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Der Tod erfindet dieses Buch, um seine Opfer auf einem neuen Weg holen zu können. Wer sich, nach einer anfänglichen Warnung, zum Lesen des Buches verleiten lässt, wird unweigerlich sterben. Einmal "angesteckt", gibt es kein Zurück, der Leser beginnt seine Agonie zu erleben. Die Menschen von der Perspektive des unerbittlichen, kalten und oft gemeinen Todes aus gesehen, welcher aber auch seine Schwäche und seinen Neid auf die Menschen zeigt.
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Seitenzahl: 56
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das tödliche Buch
Autor: Der Tod
Niederschrift nach Anweisung des Todes:
Bernhard Mathiuet
© 2014 Bernhard Mathiuet
Umschlaggestaltung: Bernhard Mathiuet
Lektorat: Simone Burgherr
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN 978-3-7323-0441-7 (Paperback)
ISBN 978-3-7323-0442-4 (Hardcover)
ISBN 978-3-7323-0443-1 (e-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Das schlimmste aller Bücher
Halt!
Ich warne dich!
Lies auf keinen Fall weiter!
Ich bin der Tod in Form eines Buches.
Wenn du die nächste Seite aufschlägst,
ist es zu spät.
Dann beginnst du unweigerlich zu sterben.
Hallo! Da bist du ja endlich. Darf ich mich vorstellen: Ich bin der Tod. Du hast deinen ersten Schritt zu mir getan. Nun gibt es kein Zurück mehr. Du bist verloren. Soeben hast du angefangen zu sterben. Und du bist selber schuld. Dein Countdown läuft. Achte auf die Seitenzahlen. Jede von ihnen ist eine Stufe hinunter zur Null, der Auflösung im Nichts.
Während du liest, schaust du mir direkt in die Augen und ich in deine. Du siehst mich noch nicht, aber ich betrachte dein Gesicht, deine Brauen, Wimpern und Lider. Ich mustere deine Pupillen, und durch sie spähe ich tief in dich hinein. Was ich sehe, gefällt mir, denn es ist mein.
Du brauchst dir keine Sorgen um deine geheimen Gefühle und Gedanken zu machen. Ich sehe sie alle und behalte sie wortwörtlich für mich. Genau wie den Rest von dir. Du gehörst nun ganz mir. Nach und nach werde ich dich in den Abgrund ziehen und verzehren.
Selbstverständlich glaubst du mir nicht. Als aufgeklärter, vernünftiger Mensch meinst du, so etwas sei unmöglich; schwarze Magie, vergiftete Buchseiten, eine spezielle Strahlung, wer glaubt denn solchen Unsinn?
Und doch … deine Neugier bleibt. Es könnte ja etwas Wahres daran sein, vielleicht etwas besonders Subtiles oder etwas bisher völlig Unbekanntes, nicht wahr. Und das ist es auch. Natürlich verrate ich dir mein Geheimnis nicht. Nur eins ist gewiss: Es wirkt immer und bei allen! Schließlich bin ich der Tod selbst, der in diesen Seiten, in diesen Buchstaben sitzt und sich über sie durch deine Augen in dich hinein begeben hat.
Ich kann dir beweisen, dass ich schon in dir bin, in dir wirke, an dir zehre.
Du hast nämlich schon einen heimlichen, kaum merklichen Blick in dich, in deinen Körper geworfen. Vielleicht hast du es selbst kaum bemerkt, denn er war wirklich ungemein kurz. Du bist gleich zurückgeschreckt vor diesem leisen, kalten Schaudern. Ja, das ist es! Das erste Anzeichen, dass ich in dir bin, dich habe.
Gerade läuft es dir wieder den Rücken hinunter. Mein Weg geht durch die Augen ins Gehirn und von da der Wirbelsäule entlang nach unten.
Traust du dich, noch einmal nachzuspüren? Tue es doch! Du meinst ja sowieso, das Ganze sei nichts als Unfug, höchstens eine weitere raffinierte Horrorgeschichte. Was kann da schon geschehen? Also bitte, dann mache es jetzt! Wo fühlst du den Schauder? Na? Ist da nicht ein leichtes Frösteln, ein wenig Gänsehaut an den Beinen. Genau so beginne ich zu wirken, in deinem Fleisch, unter deiner Haut, an der Wurzel deiner Zehennägel.
Na so was! Eben hast du den Impuls gefühlt, deine Füße etwas hochzuziehen und deine Zehen zu krümmen. Ein bisschen viel für jemanden, der nicht daran glauben will. Meinst du nicht?
Und da sind auch noch andere neue, noch nie dagewesene Eindrücke und Empfindungen, die du plötzlich wahrnimmst. Ein leises Zittern, ein feines Ziehen, der Hauch von Angst. Woher kommen die denn? Irgend jemand oder etwas muss sie dir ja verschafft haben, denn von nichts kommt nichts. Und wenn nicht ich es war, wer denn sonst?
Bestimmt hast du dich schon gefragt, wie es jetzt weiter gehen wird. Ihr Menschen seid ja so neugierig! Die Neugierde hat dich ins Verderben gezogen und du wirst immer wieder ihr Opfer werden. Noch wehrst du dich mit allen kümmerlichen Kräften deines Verstandes gegen den Untergang und schon schielst du zum nächsten Schritt in deine Zerstörung.
Wenn du willst, kannst du das Buch weglegen. Der Sterbeprozess nimmt dann seinen Gang, während du versuchst, ein normales Leben zu führen. Mir ist es egal, ob du weiterliest oder nicht. Es macht mir nämlich so oder so keine Mühe, dich langsam zu konsumieren. Wenn du mein Buch liest, wirst du das Ganze bewusster erleben. Du wirst wissen, wo wir beide stehen, was mit dir passiert. Sonst wirst du noch verrückt vor Ungewissheit. Vielleicht ist es das erste und einzige, was du wirklich bewusst wahrnehmen wirst in deinem Leben: Dein Sterben, mich, den Tod.
Wenn du dich fürs Weiterlesen entscheidest, gebe ich dir einen guten Rat: Halte das Buch immer fest in deinen Händen. Gewisse Worte funktionieren nämlich als Auslöser für besondere Überraschungen. Aus ihnen schieße ich plötzlich blitzschnell als abgrundtiefe kalte Schwärze auf dich zu, umhülle und fülle dich, durchfahre dich einen Sekundenbruchteil lang mit einer so intensiven, ureigenen Angst, dass du aufschreien wirst und das Buch eventuell fallen lassen könntest. Es sind dies hauptsächlich die Worte, die drei ‚z’ enthalten, aber auch sonst noch einige.
Bei anderen, vor allem auf ‚p’ endenden, ergreife ich jäh deine Hände. Dabei fühlst du einen unglaublich durchdringenden Schmerz und siehst deine verkrampften, zusammengezogenen Muskeln als schwarze Reste auf vermoderten grauschwarzen Knochen. Auch dieser Spuk dauert jeweils nur einen Wimpernschlag lang.
Was machst du nun? Legst du das Buch weg und riskierst, im Ungewissen zu bleiben, was mit dir passieren wird, oder liest du weiter – trotz aller unliebsamen Überraschungen?
Siehst du! Ich hätte gewettet, dass du das Buch nicht auf die Seite legen kannst. Weil du wissen willst, wie es mit dir, mit uns weitergeht. Ich will darum mal fair sein und es dir erklären.
Der Sterbeprozess läuft über sechs Etappen ab:
1. Kontaktaufnahme
In unserem Fall hat sie so lange gedauert, wie du zum Wenden der Buchseite gebraucht hast. Bei anderen kann sie Wochen in Anspruch nehmen.
2. Ausblendung
Du willst noch nichts vom Sterben wissen, leugnest mich, den Tod, gibst dich Selbsttäuschungen hin wie „Die Medizin kann mir schon helfen“ oder „Mich kriegt nichts unter“. In dieser Etappe befindest du dich zurzeit. Sie weicht der nächsten, sobald du unwiderruflich mit den Tatsachen konfrontiert wirst.
3. Zorn
In dieser Phase steigt Wut in dir auf. Wut, weil es ausgerechnet dich getroffen hat, Wut auf die Ärzte, die dich nicht retten können, Wut auf Angehörige, die dich nicht verstehen. Du solltest deinen Zorn aber einzig und allein gegen dich richten, denn du hast die fatale Seite umgeschlagen. Vorwürfe wie „Ich Dummkopf!“ sind hier angebrachter als Zorn auf andere.
