Das verlorene Paradies - Ramona Busch - E-Book

Das verlorene Paradies E-Book

Ramona Busch

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Beschreibung

Der junge Valentin erhält verschlüsselte Botschaften von einer ihm unbekannten Cäcilia. Zusammen mit seiner Cousine Selina begibt er sich auf eine Suche, um das zu finden, was der Welt verloren ging. Doch können die beiden das Rätsel lösen, wenn sie noch nicht einmal wissen, wonach sie suchen sollen? Ein mitreißender Roman, der Lebensfreude und Schicksalsschlag, sowie Realität und Traumwelt kunstvoll miteinander verknüpft.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ramona Busch

Das verlorene Paradies

Roman

Impressum

© 2023 Dr. Ramona Busch

Lektorat: www.derletzteschliff.de

Buchgestaltung: Mount37 Studio

Albumgestaltung "Mi Amor": Alessandro Arrigo

Foto live auf dem ZMF 2022: Klaus Polkowski

Portrait Rückseite: Ralf Busch

ISBN: 978-3-384-00783-4

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

Cäcilias Eingebung

Valentin verschläft

Cäcilia verdächtigt Muerte

Valentin liegt wach

Cäcilias Ausflug nach New Orleans

Valentin besucht Hildegard

Cäcilias Buch der Erinnerungen

Die Begegnung am Fluss

Valentin und die Tangotänzer

Klänge und Stille

Das Wiedersehen

Efilio der Erdensohn

Valentin beginnt mit der Suche

Muertes Sorgen um Efilio

Schulzeugnisse

Zwei Spuren

Das Bandoneon

Cäcilia über den Sinn, ein Instrument zu lernen

Die Brücke zur Wissenschaft

Valentins Besuch am Institut

Traurigkeit und Musik

Das Geheimnis des Schicksals

Das Erbe von Efilio

Selina und Valentin gehen zelten

1978 und Ungerechtigkeiten

Valentins und Selinas Ankunft im Schloss

Die Verbiegung der Vergangenheit

Molinas Schwester

Muerte und Efilio über den schreibenden Hans

Selina und Valentin durchstöbern die Bibliothek

Cäcilia gratuliert Muerte

Der See

Molina und Walter

Efilio beschließt zu bleiben

Die Übeltäterin

Der Auftritt

Das verlorene Paradies

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

Cäcilias Eingebung

Der Auftritt

Das verlorene Paradies

Cover

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Für Emil, Johann und Ralf

Cäcilias Eingebung

Warum klappte es nicht mehr? Solange es die Menschheit gab, hatte sie das, was sie so sehr liebte, hüten und pflegen können. Über alle Musiker, egal aus welchem Genre, egal ob Amateur oder Profi, hatte sie schützend ihre Hand gehalten. Wie konnten die Menschen verlieren, was sie seit Anbeginn ihrer Zeit mit sich und in sich herumtrugen? Sogar Gehörlosen hatte sie es ermöglicht, komplette Sinfonien zu Ende zu komponieren. Und jetzt sollte plötzlich alles vorbei sein? Sie konnte und wollte das nicht akzeptieren. Es musste einen Weg geben. Sie musste dringend herausfinden, was sich in der Menschenwelt abspielte. Sie merkte aber, dass sie alleine hierzu nicht in der Lage war. Sie musste jemanden finden, der bereit war, sie anzuhören und anzunehmen, was sie sagte.

Aber wer kam in Frage, wenn selbst sie schlicht und ergreifend nicht mehr an die Menschen herankam? Sie brauchte jemanden, der ihre Sprache verstand und ebenso gut mit den Menschen kommunizieren konnte. Die Wesen aus Cäcilias Welt kamen da eher nicht in Frage. Sie wusste keine einzige Gestalt, der sie über den Weg trauen konnte. Sie alle hatten eine ihnen zugeteilte Aufgabe zu erfüllen und verfolgten dabei ein starkes Eigeninteresse. Sie würden also weder unbefangen noch motiviert oder gar mit voller Aufmerksamkeit an dieses doch so überaus wichtige Rätsel herangehen können. Zudem war es auch ihnen nur begrenzt möglich, mit Menschen zu kommunizieren. Sie waren nur in der Lage, den Menschen Zeichen zu senden. Um aber zu verstehen, warum die Menschheit zusehends den Zugang zur Musik verlor, musste Cäcilia genauer verstehen, was in den Menschen vor sich ging. Ob sie sich wohl direkt an ein irdisches Lebewesen wenden sollte? An einen Mensch, der ihre Zeichen verstand und ihr half, die menschliche Welt zu durchdringen?

Sie setzte sich ans Klavier. Musik war gut. Musik half ihr, sich zu entspannen, wenn sie nicht weiterkam. Kaum hatte sie die ersten Takte zu „Mi Amor“ gespielt, verfiel sie in Trance. Sie liebte es, Klavier zu spielen. Vor vielen Jahren hatte sie ihre Orgel gegen dieses Klavier eingetauscht. Dank der Dynamik des Klaviers konnte sie ihrer Musik mehr Ausdruck verleihen. Jetzt kam der Improvisationsteil. Das war der Teil, in dem sie ihre gesamten Emotionen auslassen konnte. Das tat gut. Sie empfand einfach nur Wärme und Liebe, während sie das Stück spielte.

Plötzlich kam es ihr in den Sinn: „Natürlich, die Liebe! Komm Cäcilia, denk nach! Was sagt uns die Liebe?“ Sie betrachtete das Bild der heiligen Jungfrau mit dem Jesuskind über ihrem Klavier. Beim Anblick des zarten Gesichts der Gottesmutter musste man Liebe doch mit Reinheit und Unschuld in Verbindung bringen, nicht wahr? Ob das wohl auch für die Menschen galt? Sicher war sie sich da nicht. Einen Versuch war es aber wert. Sie musste einen Menschen reinen Herzens finden. Ein goldenes Herz! Aber welcher Mensch konnte reinen Herzens sein? Sie betrachtete wieder das Bild der Jungfrau mit dem Kind. Da kam ihr die Idee …

Valentin verschläft

„VALENTIN! VALENTIN!“, krächzte es aus dem Käfig. Es war Magnus, der Papagei. Mist, er hatte verschlafen und Magnus hatte ihn geweckt. „Valentin! Valentin!“ Der Klang war nervtötend.

„Ist ja gut Magnus, ich stehe ja auf! Kannst du mir verraten, wie man dich abschalten kann?“, fragte Valentin nicht wirklich ernsthaft.

Magnus konnte genau zwei Wörter. Das zweite war ein Fluchwort. Solche Wörter waren in Valentins Familie nicht erwünscht. Wer eins benutzte, musste Geld in ein Kässchen werfen. Aber wie sollte ein Federvieh Geld bezahlen? Also war Magnus das einzige Familienmitglied, das fleißig herumfluchen durfte. Das meiste Geld kam übrigens von Valentins Papa Konrad. Valentin gelang es besser als seinen Eltern, diese Regeln einzuhalten. Vielleicht gelang es ihm überhaupt besser, Regeln einzuhalten. Manchmal hatte er das Gefühl, die Erwachsenen machten Regeln nicht für Kinder, sondern lediglich, um sich selbst gut zu fühlen. So wie die Sache mit Papa und der Couch. Aber das war eine andere Geschichte.

Jetzt musste Valentin sich schnell anziehen und ab in die Schule, denn heute war die große Klassenarbeit im Programmieren. Mit einer Brezel in der Hand schwang sich Valentin aufs Rad und düste los. Schnell die Burgenstraße entlang. Bei der Eisdiele vorbei – in die Valentins Vater immer die Familie ausführte, wenn das Kässchen wieder einmal voll war – und schließlich hinab durch die Unterführung. Im gleichen Moment donnerte ein ICE über Valentin hinweg. Er erschrak kurz und hätte fast die Brezel fallengelassen. Endlich war er an der Schule. Das Fahrrad schloss er nicht ab. Kostete zu viel Zeit und in der Pause konnte er dies ja dann nachholen. Puh, Glück gehabt! Frau Reiman war gerade dabei, die Aufgaben auszuteilen, und bemerkte scheinbar nicht, dass die Tür noch einmal aufging. Flink setzte sich Valentin an den Computer ganz hinten neben dem Fenster.

Als Valentin aus der Schule kam, war es sehr ruhig zu Hause. Mama war für zwei Tage auf Geschäftsreise und Papa würde bestimmt bald von der Arbeit kommen. Heute würde Papa früh zu Hause sein, da er sehr früh mit der Arbeit angefangen hatte. Der Grund war ein virtuelles Meeting mit Kollegen vom anderen Ende des Globus. Das kam zum Glück nicht oft vor, denn Valentins Papa war eine richtige Nachteule und hasste es, früh aufzustehen.

Da ging auch schon die Tür auf: „Hallo Valentin, bist du da? Entschuldige bitte, dass du heute Morgen alleine aufstehen und frühstücken musstest! Hat denn alles geklappt? Bist du pünktlich in die Schule gekommen? Und vor allem: Hattest du ein Pausenbrot dabei?“ Ja, das waren wieder diese Erwachsenen. 1000 Fragen auf einmal.

„Ja, Paps, hat alles prima geklappt. Kennst mich doch!“, antwortete Valentin gelangweilt.

„Valentin“, rief es aus der Speisekammer: „Was wollen wir denn kochen? Hast du auch so einen Bärenhunger?“ Wieder diese vielen Fragen. Zumindest lief die Essensfrage besser, wenn Mama da war. Aber die war derzeit auf einer Onkologenkonferenz in einer anderen Stadt.

„Wie wäre es mit Spaghetti und dieser Soße, die Mama so hasst? Jetzt wäre die Gelegenheit!“, schlug Valentin vor. Scheinbar war es Gedankenübertragung, denn sein Vater hatte die begehrte Soße schon in der Hand. Männertag war doch etwas Schönes!

Während die Soße blubberte, versank Valentin in Gedanken. Er dachte daran, wie sein Papagei ihn in der Früh geweckt hatte. Komisch, normalerweise passierte ihm das nie. Ok, zugegebenermaßen war normalerweise auch immer mindestens ein Erwachsener zu Hause und weckte ihn. Ausgerechnet heute waren seine Eltern aber vor ihm aus dem Haus gegangen und hatten ihn schlafen lassen, weil sie ihm diese eine Stunde Schlaf noch gönnen wollten. Das war auch alles so besprochen gewesen und Valentin hatte sich seinen Wecker gestellt. Aber er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, ob der Wecker tatsächlich geläutet und er ihn im Halbschlaf einfach ausgeschaltet hatte. Er hatte in dieser Nacht doch so schön geträumt. Alles war so real gewesen. Diese stechend blauen Augen und diese leichtfüßigen Bewegungen. Wie eine Elfe, oder ist Tänzerin die bessere Beschreibung? Seltsam, der Traum war ihm immer noch so präsent.

„Valentin, magst du noch ein bisschen Schärfe in die Soße?“, fragte sein Vater.

„Äh, was?“, stammelte Valentin.

„Tagträumst du etwa?“

„Äh, nö, also Schärfe besser nicht. Kannst du ein bisschen Sahne reingeben?“, fragte Valentin. Die Antwort hörte er nicht mehr. Valentin war in Gedanken bereits wieder bei seinem Traum. Er versuchte, sich an die Worte der Tänzerin zu erinnern. Es waren komplizierte Worte, fast wie ein Rätsel. Doch mit einem Mal kam ihm Folgendes in den Sinn:

„Such die Verbindung zum Paradies, wie Hildegard sie beschreibt! Kommuniziere in der Stille! Finde Erinnerung dort, wo es keine mehr gibt! Und lass dir die Schönheit der Farben in der Dunkelheit zeigen! Lass dir Leichtigkeit von dem zeigen, der Last mit sich trägt!“

Valentin notierte sich die Worte schnellstmöglich auf einem gelben Zettel, da er befürchtete diese ebenso schnell zu vergessen, wie sie ihm in den Sinn gekommen waren. Ob das wohl alles etwas zu bedeuten hatte?

Cäcilia verdächtigt Muerte

Sie mochte ihn nicht. Überhaupt nicht. Obwohl: Mit einer unbestreitbar zärtlichen Sänfte hatte er sie damals über die Regenbogenbrücke hinüber zur anderen Seite gebracht. Wie ein leichtfüßiger Tanz war es gewesen, schwebend und schmerzlos. Und obgleich Muerte nicht besonders schön war, hatte doch eine gewisse Süße und Barmherzigkeit in der Luft gelegen, als er sie abholte. Sanft hatte er sie an sich gezogen, vereint im Tanz waren sie gewesen, und dennoch hatte eine kühle Distanz zwischen ihnen gelegen. Oder war es einfach nur die Tatsache, dass man ihm nicht direkt in die Augen blicken konnte? Zwischenzeitlich hatte sie ihn schon mehrfach gesehen. Und doch konnte sie ihn nicht so richtig beschreiben. Er zeigte so oft viele Gesichter, aber dennoch konnte sie keines ausmachen. Er hatte zu viele verschiedene Gesichter und doch irgendwie keines.

Sie zuckte auf dem Klavierhocker zusammen, als sie einen leichten Luftzug verspürte.

„Cécile! Que plaisir!“, hallte es selbstbewusst.

Da stand er, mitten in ihrem Salon. Er hatte die Angewohnheit, weder zu klingeln noch zu klopfen. Er machte sich einfach mit einem kühlen Luftzug bemerkbar. Und überhaupt, „Cécile“, wie er sie immer nannte. Konnte er nicht einfach normal „Cäcilia“ sagen? Er schien wohl in einer Epoche stehen geblieben zu sein, in der Französisch als chic galt, und wollte sich auf Teufel komm raus elegant geben. Aber eines musste man ihm lassen, imposant sah er immer aus in seiner schwarzen Robe.

„Muerte, kannst du dich nicht einmal normal ankündigen? Ich erschrecke mich jedes Mal zu Tode!“, zischte Cäcilia ihn an.

„Zu Tode! Also dein Wortwitz, ma chérie! Ach, mon amour, du weißt doch …“, erwiderte er. Nein, sie wusste es nicht und würde es wahrscheinlich auch nie begreifen. „Oh, chérie, was bedrückt dich?“, fragte er froh gelaunt und zog dabei seinen rechten Handschuh aus.

„Das weißt du ganz genau! Und wo du gerade so schön das Wort plaisir erwähnst, frage ich dich: WO hast du sie hinverschwinden lassen?“

Und jetzt war er es, der nicht verstand.

„Ok, mein Freund. Was daran verstehst du nicht? Das Schöne der Welt verblasst. Wie kann das sein, wo die Menschheit doch seit Hunderten von Jahren die Ästhetik, die Kunst und Musik so sehr liebt? Ich sehe zunehmend funktionale Gegenstände, industriegefertigt, ohne Seele und ohne jegliche Individualität. An den Wänden hängen zunehmend sterile Kunstdrucke, die kaum voneinander zu unterscheiden sind. Sogar den Sinn einer Blumenvase scheinen die Menschen vergessen zu haben. Jedenfalls dienen sie – wenn man überhaupt noch eine zu Gesicht bekommt – lediglich zur Aufbewahrung von staubabweisenden Kunstpflanzen, natürlich passenden zu den Graustufen dieser fantasielosen Wandgemälde. Und was mich persönlich am meisten schmerzt: Musik scheint gleich komplett von der Bildfläche zu verschwinden. Was ist denn eine Welt ohne das Universum der Klangfarben einer Melodie? Wo sind sie, die Töne, die Spannungsakkorde und die Rhythmen?“, klagte Cäcilia und sah verzweifelt auf. „Selbst die Natur erscheint mir immer grauer, und grau ist die Vorstufe von schwarz! Alles ist auf einmal trist und grau! Klingelt es jetzt?“, fragte sie, aber er verstand immer noch nicht.

„SCHWARZ! Ich kenne niemanden, dem die Farbe schwarz so gut gefällt wie dir!“, fauchte sie ihn an.

Allmählich dämmerte es ihm. Er wanderte sanft um sie herum und sprach mit zärtlicher Stimme: „Mon amour, glaubst du ernsthaft, dass ich die schönen Dinge dieser Welt verschwinden lasse, damit alles grau wird? Nur weil ich selbst gerne schwarze Gewänder trage, heißt das noch lange nicht, dass die ganze Welt grau und schwarz sein muss. Ich bitte dich: Wo ist der Kontrast zu schwarz, wenn alles grau ist? Wie könnte ich noch herausstechen, wenn die Kontraste verschwinden? Nein, mi amor …“

Jetzt fing er auch noch an, spanisch zu sprechen.

„Er scheint sich heute besonders eloquent geben zu wollen“, dachte sich Cäcilia genervt.

„Hola, träumst du?“, holte er sie aus ihren Gedanken, „hier spielt die Musik, cariño!“ Er schnipste mit den Fingern und sah Cäcilia auffordernd an.

„Musik, genau darum geht es hier! Also, wo ist sie? Wo ist die Kunst? Wo sind die Farben?“, fuhr sie ihn an.

„Mi, Amor, ich habe es dir doch gerade erklärt: Ich habe mit all dem nichts zu tun! Wer hätte denn noch Ehrfurcht vor der Welt, in die ich die Menschen nehme, wenn ihre Zeit abgelaufen ist, wenn das Leben an sich schon grau und trist ist? Verschwindet das Schöne der Welt, so macht es für die Menschen doch überhaupt keinen Unterschied mehr, ob ich komme oder nicht. Wo bleibt dann mein Plaisir? Wer respektiert dann meine Grandiosität? Wo bleibt meine Freude daran, dass ich Menschen immer wieder überraschen kann? Ich liebe es, unberechenbar zu sein, und möchte, dass das auch so bleibt. Keiner weiß, wann ich komme. Mal komme ich wie gerufen und werde willkommen geheißen, mal tauche ich als Überraschungsgast auf und werde gehasst. Ja, fair ist das nicht. Aber ich habe mir das auch nicht ausgedacht …“, erklärte er, während er mit langsamen Schritten auf und ab stolzierte.

„Ist ja, gut, du musst dich nicht für deinen Beruf rechtfertigen. Ohne Tod kein Leben. Das habe inzwischen selbst ich begriffen“, gab sie sich versöhnlich.

„Genau, Chérie! Ohne Tod kein Leben. Aber ohne Leben auch kein Tod!“, beendete Muerte die Diskussion und ließ sich elegant auf dem Sofa nieder.

„Ok, du warst es also nicht. Aber wer war es dann? Wohin sind Kunst und Musik entschwunden?“, fragte sie ihn flehend.

„Die Menschen waren es bestimmt selbst. Sie haben scheinbar verlernt, das Schöne zu sehen, zu hören und zu riechen“, gab Muerte gelangweilt zurück.

„Aber warum?“, fragte Cäcilia mit verzweifeltem Blick.

„Mi amor, diese Frage kann ich dir leider nicht beantworten. Vielleicht halten sie sich für zu groß. Vielleicht werde ich zu sehr ausgeblendet und mein mögliches Erscheinen zu sehr verdrängt …“, wagte er einen Erklärungsversuch. Da war sie wieder: Muertes Selbstgefälligkeit. Er sah sich immer im Mittelpunkt des Geschehens und hatte keine Probleme damit, seine Großartigkeit zu jedem Zeitpunkt zu demonstrieren. Cäcilia drohte zu explodieren.

„Ich kann es dir nicht sagen“, fuhr er schließlich fort. „Aber was ich dir sagen kann, ist, dass ich ebenfalls ein ehrliches Interesse daran habe, dass die Menschen wieder Zugang zu Kunst und Musik, also den schönen Dingen der Welt, haben. Ich schlage dir Folgendes vor: Ich werde meine allerbesten Kontakte spielen lassen und zum gegebenen Zeitpunkt die mir zur Verfügung stehenden Mittel bereitstellen. Du, meine Liebe, kümmerst dich um deinen Schützling Valentin!“

„Aber woher weißt du?“, stotterte Cäcilia. Der Typ war ihr irgendwie immer noch unheimlich, obwohl sie ihn schon so lange kannte.

„Ich kenne die Seele eines jeden einzelnen. Ich weiß, dass Valentin etwas ganz Besonderes ist, denn sein Herz ist rein. Es gibt nur wenige Menschen, auf die das zutrifft. Um genau zu sein, sind es fast ausschließlich Kinder. Dazu kommt, dass er mutig und intelligent ist. Er hat diese ganz besondere Aura. Diese Eigenschaft kann gefährlich werden, wenn sie zur eigenen Bereicherung eingesetzt wird. Wird sie eingesetzt für gute Zwecke, so kann die Welt wieder ein Stück weit ins Gleichgewicht gebracht werden. Valentin ist in der Lage, deine Aufforderung zu verstehen. Notfalls müssen wir das Federvieh als Gehilfen einsetzen“, sagte Muerte und machte eine Geste der Abneigung.

„Federvieh?“, fragte sie.

„Ja, dieser Marco. Ach, du weißt schon, der bunte Vogel. Comment on dit?“, fragte er mit gerümpfter Nase.

„Du meinst den Papagei Magnus?“, frage sie.

„Ja, genau den!“, antwortete er ungeduldig und fuhr fort: „Jetzt schau mich nicht so an! Ich war dort, und was soll ich sagen …“

„Du warst bei Valentin? Wolltest du ihn mitnehmen? Ich warne dich!“, drohte sie ihm mit geballten Fäusten.

„Wo denkst du hin?“, besänftigte er sie. „Nein, ich wollte dieses Federvieh abholen. Ach, du weißt doch, Raben sind die einzigen Vögel, die ich wirklich mag. Dieser Magma ist mir doch viel zu bunt. Jedenfalls wollte ich ihn abholen, da hat er mich wüst beschimpft. Ich wusste nicht, dass Vögel derartige Schimpfwörter kennen. Aber was mich noch mehr gewundert hat, war, dass er mich behandelt hat, als wäre ich irgendein gewöhnlicher Eindringling. Keine Angst, kein Respekt, kein Gefühl der Erlösung oder sonst irgendein Gefühl, das ich normalerweise von Lebewesen kenne, wenn sie mir begegnen. Das hat mich wahrlich beeindruckt. Ich weiß nicht, ob dieser Manu besonders dumm oder besonders mutig ist. Da habe ich beschlossen, die Sache erst einmal zu beobachten und wieder zu gehen. In diesem Sinne, ma chérie, ich muss weiter. Meine Liste ist lang und es war mir mal wieder eine Freude!“ Er deutete eine leichte Verbeugung an und verschwand genauso geräuschlos, wie er gekommen war.

Cäcilia schenkte Muertes Abgang jedoch kaum Beachtung und hing ihren Gedanken nach: „Magnus kann also sprechen.“

Valentin liegt wach

Valentin legte sich ins Bett und dachte an seinen seltsamen Traum der vergangenen Nacht. Was sollte der Satz mit der Suche nach dem Paradies und dieser Hildegard? Er kannte nur eine Hildegard, und das war seine Großtante, die liebe Tante Hildegard. Früher hatte sie der Familie samstags öfters einen Kuchen vorbeigebracht, und das war tatsächlich das Paradies für Valentin gewesen. Hildegard konnte ausgezeichnet backen. Bei dem Gedanken an Hildegards Käsesahne lief ihm das Wasser im Munde zusammen. Überhaupt war Hildegard eine gute Seele. Sie hatte auch öfters ausgeholfen, wenn Mama auf Geschäftsreise war, und die hinterlassenen Männer dann immer schön bekocht.

Leider war Tantchen – wie Valentins Eltern sie immer liebevoll nannten – vor einiger Zeit krank geworden und musste nun selbst versorgt werden. Zunächst dachten alle, es sei eine Eigenheit des Alters, dass Hildegard ständig ihre Brille verlegte und die gleiche Geschichte immer mehrfach erzählte. Man schmunzelte darüber. Erst als Hildegard einmal völlig verwirrt im Dorf herumirrte und von einem Nachbarn nach Hause gebracht werden musste, merkte das engere Umfeld, dass es ernst war. Nach einigen Gesprächen mit Ärzten war klar, dass Hildegard außerstande war, weiterhin alleine zu leben. Hildegards Kinder engagierten zur Unterstützung eine Pflegerin, die es Hildegard ermöglichen sollte, weiterhin in der gewohnten Umgebung zu bleiben. Anfangs war dies für keinen der Beteiligten einfach gewesen, insbesondere für Hildegard nicht, da sie immer sehr selbstbestimmt gelebt hatte und mit fortschreitendem Alter leider auch immer sturer wurde. Irgendwann hatten sich aber alle aneinander gewöhnt und es wurde richtig harmonisch. Valentin stellte fest, dass er Hildegard schon länger nicht mehr gesehen hatte. Er beschloss, sein Tantchen in den nächsten Tagen zu besuchen. Das war ein guter Plan! In Gedanken an Hildegard schlief er ein.

In dieser Nacht träumte er Dinge, die ohne jeden Zusammenhang schienen. Er träumte von Tänzern und Musik, von bunten Farben und freudigen Menschen. Im nächsten Moment war dann alles wieder wie von einem grauen Schleier bedeckt. Die Menschen bewegten sich lethargisch und ohne jegliche Dynamik. Es schien, als würden sie zu Robotern. Auch die Musik verlor an Leben und wurde langsam, aber sicher mechanisch und elektronisch kalt. Valentin durchlebte eine sehr unruhige Nacht. Als der Wecker klingelte, fühlte er sich alles andere als ausgeruht. Eigentlich wollte er früh aufstehen und die ersten beiden schulfreien Stunden nutzen, um ein paar Korbleger am Bolzplatz am anderen Ende der Straße zu üben, aber die Müdigkeit steckte ihm zu sehr in den Knochen. Also stellte er den Wecker aus und drehte sich noch einmal genüsslich auf seine linke Seite. Er war gerade dabei einzudösen, als es plötzlich aus dem Käfig schallte:

„Cäcilia, Cäcilia, la musica, trallala!“

Aber das konnte doch nicht sein! Sein Papagei Magnus konnte doch nur zwei Wörter! Das hatte er sich in seiner Müdigkeit sicher nur eingebildet. War es nicht auch so, dass Schlafentzug als Folterinstrument eingesetzt wurde, um Gefangene verrückt werden zu lassen? Konnte man schon nach einer einzigen Nacht verrückt werden? Er sollte wohl besser noch ein bisschen schlafen.

„Cäcilia, la musica, tralala“, erklang es wieder aus Magnus’ Käfig.

„Ok, Magnus, du lässt mir ja sowieso keine Ruhe“, stellte Valentin entnervt fest und machte sich auf in Richtung Käfig. Vorsichtig öffnete er die Tür und bot Magnus seinen rechten Arm an, damit dieser sich daraufsetzte. Valentin wollte sein Haustier beruhigend streicheln, als dieses wieder anfing, seinen neuen Wortschatz zu präsentieren. Magnus flog aufgeregt Richtung Tür. Valentin gestattete seinem Freund, das Zimmer zu verlassen. Ob Magnus sich zu sehr eingesperrt fühlte? Hatte er seinen Freund in letzter Zeit zu sehr vernachlässigt? Er beschloss, mit Magnus in den Garten zu gehen, um ihn ein bisschen herumfliegen zu lassen. Ihm selbst würde die frische Luft vor dem Unterricht wahrscheinlich auch guttun. Schließlich breitete er etwas Futter für Magnus auf einem Teller aus und setzte sich selbst mit seiner Müslischale auf den Terrassenboden und frühstückte. Es war einfach herrlich, wenn keine Erwachsenen anwesend waren, die einem vorschrieben, wo man was zu essen hatte.

Aber was war das? – Magnus nahm überhaupt keine Notiz von seinem Futter. Das war sehr ungewöhnlich für diesen Vielfraß. Und überhaupt, was machte er denn die ganze Zeit am Gartenteich? Es kam zwar ab und zu vor, dass er ein Schlückchen Wasser aus dem Teich trank, aber insgesamt hatte er eher wenig Interesse an dem Gewässer. Sehr zur Enttäuschung von Valentins Eltern, denn diese hatten bei der Planung des Teiches darauf geachtet, dass es für Magnus Möglichkeiten gab, an das Wasser heranzukommen, ohne selbst gleich baden gehen zu müssen. Aber der Vogel nahm nur selten die Gelegenheit wahr und bevorzugte es, eine Schale frischen Wassers auf dem Terrassentisch serviert zu bekommen. Valentins Mutter war überzeugt davon, dass er sein Haustier zu sehr verwöhnt hatte, während sein Vater behauptete, Magnus sei ein Feigling und hätte Angst vor den kleinen Fischen im Teich. Valentin hatte eine viel einfachere Erklärung: Sein Freund bevorzugte frisches Wasser – so wie jedes gewöhnliche Lebewesen.

Warum der Teich plötzlich Magnus‘ Aufmerksamkeit erregte, konnte sich Valentin allerdings nicht erklären. Er beobachtete eine Weile das Treiben seines Freundes. Es schien, als wollte Magnus ihm irgendetwas zeigen. Als Valentin schließlich zum Teich ging, um nachzusehen, konnte er nichts Ungewöhnliches feststellen. Das Wasser war etwas trüb, aber das war an wärmeren Tagen nichts Besonderes. Achselzuckend begab er sich wieder auf die Terrasse, um seine Müslischale aufzuräumen.