Das verlorene Ich - Verena Scheffel - E-Book

Das verlorene Ich E-Book

Verena Scheffel

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Beschreibung

Jeden Tag hören wir viele Lieder: Summen mit, singen, tanzen dazu. Aber oft machen wir uns überhaupt keine Gedanken darüber, was die Texte wirklich bedeuten. Wollen uns die Texte etwas sagen oder die Songschreiber selbst? Dieses Buch analysiert Liedtexte von Herbert Grönemeyer, einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Musiker aller Zeiten. Dies geschieht in Anlehnung an die Prosa - Analyse, die als eine Art Vorbild für die Liedtextanalyse fungiert. Und welcher Künstler würde sich besser für die Analyse von Liedtexten eignen als Herbert Grönemeyer? Er, der - nach eigenen Aussagen - nie besonderen Wert auf das Texten legte, schafft es doch immer wieder uns auf's Neue mit seinen tiefgehenden Texten zu bewegen - und das auf eine unkomplizierte Art, die es jedem Hörer ermöglicht, seinen eigenen Interpretationen freien Lauf zu lassen. Im Vordergrund der Analyse steht die Gesellschaft, die in den Liedtexten Grönemeyers oft einen Gegenpol zum Individuum darstellt. Dabei steht das Individuum der Gesellschaft hilflos gegenüber, da es ihm nicht gelingt, sich in die Gesellschaft einzugliedern und so nie ein Teil dieser werden kann. "Das verlorene Ich" ist keineswegs nur ein Buch für Geisteswissenschaftler, sondern ein Muss für jeden, der sich mit Liedtexten und deren Bedeutung, der Gesellschaft oder mit Herbert Grönemeyer auseinandersetzen will

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Seitenzahl: 165

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Verena Scheffel

Das verlorene Ich. Gesellschaftsreflexionen in den Liedtexten Herbert Grönemeyers

© Tectum Verlag Marburg, 2005

ISBN 978-3-8288-5623-3

Bildnachweis Cover: Gestaltung Maike Merz

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-8840-1 im Tectum Verlag erschienen.)

Besuchen Sie uns im Internet unter www.tectum-verlag.de

www.facebook.com/Tectum.Verlag

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Definition des Begriffes „Popularmusik“

1.2. Biographie Herbert Grönemeyers

1.3. Einführung in die Thematik der Arbeit anhand der Analyse der einzelnen Facetten der Gesellschaft

1.4. Darstellung der Gesellschaft in Grönemeyers Liedtexten

1.5. Formale Vorgehensweise

1.6. Chronologische Vorgehensweise

1.7. Anlass der Arbeit

2. Gesellschaftsdarstellung in Herbert Grönemeyers Liedtexten

2.1. Denkender Mensch vs. „Herdentier“

2.2. Unzufriedenheit in der Gesellschaft und mit sich selbst

2.3. Kontakt zu anderen Menschen in der Gesellschaft

2.4. Ausgliederung Arbeitsloser in der Gesellschaft

2.5. Arbeit und Streben nach Erfolg im Beruf.

2.6. Einsamkeit des Individuums in der Gesellschaft

2.7. Handlungsaufforderung des Erzählers

2.8. Lösung für die Probleme des Individuums in der Gesellschaft

2.9. Autobiographische Bezüge

2.10. Gesellschaftsbild im Unterschied zum Menschenbild

3. Menschenbild in Herbert Grönemeyers Liedtexten

3.1. Analyse des Liedes „Selbstmitleid“ mit dem Hintergrund der Selbsteinschätzung der Menschen in der Gesellschaft

3.2. Titelanalyse des Liedes „Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht“

3.3. Inhaltliche Analyse des Liedes „Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht“

3.4. Abgrenzung des Liedes „Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht“ von „Selbstmitleid“

3.5. Handlungsaufforderung

3.6. Interpretation des Liedes „Mensch“

3.6.1. Auftretende Probleme bei der Interpretation

3.6.2. Autobiographische Interpretation des Liedes „Mensch“

3.7. Interpretation des Liedes „Männer“

4. Darstellung des Konsumverhaltens der Menschen und das damit verbundene Streben nach Reichtum in Herbert Grönemeyers Liedtexten

4.1. Autobiographische Entwicklung

4.2. Mangelnde Kognition des Menschen in der Gesellschaft

4.3. Einsamkeit in der Konsumgesellschaft

4.4. Ausgliederung der Erfolglosen durch die Gesellschaft

4.5. Folge des Luxus für das Individuum

5. Darstellung wie Menschen ihre Heimat in Herbert Grönemeyers Liedtexten sehen

5.1. Analyse der Fragestellung, ob das Streben nach Luxus länderspezifisch sei

5.2. Übertriebener Nationalstolz vs. Mangelnde Identifikation mit der eigenen Heimat

5.3. Exkurs: Rechtsradikalismus in der Gesellschaft

5.4. Reaktionen der Gesellschaft auf Rechtsradikalismus

5.5. Motivische Heimatdarstellung in Herbert Grönemeyers Liedtexten

5.6. Bedeutung der Heimat für den Menschen in Herbert Grönemeyers Liedtexten

5.7. Mensch vs. Staat

6. Darstellung der erfüllten Liebesbeziehung bei Herbert Grönemeyer

6.1. Unmittelbarer Beginn der Lieder zur Thematik der erfüllten Liebesbeziehungen

6.1.1. Darstellung der Gefühle des lyrischen Ichs

6.1.2. Verhalten des lyrischen Ichs seiner Geliebten gegenüber

6.2. Aufbau einer Geschichte

7. Gefühle nach Trennung

7.1. Sehnsuchtsgefühle

7.2. Trauergefühle

7.3. Hassgefühle

8. Suche nach Liebe

9. Schlussbetrachtung

10. Literaturverzeichnis

11. Beispielhafte Versmaß Analyse „Heimat“

1. Einleitung

1.1. Definition des Begriffes „Popularmusik“

Die Entstehung der modernen Popularmusik1 lässt sich bis in die dreißiger Jahre des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen2. Die Popmusik3 entwickelte sich zunächst in den USA und verbreitete sich dann nach dem zweiten Weltkrieg in Europa, Japan und den Ländern der Dritten Welt. Dort verdrängte sie zunehmend die traditionellen höfischen, bürgerlichen und volkstümlichen Musikkulturen. Inzwischen hat die Popularmusik in Deutschland einen Marktanteil von 86 Prozent des Schallplattenmarktes, während die klassische Musik nur noch 12 Prozent einnimmt.4 Wie sich dieser Prozentanteil in der Zukunft entwickelt, lässt sich nur schwer prognostizieren, da es sich um eine sehr neue Musikrichtung handelt, die noch in den „Kinderschuhen“ steckt.

Wird auf die zu wörtliche Definition von populär’ verzichtet, kann man eine übergreifende Definition erstellen:

Popularmusik ist eine spezifische eigenständige Musikkultur auf der Grundlage industrieller Produktion und Distribution. Ihre sozialen und psychologischen Funktionen sind bestimmt durch die emotionalen und körperlichen Bedürfnisse, die in verstärktem Maße durch die rationalisierte Lebens- und Arbeitsform in der industrialisierten Gesellschaft erzeugt werden. Ihre Ästhetik wird bestimmt durch die Bedingungen und Möglichkeiten der Massenkommunikationsmittel, ihre Semantik erwächst aus den Topoi moderner Mythologien, ihre Struktur aus der Akkulturation von ethischen (insbesondere der afroamerikanischen) mit popularisierten oder trivialen europäischen Musiktraditionen.5

Während bis 1978 vorwiegend amerikanische Popularmusiker in Deutschland erfolgreich waren, gelang es ab dieser Zeit erstmalig auch deutschen Musikern sich in den Charts zu platzieren6.

Jeder ,Insider’, der mit dem Popmusikgeschäft vertraut ist, weiß, wie schwierig es ist, den Nagel auf den Kopf zu treffen und einen Hit zu produzieren. Es reicht nämlich nicht aus, ein einfaches, eingängiges Liedchen zu komponieren. Tausende solcher Songs werden monatlich von der Schallplattenindustrie auf den Markt geworfen, und nur ein Bruchteil davon schafft es, ein ,Hit’ zu werden.7

Zu den erfolgreichsten deutschen Popularmusikern mit seinen über 30 Millionen Qverkauften Platten gehört Herbert Grönemeyer.8

1.2. Biographie Herbert Grönemeyers

Herbert Arthur Wiglev Clamour Grönemeyer9 wurde am 12. April 1956 als jüngster von drei Söhnen eines Bauingenieurs in Göttingen geboren. Bereits mit 12 Jahren spielte Grönemeyer in einer Jugendband, mit 17 bekam er seinen ersten Plattenvertrag. Allerdings resultierte daraus keine veröffentlichte Platte. Im gleichen Jahr arbeitete Grönemeyer als Pianist und Bühnenschreiber am Bochumer Schauspielhaus und komponierte kurze Zeit später die Musik zu dem Theaterstück „Der Schatten eines Rebellen“. Es folgten diverse Hauptrollen in Theaterstücken, Musicals und Filmen unter anderem in „Till Uhlenspiegel“ (1976), „Die Geisel“ (1976), „Das Boot“ (1981) und „Väter und Söhne“ (1985).

Auch wenn Grönemeyer […] im Nachhinein oft als erfolgreicher Schauspieler bezeichnet wird, der dann seinen Ruhm in eine musikalische Karriere umsetzte, so verhält es sich anders.

Grönemeyer kam als Musiker ans Theater, wurde dort probeweise als Schauspieler eingesetzt, war nicht schlecht, landete mehr oder weniger zufällig einige Erfolge - und hörte sofort auf zu schauspielern, als der Traum von einer Karriere als Musiker wahr wurde.10

Nach dem Abitur folgte die Anstellung als musikalischer Leiter und Schauspieler am Schauspielhaus in Bochum und das Studium der Rechts- und Musikwissenschaften. 1978 lernte Grönemeyer die Schauspielerin Anna Henkel kennen, seine spätere Ehefrau und Mutter der beiden Kinder Felix (geb. 1988) und Marie (geb. 1989). Im selben Jahr unterzeichnete er einen Vertrag bei Intercord und veröffentlichte seine erste Debüt - LP „Grönemeyer“. Allerdings erwies sich diese und die vier Jahre später veröffentlichte LP „Total egal“ als Flop und etliche Konzerte wurden aufgrund mangelnden Interesses abgesagt. Der Durchbruch gelang Herbert Grönemeyer 1983 mit rund 25.000 verkauften LPs von „Gemischte Gefühle“. Trotz dieses Erfolges wurde Grönemeyers Vertrag bei Intercord nicht verlängert. Er unterzeichnete bei EMI Electrola und produzierte 1984 das Album „4630 Bochum“, eine der erfolgreichsten deutschen Platten11. Insgesamt zehn Platten, u. a. „1978-1980“, „Sprünge“12 (1986), „Ö“13 (1988), „Luxus“ (1991) und „Chaos“ (1991), folgten. Eine der wichtigsten Auszeichnungen erhielt Grönemeyer vom Musiksender MTV, der ihn als einzigen deutschsprachigen Künstler mit der Teilnahme an der Sendereihe „MTV Unplugged“ buchstäblich „adelte“.14

Einen Überblick über die Platten Grönemeyers und insbesondere deren Erfolg bietet folgende Grafik:

Sein politisches Engagement zeigte Grönemeyer nicht nur in seinen Liedern, sondern beispielsweise auch bei Auftritten wie dem Rheinhauser Stahlfestival , Auf Ruhr“15 im Februar 1988 oder mit der Spende der Einnahmen des Albums „Die Härte“ an das Jugendheim „Völkerfreundschaft“ in Leipzig-Grünau. Anfragen von politischen Gruppen, die Grönemeyers politischer Orientierung nicht entsprachen, lehnte er ab.16

1998 erschien Grönemeyers Platte „Bleibt alles anders“, die bereits nach vier Wochen Platinstatus17 in Deutschland erreichte. Die Tournee in diesem Jahr musste verschoben werden, da Grönemeyer seinem an Krebs erkrankten Bruder Wilhelm Knochenmark spendete. Allerdings verstarb dieser im November desselben Jahres. Zudem starb auch noch Grönemeyers Frau Anna Henkel vier Tage später an Brustkrebs. Nach diesen Schicksalsschlägen zog Grönemeyer sich zurück. Über diese Zeit sagt er: „Nach einem Jahr habe ich sehr zaghaft erste Gehversuche unternommen. Die waren mühsam.“18 Langsam gab er wieder kleinere Interviews und Konzerte. Im Jahr 2002 feierte der Musiker schließlich sein großes „Comeback“ mit dem Album „Mensch“19, das acht Mal mit Platin ausgezeichnet wurde.

Besonders diese Platte und die zwei schweren Schicksalsschläge sorgten in den vergangenen Jahren für eine große Medienpräsenz Grönemeyers. Der Umgang mit seinen Verlusten brachte ihm viele Sympathien, nicht nur bei seinen Fans. So hieß es 2003 in der Zeitschrift „Stern“ zur Echo-Verleihung: „[…] es gab 28 Kategorien, aber zwei hätten gereicht: ein Preis für Herbert Grönemeyer als bester Mensch, der andere für Robbie Williams als bester Mann.“20 Besonders seine Lieder „Mensch“ und „Der Weg“ zeigten deutlich, dass Grönemeyer zu den „Insidern“ des Popgeschäfts gehört21.

1.3. Einführung in die Thematik der Arbeit anhand der Analyse der einzelnen Facetten der Gesellschaft

Während viele deutsche Popularmusiker sich ausschließlich dem Thema „Liebe“ widmen, gehen Grönemeyers Texte oft darüber hinaus und beschäftigen sich mit den diversen Facetten der Gesellschaft.

Hierbei spielt Grönemeyers Biographie immer wieder einen Rolle.23

Grönemeyer selbst sagt:

Man kann jetzt nicht mehr mit Poesie kommen. Solche anbiedernden Sachen wie ‘Alle, die Frieden wollen, sollen aufstehen’ - furchtbar! Die Situation verschärft sich weiter, weil alle Inhalte aufgeweicht werden. Jeder kann über alles singen, über Frieden, über Umweltschutz - je schwammiger, desto besser, damit jeder Ja und Amen dazu sagen kann; viel schlimmer, weil effektiver als direkte Zensur, ist diese wohl dosierte, subtile Gehirnwäsche, der wir jeden Tag erliegen - oft ohne es zu merken […]24.

Um eine genauere Einführung in die Thematik dieser Arbeit zu geben, sollen im Folgenden die Facetten der Gesellschaft, an denen sich das Individuum orientiert, erläutert werden, mit dem Versuch über die Definition einschlägiger Lexika25 hinauszugehen. Der entscheidende Grundgedanke für diese Definition soll die Überlegung sein, welche Rolle das Individuum in der Gesellschaft übernimmt bzw. welchen Antrieb der Einzelne hat, in der Gesellschaft zu agieren. Dabei sind zwischenmenschliche Beziehungen sicher eine große Facette der Gesellschaft. Damit sind nicht ausschließlich Liebesbeziehungen26 gemeint, sondern auch die Beziehung zu Freunden und der Familie.

Eine weitere wichtige Facette der Gesellschaft ist der Beruf des Individuums. Daraus ergeben sich verschiedene Facetten wie Macht, Geld und Konsum. Das Recht des Einzelnen in der Gesellschaft könnte sicher als eine eigene Facette in der Gesellschaft aufgezählt werden, soll an dieser Stelle aber vielmehr als ein Unterpunkt für den Beruf des Individuums gesehen werden27 . Somit gliedert sich der Beruf des Individuums in vier Unterfacetten: Macht, Geld, Konsum und das Recht des Individuums.

Als letzter Punkt sei hier noch die Politik aufgeführt28 , die zwar die Regeln für eine Gesellschaft vorgibt, aber nicht maßgeblich an ihren Strukturen beteiligt ist. An dieser Stelle sei allerdings zu erwähnen, dass Politik durch Menschen gelebt wird und somit auch immer einen Teil im Leben des Individuums in der Gesellschaft darstellt.

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass das Individuum zwar in der Gesellschaft agiert, dennoch aber imstande ist, seine eigenen Entscheidungen zu treffen und danach zu handeln. Gleichzeitig schafft sich jedes Individuum seinen eigenen „Gesellschaftsraum“, d. h. es umgibt sich vorwiegend mit Personen29 , die ähnliche Vorstellungen davon haben, welche Werte und Normen in einer Gesellschaft entscheidend sind.

1.4. Darstellung der Gesellschaft in Grönemeyers Liedtexten

Viele dieser Facetten, die eine Gesellschaft definieren, finden sich in Grönemeyers Liedtexten wieder. Auffallend bei der Darstellung Grönemeyers ist, dass die Beschreibung der Gesellschaft, die meist durch ein lyrisches Ich erfolgt, in vielen Liedern aus einer Außenperspektive erfolgt. Das bedeutet, dass das lyrische Ich die Gesellschaft beschreibt bzw. kritisiert, ohne sich selbst zu dieser Gesellschaft zu zählen. Es handelt sich somit um ein Konstrukt, das in der Realität nicht möglich ist, es dem lyrischen Ich aber erlaubt, seine Kritik anzubringen.

Nachstehend angeführte Grafik verdeutlicht diese Problematik:

Im Regelfall würde das lyrische Ich innerhalb der grün markierten Gesellschaft stehen. Durch die Tatsache, dass es sich aber außerhalb der Gesellschaft stellt, kann es seine Kritik anbringen, ohne selbst in den Kritikmittelpunkt zu rücken und ohne seine Autorität zu verlieren. Dies geschieh wie folgt: Würde das lyrische Ich die Gesellschaft kritisieren, selbst aber ein Teil dieser Gesellschaft darstellen, könnten die Zuhörer ihm den Vorwurf machen, es leide an mangelnder Objektivität. Auf der anderen Seite läuft das lyrische Ich durch die Verwendung dieses Konstrukts aber auch Gefahr, als zu objektiv eingeschätzt zu werden, so dass ihm die nötige „Einsicht“ in die Gesellschaft fehle.

1.5. Formale Vorgehensweise

Da die Analyse von Liedtexten ein relativ30 unerschlossenes Gebiet ist, soll hier nun ein genereller Konsens zur Vorgehensweise31 geschlossen werden, der aber nur der besseren Orientierung dieser Arbeit dienen soll, nicht aber den Anspruch der Allgemeingültigkeit erhebt. Die hierbei verwendete Vorgehensweise zur Analyse der in Kapitel 1.3. vorgestellten Themen orientiert sich an den Regeln der Gedichtanalyse32 , da es sich bei den Liedtexten Grönemeyers um Lyrik und nicht um Prosa handelt. Dies wird besonders bei der Metrikanalyse der Lieder deutlich. Grönemeyer verwendet in seinen Liedern meist einen durchgängigen Jambus33 , Abweichungen erscheinen meist in Kombination mit einem verwendeten Stilmittel.

Ein generelles Problem, das auch bei Gedichtanalysen immer wieder auftritt, ist die Unterscheidung zwischen Erzähler und Autor.34

Dieses Problem ist besonders bei Liedtexten schwer zu lösen, da der Autor - in diesem Fall Herbert Grönemeyer - bei Auftritten35 ja auch das lyrische Ich ist. Liest der Empfänger36 die Lieder allerdings nur, entsteht dieselbe Diskrepanz zwischen dem Autor und dem lyrischen Ich wie in Gedichten. Da dies aber nicht dem Regelfall entspricht, sollen in dieser Arbeit der Erzähler und der Autor37 - ganz entgegen der Regeln der Gedichtanalyse - gleichgesetzt werden. Des Weiteren soll die Strophenzählung wie bei Gedichten erfolgen, Refrains werden als solche bezeichnet und nicht in die Strophenzählung eingerechnet. Einen entscheidenden Teil der Gedichtanalyse stellt die Untersuchung der Stilmittel dar. Diese sollen auch in der Analyse der Liedtexte berücksichtigt werden, allerdings wird ihr Stellenwert im Vergleich zur Gedichtanalyse zurückgesetzt, da ansonsten schnell der Vorwurf der Überinterpretation entstehen kann.

1.6. Chronologische Vorgehensweise

Die Lieder sollen durch eine motivische Vorgehensweise analysiert werden. Dabei werden zur Einführung zuerst die Lieder analysiert, die die Gesellschaft im Allgemeinen thematisieren, im Folgenden die, die sich mit der Darstellung der Menschen beschäftigen. Wie bereits erwähnt, muss dabei berücksichtigt werden, dass das lyrische Ich sich in den meisten Liedern nicht als Bestandteil der Gesellschaft sieht, sondern außerhalb derselben zu stehen scheint. Dies ermöglicht es dem lyrischen Ich einerseits die Gesellschaft zu kritisieren, ohne sich selbst auch in den Mittelpunkt der Kritik zu rücken, auf der anderen Seite könnte seine Kritik durch diese Methode teilweise unglaubwürdig erscheinen. Nach der Analyse der menschlichen Charaktere folgt die Analyse der Beschreibungen der Konsumgesellschaft, der Heimat und der Liebesbeziehungen der Menschen im Kontext der Gesellschaft. Die Analyse der Liebeslieder gestaltet sich hierbei problematisch, da der Gesellschaftsbezug nicht außer Acht gelassen werden darf. Viele Lieder beschäftigen sich aber nur mit der Situation zwischen Mann und Frau, ohne die Reaktion der Gesellschaft auf Trennung, Liebe oder Suche nach Liebe zu berücksichtigen. Daher kann dieser Punkt nur anhand einiger ausgewählter Lieder analysiert werden.

1.7. Anlass der Arbeit

Auf Grönemeyers elf erschienenen Alben beschäftigen sich überdurchschnittlich viele Lieder mit der Darstellung der Gesellschaft. Im Folgenden sollen 43 Lieder Grönemeyers analysiert werden. Die übrigen Lieder finden in der Analyse keine Beachtung, da sie sich nicht in die Thematik der Gesellschaftsreflexionen eingliedern.

Seinen Erfolg verdankt Grönemeyer sicher in erster Linie seinen nicht immer eindeutig interpretierbaren Liedtexten. Vor allem seine Spätwerke38 lassen einen großen Interpretationsraum offen39. Dabei ist eine klare Entwicklung, besonders in Grönemeyers Sprache zu erkennen. Seine Aussagen sind in den „Spätwerken“ nicht mehr linear, wie in den Anfangswerken, sondern sehr diffizil. Gerade diese „späten“ Texte machen es möglich, dass sich ein sehr breites Spektrum an Zuhörern angesprochen fühlt.

In den vergangenen Jahren wurden sehr viele Artikel über Grönemeyer in Zeitschriften und jetzt auch seine Biografie Grönemeyer Biografie publiziert. Allerdings ist es auffallend, dass in sehr wenigen40 dieser Artikel Interpretationsansätze zu den Liedern unternommen wurden.

Diese Arbeit soll nun den Versuch unternehmen, eine Auswahl Grönemeyers’ Lieder zu analysieren und zu interpretieren. Dies geschieht besonders aus dem Grund, dass die Interpretation von Liedtexten in der Germanistik noch keinen sehr großen Stellenwert eingenommen hat, dennoch aber sehr viele Liedtexte in Lyrik verfasst sind und daher eine größere Beachtung finden sollten.

1 „Popmusik ist ein außergewöhnliches Phänomen im gegenwärtigen Musikleben. Von den Kulturkritikern als Kitsch, Schund und niederes Machwerk gescholten und verunglimpft, hat sie aber trotz oder vielleicht wegen dieser massiven Angriffe ihren Einfluss insbesondere durch ihre ökonomische Potenz immer mehr ausweiten können. Kulturkritiker wie Th. A. Adorno zeichneten geradezu apokalyptische Schreckensvisionen der heraufziehenden Massenkultur. Aber die heftigen, oft polemischen Attacken bewirken wenig: Die Popmusik erfreut sich mehr und mehr einer unangefochtenen Akzeptanz. Kein Individuum kann sich ihrer Allgegenwart noch entziehen.“

In: Flender, R. / Rauhe, H. Pop Musik. Geschichte. Funktion. Wirkung. Ästhetik. Darmstadt. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 1989. S. IX.

2 Vgl. Flender, R. / Rauhe, H. Pop Musik. S. 19.

3 Eine genaue Abgrenzung zwischen „Popmusik“ und „Popularmusik“ ist in der Literatur nicht gegeben. So eröffnete Charles Hamm beispielsweise 1981 die erste internationale Konferenz über Popularmusik mit den Worten: „We begin this conference under a severe handicap. We’re not sure what we are talking about […] there is no general agreement on just what is encompassed by the term ‘populär music’.

In: Populär Music Perspectives. Ed. D. Hörn & Ph. Tagg. Ohio. Bowlin Green State University Populär Press. 1983. S. 3.

4 Vgl. Flender, R. / Rauhe, H. Pop Musik. S. 19.

5 Flender, R. / Rauhe, H. Pop Musik. S. 17. Diese Definition schließt Schlager, Filmmusik, Jazz, Rock ‘n‘ Roll, Beat, Pop, Hard Rock, Folk Rock, Funk, Disco und New Wave gleichermaßen ein. Darüber hinaus soll an dieser Stelle die Entstehungsgeschichte der Popularmusik nicht weiter vertieft werden.

Es sei auf das Kapitel „Zur Entstehungsgeschichte der Popularmusik“ in: Flender, R. / Rauhe, H. Pop Musik. S. 19-27 verwiesen.

6 Starfotograf Jim Rakete: „[…] Es war eine Zeit bedeutenden Umbruchs. Vor dieser Bewegung, bis etwa 1978, war Deutschland ganz fest in amerikanischer Hand. Außer Schlagern und Volksmusik gab es nichts aus Deutschland. Es war die Zeit der Supergruppen, Styx, Journey, Zappa, alles amerikanisch. […]“

In: Hoffman, Ulrich. Grönemeyer Biografie. Hamburg. Hoffmann und Campe. 2003. S. 59.

7 Flender, R. / Rauhe, H. Pop Musik. S. XI.

8 Grönemeyer versuchte lange Zeit sich von dem Bild des typischen Popmusikers zu distanzieren. So sagte er 1986 in einem Interview des Musikexpress: „In der Popmusik verlangt man von dir, eine Figur hochzustilisieren, die man selbst nicht ist. Da wird ‘s irgendwie schizophren. Als Rockmusiker bleibt dir dies zumindest erspart. Er hat die Möglichkeit, Musik zu machen - auch wenn er keinen Erfolg hat. Ein klassischer Popmusiker könnte das nicht. Er muss ganz vorne in den Charts stehen, er wird an der Menge der Autogrammkarten gemessen an seiner Medienpräsenz. Er leidet an diesem Hollywood - Syndrom.“ Musikexpress. 6 / 1986. zitiert nach: Hoffmann, Ulrich. Grönemeyer Biographie. S. 69. Aber gerade seiner starken Medienpräsenz und seiner Popularität verdankt Grönemeyer die Zuordnung in die Gruppe der Popmusiker.

9 Im Folgenden soll aber nur noch von Herbert Grönemeyer die Rede sein.

10 Hoffmann, Ulrich. Grönemeyer Biographie. S. 32.

11 Das Album „4630 Bochum“ wurde mehr als 2 Millionen Mal verkauft und mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

12 Das Album „Sprünge“ wurde besonders heftig kritisiert. Die damals regierende CDU bezeichnete die darauf enthaltenen Lieder „Lächeln“ und „Tanzen“ als deutschen Unkult und untersagte die Ausstrahlung im Radio.

13 Mit „Ö“ feierte Grönemeyer einen weiteren großen Erfolg. Die Platte wurde insgesamt 1,4 Millionen Mal verkauft, eine ausverkaufte 70-Städte-Tour mit 900.000 Besuchern folgte.

14 An dieser Stelle sei auf die Fußnote 8 verwiesen. Grönemeyer sah sich zwar niemals als typischen Popmusiker, dennoch sprechen seine Erfolge für eine Titulierung als Popmusiker.

15 „Mit dem „Stahl-Festival“ in Rheinhausen zeigen verschiedene Künstler ihre Solidarität mit den von Arbeitslosigkeit bedrohten Stahlarbeitern. Zwischen 1974 und 1990 sank die Beschäftigtenzahl in der Stahlbranche von 344.000 auf 175.000. In den folgenden zwei Jahren verloren nochmals 19.000 Stahlarbeiter ihren Arbeitsplatz. Die Rohstahlerzeugung in der Bundesrepublik, die noch zwischen 1965 und 1974 von 36,8 auf 53 Millionen Tonnen anstieg, sank bis 1992 auf 36,8 Millionen Tonnen. Weltweit ging die Nachfrage nach Rohstahl infolge der allgemeinen Rezession zurück und die westeuropäischen Länder waren trotz hoher staatlicher Subventionen nicht konkurrenzfähig gegenüber den billiger anbietenden Staaten aus Osteuropa und Asien. Zudem wurde der traditionelle Werkstoff Stahl in immer mehr Produkten durch Kunststoffe ersetzt. Deutschland als größter Stahlproduzent Westeuropas war von der Strukturkrise besonders hart betroffen.“

auf: „Stahlindustrie in der Krise“ http://www.dhm.de/lemo/html/DasGeteilte Deutschland/NeueHerausforderungen/Weltwirtschaftskrise/stahlindustrielnDerKriseBody.ht ml> (24.08.2003).

16 So lehnte Grönemeyer es beispielsweise pauschal ab, für die SED in der DDR zu spielen.

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