und bereits mit seinen ersten Arbeiten „Über die Lage des isoelektrischen Punktes histologischer Elemente als Ursache ihrer verschiedenen Färbbarkeit“ u. a. zum Begründer der Gewebshistochemie geworden. Er befaßte sich ursprünglich mit den Kommunikationen, über die sich Bindegewebsleistungen auf den ganzen Organismus ausweiten.

Abb. 1: Das System der Grundregulation

Heute definiert sich das System der Grundregulation nach Pischinger als Funktionseinheit der Gefäßendstrombahn, der Bindegewebszellen und der vegetativ-nervalen Endformation. Das gemeinsame Wirk- und Informationsfeld dieser Trias ist die extrazelluläre Flüssigkeit. Angeschlossen sind die Lymphgefäße und Lymphorgane. Es ist das größte den Organismus ganzheitlich durchziehende System. Es sorgt für die Ernährung der Zellen (innerer Kreislauf) und für deren Entsorgung. Es reguliert also das „Zelle-Milieu-System“ und ist gleichzeitig Gegenstand aller Entzündungs- und Abwehrvorgänge. Damit ist es zuständig für alle Lebensgrundfunktionen.

Alle Organzellen sind existentiell von der intakten Funktion des Systems abhängig, das ihr Lebensmilieu garantiert. Organerkrankungen entstehen durch Dysfunktionen dieses vorgeschalteten ubiquitären Systems. Die Einwirkung verschiedenster Noxen (stumme chronische Prozesse, Schwermetallbelastungen, Streßeinwirkungen usw.) auf das Grundsystem wurden unter Reaktionsweisenbestimmungen in der Wiener Schule seit vier Jahrzehnten beobachtet (Bergsmann, Kellner, Perger).

Die Dynamik der Funktionsabläufe (Normfunktion, Entgleisungstypen, Veränderung der Reizschwelle) konnte an Tausenden von Patienten mit verschiedenen Untersuchungsmethoden erfaßt werden. Dabei ergab sich eine Zweischichtigkeit beim Ablauf von Entzündungen, die im unspezifischen und im spezifischen Bereich erfaßt werden konnte.

Das System der Grundregulation kann sowohl örtlich wie ganzheitlich reagieren. Unterschiedliche Reize lösen gleichartige Reaktionen im unspezifischen Bereich des Systems der Grundregulation aus. Zu gleichen Ergebnissen kamen Hauss und Junge-Hülsing von der Münsteraner Schule.

Die wirkungsvollen und anhaltenden Erfolge bei der Behandlung chronischer Erkrankungen verdankt die Wiener Schule der Beachtung der bei jedem einzelnen Patienten unterschiedlichen individuellen Belastungsfaktoren, welche die chronische Krankheit jeweils unterhalten, und der Kenntnis über die Reaktionsabläufe im System der Grundregulation.

Eigene Untersuchungs- und Behandlungsmethoden wurden entwickelt, um die Normalisierung der Funktionen im Grundsystem zu erwirken. Auf diese Weise wurden chronische Krankheiten, die allgemein als schwierig oder nicht behandelbar gelten (vegetative Dysregulationen, Multiple Sklerose, Colitis ulcerosa, rheumatische Erkrankungen und teilweise auch das Krebsgeschehen usw.), einer Behandlung zugängig. Die kostensparenden Effekte dieses Vorgehens konnten von F. Perger eindrucksvoll belegt werden. Die Beachtung der Funktionsabläufe im System der Grundregulation eröffnet eine echte Basis zur Prophylaxe.

Pischingers System der Grundregulation erwies sich als ein lehrbares und anwendbares Konzept, das alle bisherigen Theorien der Medizin in sich beinhaltet: die Humoralpathologie, die Organpathologie, die Neuralpathologie, die Zellularpathologie und die Permeabilitätspathologie.

Bedeutenden Anteil an der Gestaltung und Ausarbeitung dieses Konzeptes hatte der Pischinger-Schüler Gottfried Kellner, dessen Arbeiten ebenfalls im Karl F. Haug Verlag als Buch erschienen sind.*)

Unabhängig voneinander waren in neuerer Zeit drei große Schulen im Bereich der Grundregulation tätig:

Pischinger und seine Mitarbeiter, die die Tradition der alten Humoralpathologie von Galen und Paracelsus sowie später von v. Rokitansky und von Eppinger übernahmen. Die Kliniker Altmann, Bergsmann, Fleischhacker, Hopfer, Aiginger, Perger, Plohberger, v. Riccabona und Stacher brachten die theoretischen Gedankengänge der Grundregulation in Klinik und Praxis zur Anwendung.

Hauss und Junge-Hülsing, Universität Münster (universelle Mesenchymreaktion).

Heine, Universität Witten/Herdecke

Mit seiner Grundlagenforschung über die Netzstruktur der von Bindegewebszellen produzierten Grundsubstanz hat Heine die Basis geschaffen, über die informative Wechselwirkungen zwischen den Zellen und damit auch im Gesamtorganismus verstanden werden können.

Nach jahrzehntelanger Erfahrung mit dem System der Grundregulation, das die Lebensbasis aller Zellen regelt, wird immer deutlicher, daß Pischinger zu Recht von einer neuen Grundlage für eine ganzheitsbiologische Theorie der Medizin sprechen konnte.

Die Aktualisierung des Wissens um das System der Grundregulation machte eine völlig neubearbeitete Auflage erforderlich. Professor Heine übernahm daher die Neugestaltung des Buches in Zusammenarbeit mit den Pischinger wissenschaftlich und persönlich nahestehenden Ärzten Bergsmann und Perger. Dies war nur möglich durch das Entgegenkommen der Familie Pischinger und durch das besondere Interesse des Karl F. Haug Verlages.

Ihnen gilt unser herzlicher Dank.

Köln, im Herbst 1988

Gisela Draczynski

Erster Teil

1 Aufbau und Funktion der Grundsubstanz

„Der Zellbegriff ist genaugenommen nur eine morphologische Abstraktion. Biologisch gesehen kann er nicht ohne das Lebensmilieu der Zelle genommen werden.“

Mit diesen Worten hat Pischinger (zuletzt 1983) die Schwäche des derzeit gültigen Paradigmas der Virchowschen Zellenlehre erkannt. Virchow (1858) hatte in seiner Schrift zur Zellularpathologie den Begriff der Krankheit ausschließlich auf Störungen im Gefüge der einzelnen Zelle bezogen. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, daß jede der ca. 50 Billionen Zellen des menschlichen Organismus einen „Elementar-Organismus“ darstelle, der eingehüllt und abgegrenzt durch die Zellmembran zunächst für sich allein existiere, jedoch eingebunden in einen arbeitsteiligen Organismus zur Funktion des Ganzen seinen Teil beitrage (Frese 1985).

Dieses lineare Ursache-Wirkungs-Denken, von Galilei (1564-1642) in die europäische Naturwissenschaft eingeführt, hat zur Konsequenz, daß Organismen, analog zu technischen Geräten, als komplizierte zelluläre Funktionseinheiten gesehen werden, die bei Defekten entsprechend repariert werden können. Letztlich komme es nur darauf an, das krankmachende Molekül in einer Zelle zu finden. Derzeit glaubt man dies bereits in Punktmutationen einzelner Aminosäuren beobachtet zu haben. Diese Linearität im medizinischen Denken hat weitreichende Konsequenzen in den schulmedizinischen Therapieschemata: Ein Pharmakon muß an einen geeigneten zellulären Rezeptor koppeln, wobei eine Reaktion nur dann ausgelöst wird, wenn die Reaktanten wie „Schlüssel“ und „Schloß“ zusammenpassen.

Dabei unterliegt man dem Zwang, um an einfachen Ursache-Wirkungs-Beziehungen festhalten zu können, das akute Ereignis aus dem vernetzten biologischen Zusammenhang als Syndrom isolieren und therapieren zu müssen. Es ist evident, daß besonders bei chronischen Erkrankungen und Tumoren der Unterschied von Wirkung und Wirksamkeit dann kaum noch wahrgenommen werden kann (Fülgraff 1985). Diese kausalanalytische Linearität hat somit Einfluß auf die Methodenlehre der klinischen Prüfung und Arzneitherapie. Das individuelle Phänomen des Krankseins wird einem Typ von Krankheit subsumiert. Dieser wird in einem Modell objektiviert und damit kausalanalytisch instrumentell zugänglich. Die Wirklichkeit wird durch Modelle ersetzt, die um so reduzierter sein müssen, je komplexer die Wirklichkeit ist. „Ärztliche Erfahrung wird insoweit gar nicht mehr gebildet, weil sich das Handeln am Modell orientiert und nicht an der Wirklichkeit“ (Fülgraff 1985). Im Modell stehen weder Parameter für individuelle biologische Determinanten noch für Lebensqualität zur Verfügung.

Da zusätzlich hinter gleicher Symptomatik unterschiedliche Krankheiten verborgen sein können, kann der randomisierte doppelblind durchgeführte klinische Versuch nur eine Methode zur Erkenntnisgewinnung sein. Es ist zweifellos falsch, ihn zur alleinigen Methode zu stilisieren, da Kasuistik und Erfahrungsberichte gerade das können, was der „objektive“ kontrollierte klinische Versuch nicht kann: das Individuelle der Krankheit in den Vordergrund ärztlichen Bemühens zu stellen. Das Virchowsche Zellularparadigma ist in der modernen Medizin deshalb so erfolgreich geworden, da sich besonders für akute und durch Mikroorganismen verursachte Erkrankungen einzelne objektivierbare Ursachen finden, die sich unmittelbar ausschalten oder reparieren lassen. In der derzeitigen Situation zunehmender chronischer Erkrankungen und Tumoren gelingt dies jedoch kaum mehr.

1.1 Funktionelle Einheit von Zelle und Extrazellulärraum

Zellen stehen mit ihrer Umgebung in wechselseitiger Beziehung. Das Meerwasser ist das primäre Regulationssystem des Einzellers; dem entspricht die ionale Zusammensetzung des strukturierten Extrazellulärraumes mehrzelliger Organismen. Das eine Zelle umgebende Milieu bildet beim Mehrzeller eine strukturierte Grundsubstanz (extrazelluläre Matrix), die wesentlich die genetische Expressivität einer Zelle bestimmt (Übersicht bei Hay 1983). Makroskopisch ist die Organisation der Grundsubstanz durch Binde- und Stützgewebe sowie das Blut zu veranschaulichen. Molekularbiologisch handelt es sich dabei um Zuckerpolymeren, die frei oder in verschiedenen Protein- und Lipidbindungsformen Zwischenzellsubstanzen und den jeweilig individuellen Zuckeroberflächenfilm einer Zelle bilden.

Die Erkenntnis, daß das Bindegewebe mehr als nur Stütz- und Füllfunktionen habe und im Dienste spezifischer Organfunktionen Ernährungs- und Regenerationsaufgaben wahrnehme sowie Vermittler von Gefäßund Nervenfunktionen sei, hatte bereits Bordeu (1767) erkannt.

C. B. Reichert (1845) faßt das Bindegewebe gleichfalls nicht nur als ein mechanisch verbindendes, sondern als ein organisches, vitales (!) Medium auf und erkennt bereits, daß an keiner Stelle des Körpers die Nerven und Gefäße unmittelbar die funktionierenden Zellen berühren, sondern daß die Bindesubstanz das vermittelnde Glied, der Träger des Nervenund Ernährungsstromes sei und die Wechselwirkung überall durch sie hindurchgehe. Nur die Bindesubstanz berühre unmittelbar alle Formbestandteile. Aber welcher Art die Vermittlung der Bindesubstanz bei dieser Wechselwirkung sei, darübe lägen keine Anhaltspunkte vor.

Bis in jüngster Zeit ließen jedoch die histologischen und biochemischen Techniken eine genauere strukturelle Analyse der Grundsubstanz nicht zu. Die besser zu erfassenden Zellen paßten gleichzeitig auch sehr genau als Modell des kleinsten Bausteins eines Organismus in die kausalanalytische Denkweise des beginnenden technischen Zeitalters.

Jetzt erst, mit Kenntnis kybernetischer Zusammenhänge und energetisch offener Systeme, beginnen wir diesen überzogenen positivistischen Standpunkt zu überdenken. Allerdings wurde bereits frühzeitig vor einem einseitigen modellhaften Zellbegriff unter Vernachlässigung humoraler Gegebenheiten gewarnt (Rokitansky 1846, v. Rindfleisch 1869, Buttersack 1912).

„Es war ein kühner und nützlicher Gedanke Virchows, die örtlichen Störungen bis zur einzelnen Zelle zu verfolgen; Virchow hat dadurch die Pathologie von der Verschwommenheit einseitiger humoraler und neuristischer Vorstellungen befreit. Aber er ging einen Schritt zu weit in der Spezifizierung des Terrains. Man kann sehr wohl die Individualität der Zellen anerkennen und doch zugleich der Einrichtungen gedenken, welche ihre Autonomie in funktioneller und nutritiver Beziehung beschränken. Wohl sind die Zellen des Parenchyms reizbar und tätig, hängen aber in dieser Beziehung teilweise vom Nervensystem ab; sie ernähren sich und wachsen, sind aber in dieser Beziehung teilweise vom Blutgefäßsystem abhängig. Das Terrain, auf welchem sich die örtlichen Störungen bewegen, setzt sich aus drei wesentlichen Bestandteilen, aus Parenchym, Kapillarschlingen und Nervenenden zusammen. Hierbei dürften wir indessen nicht stehen bleiben. Auch die anatomische Zusammenfügung dieser Teile unterliegt gewissen allgemeinen Bestimmungen, bei diesen aber spielt das Bindegewebe eine hervorragende Rolle. Das Bindegewebe schiebt sich überall zwischen Blutbahn und die prinzipalen Strukturteile ein. Dabei paßt es sich in seinen histologischen Transformationen dem jeweiligen Bedürfnis des Ortes in wunderbar vollkommener Weise an. – Für unseren gegenwärtigen Zweck kommt nur die Stellung in Betracht, welche das Bindegewebe als vermittelndes Glied zwischen dem Parenchym einerseits und dessen Blut- und Nervenversorgung andererseits einnimmt. Die Physiologie weiß bekanntlich von einer derartigen Zwischenträgerei des Bindegewebes nur wenig zu melden. Die Pathologie aber ist genötigt, auf eine ganze Reihe scheinbar ungeordneter Punkte aufmerksam zu machen, deren Kenntnisnahme für das Verständnis der geweblichen Veränderungen bei Krankheiten von größter Wichtigkeit ist. Bezüglich der Ernährung durch das Blut kommt dem Pathologen viel darauf an, die Kapillarmembran als eine endotheliale Begrenzungsschicht des Bindegewebes (!) aufzufassen und sich die Versorgung des Parenchyms mit Ernährungsmaterial nicht in Bausch und Bogen als einen Tränkungsund Spülungsprozeß vorzustellen, sondern als gebunden an eine sekretorische Saftströmung, welche das Blut im Bereich jener Kittleisten verläßt, die die rautenförmigen Endothelzellen zur geschlossenen Membran vereinigen. Jenseits der Kapillarmembran erfolgt die Strömung wesentlich durch Vermittlung eines Netzes von Saftkanälchen, welches gegen die anstoßende Grundsubstanz des Bindegewebes mehr oder minder scharf abgegrenzt ist und in seinen Knotenpunkten Kerne mit abhängenden Protoplasmaresten, die sogenannten Bindegewebskörperchen enthält. So dringt die Ernährungsflüssigkeit bis zu den Umhüllungsräumen der funktionierenden Parenchymzellen vor und stellt sich diesen zur Verfügung. Darauf wird sie, beladen mit regressiven Produkten des Stoffwechsels der Parenchymzellen, in die Lymph- gefäßanfänge aufgenommen, die reichlich im Bindegewebe gefunden werden. Kurzum – für alles, was aus dem Blut kommt, führt ein etwas komplizierterer Weg durch das Bindegewebe zu den Parenchymzellen und hinüber in das Lymphgefäßsystem. Wenn ich aber mit vorausschauendem Blick bedenke, wie oft ich mit meinen Lesern diesen Weg zu gehen haben werde, wie jedes Verständnis örtlicher Leidenszustände an die Etappen dieses Weges gebunden ist, so möchte ich ihn den Erkenntnisweg der pathologischen Histologie nennen.“

Zu einem gleichen Standpunkt kommt Buttersack. Er schreibt u. a., „daß die Schicht, welche man bislang Bindegewebe nannte, nicht bloß ein besseres Verbindungsmittel zwischen den Organen darstellt, daß sie nicht bloß Säfte zu- und abführt, um eine neue Parenchymzelle zu bilden. Man wird vielmehr darüber klar werden, daß, wenn wirklich das Bindegewebe ein lebendiger Teil des Organismus ist, ihm dann auch alle Attribute des Lebens, alle Grundfunktionen zukommen“. Also nicht bloß „Transitstrecke“. Man muß Buttersack zustimmen, daß er den Namen „Bindegewebe“ unter den umrissenen Aspekten weitgehend ungeeignet empfindet, das Wesen dieses Gewebes zu charakterisieren. Es sei aber nicht leicht, dafür einen treffenden Namen zu wählen. „Vielleicht kommt das Wort Grundgewebe dem gesuchten nahe. Daß die in Rede stehende Gewebsform die Basis des ganzen Körpers darstellt, ist schon lange bekannt. Aber auch im übertragenen Sinne ist sie der Grund, in welchem alle Organe wurzeln, und schließlich hat sie gewissermaßen als Grund und Boden an sich schon einen Eigenwert“ (Buttersack).

In der Regulationspathologie Rickers (1924) und Permeabilitationspathologie Eppingers (1949) sind ebenfalls die funktionellen Zusammenhänge zwischen Endstrombahn und Zelle durch die Grundsubstanz und deren Störungen als Ausgangspunkt jeglicher Erkrankungen erkannt worden. Ricker zeigte, daß die vielen Abläufe und Gestaltungen, die das gesunde und das kranke Geschehen der Physis ausmachen, nichts anderes als Varianten ein und desselben physiologischen Grundvorganges seien. Varianten des Stoffund Energiewechsels; Varianten des Grades und des Ortes („Stufengesetz“). Ricker konnte damit die über Hippokrates, Galen, Paracelsus und Hahnemann weitergetragene Erfahrungsmedizin bestätigen, wonach alle Krankheitsprozesse gleichen Wesens sind und daß nicht der Stoff, sondern die Dosis das Heilsame ist; woher auch viele Krankheiten durch die Heildosis ein und desselben Mittels heilbar wären und die Heildosis unzähliger Mittel ein und dieselbe Krankheit lindern oder heilen können müssen, ganz wie es die Erfahrung lehrt.

Alle diese frühen Autoren bringen Beobachtungen und Beweise dafür, daß beim Krankheitsgeschehen schlechthin das „Grundgewebe“ primär belastet ist, wie es auch bei den Heilungsvorgängen wesentlich mitspielt.

Soweit die Auffassungen in der älteren Literatur: Der Bindegewebskörper mit den Zellen, den Fasern und der interfibrillären Masse wird als einheitlicher Komplex genommen, der die spezifisch wirkenden Parenchymzellen umgibt und deren Erhaltung und Regeneration ermöglicht. Dieser Bindegewebskörper kann auch nicht getrennt von den Gefäßen bzw. Kapillaren und vom Blut mit seinen Bildungsstätten betrachtet werden. Manche neuere Bezeichnungen für Alterationen des Bindegewebes wie Desmosen, Kollagenosen oder Gelosen sind daher insofern irreführend, als sie stets nur einen Bestandteil des Bindegewebes im Auge haben: entweder die Fasern oder die interfibrilläre Flüssigkeit. Es darf nicht verkannt werden, daß auch im Bindegewebe die Zelle den Mittelpunkt bildet. Diese und ihre dem Pathologen lange bekannten Reaktionen sind der sichtbare Ausdruck für die autonome Aktivität und Reagibilität des Bindegewebes.

In der Folge blieb die Aufmerksamkeit für das Bindegewebe bestehen. Die Arbeiten befassen sich jedoch mehr mit seinen physiologischen Leistungen und seinen biologischen Aufgaben.

Vor dem Siegeszug der Virchowschen Zellenlehre wurde das Individuelle einer Erkrankung in Veränderungen der Körpersäfte gesehen. Vorstellungen darüber gehen bis in archaische Zeiten zurück. Alkmaion, Hippokrates, Galen und deren Schüler unterscheiden vier Körpersäfte: Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle; ihre richtige Mischung (Eukrasie) sei die Grundlage für Gesundheit, eine gestörte Mischung (Dyskrasie) die für Krankheit. Die Säfte sah man auch als die Träger der Körperkonstitution an. Die Humorallehre wurde von einem Zeitgenossen Virchows, dem Wiener Pathologen v. Rokitansky, zu einer Krasenlehre ausgebaut, die jedoch als Humoralpathologie damals nicht die gleichen handgreiflichen Beweise wie die Virchowsche Zellularpathologie vorweisen konnte und in der Folgezeit verdrängt wurde. Erst Pischinger und seine Mitarbeiter haben seit 1945 in Österreich die Säftelehre als System der Grundregulation einer rationalen medizinisch-naturwissenschaftlichen Methodologie zugeführt. Sie haben die durch Virchow isolierte Zelle aus ihrer Abstraktion in die Trias Kapillare-Grundsubstanz-Zelle als kleinsten gemeinsamen funktionellen Nenner des Lebens eines Wirbeltierorganismus gestellt.

Die etwa zur gleichen Zeit aufkommende Kybernetik (Wiener 1963) und die Entwicklung der Theorie der „Thermodynamik energetisch offener Systeme“ haben gezeigt, daß biologische Systeme keine Linearität zeigen, sondern hochvernetzt sind und einem biologischen Fließgleichgewicht (v. Bertalanffy 1952) unterliegen. D. h. biologische Systeme sind energetisch offen und daher in der Lage, mit ihrer Umgebung Energie und Materie auszutauschen. Die dabei auftretenden Ordnungszustände sind jedoch nicht stabil. Sie schwingen fernab von einem thermischen Gleichgewicht, das im allgemeinen eine Rückkehr zum Ausgangszustand nicht erlaubt (trotzdem können, wie z. B. im Erbmaterial, Stabilitäten erreicht werden, die sonst nur Mineralien zukommen). Offene Systeme zeigen im Unterschied zu klassischen abgeschlossenen sog. Newtonschen Systemen, daß bei Zufuhr geeigneter Energie (nicht-chaotischer Energie, z. B. Nahrungsstoffe) sich diese schlagartig über das gesamte System ausbreiten kann; hierbei kommt es auf autokatalytischem Weg zur Entstehung neuer Strukturen, die sich auch zu höherer Ordnung weiter entfalten können.

Die Berücksichtigung kybernetischer Zusammenhänge zwingt, den Boden monokausalen Denkens zu verlassen. Zumeist ist bei biologischen Systemen kein kausaler Zusammenhang zwischen steuernden Eingaben einerseits und Ergebnissen an den Ausgängen andererseits zu beobachten (z. B. unterschätzte Nebenwirkungen von Medikamenten). „Wer aber eindimensionale Kausalketten auf vernetzte Systeme anzuwenden versucht, kann für seine Arbeiten nicht mehr den Anspruch der Wissenschaftlichkeit erheben“ (Thomas 1984).

Die Schwierigkeiten, lineare Ursachen-Wirkungs-Beziehungen in Organismen zu finden, liegen somit in der Tatsache begründet, daß es sich dabei um hochvernetzte, energetisch offene Systeme handelt. Die geeignetste Energieform, einem biologischen System Struktur und Ordnung zu verleihen und zu erhalten, ist Informationszufuhr und -verarbeitung. Die große Bedeutung von Information als nicht-chao-tischer Energieform liegt darin, daß sie an keinen bestimmten Energieträger gebunden ist (z. B. Schallwellen der Luft, Informationsübertragung auf die Gehörknöchelchen im Mittelohr, weiter auf die Sinneszellen der Schnecke, von dort auf den 8. Gehirnnerv, schließlich Übertragung auf entsprechende Neuronenfelder des Gehirns). Information ist daher in lebenden Systemen der geeignetste Energieträger, um sowohl nah- wie fernreichweitige interzelluläre Wechselwirkungen auszulösen (Fischer 1985). Dies entspricht dem Ziel eines Organismus, sich im Ganzen zu erhalten. Es ist zwar notwendig, die einzelnen Bedingungen dazu kausalanalytisch zu ermitteln, aber im Zeichen zunehmend chronischer Erkrankungen muß nach den Bedingungen eines übergeordneten Ordnungsprinzips gesucht werden, das dem Streben nach Erhalt eines Organismus als Grundlage dient.

Dieses Prinzip ist durch die Grundsubstanz und ihre Regelmechanismen gegeben (Pischinger 1983). Entsprechend durchzieht die Grundsubstanz die Extrazellulärräume des gesamten Organismus, erreicht jede Zelle und reagiert stets einheitlich. Wo in epithelialen Zellverbänden oder der Hirnmasse der Extrazellulärraum auf minimale Spalten reduziert wird, bildet die Grundsubstanz die Interzellularsubstanz. Biochemisch bildet die Grundsubstanz ein Maschenwerk aus hochpolymeren Zucker-Protein-Komplexen, in denen die Proteoglykane überwiegen (▶Abb. 1-3), gefolgt von Strukturglykoproteinen (Kollagen, Elastin, Fibronektin, Laminin u. a.). Proteoglykane und Strukturglykoproteine bilden ein Molekularsieb, durch das der gesamte Stoffwechsel von der Kapillare zur Zelle und umgekehrt hindurch muß („Transitstrecke“). Moleküle ab einer gewissen Größe und/oder Ladung unterliegen einem Ausschlußeffekt. Die Porengröße des Filters wird durch die jeweilige Konzentration an Proteoglykanen im betreffenden Gewebskompartiment, durch deren Molekulargewicht sowie durch Elektrolyte und resultierenden ph-Wert bestimmt. Von entscheidender funktioneller Bedeutung ist dabei die Negativladung der Proteoglykane, wodurch sie zu Wasserbindung und Ionenaustausch einwertiger gegen zweiwertige Kationen befähigt sind.

Sie sind damit die Garanten für Isoinie, Isoosmie und Isotonie in der Grundsubstanz (Hauss et al. 1968). Der dadurch etablierte elektrostatische Grundtonus reagiert auf jede Veränderung in der Grundsubstanz mit Potentialschwankungen. Die auf diese Weise verschlüsselten Informationen können sich wiederum als Potentialschwankungen der Glykocalyx der Zellmembran mitteilen und dort, falls sie stark genug sind (Informationsselektion!), über Depolarisation der Zellmembran (z. B. Muskel- und Nervenzellen) zu einer Zellreaktion führen oder – wie bei allen anderen Zelltypen – über Aktivierung membranständiger zweiter Boten (zyklisches Adenosinmonophosphat, Inosittriphosphat u. a. m.) die in die Grundsubstanz codierte Information auf zytoplasmatische Enzyme übertragen. Diese gelangen in den Zellkern und können letztlich das genetische Material des Zellkerns an geeigneter Stelle anstoßen. Darauf erfolgt die Transkription entsprechender DNS-Abschnitte (Gene) in die verschiedenen RNS-Typen. Nach Transfer in das Zytoplasma starten die verschiedenen RNS-Typen an den Schläuchen des endoplasmatischen Retikulums die Übersetzung der Information in zelleigene Produkte (Übersicht bei Heine und Schaeg 1979).

Abb. 1: Schema der Grundregulation. Wechselseitige Beziehungen (Pfeile) zwischen Endstrombahn (Kapillaren, Lymphgefäße), Grundsubstanz, terminalen vegetativen Axonen, Bindegewebszellen (Mastzellen, Abwehrzellen, Fibroblasten usw.) und Organparenchymzellen. Epitheliale und endotheliale Zellverbände sind von einer zur Grundsubstanz vermittelnden Basalmembran unterlagert. Jede Zelloberfläche trägt einen mit der Grundsubstanz verbundenen Glykoprotein- und -lipidfilm (gepunktete Linie), wozu auch die Histokompatibilitätskomplexe (MHC) gehören. Die Grundsubstanz ist über die Endstrombahn an das Endokrinium, über die Axone an das ZNS angeschlossen. Der Fibroblast ist das stoffwechselaktive Zentrum (nach Heine 1979).

Durch die netzförmige makromolekulare Überstruktur der Proteoglykane und Glykosaminoglykane (PG/GAGs) wird auch der mechanische Zusammenhalt der Gewebe wesentlich bestimmt (Balasz und Gibbs 1970, Buddecke 1971). Dadurch geraten z. B. auch die terminalen Axone vegetativer Nervenfasern unter eine ganz bestimmte mechanische und elektrische Spannung und können mit Freisetzung von Neurotransmittersubstanzen und Neuropeptiden reagieren. PG/GAGs bilden ein schockabsorbierendes System, das wie ein Gleitmittel wirkt (Gelenkschmiere), das bei starker und wiederholter mechanischer Beanspruchung in ein viskoelastisches System übergeht. Dieses ist in hohem Maße elastisch verformbar und wirkt dadurch energieverzehrend. Zur Verschlüsselung von Informationen in die Grundsubstanz gehören somit auch die an biochemische Veränderungen gekoppelten rheologischen (Heine und Schaeg 1979, Heine 1997).

Abb. 3: Ausschnitt aus ▶Abb. 1. Grundsubstanz synthetisierender Fibroblast (1). Das netzförmige Proteoglykanmuster (2) ist ausschnitthaft vergrößert (Pfeil). Proteoglykane (2a) sind in der Grundsubstanz an Hyaluronsäure (2b) gebunden.

1.1.1 Stofftransport in der Grundsubstanz

Die feinstrukturelle Ordnung der Grundsubstanzkomponenten läßt sich als Netzstruktur selbstähnlicher Polygone beschreiben (▶Abb. 1). Deren Durchmesser variiert zwischen ca. 5 und 80 nm. Wenn auch Aufbereitungsartefakte des Gewebes das Bild beeinflussen, so wird doch ein der Grundsubstanz immanentes Strukturprinzip deutlich, das unter der Bezeichnung „Matrisom“ eine begriffliche Vereinfachung („Komplexitätsbrechung“) zuläßt, ohne die funktionellen Einzelheiten zu vernachlässigen (Grimaud und Lortat-Jacob 1994). Das Matrisom stellt ein Assamblée von vier Makromolekülen dar (▶Abb. 4): PG/GAGs, Strukturglykoproteine, Vernetzungsglykoproteine und variable transitär gebundene, die Funktion von Grundsubstanz und Zellen beeinflussende Proteinkomponenten (Zytokine, Wachstumshormone, Hormone, Neurosubstanzen, Metaboliten, Kataboliten u. a. m.).

Die Selbstähnlichkeit der Matrisome zeigt, daß die Grundsubstanz als determiniertes Chaos strukturiert ist; d. h. daß fernab von einem thermodynamischen Gleichgewicht labile, geordnete Strukturen auftreten. Selbstähnliche Polygone entstehen durch sich schneidende Geraden beliebiger Richtung. Rekonstruiert man die Grundsubstanz dreidimensional, d. h. legt man computersimuliert Linienraster beliebig übereinander, so entsteht ab einer gewissen Schichtdicke nicht einfach ein undurchdringlicher Filz, sondern nach Art eines Assembly-Disassembly-Prozesses treten geschraubte hyperboloide Gebilde auf (▶Abb. 5), die nach dem Prinzip energetischer Minimalflächen strukturiert sind (Übersicht bei Heine 1997). Wobei sich minimal nicht auf die Größe der Fläche bezieht, sondern auf die potentielle Energie der Fläche. Energetische Minimalflächen zeigen eine negative Gaußsche Krümmung, wie z. B. ein Sattel (v. Schnering 1991).

In vivo liegen keine mathematisch vollständigen energetischen Minimalflächen vor, da diese ständigen Deformationen z. B. durch pH-Wertänderungen, Stoffwechselprodukte usw. ausgesetzt sind. Minimalflächen haben die bemerkenswerte Eigenschaft, daß sie in der Regel auf kleine Veränderungen an einer Stelle mit sehr großen Veränderungen in großem Abstand reagieren (Karcher und Polthier 1990).

Abb. 4: Matrisom. Es wird von vier Makromolekülen gebildet: Proteoglykane/Glykosaminoglykane (PG/GAGs), Strukturglykoproteine (StGL); Vernetzungs-(interaktive) Glykoproteine (VGL), transitär gebundene Proteine (TP, Zytokine, Wachstumsfaktoren, Hormone, Proteasen u. a. m.). Die n-fache Klammer weist auf die sich wiederholende, selbstähnliche Gestalt von Matrisomen in der Grundsubstanz [Grimaud und Lortat-Jacob 1994, S. 86].

Das Prinzip energetischer Minimalflächen als raumteilende Bauelemente ist in der Natur weit verbreitet. Es findet sich wieder im Bau der Blutgefäße, Nerven, Sehnen, Knochen, Gelenkflächen, Zellmembranen, DNS, Enzyme u.a.m. Die aufgrund der Krümmung von Minimalflächen induzierten Nichtbindungs-Wechselwirkungen können die energetischen Bedingungen aller biochemischen Wechselwirkungen beeinflussen, u. a. den transmembranösen Transport, Antigen-Antikörper-Wechselwirkungen, Proteinsynthese, Sauerstoff-Wechselwirkungen im Hämoglobin, Aktin-Myosin-Wechselwirkungen, Sol- und Gelzustand von Polysacchariden (Andersson et al. 1988, Karcher und Polthier 1990, Übersicht bei Heine 1997). Die durch Nichtbindungs-Wechselwirkungen an den Hyperboloiden ablaufenden Energieverschiebungen ermöglichen für viele biologisch-medizinische Therapieverfahren (Homöopathie, Elektroakupunktur, Bioresonanzverfahren, bioenergetische Funktionsdiagnostik) neue Deutungsmöglichkeiten. Denn unter energetischen Minimalbedingungen kann bereits die Energie eines Photons (es ist masselos) erhebliche Wirkungen auslösen, wobei lediglich die Energie, aber nicht die Zahl von Molekülen (z. B. Loschmidtsche Zahl) oder das Massenwirkungsgesetz eine Rolle spielen (Übersicht bei Heine 1997).

Die dynamische Bildung von tunnelartigen Hyperboloiden im Nanometerbereich (ca. 5-80 nm) scheint durch die Möglichkeit von Ringschlüssen der Zuckerkomponenten der PG/GAGs wesentlich gesteuert zu werden. Von ausschlaggebender Bedeutung für die normale wie auch gestörte Grundregulation ist, daß die Hyperboloide zur Bildung von Einschlußkomplexen („guest-host“ Komplexierung) befähigt sind: In das Tunnelinnere können hydrophobe (lipophile) Substanzen, an die Außenwand hydrophile Substanzen gebunden werden (▶Abb. 5). Dies ist Voraussetzung für einen gleichzeitigen Transport hydrophober und hydrophiler Substanzen durch die Grundsubstanz (Heine 1997).

Abb. 5: Tunnelstruktur der PG/GAGs der Grundsubstanz. Bindung und Wechselwirkungen zwischen hydrophober Tunnelinnenseite und hydrophober organischer Substanz (guest-host Komplex) führen zur Austreibung von Wasser, das an die Tunnelaußenseite bindet.

Da die Grundsubstanz über die Kapillaren an das System der endokrinen Drüsen und über die blind in der Grundsubstanz endigenden peripheren vegetativen Nervenfasern an das Zentralnervensystem angeschlossen ist und beide Systeme im Gehirnstamm miteinander verschaltet sind, können über die Grundsubstanz übergeordnete Regelzentren beeinflußt werden. Da sich Kapillaren, vegetative Nervenfasern und die die Grundsubstanz regulierenden Bindegewebszellen über wandernde Bindegewebszellen (Makrophagen, Leukozyten, Mastzellen) gegenseitig (parakrin) und rückkoppelnd sich selbst (autokrin) „informativ“über freigesetzte Zellprodukte (Prostaglandine, Zytokine, Proteasen, Proteaseninhibitoren u. a. m.) beeinflussen können, ergibt sich ein ungeheuer komplexes vernetztes humorales System, dessen wissenschaftlich historischer Vorläufer in der klassischen Säftelehre zu suchen ist. Der Vorteil derart vernetzter Systeme liegt in einer erheblichen Steigerung der Anpassungs- und Leistungsfähigkeit und der Möglichkeit immer wieder völlig neu auftretender Eigenschaften, die aus der bloßen Summierung der Einzeleigenschaften der Komponenten nicht zu erzielen sind. Auf diese Weise werden auch Beziehungen zwischen Psyche und Immunsystem („Psychoneuroimmunologie“) verständlich (Ader 1981, Einzelheiten und Übersicht bei Heine 1997).

Trotz hoher Spezialisierung von Subsystemen (z. B. Immunsystem) und damit bedingter Anfälligkeit liegt der evolutive Nutzen hochvernetzter, biologischer Systeme in ihrer Redundanz. Das bedeutet, „daß das System den Ausfall einzelner Komponenten oder Untersysteme dadurch kompensiert, daß andere Komponenten oder Untersysteme ganz oder teilweise, auf Dauer oder gegebenenfalls zeitweise bis zur Reparatur die Aufgabe der defekten Komponente übernehmen können“ (Thomas 1986). In der Regelung der Homöostase liegt somit die Zielstrebigkeit (Finalität) eines Organismus begründet, sich zu erhalten. In der Biologie wie auch in der Medizin schließen sich somit Kausalität und Finalität nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig.

Die Grundsubstanz ist phylogenetisch älter als das Nerven- und Hormonsystem. Entsprechend wird sie in ihrem Auf- und Abbau von einem sehr ursprünglichen Zellsystem kompensatorisch geregelt: dem Fibrozyten-Makrophagen-System. Während Fibrozyten in der Lage sind, situationsgerecht innerhalb von Sekunden mit einer quantitativ und qualitativ angepaßten Synthese von Proteoglykanen und Strukturglykoproteinen zu reagieren, können Makrophagen im Normalfall Grundsubstanz durch Phagozytose wieder abbauen. Da der Fibrozyt nicht zwischen „Gut und Böse“ unterscheiden kann, entwickelt sich bei dessen chronischer Alteration zunehmend eine unphysiologisch strukturierte Grundsubstanz, die wesentlich durch ihre Beeinflussung aller zellulären Elemente zur Entwicklung chronischer Erkrankungen bis hin zu Tumoren beitragen kann (Heine 1987).

Die Zuckerpolymere der Grundsubstanz eignen sich somit aufgrund ihrer hohen Wasserbindungs- und Ionenaustauschfähigkeit zur Informationsleitung und -speicherung in der Grundsubstanz. Anders als bei dem den genetischen Code konservierenden Biopolymer DNS geht es in der Grundsubstanz nicht um Informationskonservierung mit der Möglichkeit der Informationsweitergabe durch Transkription und Translation, sondern um schnelle geordnete Informationsleitung und -verteilung im Sinne der aktuellen Regelung der Homöostase.

Die Strukturkombinationen aus Wasser und Zuckerbiopolymeren stellen meiner Meinung nach das älteste Informations- und Abwehrsystem sauerstoffatmender ein- und mehrzelliger Lebewesen dar (wobei sich bei Einzellern, Bakterien und Viren die Zuckerpolymere als äußere Hülle mit der Zellmembran verbinden). Denn diese Polymere sind außerdem geeignet, die latente Entzündungsbereitschaft des Bindegewebes als Redoxsystem, durch Elektronenaufnahme und -abgabe, auf dem Niveau der Homöostase regulieren zu helfen (Levine und Kidd 1985). Aufgrund dieser Redoxeigenschaften kann jede den elektrischen Tonus der Grundsubstanz verändernde Situation als Information codiert und weitreichend wechselwirkend im Organismus verbreitet und verarbeitet werden. Gleichzeitig können überschüssige extrazelluläre Elektronen und Protonen in Form von Sauerstoff- und Hydroxylradikalen, die bei allen enzymatisch gesteuerten Umsetzungen auftreten, durch Wasser und Zuckerpolymere abgefangen werden. Die dabei entstehende Wärme ist wiederum zur Anregung biologischer Prozesse notwendig. Der Regelfähigkeit der Grundsubstanz kommt daher im Krankheitsgeschehen größte Bedeutung zu. Bei allen akuten und chronischen Erkrankungen sowie Tumoren lassen sich daher Regulationsstörungen und ultrastrukturelle Veränderungen der Grundsubstanz nachweisen (Pischinger 1983, Perger 1983, Heine 1987).

Die Zuckerpolymere der Grundsubstanz erfahren im Verlauf der Evolution eine Bindung an ein Proteinrückgrat, woher sich die Bezeichnung Proteoglykane ableitet (nur Hyaluronsäure bildet eine Ausnahme; ▶Abb. 3, 6, 7) oder werden an die Außenseite der Zellmembranen durch Membranproteine und -lipide gebunden (Glykoproteine und -lipide des Zuckeroberflächenfilms – Glykocalyx – der Zelle). Ebenso erfahren alle Strukturproteine (Kollagen, Elastin, Fibronektin usw.) eine Glykosilierung.

An den meisten enzymatischen Reaktionen in der Grundsubstanz und den Zellen sind Zucker in Form von Nukleotiden als Bestandteil der Koenzyme beteiligt. Nukleotide sind aus einer Base, einem Monosaccharid (fast immer eine Ribose) und Phosphatsäure aufgebaut. Gerade weil Koenzyme zwischen verschiedenen Enzymen vermitteln, kommt ihnen im Stoffwechsel als Bindeglied besondere Bedeutung zu, wodurch dieser überhaupt erst möglich wird. Der Terminus Nukleotide weist darauf hin, daß diese zuerst als Bausteine der Nukleinsäuren (DNS, RNS) gefunden wurden. Auch bestimmte, den extra-intrazellulären Informationstransfer vermittelnden zweiten Boten, wie das cAMP, cGMP und Inositphosphat enthalten ein Mononukleotid. In diesem durchgehenden „Zuckerprinzip des Lebendigen“ scheint sich ein uraltes präzelluläres Evolutionsgeschehen widerzuspiegeln. Die Wasser-Zucker-Biopolymere sind evolutorisch immer modern geblieben.

Abb. 6: Vergrößerte Wiedergabe von ▶Abb. 3. Verknüpfungsproteine („link-Proteine“1) binden die Proteoglykanmoleküle an die Hyaluronsäure (2). Diese ist aufgrund ihrer Negativladung gestreckt. Genauso verhält es sich mit den Polysaccharidketten (3), die gestreckt vom Proteinrückgrat (4) abstehen. Die gestrichelten Linien geben die „Domäne“ eines Proteoglykanmoleküls wieder. Der Doppelpfeil weist auf flüssigkristallin gebundenes Wasser und die Ionenaustauschfähigkeit (Stern) zwischen den Polysaccharidketten.

Mit Aufkommen der Metabolisierung von Sauerstoff als Lebensgrundlage wurde sofort auch die Janusköpfigkeit dieses evolutiven Schrittes offenbar. Einerseits ist für höherorganisierte Lebewesen die Energiegewinnung aus Sauerstoff über die Bildung von ATP entlang der mitochondralen Atmungskette lebensnotwendig, andererseits müssen die dabei entstehenden entzündungsfördernden Sauerstoffradikale unschädlich gemacht werden. Die bei den antioxydativen enzymatischen Vorgängen freiwerdende Energie kann von den Wasser-Zucker-Polymeren der Grundsubstanz abgefangen werden, wodurch nicht nur eine Kühlung des organismischen „Reaktors“ erfolgt, sondern gleichzeitig die zur Aufrechterhaltung der Homöostase nötige Energie bereitgestellt wird. Ähnlich verhält es sich mit hochenergetischen Elektronen, die im wesentlichen aus dem oxydativen Aufbruch von Kohlenstoff-Wasserstoff-Verbindungen stammen, wie sie z. B. bei der Glukosespaltung entstehen (Levine und Kidd 1985). Dabei sind im Verlauf der Evolution wichtige intra- und extrazelluläre Antioxydanssysteme entstanden, wie z. B. die intrazelluläre Superoxyddismutase, Katalase, Glutathionperoxidase und im Extrazellulärraum die Ascorbinsäure, Vitamin A und E u. a. m. Prinzipiell führen die bei der enzymatischen Sauerstoffmetabolisierung auftretenden Elektronen- und Protonenverschiebungen zu vielfältigen Radikalbildungen. Deren Energie wird über die Grundsubstanz in das physiologische Redoxpotential des Organismus eingespeist. Werden die für den Elektronen- und Protonentransfer verantwortlichen enzymatischen Schritte gestört, was zunächst durchaus fokal z. B. durch unzureichende Blutversorgung erfolgen kann, kommt es zu einem Anstau von Radikalen.

Abb. 7: Zeitlicher Verlauf der Synthese der wichtigsten Makromoleküle der Grundsubstanz (Proteoglykane, Kollagen, Elastin)

Die daraus resultierende unphysiologische Veränderung des Redoxpotentials der Grundsubstanz führt bei längerer Dauer zur Gefahr der Entwicklung chronisch entzündlicher Erkrankungen bis hin zu Tumoren (Pischinger 1983, Perger 1983).

1.1.2 Chemische Sensitivität und Umweltmedizin

Schadstoffe aus der Umwelt sowie zunehmende Verbreitung künstlicher organischer Verbindungen z.B. in Nahrungsmitteln (in Anwendung sind annähernd 1000 künstliche Moleküle), Genußmitteln, Trinkwasser, ausgasend aus Lacken und Kunstbelägen u. a. m. gelangen ständig in den Körper, wo sie von der Grundsubstanz gebunden und dadurch für die nachgeschalteten Zellen pathologisch informativ werden können. Dies äußert sich in der Symptomatik chemischer Sensitivität (Chemical Sensitivity; Übersicht Rea 1995).

Da auch psychischer Streß zu einer Erhöhung von Radikalionen in der Grundsubstanz führt, tragen auch belastende geistig-psychische Situationen zur Körperstreßlast bei.

Dies führt schließlich in eine Maladaptationsphase der Grundregulation. Diese Situation wird häufig verkannt, weil irrtümlich angenommen wird, daß, wenn jemand längere Zeit unter Umweltbelastungen gelebt hat und äußerlich gesund geblieben ist, eine physiologische Adaptation („Abhärtung”) stattgefunden hätte. Ist ein Individuum gegen eine erst im Überangebot, aber sonst tolerierte künstliche Substanz sensitiv geworden, kann sich die Sensitivität rasch auf andere Substanzen ausbreiten (spreading effect). Dabei entwickelt sich eine erhöhte Empfindlichkeit selbst auf minimalste Dosen des Agens (Rea 1995). Bei Entfernen der Substanz kann rasch Erholung eintreten. Provoziert man dann die Patienten wieder mit der betreffenden Substanz (unter kontrollierten Bedingungen), treten die Symptome wieder auf. Mit entsprechenden Zubereitungen der Noxe (homöopathische Aufbereitung, Nosoden, Vakzine usw.) ist auch eine langfristige Therapie möglich (Übersicht bei Rea 1995).

Eine etablierte Maladaptation macht sich häufig erst jenseits des 50. Lebensjahres als Multimorbidität oder chronische Krankheit bemerkbar. Eine Überprüfung der Grundregulation, z. B. Elektrolyte im Vollblut, Azidoseprüfung, Methode Vincent, Decoderdermographie, EAV und Blutzellwerte, kann Hinweise auf Regulationsdefizite geben. Läuft das „Grundregulationsfaß“über, wobei es letztlich gleichgültig ist, ob ein emotionaler, chemischer oder anderweitig bedingter Streß den Ausschlag gegeben hat, mündet das Geschehen uniform in eine degenerative Symptomatologie ein (Übersicht bei Heine 1997).

1.2 Die Grundsubstanz als Eiweißregulator („Verschlackungsphänomene“)

Proteoglykane (PG) sind, was bisher viel zu wenig berücksichtigt wird, in der Lage, alle vier Nährstoffe zu speichern: Kohlenhydrate als Glukose und Galaktose, Eiweiß als -NH-Gruppen, Fett als Kohlenhydratketten mit Säureresten („Fettsäuren“) und Wasser in der Domäne (Entfaltungsbereich) des PG (Wendt und Warning 1986), wobei Wasser der wichtigste Nährstoff ist, bei dessen Verminderung sich die bürstenartig gestalteten PG zusammenfalten und damit die Transitstrecken in der Grundsubstanz funktionell beeinträchtigt werden (▶Abb. 1, 3, 6).

Damit wird aber ein wesentliches Prinzip geltender Ernährungslehre entkräftigt, der Mensch besitze keinen Eiweißspeicher außer Fettzellen, in denen jedweder Kalorienüberschuß als Triglyzerid gespeichert würde (Rapoport 1969). Bei genauerer Betrachtung findet man aber bei Adipösen im Bindegewebe neben Fettzellen einen erhöhten Kollagenanteil (Wendt 1984). Da Kollagenfibrillen zur Seit-zu-Seit-Polymerisation Polysaccharide benötigen (Übersicht bei Hay 1991), sind auch diese vemehrt. Eiweiß kann daher in Form von Kollagen, Proteoglykanen und Glykosaminoglykanen gespeichert werden. Die gesamte Grundsubstanz des Organismus ist daher, mit Bevorzugung einzelner Organe, zur Eiweißspeicherung befähigt.

Überschüssige Kohlenhydrate werden in Muskel- und Leberzellen in Form von Glykogen gespeichert, führen aber auch zur vermehrten Bildung von Proteoglykanen im subkutanen und interstitiellen Bindegewebe. Daß Kohlenhydrate als Proteoglykane gespeichert werden können, läßt sich auch dadurch beweisen, daß die Eiweißabscheidungen auf den Basalmembranen der Kapillaren und in der Grundsubstanz von Zuckerkranken einen höheren Zuckergehalt besitzen als bei Nicht-Zuckerkranken (Wendt und Warning 1986). Darüber hinaus kann Zucker aber auch durch nicht-enzymatische Glykosilierung von Proteinen (z. B. Hb A1c), Kollagen, Elastin, Proteoglykanen, Albumin, Myolin, Zellmembranen u. a. m. gebunden werden. Dieser Reaktion kommt offenbar größte Bedeutung bei Alterungsprozessen, Genese der Arteriosklerose sowie den Gewebsveränderungen bei Diabetikern zu (Wendt und Warning 1986, Cerami et al. 1987).