Der verlorene Traum - Mela Hartwig - E-Book

Der verlorene Traum E-Book

Mela Hartwig

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Beschreibung

Eine große Entdeckung aus dem Nachlass: Mela Hartwigs 1943/44 verfasster Roman "Der verlorene Traum". Barbara arbeitet gemeinsam mit ihrem Ehemann in einem Laboratorium der Bakteriologischen Abteilung. Das Eheglück wird jedoch jäh auf die Probe gestellt, als Barbara bei einem Theaterbesuch einen Mann erblickt und ihm schlagartig verfällt. Sie setzt alles daran, den jungen Mann kennenzulernen, ihm näherzukommen, ihn für sich einzunehmen. Vor lauter Gefühlsverwirrung verliert sie jedoch den Boden unter den Füßen und setzt ihre ganze Existenz aufs Spiel – nur für wen und wofür? Mela Hartwigs Roman beschreibt den Versuch einer Frau, aus den Schlingen traditioneller Rollen- und Frauenbilder auszubrechen. Das Drama Barbaras spielt sich ganz in ihrem Kopf ab und wird mit extremer Übersteigerung und überspannt aufwühlender Sprache inszeniert. Ebenso Teil der großen Inszenierung dieser zerrissenen Seele – und das kann nicht anders als ein tollkühner Schachzug der Autorin bezeichnet werden – ist es, nicht das Register des Kitschs zu scheuen, um Barbaras Gedankenspiralen weitere Schleifen hinzuzufügen.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Mela Hartwig

 

 

Der verlorene Traum

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literaturverlag Droschl

Editorische Notiz

Der Text folgt dem 1943/44 fertiggestellten Typoskript (266 Blatt, handschriftlich und maschinell korrigiert; Blatt 70 fehlt). Für die Publikation wurden Orthografie- und Interpunktionsfehler behoben, Orthografie und Interpunktion den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst sowie in Versalien geschriebene Wörter und Sätze kursiviert.

Das Manuskript liegt in der Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, H.I.N.-231804.

»… we are such stuff as dreams are made on …« (Shakespeare)

I.Barbara besucht eine Theateraufführung

Im gleichen Augenblick, als sich der Vorhang hob, schob sich zwischen Barbara und die Bühne die dunkle Silhouette einer Gestalt. Ein junger Mensch, der sich verspätet hatte, suchte seinen Platz auf. Seine Gestalt war schlank, seine Bewegungen geschmeidig. Als er sich auf seinen Sitz niederließ, fiel ein Widerschein des Lichtes, das von der Bühne her in den Zuschauerraum hineinströmte, auf sein Gesicht. Ihre Augen, die es gleichgültig streiften, blieben daran haften. Es war nicht schön, aber es war mehr als schön. Es war bezaubernd.

Es war ein Gesicht, das die Natur zweifellos in einer ihrer zärtlichsten Launen geformt hatte. Sein Oval war makellos. Die Stirne war hoch und leicht gewölbt, das weiche, hellbraune Haar glatt zurückgestrichen. Die Nase war lang, schmal und gerade, die Lippen vielleicht ein wenig zu dünn. Doch es waren nicht die einzelnen Züge, die seinen Zauber ausmachten, es war ihr beglückender Zusammenklang und die knabenhafte Anmut, die sie beseelte.

Barbara konnte nur sein Profil sehen, ein aufmerksames, zur Bühne emporgewandtes Profil, von dem sie sein Alter abzulesen versuchte. Sie schätzte ihn auf 30; aber vielleicht war er ein wenig jünger, vielleicht auch beträchtlich älter. Seine Züge verrieten sein Alter nicht. Seine Züge verrieten nichts. Sie waren undurchdringlich und ihre Unbewegtheit, die zweifellos bewusst und gewollt war, und die mit der Anmut, die sie verklärte, in lebhaftem Widerspruch stand, machte sein Gesicht, so schien ihr, einfach bestrickend.

Barbara versuchte ihre Augen von seinem Profil loszulösen und der Bühne zuzuwenden, da wandte er unvermutet den Kopf und ließ seinen Blick gleichgültig über die Zuschauer gleiten. Seine Augen begegneten einen Augenblick lang den ihren, nahmen die Bewunderung, die sie verrieten, zur Kenntnis, und wendete sich gelassen wieder der Bühne zu.

Barbara verlor so völlig die Fassung, dass sie einen Augenblick lang aufspringen und davonstürzen wollte. Vor diesen Augen, fühlte sie, gab es nur eine Rettung: die Flucht. Es waren sehr helle Augen, vielleicht grau, vielleicht grün, unergründliche Augen, von denen eine tödliche Kälte ausging, oder vielleicht nur ein tödlicher Hochmut, oder vielleicht nur eine tödliche Gleichgültigkeit. Diese hellen Augen, grau oder grün, auf deren eisige Gleichgültigkeit die Unbewegtheit seiner Züge abgestimmt war und mit denen die bestrickende Anmut, die seine Züge beseelte, in einem fast schmerzhaften Widerspruch stand, machte sein Gesicht, so schien ihr, unwiderstehlich.

Aber mitten in der unwillkürlichen Bewegung, die sie machte, als sie aufsprang und davonstürzen wollte, erinnerte sie sich daran, dass ihr Mann neben ihr saß, und sie gab sich den Anschein, sich zurechtzurücken. Dabei wendete sie ihm wie unversehens ihr Gesicht zu, um sich zu vergewissern, ob er den Zwischenfall, dem sie so viel Bedeutung beimaß, bemerkt hatte oder nicht. Er hatte offensichtlich nichts bemerkt. Seine Augen verfolgten aufmerksam die Vorgänge auf der Bühne, der sein Gesicht zugekehrt war, sodass sie nur sein Profil sehen konnte.

Sie vermeinte dieses Profil, das ihr so vertraut war, zum ersten Mal zu sehen, weil sie es zum ersten Mal kritisch betrachtete. Es war ein gutes Profil, das ließ sich nicht leugnen, kantig wie ein Holzschnitt: die Nase kräftig und leicht gebogen, die Stirne hoch, flach und ein wenig schräg. Neben dem Mund, dessen untere Lippe ein wenig vorsprang, verlief schräg eine Falte, die eine Neigung zur Ironie verriet. Sie erinnerte sich, dass diese Falte, mehr als jeder andere Zug in seinem Gesicht, stets ihr Entzücken erregt hatte, ein Gefühl, das sich aus Furcht vor seinem Spott und dem Vergnügen, seine Überlegenheit zu fühlen, seltsam mischte. Zum ersten Mal empfand sie dieses Entzücken nicht.

Er fühlte ihren Blick, den er der Eintracht zuschrieb, die das eheliche Leben, unterstützt von einer heftigen gegenseitigen Zuneigung, im Verlaufe von fünf Jahren zwischen ihnen hergestellt hatte, wandte einen Augenblick lang sein Gesicht nach ihr hin und lächelte ihr zu. Auch seine Augen waren hell, aber von einem warmen Grau, das Güte verriet. Während er sich wieder der Bühne zuwendete, griff er zärtlich nach ihrer Hand.

Diese Berührung, die sie noch wenige Minuten zuvor mit einem Gegendruck beantwortet hätte, erregte Widerstand in ihr, den sie sich nicht zu erklären vermochte. Sie fühlte nicht die Zärtlichkeit, die sie veranlasst hatte, sie fühlte nur, dass er mit dieser Berührung von ihr Besitz ergriff, dass er sie bloßstellte, dass er Rechte geltend machte, die sie in diesem Augenblick aus irgendwelchen Gründen nicht bereit war, ihm einzuräumen. Unter dem Vorwand, sich des Opernglases zu bedienen, entzog sie ihm ihre Hand und wandte sich der Bühne zu.

Sie war verblüfft, aus den Vorgängen auf der Bühne zu entnehmen, dass noch immer die erste Szene im Gange war. Sie vermeinte Stunden durchlebt zu haben, seit der Vorhang sich hob. Die Zeit, die so unerbittlich vergeht und vergeht, hatte ehrerbietig vor dem Erlebnis ihres Herzens haltgemacht. Jetzt hingegen schien sie das Versäumte einzuholen, mit einem einzigen Satz sprang sie vorwärts, der Vorhang fiel, und Barbara, von dem aufflammenden Licht und dem aufrauschenden Beifall aus den Verzückungen eines Traumes in die Wirklichkeit zurückgerufen, ertappte sich bestürzt dabei, dass ihre Augen zu dem Gesicht des Unbekannten zurückgekehrt und daran haften geblieben waren.

Der verzückte Ausdruck, der ihre Züge durchstrahlte und der ein Widerschein der Empfindungen war, die das bezaubernde Gesicht des Unbekannten in ihrem Herzen erweckt hatte, erklärte sich hinlänglich aus dem Eindruck, den die blendende Aufführung, der sie und ihr Mann beiwohnten, auf sie gemacht haben sollte, und diesem Eindruck schrieb auch ihr Mann den aufgelösten Ausdruck ihrer Züge zu. Es war die seither ihrer so unvergleichlichen Besetzung wegen so berühmt gewordene Aufführung des »Tasso«. Auch noch das Schweigen, das sie bewahrte, weil sie sich in der Wirklichkeit, in die sie das so plötzlich aufstrahlende Licht und der tosende Beifall hineingeschleudert hatte, noch nicht zurechtfinden konnte, schrieb ihr Mann der Ergriffenheit zu, mit der diese erschütternde Vorstellung sie erfüllt haben musste, und er respektierte ihr Schweigen, dessen Ursache er mit ihr zu teilen vermeinte. Endlich wandte sie sich ihm zu und lächelte mühsam. In ihren Augen standen Tränen.

Ihr Mann schlug vor, die Pause im Foyer zu verbringen, und während sie noch unschlüssig vor sich hinblickte, bemerkte sie, dass auch der Unbekannte seinen Platz verlassen hatte, und willig folgte sie ihrem Mann ins Foyer, wo sie dem andern zu begegnen hoffte.

Der Strom lachender und schwatzender Menschen, die dem Foyer zuströmten, nahm sie auf und führte sie mit sich fort, und sie hatte schon jede Hoffnung aufgegeben, den Unbekannten zu erspähen, den diese brandenden Wogen aus Spitzen und Seide und schwarzem Tuch verschluckt hatten, da erblickte sie ihn im Gespräch mit einem Ehepaar, einem jungen Maler und seiner eher jungen Frau, die mit ihrer besten Freundin befreundet waren und die sie flüchtig kannte. In diesem Augenblick ertönte das Klingelzeichen, das die Fortsetzung der Vorstellung ankündigte und die Zuschauer mahnte, ihre Sitze wieder einzunehmen. Das Klingelzeichen bewahrte sie davor, die Unbesonnenheit zu begehen, die jungen Leute zu begrüßen, mit denen sie es bisher abgelehnt hatte zu verkehren, weil sie auf die Frau, die nicht nur sehr jung, sondern auch eine äußerst charmante Person war, stets maßlos eifersüchtig gewesen war.

Während sie sich von dem Strom der in den Zuschauerraum zurückflutenden Menschen treiben ließ, fühlte sie erst nur eine tiefe Enttäuschung darüber, dass sie eine so unwiederbringliche Gelegenheit, den Unbekannten kennenzulernen, hatte vorübergehen lassen müssen, dann erkannte sie, dass sie sich diese Gelegenheit nicht hätte zunutze machen können, ohne den Argwohn ihres Mannes zu erregen, und schließlich kam es ihr und wie eine Erleuchtung zum Bewusstsein, dass es unter den gegebenen Umständen nicht länger von einem gütigen Zufall abhing, ob sie dem Unbekannten je wieder begegnen sollte oder nicht, dass es nur noch von ihr selbst, dass es ausschließlich von ihrem Willen abhing und vielleicht auch von ihrer Geschicklichkeit und von ihrer Bereitwilligkeit, die beiden jungen Leute, die seine Freunde waren, zu ihren Freunden zu machen.

Die Gewissheit, dass sie dieses bestrickende Gesicht nicht länger als das flüchtige Erlebnis eines einzigen Abends betrachten musste und dass sie es nicht mehr nötig hatte, sich daran satt zu sehen, öffnete ihre Augen, öffnete ihre Ohren, als der Vorhang sich wieder hob, den Vorgängen auf der Bühne in einem Maße, das sie sich selbst nie zugetraut hätte. Niemals zuvor hatte sie einer Vorstellung in einem Zustand so gesteigerter Empfänglichkeit beigewohnt, niemals zuvor hatten sie Worte, die ein Schauspieler ihr vermittelte, in ein so wehrloses, in ein so völlig entblößtes Herz getroffen. In die traumhafte Wirklichkeit, die sich auf der Bühne abspielte, mischte sich, wie Begleitmusik, die traumhaftere Wirklichkeit, die sich in ihrem Herzen abspielte. Die süße und ein wenig brüchige Stimme der Prinzessin, die Leidenschaften verriet und verbarg, würde zu ihrer eigenen Stimme, die mit dem Unbekannten Zwiesprache hielt, der schon nur mehr halb er selbst und schon halb Tasso war, dessen metallische Stimme sie wie einen warmen, befruchtenden Frühlingsregen in ihrem Herzen empfing. Erst bei den letzten Worten kehrten ihre Augen zu dem Unbekannten zurück, klammerten sich an ihm fest, und es war nicht mehr Tasso, es war sie selbst, die sie sprach: »Ich fasse dich mit beiden Armen an! So klammert sich der Schiffer endlich noch – am Felsen fest, an dem er scheitern sollte!«

Während sie zwischen lachenden und schwatzenden Menschen eingekeilt der Garderobe zustrebten, verlor sie den Unbekannten aus den Augen. Noch einmal blickte sie sich suchend um. Der Zuschauerraum, schon fast entleert und schon halb verdunkelt, hatte sich in einen gähnenden Abgrund der Nüchternheit verwandelt, eine Traumfabrik, die ihre Arbeit eingestellt hat. Die Wirklichkeit, der sie einen Abend lang entronnen war, stürzte sich von allen Seiten her auf die Widerstrebende los.

In dem Gedränge, das sich vor den Garderoben staute, trafen sie Freunde, mit denen sie einige Worte wechseln mussten, belanglose Worte, die so schmerzhaft sind, wenn sie in ein verzücktes Herz eindringen. Um ihren letzten Autobus nicht zu versäumen, war es nötig, sich ohne Verzug ihrer Mäntel zu bemächtigen, und sie mussten, zwischen Ungeduldigen eingekeilt, ungeduldig vorwärtsdrängen. Ein schneidender Novemberwind, dem keine Verzückung standzuhalten vermochte, pfiff ihnen um die Ohren, während sie auf den Autobus, der sich verspätet hatte, warten mussten und der, als er endlich kam, so überfüllt war, dass sie einen Platz erstürmen und zufrieden sein mussten, sich noch hineinquetschen zu dürfen. Aber mit allen diesen kleinen Widerwärtigkeiten war sie bereit sich abzufinden, wenn sie nur ihre Heimkehr verzögerten, wenn sie nur um ein Weniges die Frage, die sie so sehr fürchtete, hinauszuschieben vermochten, die Frage, die ihr Mann ihr unvermeidlich stellen musste, wenn sie nur erst allein waren: Was ist denn in dich gefahren? Du bist ja wie ausgewechselt?

Diese Frage wurde jedoch nicht gestellt. Ihr Mann, der offensichtlich nicht die geringste Veränderung in ihr wahrnahm, verlangte, als sie nach Hause kamen, noch eine Kleinigkeit zu essen, machte, mit vollem Mund, wie sie reizbar vermerkte, einige zutreffende Äußerungen über die Aufführung, bemerkte, dass sie nachdenklich und schweigsam war und offenbar den Eindrücken der Vorstellung nachging und verstummte. Schließlich gähnte er, gestand, dass er müde sei, da er einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich habe, küsste sie auf die Stirn, ermahnte sie, nicht zu lange aufzubleiben, und zog sich in sein Zimmer zurück, das ihm zugleich als Arbeitszimmer und Schlafraum diente.

Von allen wunderlichen Erlebnissen dieses Abends fand sie es am wunderlichsten, dass sich keine sichtbare Veränderung in ihrem Gesicht vollzogen haben sollte, so verwandelt, so förmlich ein anderer Mensch vermeinte sie zu sein, und es zog sie unwiderstehlich zu ihrem Spiegel, um mit wissenden Augen den Verwandlungen in ihren Zügen nachzuspüren, die den unwissenden Augen ihres Mannes entgangen sein mochten. Wenn sie indessen gehofft hatte, mit einem einzigen Blick den Widerschein der Verzückung, die ihr Herz erlebt hatte, in ihren Zügen zu entdecken, so fand sie sich enttäuscht. Sie hatte ein so lebendiges, ein so bewegliches Gesicht, das so beständig seinen Ausdruck wechselte, dass sie es einer aufmerksamen Prüfung unterziehen musste, wenn sie einem fremden Zug darin, den dieser Abend ihm hinzugefügt haben mochte, auf die Spur kommen sollte. Es war ein kluges und zugleich sehr beseeltes Gesicht, nicht eben schön, aber von einer Klarheit durchstrahlt, die darauf schließen ließ, dass sie geordnet zu denken verstand, und zugleich von einer Süße erfüllt, die ein empfängliches Herz verriet. Es war von einer gleichmäßigen dunklen Tönung, sehr schmal, und ihr schwarzes Haar, das weich, voll, aber glatt war und nur von blauen Reflexen belebt und das kurz und gerade geschnitten tief in ihre Wangen hineinfiel, ließ es noch schmäler erscheinen. Die einzelnen Züge waren ebenmäßig und fast nichtssagend. Ihre Stirne war nicht sehr hoch, ihre gerade Nase wirkte, von vorne gesehen ein wenig fleischig, im Profil gesehen beinahe spitz, ihr Mund war klein, ihre Lippen farblos. Doch es waren nicht die einzelnen Züge, auf die es ankam, es war ihr Zusammenspiel, ihre Beweglichkeit, ihre verblüffende Bereitschaft, jeder Stimmung, jeder Laune nachzugeben, sich zu lockern und zu straffen, ihren Zusammenklang aufzulösen und sich zu einem neuen Ausdruck zu verknüpfen. Während sie noch, und bisher vergeblich, ihr Gesicht durchforschte, das unter ihrem prüfenden Blick einen etwas starren und unnatürlichen Ausdruck annahm, begegneten ihre Augen unversehens ihren Augen im Spiegel und blieben an ihnen haften. Auch ihre Augen, ganz ebenso wie ihre einzelnen Züge, schienen auf den ersten Blick nur wenig zu besagen. Sie waren nicht sehr groß und von hellbrauner Farbe. Aber sie waren von einer so zärtlichen, von einer so bedingungslosen Hingabe an das Leben beseelt, von einem so leidenschaftlichen und bezwingenden Glanz erfüllt, dass jeder, der ihren Blick zu spüren bekam, sie schön nannte. Während ihre Augen noch an den Augen im Spiegel hingen, füllten sich die einen wie die andern mit Tränen. Sie hatte keine Veränderung in ihrem Gesicht wahrnehmen können, aber der Spiegel, der sich bisher immer so willig bezeigt hatte, ihr zu schmeicheln, der sie bisher stets dazu beredet hatte, dass sie mit ihrem Gesicht zufrieden sein durfte, hatte ihr zum ersten Mal enthüllt, dass ihr Gesicht, als hätte es der gleichgültige Blick jener hochmütigen Züge verwandelt, nichtssagend und äußerst belanglos war und dass es vermessen war, ein solches Gesicht gegen das bezaubernde Gesicht des Unbekannten auszuspielen.

Durch einen Schleier aus Tränen betrachtete sie ihre Gestalt, betrachtete sie misstrauisch. Wenn sie sich nicht einmal mehr auf ihr Gesicht verlassen konnte, wozu sie bisher ein Recht zu haben geglaubt hatte, was konnte sie einsetzen, um die Zuneigung des schönen Unbekannten zu gewinnen. Auf ihren Körper, das wusste sie, konnte sie sich nicht verlassen. Es fehlte ihr gänzlich an jener Sicherheit des Körpers, die nur sein Ebenmaß verleiht. Sie war nur mittelgroß, hatte schmale Schultern, eine fast gebrechliche Taille und kräftige Hüften. Nur ein Rokokokostüm hätte diese Widersprüche ihres Körpers, die äußerst reizvoll waren, die man aber keineswegs schön nennen konnte, miteinander versöhnen können. Das moderne Kleid konnte es nicht. Es verlangte breitere Schultern und schmale Hüften. Es verbarg die Schwächen ihres Körpers nicht, es verriet sie. Die Erfahrung, dass eben diese Schwächen ihres Körpers von Männern als reizvoll betrachtet wurden, das Bewusstsein, dass ihr gefährliche Blicke folgten, bereitete ihr keinerlei Genugtuung. Sie verzieh ihrem Körper seine Mängel nicht. Sie konnte sich nicht damit abfinden, dass sie keine, wie man das so nennt, gute Figur hatte. War es Vermessenheit, ihr Gesicht, das immerhin seine sehr persönlichen Reize hatte, gegen das bezaubernde Gesicht des Unbekannten auszuspielen, so war es mehr als Vermessenheit, so war es einfach lächerlich, sagte sie sich, einen Körper, dem es so sehr an Ebenmaß fehlte, gegen seinen schlanken und geschmeidigen Körper auszuspielen, und sie beschloss darauf zu verzichten, ihn kennenzulernen. Sie wandte sich vom Spiegel ab, verlöschte das Licht und tastete sich in ihr Schlafzimmer.

Am nächsten Morgen erwachte sie spät, und auf ihre Frage, warum man sie nicht wie gewöhnlich geweckt habe, teilte ihr die Frau, die ihre Wirtschaft besorgte, mit, dass der Herr Dozent, womit ihr Mann gemeint war, angeordnet habe, sie nicht zu stören, und dass er sie überdies bitten ließ, nicht ins Laboratorium zu kommen, wenn sie noch müde sei. Sie ließ sich eine Tasse Kaffee ans Bett bringen, trank sie langsam aus, dann lehnte sie sich in die Kissen zurück und schloss die Augen, um ihre ungewohnte Freiheit bis zur Neige auszukosten. Die Erinnerung an das wundersame Abenteuer ihres Herzens, das der vergangene Abend ihr beschert hatte, wollte sie beschleichen, und sie versuchte, sie zu verscheuchen, aber da öffnete sich auch schon die Tür und der schöne Unbekannte trat ein. Er betrat jedoch keineswegs ihr Schlafzimmer, wie man annehmen sollte, und sie lag auch keineswegs im Bett, sondern auf einer Chaiselongue in ihrem hübschen, kleinen Empfangszimmer, dessen Fenster in den Garten hinausgingen. Sie hatte ein ganz reizendes Hauskleid an, das sie zwar gar nicht besaß, das sie aber vor wenigen Tagen erst in einem Schaufenster bewundert hatte und das ihr entzückend zu Gesicht stand. Auf ihren Knien lag aufgeschlagen ein Buch, in dem sie geblättert hatte und das zu Boden glitt, als sie bei seinem Eintritt bestürzt aufsprang. Sie wollte ihm entgegeneilen, aber ihre Knie versagten. »Sie sind also doch gekommen«, stammelte sie. »Konnten Sie daran zweifeln?«, entgegnete er lächelnd und kam langsam auf sie zu. Dieses Lächeln erfüllte sie mit einem so heftigen Entzücken, dass sie zu zittern begann und fürchtete, die Besinnung zu verlieren. Sie fühlte, dass sie dieses Lächeln oder dieses Entzücken oder beides nicht einen Augenblick länger ertragen konnte, öffnete ihre Augen, blickte ernüchtert um sich und murmelte: ›Verrückt, total verrückt.‹

Sie fragte sich betroffen, ob sie das Abenteuer ihres Herzens etwas unterschätzt habe, konnte oder wollte sich diese Frage nicht beantworten, schrieb die Abirrung ihrer Fantasie, die sie soeben erlebt hatte, dem Müßiggang zu, dem sie sich hingegeben hatte und dem sie daher, je eher desto besser, ein Ende zu machen beschloss. Sie sprang aus dem Bett, um sich anzukleiden und mit einer kalten Dusche die Nüchternheit ihres Körpers wiederherzustellen. Aber während ihre Hände mechanisch damit beschäftigt waren, ihr Korsett zuzuhaken, den Zippverschluss ihres Kleides zuzuziehen, ihren Mantel zuzuknöpfen, kehrten ihre Gedanken zu der wunderlichen Episode in ihrem Empfangszimmer zurück. Sie konnte sich das Lächeln nicht erklären, das ihre Fantasie seinem Gesicht verliehen hatte, denn sie konnte sich nicht erinnern, ihn lächelnd gesehen zu haben. Es war auch gar nicht einzusehen, worüber er bei einer Aufführung von Tasso gelächelt haben sollte. Da fiel ihr ein, dass er der jungen Frau des Malers zugelächelt hatte, während er im Foyer mit ihr und ihrem Gatten sprach.

Sie begriff nicht, wie sie das auch nur einen Augenblick lang hatte vergessen können, denn dieses Lächeln hatte sie nicht nur deshalb schmerzlich berührt, weil es nicht ihr, sondern einer andern galt, der sie es leidenschaftlich missgönnte, sondern auch deshalb, weil es seinem Gesicht jenes Maß an Wärme hinzufügte, dessen ein Kunstwerk bedarf, um vollendet genannt zu werden. Von diesem bestrickenden Lächeln überstrahlt, das den harten Hochmut seiner Augen verschleierte, war sein Gesicht erschütternd schön. Dieses Lächeln war es, erriet sie, und nur dieses Lächeln, das ihr Herz, das ihre Augen versucht hatten zu vergessen und das sich auf so krummen Wegen in ihr Bewusstsein eingeschlichen hatte, was es ihr so schwierig machte, sein Gesicht zu vergessen.

Obwohl ihre Gedanken so ausschließlich von ihren Erinnerungen in Anspruch genommen waren, hatte sie sich mit ungewohnter Sorgfalt angekleidet, und ebenfalls ungewöhnlich sorgfältig setzte sie sich vor dem Spiegel den Hut zurecht, ehe sie das Haus verließ, als müsste sie mit der Möglichkeit rechnen, auf ihrem Weg zum Laboratorium dem Unbekannten zu begegnen. Sie wusste natürlich, dass eine solche Möglichkeit so gut wie nicht bestand, aber sie wusste es nur mit ihrem Verstand, ihr Herz entzündete sich an dem Gedanken, dass sie ihm begegnen könnte, und schon wünschte sie es, ihm zu begegnen. Dieser Wunsch versetzte sie in eine traumhafte Stimmung der Erwartung, die es nicht mehr sehr genau mit der Wirklichkeit nahm und ihr gestattete, an das Unmögliche zu glauben. Aufmerksamer als sonst musterte sie die Vorübergehenden, ließ sie ihren Blick auf den Fahrgästen im Autobus haften, blickte sie durch die trübe Fensterscheibe auf die vorbeigleitenden Straßen hinaus. Aber ihre Augen, die ihn und nur ihn suchten und bereit waren, in jedem Gesicht seines zu erkennen, erblickten, von einer traumhaften Erwartung geschärft, Einzelheiten in den vertrauten Straßen, die sie noch niemals gesehen zu haben vermeinten, als wären sie bisher blind gewesen und hätten eben erst und entzückt sehen gelernt. Sie sahen die kahlen Bäume, die eine der Straßen säumten und die sie niemals bisher beachtet hatten, gespenstische graue Novemberbäume, sahen das Portal einer Barockkirche und ihre farbigen Fenster, die von innen her erleuchtet waren, sahen den Park hinter den Gitterstäben, die ihn gefangen hielten, seine bekiesten Wege und die verwitterten Rasenflächen, die sich geheimnisvoll in einem jäh hereinbrechenden Nebel verloren. Der Autobus bog in die geschäftigere Straße ein, und wechselnde Bilder glitten vorbei. Graue Gesichter, deren Züge, vielleicht seine, der Nebel verwischte, ein Marktplatz mit Buden und Ständen, hinter denen sich grotesk vermummte Gestalten regten, Fabrikschlote und graue Gesichter, deren Züge, vielleicht seine, der Nebel verschluckte, ein Viadukt, der Fluss und die Brücke und graue Gesichter, deren Züge, vielleicht seine, der Nebel auslöschte.

›Die Brücke‹, murmelte sie und versuchte sich zu entsinnen, was dieses Wort besagen wollte, abgesehen davon, dass es eine kühne Konstruktion aus Eisen und Beton bezeichnete, die sich über die trägen, grauen Wellen spannte. ›Die Brücke‹, wiederholte sie nachdenklich, und über dieses Wort, das sich unversehens über den Abgrund spannte, der zuweilen Traum und Wirklichkeit trennt, kehrte sie aus den unendlichen Fernen des Herzens in die Bezirke der Wirklichkeit zurück. Sie wusste plötzlich, was dieses Wort besagen wollte: Bei der Brücke musste sie aussteigen. Das Krankenhaus lag nahe dem Fluss.

Es war ein lang gestrecktes Gebäude, das sich in einen massiv hervorspringenden Mitteltrakt und die beiden gleichmäßig zurücktretenden Seitenflügel gliederte und das seine Front dem Fluss zukehrte, von dem es ein Streifen der Gartenanlagen trennte, die es von allen Seiten umgaben. Der ganze Komplex wurde von einem Gitterzaun eingeschlossen, den eine lebende Hecke, die ihn verstärkte, undurchsichtig machte. Ein großes Gittertor öffnete zwei Flügel, um Ambulanz und anderen Fahrzeugen Einlass zu gewähren. Seitlich davon öffnete sich ein schmales Tor für Fußgänger.

Fast immer, wenn sie dieses Tor passiert hatte und die Geräusche der Straße hinter ihr langsam verebbten, fühlte Barbara, dass eine Welt sie aufnahm, die anderen Gesetzen gehorchte als die Welt, die an die Gitterstäbe brandete und keinen Einlass fand, eigenen und sehr befremdlichen Gesetzen, dass ein Stück Wirklichkeit sie empfing, das sich von der übrigen Wirklichkeit losgerissen hatte und einer schwimmenden Insel vergleichbar dahintrieb. Wollte sie dieser Stimmung entgehen, die beklemmend war wie ein verhängter Himmel, ging sie den Fluss entlang, bis sie den Seiteneingang des entfernter gelegenen Flügels erreichte, in dem die Laboratorien untergebracht waren. Bereiter als sonst, einer solchen Stimmung nachzugeben, betrat sie das Krankenhaus und schritt die langen, kahlen Korridore entlang. Aus großen weiß markierten Kugeln, die in regelmäßigen Abständen und wie an eine Schnur gereiht die Gänge entlang von der Decke herabhingen, sickerte sparsam Licht, das zu einer gleichmäßigen gedämpften Helle zusammenfloss, die keinen tiefen Schatten aufkommen ließ, sich jedoch wie ein Schleier über Menschen und Dinge legte, ein sehr durchsichtiger Schleier, der aber doch die Konturen um ein weniges verfälschte. Die Ärzte in ihren weißen Kitteln, denen sie in den Gängen begegnete, sahen, von diesem schmeichlerischen Licht umspielt, ganz so aus, fiel ihr ein, als könnten sie Wunder tun. Gedämpfte Geräusche, Schritte und Stimmen, das undeutliche Klirren von Instrumenten hinter einer verschlossenen Tür, das leise Stöhnen eines Fiebernden schmolzen zu einer monotonen Melodie zusammen, die an ein Wiegenlied erinnerte und Willen und Widerstand einschläferte. Und nicht nur das Licht verwöhnte die Augen, nicht nur die gedämpften Geräusche das Ohr, unwahrscheinlicher als beides hatte auch die Zeit ihren gewohnten Wert verloren. Schlaflose Nächte nahmen kein Ende, fiebernde Tage zerbröckelten in Stücke aus Schlaf, Wochen des Siechtums, durch kein Ereignis gegliedert, schrumpften zu stumpfen Stunden zusammen. Nicht mit Uhren, so schien es Barbara, wurde die Zeit hier gemessen, sondern mit dem Stundenglas und sie schien stille zu stehen, während sie unerbittlicher noch als sonst verrann.

Vor der Türe, die am Ende eines der Korridore zu dem Seitenflügel führte, blieb Barbara unschlüssig stehen. Sie konnte sich nicht losreißen von dieser gedämpften und zeitlosen Welt. Sie malte sich aus, wie beseligend es sein musste, einmal alle seine Verantwortlichkeiten abzustreifen, seinen Willen abzulegen, sich aller Energien zu entledigen und auf eines dieser Betten hinzusinken und sich wehrlos, hilflos und ohne Widerstand einer Krankheit hinzugeben, Wochen und Wochen in einem Zustand zwischen Wachen und Traum zu verbringen und sich in Fieberfantasien einzuspinnen. Nur das Delirium konnte ihr bescheren, was die Wirklichkeit ihr versagte, seine Nähe, nur das Delirium konnte ihr gewähren, was sie selbst sich versagen musste, solange ihre Hemmungen noch intakt waren, beständig an ihn zu denken, ohne Unterlass an ihn zu denken und mit ihm Zwiesprache zu halten.

Das Geräusch von Stimmen und Schritten, die sich erst näherten und dann offenbar an einer Kreuzung der Korridore abbogen und sich wieder entfernten, brachte sie zur Besinnung. Sie griff nach der Klinke, zögerte, neuerlich die Tür zu öffnen und die Schwelle zu überschreiten, die aus dieser schattenhaften Welt, die Fantasien so sehr begünstigte, in eine klare, sachliche Welt exakter Wissenschaften führte, aber es war schon nicht mehr die Verzauberung der einen, die sie gefangen hielt, es war schon die Angst vor der anderen, die ihre Bewegungen lähmte, eine rasende Angst davor, in die Nüchternheit, in die hinein sich diese Türe öffnete, zurückzukehren, nachdem sie von Verzückungen gekostet hatte. War sie auch entschlossen, darauf zu verzichten, den Unbekannten kennenzulernen, war sie auch bereit, sich das Versprechen zu geben, nie mehr an ihn zu denken, ihn aus ihrem Leben auszuschließen, wenn sie diese Tür hinter sich schloss, und zu ihrer Arbeit zurückzukehren, ob auch ihr Herz bereit war, zu ihr zurückzukehren, oder nur ihre Hände, wusste sie nicht.

Der Entschluss, die Türe zu öffnen, der ihr so schwer zu fallen schien, blieb ihr erspart, denn sie wurde plötzlich von der anderen Seite her aufgerissen und ein junger Mensch in weißem Kittel, offenbar ein Student, stammelte eine Entschuldigung, trat zurück und ließ sie vorbei, ehe er weitereilte und die Tür hinter sich schloss. Mechanisch ging sie weiter, an den Seziersälen, an den Laboratorien vorbei, die den Korridor säumten, der in die Bakteriologische Abteilung mündete.

Wenn sie sonst durch diesen Korridor schritt, der zu ihrer Arbeitsstätte führte, fühlte sie immer, zuweilen stärker, zuweilen schwächer, jene Genugtuung, die das Bewusstsein gewährt, in einen Arbeitsprozess von so eminenter Bedeutung eingeschaltet zu sein, einer Sache zu dienen, für die es sich verlohnte, sein persönliches Leben hintanzusetzen. An diesem Morgen fühlte sie auch nicht die leiseste Spur einer solchen Genugtuung, und zum ersten Mal gestand sie sich ein, dass sie sich nicht von einer inneren Neigung hatte leiten lassen, als sie sich diesem Spezialgebiet zugewendet hatte, sondern nur von dem Wunsch, mit ihrem Mann, der Bakteriologe und Serologe war, zusammenzuarbeiten. Wie hatte sie sich nur dazu verleiten lassen können, fragte sie sich, ihr brennendes Interesse für nervöse Störungen und psychiatrische Probleme aufzugeben und sich einem Gebiet der Medizin zuzuwenden, das den persönlichen Kontakt mit Kranken, der ihr wünschenswert erschien, verloren hat.

Die Antwort auf diese Frage fand sie erst, als sie das Laboratorium betrat, das man ihrem Mann zur Alleinbenützung eingeräumt hatte, seit eine seiner Veröffentlichungen in Fachkreisen ein gewisses Aufsehen erregt hatte. Er hatte sie offenbar nicht eintreten gehört. Er stand über das Mikroskop gebeugt, tief versunken in den Anblick, der sich ihm bot und dem er sich mit einer Intensität hingab, die kein Geräusch durchdringen konnte. Sein Gesicht war von einer geradezu brennenden Nüchternheit durchtränkt. Es war das Gesicht eines Menschen, der von seiner Arbeit besessen ist.

Diese Augen, die nichts sahen als das Mikroskop, diese Ohren, die sie nicht eintreten hörten, dieses Gesicht, das sich mit einem solchen Ausdruck der Besessenheit der Arbeit hingab, war die Antwort, fühlte sie, auf ihre Frage. Sie hatte nur die Wahl gehabt, auf ihrer beruflichen Neigung zu bestehen und sich damit zu begnügen, neben ihm zu leben, sich mit flüchtigen Augenblicken der Gemeinsamkeit zu begnügen, oder diese Neigung und sich selbst aufzugeben und sich nicht ihm, sich seiner Arbeit zu unterwerfen, die sein Leben ausmachte, an ihr teilzunehmen, um an seinem Leben teilzunehmen, ihm in seiner Arbeit, die sie voneinander zu trennen drohte, nahe zu sein und aus gemeinsamer Arbeit die Gemeinsamkeit ihres Lebens aufzubauen.

Sie legte Mantel und Hut ab und fragte sich, was er eigentlich zu dieser Gemeinsamkeit beisteuerte, die man Ehe nennt und die darin besteht, dass zwei Leben in einem einzigen Leben Raum finden müssen, ob auch er dieser Gemeinsamkeit sein Opfer darbrachte, ob auch er mit irgendeinem Verzicht zu den Kosten dieser Gemeinsamkeit beitrug, oder ob sie allein und nur sie mit dem Opfer ihrer beruflichen Neigung für diese innige Gemeinsamkeit (ihrer Herzen) bezahlen musste.

Sie ging an ihm vorbei zu ihrem Arbeitsplatz. Er blickte flüchtig auf, nickte ihr zu, fragte »Warum bist du gekommen?« und wandte sich wieder, ohne eine Antwort abzuwarten, dem Mikropskop zu. Sie machte auch gar keinen Versuch, ihm zu antworten, sie wusste aus Erfahrung, dass ihre Stimme ihn nicht erreichen konnte, dass er einen jener Augenblicke erlebte, in denen nichts für ihn existierte, nichts als das winzige Lebewesen, das sich unter der Linse regte und sich verriet, einen jener Augenblicke, in denen die ganze Welt, auch sie, für ihn versank und dieses einzellige Lebewesen für ihn zum Weltall wurde.

Der Respekt, den sie stets vor solchen Augenblicken empfunden hatte, in denen sein unbeugsamer Arbeitswille sich zur Besessenheit steigerte, hatte sie immer noch dafür entschädigt, dass er ihr in solchen Augenblicken völlig entglitt. Aber die Frage, ob auch er sein Opfer zu ihrer Gemeinsamkeit beisteuerte, die sie beschäftigte und in der schon der Keim einer Anklage lag, ließ diesen Respekt nicht aufkommen. Als Antwort auf ihre Frage betrachtet, verlor seine Versunkenheit, die sie stets als den Ausdruck schöpferischer Arbeit bewundert hatte, ihre Faszination für sie und bewies ihr nur, dass er seiner Arbeit verfallen war und dass er ganz gewiss nicht gesonnen war, ihr, um seiner Ehe willen, auch nur einen Bruchteil der Zeit und der Energien zu entziehen, die er für sie benötigte. Mochte er auch zu jedem anderen Opfer bereit sein, er war zweifellos nicht gesonnen, auch nur auf einen einzigen jener Augenblicke zu verzichten, die ihn hellsichtig machten für was er sehen wollte, und blind für alles andere, auf einen einzigen jener Augenblicke, in denen sie für ihn aufhörte zu existieren und für die es sich nicht verlohnte, dass sie ihm ihre berufliche Neigung dargebracht hatte.

Sie griff nach ihren Notizen vom vergangenen Tag, um aus ihnen Anregungen zu schöpfen für die Arbeit, die sie vor sich hatte, aber Worte und chemische Formeln zerbröckelten vor ihren blicklosen Augen in Buchstaben, Ziffern und Zeichen, die keinen Sinn ergaben, denn ihre Gedanken irrten ab. Das Opfer ihrer beruflichen Neigung, das sie ihrem Mann so willigen Herzens dargebracht hatte, dass sie niemals zuvor auch nur daran gedacht hätte, es ein Opfer zu nennen, und dessen Gewicht sie niemals zuvor verspürt hatte, wurde, als Opfer betrachtet, unversehens zur drückenden Bürde. Sie vergaß, dass sie selbst sich und willig genug diese Bürde aufgeladen hatte, sie fühlte nur, dass ihr Mann ein solches Opfer, das er selbst nicht zu bringen bereit war, nicht hätte annehmen dürfen.

Sie wandte ihr Gesicht nach ihm hin, betrachtete ihn nachdenklich und fragte sich, ob er auch nur wusste, dass sie ihm ein Opfer gebracht hatte. Sie selbst wusste es erst seit wenigen Minuten. Aber was sie blind gemacht hatte für ihre eigene berufliche Neigung, ihre Liebe zu ihm, entschuldigte nur sie und nicht ihn. Seine Liebe zu ihr hätte ihn, warf sie ihm vor, sehend machen müssen, und hatte er ihr Opfer nur deshalb angenommen, weil er gar nicht wusste, dass es ein Opfer war, so verdiente er zwiefach ihren Vorwurf, denn er hätte es, entschied sie, wissen müssen.

Ihre Augen kehrten zu ihren Aufzeichnungen zurück, sie griff nach einem Reagenzglas, dann nach einer Flasche, die eine farblose Flüssigkeit enthielt, zögerte unschlüssig und wollte eben ihren Mann um seinen Rat fragen, als es ihr ganz plötzlich zum Bewusstsein kam, dass sie vollständig von den Weisungen ihres Mannes abhängig war, dass sie lediglich Handlangerdienste zu seinen Forschungsarbeiten leistete. Diese Erkenntnis traf sie wie ein Blitz, der einen Baum fällt. Klirrend entglitt das Reagenzglas ihrer Hand, sie konnte eben noch die Flasche auf den Tisch setzen, dann sank sie auf ihren Stuhl und bedeckte ihr Gesicht mit ihren Händen. Sie begriff nicht, wie sie sich jahrelang mit einer Arbeit hatte zufriedengeben können, die so zur Gänze der Arbeit ihres Mannes untergeordnet war, sie begriff nicht, wie ihr Mann ihr eine solche Arbeit zumuten hatte können. Schätzte er ihre Fähigkeiten, fragte sie sich, so gering ein?

Sie war nahe daran in Tränen auszubrechen, da flüsterte ihr eine Stimme, die man ihr Gewissen nennen könnte, zu: Warum haderst du mit deinem Mann, warum haderst du mit deiner Arbeit? Hadere mit deinem eigenen Herzen, das sich an ein Traumbild gehängt hat, das sich an ein Traumbild verschenkt hat, das alles, was deine Wirklichkeit ausmacht, zunichtemachen will, damit du diesem Traumbild Einlass in die Wirklichkeit gewährst. Hadere mit deinem ganzen Herzen, das dich so übel berät. Sie nahm die Hände vom Gesicht, griff nach dem Reagenzglas, griff nach der Flasche, die eine farblose Flüssigkeit enthielt, warf noch einen Blick auf ihre Notizen und machte sich an die Arbeit.

II. Barbara beobachtet ihren Mann

Wie rasch vergehen die Tage, die man über gewohnte Arbeit gebeugt verbringt, diese eintönigen Tage, die am Morgen, wenn sie vor einem liegen, so endlos erscheinen, und die am Abend, wenn man sie hinter sich hat, zu einem Nichts zusammenschrumpfen, weil sie einem nichts gebracht haben, das es wert ist, als Erinnerung aufbewahrt zu werden. Einer gleicht dem andern, und so wenig lässt sich das Heute vom Gestern unterscheiden, dass man meinen könnte, man erlebe das Gestern noch einmal und immer wieder das Gestern, bis zum Überdruss.

Langsamer verging Barbara der Abend, wenn sie ihn mit einem Buch verbrachte, denn ein Buch ist ein nachsichtigerer Gefährte als die Arbeit, die sich nicht mit geteilter Aufmerksamkeit abspeisen lässt. Ein Buch begnügte sich mit jenem Bruchteil ihrer Aufmerksamkeit, die sie ihm willig zuwendete, und bestrafte sie nicht dafür, wenn sie ihm den Rest entzog, verbrannte ihr nicht die Finger wie die Flamme, die das Reagenzglas, die das Wasserbad wärmt, es verspritzte keine ätzenden Flüssigkeiten, es sandte nicht Armeen von Streptokokken, Pneumokokken und Tuberkeln aus. Es gestattete ihr, zwischen seinen Zeilen Worte zu lesen, die ihre Fantasie einschmuggelte, und jener Bruchteil einer Sekunde, den es kostet, ein Blatt umzuwenden, erlaubte es ihren Gedanken fast immer, ihr zu entschlüpfen und einen jener endlosen Augenblicke zu erleben, für die es keine Gesetze der Zeit gibt, einen jener unwahrscheinlichen Augenblicke, in denen sich unsere Wünsche traumhaft verwirklichen.

Doch sie verbrachte keineswegs jeden Abend mit einem Buch. Wenn auch ihr Mann es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, noch abends zu arbeiten und oft bis tief in die Nacht hinein, zuweilen opferte er einen Abend, und sie hatten Gäste, oder sie gingen aus, besuchten ein Konzert, ein Theater oder erwiderten einen Besuch, und diese Stunden, von Stimmen und Lachen oder von Musik belebt, oder von den Gestalten einer Komödie, eines Schauspiels bevölkert, vergingen ihr rasch genug und glitten ihr aus den Händen, wie Sand verrinnt.

Langsamer noch als ein Abend, den sie mit einem Buch verbrachte, verging ihr die kurze Spanne Zeit, die sie benötigte, um einzuschlafen. Es waren zuweilen nur wenige Minuten, zumeist war es eine halbe Stunde, selten war es mehr als eine ganze. Aber es war Zeit, die Träume begünstigt. Hatte sie die Lampe verlöscht, so erloschen die Uhren, und die Zeit tappte durch Dunkelheiten, die sie aufhielten, tappte sich mühsam vorwärts. Und nicht nur die Uhren erloschen, es erloschen auch alle anderen Sicherungen, die die Wirklichkeit aufrichtet, um uns davor zu bewahren, unser Leben zu verträumen. Keine Wand trennte Barbara mehr von dem Garten, in den hinein sich die Fenster ihres Schlafzimmers öffneten, kein Zaun trennte sie mehr von der Straße, und schritt sie nur erst traumhaft diese Straße entlang, die sich irgendwo in der Ferne in duftende Wiesen ergoss, an blühenden Feldern vorbeistürzte oder in Wälder mündete, trennte sie nichts mehr, weder Zeit noch Entfernung, von dem Ziel, das sie sich setzte. Auch die Jahreszeiten noch fügten sich willig ihren Wünschen, und es war Frühling, wenn sie in einem italienischen Badeort am Strand liegen wollte oder in dalmatinischen Ölwäldern lustwandeln, es war Sommer oder ein goldener Herbst, wenn sie es vorzog, im Gebirge zu weilen, es war Winter, wenn es sie gelüstete, eine Skitour zu machen. Und nicht nur die Jahreszeiten, auch Menschen unterwarfen sich ihrem Willen, Menschen, die sie nicht einmal kannte, die sie sich selbst aus dem Nichts erschuf, die sie mit Zügen ausstattete, die ihr wohlgefällig waren, mit Eigenschaften, Gefühlen und Gedanken, die aus ihnen wünschenswerte Gefährten machten. Nur einem einzigen, den sie nicht kannte, verwehrte sie beharrlich den Zutritt zu ihren Träumen, nur dem schönen Unbekannten, der sich, ohne es zu wollen, fast ihres Herzens bemächtigt hatte, verweigerte sie standhaft jede Begegnung.