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Die Hölle der sibirischen Straflager unter den Romanows: »Meisterhaft, fesselnd … über Verbrechen und Strafe, Liebe und grausame Gewalt.« Simon Sebag Montefiore In endlosen Kolonnen zogen sie auf monatelangen Märschen gen Sibirien: die Verbannten des Zarenreichs. Männer, Frauen und Kinder, ganze Familien waren es, die unter extremen Bedingungen in sibirischen Arbeitslagern schuften mussten. Die Eishölle musste besiedelt, die Rohstoffe sollten ausgebeutet werden – eine riesige Aufgabe, die nur mit verurteilten Sträflingen zu bewältigen war. Der Historiker Daniel Beer erzählt fesselnd und anrührend vom Alltag, von Verzweiflung und Hoffnung der Menschen, die oft nichts anderes verbrochen hatten als Kritik an der Herrschaft der Zaren zu üben – wie Dostojewski oder Lenin. Und er zeigt, wie in diesem Mikrokosmos von liberalen Intellektuellen eine Keimzelle der Revolution von 1917 entstand: Viele der Verbannten wurden zu Trägern dieses Umsturzes, der das Zarenreich zu Fall brachte. Für dieses Buch erhielt Daniel Beer den renommierten Cundill History Prize 2017.
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Seitenzahl: 840
Veröffentlichungsjahr: 2018
Daniel Beer
Sibirisches Exil unter den Zaren
In endlosen Kolonnen zogen sie auf monatelangen Märschen gen Sibirien: die Verbannten des Zarenreichs. Männer, Frauen und Kinder, ganze Familien waren es, die unter extremen Bedingungen in sibirischen Arbeitslagern schuften mussten. Die Eishölle musste besiedelt, die Rohstoffe sollten ausgebeutet werden – eine riesige Aufgabe, die nur mit verurteilten Sträflingen zu bewältigen war. Daniel Beer erzählt fesselnd und anrührend vom Alltag, von Verzweiflung und Hoffnung der Menschen, die oft nichts anderes verbrochen hatten, als Kritik an der Herrschaft der Zaren zu üben – wie Dostojewski oder Lenin. Und er zeigt, wie in diesem Mikrokosmos von liberalen Intellektuellen eine Keimzelle der Revolution entstand: Viele der Verbannten wurden zu Trägern des Umsturzes, der das Zarenreich zu Fall brachte.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Daniel Beer, geboren 1973, lehrt Modern European History an der University of London. Für »Das Totenhaus« hat er jahrelang in sibirischen und russischen Archiven geforscht und zahlreiche unbekannte Dokumente entdeckt. Das Buch gewann 2017 den Cundill History Prize und stand auf der Shortlist für den Wolfson History Prize sowie den Pushkin House Russian Book Prize. Es war »Book of the Year« der »Times«, des »Spectator«, des »Times Literary Supplement« und bei »BBC History«.
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Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe ist 2016 unter dem Titel ›The House of the Dead. Siberian Exile Under the Tsars‹ bei Allen Lane/Penguin Random House, London, erschienen.
© 2016 Daniel Beer
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Karten: © Peter Palm, Berlin
Covergestaltung: hißmann, heilmann, Hamburg
Coverabbildung: akg-images/East News
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-490796-3
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[Widmung]
Karten
Allgemeine Hinweise
Die Verwaltung Sibiriens
Hier war eine besondere [...]
Einleitung: Die Glocke von Uglitsch
1 Ursprünge der Verbannung
2 Der Grenzpfosten
3 Zerbrochene Säbel
4 Die Minen von Nertschinsk
5 Die Dekabristenrepublik
6 Sybiracy
7 Die Gefängnisfestung
8 »Im Namen der Freiheit!«
9 General Kuckucks Armee
10 Die Insel Sachalin
11 Die Peitsche
12 »Wehe den Besiegten!«
13 Der schrumpfende Kontinent
14 Der Schmelztiegel
Nachwort: Rotes Sibirien
Dank
Genehmigungen
Archivabkürzungen
Abbildungsnachweise
Register
Tafelteil
Für Gusztáv
In dieser Übersetzung wird nach Möglichkeit die Duden-Transkription für russische Namen und Titel verwendet. Die Namen russischer Herrscher erscheinen in der im Deutschen gebräuchlichen Form (zum Beispiel »Nikolaus« statt »Nikolai«).
Nichtrussische (gewöhnlich polnische) Namen werden in der ursprünglichen lateinischen Schrift wiedergegeben, soweit sie sich aus russischsprachigen Quellen rekonstruieren ließ. Wenn dabei Irrtümer aufgetreten sind, bitte ich um Entschuldigung.
Um dem Leser den Zugang zu den Originalquellen zu ermöglichen, werden weithin verfügbare Übersetzungen bedeutender russischer Werke zitiert. Sämtliche anderen Übertragungen aus dem Russischen sind die des Autors.
Im gesamten Text sind die bis 1835 in Russland gebräuchlichen imperialen Gewichts- und Maßangaben auf das metrische System umgestellt worden. Dies bezieht sich sowohl auf Zitate aus russischen Originalen als auch auf Übersetzungen.
Seit dem Jahr 1700 bis Februar 1918 benutzte Russland den Julianischen Kalender, der elf bis dreizehn Tage hinter dem Gregorianischen Kalender zurückliegt. Die Datumsangaben entsprechen dem Ersteren.
Zwischen 1803 und 1822 unterstand ganz Sibirien einem einzigen, in Irkutsk ansässigen Generalgouverneur. 1822 wurde es in zwei Hauptverwaltungsgebiete geteilt: ein Generalgouvernement Westsibirien mit Sitz in Omsk und ein Generalgouvernement Ostsibirien mit Sitz in Irkutsk. Sie wurden jeweils von einem Generalgouverneur geleitet, der St.Petersburg Bericht erstattete und die Gouverneure der einzelnen Regionen überwachte. Das westsibirische Generalgouvernement umfasste die Regionen Tobolsk, Tomsk und Omsk (Letztere wurde später aufgelöst und verschmolz einerseits teilweise mit der Region Tobolsk und untergliederte sich andererseits in die beiden neuen Regionen Semipalatinsk und Akmolinsk); das ostsibirische Generalgouvernement setzte sich aus den Regionen Irkutsk, Jenissej, Jakutsk und Transbaikalien zusammen. Jede Region (gubernija oder oblast) hatte eine Verwaltungshauptstadt und bestand aus einer Reihe von Kreisen (ujesd), die jeweils mehrere Landgemeinden (wolost) enthielten. Manche Bezirke (okrug), etwa der Nertschinsker Bergbaubezirk, entzogen sich dieser Hierarchie; an ihrer Spitze stand ein hoher Beamter, der dem Zaren direkt verantwortlich war. 1882 schaffte man das westsibirische Generalgouvernement ab, unterstellte die Regionen Tomsk und Tobolsk der unmittelbaren Kontrolle der Zentralregierung und machte die Regionen Semipalatinsk und Akmolinsk zum neuen Generalgouvernement der Steppe. Das ostsibirische Pendant wurde in die beiden neuen Generalgouvernements Priamursk (1884) und Irkutsk (1887) unterteilt. Priamursk verwaltete die Regionen Transbaikalien, Primorsk, den Amur und die Insel Sachalin; Irkutsk war für die Regionen Jenissej, Irkutsk und Jakutsk zuständig. Diese Verwaltungseinheiten blieben bis 1917 im Wesentlichen erhalten.
Hier war eine besondere Welt, die keiner einzigen anderen glich; hier gab es besondere Gesetze, besondere Tracht, besondere Sitten und Bräuche. Es war ein Totenhaus lebend Begrabener, darinnen ein Leben wie sonst nirgendwo; und auch die Menschen waren hier anders. Eben diesen besonderen Ort will ich nun zu beschreiben versuchen.
Fjodor M. Dostojewski, Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (1862)[1]
Im Jahr 1891 rang eine Gruppe russischer Kaufleute Zar Alexander III. durch eine Bittschrift die Erlaubnis ab, eine 300 Kilogramm schwere Kupferglocke aus der sibirischen Stadt Tobolsk 2200 Kilometer westwärts zu ihrem Heimatort Uglitsch transportieren zu lassen. Sie reiste im Spätfrühling 1892 die Wolga hinauf, und der Dampfer legte an einem Pier an, den man vor der Uglitscher Kathedrale errichtet hatte. Dort wurde die Glocke genau drei Jahrhunderte nach ihrer Verbannung nach Sibirien zeremoniell willkommen geheißen.[1]
Das Schicksal der Glocke war im Frühjahr 1591 besiegelt worden, als der neunjährige Sohn und Thronfolger Iwans des Schrecklichen, Zarewitsch Dmitri, mit durchschnittener Kehle in Uglitsch aufgefunden wurde. Dmitris Mutter und ihre Angehörigen glaubten, der Zarewitsch sei auf Befehl eines möglichen Thronrivalen, des Zar-Regenten Boris Godunow, ermordet worden. Sie ließen die Glocke von Uglitsch läuten, um die Stadtbevölkerung zur Revolte aufzurufen. Die Einwohner rotteten sich zusammen, und im Verlauf des Aufruhrs wurden die mutmaßlichen Mörder und ein Beamter aus Moskau umgebracht. Die Unruhe erregte den Zorn des Kreml. Godunow beorderte Soldaten nach Uglitsch, die den Aufstand niederschlugen. Im folgenden Frühjahr ließ er rund 200 Stadtbewohner hinrichten und viele andere ins Gefängnis werfen; etwa 100 wurden ausgepeitscht, und man schlitzte ihre Nasenflügel auf; die eloquenteren verloren auch ihre Zungen. Gegeißelt und verstümmelt, wurden die Rebellen nach Sibirien verbannt.
Abgesehen davon, dass Godunow Rache an den Aufständischen übte, bestrafte er auch das Symbol ihrer politischen Einheit. Er befahl, die Glocke herunterzulassen, ihr zwölf Peitschenhiebe zu versetzen, ihre »Zunge«, das heißt ihren Klöppel, zu entfernen und sie dann ebenfalls nach Sibirien zu verbannen. Die Uglitscher mussten die aufrührerische Glocke über den Ural zerren, bevor sie schließlich in Tobolsk zur Ruhe kam, wo der Militärgouverneur der Stadt sie als »erste unbelebte Exilantin aus Uglitsch« registrierte. Die stumme und verbannte Glocke wurde zum Zeugnis für die Macht der Herrscher Russlands, ihre widerspenstigen Untertanen sowohl über den Ural zu treiben, als sie auch zum Schweigen zu bringen.[2]
Doch in den folgenden Jahrhunderten wurde die Glocke zum Sammelpunkt für Gegner der Autokratie, die Godunows Bestrafung der Uglitscher für den grausamen Akt eines Usurpators hielten. Ein nach Tobolsk verbannter Adliger namens Ippolit Sawalischin bezeichnete die Glocke von Uglitsch 1892 als »unbezwungene Anklägerin, die beredt von (…) der Bestrafung eines ganz und gar unschuldigen Ortes kündet!«.[3] Um die Mitte des 19. Jahrhunderts symbolisierte die Glocke also nicht mehr nur die unangefochtene Autorität des Souveräns, sondern auch die rachsüchtige Macht, auf die sich seine Autorität stützte.
Tobolsk spielte in den Jahrhunderten nach der Verbannung der Uglitscher Glocke eine entscheidende Rolle beim Ausbau des sibirischen Exilsystems. Dieses Vermächtnis lässt sich noch heute an dem Gewirr verrottender Holzhäuser und neoklassizistischer Gebäude ablesen, welche die Altstadt ausmachen. Der Tobolsker Hauptplatz liegt auf einem Plateau, das sich 50 Meter über dem schlammigen Wasser des großen Flusses Irtysch und dem sich im Süden ausbreitenden unteren Ort erhebt. Es bietet Ausblick auf die umliegende Landschaft und die Kähne, die sich langsam stromaufwärts mühen. Zwei mächtige Gebäude dominieren den Platz. Das eine ist der steinerne Kreml, ein befestigter Komplex, der die Macht und den Glanz des Imperialstaats verdeutlichte. Seine massiven weißen Mauern, über denen die blauen und goldenen Kuppeln der Sofienkathedrale aufragen, wurden von Exilanten errichtet: von schwedischen Soldaten, die Peter der Große 1709 in einer der Entscheidungsschlachten des Großen Nordischen Kriegs (1700–1721) gefangen genommen hatte. Das zweite Gebäude, dessen beeindruckende neoklassizistische Fassade sich am gesamten Westrand des Platzes entlangzieht, ist das Tobolsker Zentrale Zuchthaus. In den frühen 1850er Jahren errichtet, war es das zweite seiner Art in der Stadt, und sein Aufnahmevermögen kam, was dringend erforderlich war, zu dem des bestehenden, maroden Gefängnisses hinzu. Konvois mit Hunderten von Exilanten sollten durch den Ort und über den Platz zu den Toren der Anstalt marschieren, wo sie eingesperrt wurden, bis das Tobolsker Verbannungsamt, der administrative Mittelpunkt des gesamten Systems, ihre Reiseziele festlegte. Die Verbannten wurden neuen Konvois zugeteilt und machten sich über die Straßen und Wasserwege Sibiriens zu fernen Dörfern und Strafkolonien auf. Tobolsk bildete den Zugang zu einem kontinentalen Gefängnis.[4]
Das Verbannungssystem war maßgeblich für die Kolonisation Sibiriens. Ortschaften wuchsen um die Gefängnisfestungen und Strafkolonien aus dem Boden, damit die Beamten und das Militärpersonal untergebracht werden konnten. Kaum ein sibirisches Dorf blieb von den Verbannten unberührt, die sich entweder offiziell in fast jedem Bezirk in jeder sibirischen Region niederließen oder inoffiziell als Wanderarbeiter, Diebe und Bettler durch die Gegend zogen. Die sibirischen Straßen waren übersät mit gedrungenen ockerfarbenen Aufenthaltsstationen, in denen die Marschkonvois der Deportierten auf ihren langen und zermürbenden Reisen übernachteten. Die Transit- und Stadtgefängnisse, die Bergwerke, Industrieunternehmen und Verbanntensiedlungen ähnelten Fühlern der Staatsmacht, die sich von St.Petersburg nach Osten vorstreckten. Als 1879 ein verheerendes Feuer drei Viertel des Zentrums von Irkutsk – damals eine blühende Stadt mit 30000 Einwohnern – zerstörte, war das Zentralgefängnis eines der wenigen Steingebäude, die verschont blieben. Seine Bedeutung als Transitpunkt für Exilanten wurde umso deutlicher, da es nun plötzlich über den schwelenden Ruinen der Stadt aufragte.[5]
Das Tobolsker Zentrale Zuchthaus diente bis 1989, als die Behörden es endgültig schlossen, als Haftanstalt. Wie viele Gefängnisse der zaristischen Ära war es nach 1917 renoviert und zu einem Teil dessen geworden, was Alexander Solschenizyn als »Archipel« der Vollzugsanstalten bezeichnete, die den stalinistischen Gulag bildeten. In Russland wie im Ausland verdrängt der Gulag die Erinnerung daran, dass Sibirien den Zaren als Stätte der Bestrafung diente. Lange bevor der Sowjetstaat seine Lager errichtete, war Sibirien bereits ein riesiges offenes Gefängnis mit einer über 300 Jahre langen Geschichte.[6]
Sibirien – der russische Name lautet Сибирь (ausgesprochen »Sibir«) – lässt das europäische Russland winzig erscheinen. Mit 15500000 Quadratkilometern ist es anderthalbmal größer als der Kontinent Europa. Sibirien hat nie eine unabhängige politische Existenz besessen; es verfügt über keine klaren Grenzen und keine einheitliche ethnische Identität. Seine moderne Geschichte ist untrennbar mit der Russlands verbunden. Das leicht zu überwindende Uralgebirge diente dem europäischen Russland weniger als physische Barriere denn als beliebige politische Grenzlinie, hinter der eine gigantische asiatische Kolonie und ein ausgedehntes Häftlingsreich lagen. Sibirien war gleichzeitig Russlands Herz der Finsternis und eine Welt der Gelegenheiten und des Wohlstands. Die kalte und unversöhnliche Gegenwart des Kontinents sollte einer glänzenderen Zukunft weichen, und den Verbannten Sibiriens war eine Schlüsselrolle bei diesem gepriesenen Übergang beschieden.[7]
Denn der zaristische Staat erstrebte mehr, als die soziale und politische Unordnung lediglich in seinem Kontinentalgefängnis einzusperren. Dadurch, dass er die alte Welt von unerwünschten Personen säuberte, wollte er zugleich die neue bevölkern. Das Verbannungssystem sah vor, eine wachsende Armee von Deportierten in den Dienst eines umfassenderen Projekts zur Kolonisation Sibiriens zu pressen. Der Theorie zufolge würden sich die Verbrecher Russlands abrackern, um die Naturreichtümer Sibiriens zu ernten und seine entlegenen Territorien zu besiedeln, wobei sie die Tugenden der Eigenständigkeit, der Abstinenz und des Fleißes entdeckten. In der Praxis dagegen entsandte das Verbannungssystem keine Armee unternehmungslustiger Siedler, sondern ein Heer mittelloser und verzweifelter Vagabunden ins sibirische Hinterland. Sie überlebten nicht durch ihren eigenen Fleiß, sondern dadurch, dass sie die wahren Kolonisten, nämlich die sibirischen Bauern, bestahlen und anbettelten. Die Spannungen, die dieser Doppelstatus der »Gefängniskolonie« mit sich brachte, ließen sich in den über drei Jahrhunderten, welche die Verbannung der Uglitscher Aufrührer und die Implosion des zaristischen Reiches im Jahr 1917 voneinander trennten, nicht beilegen. Ganz im Gegensatz zu den Ambitionen der russischen Herrscher wurde die Strafkolonisation nie zu einer Antriebskraft der sibirischen Entwicklung. Vielmehr erwies sie sich, während die Zahl der Verbannten wuchs, als immer größeres Hindernis auf diesem Weg.
Im Lauf des 19. Jahrhunderts erhöhten sich das Ausmaß und die Intensität des russischen Verbannungssystems derart, dass es die Varianten des britischen Empire und des französischen Kaiserreiches mühelos übertraf. Die Briten schifften in den acht Jahrzehnten zwischen 1787 und 1868 insgesamt 160000 Sträflinge nach Australien; der französische Staat verfügte zwischen 1860 und 1900 über eine Häftlingspopulation von ungefähr 5500 Menschen. Im Unterschied dazu wurden zwischen 1801 und 1917 über eine Million zaristischer Untertanen nach Sibirien verbannt.[8]
Unter jenen Häftlingen waren Generationen von Revolutionären aus Orten und Städten im europäischen Russland und in Polen. Manche kämpften für eine liberale Verfassung, andere für nationale Unabhängigkeit und noch andere für ein sozialistisches Utopia. Sibirien wurde zu einem trostlosen Zwischenstopp in den sich überschneidenden Geschichten des europäischen Republikanismus und der russischen revolutionären Bewegung. Am Ende des 19. Jahrhunderts deportierte die zaristische Regierung Tausende engagierter Revolutionäre in sibirische Gefängnisse, Bergwerke und ferne Siedlungen. Trotz ihrer Abgeschiedenheit stritten sie miteinander, schmiedeten Komplotte und veröffentlichten politische Traktate, um den revolutionären Untergrund in den Großstädten Russlands zu inspirieren und zu koordinieren. Ihre Träume von einer bevorstehenden Revolution, ungetrübt durch die Kompromisse der praktischen Politik, erfüllten die gähnende Leere des sibirischen Himmels. Sibirien war zu einem gigantischen Revolutionslabor und die Verbannung zu einem Initiationsritus für die Männer und Frauen geworden, die Russland eines Tages regieren würden. Als die Revolution im Jahr 1905 endlich ausbrach, machten diese im Exil lebenden Radikalen die Orte und Dörfer Sibiriens zu Schmelztiegeln des brutalen Kampfes gegen die Autokratie. Schafotte wurden in den Gefängnishöfen aufgebaut, während man jenseits der Mauern Wärter auf den Straßen ermordete. Das Territorium diente nicht mehr als Quarantänezone, die vor der Ansteckung durch die Revolution schützte, sondern es war seinerseits zu einem Infektionsherd geworden.
Die Biographien und sonstigen Schriften einiger Größen beherrschen die historische Erinnerung an das sibirische Exil vor der Russischen Revolution. Manche, beispielsweise Fjodor Dostojewski und Wladimir Lenin, waren selbst verbannt worden; andere, etwa Anton Tschechow und Leo Tolstoi, zeichneten in ihren Reportagen und ihrem literarischen Werk anschauliche Bilder des Häftlingslebens in Sibirien. In den Jahren 1861 und 1862, während des »Tauwetters« der Großen Reformen Alexanders II., publizierte Dostojewski seinen gefeierten halb autobiographischen Roman »Aufzeichnungen aus einem Totenhaus«. Darin unterstrich er seinen Glauben, dass die Verbannten, unabhängig von ihren Verbrechen, letztlich einem gnadenlosen und entmenschlichenden Gefängnissystem zum Opfer fielen: einem Totenhaus.
Danach wurde das alljährliche Rinnsal aus Artikeln, Memoiren und literarischen Werken über das Thema zu einem Strom, der in den letzten Jahrzehnten der zaristischen Ära unvermindert anschwoll. In der russischen Presse erschienen besorgte Diskussionen über die Gräuel des Verbannungssystems und seine katastrophalen Konsequenzen für Sibirien selbst. Andere berühmte Schriftsteller und Künstler traten in Dostojewskis Fußstapfen. In Tschechows Erzählung »In der Verbannung« (1892) haben die langen Jahre des sibirischen Exils einen alternden Fährmann jeglichen Mitgefühls, sämtlicher Hoffnungen und Wünsche beraubt. Der frühere Sträfling ist, wie sein junger Gefährte ausruft, nicht mehr am Leben, sondern »ein Stein, Lehm«.[9] Zu dem Zeitpunkt, als Ilja Repin seine Unerwartete Rückkehr 1884 malte, bedurften der hohle Blick des hageren jungen Mannes, der das Esszimmer seiner Familie betritt, sowie die verstörte und schockierte Reaktion seiner Angehörigen keiner Erklärung. Jeder einzelne von Repins Zeitgenossen wusste, dass die Szene die Heimkehr eines politischen Häftlings wiedergab. Repins Gemälde entsprach einer verbreiteten Vision von Verbannung, Grausamkeit und Leid, die unauslöschlich mit Sibirien verbunden war. Als Alexander III. 1892 schließlich die Genehmigung erteilte, die Glocke von Uglitsch in ihre Heimat zurückzubringen, bejubelte die russische Presse diese Geste als Ausdruck der Großherzigkeit des Monarchen. Doch angesichts des zunehmenden Abscheus über die katastrophale Strafkolonisation eines Kontinents erschien die Rückkehr der Glocke eher als Bestätigung des Scheiterns oder gar der Niederlage des Staates.[10]
Auch im Ausland wurde der Name der Autokratie durch das Verbannungssystem beschmutzt. Im Jahr 1880 veröffentlichte die britische satirische Zeitschrift Judy eine Karikatur, in der die Meinungen vieler westlicher Beobachter treffend zusammengefasst wurden. Sie zeigte den russischen Bären in der Uniform eines Gendarmen, der die Aufschrift »Fackel der Zivilisation« trug und eine scheinbar endlose Kolonne von angeketteten Gefangenen nach Sibirien führte. Das Elend der russischen und polnischen politischen Häftlinge in Sibirien entfachte das empörte Mitgefühl von Lesern in Europa und in den Vereinigten Staaten, die das tyrannische Gehabe der Autokratie anprangerten. Der überzeugendste und am besten informierte ausländische Sprecher für die politischen Gefangenen des Reiches war der amerikanische Journalist und Forscher George Kennan. Er hatte ursprünglich Verständnis gezeigt für das Ringen der russischen Regierung mit, wie er glaubte, gefährlichen Fanatikern. Doch in den späten 1880er Jahren erhielt Kennan die Genehmigung des Innenministeriums, ungehindert durch Sibirien zu reisen und über seine Beobachtungen und Erlebnisse zu berichten. Was er entdeckte, waren Tausende von Männern und Frauen, bei denen es sich, wie er ausführte, keineswegs um verwirrte und gefährliche Radikale handelte, sondern um Märtyrer für die Sache der Freiheit. Überall auf der Welt wurde Sibirien rasch zum Inbegriff des zaristischen Despotismus.[11]
Aber während das individuelle Schicksal berühmter Schriftsteller und Revolutionäre in Sibirien weithin bekannt und sowohl in Russland als auch jenseits der Grenzen diskutiert wurde, galt dies nicht für die große Mehrheit der Exilanten Sibiriens. Auf jeden verbannten Radikalen kamen Tausende unbekannter gewöhnlicher Verbrecher, die mit ihren Familien zum Marsch nach Sibirien und in die Vergessenheit gezwungen wurden. Die meisten waren Analphabeten und verfügten nicht über die Mittel, ihre Erfahrungen für die Nachwelt aufzuzeichnen. Ihr Schicksal ist allein in Polizeiberichten, Eingaben, gerichtlichen Unterlagen und offiziellen Schreiben überliefert, die vom Apparat eines immer höher entwickelten und immer raffinierteren Polizeistaats zusammengestellt und verwahrt wurden. Diese Dokumente, gebündelt und damals in groben Pappordnern in den staubigen und verrottenden Sammlungen zaristischer Ministerien abgelegt, befinden sich heute in Archiven in Moskau und St.Petersburg sowie in Ortschaften und Städten überall in Sibirien.[12]
Aus diesem archivalischen Beweismaterial und aus der Fülle veröffentlichter Memoiren und Tagebücher werden hier die Erfahrungen von Revolutionären und gewöhnlichen Verbrechern in Sibirien seit der Krönung Alexanders I. im Jahr 1801 bis hin zur Abdankung Nikolaus’ II. im Jahr 1917 wiederhergestellt. Ihre Stimmen erzählen die Geschichte der Mühen Russlands, seines Gefängnisreiches Herr zu werden, während das zaristische Regime heftig mit den politischen Kräften der modernen Welt zusammenprallte.
Am Ende des 16. Jahrhunderts leitete das russische Zarenreich ein Eroberungsprogramm ein, das als »Sammeln der russischen Erde« bekanntwurde. Diese Gebietsexpansion füllte das Machtvakuum aus, das durch den Niedergang der mongolischen Goldenen Horde entstanden war, also der Konföderation nomadischer und halbnomadischer Stämme, die das Territorium von Westsibirien bis Moskau seit dem 13. Jahrhundert beherrscht hatte, doch in jüngerer Vergangenheit in separate Khanate zerfallen war. Im Jahr 1582 überquerte ein kosakischer Abenteurer namens Jermak Timofejewitsch den Ural mit einem Heer aus mehreren hundert Mann, um einen kühnen Angriff auf die nachlassende Macht des sibirischen Mongolenführers Kütschüm Khan zu unternehmen. Nach einer siegreichen Schlacht in Westsibirien errichtete Jermak kurzfristig einen Brückenkopf östlich des Urals und okkupierte das Land im Namen Iwans des Schrecklichen. Obwohl sich sein eigener Sieg als flüchtig erwies (der Kosakenhauptmann ertrank nur drei Jahre später bei dem Versuch, sich vor einem Tatarenüberfall zu retten), sollte sich das Tor nach Sibirien, das Jermak aufgerissen hatte, nie wieder schließen. Die Russen setzten ihre Vorstöße über den Ural hinweg fort, Kütschüm Khan fiel 1598 in einer Schlacht am Ob, und das sibirische Khanat brach zusammen.[1]
Danach war der russische Vormarsch nach Sibirien unaufhaltsam. Eine bunt zusammengewürfelte Schar von Moskauer Gesandten, Berufssoldaten, ausländischen Söldnern, Händlern und emigrierten Kosaken aus den Don- und Dnjepr-Regionen Südwestrusslands zog am Irtysch und Ob sowie an ihren Nebenflüssen entlang immer weiter nach Osten. Sie bauten Festungen, die als Knotenpunkte für die Ausübung der Militärmacht und zum Eintreiben der Tribute bei den einheimischen Stämmen Sibiriens dienten. Die Städte Tjumen und Tobolsk wurden 1586 und 1587 gegründet. Um 1600 hatten die Moskauer Streitkräfte ihren Anspruch auf das gesamte Territorium zwischen dem Ural und dem Ob geltend gemacht, und sie eilten weiter ostwärts in Richtung des nächsten großen sibirischen Wasserwegs, des rund 1600 Kilometer entfernten Jenissej. Andere Eroberungen folgten: Mangaseja wurde 1601 und Tomsk 1604 gegründet. Gegen 1630 gab es etwa 50 Wehrdörfer in Westsibirien, und die Russen hatten Außenposten an den Ufern des Jenissej in Jenissejsk und Krasnojarsk angelegt. Lediglich zwölf Jahre später hatten sie den letzten der großen von Süden nach Norden verlaufenden Hauptströme Sibiriens, die Lena, überquert und eine Präsenz in Jakutsk hergestellt, die ihnen später Zugang zu den trostlosen Verbanntensiedlungen am Polarkreis gewährte. 1649 hatten sie die Nordpazifikküste erreicht und den Hafen Ochotsk gegründet. Neun Jahre darauf waren sie noch einmal 2000 Kilometer bis zu den Küsten der Beringstraße vorgerückt, keine 160 Kilometer vom Kap Prince of Wales in Alaska entfernt.[2]
Die Eroberung und Kolonisation des östlichen Kontinents durch Russland bildeten die Ursprünge des Verbannungssystems. Die rasche Expansion wurde durch die wachsende militärische Stärke Moskaus, seine logistische Leistungsfähigkeit und administrative Erfahrenheit vorangetrieben, doch sie sorgte auch für einen dauernden Mangel an Arbeitern, Bauern und Händlern in den entlegenen, ausgedehnten sibirischen Territorien. Seit den frühesten verzeichneten Beispielen ermöglichte die Verbannung den Zaren nicht nur, ihre widerspenstigen Untertanen aus dem europäischen Russland zu vertreiben, sondern auch, sie an verschiedenen strategischen Punkten überall in Sibirien in den Dienst als Siedler und Zwangsarbeiter zu pressen. Das Verbannungssystem kam im Rahmen dieses breiteren expansionistischen Projekts zustande; Bestrafung und Kolonisation verflochten sich miteinander.
Der Kontinent, den die Russen eroberten, erstreckt sich 8000 Kilometer vom Ural zum Pazifik und 3200 Kilometer vom Polarkreis zur mongolischen Grenze. Der Jenissej bildet eine natürliche Barriere zwischen West- und Ostsibirien, die sich in topographischer Hinsicht stark voneinander unterscheiden. Mit Ausnahme des Altaigebirges hat Westsibirien kaum Erhöhungen, sondern besteht aus flachen, offenen Landschaften. Eine Vielzahl von Flüssen ergießt sich in den schwammigen Boden und erzeugt Marschen, die jedes Frühjahr überflutet werden. Ostsibirien und der russische Ferne Osten sind mannigfaltiger: Hier gibt es raue Gebirgsketten, tiefe Schluchten, dichte Wälder und sumpfige Niederungen. Im Innern Ostsibiriens fällt das Terrain steil ab in den Baikalsee, den größten und tiefsten Süßwassersee der Welt. Seine Oberfläche, die in jedem Winter zufriert, nimmt rund 32000 Quadratkilometer ein.
Entgegen der verbreiteten Annahme ist Sibirien nicht ganzjährig von Schnee und Eis bedeckt. Der Permafrostboden der Tundra existiert nur oberhalb des 60. Breitengrades, der auch Schweden und Alaska durchläuft. In Wirklichkeit ist der größte Teil Sibiriens von der Taiga überzogen, einem dichten, zwischen ein- und zweitausend Kilometer breiten Gürtel aus Nadel- und Laubbäumen. Südlich der Taiga liegt die Steppe, ein flaches, baumloses Gebiet aus Weideland und Wüsten. Die meisten Sibirier leben unterhalb des 60. Breitengrades in ähnlichen Klimazonen wie die Europäer. Die Sommertemperaturen in der Mehrzahl der sibirischen Städte und Orte (die sich übrigens südlich von Moskau befinden) können ohne weiteres auf deutlich über 30° C steigen. Aber die Winter in diesem äußerst kontinentalen Klima sind grimmig. Die Temperaturen sinken im September häufig unter null und erreichen im Dezember –20° C, aber auch klirrende Kälte von –30 bis –40° C ist nicht ungewöhnlich. Erst im Spätfrühjahr klettert das Thermometer wieder über null.[3]
Im späten 16. Jahrhundert war Sibirien äußerst dünn besiedelt. Es gab etwa 230000 Einheimische, die nicht weniger als 120 unterschiedliche Sprachen benutzten. Zu ihnen gehörten Rentierhirten in der Tundra des Nordens, Jäger in den dichten Wäldern der Taiga und Nomaden in der Steppe des Südens. Unter den ersten Stämmen, die den Russen begegneten, waren die Ostjaken Westsibiriens, die Rentiere hüteten, sich als Jäger und Fallensteller betätigten und die Gewässer des Ob und Irtysch befischten. In den Regionen des südlichen Mittelsibirien dominierten die halbnomadischen Turkvölker der Tataren und Kirgisen, die eigene Herden hüteten, Weizen anbauten, Eisen schürften und mit Seide handelten. Die Tungusen durchstreiften die Taiga sowohl West- als auch Ostsibiriens als Jäger und Rentierhirten. Die Lebensweise der Jakuten wurde durch Vieh- und Pferdezucht im Flusstal der Lena bestimmt. Obwohl sie nach und nach etliche russische Bräuche übernahmen, wohnten sie weiterhin in Jurten, die im Sommer aus Fellen oder Birkenrinde und im Winter aus Lehm, Baumrinden und Kuhfladen hergestellt wurden. Die kriegerischen Burjaten ließen ihre Herden in den rauen Landen Transbaikaliens (der Region jenseits des Baikalsees in Ostsibirien) weiden und hatten im 17. Jahrhundert begonnen, mit den Chinesen im Süden Pelz- und Lederhandel zu treiben. Weiter südöstlich, im Amurbecken, lebten die Giljaken – Bauern und Fischer, die sich in Fischhäute und Hundefelle hüllten. Im fernen Nordosten, im unwirtlichsten Klima ganz Eurasiens, fand man die Tschuktschen und Korjaken, wilde Fischer und Jäger, die sich von Rentier-, Wal- und Robbenfleisch ernährten. Die meisten Einheimischen Sibiriens kommunizierten mit Hilfe von Schamanen mit ihren Göttern und verehrten die Tiere, die sie jagten und hüteten. Manche, beispielsweise die Jakuten, konvertierten im 17. Jahrhundert zum Christentum; andere, etwa die Burjaten, ersetzten ihre Stammesschamanen durch buddhistische Priester.[4]
Da man in dem Land noch keine nennenswerten Edelmetallvorkommen entdeckt hatte, waren Pelze der Magnet, der die Russen nach Osten zog. Die verbreitete Nachfrage nach sibirischen Fellen in Europa und Asien ließ die Wildnis zu einer scheinbar unerschöpflichen Schatzkammer werden. Kosaken, Soldaten, Staatsbeamte und private Pelzhändler – bekannt als promyschlenniki – überquerten den Ural, folgten dem Flusssystem des Kontinents, wobei sie Landstreifen mit Hilfe von Portagen überquerten, und drangen anschließend immer tiefer ins sibirische Innere vor. In Gruppen, die bisweilen lediglich zwei oder drei Mann, manchmal auch 60 und mehr umfassten und die häufig von sibirischen Gouverneuren in den befestigten russischen Städten und Siedlungen finanziert wurden, machten sie sich zu Pelzexpeditionen auf. Gewöhnlich benötigten sie einen Winter und zwei Sommer für die Hin- und Rückreise zwischen Russland und den Ortschaften und Festungen Westsibiriens. Reisen ins ferne Jakutsk und nach Transbaikalien konnten dreimal so lange dauern. Dabei waren die Expeditionsteilnehmer mannigfaltigen Gefahren ausgesetzt. Oftmals trennten mehrere hundert Kilometer eine Siedlung von der anderen; relativ geringfügige Verletzungen oder Erkrankungen konnten sich in den erbarmungslosen Wäldern, Sümpfen und Bergen als tödlich erweisen. Doch in einer ansonsten verarmten Agrarwirtschaft waren die Vergütungen erstaunlich. Für die Felle von Eichhörnchen, Füchsen, Hermelinen, Mardern und vor allem von Zobeln, welche die promyschlenniki zurückbrachten, ließen sich in Russland und anderswo astronomische Preise erzielen. Ein einziges schwarzes Polarfuchsfell brachte genug ein, um einen stattlichen Bauernhof samt Pferden, Rindern, Schafen und Geflügel zu erwerben.[5]
Während die Russen nach Osten vorstießen, bedienten sie sich einer Mischung aus Anreizen und Gewalt, um den indigenen Völkern Sibiriens Tribut abzupressen. Diejenigen, die mit den promyschlenniki kooperierten, durften mit Geld und Protektion rechnen; andere, die es nicht taten und verdächtigt wurden, ihren Besitz zu verbergen, zahlten einen schrecklichen Preis. Folter, Geiselnahme und Mord waren gang und gäbe; komplette Dörfer wurden ausgelöscht. Einige Stämme, zum Beispiel die Ostjaken, waren daran gewöhnt, ihren früheren mongolischen Herrschern Tribut zu entrichten, und versuchten, sich mit den vorrückenden Russen zu einigen, waren dann aber fassungslos angesichts der Habgier ihrer neuen Gebieter. Andere, wie die Burjaten, widersetzten sich der Invasion von Beginn an. Aber selbst wenn sich die sibirischen Stämme manchmal zu einer koordinierten Verteidigung ihrer Ländereien imstande zeigten, konnten sie den Russen nur sporadisch Widerstand leisten. Der Feuerkraft der russischen Streitkräfte waren sie nicht gewachsen, und Zehntausende von Einheimischen erlagen den Krankheiten, welche die Angreifer mitbrachten. Allein die verschneiten Außenbereiche von Tschukotka im hohen Nordosten besaßen hinreichend entmutigende natürliche Hindernisse und boten zugleich so karge Pelzerträge, dass der russische Vormarsch gebremst wurde.[6]
Mit der Zeit führte der russische Einsatz von Nötigung und Anreizen zu den erwünschten Resultaten: Sibiriens einheimische Völker akzeptierten das neue Handelsreich oder unterwarfen sich ihm, strebten nach Frieden mit ihren neuen Herren und zahlten Tribut. Die promyschlenniki sammelten bei dieser unglaublich erfolgreichen, vom Staat gelenkten Gebietseroberung enorme Fellmengen. Im Sommer 1630 transportierten sie 34000 Zobelpelze durch Mangaseja; im Sommer 1641 passierten nicht weniger als 75000 die Zollstation des Zaren in Jakutsk. So schonungslos effizient war der wachsende russische Staat bei der Forcierung der sibirischen Pelzernte, dass der Bestand an »weichem Gold« um 1700 zu versiegen begann.[7]
Nach und nach setzte sich das russische Regierungssystem in dieser neuen Grenzwelt durch, indem es komplexe – oftmals für beide Seiten nutzbringende, doch zuweilen antagonistische – Beziehungen zwischen Händlern, Fallenstellern und Kosaken einerseits und den frühen Gouverneuren andererseits flocht, die der Zar mit der Aufsicht über die sibirischen Siedlungen betraut hatte. Die Expansion des zahlungsunfähigen Moskau nach Osten musste sich selbst finanzieren, weshalb man den Gouverneuren gestattete, sich und ihre Untergebenen zu versorgen, indem sie mit Pelzen, Alkohol und Frauen handelten – ein Verfahren, das als »Fütterung« bekannt war –, solange sie dem Staat einen festen Anteil abtraten. Manche von ihnen häuften kaum glaubliche Summen an. Um sicherzugehen, dass sie ein erträgliches Niveau an Erpressung und Unterschlagung nicht überschritten, richtete die Regierung Kontrollpunkte an den ins europäische Russland zurückführenden Hauptstraßen ein, wo man heimkehrende Gouverneure durchsuchte und überschüssige Beute beschlagnahmte. Der tolerierte Brauch der »Fütterung« entwickelte sich zu einem System, in dem die sibirischen Amtsträger weder Rechenschaft ablegen mussten noch bestraft wurden und das St. Petersburg bis weit ins 19. Jahrhundert hinein plagte. Diebstahl, Korruption und Bestechung florierten auf jeder Verwaltungsebene, von den Regionsgouverneuren Sibiriens bis hin zu Schreibern niedrigen Ranges. Doch trotz dieser Reibungspunkte und der improvisierten, informellen Machtstrukturen erwies sich die russische imperiale Unternehmung als bemerkenswert leistungsfähig nicht nur beim Einbringen der sibirischen Pelzernte, sondern auch bei der Inbesitznahme, Behauptung und letztlich Verwaltung großer Territorien. Durch die Eroberung Sibiriens wurde Russland von einem zweitrangigen Staat am Rand Europas zu einem der größten Kontinentalreiche der Welt.[8]
Die ersten Russen kamen als Krieger, Fallensteller und Händler nach Sibirien, doch im Lauf des 17. Jahrhunderts wandten sie sich von Pelzen dem Ackerbau und von Tributerhebung der Besiedlung zu. Während es 1622 rund 23000 Russen und verschiedene Ausländer östlich des Urals gab, lag die Zahl 1709 bei 227000, mit steigender Tendenz. Die Grenzfestungen der frühen Pelzrauschtage wurden zu beständigeren Städten und Handelszentren. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stieg Tobolsk zum Sitz der russischen Regierung, der Religion und des Geschäftslebens in Westsibirien auf. Um 1700 spielte Tomsk eine ähnliche Rolle im südlichen Mittelsibirien, und Jenissejsk, der Umschlagplatz für den gesamten Handel nach und von Jakutsk und dem Fernen Osten, nahm die gleiche Position weiter nördlich ein. Das 1652 gegründete Irkutsk wuchs ebenfalls rasch, zunächst als Sammelzentrum für die Pelztribute der Burjaten von Transbaikalien und später als Marktplatz für den Handel zwischen China und dem Russischen Reich.[9]
In den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts brachten Wellen freiwilliger wie unfreiwilliger neuer Migranten eine sesshafte europäische Bevölkerung in Sibirien hervor. Bauern zogen aus verarmten Gebieten des europäischen Russland nach Osten. Manche waren staatlich geförderte Siedler, andere flüchtige Leibeigene, die wussten, dass ihre Eigentümer kaum Chancen hatten, sie jenseits des Urals aufzuspüren. Bereits 1670 lebten allein in der Region Tobolsk 34000 Bauern. Staatsbeamte, Kosaken und andere Soldaten sowie Kriegsgefangene stellten einen bedeutenden Anteil der Einwohner sibirischer Kleinstädte und Siedlungen und verliehen ihnen einen unverkennbar militärischen Charakter. Tausende Andersgläubiger entzogen sich der Verfolgung im europäischen Russland, indem sie den Ural überquerten und Kolonien gründeten, in denen sie ihre Religion unbehelligt von den Behörden praktizieren konnten.[10] Um die Wende des 18. Jahrhunderts hatte Sibirien eine einheimische Bevölkerung von ungefähr 200000 Menschen sowie eine russische und europäische von etwa 150000 Männern und 76000 Frauen. Diese Gruppen heirateten untereinander und vermischten sich. Viele russische Siedler nahmen sich (manchmal buchstäblich) indigene Frauen und zeugten Kinder mit ihnen. Ein Jahrhundert nachdem Jermak den Ural hinter sich gelassen hatte, bildete sich eine sibirische Lebensweise heraus. Russische Soldaten, Handwerker und Bauern, die sibirische Ureinwohnerinnen geheiratet hatten, wurden mit der Zeit zu einer sesshaften Kolonistenbevölkerung, die man als sibirjaki oder staroschily (Alteingesessene) bezeichnete.[11]
An der Seite der Alteingesessenen lebten jedoch auch Männer und Frauen, die nicht aus freien Stücken nach Sibirien gekommen waren, sondern die man gewaltsam aus ihrer Heimat entfernt und in das »riesige Gefängnis ohne Dach« gepfercht hatte. Sibirien war zugleich ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten und eine Strafkolonie, ein Land freier Zuwanderer und unfreier Verbannter. Unter den Zaren wurde deutlich, dass ein elementarer Gegensatz zwischen diesen beiden Funktionen bestand – ein Gegensatz, der Sibirien und das Verbannungssystem in den sich anschließenden Jahrhunderten beherrschen würde.[12]
Verbannung war ein Akt der Vertreibung. Der Bischof von Tobolsk und Sibirien, Ioann Maximowitsch, erklärte 1708: »Wie wir schädliche Wirkstoffe aus dem Körper entfernen müssen, damit er nicht dahinscheidet, so handeln wir auch in der Gemeinschaft der Bürger: Alle gesunden und harmlosen Objekte können in ihm verweilen, doch was schädlich ist, muss herausgeschnitten werden.«[13] Zaristische Ideologen beschworen wiederholt das Bild Sibiriens als einer Welt jenseits der eigentlichen Staatsgrenzen herauf, in welcher der Souverän Unreinheiten beseitigen konnte, um die Gesundheit des Staats- und Gesellschaftswesens zu schützen. Die Metaphern änderten sich im Lauf der Zeit, doch die Grundüberzeugung, dass Sibirien ein Auffangbecken für die negativen Elemente des Reiches sei, blieb bestehen.
Die Vertreibung von Übeltätern vollzog sich in einer grausamen öffentlichen Zeremonie, die sowohl die Schwere des Vergehens unterstrich, als auch der Macht des Monarchen Geltung verschaffte. Diejenigen, die Kapitalverbrechen begangen hatten, wurden an öffentlichen Stätten ausgepeitscht; männlichen Straftätern wurden zudem die Gesichter gebrandmarkt und die Nasenflügel aufgerissen. Auf seinen Reisen durch das Russische Reich in den 1770er Jahren erlebte der englische Historiker William Coxe die Auspeitschung eines verurteilten Mörders auf dem Hauptplatz von St.Petersburg. Coxe drängte sich durch die Menge, kletterte auf das Dach eines Häuschens am Rand des Platzes und beobachtete von dieser günstigen Warte aus das Geschehen. Der Vollstrecker handhabte das grässlichste aller Instrumente: die Knute. Sie bestand aus einem steifen Rohlederriemen von etwa vier Zentimeter Durchmesser, den man mit einem Bronzering an einer geflochtenen, rund einen Meter langen Lederpeitsche anbrachte, die ihrerseits an einem Holzstab befestigt war:
»Vor jedem Hieb trat der Henker einige Schritte zurück, und streckte auch die Hand, worin er die Knutte hielt, rückwärts aus; darauf sprang er wieder vorwärts, und hieb mit dem flachen Ende des Riemens mit grosser Gewalt in einer perpendikularen Linie, etwa sechs bis sieben Zoll unter dem Hals, auf den nackten Rücken des Mißethäters. Er fieng bey der rechten Schulter an, und setzte die Hiebe, einen neben dem andern gleichlaufend, bis zur linken Schulter fort; und hörte nicht eher auf, als bis er die durch das Urtheil bestimmte Zahl von 333 Hieben erfüllt hatte. Nach dieser Operation wurden dem Verbrecher die Nasenlöcher mit Zangen aufgerissen, sein Gesicht wurde mit einem glühenden Eisen gebrandmarkt, und er wieder in das Gefängnis zurück geführt, um in die Erzgruben nach Nertschinsk in Sibirien gebracht zu werden.«[14]
Trotz dieser brutalen Vergeltung war die Verbannung ein Zeichen zaristischer Milde. Seit der Herrschaft Peters des Großen (1696–1725) dienten Rituale der »Zivilhinrichtung« oder des »politischen Todes« dazu, die juristischen Rechte und Titel des Verurteilten auszulöschen sowie seine Liegenschaften und sein Vermögen in einer furchteinflößenden Demonstration der Macht des russischen Staates zu beschlagnahmen. Dann, im Jahr 1753, ersetzte Zarin Elisabeth (1741–1762) den Galgen offiziell durch Zwangsarbeit in Sibirien. Eine Entscheidung des Staatssenats stellte klar, dass Schwerverbrecher fortan dem »politischen Tod« und der Verbannung zu »ewiger Zwangsarbeit« unterworfen sein würden. Seither erklärte man Kapitalverbrecher für »zivilrechtlich tot« und ließ sie öffentlich auf dem Markt auspeitschen. Ein typischer Schuldspruch über einen Straftäter im 18. Jahrhundert lautete folgendermaßen:
»Verurteilt ihn zum Tode, bringt ihn zum Schafott, befehlt ihm, sich auf den Richtblock zu legen; nehmt ihn dann hinweg und sagt: Wir, der Große Souverän, lassen Gnade walten und bescheren ihm das Leben statt des Todes. Wir befahlen nicht, ihn hinzurichten, sondern befahlen (…), dass seine Nasenflügel wegen seines Diebstahls erbarmungslos aufgerissen werden sollen, damit andere, die zuschauen, nicht den Wunsch haben, zu stehlen oder abträgliche Dinge über uns, den Großen Souverän, zu sagen.«[15]
Zivilhinrichtungen dienten mithin dazu, den Täter zu demütigen und zu traumatisieren. Nach 1785 wurde der russische Adel von körperlicher Züchtigung ausgenommen, da man glaubte, dass Schimpf und Schande als schreckliche Bestrafung für die oberen Stände ausreichten. Für die niederen Stände dagegen, die als unempfänglich für so erhabene Gefühle galten, hatten die Rituale, die ihren Ausschluss aus der zaristischen Gesellschaft markierten, nichts Zeremonielles an sich.[16]
Coxe bemerkte ironisch, dass eine Verurteilung zu Zwangsarbeit ungeachtet der monarchischen Barmherzigkeit, die in den Ritualen der Zivilhinrichtung zum Ausdruck komme, nicht selten ein Todesurteil unter einem anderen Namen sei: »Und wenn man die Sache genau berechnen wollte, so würde man vielleicht finden, daß, ungeachtet der anscheinenden Milde des peinlichen Gesetzbuches, doch in Rußland eben so viele Verbrecher mit dem Tode bestraft werden, als in jenen Ländern, wo die Todesstrafen gesetzlich eingeführt sind.«[17] Trotz der gefährlichen Realitäten, die sie erwarteten, bedeutete die Abschaffung der Todesstrafe für die Zwangsarbeiter Sibiriens, dass sie dem Zaren nicht nur ihre mildere Bestrafung, sondern auch ihr Leben verdankten. Die Macht des Souveräns, jemandem das Leben zu nehmen oder es ihm zu schenken, blieb in den folgenden Jahrhunderten ein Grundstein des Verbannungssystems.
Neben der Zurschaustellung autokratischer Macht sollte die Verbannung nach Sibirien im 17. und 18. Jahrhundert auch wirtschaftlichen Zielen dienen. Während sich der russische Staat ausdehnte und sein Hunger auf Land und Rohstoffe wuchs, wurde die Ausweisung aus (wyssylka is auf Russisch) durch die Verbannung nach(ssylka w) ersetzt. Nach der Vertreibung der Uglitscher Aufrührer im Jahr 1592 schickte der Staat weiterhin Kriminelle, Deserteure, Prostituierte und Rebellen nach Sibirien, häufig in Gegenden, die nicht genug freiwillige Zuwanderer anzogen. Einer Schätzung zufolge wurden in den Jahrzehnten zwischen 1662 und 1709 insgesamt 19900 Männer und 8800 Frauen nach Sibirien verbannt.[18] Die Verwendung von Zwangsarbeitern unter Peter dem Großen für umfangreiche Bauprojekte in St.Petersburg, an der Ostseeküste und um das Asowsche Meer wurde auf Sibirien ausgeweitet. Annähernd 20000 von Peters schwedischen Kriegsgefangenen (einschließlich derjenigen, die den Tobolsker Kreml bauten) mussten in Ketten zu Städten und Dörfern überall in Sibirien marschieren, wo sich ihnen später Peters besiegte politische Gegner und kleine Gruppen entlaufener Leibeigener anschlossen. Sein Einsatz von Häftlingen zur Rohstoffgewinnung an zahlreichen sibirischen Standorten eskalierte, denn der Staat wollte nicht nur Naturschätze erschließen, sondern auch das Land besiedeln und kolonisieren.[19]
Der Aufbau einer rudimentären Infrastruktur im Lauf des 18. Jahrhunderts war ein Entwicklungssprung für die Kolonisationsbemühungen. Primitive Straßen ergänzten das Hauptverkehrsmittel, das sibirische Flusssystem, wodurch Reisen erleichtert und beschleunigt wurden. Die geringe Zahl der sibirischen Bevölkerung und die enormen Distanzen zwischen den einzelnen Siedlungen bewogen die Regierung, sich auf die Ortsansässigen zu verlassen, was das Verkehrs- und Kommunikationswesen anging. Instand gehalten wurden die ungepflasterten Straßen von Kolonnen aus Bauern und Einheimischen, die man unter Katharina der Großen (1762–1796) vom sibirischen Tribut ausnahm. Um 1725 waren bereits rund 7000 Kutscher auf den Landstraßen Sibiriens tätig. In den 1740er Jahren bemühte man sich, die verschiedenen sibirischen Festungen durch Poststationen aneinanderzukoppeln, die mit Kutschern bemannt und mit frischen Pferden ausgerüstet waren. Das beschwerliche Terrain machte es erforderlich, die Poststationen in relativ geringer Entfernung voneinander zu errichten (zwischen Tara and Tobolsk gab es 1745 nicht weniger als 20 Stationen auf einer Strecke von nur 380 Kilometern). Der Bau der Großen Sibirischen Poststraße zwischen Moskau und Jakutsk begann in den 1760er Jahren. Sie wurde unter hohen Kosten fertiggestellt, sowohl in Form von Rubeln als auch in Form der Opferzahl von Sträflingen und Leibeigenen, aber auf lange Sicht verbesserte sie den Fluss des Fahrzeugverkehrs.[20]
Gleichwohl blieben Reisen durch Sibirien eine Tortur. Die Bewältigung der Straßen zu Fuß oder mit Fuhrwerken war je nach Jahreszeit entweder bloß mühsam oder so gut wie unmöglich. In jedem Frühjahr und Herbst stieg der Schlamm bis zu den Radachsen der Karren. Der russische Begriff für diese Verhältnisse ist rasputiza, »Zeit ohne Straßen«. Häufig blieben die Pferdewagen im Morast stecken; Räder und Achsen zersplitterten, wenn sie über Stock und Stein ratterten. Im Sommer ließen Staubwolken die Reisenden nach Atem ringen; Teiche und Bäche am Straßenrand wurden in der Hitze braun und brackig und setzten bösartige Schwärme von Stechmücken und Bremsen frei. »Ich (…) legte eine Ruhepause ein«, vertraute der amerikanische Reisende John Ledyard seinem Tagebuch an, als er Irkutsk 1787 endlich erreicht hatte, »nach einer sehr anstrengenden Strecke – wozu sie durch mehrere sehr unangenehme Umstände wurde: durch die Fahrt mit dem Kurier und mit wilden Tatarenpferden bei höchster Geschwindigkeit über ein stürmisches und zerklüftetes Land, wobei wir mehrere [Planwagen] zerbrachen und umkippten, umschwärmt von Moskitos und unter unablässig dichtem Regen. Als ich in Irkutsk eintraf, war ich – und das seit 48 Stunden – ganz und gar durchnässt und glich einer Schlammmasse.« Allein im Winter, wenn Schnee den Staub bedeckte und der Schlamm bei fallenden Temperaturen festfror, ließ sich die Große Sibirische Poststraße leichter bereisen. Trotzdem konnten solche Fahrten viele Monate, wenn nicht Jahre in Anspruch nehmen. Noch bis in die 1830er Jahre hinein war die Straße nach Ochotsk an der Pazifikküste mit den Kadavern und Skeletten von Pferden übersät, die auf der Reise verendet waren.[21]
Als die Straßen allmählich breiter und besser wurden, schrumpften die Entfernungen zwischen Sibirien und Russland. Am Ende des 18. Jahrhunderts konnte ein Regierungskurier die 10500 Kilometer von St.Petersburg nach Ochotsk zu Pferde in weniger als 18 Wochen zurücklegen; Nertschinsk in Transbaikalien ließ sich in 75 Tagen erreichen. Für die Reise von der Hauptstadt nach Jakutsk in Nordostsibirien benötigte man 100 Tage, und die Ortschaften West- und Zentralsibiriens waren erheblich näher. Nun konnte der russische Zar eine Anweisung im Winterpalais herausgeben und recht zuversichtlich sein, dass sie sich innerhalb von Monaten in den Händen eines sibirischen Beamten befinden würde.[22]
Für die Migranten, die den Ural überquerten, blieben die Entfernungen zwischen dem europäischen Russland und den Städten und Dörfern Sibiriens jedoch enorm. Viele der russischen Bauern, welche die Reise nach Sibirien entweder als Siedler oder Exilanten unternahmen, hatten sich nie mehr als ein paar Dutzend Kilometer über ihre Geburtsdörfer hinausbegeben. Manche Teile Sibiriens waren in den 1790er Jahren weiterhin so physisch unzugänglich und so psychologisch fern von St.Petersburg und Moskau wie die australische Botany Bay von London.[23]
Aber die Migranten kamen weiterhin, und ihre Zahl nahm im Lauf des 18. Jahrhunderts ständig zu. 1762 hatten sich mehr als 350000 männliche Bauern in Sibirien niedergelassen; bis 1811 waren es bereits über 600000. Durch das Wachstum des Handels und der Landwirtschaft verwandelten sich die sibirischen Grenzsiedlungen allmählich in geschäftige Kleinstädte. Tobolsk, das von fruchtbarem Ackerland umgeben war, gedieh als Handelszentrum. 1782 machten 348 Kaufleute und 2761 Handwerker mehr als die Hälfte der Ortsbevölkerung aus; hinzu kamen 725 Verbannte, 487 Kutscher, 151 einheimische Konvertiten zum Christentum und 300 Militärangehörige im Ruhestand. Um 1790 verfügte Tobolsk über ein Dutzend Ikonenmaler, 18 Silberschmiede, 35 Büchsenmacher, 45 Hufschmiede, einen Uhrmacher und eine Vielzahl anderer Handwerker, darunter Änderungsschneider, Damenschneider und Schuster.[24] Als der schottische Forschungsreisende Captain John Dundas Cochrane Tobolsk Anfang der 1820er Jahre besuchte, stellte er fest:
»Es besitzt viele nette Kirchen (…) die Straßen sind mit Holz gepflastert und die Häuser meist aus demselben Material erbaut. Auf den Märkten und Bazars herrscht Ordnung, und die Stadt ist überhaupt äußerst reinlich. (…) In der Nachbarschaft bemerkt man viele bedeutende Viehheerden. Die Lebensmittel sind wohlfeil und in Menge vorhanden. (…) Die hiesige Gastfreundschaft ist sprichwörtlich; noch merkwürdiger aber ist es, daß man hier äußerst gute Gesellschaft, und in einer Stadt, welche bisher für den Sitz der Barbarey und Grausamkeit galt, alle Anzeigen von echter Zufriedenheit trifft.«[25]
Nach der administrativen Teilung Sibiriens in Ost und West im Jahr 1775 durch Katharina die Große wurde Irkutsk, wie Tobolsk, zu einer Regionshauptstadt. In den 1790er Jahren durchliefen Irkutsk alljährlich Güter im Wert von mindestens sieben Millionen Rubeln, und bis zu 10000 Schlitten erschienen in jedem Winter, um Frachten aus China westwärts zu befördern. Verwaltungskompetenz und aufkeimender Handel führten zu Wohlstand und einer wachsenden Schicht sibirischer Kaufleute, die in die russische Beamtenschaft einheirateten, wodurch die Grundlagen einer feinen Provinzgesellschaft entstanden. Die erste öffentliche Bücherei von Irkutsk wurde 1782 eröffnet. Am Ende des 18. Jahrhunderts konnte sich die Stadt auch eines Laientheaters und eines vierzigköpfigen Orchesters rühmen. Cochrane schrieb über Irkutsk: »Die Straßen sind breit und fallen in rechten Winkeln ein (…) Die Häuser bestehen größten Theils aus Holz; viele sind aber im edlen Styl ausgeführte backsteinerne Gebäude.«[26]
Trotzdem hatten am Anfang des 19. Jahrhunderts nur drei sibirische Städte – Tobolsk, Tomsk und Irkutsk – eine Bevölkerung von mehr als 10000 Menschen zu bieten. Keine besaß mehr als 15000, und die meisten hatten nicht einmal 5000 Einwohner. Die Gesamtbevölkerung Sibiriens, nun eine Mischung aus Einheimischen, russischen bäuerlichen Siedlern und Verbannten, belief sich auf nur etwa eine Million, die sich auf die Städte und Dörfer Westsibiriens und ein paar Sammelpunkte östlich des Jenissej konzentrierte. Die meisten sibirischen Städte wirkten eher wie große, durch ausgedehnte Flächen der Tundra, Taiga und Steppe voneinander getrennte Dörfer. Diese Flächen waren mit winzigen Siedlungen gesprenkelt, deren Bewohner Landwirtschaft, Handel und Handwerk nachgingen. Ungeachtet der unterschiedlichen juristischen Kategorien, in die sie der Staat einordnete, lebten Kosaken, ehemalige Soldaten, Bauern und sesshafte Exilanten Seite an Seite und stellten sich gemeinsam den unerbittlichen Herausforderungen des strengen Klimas und des oftmals unwirtlichen Terrains. Die meisten Dörfer waren entlang der Wasserwege, Poststraßen und Handelsrouten Sibiriens verteilt; manche lagen in der Nähe von Bergwerken, Salinen und Destillerien. Eine Vielfalt unfreiwilliger Migranten schuftete in diesen Industrieunternehmen, die entweder der Krone oder privaten Grundeigentümern gehörten. Manche waren zu Zwangsarbeit (katorga) verurteilte Häftlinge, Armeedeserteure und entlaufene Leibeigene; zu den Übrigen gehörten Staatsbauern und persönliche Leibeigene, die von ihren Herren gewaltsam aus dem europäischen Russland nach Sibirien gebracht worden waren.[27]
Der Staat zentralisierte seine Macht im 18. Jahrhundert und drang auf stärkere gesellschaftliche Reglementierung. Zahlreiche vorher harmlose Aktivitäten – das Fällen von Eichen, das Sammeln von Salz, Landstreicherei, Hausfriedensbruch, Bettelei und so weiter – wurden kriminalisiert und mit Verbannung nach Sibirien bestraft. Unter den Kaiserinnen Anna (1730–1740) und Elisabeth (1741–1762) wurde die Strafkolonisation durch improvisierte, situative Anpassungen ausgebaut. Das so entstehende Gesetzgebungswirrwarr sorgte dafür, dass die unfreiwilligen Arbeitskräfte Sibiriens durch Schuldner, religiöse Abweichler und bereits verurteilte Sträflinge aufgestockt wurden. Daneben erlebte das Reich einen augenscheinlichen Anstieg sowohl von Bagatelldelikten als auch des organisierten schweren Banditentums (zumindest wurde ein solcher Anstieg verzeichnet). Die Bekämpfung beider erbrachte weitere Insassen für die Strafinstitutionen Sibiriens. Prostituierte, Diebe, Trinker und Bettler wurden regelmäßig in russischen Städten zusammengetrieben und auf den Marsch nach Sibirien geschickt.[28]
Als das Joch der Leibeigenschaft die russischen Bauern immer stärker niederdrückte, kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen dem Staat und einer Bevölkerung, die nicht willens war, ihre Freiheit aufzugeben. Im Lauf des 18. Jahrhunderts wurde das Reich von gewalttätigen Rebellionen erschüttert: von der Bulawin-Revolte der Jahre 1707/1708 und besonders nachdrücklich vom Kosaken- und Bauernaufstand der Jahre 1773 bis 1775, den Jemeljan Pugatschow anführte. Die besiegten Aufrührer, sofern sie Massakern und dem Galgen entgingen, fanden sich angekettet in Marschkonvois nach Sibirien wieder.[29] Zehntausende anderer rebellierten nicht, sondern entzogen sich schlicht den Belastungen der Leibeigenschaft und des fünfundzwanzigjährigen Militärdienstes, indem sie in den russischen Landgebieten untertauchten. Wanderarbeiter und Bettler, die keine Binnenpässe vorlegen konnten, wurden (häufig zu Recht) für entlaufene Leibeigene oder für Deserteure gehalten, die man auspeitschte und in die Verbannung schickte. Solche Versuche, die Bevölkerung im Griff zu halten und zu disziplinieren, fanden 1823 ihren Höhepunkt in der Kriminalisierung des Landstreichertums, wonach die Menge der alljährlich nach Sibirien Deportierten anschwoll. Zwischen 1819 und 1822 wurden in jedem Jahr über 4000 Menschen ausgewiesen; 1823 stieg die Zahl auf fast 7000, und 1824 verdoppelte sie sich nahezu. In den beiden Jahrzehnten zwischen 1826 und 1846 waren 48500 der 160000 nach Sibirien verbannten Männer und Frauen wegen Landstreicherei verurteilt worden.[30]
Im späten 18. Jahrhundert ließen sich die ersten Regungen ideologischer Opposition gegen den Staat beobachten. Fast zwei Jahrhunderte nach der Verbannung der Uglitscher Aufrührer nach Tobolsk sah die Autokratie Sibirien noch immer als geeigneten Abladeplatz für Andersgläubige und Umstürzler. Aufeinanderfolgende Herrscher betrachteten die Religion als ideologisches Bollwerk ihrer politischen Legitimität. Katharina die Große exilierte Tausende von Altgläubigen (orthodoxe Christen, welche die liturgischen Reformen der 1660er Jahre ablehnten) sowie die Mitglieder schwärmerischer Sekten, etwa der Geißler und der Molokanen (Milchtrinker). Diese Deportationen setzten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Maßstäbe für die Verfolgung und Verbannung religiöser Abweichler.[31]
Infolge der Französischen Revolution neigte sogar Katharina, jene höchst aufgeklärte Despotin, die Montesquieu bewunderte und mit Voltaire und Diderot korrespondierte, überwiegend dazu, jeglichen Tadel an ihrem Staat als nach Sinn und Zweck revolutionär zu interpretieren. Der Schriftsteller Alexander Radischtschew wurde wegen der umfassenden Kritik, die er in seinem Roman »Reise von Petersburg nach Moskau« (1790) an der politischen, sozialen und moralischen Verworfenheit des Russischen Reiches übte, nach Sibirien verbannt. Ungeachtet der eindeutig gegenrevolutionären (und prophetischen) Warnungen des Autors vor den weitreichenden Konsequenzen, falls der Staat die Übel der Leibeigenschaft und der ländlichen Armut nicht beseitige, war Katharina außer sich vor Empörung. Sie prangerte Radischtschew als jemanden an, der »schlimmer als Pugatschow« sei, und ließ ihn wegen Aufwiegelung und Majestätsbeleidigung vor Gericht stellen. Er wurde für schuldig befunden und zum Tode verurteilt, doch Katharina reduzierte das Strafmaß auf zehn Jahre Verbannung in die entlegene Festungssiedlung Ilimsk in Ostsibirien. Radischtschew leistete allerdings nur fünf Jahre ab, bevor Paul I. (1796–1801), der die Entscheidungen seiner Mutter nur zu gern rückgängig machte, ihn wieder nach St.Petersburg zurückrief. Am Ende des 18. Jahrhunderts war er ein einsamer politischer Exilant in Sibirien, aber vom Ende des 19. Jahrhunderts aus betrachtet sollte Radischtschew als Vorreiter späterer Generationen ideologischer Rebellen erscheinen, welche die Feder – und später die Waffe – gegen die Autokratie erhoben.[32]
Das zaristische Regime griff weiterhin zu gerichtlichen und außergerichtlichen Mitteln, um Untertanen abzuschieben, deren Verhalten, religiöse und politische Überzeugungen als schädlich für das Allgemeinwohl erachtet wurden. Das System der »administrativen Verbannung« ermöglichte dem Regime, gesetzliche Feinheiten und öffentliche Rituale zu umgehen. Menschen wurden in aller Stille verhaftet und ohne Berufungsrecht aus der russischen Gesellschaft entfernt. Ein Amtsschreiber in der Region Kasan, der 1821 Korruptionsvorwürfe gegen den Gouverneur erhob, wurde als »verdächtig« angeschwärzt und in die westsibirische Stadt Tomsk exiliert. Durch bürokratische Inkompetenz, Käuflichkeit und Gleichgültigkeit entstand ein Labyrinth absurder Vorschriften, zwielichtiger Anklagen und geheimer Verhaftungen.[33]
Trotz der wachsenden Verbanntenzahlen im 18. Jahrhundert litten die sich ausweitenden Zwangsarbeitsprojekte des Staates immer noch unter chronischem Personalmangel. Die Regierung versuchte, das Arbeitskräftedefizit teils dadurch zu beheben, dass sie einer Reihe von Behörden und Institutionen überall im Reich das Recht zu administrativer Verbannung verlieh. 1736 wurden die Besitzer von Fabriken, Bergwerken und Schmelzhütten sowie die Geschäftsführer staatlicher Werke bevollmächtigt, Arbeiter zu exilieren, »die sich als unbeherrscht erweisen«. Mit dem Vermerk, dass »es in Sibirien, in der Region Irkutsk und im Nertschinsker Bezirk viele für Besiedlung und Landwirtschaft geeignete Flächen gibt«, gestattete der Senat des Reiches Grundeigentümern und Klöstern in einem Dekret von 1760, ihre Leibeigenen dem Staat zu überlassen. Grundbesitzer stützten sich auf üblicherweise von den Dorfältesten erstellte Verzeichnisse, aus denen sie als »unanständig«, »unzüchtig« oder »unmoralisch« etikettierte Männer und Frauen für die Entsendung nach Sibirien auswählten. Ein zusätzlicher Anreiz war, dass Dorfbewohner über 15 Jahren anstelle der Wehrdienstleistenden entsendet werden konnten, die Leibeigenenhalter für den Staat aufbieten mussten. Die Gesetzgebung hatte den Zweck, das europäische Russland von lästigen Bauern zu befreien und den expandierenden Industriestätten Ostsibiriens ein Reservoir billiger Arbeitskräfte zu liefern.
Die administrative Verbannung erlaubte Grundeigentümern auch, sich ungehorsamer oder nichtsnutziger oder ihnen einfach unsympathischer Leibeigener zu entledigen. In seiner autobiographischen Erzählung von 1874, »Punin und Baburin«, beschrieb Iwan Turgenew die despotische Behandlung von Leibeigenen auf dem Gut seiner Familie. Die Großmutter des Erzählers (inspiriert von Turgenews eigener Mutter) wirft einem jungen Leibeigenen vor, er bringe ihr nicht genug Ehrerbietung entgegen. Sie lässt ihn nach Sibirien verbannen und winkt »mit dem Taschentuch zum Fenster hin, als verjagte sie eine lästige Fliege«.[34]
Russische Bauern waren jedoch keineswegs nur passive Opfer ihrer despotischen Gebieter, denn auch sie handhabten das Exil als Instrument der sozialen Kontrolle und Säuberung. Bauerngemeinden konspirierten regelmäßig mit Leibeigenenhaltern, um körperlich Behinderte und Geisteskranke in die administrative Verbannung schicken zu lassen. Leibeigene und ihre Herren hatten ein gemeinsames Interesse daran, diejenigen loszuwerden, die eine wirtschaftliche Belastung für das Dorf darstellten, auch wenn ihr einziges Vergehen in Ungeschicklichkeit oder Unvermögen bestand.[35] Von den 97000 zu Beginn des Jahres 1835 wegen Kriminalität nach Sibirien Verbannten wurden 28500 als »unfähig« eingestuft. Laut einer von 1669 datierenden Gesetzgebung konnten sich Bauerngemeinden und Kaufmannsgilden – ihrerseits juristische Gremien – darüber hinaus wie Leibeigenenbesitzer weigern, Männer und Frauen zurückkehren zu lassen, die ihre Strafe verbüßt hatten. Ein Verbrecher mochte für schuldig befunden, ausgepeitscht und zu einer Haftstrafe verurteilt worden sein, nur um nach seiner Entlassung festzustellen, dass seine ehemalige Gemeinde ihn nicht wieder aufnehmen wollte. In solchen Fällen wurde der Täter gewöhnlich administrativ nach Sibirien verbannt, selbst wenn sein ursprüngliches Vergehen diese Bestrafung nicht rechtfertigte. Ein Fall unter Zehntausenden war der Alexej Lebedews, eines Moskauer Kaufmannssohns, der 1846 wegen eines Bagatelldiebstahls verurteilt wurde. Nach Lebedews Auspeitschung und einer kurzen Freiheitsstrafe lehnte seine Gemeinde es ab, ihn zurückkehren zu lassen, und er wurde nach Sibirien ausgewiesen.[36]
Bauerngemeinden und Kaufmannsgilden wurde nicht nur das Recht gewährt, die Rückkehr von Häftlingen abzulehnen, ein Erlass von 1763 ermächtigte sie zudem, ihre eigenen Mitglieder administrativ nach Sibirien verbannen zu lassen, sogar wenn deren Schuld nicht bewiesen war und sie sich bloß verdächtig gemacht hatten. Da es an einer effektiven ländlichen Polizei fehlte, verließ sich der zaristische Staat auf diese delegierten Strafpraktiken, um Gesetz und Ordnung im europäischen Russland aufrechtzuerhalten. 1857 verfügte das Innenministerium in der zentralrussischen Region Jaroslawl, einem Territorium von 36000 Quadratkilometern mit einer Bevölkerung von 950000 Menschen, über nur 244 Polizisten, die den Frieden wahren sollten. Um 1900 beschäftigte die Regierung im gesamten Reich lediglich 1600 Wachtmeister und 6900 Feldwebel für die Überwachung einer weitverstreuten Landbevölkerung von fast 90 Millionen. Da der zaristische Staat seine eigenen Dienststellen nicht damit betrauen konnte, das Gesetz zu hüten, übertrug er die gesetzliche Verantwortung für Verbrechensermittlungen, Festnahme von Übeltätern und Schuldnachweise einer Vielzahl von Kommunen, Gilden und Institutionen. Unglückselige Individuen wurden ohne viel Federlesens schuldig gesprochen und den Behörden zur Deportation nach Sibirien übergeben. Die Verbannung war nie nur ein repressives Regierungsinstrument, sondern stets auch eine Strafmaßnahme von Bauern- und Kaufmannsgemeinschaften gegenüber ihren eigenen Angehörigen.[37]
Für Leibeigenenhalter, Fabrikbesitzer, Dorfversammlungen und Kaufmannsgilden war die administrative Verbannung mithin ein nützliches Mittel sowohl der Überwachung als auch der Entfernung von Unruhestiftern und unproduktiven Elementen. Der Spielraum für Missbräuche war dabei nahezu unbegrenzt. Jeder – von Dieben, Mördern und Vergewaltigern bis hin zu den Opfern von Verleumdung, Aberglauben und des Giftkessels der Dorfpolitik – konnte sich plötzlich angekettet in einem nach Osten marschierenden Konvoi wiederfinden. Nutzung und Missbrauch der administrativen Verbannung ließen die Exilantenzahlen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Höhe schießen. Von den 1830er Jahren an hatten über die Hälfte der Delinquenten, die sich nach Sibirien aufmachten, nie das Innere eines Gerichtssaals gesehen noch den Urteilsspruch eines Richters gehört. Viele der im georgianischen England zur Deportation in die Kolonien Verurteilten mochten erschreckend geringfügige Delikte begangen haben, doch zumindest hatten sie vor einem Amtsrichter oder einem Geschworenengericht gestanden. Die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit der Bauern und Kaufleute des Reiches von jedem nennenswerten juristischen Schutz ausgeschlossen war, hatte zur Folge, dass sich ein stetiger Strom von neuen Arbeitskräften in die Verbanntensiedlungen und Strafkolonien Sibiriens ergoss.[38]
Im späten 18. Jahrhundert hatte das absolutistische Regime Katharinas der Großen das Exilsystem zu einem voll entwickelten staatlichen Projekt ausgebaut, das die Kolonisation der sibirischen Landmasse zum Ziel hatte.[39] Allein in den beiden ersten Jahrzehnten von Katharinas Herrschaft wurden rund 60000 Aufständische, Andersgläubige und politische Gefangene nach Sibirien deportiert; hinzu kam die übliche bunte Ansammlung von Kriminellen, Prostituierten, administrativ Verbannten und ihren Familienmitgliedern. Die Zweifel der Kaiserin an der Produktivität ihrer unfreiwilligen Kolonisten veranlassten sie zu dem Versuch, das Verbannungssystem zu reformieren. So wurden die körperlichen Züchtigungen, die man den Exilanten Sibiriens häufig verabreichte, weniger brutal gestaltet, um sie nicht außer Gefecht zu setzen, denn sie sollten schließlich arbeitsfähig bleiben. Aus demselben Grund wollte Katharina die Deportation von Alten und Kranken verhindern, doch angesichts des begrenzten Einflusses der Autokratin in Territorien, die etliche tausend Kilometer von St.Petersburg entfernt waren, hatten ihre Anweisungen kaum eine erkennbare Wirkung. Die Verbannungsvollmachten, die Leibeigenenhaltern, Bauern und Kaufleuten gewährt worden waren, sorgten immer noch dafür, dass neue sibirische Arbeiter nicht wegen ihrer potentiellen Produktivität, sondern ausgerechnet wegen ihres Mangels daran ausgewählt wurden.[40]
Obwohl die Kolonisation den imperialen Maßnahmen in Sibirien einen übergreifenden Zweck verlieh, wurde das Verbannungssystem durch die spontane Anhäufung von Erlassen, Gesetzen und zeitweiligen Vorschriften ins Chaos gestürzt. Die erste Rationalisierung des Exilwesens war im 19. Jahrhundert der Reformenergie des großen Staatsmanns Michail Speranski (1772–1839) zu verdanken. Speranski, 1819 von Alexander I. zum Generalgouverneur von Sibirien berufen, schickte sich an, das System zu straffen. Im Jahr 1822 führte er etliche Reformen durch, mit deren Hilfe der zaristische Staat begann, die Strafkolonisation Sibiriens dauerhaft und koordiniert durchzuführen. Fortan mussten verurteilte Schwerverbrecher in der Verbannung unterschiedliche Zwangsarbeitsstrafen ableisten, an die sich ein Besiedlungsexil (ssylka na posselenije) in einem spezifischen Bezirk Sibiriens anschloss; alle, die weniger schwere Verbrechen begangen hatten, wurden direkt zum Besiedlungsexil – von ein paar Jahren bis hin zur lebenslänglichen Freiheitsstrafe – verurteilt (wiederum in einem spezifischen Bezirk). Wenn Verbannte ihre Frist verbüßt hatten, durften sie die ihnen offiziell zugewiesene Gegend verlassen und sich einen anderen Wohnort in Sibirien suchen. Beide Bestrafungen sahen also die letztliche Integration der Exilanten ins sibirische Bauerntum vor. Ins europäische Russland durften sie nur zurückkehren, wenn die Behörden es ihnen ausdrücklich gestatteten (und ihnen einen Binnenpass ausstellten). Daneben mussten sie die Genehmigung ihrer eigenen Bauerngemeinden und Kaufmannsgilden einholen, die allerdings häufig ausblieb, und die Rückreise selbst bezahlen. Obwohl die Ortsbehörden die Vorschriften nicht selten aus eigener Initiative missachteten, stellten diese Regeln die Grundlage des Verbannungssystems dar. Die gesetzlichen Hindernisse für Häftlinge, die nach Ableistung ihrer Strafe in ihr Heimatgebiet zurückkehren wollten, waren bewusst so gestaltet, dass die meisten Sibirien nicht verlassen konnten. Speranskis administrative, strafrechtliche und logistische Reformen bestimmten das Verbannungswesen für den Rest des Jahrhunderts.[41]
Das weiter gesteckte Ziel der Kolonisation bestand nun darin, Verbrecher zu disziplinieren und sogar zu rehabilitieren. Im Idealfall verteilte man Zwangsarbeiter und Verbannte auf die dünnbesiedelten Räume der Regionen Irkutsk und Jenissej und setzte sie auf Industriegeländen und in Bergwerken wie denen von Alexandrowsk, Nertschinsk und Kara ein. So wie das Verbannungssystem Russland seiner Schurken entledigte, so sollten die Härten des sibirischen Exils diese Schurken von ihren Lastern befreien. Infolge des Ungleichgewichts der Geschlechter unter den Verbannten befürchtete man bei den Behörden bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts, dass die Frauenknappheit einer stabilen Bevölkerung von Zwangskolonisten entgegenstehe. Deshalb ermunterte der Staat Ehefrauen, ihren Männern über den Ural zu folgen, damit sie einen beruhigenden und bessernden Einfluss ausübten. Die Regierung verabschiedete sogar neue Gesetze, welche die Frauen von administrativ Verbannten und, mit Zustimmung der Leibeigenenhalter, auch deren Kinder verpflichteten, sich ihren Ehemännern und Vätern in Sibirien anzuschließen. In solchen Fällen wurden die Grundbesitzer für den Verlust ihres menschlichen Eigentums entschädigt. So fügte sich das Ziel der individuellen Regeneration durch die Herstellung stabiler und produktiver Familieneinheiten harmonisch mit dem Kolonialprogramm des Staates zusammen.[42]
Es bestand jedoch eine dauerhafte Kluft zwischen den Plänen des Staates und seiner Fähigkeit, sie in den entlegenen, dünnbesiedelten und unzulänglich verwalteten Regionen Sibiriens durchzusetzen. Vor Ort standen Kolonisation und Bestrafung im heftigen Widerstreit miteinander. Den chronisch unterfinanzierten, hoffnungslos schlecht betreuten und durch die Bedingungen ihrer Gefangenschaft verrohten Exilanten fehlten Motivation, Fertigkeiten sowie Geld und organisatorische Mittel, sich im strengen Klima und auf dem unwegsamen Terrain Sibiriens eine unabhängige Existenz als Bauern und Händler aufzubauen. Doch obwohl die Widersprüche zwischen Bestrafung und Kolonisation bereits vor der Herrschaft Nikolaus’ I. offensichtlich waren, beharrte der Staat bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts verbissen darauf, das Verbannungssystem in erster Linie zum Zweck der Vergeltung zu benutzen.
