3,99 €
Eine Geschichte, die erzählt, wie besonders Freundschaft sein kann
Alex Woods ist zehn Jahre alt, und er weiß, dass er nicht den konventionellsten Start ins Leben hatte. Er weiß auch, dass man sich mit einer hellseherisch begabten Mutter bei den Mitschülern nicht beliebt macht. Und Alex weiß, dass die unwahrscheinlichsten Ereignisse eintreten können – er trägt Narben, die das beweisen.
Was Alex noch nicht weiß, ist, dass er in dem übellaunigen und zurückgezogen lebenden Mr. Peterson einen ungleichen Freund finden wird. Einen Freund, der ihm sagt, dass man nur ein einziges Leben hat und dass man immer die bestmöglichen Entscheidungen treffen sollte.
Darum ist Alex, als er sieben Jahre später mit 113 Gramm Marihuana und einer Urne voller Asche an der Grenze in Dover gestoppt wird, einigermaßen sicher, dass er das Richtige getan hat …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 580
Veröffentlichungsjahr: 2014
Buch
Alex Woods weiß, dass er nicht den konventionellsten Start ins Leben hatte. Er weiß auch, dass man sich mit einer hellseherisch begabten Mutter bei den Mitschülern nicht beliebt macht. Und Alex weiß, dass die unwahrscheinlichsten Ereignisse eintreten können – er trägt Narben, die das beweisen.Was Alex noch nicht weiß, ist, dass er in dem übellaunigen und zurückgezogen lebenden Mr. Peterson einen ungleichen Freund finden wird. Einen Freund, der ihm sagt, dass man nur ein einziges Leben hat und dass man immer die bestmöglichen Entscheidungen treffen sollte.Darum ist Alex, als er sieben Jahre später mit 113 Gramm Marihuana und einer Urne voller Asche an der Grenze in Dover gestoppt wird, einigermaßen sicher, dass er das Richtige getan hat …
Autor
Gavin Extence, geboren 1982, wuchs in der englischen Grafschaft Lincolnshire in einem kleinen Dorf mit dem interessanten Namen Swineshead auf. In seiner Kindheit machte er eine kurze, aber glanzvolle Karriere als Schachspieler; er gewann zahlreiche nationale Turniere und reiste nach Moskau und St. Petersburg, um sich dort mit den besten jungen Denkern Russlands zu messen. Er gewann nur ein Spiel.Mit seinem Debütroman Das unerhörte Leben des Alex Woods schrieb er sich in die Herzen von Lesern und Kritikern gleichermaßen. Der Roman wurde in Großbritannien mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, eroberte auch in Deutschland die Bestsellerliste und gehört zu den meist empfohlenen Büchern 2014. Sein lang erwarteter zweiter Roman Libellen im Kopf erscheint im Limes Verlag.
Heute lebt Gavin Extence mit seiner Familie in Sheffield.
Von Gavin Extence bereits erschienen
Das unerhörte Leben des Alex Woods · Libellen im KopfBesuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvalet
und www.twitter.com/BlanvaletVerlag
GAVIN EXTENCE
DAS
UNERHÖRTE
LEBEN DES
ALEX WOODS
ODER WARUM DAS UNIVERSUM KEINEN PLAN HAT
ROMAN
DEUTSCH VON ALEXANDRA ERNST
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »The Universe Versus Alex Woods« bei Hodder & Stoughton, London.
1. AuflageCopyright der Originalausgabe © 2013 by Gavin Extence Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2014 by Limes in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkterstr. 28, 81673 München Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.deWR · Herstellung: wagSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-11845-7V003www.blanvalet.de
Für Alix, ohne die es dieses Buch nicht gäbe.
1ENTENDER
Sie griffen mich in Dover auf, als ich wieder einreisen wollte. Ich hatte schon irgendwie damit gerechnet, aber trotzdem war es ein Schock, als die Schranke unten blieb. Es ist komisch, wie sich manche Dinge entwickeln. Nachdem ich so weit gekommen war, hatte ich gehofft, dass ich es unbehelligt bis nach Hause schaffen würde. Es wäre schön gewesen, wenn ich meiner Mutter alles hätte erklären können. Bevor sich andere Leute einmischen konnten.
Es war ein Uhr morgens. Ich hatte Mr. Petersons Wagen vor das Häuschen mit der Aufschrift »Nichts zu verzollen« gefahren, wo ein einzelner Beamter Dienst hatte. Er schaute aus dem Fenster des Zollhäuschens, dabei hatte er sein Gewicht auf die Ellbogen gestützt, die auf der Ablage ruhten, und das Kinn auf die Hände gelegt. Es sah so aus, als würde er ohne den Halt der Holzablage jeden Moment wie ein Sack Kartoffeln zu Boden sinken. Er hatte Nachtschicht – die Friedhofsschicht –, und das bedeutete tödliche Langeweile von Sonnenuntergang bis zum Morgengrauen. Ein paar Herzschläge lang wirkte dieser Zollbeamte, als ob ihm die Willenskraft fehlte, auch nur die Augäpfel zu bewegen und meinen Ausweis zu begutachten. Doch dieser Moment ging vorbei. Sein Blick wanderte, seine Augen weiteten sich. Er bedeutete mir zu warten und sprach in sein Funkgerät. Alle Müdigkeit war von ihm gewichen. In diesem Augenblick wusste ich es. Später fand ich heraus, dass mein Bild an jeden größeren Hafen zwischen Aberdeen und Plymouth geschickt worden war. Die Suchmeldungen im Fernsehen taten ihr Übriges. Ich hatte nicht den Hauch einer Chance.
An das, was als Nächstes geschah, kann ich mich nur noch verschwommen erinnern, aber ich bemühe mich, die Ereignisse so gut es geht zu beschreiben.
Die Seitentür des Zollhäuschens schwang auf, und im selben Moment spülte ein Duft von Flieder über mich hinweg, als stünde ich in einem blühenden Garten. Es kam ganz plötzlich, und ich wusste sofort, dass ich mich unbedingt konzentrieren musste, um in der Gegenwart zu bleiben. Im Nachhinein betrachtet, hatte sich ein solcher Vorfall schon eine ganze Weile angekündigt. Man muss bedenken, dass ich mehrere Tage kaum geschlafen hatte, und fehlende Nachtruhe war schon immer ein Auslöser gewesen. Stress ist ein weiterer.
Ich starrte stur geradeaus und konzentrierte mich. Ich konzentrierte mich auf die Scheibenwischer, die von rechts nach links schwangen. Ich versuchte, meine Atemzüge zu zählen, aber als ich bei fünf angelangt war, wurde mir klar, dass es nicht ausreichte. Alles verschwamm vor meinen Augen; die Zeit verlangsamte sich. Ich hatte keine andere Wahl: Ich drehte die Anlage im Auto voll auf. Händels Messias durchflutete den Wagen; der Chor sang sein Halleluja so laut, dass der Auspuff vibrierte. Ich hatte das nicht geplant. Wenn ich Zeit gehabt hätte, um mich vorzubereiten, hätte ich etwas Einfacheres und Ruhigeres gewählt. Chopins Nocturnes oder eine Cellosuite von Bach vielleicht. Aber seit Zürich hatte ich mich systematisch durch Mr. Petersons CD-Kollektion gearbeitet, und es war reiner Zufall, dass genau in diesem Moment der Chor das Halleluja aus Händels Messias schmetterte. Als würde das Schicksal mir eine lange Nase zeigen. Natürlich gereichte mir dieser Umstand später nicht zum Vorteil. Der Zollbeamte erstattete der Polizei einen ausführlichen Bericht, in dem er behauptete, dass ich mich lange Zeit der Festnahme verweigert hätte, dass ich einfach nur »dasaß und in die Nacht starrte, während diese religiöse Musik auf voller Lautstärke dröhnte. Er sah aus wie der Engel des Todes oder so etwas Ähnliches.« Vermutlich haben Sie dieses Zitat schon gelesen. Es stand in allen Zeitungen. Die lieben solche saftigen Details. Aber Sie müssen verstehen, dass ich zu dem Zeitpunkt einfach keine andere Wahl hatte. Ich konnte den Zollbeamten am Rande meines Blickfelds wahrnehmen, wie er mit krummem Rücken in seiner gelben Signalweste neben meinem Fenster stand, aber ich zwang mich, ihn zu ignorieren. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe in meine Augen, aber auch das ignorierte ich. Ich starrte nur geradeaus und konzentrierte mich auf die Musik. Das war mein Anker. Der Flieder war immer noch da und tat sein Möglichstes, um mich abzulenken. Die Alpen schoben sich in meinen Sinn – zerklüftete, mit Eis bekränzte Erinnerungen, so spitz wie Nadeln. Ich wickelte sie in Musik ein. Ich redete mir ein, dass es nichts gäbe außer der Musik – rein gar nichts. Es gab nichts außer den Geigen und dem Schlagzeug und den Trompeten und diesen unzähligen Stimmen, die Gottes Lob sangen. Rückblickend betrachtet ist mir klar, wie verdächtig ich gewirkt haben muss, wie ich so dasaß mit ausdruckslosen Augen, gebadet in eine Musik, mit der man die Toten hätte aufwecken können. Vermutlich hörte es sich so an, als ob das gesamte Londoner Symphonieorchester auf meinem Rücksitz Platz genommen hätte. Aber was soll man machen? Wenn man es mit einer derart heftigen Aura zu tun bekommt, hat man keine Möglichkeit, allein damit fertigzuwerden. Um ehrlich zu sein, gab es mehrere Momente, wo ich am Abgrund stand. Ich war nur eine Haaresbreite von einem Anfall entfernt.
Aber nach einer Weile ebbte die Krise ab. Etwas in mir rutschte wieder an seinen Platz. Mir war undeutlich bewusst, dass der Strahl der Taschenlampe weitergewandert war. Er war nun starr auf etwas gerichtet, das ungefähr vierzig Zentimeter links neben mir sein musste, aber ich war in diesem Moment noch zu erschöpft und erkannte nicht, was es war. Erst später fiel mir wieder ein, dass sich Mr. Peterson noch immer auf dem Beifahrersitz befand. Ich hatte nicht daran gedacht, ihn woanders unterzubringen. Die Sekunden tickten vorbei, und irgendwann bewegte sich der Schein der Taschenlampe und verschwand aus dem Wageninneren. Ich schaffte es, meinen Kopf um fünfundvierzig Grad zu drehen, und sah, dass der Zollbeamte wieder in sein Funkgerät sprach. Mittlerweile war er putzmunter und erkennbar erregt. Dann klopfte er mit der Taschenlampe gegen die Seitenscheibe und gestikulierte, ich solle das Fenster öffnen. Ich kann mich nicht daran erinnern, den elektrischen Fensterheber bedient zu haben, aber so muss es gewesen sein, denn ich erinnere mich an den Schwall kalter, feuchter Luft, der hereinzog, als die Scheibe nach unten glitt. Der Mund des Zollbeamten bewegte sich; er sagte etwas, aber ich verstand nicht, was es war. Das Nächste, was ich weiß, ist, dass er durchs offene Fenster griff und die Zündung ausschaltete. Der Motor erstarb, und eine Sekunde später verklang das letzte Halleluja in der Nachtluft. Ich hörte das leise Zischen des Nieselregens auf dem Asphalt, das langsam die Stille ausfüllte, als löse sich die Realität in Säure auf. Der Zollbeamte sagte wieder etwas und wedelte mit seinen Armen. Er vollführte merkwürdige, wackelige Bewegungen, aber mein Gehirn war nicht in der Lage, irgendetwas von dem, was er sagte oder tat, zu decodieren. Denn da war etwas anderes, was mich beschäftigte – ein Gedanke, der sich mühsam den Weg ans Licht bahnte. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich meine Gedanken zu Worten organisiert hatte, und als ich schließlich da angekommen war, wo ich hinwollte, sagte ich Folgendes: »Sir, ich muss Ihnen mitteilen, dass ich nicht länger in der Lage bin, ein Fahrzeug zu führen. Ich fürchte, Sie müssen sich jemand anderen suchen, der den Wagen wegfährt.«
Aus irgendeinem Grund schien dem Zollbeamten die Luft wegzubleiben. Auf seinem Gesicht zeigte sich eine ganze Reihe von seltsamen Ausdrücken, und dann stand er eine Zeit lang nur mit offenem Mund da. Wenn ich mit offenem Mund dagestanden hätte, hätte man mich für sehr unhöflich gehalten, aber ich glaube nicht, dass es der Mühe wert ist, sich über solche Dinge aufzuregen. Und so wartete ich einfach ab. Ich hatte gesagt, was gesagt werden musste, und es hatte mich verhältnismäßig große Mühe gekostet. Es machte mir nichts aus, geduldig zu sein.
Nachdem er seine Atemwege freigeräuspert hatte, befahl mir der Zollbeamte, aus dem Wagen zu steigen und mit ihm zu kommen. Und zwar sofort. Aber in dem Augenblick, in dem er das sagte, merkte ich, dass ich noch nicht bereit war, mich vom Fleck zu bewegen. Meine Hände umklammerten noch immer mit weißen Knöcheln das Lenkrad, und sie machten keinerlei Anstalten, ihren Griff zu lockern. Ich bat ihn, er möge noch einen Moment warten.
»Freundchen«, sagte der Zollbeamte, »du wirst jetzt sofort mitkommen.«
Ich schaute zu Mr. Peterson. »Freundchen« genannt zu werden, war kein gutes Zeichen. Es sah ganz so aus, als ob ich in einem überdimensionalen Haufen Scheiße hockte.
Meine Hände lösten sich vom Lenkrad.
Es gelang mir, aus dem Wagen zu steigen. Ich schwankte und lehnte mich ein paar Sekunden lang gegen die Karosserie. Der Zollbeamte versuchte, mich zum Mitkommen zu bewegen, aber ich machte ihm klar, dass er warten müsse, bis ich meine Füße wiedergefunden hatte, es sei denn, er wolle mich tragen. Der Nieselregen stach in die nackte Haut auf meinem Nacken und meinem Gesicht, und kleine Tränen aus Regen sammelten sich auf meiner Kleidung. Ich merkte, wie sich meine Sinne wieder einfanden und an ihren richtigen Platz zurückkehrten. Ich fragte, seit wann es regnete. Der Zollbeamte schaute mich an, ohne etwas zu sagen. Sein Blick zeigte deutlich, dass er an Geplauder nicht interessiert war.
Ein Streifenwagen kam, und man brachte mich zu einem Zimmer in der Polizeiwache von Dover, das man Gesprächszimmer C nannte. Aber vorher musste ich in einem kleinen Container im Zentrum der Hafenanlage warten. Ich musste lange warten. Ich bekam jede Menge Beamte von der Hafenbehörde zu Gesicht, aber niemand redete mit mir. Sie gaben mir bloß diese knappen Anweisungen, die meistens nur aus zwei Wörtern bestanden, wie »Warte hier« und »Nicht bewegen«, oder sie sagten mir, was als Nächstes mit mir passieren würde, wie ein Chor in einem antiken griechischen Drama. Und nach jeder Äußerung fragten sie nach, ob ich sie verstanden hätte, als ob ich ein Schwachkopf wäre. Aber vermutlich wirkte ich so auf sie. Ich weiß es nicht. Ich hatte mich immer noch nicht von meinem Anfall erholt. Ich war müde, meine Koordination glich der eines Betrunkenen, und insgesamt fühlte ich mich ziemlich abwesend, als wäre mein Kopf in Watte eingewickelt. Ich hatte Durst, aber ich wollte nicht fragen, ob irgendwo ein Getränkeautomat stand, weil sie sonst vielleicht dachten, ich wollte abhauen. Wenn man in Schwierigkeiten steckt, reicht schon eine einfache, völlig berechtigte Frage, um einen in noch mehr Schwierigkeiten zu bringen. Vielleicht haben Sie diese Erfahrung auch schon gemacht. Ich weiß nicht, warum das so ist. Man könnte fast meinen, dass man eine unsichtbare Linie überschritten hat, und plötzlich erscheint den Leuten das Vorhandensein ganz alltäglicher Dinge wie Getränkeautomaten und Cola light als etwas Ungeheuerliches. Möglicherweise werden einige Situationen als derart gravierend betrachtet, dass man sie nicht mit kohlensäurehaltigen Getränken trivialisieren will.
Auf jeden Fall kam irgendwann die Streife und brachte mich zum Gesprächszimmer C, wo sich meine Lage nicht im Mindesten verbesserte. Das Gesprächszimmer C war kaum größer als ein Wandschrank und nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Die Wände und der Boden waren nackt. In der Mitte stand ein rechteckiger Tisch mit vier Plastikstühlen, und hoch oben in der rückseitigen Wand befand sich ein Fenster, das aber nicht so aussah, als ob man es öffnen könnte. An der Decke hing ein Feuermelder und in einer Ecke eine Überwachungskamera. Das war alles. Es gab nicht einmal eine Uhr.
Ich wurde angewiesen, mich zu setzen, und dann ließ man mich allein. Die Zeit kam mir endlos lang vor. Ich denke, das war vermutlich Absicht, damit ich unruhig und nervös wurde, aber ich habe keine Beweise für meine Vermutung. Glücklicherweise macht mir das Alleinsein nichts aus; ich fühle mich wohl mit mir selbst und kann mich gut beschäftigen. Ich kenne mindestens eine Million verschiedener Übungen, um ruhig und konzentriert zu bleiben.
Wenn man müde ist, aber wach bleiben muss, braucht man etwas Kniffeliges, um die Gedanken zu beschäftigen. Daher konjugierte ich unregelmäßige spanische Verben, angefangen mit dem Präsens und dann immer weiter durch die Zeiten. Ich sprach sie nicht laut aus, wegen der Überwachungskamera, sondern sagte sie im Stillen auf, dabei bemühte ich mich, die Betonung und die Aussprache in Gedanken korrekt wiederzugeben. Ich war gerade bei entiendas, dem Konjunktiv Präsens der zweiten Person Singular von entender (verstehen), als sich die Tür öffnete und zwei Polizisten hereinkamen. Einer war der Beamte, der mich am Hafen abgeholt hatte. Er hatte ein Klemmbrett dabei, auf dem sich einige Blätter Papier befanden. Den anderen Polizisten hatte ich noch nie gesehen. Beide sahen nicht erfreut aus.
»Guten Morgen, Alex«, sagte der Polizist, den ich nicht kannte. »Ich bin Chief Inspector Hearse. Deputy Inspector Cunningham hast du ja schon kennengelernt.«
»Ja«, sagte ich. »Hallo.«
Ich werde Sie nicht mit einer ausführlichen Beschreibung von Chief Inspector Hearse oder Deputy Inspector Cunningham langweilen. Mr. Treadstone, mein alter Englischlehrer, hat immer gesagt, wenn man über eine Person schreibt, muss man nicht jedes Detail bezüglich dieser Person erwähnen. Stattdessen soll man sich ein charakteristisches Merkmal herauspicken, das es dem Leser ermöglicht, sich diese Figur vorzustellen. Chief Inspector Hearse hatte ein Muttermal von der Größe einer Fünfpencemünze auf der rechten Wange. Deputy Inspector Cunningham trug die glänzendsten Schuhe, die ich je gesehen hatte.
Sie setzten sich mir gegenüber und wiesen mich an, ebenfalls Platz zu nehmen. Erst da wurde mir bewusst, dass ich aufgestanden war, als sie den Raum betreten hatten. Das lernte man in meiner Schule – aufzustehen, wenn ein Erwachsener das Zimmer betritt. Eigentlich sollte es eine Respektsbezeugung sein, aber nach einer Weile tat man es, ohne nachzudenken.
Sie betrachteten mich eine Zeit lang wortlos. Ich wollte wegschauen, aber das hätte vielleicht unhöflich gewirkt, und deshalb starrte ich sie an, so wie sie mich anstarrten, und wartete.
»Weißt du, Alex«, sagte Chief Inspector Hearse schließlich, »du hast in der letzten Woche für ziemliche Aufregung gesorgt. Du bist regelrecht berühmt geworden …«
Die Richtung, in die dieses Gespräch lief, gefiel mir gar nicht. Ich hatte keine Ahnung, was sie von mir erwarteten. Auf manche Bemerkungen gibt es einfach keine passende Antwort, also hielt ich den Mund. Dann zuckte ich mit den Schultern, was ziemlich ungeschickt wirkte, aber in einer solchen Lage nichts zu tun, ist fast unmöglich.
Chief Inspector Hearse kratzte sich das Muttermal. Dann sagte er: »Dir ist doch klar, dass du in großen Schwierigkeiten steckst, oder?«
Das mochte als Frage gemeint sein, konnte aber genauso gut eine reine Tatsachenbehauptung sein. Ich nickte trotzdem, nur für alle Fälle.
»Und weißt du auch, warum du in Schwierigkeiten steckst?«
»Ja. Ich denke schon.«
»Und dir ist klar, wie ernst die Lage ist?«
»Ja.«
Chief Inspector Hearse schaute Deputy Inspector Cunningham an, der bislang noch nichts gesagt hatte. Dann blickte er wieder zu mir. »Nun, Alex, einige deiner Verhaltensweisen in den letzten Stunden lassen uns daran zweifeln. Wenn du wirklich wüsstest, wie ernst die Situation ist, wärst du mit Sicherheit sehr viel beunruhigter, als du es zu sein scheinst. Wenn ich da sitzen täte, wo du jetzt sitzt, wäre ich auf jeden Fall beunruhigter als du.«
Er hätte sagen müssen: Wenn ich da sitzen würde – das fiel mir sofort auf, weil ich beim Satzanfang den korrekten Konjunktiv bereits im Kopf hatte –, aber ich verbesserte ihn nicht. Die Leute mögen es nicht, wenn man sie auf derartige Fehler aufmerksam macht. Das war etwas, das mir Mr. Peterson immer wieder gesagt hatte. Er meinte, wenn ich mitten in einem Gespräch anfinge, die Grammatik meines Gesprächspartners zu korrigieren, würden alle denken, ich sei ein Oberklugscheißer.
»Sag mal, Alex«, fuhr Chief Inspector Hearse fort, »bist du denn wenigstens ein bisschen beunruhigt? Ich meine, du wirkst irgendwie zu ruhig, zu lässig, wenn man deine Lage bedenkt.«
»Ich kann es mir nicht leisten, in Stress zu geraten«, sagte ich. »Das ist nicht gut für meine Gesundheit.«
Chief Inspector Hearse stieß den Atem aus. Dann schaute er Deputy Inspector Cunningham an und nickte. Deputy Inspector Cunningham reichte ihm ein Blatt Papier von seinem Klemmbrett.
»Alex, wir haben deinen Wagen durchsucht. Du wirst verstehen, dass es ein paar Dinge gibt, die wir besprechen müssen.«
Ich nickte. Ein Ding fiel mir sofort ein. Aber dann überraschte mich Chief Inspector Hearse: Er stellte nicht die Frage, die ich erwartet hatte. Stattdessen bat er mich – für das Protokoll –, meinen vollen Namen und mein Geburtsdatum anzugeben. Das brachte mich etwas aus der Fassung. Alles in allem schien mir das reine Zeitverschwendung zu sein. Sie wussten doch bereits, wer ich war. Sie hatten meinen Ausweis. Es gab keinen Grund, nicht gleich zur Sache zu kommen. Aber ich hatte keine andere Möglichkeit, als das Spielchen mitzumachen.
»Alexander Morgan Woods«, sagte ich. »23. September 1993.«
Ich bin nicht so glücklich mit meinem Namen, besonders mit dem mittleren Teil nicht. Aber die meisten Leute nennen mich Alex, genauso wie die Polizisten. Wenn man auf den Namen Alexander getauft ist, muss man damit rechnen, abgekürzt zu werden. Meine Mutter treibt es auf die Spitze und kürzt sogar die Abkürzung ab. Sie nennt mich Lex, wie Lex Luthor – und das tat sie bereits, lange bevor mir die Haare ausfielen. Heute sieht sie darin etwas Prophetisches, früher fand sie es einfach nur süß.
Chief Inspector Hearse runzelte die Stirn, schaute wieder zu Deputy Inspector Cunningham und nickte. Er machte das ständig, als wäre er ein Zauberkünstler und Deputy Inspector Cunningham sein Assistent, der ihm die Requisiten reichen muss.
Deputy Inspector Cunningham holte hinter seinem Klemmbrett einen durchsichtigen Plastikbeutel hervor, den er auf die Tischplatte warf, wo er mit einem leisen Aufklatschen landete. Es war eine sehr dramatische Geste, ja wirklich, sehr dramatisch. Und man merkte, dass sie es dramatisch wirken lassen wollten. Die Polizei hat jede Menge solcher psychologischen Tricks. Aber das wissen Sie wahrscheinlich selbst, wenn Sie Fernsehen schauen.
»Etwa hundertdreizehn Gramm Marihuana«, bemerkte Chief Inspector Hearse, »aus deinem Handschuhfach.«
Ich will ehrlich zu Ihnen sein: Das Marihuana hatte ich völlig vergessen. Tatsache ist, dass ich das Handschuhfach in der Schweiz das letzte Mal geöffnet hatte. Seitdem hatte es dafür keinen Grund mehr gegeben. Aber versuchen Sie mal, das um zwei Uhr morgens der Polizei zu erzählen, wenn Sie gerade bei der Einreise ins Land verhaftet wurden.
»Das ist ziemlich viel Gras, Alex. Alles für den Eigenbedarf?«
»Nein …« Ich besann mich eines Besseren. »Ich meine, ja. Ich meine, es war für den Eigenbedarf, aber nicht für meinen.«
Chief Inspector Hearse hob die Augenbrauen etwa einen halben Meter in die Höhe. »Du willst damit sagen, dass diese hundertdreizehn Gramm Marihuana nicht für dich sind?«
»Das Marihuana gehörte Mr. Peterson.«
»Ich verstehe«, sagte Chief Inspector Hearse. Er kratzte sich wieder an seinem Muttermal und schüttelte den Kopf. »Es wird dich nicht überraschen, dass wir auch eine beträchtliche Menge Geld in deinem Wagen gefunden haben.« Er warf einen Blick auf die Inventarliste. »Sechshundertfünfundvierzig Schweizer Franken, zweiundachtzig Euro und dreihundertachtzehn Pfund. Die Scheine befanden sich in einem Umschlag in der Ablage der Fahrertür, zusammen mit deinem Ausweis. Das ist verhältnismäßig viel Geld für einen Siebzehnjährigen, meinst du nicht auch?«
Ich sagte nichts.
»Alex, das ist sehr wichtig. Was genau hattest du mit diesen hundertdreizehn Gramm Marihuana vor?«
Ich dachte eine Weile darüber nach. »Ich weiß nicht. Ich hatte gar nichts damit vor. Wahrscheinlich hätte ich es weggeworfen. Oder vielleicht verschenkt. Keine Ahnung.«
»Du hättest es verschenkt?«
Ich zuckte mit den Schultern. Es wäre vermutlich ein nettes Geschenk für Elli gewesen. Sie hätte es zu schätzen gewusst. Aber das behielt ich für mich. »Ich habe kein persönliches Interesse daran«, erklärte ich. »Ich meine, es macht Spaß, das Zeug anzubauen, aber das ist auch alles. Ich hätte es bestimmt nicht behalten.«
Deputy Inspector Cunningham bekam einen Hustenanfall. Es war das erste Geräusch, das er machte, und ich erschrak ein bisschen. Ich hatte schon angefangen zu glauben, er sei stumm.
»Du hast es angebaut?«
»Ich habe es in Mr. Petersons Auftrag angebaut«, stellte ich klar.
»Ich verstehe. Du hast es angebaut, und dann hast du es verschenkt. Also ein Akt der Wohltätigkeit?«
»Nein. Ich meine, es gehörte mir ja nicht. Es gehörte Mr. Peterson, also konnte ich es gar nicht verschenken. Wie ich schon sagte, ich habe es bloß angebaut.«
»Ja. Du hast es angebaut, aber du hast keinerlei persönliches Interesse an der Substanz?«
»Nur ein pharmazeutisches.«
Chief Inspector Hearse schaute Deputy Inspector Cunningham an und trommelte dann mit seinen Fingerspitzen eine Weile auf der Tischplatte herum. »Alex, ich frage dich noch einmal«, sagte er. »Nimmst du Drogen? Stehst du im Moment unter dem Einfluss von Drogen?«
»Nein.«
»Hast du jemals Drogen genommen?«
»Nein.«
»Also schön. Dann musst du mir eine Sache erklären.« Deputy Inspector Cunningham reichte Chief Inspector Hearse ein weiteres Blatt Papier. »Wir haben mit dem Zollbeamten gesprochen, der dich unter Arrest gestellt hat. Er meinte, du hättest dich sehr merkwürdig benommen. Er sagte, als er versuchte, dich in Gewahrsam zu nehmen, hast du dich geweigert zu kooperieren. Er sagte – und ich zitiere: ›Der Verdächtige drehte die Musik im Auto so laut auf, dass man sie wahrscheinlich noch in Frankreich hören konnte. Dann ignorierte er mich ein paar Minuten lang. Er starrte stur geradeaus, und dabei war sein Blick verschleiert. Als ich ihn schließlich dazu brachte, das Fahrzeug zu verlassen, erklärte er mir, er sei nicht mehr in der Lage zu fahren.‹«
Chief Inspector Hearse legte das Blatt Papier auf den Tisch und schaute mich an. »Kannst du uns das erklären, Alex?«
»Ich leide an Temporallappenepilepsie«, antwortete ich. »Ich hatte einen partiellen Anfall.«
Chief Inspector Hearse hob wieder die Augenbrauen und legte dann die Stirn in tiefe Furchen, als ob dies das Letzte war, was er hören wollte. »Du hast Epilepsie?«
»Ja.«
»Davon hat mir niemand etwas gesagt.«
»Es fing an, als ich zehn war, kurz nach meinem Unfall.« Ich tastete nach meiner Narbe. »Als ich zehn war, da …«
Chief Inspector Hearse nickte ungeduldig. »Ja. Ich weiß über deinen Unfall Bescheid. Jeder weiß über deinen Unfall Bescheid. Aber niemand hat jemals epileptische Anfälle erwähnt.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Seit zwei Jahren hatte ich auch keinen mehr.«
»Aber du sagtest doch, dass du vorhin einen hattest. Im Auto.«
»Ja. Deshalb konnte ich ja auch nicht mehr fahren.«
Chief Inspector Hearse schaute mich lange Zeit an. Dann schüttelte er den Kopf. »Mr. Knowles hat uns einen recht detaillierten Bericht gegeben, und von einem Anfall hat er nichts erwähnt. Dabei wäre das doch etwas, was er bestimmt nicht vergessen hätte, nicht wahr? Falls du einen Anfall gehabt hättest. Er meinte, du hättest vollkommen still dagesessen und überhaupt nicht aufgeregt gewirkt. Im Gegenteil: Für seine Begriffe warst du ein bisschen zu ruhig, unter den gegebenen Umständen.«
Chief Inspector Hearse gefiel meine angebliche Ruhe anscheinend überhaupt nicht.
»Es war ein partieller Anfall«, sagte ich. »Ich habe weder das Bewusstsein verloren noch hatte ich irgendwelche Zuckungen. Ich konnte den Anfall aufhalten, bevor er sich zu weit ausbreitete.«
»Und das ist die volle Wahrheit?«, fragte Chief Inspector Hearse. »Wenn ich jetzt eine Blutprobe entnehmen würde, wäre die sauber? Du hast bestimmt keine Drogen genommen?«
»Nur Carbamazepin.«
»Was ist das?«
»Ein Antiepileptikum.«
Chief Inspector Hearse sah so aus, als hätte er am liebsten Gift und Galle gespuckt. Er dachte, ich würde mich über ihn lustig machen. Er sagte mir, selbst wenn ich die Wahrheit sagte, selbst wenn ich tatsächlich an Temporallappenepilepsie leiden würde und ich wirklich einen partiellen Anfall gehabt hätte, würde das mein Benehmen noch lange nicht erklären, jedenfalls nicht in seinen Augen. Man hatte hundertdreizehn Gramm Marihuana in meinem Handschuhfach gefunden, und diese Tatsache nahm ich schlicht und einfach nicht ernst.
»Ich glaube tatsächlich nicht, dass es besonders schlimm ist«, gestand ich ein, »jedenfalls wenn man das große Ganze betrachtet.«
Chief Inspector Hearse schüttelte etwa zehn Minuten lang den Kopf, und dann sagte er, dass der Besitz von Betäubungsmitteln mit der mutmaßlichen Absicht des Verkaufs derselben in der Tat eine schlimme Sache war, und wenn ich versuchte, ihm etwas anderes weiszumachen, wollte ich ihn entweder auf den Arm nehmen oder ich war ohne Frage der naivste Siebzehnjährige, dem er je in seinem Leben begegnet war.
»Ich bin nicht naiv«, sagte ich. »Sie denken in die eine Richtung, ich in eine andere. Das ist lediglich eine völlig normale Meinungsverschiedenheit.«
Ich muss wohl nicht betonen, dass sie die Sache mit den Drogen noch endlos wiederkäuten. Es war eine groteske Situation: Je offener und ehrlicher ich war, desto überzeugter waren sie davon, dass ich log. Schließlich sagte ich ihnen, dass ich auf einem Bluttest bestand. Sie konnten bis zum Jüngsten Tag mit mir diskutieren, aber eine wissenschaftliche Tatsache konnten sie schlecht in Zweifel ziehen. Aber als ich die Forderung nach einem Bluttest stellte, hatten sie wohl schon beschlossen, sich einer anderen Sache zuzuwenden. Denn wir mussten noch über etwas anderes reden. Eigentlich hätte es auf der Agenda ganz oben stehen müssen, aber wie ich schon sagte: Die Polizei liebt dramatische Effekte, wenn sie glaubt, dass sie damit etwas erreicht.
»Der letzte Gegenstand auf der Inventarliste …«, setzte Chief Inspector Hearse an. Dann stützte er die Ellbogen auf die Tischplatte und legte den Kopf in die Hände. Er schaute nach unten und schwieg eine ganze Weile.
Ich wartete.
»Der letzte Gegenstand«, wiederholte Chief Inspector Hearse, »ist eine kleine silberne Urne, die auf dem Beifahrersitz stand. Gewicht: etwa vier Komma acht Kilogramm.«
Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, warum sie sich die Mühe machten, die Urne zu wiegen.
»Alex, ich muss das fragen: Der Inhalt dieser Urne …«
Chief Inspector Hearse schaute mir in die Augen und schwieg. Es war eindeutig, dass er nicht fragen würde, obwohl er das doch ausdrücklich angekündigt hatte, aber ich wusste sowieso, wie die Frage lautete. Es war offensichtlich. Und ich hatte die Nase voll von diesen psychologischen Spielchen. Ich war müde und durstig. Also wartete ich nicht ab, ob Chief Inspector Hearse jemals seinen Satz beenden würde, sondern nickte einfach und sagte ihm, was er wissen wollte.
»Ja«, sagte ich. »Das ist Mr. Peterson.«
Wie Sie sich sicher vorstellen können, stellten sie danach noch Hunderte Fragen. Natürlich waren sie hauptsächlich daran interessiert, was genau in der letzten Woche passiert war, aber um die Wahrheit zu sagen, bin ich selbst jetzt noch nicht dazu in der Lage, darüber zu reden. Ich finde, es macht keinen Sinn – und in jener Nacht machte es noch viel weniger Sinn. Chief Inspector Hearse verlangte von mir eine »unzweideutige, verständliche und lückenlose Erklärung« aller relevanten Umstände, die dazu führten, dass man mich mit hundertdreizehn Gramm Marihuana und Mr. Petersons sterblichen Überresten am Zollhafen festgenommen hatte. Aber sein Ansinnen war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Manchmal, wenn Leute eine lückenlose Erklärung verlangen, ist völlig klar, dass sie genau das nicht wollen. Was sie wollen, ist eine Bestätigung dessen, was sie längst zu wissen glauben. Sie wollen etwas, das exakt in ein Kästchen auf einem polizeilichen Formular passt. Und auf eine lückenlose Erklärung trifft das nie im Leben zu. Lückenlose Erklärungen sind chaotisch. Man kann sie nicht völlig unvorbereitet innerhalb von fünf Minuten fein säuberlich und geordnet zu Protokoll geben. Man muss ihnen Raum und Zeit lassen, um sich zu entfalten.
Und deshalb will ich zurück zum Anfang, wohin die Polizei mich nicht lassen wollte. Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen, die ganze Geschichte, in der Art und Weise, wie sie meiner Meinung nach erzählt werden sollte. Und ich fürchte, dass sie eins nicht sein wird: kurz.
2IRIDIUM-193
Ich könnte mit meiner Zeugung anfangen. Meine Mutter war förmlich begierig darauf, sich über diesen Aspekt meiner Existenz auszulassen – vermutlich, weil sie mir so wenig über meinen Vater erzählen konnte. Sie wollte es irgendwie wiedergutmachen. Es ist eine ganz interessante Geschichte, wenn auch etwas seltsam und ein bisschen unangenehm, aber ich bin nicht sicher, ob dies der beste Anfang wäre. Es ist auf jeden Fall nicht der bedeutsamste Zeitpunkt. Vielleicht werde ich später noch darauf zurückkommen.
Es gibt einen näherliegenden Moment, mit dem meine Geschichte beginnt: der Unfall, der mir widerfuhr, als ich zehn Jahre alt war. Vermutlich wissen Sie schon, was ich meine, oder haben zumindest etwas darüber gehört. Die Sache war wochenlang das Topthema in allen Nachrichten auf der ganzen Welt. Aber das ist mehr als sieben Jahre her. Menschen haben ein kurzes Gedächtnis, doch da dieses Ereignis die Richtung bestimmte, in der mein Leben verlaufen sollte, kann ich es schlecht ignorieren.
Ich nenne es Unfall, weil mir kein passenderes Wort dafür einfällt, aber es trifft die Sache nicht wirklich. Ich bin nicht sicher, ob es überhaupt ein passendes Wort dafür gibt. Die Presse sprach von einem »außergewöhnlichen Ereignis« oder von einem »in der Menschheitsgeschichte einzigartigen Vorfall« – obwohl sich das als nicht ganz zutreffend herausstellte. In den zwei Wochen, in denen ich bewusstlos war, wurden wohl Hunderttausende von Wörtern darüber geschrieben, und das ist für mich das Merkwürdigste an der ganzen Angelegenheit. Das Letzte, woran ich mich mit Gewissheit erinnern kann, ist ein Schulausflug in den Zoo von Bristol, wo man mich dafür tadelte, dass ich versuchte, einen Klammeraffen mit einem Marsriegel zu füttern. Das war mehr als zwei Wochen, bevor ich ins Krankenhaus kam. Eine Menge dessen, was ich Ihnen jetzt erzähle, musste ich daher aus den Berichten anderer Leute zusammensetzen, aus den Zeitungsartikeln, die ich später las, aus den Erklärungen der Ärzte und Wissenschaftler, die während meiner Genesung mit mir redeten, und von den Tausenden Augenzeugen, die sahen, was mich traf, nur wenige Momente, bevor es mich traf. Viele dieser Augenzeugen schrieben mir oder meiner Mutter, als klar wurde, dass ich es schaffen würde, und wir haben all diese Briefe aufgehoben. Zusammen mit den Hunderten von Zeitungsausschnitten ergeben sie ein knapp zehn Zentimeter dickes Album, das ich bestimmt ein Dutzend Mal durchgelesen habe. Mittlerweile weiß ich genauso viel darüber, was mit mir geschehen ist, wie jeder andere, aber all das Wissen stammt nur aus zweiter Hand. Was meine persönliche Erinnerung an den Vorfall betrifft: Da ist nichts. Ich war vermutlich der letzte Mensch auf diesem Planeten, der erfuhr, was mit mir geschehen war. Und das war am 3. Juli 2004, einem Samstag, an dem ich im Yeovil-Bezirkskrankenhaus aufwachte und feststellte, dass ich gerade einen ganzen Monat meines Lebens verloren hatte.
Als ich zu mir kam, dachte ich erst, ich sei im Himmel. Ich nahm an, es müsste der Himmel sein, weil alles so schmerzvoll weiß war. Nach einigen Zuckungen wurde mir klar, dass ich immer noch Augen und funktionierende Augenlider besaß, obwohl ich mein irdisches Dasein hinter mir gelassen hatte, und dass ich für den Bruchteil einer Sekunde durch die zusammengekniffenen Augen blinzeln konnte – was mir ratsam erschien, bis sich meine Augen an das Milliarden-Watt-starke Leuchten des Jenseits gewöhnt hatten.
In der Schule hatten wir hin und wieder etwas über den Himmel erfahren, und während der Versammlungen sangen wir darüber, aber ich war mir nie sicher gewesen, ob es ihn tatsächlich gab, bis ich selbst im Himmel aufwachte. Ich hatte keine religiöse Erziehung genossen. Meine Mutter glaubte nicht an den Himmel. Sie glaubte an eine unsichtbare Geisterwelt, in die wir eingingen, wenn wir starben. Diese Welt war nicht vollständig von der Welt der Lebenden getrennt. Es war lediglich eine andere Existenzebene, und obwohl wir sie nicht sehen, riechen oder berühren konnten, gingen ständig Nachrichten von dort bei uns hier ein. Meine Mutter verdiente ihren Lebensunterhalt, indem sie diese Nachrichten interpretierte. Sie war »empfänglich« für jene andere Welt, auf eine Weise, die nur wenigen vergönnt war. Ich stellte mir das immer so vor wie eine Art Radio: Sie hatte Empfang, während wir anderen nur statisches Rauschen hörten.
Aber ich war mir ziemlich sicher, dass ich im Himmel gelandet war und nicht bloß auf einer anderen Existenzebene. Als weiteren Beweis für meine Hypothese erblinzelte ich mir das Bild von zwei Engeln – einer blond, der andere dunkelhaarig, beide in Türkis gewandet –, die rechts und links von mir schwebten. Allerdings war mir nicht klar, was sie da taten. Ich entschied, dass dies genauer untersucht werden musste, und zwang mich, den Schmerz zu ignorieren und meine Augen weit aufzureißen. Woraufhin der blonde Engel einen Satz rückwärts machte und einen ohrenbetäubenden, schrillen Schrei ausstieß. Dann spürte ich ein scharfes Ziehen, hatte aber keine Ahnung, was es war. Ich schloss wieder die Augen.
»Oh Scheiße!«, sagte der blonde Engel. »Scheiße, Scheiße, Scheiße!«
Da merkte ich, dass ich eine linke Hand hatte, denn der blonde Engel hatte sie gepackt.
»Herrgott noch mal, was ist denn los, zum Teufel?«, fragte der dunkelhaarige Engel.
»Er ist wach! Hast du’s nicht gesehen?«
»Er ist wach? Scheiße, ist das Blut?«
»Die Kanüle ist rausgerutscht!«
»Sie ist rausgerutscht?«
»Er hat mich zu Tode erschreckt! Es war ein Unfall!«
»Das ganze Bettzeug ist voll Blut!«
»Ich weiß! Ich weiß! Aber es sieht schlimmer aus, als es ist. Hol Patel – aber schnell! Ich muss hierbleiben und das Blut abdrücken.«
Ich hörte schnelle Schritte, und nur ein paar Augenblicke später sprach die Stimme eines Mannes zu mir. Sie war tief, ruhig und befehlsgewohnt.
»Alex?«, sagte die Stimme.
»Gott?«, gab ich zurück.
»Nicht ganz«, sagte die Stimme. »Ich bin Dr. Patel. Kannst du mich klar und deutlich hören?«
»Ja.«
»Kannst du bitte die Augen öffnen?«
»Das tut weh«, sagte ich.
»Okay«, sagte Dr. Patel. »Darum kümmern wir uns später.« Er legte die Hand auf meine Stirn. »Kannst du mir sagen, wie du dich fühlst?«
»Keine Ahnung«, antwortete ich.
»Alles in Ordnung. Du musst dir keine Sorgen machen. Schwester Jackson ist schon unterwegs und holt deine Mutter. Sie wird gleich hier sein.«
»Meine Mutter?« Ich fing an zu bezweifeln, dass dies wirklich der Himmel war.
»Wo bin ich?«, fragte ich.
»Du bist im Krankenhaus. Du bist seit dreizehn Tagen bei uns.«
»Das sind fast zwei Wochen«, bemerkte ich.
»Das ist korrekt«, bestätigte Dr. Patel.
»Warum bin ich hier?«
»Du hattest einen Unfall«, sagte Dr. Patel. »Mach dir deswegen keine Sorgen.«
Einen Augenblick lang tastete ich in der Dunkelheit herum. »Ist im Zoo irgendwas passiert?«
Pause. »Im Zoo?«
»Im Zoo.«
»Alex, du bist im Moment ein bisschen durcheinander. Es kann eine Weile dauern, bis dein Gedächtnis zurückkehrt. Ich möchte dich bloß bitten, ein paar einfache Fragen zu beantworten, und dann kannst du dich ausruhen. Kannst du mir deinen vollen Namen nennen?«
»Ja«, sagte ich.
Ich fand, das war eine merkwürdige Frage.
»Kannst du ihn mir bitte jetzt nennen?«
»Mein Name ist Alexander Morgan Woods.«
»Ausgezeichnet. Und wie heißt deine Mutter?«
»Rowena Woods.«
»Gut. Sehr gut«, sagte Dr. Patel ernst.
»Sie ist Kartenlegerin«, fügte ich hinzu.
»Wann hast du Geburtstag, Alex?«
»Erst im September«, sagte ich. »Muss ich sterben?«
Dr. Patel lachte. Schwester Engel drückte meine Hand. »Nein, Alex, du musst nicht sterben.«
In diesem Moment hörte ich wieder laute, schnelle Schritte, gefolgt von seltsamen Schreien und Schluchzern. Ich musste die Augen nicht öffnen, um zu wissen, dass es meine Mutter war. Schwester Engel ließ meine Hand los, und eine Sekunde später fühlte ich, wie mein Hals zur Seite gezogen wurde und mir ein Schwall weicher, krauser Haare aufs Gesicht fiel.
»Mrs. Woods, bitte!«, warnte Dr. Patel.
Meine Mutter schluchzte weiter. Ich fühlte, wie warme Tränen mein Gesicht benetzten.
»Mrs. Woods, Sie müssen auf die Stiche aufpassen!«
Aber meine Mutter hatte beschlossen, dass sie mich mindestens vierundzwanzig Stunden lang nicht mehr loslassen würde. Sie hielt mich immer noch fest, als ich wieder einschlief.
Ich fand bald durch Tasten heraus, dass mein Kopf rundherum bandagiert war, von einem Ohr zum anderen. Darüber und darunter fühlte sich meine Kopfhaut an wie kurzer Filz. Meine Haare waren fast völlig verschwunden.
»Wir mussten sie abrasieren, damit wir operieren konnten«, erklärte mir Dr. Patel. »Das ist ganz normal.«
»Sie mussten mich operieren?« Ich war sehr beeindruckt.
»Oh ja!«, sagte Dr. Patel fröhlich. »Du wurdest sofort in den OP-Saal gebracht, gleich nachdem du angekommen warst. Ein ganzes Team von Chirurgen war stundenlang damit beschäftigt, dich wieder zusammenzuflicken. Dein Schädel war kurz oberhalb des rechten Ohrs gebrochen – aufgeplatzt wie eine Eierschale.«
Meine Kinnlade klappte nach unten. Ich hatte das Gefühl, sie würde jeden Moment auf dem Boden aufschlagen. »Wie eine Eierschale?«
»Wie eine Eierschale«, bestätigte Dr. Patel.
»Dr. Patel, bitte!«, protestierte meine Mutter. »Das ist kein sehr schönes Bild. Lex, mach den Mund zu.«
»Konnten sie mein Gehirn sehen?«, fragte ich.
»Ja, ich glaube schon«, sagte Dr. Patel. »Aber erst, nachdem sie die überschüssige Flüssigkeit abgesaugt und den ganzen Schmutz und den Staub entfernt hatten, der sich in der Wunde angesammelt hatte.«
»Schmutz und Staub von dem Brocken?« (Seit ich zum ersten Mal von dem Brocken gehört hatte, war ich von ihm fasziniert.)
»Nein, eher Putz von der Wohnungsdecke.«
»Oh.« Ich muss wohl nicht betonen, dass ich ein bisschen enttäuscht war. »Sind Sie sicher, dass es bloß Putz war?«
Dr. Patel warf meiner Mutter einen Blick zu. Sie betrachtete ihn mit hochgezogenen Augenbrauen, die Arme vor der Brust verschränkt. »Wir werden schon bald mehr wissen«, sagte er zu mir. »Ich glaube, man hat einige Abstriche ins Labor geschickt.«
»Abstriche?«
»Das ist eine Möglichkeit, um Proben zu nehmen«, erklärte Dr. Patel.
»Man hat einen Abstrich von meinem Gehirn gemacht?«
»Nein, von deiner Schädeldecke und den Bruchkanten. Wenn man Staub im Gehirn hat, sollte man besser nicht daran reiben.«
»Also wirklich, Dr. Patel!«, rief meine Mutter. »Lex, fass das nicht an.«
Ich zog die Hand von dem Verband weg. Ein paar Sekunden lang war alles still.
»Dr. Patel?«, fragte ich.
»Ja, Alex?«
»Wenn sie mein Gehirn nicht anfassen durften, wie haben sie dann den ganzen Dreck rausbekommen?«
Dr. Patel lächelte. Meine Mutter schüttelte den Kopf. »Sie haben ihn weggesaugt.«
»Wie mit einem Staubsauger?«
»Ja. Genau so.«
Ich rümpfte die Nase. »Und das soll sicherer sein als abreiben?«
»Es ist ein sehr kleiner und sehr präziser Staubsauger.«
»Oh.« Ich schaute zu meiner Mutter. Sie hatte ihre steife Haltung aufgegeben und tat so, als würde sie in ihrem Buch lesen. »Und dann?«, wollte ich wissen. »Ich meine, was war, nachdem sie den Abstrich genommen, die Flüssigkeit weggemacht und den Dreck abgesaugt hatten?«
»Danach war alles ganz einfach«, sagte Dr. Patel. »Sie haben die Wunde mit Salzlösung gereinigt, deinen Schädel über der Bruchstelle mit einer Spezialplatte verschlossen, ein kleines Stück Haut aus deinem Oberschenkel entnommen, um die Platte zu bedecken, und dich dann zugenäht. Jetzt bist du so gut wie neu.«
»Wow!« Das erklärte den Verband an meinem Bein. »Soll das heißen, dass ich unter diesen ganzen Verbänden eine Art Frankenstein bin? Mit diesen vielen Stichen, die meinen Kopf zusammenhalten, und einer großen Metallplatte, die auf meinen Schädel genietet ist?«
»Ja, ganz richtig«, sagte Dr. Patel. Dann, nach einer kurzen Pause, fuhr er fort: »Nur, dass die Platte nicht aus Metall ist. Sie besteht aus einem besonderen Material, das sich über die nächsten Monate nach und nach auflöst, während dein Schädel darunter heilt. Schließlich wird die ganze Platte verschwunden sein, die Fäden aus den Stichen lösen sich ebenfalls auf, und dann bist du wieder ein ganz normaler Junge.«
»Aber ich werde doch wenigstens eine Narbe haben, oder?«
»Möglicherweise.«
Ich runzelte die Stirn und klopfte mir gegen den Kopf.
»Lex!«, warnte meine Mutter, ohne von ihrem Buch aufzublicken.
Ich hörte mit dem Klopfen auf. »Dr. Patel, wohin geht das ganze Zeug, wenn es sich auflöst?«, fragte ich. »Ich meine die Fäden und diese Platte?«
»Nun«, sagte er, »alles, was der Körper gebrauchen kann, wird recycelt und in andere nützliche Dinge umgewandelt, wie Muskeln und Körperfett. Und der Rest wird einfach ausgeschieden.«
Ich dachte kurz darüber nach. »Sie meinen, es kommt mit meinem Stuhlgang wieder raus?«
»Lex!«, kläffte meine Mutter.
»So nennt man das hier im Krankenhaus«, erklärte ich ihr. »Das ist der korrekte medizinische Begriff.«
»Tatsächlich wird das meiste davon mit dem Urin ausgeschieden«, sagte Dr. Patel.
»Okay, ich glaube, das sind genug Informationen für einen Tag«, entschied meine Mutter.
Danach weigerte sich Dr. Patel, mir irgendwelche interessanten Details zu erklären, es sei denn, meine Mutter war nicht im Zimmer. Und das kam leider nur äußerst selten vor.
Obwohl mein Kopf zusammengeflickt war und unter dieser speziellen, selbstauflösenden Knochenplatte heilte, musste ich noch eine Woche zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Die Ärzte wollten sichergehen, dass ich ausreichend Ruhe bekam und genügend Proteine zu mir nahm. Unzählige Ärzte kamen zu mir und etwa doppelt so viele Krankenschwestern. Ich musste zum Röntgen, damit der Verlauf der Heilung überprüft werden konnte, und dann musste ich Fragen beantworten und komische kleine Aufgaben lösen, die man sich ausgedacht hatte, um festzustellen, ob mein Gehirn richtig funktionierte.
Anscheinend tat es das.
Meine fünf Sinne waren in Ordnung. Ich konnte immer noch lesen und schreiben und meinen Stundenplan auswendig aufsagen. Meine Fähigkeit, merkwürdig geformte Holzklötze zu sortieren, war nicht beeinträchtigt, und nach ein paar Tagen reichhaltigen Essens und langsam gesteigerter Bewegung hatten sich meine Körperfunktionen und meine Koordination weitgehend normalisiert. Einzig mein Erinnerungsvermögen zeigte Anzeichen von Beeinträchtigung, doch dies schien kaum ein Problem zu sein. Ich konnte mich ja immer noch an Wörter und Zahlen erinnern, und ich brachte gute Leistungen bei Suchbildern, wo man den Unterschied erkennen oder etwas Fehlendes finden musste. Ich konnte mich daran erinnern, was ich gefrühstückt hatte und was am Vortag passiert war, ich konnte mich an meinen ersten Schultag erinnern und an den Ausflug ans Meer, als ich mich auf eine Wespe gesetzt hatte. Ich konnte fast jedes Tier benennen, das ich in Bristol im Zoo gesehen hatte: den Klammeraffen, den ringelschwänzigen Lemuren, den Goldmanteltamarin und so weiter. Und auf Grundlage dieser Tatsachen schloss man, dass es kein generelles Problem mit meinem episodischen oder semantischen Gedächtnis gab. Mir fehlte bloß ein Monat; vier Wochen meiner persönlichen Lebensgeschichte waren in ein tiefes schwarzes Loch gefallen. Trotz Dr. Patels gegenteiliger Beteuerung fragte ich mich immer wieder, ob dieser Monat nicht irgendwie im Beutel dieses winzig kleinen, sehr präzisen Gehirnstaubsaugers gelandet war.
Meine Mutter hatte mich an jenem Tag gefunden. Sie war in der Küche und hatte beide Explosionen gehört. Zwischen der ersten und der zweiten lag etwa eine Minute Stille. Die erste, sagte sie, hörte sich an wie ein weit entfernter Gewehrschuss oder vielleicht eine Fehlzündung. Die zweite klang, als würde das Dach einstürzen. Das obere Stockwerk war völlig verwüstet – ein Trümmerfeld aus heruntergefallenen Bildern, zerbrochenem Glas und verstreut herumliegendem Nippes aus der Vitrine, die gegenüber der Treppe stand. Die Badezimmertür war zu, aber nicht verschlossen. Ich lag auf dem Boden in einer Pfütze aus Blut und Porzellansplittern. Meine Mutter sagte, dass es vermutlich ihr Schreien gewesen sei und nicht die Explosion, das Mr. und Mrs. Stapleton, unsere ältlichen Nachbarn, aufscheuchte, woraufhin beide im Laufschritt zu uns eilten. Es war gut, dass sie kamen, denn ich vermute, meine Mutter war viel zu hysterisch, um einen Krankenwagen zu rufen.
In den folgenden zwei Wochen wich sie kaum von meiner Seite. Sie bestand darauf, im Krankenhaus zu übernachten. Die Schwestern mussten ein Bett in mein Zimmer fahren, nachdem sie deutlich gemacht hatte, dass sie zur Not auch auf dem Boden schlafen würde, falls das Krankenhaus nicht in der Lage sei, ihr ein anständiges Bett zu besorgen. So, wie sie es erzählte, klang es ziemlich peinlich. Glücklicherweise lag ich da noch im Koma. Um die Wahrheit zu sagen, war ich zu diesem Zeitpunkt völlig weggetreten. Ich sah, fühlte und hörte rein gar nichts. Aber diese medizinische Tatsache wischte meine Mutter mit einer einzigen Handbewegung beiseite.
»Ich habe jeden Tag mit dir geredet«, sagte sie zu mir. »Ich wusste, dass ein Teil von dir mich noch immer hören konnte.«
»Ich glaube nicht, dass ich dich hören konnte«, sagte ich – bestimmt zum hundertsten Mal.
»Doch, ein Teil von dir konnte mich hören«, beharrte meine Mutter.
»Aber ich kann mich nicht erinnern, dich gehört zu haben«, widersprach ich.
Meine Mutter stieß ein leises Glucksen aus. »Natürlich kannst du dich nicht daran erinnern. Du warst im Tiefschlaf. Und wir erinnern uns nicht an Dinge, die geschehen, wenn wir tief schlafen, nicht wahr? Das heißt aber nicht, dass du mich nicht trotzdem hören konntest.«
Ich runzelte die Stirn. Irgendwie ergab das für mich keinen Sinn, aber andererseits traf das auf die meisten Ereignisse des vergangenen Monats zu.
Ganz oben auf der Liste dieser Ereignisse stand natürlich der eigentliche Unfall. Ich kannte die Fakten, wusste, was mir widerfahren war – von meiner Mutter, von Mr. und Mrs. Stapleton und den Sanitätern, die mich besuchen kamen, nachdem ich aufgewacht war –, aber das war trotzdem nur sehr wenig. Man hatte den Brocken gleich gefunden, na ja, er war ja auch nicht zu übersehen, aber niemand wusste mit Sicherheit, ob er mich tatsächlich getroffen hatte. Einer der Sanitäter sagte mir, es sei viel wahrscheinlicher, dass ich von einem Splitter getroffen worden sei oder von einem Stein aus der Zimmerdecke. »Wenn dich der Brocken erwischt hätte«, sagte er, »würden wir dieses Gespräch jetzt vermutlich nicht führen.«
Zu meiner Enttäuschung stützte Mr. Stapleton, der den Brocken als Erster angefasst hatte, diese Theorie. Er hatte ihn aufgehoben, und er meinte, dass er zwar nur so groß sei wie eine Orange, seiner Schätzung nach aber mindestens vier oder fünf Pfund wiegen müsste, was etwa so viel ist wie eine Zweiliterflasche Cola light. »DAS DING WAR SO SCHWER WIE BLEI«, schrie er. (Mr. Stapleton schreit immer, weil er fast völlig taub ist.) Als ich ihn fragte, wie der Brocken aussähe, erklärte er mir, er sei »SCHWARZ UND KOMISCH GEFORMT, WIE GEGOSSEN«. Aber diese Beschreibung reichte mir bei Weitem nicht aus.
»Was meinen Sie?«, fragte ich. »Wieso gegossen?«
»STIMMT. GESTERN HAT’S WIE AUS EIMERN GEGOSSEN«, nickte Mr. Stapleton.
»NEIN, ICH MEINE DEN BROCKEN. WIESO HAT DER AUSGESEHEN WIE GEGOSSEN?«
»WEGEN DER FORM, ALS OB ER VON AUSSERIRDISCHEN GEMACHT WORDEN WÄRE.«
Ich war begierig darauf, den Brocken zu sehen, aber als ich meine Mutter danach fragte, meinte sie, jemand hätte ihn schon vor Wochen mitgenommen.
»Wer?«, wollte ich wissen.
Meine Mutter zuckte mit den Schultern. »Ich weiß gar nicht genau, wer sie war. Sie meinte, sie sei Wissenschaftlerin. Dr. Monica Irgendwas. Ich war viel zu durcheinander, um mich um so etwas zu kümmern. Sie stand vor der Tür, als ich gerade einen Koffer für das Krankenhaus packte.«
»Aber wer war sie? Woher kam sie? Und wohin hat sie den Brocken gebracht?«
»Lex, ich habe es dir doch gesagt – ich weiß es nicht! Sie meinte, sie müsse ihn mitnehmen, um irgendwelche wichtigen Tests zu machen. Es war mir, ehrlich gesagt, völlig egal.«
»Kommt sie wieder?«
»Das hat sie nicht gesagt.«
»Hast du sie nicht gefragt?«
»Lex! Ich werde mich nicht noch einmal wiederholen.«
Ich war am Boden zerstört. Ganz gewiss würde ich meinen Brocken dank der Nachlässigkeit meiner Mutter niemals zu Gesicht bekommen, und niemand würde mir meine Fragen dazu beantworten können. Für den Augenblick waren die Zeitungsartikel, die ich von den Stapletons und den zahlreichen Ärzten und Schwestern bekam, mein einziger Trost. Diese Quellen halfen mir dabei, das Loch in meiner Erinnerung zu stopfen, das ansonsten wohl ein ewiger Abgrund geblieben wäre.
Der Feuerball wurde zuerst über der nordöstlichen Spitze von Nordirland gesehen, und zwar am Sonntag, dem 20. Juni 2004, um 15.27 Uhr. Jeder, der sich zu diesem Zeitpunkt im Freien aufhielt oder aus dem Fenster in die richtige Richtung schaute, sah ihn. Er war dreimal so hell wie der Vollmond und schoss wie eine Kanonenkugel über den Himmel. Nachdem er von etwa Hunderttausend Menschen in und um Belfast gesehen worden war, überquerte er die Irische See in wenigen Sekunden, sauste über Anglesey hinweg und verschwand dann über Nordwales hinter dicken Wolken. Nördlich der Mündung des Severn tauchte er wieder auf und versetzte halb Bristol in Panik. Und dann endete seine Reise irgendwo über Somerset. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, wo genau, aber es gab etliche Vermutungen. Hunderte von Menschen behaupteten steif und fest, er wäre direkt über der Kathedrale von Wells explodiert, und eine Zeit lang wurde diese Behauptung von lokalen und nationalen Zeitungen als Tatsache ausgegeben. Nach ein paar Tagen tauchte ein Wissenschaftler von der Universität Oxford auf und behauptete, da der besagte Impaktor die Erde in einem sehr spitzen Winkel getroffen habe und hoch in der Atmosphäre explodiert sei, »dürfte es für einen einzelnen Augenzeugen sehr schwierig sein, den genauen Detonationspunkt festzulegen«. Als Reaktion darauf bemerkte Graham Alcock, ein Journalist des Wells Herald, dass es sich nicht um einen einzelnen Augenzeugen handle, sondern um »zwei Polizisten, drei Busse voller Touristen und eine Pilgerschar Nonnen«. Woraufhin zwei Tage später ein Brief von Professor Miriam Hanson, einer Psychologin aus Bristol, veröffentlicht wurde, die erklärte, dass »die Frage der Glaubwürdigkeit in diesem Fall nicht an der Anzahl der Personen gemessen werden darf, die das Phänomen beobachtet haben, und schon gar nicht am Charakter derselben. Tatsache ist, dass die scheinbare Explosion des Meteors über der Kathedrale von Wells aller Wahrscheinlichkeit nach eine optische Täuschung war, hervorgerufen durch die Höhe und die Ausdehnung des Gebäudes in Relation zu den Beobachtern. Bei einem derartigen Szenario muss ein Augenzeugenbericht mit außerordentlicher Vorsicht genossen werden.« Ihr Brief, der unter der Überschrift »28 Nonnen können sich irren« erschien, fachte die Debatte erst richtig an, die auf diese und ähnliche Weise noch wochenlang weiterging und hochrangige Persönlichkeiten wie den Erzbischof von Canterbury in halbseidene Talkshows trieb.
ENDE DER LESEPROBE
