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Zum ersten Mal alle erhaltenen Erzählungen von Mela Hartwig in einem Band. Nachdem sie einige Jahre zuvor bereits als Schauspielerin Karriere gemacht hatte, betrat Mela Hartwig 1928 die literarische Bühne mit einem von Alfred Döblin und Stefan Zweig empfohlenen Erzählband, Ekstasen, der von den Zeitgenossen höchst zwiespältig aufgenommen wurde. 'Außerordentlich quälend und unerfreulich' seien ihre Stoffe, Zeugnisse eines 'durch die Psychoanalyse verjauchten Gehirns'. So wurden dann auch (bis auf den Roman Das Weib ist ein Nichts, 1929) ihre weiteren Werke nicht mehr zum Druck angenommen: die Kurzgeschichtensammlung Quer durch die Krise ist bis heute verschollen und der Roman Bin ich ein überflüssiger Mensch? blieb bis lange nach ihrem Tod unveröffentlicht. In diesem Band sind zum ersten Mal alle Erzählungen von Mela Hartwig gesammelt: die Novellen aus dem berühmten Erstling Ekstasen, andere Erzählungen aus deren Umfeld (z. T. nur im Nachlass vorhanden), die 1936 in einem französischen Exilverlag gedruckte Novelle Das Wunder von Ulm und die einzige nach 1945 noch erschienene Prosaveröffentlichung Georgslegende. Wie wenige andere Autoren steht Mela Hartwig zwischen den Polen des Expressionismus, mit seiner überreizten Sinnlichkeit und seinen stilistischen Neuerungen, und der nüchternen Beschreibungskunst der Neuen Sachlichkeit. Immer aber behandelt sie unerschrocken, mit großer Kunstfertigkeit und gestaltender Intelligenz schmerzhafte und daher gerne verschwiegene Themen; keine Autorin hat in ihren neurotischen Frauenfiguren solche Weiblichkeitsentwürfe gewagt, keine hat aber auch wie sie die sozialen Realitäten ihrer Zeit, Arbeitslosigkeit und mörderischer Antisemitismus, gestaltet.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Novellen und Erzählungen
Mit einem Vorwort von Margit Schreiner
Literaturverlag Droschl
© Literaturverlag Droschl Graz – Wien 2004
Umschlag: & Co
eISBN: 978-3-85420-880-8
Literaturverlag Droschl Stenggstraße 33 A-8043 Graz
www.droschl.com
Vorwort Margit Schreiner: Mela Hartwig: Exstasen. Ein Kultbuch
Das Verbrechen
Der phantastische Paragraph
Aufzeichnungen einer Häßlichen
Die Hexe
Das Kind
Die Kündigung
Der Meineid
Das Wunder von Ulm
Georgslegende
Die Erzählungen Mela Hartwigs in diesem Buch sind absolut unerträglich. Grausam, gewalttätig, hoffnungslos. Expressionistisch, hysterisch, eben ekstatisch, wie der Titel schon sagt. Die Protagonistinnen sind Besessene. »Besessene« hat Hartwig den Band zunächst nennen wollen, dann hat der Verlag bei der Erstveröffentlichung 1928 wohl auf den Geschmack der Verzückung gesetzt, der in Ekstase mitschwingt.
Schade, dass Mela Hartwig derzeit nicht modern ist. Es könnten sich hunderttausende Bücher verkaufen. American Psycho zum Beispiel ist ebenfalls unerträglich grausam, gewalttätig, ekstatisch, besessen, hoffnungslos und hysterisch, und es haben sich Hunderttausende verkauft. Ein Kultbuch. Oder Plattform. Warum ist Ekstasen kein Kultbuch?
Immerhin wurde es 1992 im Ullstein Verlag im Kontext der Wiederentdeckung vergessener Frauenliteratur wieder aufgelegt. Vielleicht liegt es daran, dass sich in den oben angeführten Kultbüchern New Yorker Yuppies – eine reine Männergesellschaft übrigens – langweilen, während einer von ihnen, selbstverständlich ein Hysteriker, Frauen massakriert; oder in Plattform französische Yuppies – ebenfalls garantiert männlich und hysterisch (sollte die Hysterie heute eine vorwiegend männliche Angelegenheit sein?) – sich in Thailand langweilen und die Frauen dort demütigen.
Das soll keine Kritik an American Psycho und Plattform sein. Die oben beschriebenen Phänomene gibt es und sind also wert, beschrieben zu werden. Nur: Auch bei Mela Hartwig werden massenhaft Frauen massakriert und gedemütigt. Detailfreudig ist Mela Hartwig auch. Grausam ebenfalls. Ekstasen wurde darüberhinaus von einer Frau geschrieben. Einer geradezu besessenen. Das scheint dem Ganzen irgendwie die Coolness zu nehmen. Auch wenn es noch so blutrünstig ist. Sollte es nicht möglich sein, im Jahre 2004 ein Buch zu einem Kultbuch zu ernennen, obwohl eine Frau es geschrieben hat?
»Ich kann dieses Vorwort nur folgendermaßen rechtfertigen…«, schreibt T. S. Eliot in seinem Vorwort zu einem meiner Lieblingsbücher, nämlich dem ebenfalls durchaus hysterischen und ekstatischen Nachtgewächs von Djuna Barnes, » …man neigt dazu, von anderen Leuten zu erwarten, dass sie beim Lesen eines Buches all das wahrnehmen, was man selbst erst im Laufe wachsender Vertrautheit mit dem Buch zu erkennen gelernt hat.«
Als Mela Hartwigs Erzählungen Ekstasen von mir zum erstenmal in Manuskriptform gelesen wurden, es war übrigens Weihnachten und ich war allein in meiner Wohnung, musste ich sie immer wieder weglegen. Immer wenn ich dachte, jetzt ist die Geschichte an ihrem schrecklichen Höhepunkt angelangt, setzte diese Mela Hartwig noch eins drauf, und die Geschichte wurde noch schrecklicher. Und der Ausgang einer jeden Geschichte war dann prompt das schrecklichste überhaupt, weil es nun in meinem eigenen Kopf weiterging mit all dem Schrecken.
Überhaupt wimmelt es von hysterischen Weibern in den Geschichten und von überspannten Verhältnissen: Mädchen, die nackt vor ihrem Vater tanzen; Frauen, die behaupten, vom Mond schwanger zu sein; hässlichen Krankenschwestern, die sich zuerst prächtig an- und dann ausziehen, um den von ihnen angebeteten Arzt zu erobern; Ehefrauen, die ihren Mann betrügen und gleichzeitig stur behaupten: »Du zerstörst mich!«, stummen Hexen, die Gold und Wasser finden usw. usf. Nichts scheint hier normal, alles überzogen. Inhaltlich, sprachlich, gestalterisch.
Wir neigen heute dazu (innerlich) »Nun-ja!« zu sagen, wenn wir von der »orgiastischen Willkür der Dinge« lesen, den »Gewitterwolken aus Angst, Dunkelheit und Tod«. Und wenn »ein Mythos wundersüchtiger Lüsternheit … aus diesem Schweigen emporwuchert« sagen wir: »Was interessiert mich ein Mythos wundersüchtiger Lüsternheit?« Aber seit Marcel Reich-Ranicki einmal in einem Literarischen Quartett ein Buch mit der Begründung abgelehnt hat – »Was interessieren mich die Eskimos?« –, habe ich mir angewöhnt, immer wenn jemand bei etwas »Na-und?« oder »Nun-ja!« sagt, zu entgegnen: »Na-und-Na-und!« so wie: »Jetztgerade!« (Weihnachten ist gerettet weil vernichtet.)
Ich bin nicht mehr in dem Alter, in dem Schrecken und Pathos allein faszinieren. Etwas an Mela Hartwigs Erzählungen lässt mich nicht los. Ich spüre, das trifft ins Mark. Ganz unmittelbar. Und da gibt es das nächste landläufige Phänomen: Wenn uns etwas (be)trifft, neigen wir dazu, auszuweichen. Es gibt eine fatale Spätfolge bei einst verbotenen, verfolgten, und dann wieder entdeckten Schriftstellern: Ein Schriftsteller, der aus politischen Gründen nicht erscheinen konnte, wird nicht nur nicht gedruckt, in seiner Produktion gehemmt oder hört gar wie Mela Hartwig irgendwann zu schreiben auf, emigriert, einige ihrer Zeitgenossinnen verlieren sogar ihr Leben, wie zum Beispiel die Schriftstellerinnen Else Feldmann, Alma Koenig und Maria Leitner; am Ende dann, wenn er/sie tot ist und die Zeit endlich vergangen, und dieser Schriftsteller dann wieder aufgelegt wird, wird er zu allem Überfluss auch noch meist »historisch« gelesen. Als Zeitdokument. Gerade bei sogenannter Frauenliteratur beliebt! Und das bedeutet das eigentliche Aus für einen Schriftsteller. Warum Vorwörter? Darum dieses Vorwort!
»Mitten unter den Weibern stand die Irre und spie ihnen Worte und Blut ins Gesicht«, heißt es in Die Hexe, eine weibliche Kaspar-Hauser-Geschichte während des Dreißigjährigen Krieges. Es kommt prompt zur Massenhysterie, die »Hexe« Rune wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
»Ich habe deine Hysterie unterschätzt«, sagt der Vater, ein Psychiater, zu Beginn von Das Verbrechen, der ersten Erzählung aus Ekstasen, einer schrecklichen Inzestgeschichte, zu seiner Tochter Agnes.
»Kind, Kind«, sagt der teilweise zumindest sympathische und besonnene Arzt in den Aufzeichnungen einer Häßlichen zur Protagonistin, »Sie sind ja eine Hysterikerin ersten Ranges«. »Dann sind alle Frauen hysterisch«, antwortet die Protagonistin.
(Spätestens seit André Hellers Film »Im toten Winkel. Hitlers Sekretärin« ist mir die Anrede »Kind, Kind« äußerst zuwider. In diesem Porträt lässt Heller die Sekretärin Traudl Junge erzählen, wie nett Hitler persönlich gewesen sei und wie er immer »Kind« oder »Kindchen« gesagt habe oder: »Kinder, zum Diktat!«)
Heute gibt es keine Hysterikerinnen mehr. Zumindest ist nichts mehr von ihnen zu hören, während es im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert geradezu von ihnen gewimmelt haben muss. Die Nervenheilanstalten, damals noch Irrenhäuser, waren voll von hysterischen Frauen. Freud hat auf Basis seiner Gespräche mit und Beobachtungen von Hysterikerinnen sogar seine Psychoanalyse begründet (Studien über Hysterie, 1896). Er hat übrigens auch neben Wiener Bürgersfrauen und -töchtern seine eigene Tochter analysiert, sein ungarischer Freund und Kollege Ferenczi die Geliebte und deren Tochter, in die er sich dann verliebte. Es kam zu Verwirrungen und Übertragungen jeder Art.
So wichtig die Erforschung psychologischer Vorgänge und die damit zusammenhängenden Tabubrüche gerade im Bereich des Sexuellen auch waren, und so falsch die Empörung durch zeitgenössischen gesunden Menschenverstand, der entartet fand, was er nicht verstand, so berechtigt erscheint mir andererseits Mela Hartwigs Kritik an (missdeuteten?) Methoden der Psychoanalyse.
Jeder Missbrauch ist ein gewaltsames Eindringen in den Anderen, ob physisch oder geistig, sagte meine Freundin, eine Kinderpsychologin, neulich am Telefon zu mir. »Ich liege auf dem Seziertisch«, sagt Agnes in der Erzählung Das Verbrechen, die von zeitgenössischen Kritikern auch als eine »Fallstudie« im Freud´schen Sinne aufgefasst wurde, zu ihrem Vater, dem Psychiater. »Du schneidest mir die Bauchdecke auf und wühlst mit blutigen Händen in meinen Gedärmen, du schneidest mir das Herz aus der Brust, stopfst es mir in den Mund wie einen Knebel, damit ich nicht schreien kann, denn ich lebe ja noch, und ich würge an meinem eigenen Herzen, bis ich daran ersticke.« (S. 23)
»Es läßt sich nicht mehr feststellen, ob Agnes ihren Vater wirklich liebte oder ob sie ein Opfer ihrer Suggestibilität war«, heißt es an einer anderen Stelle, »die unter dem Einfluss der väterlichen Theorie einerseits, der mißdeuteten wissenschaftlichen Werke andererseits ihre Phantasie dem Zwang dieser Vorstellung unterjochte und ihre wache Erotik von dem eigenen Körper ablenkte und an dieses Gleichnis der Liebe fixierte.« (S. 38) Dies ist meiner Meinung nach der Schlüsselsatz. Ja, das Verhängnis ist die Fixierung einer Befindlichkeit auf ein Gleichnis.
Karl Kraus lehnte die Psychoanalyse ab, da sie, was sie zum Anlass nähme, selbst herbeiführe. Vladimir Nabokov ebenfalls. In seiner Autobiographie Erinnerung, sprich schreibt er: »Ich habe meine ältesten Träume nach Aufschlüssen und Fingerzeigen durchwühlt und ich möchte gleich sagen, dass ich die vulgäre, schäbige, durch und durch mittelalterliche Welt Freuds mit ihrer spinnerten Suche nach sexuellen Symbolen … und ihren verbitterten kleinen Embryos, die von ihrem natürlichen Unterschlupf aus das Liebesleben ihrer Eltern bespitzeln, ganz und gar ablehne.« (Dt. v. Dieter E. Zimmer. Rowohlt Taschenbuch Verlag 1999, S. 22)
Der Band enthält auch drei Erzählungen, die im Mittelalter spielen: Die Hexe, Das Wunder von Ulm und Georgslegende. Sollte Mela Hartwig die Wurzeln weiblicher Hysterie wie die Wurzeln männlicher Analysewut hier gefunden haben? In der Inquisition, dieser »peinvollen«, auf strengen Kriterien beruhenden Befragung auf Leben und Tod, bei der der Beschuldigte keinen freien Willen und also keine Chance hat?
Weibliche Hysterie hängt offensichtlich weniger mit weiblicher Sexualität zusammen, wie Freud in seiner »Sexualtheorie« vermutete, als mit der gänzlichen Unterdrückung jeder menschlichen, geistigen, sozialen, beruflichen und sexuellen Entwicklung von Frauen. Deshalb waren die Hysterikerinnen Freuds auch vorwiegend Frauen aus dem Bürgertum, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts häufig, wenn auch meist passiv, an Gesprächen intellektueller und künstlerischer Art teilnahmen, ins Theater gingen, Literatur lasen, von Haus aus wohlhabend waren und trotzdem hoffnungslos abhängig von beinahe jedem dahergelaufenen Mann.
Das Prekäre an Mela Hartwigs Erzählungen Das Verbrechen, Das Kind,Der phantastische Paragraph und Aufzeichnungen einer Häßlichen ist diese männliche Analysewut: MÄNNLICH=ANALYTISCH=LOGISCH, das ist die magische Formel und sie gilt, behaupte ich, bis heute. Das wirkt menschlich wie literarisch bis ins 21. Jahrhundert hinein.
Wir spüren es in der Literatur von Marlen Haushofer, beispielsweise in Wir töten Stella (1958), über Ingeborg Bachmanns Der Fall Franza (erst aus dem Nachlass 1978 bei Piper erstveröffentlicht) bis hin zu Brigitte Schwaigers Ich suchte das Leben und fand nur dich (2000). In allen Fällen haben wir es mit »Übervätern« zu tun, die bei Haushofer und Bachmann übrigens ebenfalls Ärzte oder Psychiater sind, die Frauen mit dem Werkzeug der Sprache und der Analyse ruinieren, ob sie es nun absichtlich tun oder nicht. Auch bei Schriftstellerinnen der 20er und 30er Jahre wie Gina Kaus oder Dorothy Parker, die sich vorwiegend mit der Rolle der neuen starken Frau beschäftigten, ist es stets die bestechende männliche Logik, an der weiblicher Verstand scheitert.
Mir scheint, Österreich und Deutschland sind besonders männerzentrierte Gesellschaften. In Frankreich ist die Frau den Männern wenigstens unheimlich, in Italien hat sie Haus und Hof fest im Griff, in Spanien lassen sich Männer von Stieren töten oder töten ihrerseits Stiere, um den Frauen zu imponieren, in Amerika brauchte man wilde Weiber, um die Wildnis zu roden und die Indianer auszurotten. Bei uns ist ihr Platz zwar am Herd, aber wie der geputzt wird, bestimmt immer noch der Mann. Die Frau ist bei uns ziemlich unnütz. Sie gebärt zwar die Kinder, aber auch die liebt man hierzulande bekannter Weise nicht gerade abgöttisch. Sie sind eher Forschungsobjekt für Erziehungsprinzipien. Und berühmt für ihre erotischen Ambitionen sind unsere Männer auch nicht gerade. Im Grunde genügen sie sich selbst.
»Zwischen Mann und Frau gibt es nur eine relative Ehrlichkeit«, heißt es in Mela Hartwigs Aufzeichnungen einer Häßlichen. Auch hier haben wir die Gegenüberstellung weiblicher Hysterie und männlicher Analysewut. Auch hier finden wir weibliche Unterlegenheit einer hässlichen Krankenschwester, die der männlichen Analyse durch einen sozial überlegenen, gut aussehenden Arzt zum Opfer fällt.
»Deine Liebe verursacht mir Grauen. Gib mich frei«, sagt die Frau zu ihrem Ehemann in Das Kind. Eine Feststellung, die wir zunächst nicht mit vollziehen können, der Ehemann erscheint, wie auch der Arzt vorher, relativ sympathisch. Aber er ist wieder in der Position des Überlegenen, er hat, streng genommen, seine Frau von deren Vater käuflich erworben.
In Der phantastische Paragraph ist eine sozial unterlegene, nicht besonders gut aussehende Frau abhängig von ihrer Zimmerwirtin, von Ärzten, Hebammen, Fürsorgerinnen und schließlich von Richter und Staatsanwalt, die sie ohne Erbarmen vernichten.
»Ja, glaubst du denn wirklich, dass Haß ohne Liebe möglich ist?«, sagt der in jeder Hinsicht seiner pubertierenden Tochter überlegene Psychiater/Vater zur Tochter in Das Verbrechen. (Peter Handke sagt es übrigens Jahrzehnte später auch.) Der Vater zerstört die Tochter, was sich allerdings am Ende gegen ihn richtet, da sie nicht, wie von ihm erwartet, sich selbst, sondern ihn erschießt.
Je früher in der geschichtlichen Epoche die Frauengestalten angesiedelt sind, desto offensichtlicher sind ihre Abhängigkeiten. Die »Hexe« Rune ist zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges zuerst in Abhängigkeit von einem Scharfrichter, dann von einem ganzen Trappistenkloster, anschließend von der Liebe eines schwedischen Feldherrn und am Ende von jeder dahergelaufenen Irren, die irgendetwas behauptet. Das jüdische Mädchen Rahel Nachmann in Das Wunder von Ulm ist ebenfalls ihrem Vater, ihrem Geliebten, der Inquisition und schließlich der ganzen Gesellschaft hilflos ausgeliefert. Sie kann nur ein Wunder retten und auch diese Rettung ist eine so zweifelhafte wie vorläufige. Die Kündigung und Georgslegende sind die beiden einzigen Erzählungen, in denen Männer vernichtet werden. Nur Rechtlosigkeit oder Widerstand kann einen Mann in eine solche Lage bringen, in der sich die Frau a priori befindet.
Es ist, als ob diese Mela Hartwig keinen Lichtschimmer sähe in einer sehr finsteren Welt.
Was ist die finstere Welt der Mela Hartwig? Ekstasen wurde 1928 erstmals bei Zsolnay veröffentlicht. Der Band enthielt Das Verbrechen, Der phantastische Paragraph, Aufzeichnungen einer Häßlichen und Die Hexe. Die Erzählung Das Kind, ursprünglich von Hartwig ebenfalls für den Band gedacht, wurde nicht aufgenommen und erschien 1928 erstmals in der Neuen Freien Presse. Die Aufnahme durch die Kritik fällt unterschiedlich aus, es ist bereits von »Entartung« bzw. von »verjauchtem Gehirn« die Rede.
Ihr Roman Bin ich ein überflüssiger Mensch? und eine Kurzgeschichtensammlung Quer durch die Krise wurden 1933 vom Zsolnay-Verlag abgelehnt. Der Wortlaut des Ablehnungsbriefes spricht für sich: »Sie wissen, sehr verehrte gnädige Frau, dass das Weltbild des deutschen Lesepublikums und besonders der deutschen Frau heute ein anderes ist als die Lebensanschauung, die aus Ihrem Werk spricht. Wir bitten Sie, über diesen Gegenstand jetzt nicht mehr sagen zu müssen – dies ist brieflich auch gar nicht möglich –, wir können nur soviel andeuten, dass wir für einige Zeit mit unserer Produktion äußerst vorsichtig sein müssen.« (Zitiert aus dem Nachwort von Bettina Fraisl zu Bin ichein überflüssiger Mensch? Droschl 2001.)
Die Erzählung Das Wunder von Ulm, von Hartwig selbst in einem Brief an Zsolnay von 1934 als »Streitschrift« gegen den Nationalsozialismus bezeichnet, wäre Mela Hartwigs Meinung nach dazu angetan, auch »die Aufmerksamkeit des internationalen Judentums zu gewinnen« (der Brief ist nachzulesen bei Christa Gürtler und Sigrid Bortenschlager: Erfolg und Verfolgung, Residenz Verlag 2002)
Diese Erzählung konnte sie in Österreich ebenfalls nicht mehr veröffentlichen. Sie ist 1938 in einem Emigrantenverlag, den Éditions duPhénix, in Paris erschienen. Die Georgslegende erschien erstmals 1960 in der Deutschen Rundschau.
Mela Hartwig und ihr Mann, der jüdische Rechtsanwalt Robert Spira, sind beide seit dem Anschluss Österreichs im März 1938 in London im Exil.
Im Wintersemester 1915/16 hält Freud die ersten Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse an der Universität Wien, seit 1914 erst gibt es das Wahlrecht für die Frau, und die Zeit, in der der Ehemann das Züchtigungsrecht für seine Frau hat, liegt gerade erst einmal ein Jungmädchenleben zurück. Gerade noch hat Weininger die Inferiorität der Frauen behauptet, die zur gleichen Zeit erstmals Universitäten besuchen, sich Bubiköpfe schneiden lassen und Hosen tragen. Josephine Baker tanzt beinahe nackt ihre ekstatischen Tänze, der Faschismus mit seinen eisernen Mutterschaftskreuzen zieht auf. Die Zeit ist schneller als der Kopf, wie die deutsche Wiedervereinigung zeigt.
Das muss eine Frau geradezu zerreißen. Und hellhörig, geradezu sehend machen. Und das ist kein Nachteil sondern ein Vorteil in der Literatur.
Es gibt einen Aufbau der Schrecknisse in den Erzählungen Mela Hartwigs. Zugrunde liegt das Verhältnis Erwachsener – Kind. Die nächste Stufe der Schrecknisse ist das Verhältnis von Mann und Frau. Und dann kommen die Schrecknisse von Macht und Ohnmacht, Majorität und Minorität. Ingeborg Bachmann lehnte in einem der Interviews und Gespräche, 1983 unter dem Titel Wir müssen wahre Sätze finden erschienen, die Ehe als »eine unmögliche Institution« ab. »Sie ist unmöglich für eine Frau, die arbeitet und die denkt und selber etwas will.« (S. 144) Und: »Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau.« (S. 144)
»Sind wir denn Tiere?« fragt Agnes gleich zu Beginn der Erzählung Das Verbrechen, als ihr Vater sie zwingen will, sich ihre libidinöse Bindung zu ihm einzugestehen. Später sagt sie dann: »Du bist ein Tier. Gibt es denn einen Menschen, den du liebst?« Rune in Die Hexe sieht ein »böses, tückisches Lachen in vertierten Gesichtern«. In Der phantastische Paragraph befindet sich die Protagonistin im Gefängnis: »›Tiere, Tiere seid ihr‹, stöhnt Sabine unhörbar.« Und weiter: »›Sie hat die Wahrheit gesagt, Tiere sind wir … Aber wer hat uns dazu gemacht?‹« Und wieder weiter: »Wir sind Tiere aus Notwehr.« Schließlich: »… eine lange Peitsche fegte alle zu Boden, und eine Stimme wie die Posaune des Jüngsten Gerichts befahl: ›Ruhe, ihr Tiere.‹«
Ich habe beim Lesen sofort an Konzentrationslager gedacht. Und daran, dass Mela Hartwig an KZs gedacht haben muss. Aber die ersten KZs hat es in Österreich und Deutschland doch erst nach 1934 gegeben. Sie kann also beim Schreiben solcher Sätze, allesamt vor 1928 entstanden, noch nichts gewusst haben. Aber es war eben doch bereits spürbar, dass es sie geben könnte und also geben wird. In Gefängnissen und Nervenheilanstalten. Durch die sich zunehmend verdichtende Schuldzuweisung gesellschaftlicher Probleme an die Juden.
Was möglich ist, kann geschehen, was geschehen kann, geschieht irgendwann. Und doch haben wir selbst die Wahl. Sie beginnt damit, zu sehen, was ist, zu spüren, was uns betrifft, und nicht aus Angst vor negativen Erkenntnissen wegschauen oder weghören. »Was aber möglich ist, in der Tat, ist Veränderung. Und die verändernde Wirkung, die von neuen Werken ausgeht, erzieht uns zu neuer Wahrnehmung, neuem Gefühl, neuem Bewußtsein« sagt Ingeborg Bachmann in den Frankfurter Vorlesungen zur Poetik, 1959/60.
Es gibt auch eine Flucht in die historische Erkenntnis. Als Beruhigung sozusagen, dass alles sehr schlimm war und ungerecht und dass wir aber gelernt haben und lernen. Es bleibt darüber hinaus noch etwas zu leisten, und vielleicht ist das der eigentliche Sinn von Literatur: Die ganz persönliche Einbindung. Sozusagen die Geschichte auf den eigenen Buckel zu laden. Und zwar von jeder Seite.
Als ich als Vierzehn- oder Fünfzehnjährige relativ unvorbereitet mit der Klasse das erstemal Mauthausen besuchte, war das Ergebnis für mich niederschmetternd. Mein Fazit war: Wenn der Mensch in der Lage ist, so etwas einem anderen anzutun, will ich kein Mensch mehr sein. Mir ekelte vor mir selbst. Tatsächlich war ich dann, nicht nur aus diesem Grund selbstverständlich, jahrelang selbstmordgefährdet. Ich hatte sie auf mich geladen, die Opfer und die Täter. Auch darum dieses Vorwort.
Entreißen wir nun abschließend die Erzählungen Mela Hartwigs der Geschichte und nehmen wir sie ganz zeitgenössisch. Und persönlich!
Jedes Mal, wenn wir, Mela Hartwigs Novellen und Erzählungen lesend, glauben, jetzt reicht es, überspannter kann es eigentlich nicht mehr werden, wird es noch überspannter, noch grauenhafter, noch hysterischer. Irgendwann sagen wir uns: Jetzt reicht es endgültig, schließen das Buch und legen es weg. Aber es lässt uns nicht los. Immer, wenn uns ein Buch nicht loslässt, hat es mit uns zu tun. Die anderen Bücher, die uns nicht berühren, sind in dem Moment verschwunden, in dem wir die Buchdeckel schließen.
Uns fällt mit einem Male ein: War da nicht vor wenigen Jahren der Prozess gegen einen gewissen Psychiater Prof. Dr. Wurst in Klagenfurt, der viele der Kinder seiner Kinderklinik missbraucht und einem seiner Schutzbefohlenen schließlich sogar den Auftrag erteilt hat, seine Frau umzubringen, was dieser auch tat? Was ist mit dem großen Pädophilen- und Mordprozess in Belgien und andererseits mit der Hysterie, mit der ein Kindergärtner in Deutschland vor ein paar Jahren beschuldigt wurde, im Kindergarten die Hälfte seiner Schutzbefohlenen missbraucht zu haben? Was nicht der Fall war! Oder der Kannibale von Rothenburg, der per Internet ein Opfer sucht, das sich schlachten lässt. War das Suggestibilität oder freier Wille? Nur zum Beispiel. Und gehen wir dann noch einen Schritt weiter in uns selbst hinein.
Und plötzlich, im Bett liegend oder im Bus sitzend oder das Abendessen kochend, überfällt uns die letzte Erkenntnis: Ist denn nicht jede Vater-Tochter-Beziehung inzestuös und sadistisch (und warum und in welcher Art, wie war’s bei mir und wie bei dir?), jede Schwangerschaft völlig unerwartet, eine Art unbefleckte Empfängnis, ist nicht jedes Gespräch ein Missverständnis, die aktive Liebe eine Übertragung, die passive eine Demütigung, jede Ehe eine Ent-Täuschung, jede Erziehung ein gewaltsamer Eingriff zum Zwecke der Anpassung, also Missbrauch? Schlimmer als die Unterdrückung der Frau ist nur mehr die Unterdrückung aller durch den Staat. Jede Tat ist ein Aufruhr. Und Aufruhr wird geahndet. Durch Strafe, Folter, Vernichtung. Ja, wir sind Tiere. Aber die einzigen, die die Wahl haben.
Drei Tage lang schloß Agnes sich ein, nahm weder Speise noch Trank zu sich und spielte mit dem Gedanken, zu sterben. Sie verbrachte diese Zeit in einem Dämmerzustand des Bewußtseins, der jede ihrer Bewegungen lähmte und ihr Leben unter der Unwirklichkeit eines überreizten Willens begrub; Dunkelheit verkleisterte die Fenster, verklebte ihre Augen, wälzte Schatten und ein Chaos von Geräuschen ohne Sinn über ihr Bett hin, eine Gewitterwolke aus Angst, Dunkelheit und Tod, die sich immer tiefer auf sie herabsenkte, die farblosen Wände ihres verfinsterten Zimmers drängten sich immer enger um sie zusammen, wie ein Grab, bis ihr Atem nur mehr stoßweise und behindert von dem Alpdruck ihrer Vision durch ihren vertrockneten Kehlkopf rasselte.
Am vierten Tag wurde die Tür aufgebrochen, und mitten in der Helle des hereinstürzenden Tages stand ihr Vater vor ihren geblendeten Augen, die blicklos vor Entsetzen in sein verschlossenes Gesicht starrten, das von der Drohung ihres Entschlusses nicht im mindesten beunruhigt schien und das ihr die Furcht des Augenblickes in ein widerliches Grinsen verzerrte.
»Sie lebt«, schluchzte ein ältliches Mädchen, das nicht gewillt war, sich die Sensation dieses Augenblickes durch den Mangel an einer Leiche verkümmern und sich um das Recht ihrer Tränen prellen zu lassen. »Sie lebt.«
Ruhig und mit einem Mangel an innerem Entgegenkommen, der eindeutig die Absicht verriet, die exzentrische Stimmung zu zerreißen und durch eine Banalität lächerlich zu machen, ordnete der Herr des Hauses an: »Öffnen Sie die Fenster. Diese eingesperrte Luft verursacht Übelkeiten und Halluzinationen.«
Widerwillig und mit umständlicher Gewissenhaftigkeit zugleich kam das Mädchen dieser Aufforderung nach. Sie begriff, daß es um ihren eigenen Anteil an diesem Ereignis ging, daß man ihr ein Erlebnis entreißen wollte, das ihr zukam, daß man ihr Recht, Anteilnahme zu bezeugen, verkürzen wollte, und ihr Optimismus, von dieser Erkenntnis beunruhigt, wollte sich noch einige köstliche Augenblicke in diesem geheimnisvollen Zimmer sichern.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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