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Ankünfte, in denen kein Ankommen ist, vielleicht aber ein Abschied? Abschiede, in denen kein Aufbrechen emporsteigt, aber wovon der Abschied? Und Alltägliches, das doch zur Bedeutung wird. Und, wo wir hinwollen und das in der Kindheit von uns schon erspielt. All das scheint durch die Texte, die sich hier versammelt finden, dabei in Prosa, aber auch Formen, die zwischen Prosa und Essay umherwandeln. Sollte diese Form Erzählessay genannt werden? - Gero Bühler, geboren und aufgewachsen in Leipzig, arbeitet und lebt in Ingolstadt. Bisher erschienen „Abstieg“ 1998 und „Skepsis im Sand“ 2009 sowie die Lyrikbände „WennWen“ 2000, „Probedüne“ 2006, „Warten in Alleen“ 2011 und „Mehr Schaun“ 2017.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Gero Bühler
DAS VAKUUM DER HINTERTÜREN
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2022
Ankünfte, in denen kein Ankommen ist, vielleicht aber ein Abschied? Abschiede, in denen kein Aufbrechen emporsteigt, aber wovon der Abschied? Und Alltägliches, das doch zur Bedeutung wird. Und, wo wir hinwollen und das in der Kindheit von uns schon erspielt. All das scheint durch die Texte, die sich hier versammelt finden, dabei in Prosa, aber auch Formen, die zwischen Prosa und Essay umherwandeln. Sollte diese Form Erzählessay genannt werden?
Gero Bühler, geboren und aufgewachsen in Leipzig, arbeitet und lebt in Ingolstadt.
Bisher erschienen „Abstieg“ 1998 und „Skepsis im Sand“ 2009 sowie die Lyrikbände „WennWen“ 2000, „Probedüne“ 2006, „Warten in Alleen“ 2011 und „Mehr Schaun“ 2017.
Bibliografische Information durch die
Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Copyright (2022) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Umschlaggestaltung: Gero Bühler
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Ins Offene
Sieben
Zu Gericht
Fern der Jagd
Der Kunstfehler
Das Verlaufen
Wende
Begegnung
Bergrennen
Kindstod
Unauffindbar
Jour Fixe
Raumwanderung
Am Scheideweg
XYZ
Werfen und Fallen
Vom Tagebuch der Gerüche
(…)
Beerenlese
Anästhesiesprechstunde
Adventsnacht
Fenster, am Fluß
Frau Rock
Häuserschlacht
Der gewohnte Lauf in seinem gewohnten Gang
Kohlenwinter
Hinauf, durch ein unaufhörliches Grün, das die rotbraunen Schrunden der Bergeshänge vertuscht, ein unaufhörliches Grün im Norden mit vermoosten Bäumen, laublosen Gesellen, die ihren unwiederbringlichen Verlust an Laub mithilfe der Moose und Flechten, die in ihren Ästen und Stämmen bohrend suchen, eine Trauerarbeit leisten, hinauf durch hohe Gräser und Stauden von Lebensbäumen und Erikabäumen und allerlei Ginster, vorbei an von Kuhtritten aufgerissenen Rasenstücken, hinauf durch dieses Grün zunächst in emporschießendem Hochmut, dann auf ein grünes Pult, das die Orientierung verunmöglicht, denn aus allen Schneisen in den grünen Buschwerken greift das Meer aus der Tiefe hinauf und läßt die Grenze zum Himmel unbedacht. Doch dann verkommt es auf eine Platte, der alles Grün abgetrieben ist, eine jahreszeitlich unabhängige und imanente Verwurzelung von schwarzen Lavabröckchen, teernen Malmprodukten, rotbraunen Abschürfungen und deren Restkiesen gleicher Farbe, eine tischene Ebene, mit nichts gedeckt; gerissener und stachelbewehrter Ginster klammert sich höchstens daran mit gelben Blüten als Illusionswürze; und in diese Ebene war es eingebrochen, felsene Stanzungen, als wäre nach der Ankunft der Platte in die Welt der Landstand kurzfristig gesunken, und die erdenfelsige Haut hätte die Spannung und das nur wenige Dezimeter messende Nichts nicht ertragen. Diese Platte und alles Nichts auf ihr, das ist die Krone der Schöpfung des Gebirgsstocks, an dieser Seite seiner aufgeschossenen Gewalt aus den Meeren, an deren Rand gekittet es wieder hinabsinkt in gebogenen Linien, eingehaucht in die Felsabstürze und ihr haltendes Grün an den Wänden. Näher schleichen sich Schwaden heran, bis sie, tiefer gesunken, alles überrennen, eine Hast, die endgültig macht, daß es mit der Höhe aus und vorbei ist, auf der Gegenseite des Gebirgstocks nicht tischenen Massen Wachstum wird, sondern Bergspitzenarroganz zu einsamen Statuen und Auflehnungen abgeschliffen wurden. Aber an ihren Hüften trägt das Grün weiter ihre Pfunde.
Durch diese Anfallswirtschaft habe ich mich angegraben, bin durch die Wälder mit altem Loorbeer und neureichem Eukalyptus gezogen, daß es mich durch die entwirtschafteten Gärten und Terrassen gesaugt hat, entwirtschaftet, da die Hütten zu eng und die Rücken von Eseln und Bauern ausgestorben am Hunger ihres Bodens zugunsten der Pick ups sind. Hier bin ich die Bergkerbungen entlang, habe den Linienverkehr des nährenden Wassers verfolgt und mich als Begleitung angeworfen.
Hier ist das Wasser zum Zaun geworden, hat sich angewurzelt, um die Gräben zu halten, die in den Berg gekerbt sind, um die Ränder der Gräben aufzubewahren, exakte, kantige Geschwülste aus Beton, liebliche Stoßungen aus geschichteten Steinen und gepreßter Erde, durchgehalten von Wurzeln, die tiefer, in den unübersichtlich steilen Hängen die Bäume halten.
Das ist mein Weg, den ich mit meinen Füßen nachzeichne, die reifliche Überlegung dazu ist ein Schwungrad, das mich entlangtreibt und mich singen läßt entlang der Wasserfließorte, ewigen Trögen, im Norden eine grüne Urwaldlunge mit Flechten und Moosen als Flimmerepithel, ein Wald, der die Bäume lauter Tunneln nicht sieht, und im Süden eine von der Sonne abgetragene Gartenfreundlichkeit, deren Blüten die Felsen hinabwelken werden, dort, wo die Sonne sie nicht ausgetopft hat, die krautigen Ginster, ein schachtelhalmenes Netzwerk, das sich dagegen wehrt, daß sich der Wind mit der Sonne verbindet und ihm den Boden entzieht. Gelang es doch, bleiben die Mauern am Fels für die Wassertröge und schauen unschuldig unter dem Schwindeldrang der Geher hinweg; hier keine Gesellschaft, nur wenn sie es wünschen, so spärlich laufen die Mauern, daß sie keine Solidarität in ihren Schwindelkeiten beim Blick hinab in die Kessel und Talschründe beweisen können, Talschründe, die erst dort gemildert werden, wenn Terrassen und Häuser ihren Halt gesucht haben, auch wenn der Sturm an ihnen vorbeirennt und den Teppisch hebt, das zwingt zur Sauberkeit. Aber Talschründe, die auch durch Tauschgeschäft gemildert werden, die Tauschgeschäfte mit dem Licht, die mich in die Tunnel bringen.
Dort, an den felsigen Löchern für den Beginn, setze ich kurz den Rucksack ab, wechsele die Sonnenbrille hinweg, entscheide mich für das Licht als Stirnband und laufe hinein. Meist, und das wiederholt sich, tappe ich dunkelheitsentwöhnt durch klebrige Erde, die von Pfützen am Boden gehalten wird, erschrecke mich durch das Schmatzen der Schuhe, klettere auf eine Mauer, die den Wassergraben vom Weg trennt, um trockenen Fußes weiterzustreben, stoße mir den Kopf, aber unter dem Hut, so daß ich später nur wenige Schrammen am Spiegel zu zählen brauche, sinke weiter hinein, in den Tunnel. Nein, ich sinke nicht, denn waagerecht spüren die Tunnel dem Licht entgegen, einem fernen Punkt, der, egal wie weit die Strecke, immer bei geradem Blick sich abzeichnet.
Langsam trocknet der Boden an, kommt ein Gleichmaß auf. Das macht meine Aufmerksamkeit frei. Ich schalte das Licht der Stirnlampe auf die niedrigste Stufe, daß ich nur noch eine Armlänge vor mir erkenne, je nach dem, wo ich meine Stirn hinwende. Der kleine Fleck Licht bleibt ganz hinten, und ich beginne zu fürchten, mich umzudrehen nach dem Lichtfleck, von dem ich herkomme. Warum nur, wer würde mir entrissen, vielleicht unwiederbringlich, wer würde verbannt bleiben auf Ewig im Dunkel, drehte ich mich nach dem Licht meiner soeben aufgegebenen Herkunft um, also dem Beginn des Tunnels. Ich weiß es nicht zu sagen, trotzdem kriecht die Angst in mich, spüre ich ein Klemmen in der linken Brust, wächst sich der Brustkorb im Atmen nicht mehr aus, daß die Enge zunimmt, in mir, nicht im Tunnel. Nein, die Enge des Tunnels nimmt nicht zu, nein, ich erschrecke eher, sehe ich im dünnen Kegel der Lampe die Wände zu meiner Linken nicht, weil die Erbauer eine Nische in den Gang getrieben haben. Ja, ich erschrecke, wenn der Gang breiter wird, zum Wasser, zur dem Wasser zugehörigen Seite blicke ich sowieso nicht, das Wasser vergesse ich, obwohl das Wasser die Geburt des Tunnels war, sein leitender Graben das Lot seiner Richtung ist. Mich verunsichert in diesem Tunnel nicht das Aufrücken der Felswand zu mir hin, sondern sein Abrücken. Dann wird es noch enger in mir. Das versiegt jedoch recht bald, da ich der Wände nicht mehr achte, erst recht nicht mehr zu meinen Füßen blicke, sondern mich auf ihr laufendes Geräusch verlasse, das mir vom Boden unter den Füßen erzählt, ob trocken, feucht, geröllig, festgestampft. Ich darf mich nicht wenden, ich könnte mir verloren gehen, der ich hinter mir herlaufe, wer könnte mir sonst verloren gehen, wen befreie ich sonst aus dem Reich des Dunkel, als mich selbst, da ich nur selbst danach strebe, mir vorauszugehen, mir noch niemand, nein, schon niemand genommen wurde. Ich höre meine Schritte, weiß, daß ich mich nicht umdrehen darf, nicht zum rückwärtigen Licht, nur zum vorgegenwärtigen Licht, das, je näher ich ihm entgegenkomme, vom Rund zur geometrischen Figur wird. Ich darf nicht wenden, nur streben, ich darf mich nicht wenden, denke ich. Während ich meine Füße höre, drehe ich mich zur Seite, da ich den Fels, seine Wand nicht spüre, meine Finger nicht ihre grausilbrige Kälte ahnen, ohne sie zu ertasten. Ich starre in ein Schwarz, was ist schwarz, was ist im Schwarz, ein Stück Holz, ein liegengelassenes Werkzeug, das aus seinem Gesicht mich anblickt, wartende Gegenstände, mich erwartende Gesichter grinsen aus dem Schwarz, fahre ich zurück, doch ich darf nur vorwärtsschreiten, mich nicht wenden, nicht zur Seite treten, dort gähnt unter Schwärze das Wasser, der Wasserspiegel ist nicht auszumachen, nur zu wissen, nein, zu glauben, denn alle Geräusche vom Wasser sind längst verstummt, nur die Geräusche meiner Schritte bilden den Laut des Tunnels, alles andere nur Erscheinung, bildliche, aber im Schwarzen, ich treffe hier alles im Schwarzen, die Lampe schält es heraus, armbreit vor mir, aber da das Schwarz, aus dem mich etwas angrinst, vor dem ich nicht zur Seite weichen darf, nur nach vorn, da strebt wieder die Wand auf mich zu, schützt mich vor der Schwärze, den Gähnungen, nichts anderes sind die Verbreiterungen des Gangs, des Tunnels, die Verbreiterungen streichen als Abgründe entlang, die wieder neben mir dicht verlaufende Wand dagegen ein paradoxer Abgrund, in die Höhe, denke ich, denn draußen stürzt es in die Tiefe, strecke ich die Hand, hier bremst die Höhe der Wand, die ich nicht mehr weiß, seit dem ich gehe und nur meine Schritte höre, statt des Wassers. Aber weicht die Wand zurück, so grinst die Schwärze, das habe ich eben bemerkt und laufe erleichtert die Wand entlang, genieße deren Oberfläche, ruhe mich an ihrer Grausilbrigkeit aus, meine Finger liebkosen sie, paradoxe Tiefe, paradoxer Abgrund, ich singe in mir etwas, die Stille außer den Tritten läßt es nicht lautwerden, aber ich genieße die Akustik in meinem Kopfgebäude, da ist die Melodie noch näher, als im Raum. Die Schwärze, das Grinsen, was ist da schlimmer, zum rückwärtigen Licht zurückzublicken und sich zu verlieren, dem rettenden, auflebenden Gang das Ende zu bereiten, oder zur Seite in das Grinsen zu starren, das Grinsen, das nicht ist, denn Schwärze ist, aber doch ist; es ist nur die Melodie, die im Kopf singt, sage ich mir, ohne es über die Lippen zu bringen. Im Tunnel verstumme ich. Was ist schlimmer, oder kommen aus der Schwärze, da zur Seite, dem Abgrund zur Seite die Hunde, Kastor und Polux, plötzlich die Hunde, die beiden, die mich nicht an diesem Tunnel, dieser Halbstundenewigkeit laufender Meditation, sage ich jetzt, sondern am vorherigen mit ihrem Knurren und Fletschen auf Abstand gehalten haben, das ich nicht sofort eintrete in die Dunkelheit, jedenfalls so lange, wie sie in der Nähe durch die Dunkelheit pirschen, die ich vor dem jetztigen Tunnel etwas oberhalb angekettet gesehen habe, vergnüglich, nicht knurrend. Oder die Hunde kommen, aber sie kommen nicht, nein, keine Schwärze, keine Hunde, nur ein Schall der Schritte, meiner, auf dem trockenen Boden, der nur wenige Zentimeter benötigt, um ins Wasser abzubrechen, dem Wasser, dem Sinn des Tunnels, ich bin nicht der Sinn, dagegen das Wasser, also das Wasser der Grund der Heimelichkeit, die mich hier empfängt, hinter mir Schwärze, wo die Hunde, hinter mir Licht, nicht mein Licht, wer verliert, wohin verliere ich mich, der Abgrund scheint hier doch nur, erst draußen ruft er mich auf, hier nur paradoxer Abgrund, umarmende Wand, die nun den Geräuschen entgegenstrebt, genauso wie ich, Kennzeichen des Tages, der um mich herrscht, das Licht zur geometrischen, also nahen Figur macht, die Figur, durch die ich trete, nachdem der Boden wieder feucht wird, die Schuhe durch den Batz schmatzen, ich lächele dabei der Melodie hinterher. Ich lächele so lange hinterher, bis ich wieder ans Licht, aus dem Tunnel heraustrete und in ein Urwaldgrün hineinblicke, steiles Gewuchere, das alles schluckt und hält, so daß ich nicht hören kann, was der Abgrund spricht.
Nur wenige Kehren gehe ich neben dem Graben und seinem lächelnden Naß, über bemooste Steine, die auf dem Urwald zum Abgrund ausruhen, und schon saugt mich ein neuerliches Loch, ein neues Empfängnis in sich hinein, gewöhne ich mich an die Schwärze, eine, die immer enger wird. Ich presse mich gegen die Wand, drehe mich mit dem Gesicht zu ihr ein, nicht einmal meiner Kreuzes Breite läßt der Tunnel Raum, nicht mal beiden Füßen nebeneinander, keusche ich. Ich schiebe mich langsam vorwärts, mal gerade, mal zur Seite geneigt, die Arme an die Wand gebreitet, als müsse ich mich ergeben gegenüber dieser schwarzen Leere, so eng preßt der Fels den Tunnel. Neben mir rauscht das Wasser wie ein Zug an einer Bahnsteigkante, ein vertrautes Rauschen, nicht ängstigend, jedoch drängt es, daß ich die Wand zu erblicken suche für den Weg, den Saum zwischen Wand und Kante am Wassergleis, eine Ambivalenz zwischen sperrendem Fels und ziehendem Wasser, aber nicht von den Trieben geführt wie an einer Bahnsteigkante, wenn der vertraute Blick auf die Lokomotive und das Gehör auf das kommende Rauschen und Klappern der Wagen zu einem Sog über die Kante werden, wenn mit einem Male der Magen in ganzer Flauigkeit die Hand hebt und die Beine zu Gallerte verschwimmen, weil die Füße streben, meinen Leib in das Geleise zu treten, sehnsuchtsvolle Füße, die etwas behalten haben, was ich mit einem Male nicht wissen will, so erschrecke ich mit allem an und in mir, außer meine Füße, die noch laufhaft sind, sonst wüchse ich längst, wo die Füße es nicht hinvergessen haben, das verwaschene Rot der Lokomotive durch mich aufzufrischen. Neben mir rauscht zart das Wasser wie ein entfernter Zug über die Kilometer, die die Nacht zwischen uns legt, eine Sanftmut, die mir jetzt geraubt ist, jetzt, da Tunnel und Fels und Graben in ihrer gesamtheitlichen Enge aus mir eine Leere entbinden, die ich kaum auszufüllen vermag, eine Leere, die mein Scheitern prüft und programmiert in einem, in welcher Reihenfolge, will nicht einmal die Intuition wissen, noch glauben, meine Intuition.
Der längste Tunnel war doch der leichteste Tunnel gewesen, denke ich nun, am einfachsten zu begehen, minutenlang wie ein Automat, eine Maschine einen Schritt vor den anderen setzen, einen Schritt nach dem anderen produzieren, so lang das Geräusch, der Hall der Schritte der gleiche blieb, und das minutenlang, ja, es war der einfachste Tunnel, sage ich mir. Dort habe ich einen Schritt nach dem anderen produziert, einen Gedanken nach dem anderen, jedoch einen Gedanken und ein Gefühl und dann einen Gedanken, ein Gefühl, ein Schauer, eine Aufmunterung nach der anderen.
Doch laufe ich durch eine Leere, so eng umschließen mich Fels und Wasser, der Fels als Paradoxon des Abgrunds, also doch Abgrund, der Abgrund strebt hier nach oben, daß ich mich an ihn anschmiegen muß, ich schmiege mich an den Abgrund, den paradox aufsteigenden, das macht hier die Leere aus, meine Leere, der ich mir vereinigt erscheine mit dem Tunnel. Mein Schicksal wandert im Tunnel, ich bahne dem Schicksal im Tunnel, in der Leere meiner Leere, die ich zu füllen weiß, denke ich, nein, nicht zu füllen weiß, zu füllen gewußt habe, vorhin im Tunnel, in dem ewig langen Tunnel, das ewig Leere scheint mir vertraut, dort habe ich sie füllen gekonnt, nicht nur mit Angst und dem Grinsen aus den Felsnischen, sondern mich haben dort Gedanken getrieben, Aufmunterungen, der ich mich dort nicht gewagt habe umzublicken, Melodien, Wohltuungen, die Phantasien nach Umarmungen, so habe ich mich vom Tunnel umarmen lassen gekonnt, von heimlichen Küssen aus der Taghelligkeit von Wissensnächten, so haben sie samt meines Glaubens an sie schon längst vor dem Tunnel gelegen, ein Noch-Nicht, meine ewige Möglichkeit, jedoch nicht Tunnelsmöglichkeit. Mit all dem habe ich vermocht, die Leere auszufüllen, die Tunnelleere, die letztendlich nichts als meine eigene Leere scheint, mein ist. Doch hier, in dem neuerlichen Tunnel, längst nicht so langen Tunnel, gelingt es nicht, diese Leere zu füllen, die einheitliche Leere, einheitlich aus Fels und meiner selbst, ich der Petrus meiner eigenen Leere, Fels und Verräter meiner eigenen Leere zu gleich. Nein, hier, in diesem Ungemach, das sich mit meiner Müdigkeit vereinigt, der, mit der ich der Enge auszuweichen versuche, mich einzudrehen, mich armerhoben dem Fels zu ergeben, diese Abgestandenheit eines Tunnelabends, dem ich nun aufgehen zu erleben vermeine. Doch was bleibt zu erleben im Schwarz gegen Schwarz außer im Kegel der Stirnlampe, deren Reichweite von meinen Armen jederzeit mit einer Vereinigung meiner Hände mit der Schwärze überboten werden kann, dort hin versinken sie mit einer, meiner Arbeit, meiner Abstrampelung gegen die Stechzeiten, die sich mir immer weiter aufbäumen, nicht nur tunnelwärts, aber sie ragen aus dem Rucksack, lassen sich, in die Leere genommen, nicht abschütteln.
Das spüre ich mit den Füßen auf dem Tunnelboden, mit den versichernden Händen, bevor ich in das Naß stürze, eine ständige Befürchtung, während ich mich versuche weiterzubringen im Tunnel, ohne zu wissen, ob ich zwischenzeitlich durch Helligkeit, durch Urwald, vorbei an mich anstrahlenden Blumen, zugeneigten Blüten gegangen bin. Mich verunsichert, daß ich nicht weiß, ob die ganze Zeit, die ganze Laufens- und Leerezeit nur Dunkelheit geherrscht hat, ob ich nicht doch zwischenzeitlich aus dem Dunkel, der Tunnelsleere, meiner Leere, durch das Licht, eine Zueignung der Sonne und der streichelnden Nebel gelaufen bin. Ich weiß es nicht, muß ich mir sagen, was sich unter meinen Füßen, um mich in den letzten Minuten zugetragen hat. Wo ist die Landschaft, ihre mich bergende Euphorie, deren Ruhe mich geleitet, mich gelinde mit den Füßen stößt, daß ich ihren Hauch, ihre Düfte spüre, ob auf der Südseite und ihren gelb strahlenden Ginstern, oder auf der kühlen Nordseite, die mir mit dunkel schillerndem Grün einen Mantel über meine Kälte zieht; ich weiß es nicht.
Ich stochere mich weiter durch den Tunnel, der zu pulsieren beginnt, ein Glucksen des Wassers, Rinnsale, die in den Graben plätschern, mich jedoch auslassen, trocken lassen, stelle ich erstaunt fest. Ich laufe durch den Tunnel, der zu pulsieren beginnt, sich verengt, sich weitet, eine Peristaltik, die mich trotz Müdigkeit weiterbringt, mich verdaut und schiebt. Die Zotten der Steine saugen meine Leere auf, hoffe ich, geben meine Leere zurück, bemerke ich. Der Tunnel pulsiert. Er pulsiert, weil er meine Leere, die seine Gesteinsepithelien aufzunehmen versuchen, sogleich an mich zurückgeben müssen. Keine Dauung, ich bleibe unverdaut, meine Leere ist unverdaubar, spüre ich zurückgeblieben ohne Müdigkeit, ohne Melodien, blind jeder Natur. Ich habe den Tunnel in eine Abhängigkeit, eine totale Abhängigkeit von meiner Leere gebracht, der Tunnel ist gefangen im Aufnehmen und sofortigen Abgeben meiner Leere, eine Kreislaufwirtschaft geboren aus meiner Leerensewigkeit, auf die der Tunnel und seine Wasser, seine Wände, seinen paradoxen Abgründen versucht, darauf mit Glucksen, Feuchtigkeiten, Austrocknungen und nun wieder Feuchtigkeiten, fließenden Wässern zu reagieren. Ich habe den Tunnel mit meiner Leere umfangen und laufe durch ihn hindurch. Das ist meine Gleichzeitigkeit, meine leere Polarität. Und ich fürchte, daß der Tunnel daran ermattet, sich auflösen könnte, eingeht in meine Leere, statt daß er mich birgt, erschreckt, treibt, beamtet.
Die Geräusche verstummen immer mehr, der Gang fordert mich immer öfter auf, mich mit dem Gesicht zu seiner Wand beim Vorwärtslaufen, Vorwärtsstocken zu drehen, so eng muß der Stieg bis zum Wassergraben werden, dessen Trübe so undurchdringlich scheint, als liege er in unendlicher Tiefe.
Nun kommt wieder ein Geräusch heran, ein Grummeln, daß sich in Donnern, dann in brausendes Stürzen wandelt; das Licht wird als Fleck größer, zeichnet sich schließlich als Ausgangsquerschnitt des Tunnels ab, und ich sehe im Graben neben mir nur noch Trockenheit, höre vor mir, draußen, dort bei Licht besehen, stürzende Wassermassen, trete auf eine sich aus dem Tunnel erhebende Treppe zu, seine Stufen, wenige, hinan, doch bevor ich die letzte Stufe betreten habe, hält mich eine instinktive Instanz zurück. Hinter dieser letzten schmalen Stufe reißt es in den Abgrund, linkerhand schießt ein Wasserfall herab, die Abschlußborte eines wässernen Vorhanges vor einem felsigen Kessel.
Kaum drehbar, beginne ich meinen Rückweg vom Ende, eines einer Wassermasse, die das Nichts und die Leere aus dem Tunnel in die Tiefen besiegeln soll.
Was ist die Erinnerung, ein Eisschrank, ein Ofen, ein Inkubator von Zeitgewaltigkeiten, der in der Nacht bedient wird. In der Nacht putze ich die Gegenstände der Geschichten und lege sie in den Inkubator, ziehe die Uhr an ihm auf, bevor ich in den Gang trete und überlege, ob ich jetzt schon beginne zu waschen oder später, zu waschen, was am Morbus der Fremde erkrankt ist, während der Inkubator die Geschichten durchglüht, je nach dem, was ich hineingelegt habe, durchborstene Asche von Programmen, die verschmolzenen Teile von Diarahmen, darauf ein Stadttor, darauf das Münster, fotografiert aus den Schießscharten, so spät im Mauerwerk nisten die Fenster, das Münster bei Tag und bei Nacht, eine Halle, überbelichtete Kirchenhalle, ja, das Münster der Schein von Paris. Es lebe die Revolution, schreit er, fuchtelt er, alle drehen sich lachend zu dem hohen Fenster, eine Bühne und die Schießscharte zum Münster zugleich. Gefangene der Bastille, es lebe die Revolution, schreit er in den Jugendherbergssaal hinein, einen Saal, so groß wie unsere Schlafsäle zu Hause, im Internat. Doch hier fühle ich mich verloren auf und zwischen den flachen, metallenen Betten. Jedes zweite ist unbelegt, da wir nur zu zwölft, also als gesamte Stube diesen Jugendherbergssaal bewohnen.
Es lebe die Revolution, schreit er kurz vor der Bettruhe und reißt das Fenster auf und ruft es in den Hof, also hinüber Richtung Münster, es lebe die Revolution, schreien wir hinaus und lachen zum still hockenden Münster hinüber, dem Kamel mit seinen traurigen Augen an den eingewinkelten Türmen. Jeden Moment wird jedoch die Bettruhe vor dem Konzert beginnen und wir springen vom Fenster über die klappernden und krachenden Betten zu unserem eigenen, während er oben auf der Fensterbrettbühne, den Brettern, die jetzt die freie Welt bedeuten, noch immer schreit, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit vor der Bettruhe. Dann sitzen wir schlaftrunken im Bus, der ewige Stau bis Augsburg, dort hinter Säulen, hinter Bänken ruht das Podest unter uns, ein Instrument der Höherentwicklung für unsere Sicht auf den Klang, der uns entfleucht.
Ein magisches siebtes Jahr hat sich dahingeschoben, die Uhr auf dem Inkubator steht auf Sieben, als ich ins Dienstzimmer zurückkomme. Ein siebtes Jahr schiebt, glücklicherweise kein dreizehntes, das inexistente Jahr, das auf vierzehn gesprungen ist, eine Jahresauslöschungsnullabrechnung, mehr bleibt von der Dreizehn nicht übrig, aber auf der imaginären Hälfte strandet die Sieben, in Jahresringen gerechnet, die als Spur den Ereignissen zur Täuschung und zur Erinnerung auf deren Schnittflächen anhaften.
Die Spuren, die Keile in die Erinnerung treiben, Keile zwischen deren Intarsien in der Kuppel ihrer Begegnungen, Begegnungen mit den Lichtern, die das Münster zur Erleuchtung bringen, Keile in die Zeit, die sie erlöschen, der Blick auf das lichtlose, bald nachtlose Münster; in das Zwielicht der Abreise, des Endes einer Schlafensfahrt zwischen den Erweckungen, dem Papierkrieg, ob in der Ankunft der Geretteten in Handschellen oder die Komiks, die nicht nach Norden dürfen und als Einlagebücher zwischen den Prospekten schlafen. Dann, wenn die Anstrahlung längst in der Geschichte versunken ist, wenn das Zwielicht in einen aufgangslosen Morgen versunken ist, endet aller Dienst, sind die Koffer gepackt und werden die Nervenbündel entlassen. Nur nach Hause, denken die einen, die schlaftrunken alles entrettet und sich gerettet und den Dienstplan gerettet haben, nur nach Hause, denken die anderen, die nie wagen zu denken, daß es nicht nach Hause gehen könnte, daß nach Hause hier am Ort bleiben kann. Die Feiern werden dafür gegeben, die Messen aber nicht gelesen, erst, wenn die Messen der Heimatstadt den Rücken gekehrt haben.
Dazwischen sind wir aus Augsburg zurückgekehrt und kauern und kauen in einem großen und dunklen Saal an Schnitzel und Kartoffelsalat. Haben die denn nichts anderes für uns übrig, kauen wir, schon und noch schlaftrunken.
Schon wieder Kartoffelsalat und diese kalten Schnitzel, denken wir vierundzwanzig Stunden später, Stunden später nach dem Dia der überbelichteten Kirchenhalle, wo drinnen der Eck zu Stein, zum Grabstein geworden ist. Das sind jene Stunden, die ich noch sehe, die ich bereithalte für den Inkubator, den Aufbereiter der Geschichten, damit sie nicht mehr anstecken, wenn sie darin durchgeglüht sind, damit in ihnen noch einmal alles aufleuchtet, ein metallenes Wetterleuchten für die Keimfreiheit der Geschichte. Nein, meine Geschichten habe ich so dick mit dem Archivstaub bepreßt, habe auf ihnen so oft meinen Staub abgelegt, daß der Staub zu Humus verglüht, auf dem es bereits keimt und blüht, wenn ich die Tür des Inkubators öffne, es keimt und blüht, safrangelb und violettblau, wie Krokusse am Gletscherrand im Frühjahr treibt es hinauf aus meinen Geschichtenschichten. Sieben Stunden, was war hier in den sieben Stunden, welche sieben Stunden. Die sieben Stunden zwischen dem Beginn der Bettruhe und dem Moment, da zum zweiten Male Schnitzel und Kartoffelsalat aufgetragen wird. Haben sie hier nichts andreres für uns übrig, wollten sie für uns heute Abend niemand mehr kochen lassen, sind wir in einer Art Mitropa gelandet, ist ja wie Mitropa, sagt einer, bloß keine Ahnung von Alubesteck haben sie, ein anderer. Aber die sieben Stunden davor. Die letzten sieben Stunden vor der letzten Nacht, der letzten, bevor wir wieder den Eisernen Vorhang durchbrechen müssen.
Wir müssen allen danken, die sich eingesetzt haben, sagt einer, wer, ich weiß nicht, vielleicht eine, die Frau von der Künstleragentur. Und der Kantor: Kinder, im Großen und Ganzen war es in Ordnung; Meister, ich danke Dir, Händedruck, Meister, ein Händedruck, August Piepenbrink, ein Händedruck, Gustav, sagt einer dazwischen, na, mein laufender Meter, stubst er gegen meine Schulter, daß der Staub fällt und die Krokusse sich seiner entledigen für die redende Blüte. Ein Mann begrüßt uns, ein kleiner Herr, große, westdeutsche Brille, westdeutsches Kassengestell, schwarze glatte Haare, großer Kopf, hohe Stirn, eben große Westkassenbrille. Wir kommen auch nicht mit leeren Händen, Qualle, Qualle, Qualle, Kinder… der Kantor schüttelt den Kopf und zischt mit Qualle, die Qualle vom Zentralkommittee: Wir kommen auch nicht mit leeren Händen, und verteilt ihre letzten sieben Miniaturbücher, deren Miniaturbibliographie, eingegrenzt in einen Einband aus rotem Kunstleder, mir nicht eingeht, die ist vergraben unter der Asche von Geschichte.
Für die fünf Dias, aber nicht sieben Stunden, hatte das Rahmenband, das schwarze, nicht mehr gereicht, als hätte die Reise in Bildern schon vorher geendet und sich dann zu anderem Schein aufgeworfen, rote Papierklebebänder in Ewigkeit mit dem knochigen Leim verhaftet, tausendfach hat er schon den Speichel überlebt, der von der Zunge geglitten ist und mit ihm gefürchteter Geschmack in den Mund, der Beigeschmack der Bilder frei von Plaste, aber knochiger, unbeugsamer Herkunft, fünf rot herausscheinende Bilder, Warnbilder, kündet da Rot; vor sieben Stunden, was geschah in den sieben Stunden, muß ich mich fragen, seit dem die Erinnerung in Staub zerfallen ist, dem Staub der Geschichte aus dem Inkubator, durchglühter Staub, rotglühend wie das Papierklebeband um die Rahmen der Durchscheinbilder.
Aber die sieben Stunden, was kann ich mit ihnen anfangen, von welchem Strand muß ich sie ziehen, wo sie vor sich hinstinken wie gestrandete Wale. Wie soll ich sie finden, wenn ich nicht einmal ihren Geruch wahrnehme.
Singen gegen den Frost. Das ist geruchslos.
Ich soll vor meine Richterin treten, ich bin vorgeladen, halte als Zeuge her, auf der Anklagebank mein Alter ego. Ich soll nach bestem Wissen und Gewissen über mein Alter ego aussagen, alles was ich weiß, doch insbesondere genaue Facetten. Die Richterin sitzt vor mir, genauer über mir, ich habe vorher den gesamten Saal durchmessen, da ich die vordere Tür, die in Wirklichkeit schon eine hintere ist, nicht gefunden habe. Ich komme durch die Hintertür zur Richterin, muß aus der Ferne auf sie zukommen. Mir bleibt nur, über die Hintertür zu ihr zu gelangen, so sitzt sie vorderrücks, und ich komme auf sie zu, nein falsch, ich werde auf sie zugekommen, denn ich muß kommen, statt daß ich komme.
Weiß ich denn, wer der andere ist, was ihn meint? Ich weiß doch höchstens, daß wir zwei sind, der andere und ich, zwei ist eine gerade Zahl, also gerade, also recht, aber auch verurteilt, geurteilt. Wie soll ich diesen Anderen finden, wenn er der Widerspruch ist, ein Gegenwort in mir selbst, eine Unterscheidung meiner selbst. Kann ich dann unterscheiden, kann ich trennen, halbieren? Alles was halbierbar wird, ist gerade, ist recht, alles was halbiert, irgendwann ein lieblich Ding, deren rechte Sache ich nicht mehr unterscheiden kann. Und da soll ich über mein Alter ego aussagen?
Ich wußte doch gar nicht im Vorhinein, gegen wen, zu wem ich aussagen sollte, doch bin ich von vornherein überzeugt gewesen, daß ich über mein Alter ego aussagen werde; und ich wußte dabei nicht, gegenüber wem ich aussagen werde, aber ich sage gegenüber der Richterin aus, sie ist zur Mehrheit des Gerichts geworden, sie ist mein Kollektiv: das geblümte Kleid, die Zahl der Blumen läßt sich nicht nennen, ob gerade oder ungerade, die Schritte bis zum Zeugenstuhl, die ich nicht gezählt habe, alles Bestandteile eines Urteils, dessen Addieren ich vorahnen könnte, hätte ich all diese Anzahlen.
Sie sitzt über mir und befragt. Wenn andere, nicht mich, wenn im Diktat, so hasten ihre Worte. An Fragen und Worten und der gespannten Haut kann ich ihren Puls zählen. Ihre Augen sakkadieren und beim Diktat starren sie in die Imagination der Raumhöhe. Ihre Stimme eilt, und das Diktaphon stiebt hin und her, spottet mit einer kreischendquiekenden Stimme, der sie angespannt lauscht. Doch nun, da sie mich anhört, tront sie gefaßt, nein, nicht gefaßt, sondern wie mit größter Selbstverständlichkeit. Sitzen wir vor unserem Richter oder unserer Richterin, sind wir da einmal hingelangt, so sitzt uns die größte Selbstverständlichkeit gegenüber und fragt, so daß uns alles entfährt und letztendlich mit größter Selbstverständlichkeit. So rückt alles aneinander, als würde mir meine Haut entkleidet, müßte ich danach über meinen blutigen Körper eine Decke legen, die jedoch über dem Glanz der ummantelnden Flüssigkeiten nicht klebt, da es sich ja um meinen Leib handelt, der umkleidet, entfroren werden muß, damit er zur Nüchternheit zurückkehrt.
Ich höre eine Stimme von der Seite, ihre, der Richterin Stimme, ein geblümtes Kleid erinnere ich mich noch den Augenwinkeln, ein Trommeln auf dem Pflaster von ihren schnellen, kurzen Schritten aus duckenden Zehen und hoch tronenden Fersen hallt mir nach, denn so schnell bin ich verflogen nach dem angenehmen, vorsichtigen, doch zukommenden Hauch der Stimme in der Pause des Trommelwirbelchens, da ich noch nicht vor die Richterin treten will, auch wenn sie mir wieder in Vorstellung kommt. Nein, das ist nicht ersonnen im Eindruck der ersten Aussage; nein, es ist nicht der Hauch einsamer Einflüsterung, sondern eine Realität, vor der ich die Augen verenge.
Ich antworte der Richterin, ich rede in Floskeln und Vermutungen, ohne daß die Richterin mich dabei unterbricht. Dann stellt sie Fragen zu meinem Vortrag, eben Fragen zu jenem, der auf der Anklagebank sitzt, und was ich dazu zu sagen habe. Ich hebe wieder an, mutmaße, frage zurück an den Angeklagten, helfen Sie doch meiner Erinnerung, so war es doch; ja, so war es, genau, gibt der Angeklagte zurück, an mich, nicht an die Richterin, die von oben unsere Wortwechsel in meinem Antwortsmonolog überschaut. Mit gerecktem Kinn überblickt sie uns, eine Aufmerksamkeit, die sich an ihrer Halsmuskulatur abzeichnet, zarten und gebildeten Strängen, die ihrer Drosselgrube eine Quelle bieten, daß ich nicht nur zu dem Angeklagten, seiner Verschüchterung, sondern auch zu Hals und Kinn der Richterin meine Augen immer wieder wechseln lasse, ein Alibi, daß ich der Richterin kaum in die Augen zu schauen wage, höchstens wenn sie bei ihren Fragen die Stimme hebt, Satzzeichen, Festigkeit vorgibt, Leitplanken, daß meine schwankenden Antworten über den Angeklagten nicht sich versehren, da sie doch Klarheit, Wahrhaftigkeit erfordern. Doch darf die Unklarheit, das Schwanken nichts als meine Wahrhaftigkeit sein, erst recht bei den geforderten Aussagen über die benannte Person, eben den Angeklagten.
Beim Betreten des Gerichts habe ich die beiden Figuren zu beiden Seiten der Pforte genau betrachtet. Zur Linken eine Frau, die in die Ferne blickt, deren Blick jedoch nie dort hingelangt, denn ihre Augen sind mit einem zusammengerollten Tuch verbunden, während sie außerhalb ihres Blickwinkels eine Waage hält, so hat sie den Kopf, wie gesagt, in die Ferne gedreht. Zur Rechten spannt eine Frau ihren Leib leicht nach vorn und unten, nein, keine Hocke, eine Bereitschaft dazu, jederzeit, eine leichte Neigung; dabei hält sie einen Rettungsring in ihrer Rechten, leicht angewinkelt der Arm, schon fast im Schwunge in die wäßrige Weite, während sie in der Linken das Rückholetau des Ringes umfaßt. Das habe ich gesehen, da ich die Ladung vor der Gerichtspforte nochmals aus dem Umschlag gezogen habe, um mich der Saalnummer zu vergewissern. Jedoch steht dort keine Nummer, denn ich bin vor ein Gericht gewiesen.
Ich weiß nicht, wer von uns der Schatten seiner selbst ist, mein Alter ego oder ich. Ich weiß nicht, ob ich von meinem Alter ego auf den Boden geworfen werde als Schattengestalt oder ob er, es, nein, das Alter ego wird ‚er’ sein, also ob er einer Sonnenuhr gleich um mich schleicht und züngelt, eine Schlange, die von mir ausgeht, gezeichnet von einer Schärfe, einer Klarheit, die jedoch nicht von mir, sondern der Sonne abhängt. Den Kontrast, die Größe, das bestimmt die Sonne, die Gestalt aber bestimme ich. Bei diesem Oder bestimme ich die Gestalt, gebe die Entscheidung, und andersherum nehme ich mich als Schattenwelt aus. Für beides brauche ich keine Lichtgestalt zu werden, wandele ich mich dahin nie. Doch, wie gesagt, das weiß ich nicht, ist mir unzugänglich, unzulänglich, in allem gerate ich dafür zu kurz, auch für den Sprung. Doch hier, vor Gericht, in deren Saal, wie klein auch die Kammer, ob Straf- oder Schlafkammer einer Ewigkeit entgegen, hier spielt das keine Rolle, bestehen doch Regeln. Mein Wissen oder Unwissen darüber, über die Lichtführung, also der Richtung des Schattens, vergeht vor den Regeln in Unspielbarkeit einer Rolle, die Spielrolle, die Spielwalze ist abgelaufen, meine Melodie steht still. Es spielt im Angesicht der Regeln keine Rolle. Die Regeln geben die Realität. Der Angeklagte sitzt dem Fenster, dem Licht, so je nach Tageszeit der Sonne gegenüber, damit der Staatsanwalt, der Klageführende nie geblendet werde. Also steht fest, wer zum Schatten wird, mein Alter ego oder ich, bevor ich überhaupt in den Zeugenstand trete. Schon die Vorladung der Richterin hat über die Verhältnisse entschieden: ich sage über meinen Schatten aus, mein Alter ego; die Richterin befragt mich über meine Schattenwelt. Sie wägt und befragt über meine Geworfenheit. Die Sonne, ihr Licht entwirft den Kontrast, und so liegt meine Gestalt im Reich der Schatten.
Natürlich kann ich nicht ermessen, wie meine Aussage, die Zeugenaussage gegen mein Alter ego bewertet würde, wie sie eingehen würde in eine Urteilsbegründung, nur das erführe ich möglicherweise, jedoch ob von diesem Gericht, der Richterin, woher kann ich das wissen, wird das wißbar. Erfahre ich eine Urteilsbegründung, wenigstens das, ich weiß es nicht, denn wenn nicht die Urteilsbegründung, so erfahre ich die Urteilsfindung nie. Wir erfahren nur Begründungen, Abschließungen, Wappen, Insignien auf deren Deckeln, jedoch nie die Findung, vielleicht was auf den Grund gestellt wurde, aber nicht, wie dieser gefunden wird, das Finden bleibt dagegen etwas Dunkles, Ungesagtes. Wie wird sie über mein Alter ego, letztendlich über mich gefunden haben? Durch Zufall, durch Suche, auf welche Wurzel wird sie getreten haben, eine rutschige, beim Abstieg gefürchtete, eine haltende zwischen Zehen und Ferse beim Aufstieg, eine Wurzel, die sich einem Öhr gleich vom Boden erhebt, über welche Brücken wird sie gegangen sein, hat sie dabei herabgeblickt, in welches Wasser, welche Trübe, welche Strömung, was wird sie von oben, vom Steg, vom Pons erlauscht haben, läuft auch bei ihr alles durch eine Brücke, fürchtet auch sie deren Schaden, wenn sie nicht mehr vermag, am Salzstein der Weisheit zu lecken und mit einem Male sie die Weisheit überströmt, oder ist sie der Salzstein, von dem ich ermangele und dessen plötzliche Überströmung ich fürchten muß, da ich so jede Fassung verliere. Ich werde nichts erfahren, was soll ich auch von der Richterin erwarten, eine andere Regel, andere Gewohnheit, als andere, da ich schon diese Regeln nicht in Gänze auszuloten vermag. Erst recht wüßte ich gern, was in der Urteilsbegründung stünde als Letztendlich- und Letztschlüssigkeit der Findung, da ich die Richterin nicht ermessen kann. Scheint dort die Güte wie ein Sonnenuntergang unter dem Azur eines Sommerhimmels als Auflösung eines Regentages, nur noch kleinere, einsame Wolken, die in der Güte des verendenden Lichts, der die Sichel des zunehmenden Mondes in dem Westen hinterhereilt, eines Dankbarkeitslichts, erglühen, die jedoch eine andere Reise erzählen, als der über den östlichen Horizont entströmende Regentag. Wird das die Ermeßlichkeit der Richterin durch meine Möglichkeiten, oder entzieht und stürmt es in Einem mir ein, daß sich eine Wahrnehmung die Täuschung nennt, jedoch sie nicht ausmacht, gleich eines anböhenden Gewitterregens, eines Vorhangs vor den Fenstern voll der tagelang aufgesparten Wasserfälle, eines Vorhangs, der bei jeder Böe so in Wallung gerät, daß alles vor meiner Höhle in den wehenden, drehenden Vorhangfalten verschlungen und dann wieder zugetrieben wird, eine windumstößige Auf- und Entzerrung, die jedes Urteil über deren Natur raubt, jedoch in einer fassungslosen Selbstverständlichkeit, daß ich voller Dankbarkeit in diese Windungen hineinstarre ohne jeden Willen zur Begreifbarkeit, wie könnte ich auch einen Regenvorhang begreifen, ich könnte ja nur seine Wärme kosten, in dem ich über den noch vor Stunden glühenden Asphalt und in den Wasserfluten umherrenne, Melodien dabei rufe, eben auf dem ehemals so glühenden Asphalt, daß sich der Gewitterregenvorhang nach dem Stürzen sofort als Aufdampfung entgegeneilt. Ist das nur jenes, was vom Gericht, von der Richterin erkennbar wird? Nein, es bleibt mir versagt wie die Schindung des Augenblicks.
Sie lädt mich erneut vor. Ich soll einen Strauß mit einer geraden Zahl an Blumen mitbringen, sonst gelange ich nicht hinein. Sie wird entscheiden, ob sie eine oder zwei Blumen dem Strauß hinzufügen wird.
Ich glaube, ich habe es ausgedacht, daß wir dort hinfahren, diese merkwürdige Art von Abenteuerspielplatz besuchen, technische und tierische Chimären am Fußufer, trojanische Pferde gegen das Vergessen der Phantasie.
Daß wir hier sind, das habe ich Dir vorgeschlagen sage ich.
Und er, so etwas gibt es doch gar nicht,
…ein so großes Pferd, daß eine Treppe in es hineinführt, ein Elefant, in dessen Kopf man kriechen kann und dessen Rüssel als Optik nach draußen dient…
Das gibt es doch gar nicht.
Bäume und Sträucher hatten diese Gebilde umwachsen, über sie, zwischen sie schauten die Gebilde heraus, damit man sie ausfindig machen und dann mittels der kleinen Kieswege, fast Trampelpfaden gleich, erreichen konnte. Die Gebilde haben ihre Köpfe über die Busch- und Baumkronen gereckt, ihre Rücken heben sich von ihnen ab, ihre Beine verschwinden von den Wegen. Wir streunen weiter, nicht nur ihn, den Buben, greift die Neugier, auch mich, wir begeistern uns gegenseitig, stecken uns an. Der Junge faßt mich bei der Hand, beginnt dorthin mich zu ziehen, wo sein Blick zur Sekunde hingelenkt wird, ein Zickzack, ein festgehaltener Zickzack meiner Hand.
Das werde ich erzählen, im Kindergarten.
Ja.
Hier war noch keiner.
Aber Du.
Nur ich, und zieht seine Hand aus der meinen, läuft aber noch dichter neben mir.
Am Fluß entdecken wir ein Gestell, auf dem ein Gefährt steht, ein Eisenbahngefährt, Mittelding zwischen Dampf- und Diesellok. Ein Kessel einer Dampflok mit Schornstein und Windleitblechen, Rohren und Domen, geht in ein Führerhaus einer Diesellok über, nicht einer Diesellok, die, einem Kamel gleich, den Führerstand in der Mitte beherbergt, sondern der Frontführerstand wurde an den Kessel angebaut, daß man aus ihm auf den Kessel und in Fahrtrichtung schauen kann und nach hinten auf den Fluß; der Führerstand schwebt schon fast über dem Fluß. Wir gehen auf einem hölzernen Podest, einem Holzrost mit Geländer an der Lokomotivchimäre entlang und nach hinten zum Diesellokbeginn, steigen in den Führerstand hinein, aus dem gerade ein Mann uns entgegenkommt.
Aber jetzt werden wir fahren, du hast doch heute viel erlebt.
Ja, gähnt der Junge und läßt sich von mir die Leiter aus dem Führerstand auf das Podest helfen, um dann mir voran das Holzpodest zurück zum Weg zu laufen.
