Das Vermächtnis der Landowers - Victoria Holt - E-Book

Das Vermächtnis der Landowers E-Book

Victoria Holt

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Beschreibung

Im London zur Zeit des goldenen Thronjubiläums von Königin Victoria wächst Caroline Tressidor behütet heran. Bis sie eines Tages plötzlich erfährt, dass der Mann, dessen Namen sie trägt, nicht ihr Vater ist. Eine Welt bricht für Caroline zusammen ... Victoria Holt, die Meistererzählerin des Unheimlichen, verbindet in diesem aufregenden Roman ein Höchstmaß an Spannung mit einer romantischen Handlung, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

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Victoria HoltDas Vermächtnis der Landowers

Roman Ins Deutsche übertragen von Margarethe Längsfeld

Das goldene Jubiläum

Während der Feierlichkeiten anläßlich des goldenen Jubiläums der Königin nahmen die Ereignisse eine so dramatische Wendung, daß sie mein ganzes Leben veränderten. Ich war damals erst vierzehn Jahre alt und konnte die Tragweite der Vorgänge, die sich um mich abspielten, erst viel später ermessen. Es war wie der Blick durch ein beschlagenes Glas: Ich sah, was geschah, aber ich verstand nicht, was es bedeutete.

Dem flüchtigen Beobachter mögen wir als eine glückliche Familie erschienen sein. Aber wann sind die Dinge schon so, wie sie scheinen? Wir waren sogenannte wohlhabende Leute. Unser Londoner Wohnsitz befand sich in einem eleganten Viertel unweit vom Hyde Park; für unser leibliches Wohl sorgten Wilkinson, der Butler, und Mrs. Winch, die Haushälterin. Zwischen ihnen herrschte ständig ein mühsam aufrechterhaltener Waffenstillstand, da jeder sehr darauf erpicht war, dem anderen seine Überlegenheit zu zeigen. In den frühen Morgenstunden, bevor sich die Mitglieder der Familie aus den Betten erhoben, rumorten die niederen Dienstboten umher; sie entfernten die Reste der Kaminfeuer vom Vortag, sie polierten, wischten Staub, bereiteten heißes Wasser, und wenn wir aufstanden, war wie durch Zauberei alles bereit, was wir benötigten. Alle wußten, daß mein Vater höchst ungnädig werden konnte, wenn ein dienstbarer Geist sichtbar wurde; der Anblick eines Häubchens und einer Schürze konnte die Entlassung der Trägerin zur Folge haben. Jedermann im Haus fürchtete Papas Mißfallen – sogar meine Mutter.

Papa, das war Robert Ellis Tressidor – er stammte von Tressidor Manor in Lancarron in Cornwall. Die großen Landgüter befanden sich seit dem 16. Jahrhundert im Familienbesitz, der sich nach der Restauration noch vermehrt hatte. Die großen Familien im Westen des Landes waren damals mit wenigen Ausnahmen uneingeschränkt für den König gewesen, und keine war königstreuer als die Tressidors.

Leider war das Anwesen der Familie meinem Vater weggenommen und von Cousine Mary annektiert worden. (Ich hatte erst nachsehen müssen, was dieses Wort bedeutete, denn ich war eine aufmerksame Zuhörerin und erfuhr das meiste über die Familie, indem ich Ohren und Augen offenhielt.) Mein Vater und seine Schwester Imogen, die voll Bewunderung an ihm hing, sprachen den Namen von Cousine Mary stets in einem verächtlichen, haßerfüllten Ton aus – jedoch mit einer Spur von Neid, wie ich herauszuhören glaubte.

Ich hatte erfahren, daß mein Großvater einen älteren Bruder gehabt hatte, den Vater von Mary. Sie war sein einziges Kind, und da er der älteste Sohn war, waren Tressidor Manor und sämtliche Ländereien an Mary gefallen statt an meinen Vater, dem sie offenbar rechtmäßig zustanden; denn war er auch der Sohn eines jüngeren Sohnes, so gehörte er doch dem überlegenen Geschlecht an, mit dem zu rivalisieren eine Frau sich nicht erkühnen sollte. Meine Tante Imogen – Lady Carey – war auf ihre Art ebenso furchteinflößend wie mein Vater. Ich hatte die beiden über das schmähliche Betragen von Cousine Mary sprechen hören, die das Anwesen der Familie mir nichts, dir nichts in Besitz genommen hatte, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß sie damit den rechtmäßigen Erben beraubte. »Diese Harpyie!« wurde sie von Tante Imogen betitelt, und ich stellte mir Cousine Mary mit Kopf und Rumpf einer Frau vor, mit Vogelflügeln und langen Klauen, die nach meinem Vater und Tante Imogen griffen, wie es die Harpyien mit dem bedauernswerten blinden König Phineus machten.

Man konnte sich schwer vorstellen, daß irgend jemand Papa ausspielen konnte, und da dies Cousine Mary gelungen war, nahm ich an, sie müsse wahrhaft furchterregend sein, was mir unwillkürlich eine gewisse Bewunderung für sie einflößte. Als ich das meiner Schwester Olivia erzählte, meinte sie, ich sei ausgesprochen ungerecht. Doch mochte Papa hinsichtlich seines Erbes auch unterlegen sein, in seinem eigenen Haus war er der Herr und Meister. Hier herrschte er unangefochten, und alles hatte so zu geschehen, wie er es verfügte. Wir hatten eine Menge Bedienstete – die notwendig waren, da er im öffentlichen Leben stand und viele gesellschaftliche Verpflichtungen hatte. Er war Vorsitzender verschiedener Komitees und Organisationen, viele darunter im Dienste der Menschlichkeit, wie etwa die Gesellschaft zur Beschäftigung der Armen oder das Komitee zur Rehabilitation gefallener Frauen. Immer trat er für die gute Sache ein. Sein Name stand oft in der Zeitung, und es wurde gemunkelt, daß er es längst verdient hätte, in den Adelsstand erhoben zu werden.

Offensichtlich war er mit vielen wichtigen und einflußreichen Leuten befreundet, darunter auch mit Lord Salisbury, dem Premierminister. Papa hatte einen Sitz im Parlament, gehörte jedoch nicht zum Kabinett – was anscheinend nur eine Frage des freiwilligen Verzichts war –, weil er außerhalb von Westminster zu viele Verpflichtungen hatte. Er fand, er könne seinem Land damit besser dienen, als wenn er sich ausschließlich der Politik widmete. Von Beruf war er Bankier und saß im Aufsichtsrat verschiedener Firmen. Jeden Morgen kam die Kalesche vom Kutschhaus vorgefahren. Sie hatte auf Hochglanz poliert und die Livree des Kutschers hatte absolut korrekt zu sein; auch der kleine Page, der während der Fahrt hinten stand und dessen Aufgabe es war, bei der Ankunft am Bestimmungsort herabzuspringen und den Wagenschlag zu öffnen, war ebenso makellos herausgeputzt.

Papa besaß die zwei wichtigsten Eigenschaften eines Gentleman unserer Zeit: Er war reich, und er war tugendhaft.

Miss Bell, unsere Gouvernante, war sehr stolz auf ihn.

»Ihr müßt immer daran denken, daß euer Vater die Quelle ist, aus der unsere Behaglichkeit entspringt«, sagte sie zu uns.

Ich wies sie sogleich darauf hin, daß vielen Leuten in seiner Gegenwart offenbar nicht sehr behaglich zumute sei, weshalb es vielleicht nicht gerade Behaglichkeit sein mochte, die aus dieser besagten Quelle sprudelte.

Unsere Gouvernante verzweifelte oft an mir. Die gute Miss Bell – sie war so ernsthaft und so erpicht darauf, die Aufgabe, zu der Gott – und der große Mr. Tressidor – sie berufen hatte, gewissenhaft zu erfüllen. Sie war überaus korrekt und förmlich; von den Tugenden ihres Brotherrn überwältigt, übernahm sie fraglos die Einschätzung, die er von sich selbst hatte – und die tatsächlich die allgemein anerkannte war. Miss Bell war sich stets bewußt, daß sie trotz all ihrer Tüchtigkeit, trotz bester Pflichterfüllung nur eine Angehörige des untergeordneten Standes war.

Ich war gewiß kein fügsames Kind, denn ich glaubte nie, was mir erzählt wurde, und brachte es nicht fertig, dazu zu schweigen.

»Warum«, fragte meine Schwester Olivia, »mußt du immer alles so verdrehen, bis es ganz was anderes ist, als was man uns erzählt?«

Vermutlich, erwiderte ich, weil die Leute nicht immer die Wahrheit sagen und uns nur das erzählen, was sie uns glauben machen wollen.

»Es ist einfacher, wenn wir ihnen glauben«, meinte Olivia, und das war typisch für sie. Deshalb galt sie als braves Kind. Ich dagegen war aufsässig. Ich dachte oft: Seltsam, daß wir Geschwister sind. Wir waren so verschieden.

Unsere Mutter stand niemals vor zehn Uhr morgens auf. Everton, ihre Zofe, brachte ihr dann eine Tasse heiße Schokolade. Mama war eine große Schönheit und wurde in den Gesellschaftsspalten der Zeitungen oft erwähnt. Miss Bell zeigte uns die Artikel von Zeit zu Zeit. »Die schöne Mrs. Tressidor« beim Rennen ... bei einem Diner ... auf einem Wohltätigkeitsball. Sie wurde stets als »die schöne Mrs. Tressidor« bezeichnet.

Olivia und ich waren von ihrer Schönheit ebenso überwältigt wie von der überragenden Tugendhaftigkeit unseres Vaters. Beides machte unser Heim ziemlich ungemütlich. Meine Mutter war zuweilen sehr zärtlich zu uns, dann wieder schien sie uns gar nicht wahrzunehmen. Gelegentlich umarmte und küßte sie uns wie toll – besonders mich, wobei ich hoffte, daß Olivia das nicht bemerkte. Mama hatte leuchtende braune Augen und eine Fülle kastanienbrauner Haare; wie unser höchst ungewöhnliches Zimmermädchen Rosie Rundall mir zuflüsterte, gab Everton sich viel Mühe, die Farbe von Mamas Haaren mit geheimnisvollen Wässerchen zu erhalten. Die Schönheit unserer Mutter zu bewahren war offenbar ein aufwendiges Unterfangen. Everton verstand sich bestens darauf, und sie hielt den ganzen Haushalt in Schach und verlangte absolute Stille, wenn unsere Mutter mit eiskalten Wattebäuschen auf den Augenlidern ruhte oder von Evertons kundigen Händen sanft massiert wurde. Dabei führten die zwei unentwegt Gespräche über die neueste Mode.

»Es ist wirklich anstrengend, eine Schönheit zu sein«, bemerkte ich zu Olivia, und Rosie Rundall, die zufällig dabei war, pflichtete mir bei: »Darauf kannst du Gift nehmen!«

Rosie Rundall war das ungewöhnlichste Hausmädchen, das ich je gekannt hatte. Sie war groß und hübsch. Hausmädchen wurden ja immer nach ihrem Aussehen ausgesucht. Sie waren die Dienstboten, die Besucher zu Gesicht bekamen, und häßliche Mädchen konnten einen schlechten Eindruck von dem Hauswesen vermitteln. Meiner Meinung nach hatten wir in Rosie ein unübertreffliches Hausmädchen.

Rosie verstand überaus würdevoll mit Gästen umzugehen. Sie fiel den Leuten auf. Sie bemerkte das und nahm diese unausgesprochene Ehrung mit schweigsamer Würde entgegen. Aber wenn sie mit Olivia und mir zusammen war – was ihr sehr häufig gelang –, war sie ein ganz anderer Mensch.

Olivia und ich liebten Rosie sehr. Es gab nicht viele Menschen, denen wir Zuneigung entgegenbringen konnten. Unser Vater war zu tugendhaft, unsere Mutter war zu schön, und Miss Bell war zwar sehr tüchtig und gewiß sehr gut für uns, aber liebevoll war sie nicht gerade.

Rosie war gutmütig und setzte sich mühelos über jede Autorität hinweg. Wenn Olivia ihre frische Schürze mit Sauce bekleckerte, nahm Rosie sie ihr geschwind ab, und sie hatte sie binnen so kurzer Zeit gewaschen und gebügelt, daß niemand etwas merkte. Und wenn ich eine kostbare Vase zerbrach, die im Salon auf einer Etagere stand, so klebte Rosie sie wieder zusammen und stellte sie so geschickt hin, daß niemand Verdacht schöpfen konnte.

»Laß mich nur machen«, sagte sie dann lächelnd. »Keiner wird etwas merken. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.«

Wenn sie – einmal in der Woche – abends ausging (sie hatte gleich, als sie zu uns kam, auf dem freien Abend bestanden, und Mrs. Winch, froh, ein so gutaussehendes Mädchen einstellen zu können, hatte ihn bewilligt), zog sich Rosie wie eine Dame an. Sie verwandelte sich in eine ganz andere Person als die, die wir in Häubchen und Schürze kannten. In einem Seidenkleid und einem Hut mit einer kecken Feder, mit Handschuhen und einem Schirmchen sah sie einfach fabelhaft aus.

Wenn ich sie fragte, wohin sie ging, gab sie mir einen kleinen Stups und sagte: »Das wird nicht verraten. Ich sag’s dir, wenn du fünfundzwanzig bist.« Das war eine ständige Redensart von ihr. »Eines Tages, wenn du fünfundzwanzig bist, wirst du’s erfahren.« Ich sah mir immer gern die bedeutenden Leute an, die zu uns ins Haus kamen. Von der Halle aus wand sich eine schöne Treppe bis ins Dachgeschoß, mit einem Lichtschacht in der Mitte, so daß man vom obersten Stockwerk, wo die Schlafkammern der Dienstboten, die Kinderzimmer und das Schulzimmer lagen, in die Halle hinunterschauen und sehen konnte, was dort vorging. Stimmen wehten hinauf, und oft konnte man auf diese Weise dies oder jenes aufschnappen. Aber nichts war so ärgerlich – oder so spannend –, wie wenn ein Gespräch an einem entscheidenden Punkt abbrach. Ich genoß dieses Spiel über die Maßen, auch wenn Olivia es ungehörig fand.

»Lauscher«, meinte sie altklug, »haben noch nie etwas Gutes über sich zu hören bekommen.«

»Liebste Schwester«, gab ich zurück, »wann bekommen wir je irgend etwas über uns zu hören? Gutes oder Schlechtes?«

»Man kann nie wissen, was man zu hören bekommt.«

»Das ist wahr. Und deswegen ist es auch so aufregend.«

Die schlichte Wahrheit war, daß ich ausgesprochen gerne lauschte. Uns wurde so vieles vorenthalten – ungeeignet für unsere Ohren, nahm ich an, und ich hatte einfach das unwiderstehliche Verlangen, diese Dinge zu erfahren.

Es machte großen Spaß, auf die ankommenden Gäste hinunterzublicken und besonders unsere schöne Mutter zu beobachten, wie sie in der ersten Etage auf der Treppe stand. Hier befanden sich das Empfangszimmer und der Salon, wo oft bekannte Künstler – Pianisten, Violinisten und Sänger – unsere Gäste unterhielten.

Die arme Olivia hockte neben mir und stand Todesängste aus, daß man uns entdecken könnte. Sie war ein sehr furchtsames Mädchen. Immer war ich die Anführerin, wenn es etwas Abenteuerliches zu unternehmen galt, obgleich Olivia zwei Jahre älter war als ich. Miss Bell pflegte zu sagen: »Äußere dich doch auch mal, Olivia. Laß nicht immer Caroline den Ton angeben.«

Doch Olivia war und blieb zurückhaltend. Sie war eigentlich recht hübsch, gehörte jedoch zu den Menschen, die man einfach nicht bemerkt. Alles an ihr war nett, aber unauffällig. Sie hatte ein schmales, blasses Gesicht mit großen braunen Augen. »Gazellenaugen«, sagte ich zu ihr, worauf sie nicht wußte, ob sie geschmeichelt oder gekränkt sein sollte. Das war typisch für Olivia. Sie war sich ihrer nie sicher. Sie hatte schöne Augen, war aber kurzsichtig, was ihr ein etwas hilfloses Aussehen verlieh. Sie hatte glattes, feines Haar, das sich nicht bändigen ließ; immer lösten sich zu Miss Bells Verzweiflung ein paar Strähnen. Es gab Zeiten, da hatte ich das Gefühl, Olivia beschützen zu müssen, aber meistens stiftete ich sie zu leichtsinnigen Abenteuern an.

Ich dagegen war ganz anders, sowohl im Aussehen als auch im Temperament. Miss Bell sagte stets, sie hätte es nie für möglich gehalten, daß zwei Schwestern so verschieden sein konnten. Mein Haar war dunkler als Olivias, fast schwarz, und meine Augen waren von einem klaren Grün, das ich mit einer grünen Schleife im Haar gern betonte, denn ich war sehr eitel und mir meiner auffälligen Farbgebung bewußt. Zwar war ich weit davon entfernt, mich für hübsch zu halten, aber ich blieb nicht unbemerkt. Mit meiner Stupsnase, dem breiten Mund und der hohen Stirn – in einem Zeitalter, wo niedrige Stirnen modern waren – hatte ich keinen Anspruch, als schön zu gelten. Aber ich besaß etwas – meine Lebhaftigkeit, denke ich –, das die Leute daran hinderte, mich mit einem flüchtigen Blick abzutun; sie sahen mich unweigerlich genauer an.

Zum Beispiel Captain Carmichael. Ich dachte stets mit großem Vergnügen an ihn. Er sah prachtvoll aus in seiner rot-goldenen Uniform, aber in Reitkleidern oder im Abendanzug war er ausgesprochen schön. Er war der eleganteste und interessanteste Gentleman, den ich kannte, und er besaß eine Eigenschaft, die ihn für mich unwiderstehlich machte: Er ließ mir seine besondere Aufmerksamkeit zuteil werden. Er lächelte mir zu, und wenn sich die Gelegenheit ergab, sprach er mit mir, als sei ich eine bedeutende junge Dame und nicht ein kleines Mädchen, das dem Schulalter noch nicht entwachsen war.

Und wenn ich die Treppe hinunterspähte, hielt ich immer nach Captain Carmichael Ausschau.

Wir beide teilten ein Geheimnis, in das auch meine Mutter eingeweiht war. Es betraf ein goldenes Medaillon, das schönste Schmuckstück, das ich je besessen hatte. Schmuck zu tragen war uns freilich verboten, und es war wirklich gewagt von mir, dieses Medaillon umzuhängen. Ich hielt es unter meinem Mieder versteckt, das so hoch geschlossen war, daß niemand das Medaillon sehen konnte; aber ich war glücklich, es auf meiner Haut zu spüren. Es war aufregend, weil es heimlich war.

Ich hatte es geschenkt bekommen, als wir auf dem Land waren.

Unser Landhaus war etwa zwanzig Meilen von London entfernt – ein herrschaftliches Gebäude im Queen-Anne-Stil, das in einem zwanzig Morgen umfassenden parkartigen Gelände stand. Es war sehr komfortabel, aber es war nicht Tressidor Manor, wie ich meinen Vater voll Bitterkeit hatte sagen hören.

Wir Mädchen verbrachten damals die meiste Zeit dort, umsorgt von einer Schar Dienstboten und von Miss Lucy Bell, die das Kinderzimmer unter sich hatte. Sie kam uns alt vor, aber damals schien uns jeder uralt, der über zwanzig war. Sie mußte etwa dreißig gewesen sein, als sie zu uns kam, und zur besagten Zeit war sie vier Jahre bei uns. Sie war sehr auf die Erfüllung ihrer Pflichten bedacht, nicht nur, weil sie ihren Unterhalt verdienen mußte, sondern auch, dessen war ich sicher, weil sie uns auf ihre Art gern hatte.

Unsere Kinderzimmer auf dem Land – große, freundliche, sonnige Räume im Dachgeschoß – boten uns einen herrlichen Blick über Wälder und grüne Felder. Wir hatten eigene Ponys und ritten sehr viel. In London ritten wir auch, allerdings in einer Reihe hintereinander, was aufregend war wegen der Leute, die sich vor unserer Mutter verneigten, wenn sie gelegentlich mit uns ausritt, aber es ging doch nichts über das Reiten auf dem Lande und das Vergnügen, über den federnden Rasen zu galoppieren.

Ungefähr einen Monat, bevor wir nach London kamen, traf unsere Mutter überraschend auf dem Lande ein. Sie wurde begleitet von Everton nebst Hutschachteln und viel Gepäck, mit allem, was meine Mutter benötigte, um sich das Leben angenehm zu machen. Sie kam selten aufs Land, und im Haus herrschte daher rege Geschäftigkeit.

Sie rauschte ins Schulzimmer und umarmte uns beide herzlich. Wir waren überwältigt von ihrer Schönheit, ihrem Duft und ihrer eleganten Erscheinung in dem hellgrauen Rock und der rosafarbenen Bluse mit Biesen und Rüschen.

»Meine süßen Mädchen!« rief sie. »Wie schön, euch zu sehen! Jetzt will ich eine Weile mit meinen Mädchen allein sein.«

Olivia lief rot an vor Freude. Auch ich freute mich, aber ich fragte mich auch ein wenig skeptisch, warum ihr plötzlich so viel an uns lag, da sie sich vorher so viele Gelegenheiten, mit uns zusammen zu sein, hatte entgehen lassen.

Damals kam mir der Gedanke, daß sie womöglich nicht so leicht zu verstehen war wie Papa. Papa war allmächtig, allwissend, das mächtigste Wesen, das wir kannten; er kam gleich nach dem lieben Gott. Mama war eine Dame voller Geheimnisse. Ich besaß zu jener Zeit mein Medaillon noch nicht, also hatte ich kein eigenes großes Geheimnis, aber ich las etwas in Mamas Augen.

Sie lachte mit uns und sah sich unsere Zeichnungen und Aufsätze an.

»Olivia ist ziemlich begabt«, sagte Miss Bell.

»Wahrhaftig, Liebling! Ich glaube, du wirst einmal eine große Künstlerin.«

»Das wohl kaum«, erwiderte Miss Bell, die immer befürchtete, zuviel Lob könne schaden.

Olivia war selig. Sie hatte etwas reizend Unschuldiges. Sie glaubte stets an das Gute, und ich kam zu der Einsicht, daß dies eine große Gabe war.

»Caroline schreibt recht gut.«

Meine Mutter blickte verständnislos auf die unordentliche Seite, die ihr gezeigt wurde, und murmelte: »Sehr hübsch.«

»Ich meinte nicht ihre Handschrift«, sagte Miss Bell. »Ich meine ihre Satzkonstruktionen und wie sie die Worte verwendet. Sie hat Phantasie und versteht sich auszudrücken.«

»Wie wundervoll!«

Geistesabwesend betrachtete sie das Blatt Papier; doch der Ausdruck ihrer schönen Augen verriet mir, daß sie an etwas anderes dachte.

Am nächsten Tag traf der Grund für Mamas Landpartie ein. Das war das erste der wichtigen Ereignisse, die ich damals noch nicht erkannte.

Captain Carmichael kam zu Besuch.

Wir waren mit Mama im Rosengarten und bildeten sicher ein hübsches Bild: Sie hielt ein Buch in der Hand, wir beiden Mädchen saßen ihr zu Füßen. Sie las uns nicht vor, aber es sah so aus.

Captain Carmichael wurde zu uns geführt.

»Captain Carmichael!« rief meine Mutter. »So eine Überraschung!«

»Ich war auf dem Weg nach Salisbury, und da dachte ich, Robert würde mir nie verzeihen, wenn ich in der Nähe gewesen und nicht vorbeigekommen wäre. Und ... da bin ich nun.«

»Robert ist leider nicht hier. Aber es ist eine reizende Überraschung.« Meine Mutter erhob sich und klatschte in die Hände wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum.

»Bleiben Sie, trinken Sie Tee mit uns«, fuhr sie fort. »Olivia, geh, sag, sie sollen Tee bringen. Caroline, du gehst mit Olivia.«

Wir gingen und ließen die beiden allein.

Das wurde eine wundervolle Teestunde! Es war Anfang Mai, eine herrliche Jahreszeit. Rote und weiße Blüten an den Bäumen, der Duft frischgemähten Grases in der Luft, die Vögel sangen, und die Sonne – noch war sie mild und nicht zu heiß – schien auf uns herab.

Captain Carmichael unterhielt sich mit uns. Er erkundigte sich nach unseren Fortschritten beim Reiten. Olivia sagte nicht viel, aber ich erzählte eine ganze Menge, und es schien ihm zu gefallen. Wenn seine und meiner Mutter Blicke sich trafen, schienen sie mich einzuschließen, und das machte mich sehr glücklich. Was Olivia und mir fehlte, war Zuwendung. Für unsere körperlichen Bedürfnisse war bestens gesorgt, doch wenn man heranwächst und mit der Welt Bekanntschaft macht, dann braucht man nichts so sehr wie Zuwendung, echte Zuneigung. An diesem Nachmittag schien sie uns gewährt.

Ich wünschte, es würde immer so sein. Ich dachte, wie anders unser Leben gewesen wäre, wenn wir jemanden wie Captain Carmichael zum Vater hätten.

Er war ein faszinierender Mann. Er war viel in der Welt herumgekommen. Er war mit General Gordon im Sudan gewesen und hatte die Belagerung von Khartoom miterlebt. Er schilderte lebhaft die Entbehrungen, die Angst, die Entschlossenheit seiner Leute – obwohl ich glaube, daß er uns nicht die ganze Wahrheit enthüllte, weil sie für unsere kindlichen Ohren zu schrecklich war. Nach dem Tee erhob er sich, und meine Mutter sagte: »Sie dürfen jetzt nicht weglaufen, Captain. Möchten Sie nicht über Nacht bleiben? Morgen können Sie in aller Frühe aufbrechen.«

Er zögerte ein Weilchen, wobei er sie verschmitzt ansah.

»Nun ja ... vielleicht läßt es sich einrichten.«

»Fein. Das ist wunderbar. Schätzchen, geht und sagt, sie sollen ein Zimmer für Captain Carmichael herrichten ... oder nein, ich geh lieber selbst. Kommen Sie, Captain. Ich bin so froh, daß Sie hier sind.«

Olivia und ich blieben sitzen, verwirrt vom Besuch des netten Gentleman.

Am nächsten Morgen ritten wir alle zusammen aus. Wir waren sehr ausgelassen. Der Captain ritt an meiner Seite und sagte, ich säße auf dem Pferd wie ein richtiger Reiter.

»Jeder ist ein Reiter, der auf einem Pferd reitet«, erwiderte ich. Selbst in meiner Seligkeit war ich noch aufsässig.

»Manche sind Kartoffelsäcke – die anderen sind Reiter.«

Das kam mir unglaublich komisch vor, und ich lachte unmäßig.

»Sie haben anscheinend Erfolg bei Caroline, Captain«, sagte meine Mutter.

»Sie lacht über meine Scherze. Das ist der nächste Weg zum Herzen eines Mannes, so sagt man doch?«

»Ich dachte, der schnellste Weg sei, ihn zu verköstigen.«

»Die Würdigung der geistigen Fähigkeiten kommt zuerst. Komm, Caroline, mal sehen, wer zuerst am Wald ist.«

Es war herrlich, an seiner Seite dahinzufliegen, den Wind im Gesicht. Er sah mich dauernd an und lächelte, als hätte er mich sehr gern.

Wir gingen auch auf die Koppel, weil er sehen wollte, wie wir sprangen. Wir zeigten ihm, was uns unser Reitlehrer kürzlich beigebracht hatte. Dabei machte ich es viel besser als Olivia, die immer zu ängstlich war und bei einem Sprung beinahe vom Pferd stürzte.

Captain Carmichael und meine Mutter klatschten mir Beifall.

»Hoffentlich bleiben Sie noch lange«, flüsterte ich dem Captain zu.

»Leider! Leider!« Er sah meine Mutter an und zuckte die Achseln.

»Vielleicht noch eine Nacht?« schlug sie vor.

Er blieb zwei Nächte, und kurz bevor er aufbrach, ließ meine Mutter mich rufen. Sie war in ihrem kleinen Wohnzimmer, und Captain Carmichael war bei ihr.

»Ich muß bald gehen, Caroline«, sagte er. »Ich möchte mich verabschieden.«

Er legte mir seine Hände auf die Schultern und sah mich ein paar Sekunden an. Dann drückte er mich an sich und gab mir einen Kuß.

Als er mich losließ, fuhr er fort: »Ich möchte dir etwas schenken, Caroline, damit du immer an mich denkst.«

»Oh, ich werde Sie nie vergessen.«

»Das weiß ich. Aber ein kleines Andenken, ja?«

Darauf zog er das Medaillon hervor. Es hing an einem goldenen Kettchen, und er sagte: »Mach es doch auf.«

Ich fingerte daran herum, dann nahm er es mir aus der Hand. Das Medaillon sprang auf und enthüllte eine wunderschöne Miniatur von ihm. Sie war winzig, aber so ausgezeichnet gearbeitet, daß seine Züge klar zu erkennen waren.

»Wie schön!« rief ich und sah von Captain Carmichael zu meiner Mutter.

Beide blickten gerührt erst mich und dann einander an.

Daraufhin meinte meine Mutter trocken: »Ich an deiner Stelle würde es keinem Menschen zeigen, nicht einmal Olivia.«

Oh, dachte ich, Olivia bekommt also kein Geschenk. Sie wollen nicht, daß sie neidisch wird.

»Ich würde es weglegen, bis du älter bist«, riet meine Mutter. Ich nickte.

»Danke«, murmelte ich. »Vielen, vielen Dank.«

Er nahm mich in die Arme und gab mir noch einen Kuß.

Am Nachmittag sagten wir ihm Lebewohl.

»Zum Jubiläum bin ich zurück«, sagte er zu meiner Mutter.

So kam ich zu dem Medaillon. Ich liebte es und betrachtete es oft. Aber ich konnte es nicht wegstecken. Ich fand es sehr aufregend, weil ich es geheimhalten mußte. Ich trug es tagsüber unter meinem Mieder und bewahrte es nachts unter meinem Kopfkissen auf. Wenn ich es ansah, weidete ich mich nicht nur an seiner Schönheit, sondern auch daran, daß es ein Geheimnis war, das nur ich, meine Mutter und Captain Carmichael kannten.

Am 14. Juni kamen wir nach London zurück, eine Woche vor dem großen Tag des Jubiläums. Die Fahrt vom Land nach London war jedesmal aufregend. Wir näherten uns von Osten, und der Tower erschien mir wie das Bollwerk der Stadt. Grimmig, bedrohlich kündete er von vergangenen Tragödien, und ich mußte jedesmal an die Menschen denken, die dort vor langer Zeit eingekerkert waren.

Dann gelangten wir in die Stadt, vorbei an dem vergleichsweise neuen Parlamentsgebäude, das einen so prachtvollen Anblick am Fluß bot und dabei den falschen Eindruck erweckte, es habe der Witterung schon genauso lange getrotzt wie der Tower.

Nie konnte ich mich entscheiden, was mir lieber war, London oder das Land. Auf dem Land war es heimelig, alles schien in Ordnung, war voll Heiterkeit und Frieden, die ich in London vermißte. Papa war freilich selten auf dem Land, und wenn er kam, schwanden Frieden und Heiterkeit. Gesellschaften wurden gegeben, und Olivia und ich mußten uns möglichst unsichtbar machen. So hing unser Wohlbefinden vielleicht auch davon ab, wo Papa sich jeweils befand.

Aber es war immer aufregend, nach London zurückzukehren, genau wie ich mich jedesmal freute, wieder aufs Land zu fahren. Diesmal war die Rückkehr etwas Besonderes, denn kaum hatten wir die Hauptstadt erreicht, als uns schon die allgemeine Aufregung ergriff, die Miss Bell das »Jubiläumsfieber« nannte.

Die Straßen der Stadt waren voll lärmender Menschen. Ich beobachtete sie voller Vergnügen: all diese Leute mit ihren Waren, die selten in unser Viertel eindrangen, den Stuhlflicker, der auf dem Pflaster saß und Rohrstühle reparierte, den Katzenfutterverkäufer mit seinem Schubkarren voll ekelhaft aussehendem Pferdefleisch, den Kesselflicker, den Schirmflicker und das Mädchen mit der großen Papierhaube, das einen Korb voll Papierblumen trug, mit denen man in den Sommermonaten die Kamine dekorierte, wenn kein Feuer brannte. Blaskapellen zogen durch die Straßen und spielten bekannte Melodien. Was mir jedoch am meisten auffiel, waren die Verkäufer von Jubiläumsandenken – Becher, Hüte, Schmuckstücke. »Gott schütze die Königin« stand darauf oder »Fünfzig glorreiche Jahre«.

Eine fröhliche Stimmung machte sich breit, und ich war froh, daß wir vom Land gekommen waren, um daran teilzuhaben.

Auch im Haus herrschte Aufregung. Miss Bell sagte, es sei ein Glück für uns, Untertanen einer solchen Königin zu sein, und wir sollten uns unser Leben lang an das Jubiläum erinnern.

Rosie Rundall führte uns ein neues Kleid vor, das sie sich extra für die Feierlichkeiten zugelegt hatte. Es war aus weißem, mit lavendelfarbenen Blümchen bedecktem Musselin, und dazu hatte sie einen passenden lavendelfarbenen Strohhut.

»Das wird ein Trubel werden«, lachte sie, »und Rosie Rundall wird sich mindestens genauso amüsieren wie die Königin – wenn nicht mehr.«

Meine Mutter schien verändert seit dem denkwürdigen Augenblick, als Captain Carmichael mir das Medaillon geschenkt hatte. Sie freue sich, uns zu sehen, sagte sie. Sie umarmte uns und eröffnete uns, daß wir uns mit ihr die Jubiläumsparade ansehen würden. War das nicht aufregend?

Und ob, stimmten wir zu.

»Werden wir die Königin auch sehen?« fragte Olivia.

»Aber natürlich, Liebes. Was wäre das denn ohne sie für ein Jubiläum?«

Wir ließen uns gern von der Aufregung anstecken.

»Euer Vater«, sagte Miss Bell, »hat an so einem Tag natürlich seine Verpflichtungen. Er wird bei Hofe sein.«

»Reitet er mit der Königin?« fragte Olivia.

Ich brach in Lachen aus. »Dazu ist nicht einmal er bedeutend genug«, spottete ich.

Eines Morgens, als wir bei Miss Bell Unterricht hatten, kamen meine Eltern ins Schulzimmer. Das geschah so unerwartet, daß wir alle sprachlos waren – sogar Miss Bell. Sie erhob sich, errötete leicht und murmelte: »Guten Morgen, Sir, Guten Morgen, Madam.«

Auch Olivia und ich hatten uns erhoben und standen da wie zwei Statuen. Wir fragten uns, was dieser Besuch wohl zu bedeuten hatte.

Unser Vater machte ein Gesicht, als frage er sich, wie er nur eine solche Brut hatte zeugen können. Ich hatte nämlich einen Fleck auf dem Mieder. Komischerweise machte ich mich beim Schreiben immer schmutzig. Ich warf den Kopf zurück und sah ihn trotzig an, dabei warf ich einen Blick auf Olivia. Sie war blaß und sichtlich nervös.

Jetzt wurde ich ärgerlich. Kein Mensch hatte das Recht, eine solche Wirkung auf andere auszuüben, und ich gelobte mir heimlich, mich nicht von Papa einschüchtern zu lassen.

Er sagte: »Nun, seid ihr stumm?«

»Guten Morgen, Papa«, sprachen wir einstimmig. »Guten Morgen, Mama.«

Meine Mutter lachte kurz auf. »Ich nehme sie mit, um die Parade anzuschauen.«

Er nickte. Das sollte wohl Zustimmung bedeuten.

Meine Mutter fuhr fort: »Clare Ponsonby und Delis Sanson haben uns beide eingeladen. Die Parade kommt bei ihnen vorbei, und von ihren Fenstern hat man eine ausgezeichnete Sicht.«

»Ja, allerdings.« Er sah Miss Bell an. Wie ich, war auch sie entschlossen, nicht zu zeigen, wie nervös er sie machte. Sie war schließlich eine Pfarrerstochter, und Pfarrersfamilien waren stets so geachtet, daß ihre Töchter von Brotherren bevorzugt behandelt wurden; außerdem war sie eine kluge Dame und nicht gewillt, sich vor ihren Schülerinnen einschüchtern zu lassen.

»Und was halten Sie von Ihren Schülerinnen, hm, Miss Bell?«

»Sie machen gute Fortschritte.«

Meine Mutter sagte, abermals mit diesem leisen Auflachen: »Miss Bell hat mir erzählt, die Mädchen seien klug – jede auf ihre Art.«

»Hm.« Er sah Miss Bell fragend an, und ich dachte, daß keine Furcht zu zeigen in seiner Gegenwart das richtige Benehmen sei. Die meisten Leute ließen sich ihre Angst anmerken, und dann wurde er nur noch gottähnlicher. Ich bewunderte Miss Bell.

»Ihr habt hoffentlich Gott dafür gedankt, daß er uns unsere Königin erhalten hat«, fuhr er fort und sah dabei Olivia an.

»O ja, Papa«, bestätigte ich eifrig.

»Wir alle müssen Gott dankbar sein, daß er uns eine solche Herrscherin beschert hat.«

Ach, dachte ich. Sie ist die Königin, aber sie ist eine Frau. Niemand hat ihr die Krone weggenommen, weil sie eine Frau ist, also hat Cousine Mary auch ein Recht auf Tressidor Manor. Solche Gedanken gingen mir in den seltsamsten Momenten immer durch den Kopf.

»O ja, Papa«, sagte ich, »wir sind dankbar, daß er uns eine so große Herrscherin beschert hat.«

Er funkelte Olivia an, die ihn ängstlich ansah. »Und du? Was hast du zu sagen?«

»Nun ... ja ... ja ... Papa«, stammelte Olivia.

»Wir sind alle sehr dankbar«, sagte meine Mutter, »und bei den Ponsonbys oder Sansons ... werden wir Ihre Majestät hochleben lassen, bis wir heiser sind, nicht wahr, meine Süßen?«

»Ich halte es für besser, wenn ihr in respektvollem Schweigen zusehen würdet«, sagte mein Vater.

»Selbstverständlich, Robert.« Meine Mutter trat zu ihm und schob ihren Arm durch den seinen. Ich staunte über eine solche Kühnheit, doch er schien nichts dagegen zu haben, ja, er fand die Berührung offenbar äußerst angenehm,

»Komm«, sagte sie. Zweifellos sah sie, daß wir das Ende der Unterredung herbeisehnten, und sie fand sie wohl auch selbst etwas ermüdend. »Die Mädchen werden sich gut benehmen und uns alle Ehre machen, nicht wahr, ihr zwei?«

»O ja, Mama.«

Sie lächelte ihn an. Er verzog die Lippen ein klein wenig nach oben, als könne er nicht umhin, zurückzulächeln, auch wenn er sich alle Mühe gab, es zu unterdrücken.

Als sich die Tür hinter ihnen schloß, stießen wir alle einen Seufzer der Erleichterung aus.

»Warum ist er eigentlich hergekommen?« fragte ich, wie üblich ohne zu überlegen.

»Euer Vater fühlt sich gelegentlich verpflichtet, dem Schulzimmer einen Besuch abzustatten«, erklärte Miss Bell. »Das gehört sich so für einen Vater, der immer seine Pflicht erfüllt.«

»Ich bin froh, daß Mutter mitgekommen ist. Dann ist er nicht ganz so streng.«

Miss Bell schwieg.

Dann schlug sie ein Buch auf. »Sehen wir mal, was William der Eroberer jetzt macht. Erinnert ihr euch, wir verließen ihn, als er die Eroberung dieser Inseln plante.«

Während wir lasen, dachte ich an meine Eltern. Warum hatte meine Mutter, die so gern lachte, meinen Vater geheiratet, der überhaupt nicht gern lachte? Warum veränderte sich seine Miene, wenn sie nur ihren Arm durch seinen schob? Warum mußte sie ins Schulzimmer kommen und uns erzählen, daß wir entweder bei den Ponsonbys oder bei den Sansons die Parade anschauen würden, wenn wir es doch schon wußten?

Erwachsene hatten so viele Geheimnisse! Es müßte interessant sein zu wissen, was sie wirklich dachten, denn wenn sie etwas sagten, meinten sie oft etwas anderes.

Ich spürte das Medaillon auf meiner Haut.

Auch ich hatte mein Geheimnis.

Als der große Tag nahte, steigerte sich die Erregung. Alle sprachen nur noch von dem Jubiläum. Am Vortag wurde eine Abendgesellschaft gegeben, und zu dem allgemeinen Jubiläumsfieber kam die Geschäftigkeit, die ein solcher Anlaß jedesmal mit sich brachte.

Am Vormittag machte Miss Bell mit uns den üblichen Morgenspaziergang. In den sonst so stillen Straßen wimmelte es von Händlern, die Jubiläumsandenken feilboten.

»Kaufen Sie einen Becher für die jungen Damen«, riefen sie.

»Kommen Sie, erweisen Sie Ihrer Majestät Respekt.«

Miss Bell eilte mit uns weiter und schlug vor, in den Park zu gehen. Unterwegs erzählte sie uns von der großen Ausstellung, die im Andenken an die Schirmherrschaft des Prinzgemahls aufgebaut worden war, des vielbetrauerten Gatten unserer guten Königin. Wir hatten das alles schon öfter gehört, und ich widmete meine Aufmerksamkeit lieber den Enten. Wir hatten nichts mitgebracht, um sie zu füttern. Mrs. Terras, die Köchin, versorgte uns meistens mit trockenem Brot, aber heute morgen war sie wegen der bevorstehenden Abendgesellschaft zu beschäftigt, um sich mit uns abzugeben.

Wir setzten uns ans Wasser. Miss Bell, stets darauf bedacht, unsere Bildung zu vervollkommnen, lenkte das Thema auf die Thronbesteigung der Königin vor fünfzig Jahren und erzählte zum vielmals wiederholten Male, wie sich unsere gute Königin damals vom Bett erhoben und in ihren Morgenmantel gehüllt hatte, wobei die langen blonden Haare ihr auf die Schultern fielen, und ihr dann gemeldet wurde, daß sie nun Königin sei.

»Wir müssen uns merken, was die gute Königin sagte – so jung und so klug ... ja, schon damals so klug. Sie sagte: ›Ich werde gut sein.‹ Jawohl! Wer hätte gedacht, daß ein junges Mädchen soviel Klugheit beweisen könnte? Sie war kaum älter als du, Olivia. Stellt euch das vor. Wer anders hätte einen solchen Schwur tun können?«

»Olivia«, sagte ich. »Sie will auch immer gut sein.«

Mir kam der Gedanke, daß gute Menschen nicht immer klug seien, und ich konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen, daß die beiden Eigenschaften nicht immer Hand in Hand gingen.

Miss Bell ermahnte mich mit leicht verzweifelter Miene: »Du mußt lernen, dir die Argumente jener zu eigen zu machen, die älter und klüger sind als du, Caroline.«

»Aber wenn man nichts in Frage stellt, wie kann man dann neue Antworten finden?«

»Warum eine neue Antwort suchen, wenn du schon eine hast?«

»Weil es vielleicht noch eine andere gibt.«

»Ich glaube, wir sollten jetzt umkehren«, meinte Miss Bell. Warum, grübelte ich, wurden interessante Gespräche immer so abrupt beendet?

Von unserem Schlafzimmer aus konnten wir die Kutschen mit den Gästen vorfahren sehen. Der ganze Platz war voll, und ich nahm an, daß wir nicht die einzigen waren, bei denen eine Abendgesellschaft stattfand.

Es war acht Uhr. Eigentlich sollten wir schon im Bett liegen, um am nächsten Morgen frisch zu sein. Wir wollten das Haus in aller Frühe verlassen, um an Ort und Stelle zu sein, bevor die Straßen für den Verkehr gesperrt wurden. Die Kutsche sollte uns zu den Ponsonbys oder zu den Sansons bringen – man hatte uns nicht gesagt, welcher Einladung wir folgen würden. Da wir mit unserer Mutter gingen, war Miss Bell sich selbst überlassen. Sie wollte Everton zu einem günstigen Aussichtspunkt begleiten, denn auch die Dienstboten hatten ihre Vorkehrungen getroffen. Rosie jedoch wollte sich selbständig machen.

»Gehst du allein?« fragte ich sie. Sie versetzte mir einen leichten Stups.

»Wer nicht fragt, wird nicht belogen«, sagte sie.

Ich glaube, Papa hatte bestimmte Aufgaben wahrzunehmen. Für mich war nur wichtig, daß er nicht bei uns sein würde. Er hätte uns die Stimmung gründlich verdorben.

Nachdem wir die Ankunft der Kutschen gesehen hatten, ging ich mit Olivia zu unserem Posten am Geländer und beobachtete den Empfang der Gäste.

Unsere Mutter glitzerte in einem mit rosafarbenen Perlen besetzten Kleid. Sie trug einen Diamantreif im Haar und sah phantastisch aus. Papa stand neben ihr, prächtig anzuschauen in seinem schwarzen Anzug mit dem Rüschenhemd.

Wir hörten ihre Stimmen und schnappten gelegentlich eine Bemerkung auf.

»Wie nett, daß Sie gekommen sind.«

»Es ist mir ein Vergnügen.«

»Welch wunderbare Einleitung zu dem großen Tag.«

Und so weiter.

Dann tat mein Herz einen freudigen Sprung, denn Captain Carmichael trat zu meinen Eltern.

Er war also wieder in London, wie er gesagt hatte. Er sah fabelhaft aus, auch wenn er nicht in Uniform war. Er war so groß wie mein Vater und auf seine Art ebenso beeindruckend – nur, wo mein Vater gedrückte Stimmung verbreitete, da brachte er Fröhlichkeit mit.

Er ging weiter, und die nächsten Gäste wurden begrüßt.

Ich war verwirrt. Ich wagte nicht, mein Medaillon zu tragen, denn ich war im Nachthemd, und da hätte man es gesehen. Es lag unter meinem Kopfkissen. Dort war es sicher, aber in diesem Augenblick hätte ich es gern bei mir gehabt.

Als alle Gäste begrüßt waren, wollte ich noch weiter dort sitzenbleiben.

»Ich geh wieder ins Bett«, sagte Olivia.

Ich nickte. Sie ging leise fort, aber ich saß da und hoffte, daß Captain Carmichael herauskommen und ich noch einen Blick auf ihn erhaschen würde.

Ich lauschte auf die Geräusche. Bald würde man sich ins Speisezimmer in der ersten Etage begeben.

Da kam meine Mutter mit Captain Carmichael heraus. Sie unterhielten sich ganz leise, und bald gesellten sich ein Herr und eine Dame zu ihnen. Sie blieben eine Weile stehen und plauderten – natürlich über das Jubiläum.

Ich schnappte Gesprächsfetzen auf.

»Sie soll sich geweigert haben, eine Krone zu tragen.«

»Ja, sie setzt eine Haube auf.«

»Eine Haube! Nein, so was!«

»Psst! Majestätsbeleidigung!«

»Aber es ist wahr. Halifax hat ihr gesagt, das Volk wünscht Gold für sein Geld, und Rosbery sagt, ein Königreich muß mit einem Zepter regiert werden und nicht mit einer Haube.«

»Eine Haube? Wirklich? Nicht zu fassen.«

»Aber ja, so lautet der Befehl für alle. Hauben, lange, hochgeschlossene Kleider ohne Umhang.«

»Das wird aber nicht sehr majestätisch aussehen.«

»Meine Liebe, wo sie ist, sieht es immer majestätisch aus.«

Captain Carmichael sprach mit klarer Stimme, die bis ins oberste Stockwert zu vernehmen war: »Ich hoffe, es stimmt, daß sie darauf bestand, die Vorschriften des Prinzgemahls über Geschiedene zu lockern.«

»Ja. Unglaublich, nicht wahr? Sie wünscht, daß die bedauernswerten Damen, die unschuldig geschieden sind, zu den Feierlichkeiten zugelassen werden.«

Mein Vater war ein paar Sekunden zuvor herausgekommen.

»Sehr vernünftig«, sagte der Captain. »Warum sollten sie für etwas bestraft werden, woran sie keine Schuld trifft?«

»Unmoral muß bestraft werden«, warf mein Vater ein.

»Mein lieber Tressidor«, gab der Captain zurück, »Unschuldige sind nicht schuldig. Wie könnten sie sonst unschuldig sein?«

»Der Prinzgemahl hatte recht«, beharrte mein Vater. »Er hat alle an dermaßen unerquicklichen Angelegenheiten Beteiligten ausgeschlossen, und ich bin froh, daß Salisbury fest dabei blieb, keine ausländischen Geschiedenen einzuladen.«

»Aber man muß doch menschlich sein«, widersprach der Captain. Mein Vater sagte in eiskaltem Ton: »Es gibt Prinzipien.«

Und meine Mutter warf ein: »Darf ich zu Tisch bitten? Warum stehen wir hier noch herum?«

Sie hatte geschickt das Thema gewechselt. Beim Hinuntergehen sagte jemand zu ihr: »Wie ich höre, werden Sie bei den Ponsonbys sein.«

»Marcia Sanson hat mich auch eingeladen. Meine kleinen Töchter freuen sich so darauf.«

Die Stimmen erstarben.

Ich blieb noch eine Weile nachdenklich sitzen. Ich hatte den Eindruck, daß Captain Carmichael und mein Vater sich nicht sehr gewogen waren.

Ich kroch ins Bett, befühlte mein Medaillon unter dem Kissen und schlief ein.

Am nächsten Morgen waren wir früh auf, und Miss Bell verwendete große Sorgfalt auf unsere Toilette. Sie hatte lange überlegt, welche Kleidung aus unserer bescheidenen Garderobe unserer Mutter am besten gerecht würde. Sie wählte Flaschengrün für mich und helles Erdbeerrot für Olivia. Unsere Kleider hatten beide denselben Schnitt mit gerüschten Röcken, züchtigen Miedern und Ärmeln bis zum Ellbogen. Wir trugen lange weiße Strümpfe, schwarze Stiefel und hielten weiße Handschuhe in der Hand. Jede hatte einen Strohhut, meiner war mit einem grünen Band verziert und Olivias mit einem erdbeerfarbenen.

Wir kamen uns sehr elegant vor. Aber als wir unsere Mutter sahen, merkten wir, wie unscheinbar wir waren im Vergleich zu ihrer prachtvollen Erscheinung. Sie war jeder Zoll die »schöne Mrs. Tressidor«. Sie trug Rosé, eine ihrer Lieblingsfarben, die ihr sehr gut zu Gesicht stand. Der Rock ihres Kleides war weit und mit Rüschen besetzt und so drapiert, daß der Blick auf die Taille gelenkt wurde, die selbst in jenem Zeitalter der schmalen Taillen bemerkenswert war. Das enganliegende Mieder betonte noch den Reiz ihrer Figur. Ihr cremefarbenes Halstuch paßte zu der Spitze an den Ärmeln. Ihr Hut war in den beiden Farben, Rosé und Creme, gehalten und thronte keck auf ihrem schönen Haar. Die cremefarbene Straußenfeder fiel über die Krempe und reichte ihr fast bis zu den Augen, wie um auf deren Funkeln hinzuweisen. Sie wirkte jung und aufgeregt, und wir brachen in fiebernder Vorfreude auf.

Die Kutsche wartete auf uns, Olivia und ich setzten uns rechts und links neben unsere Mutter, und so rollten wir davon.

Die Pferde trabten eine Weile dahin, und plötzlich rief meine Mutter dem Kutscher zu: »Blain, fahren Sie zum Waterloo-Platz.«

Blain wandte sich überrascht um, als habe er nicht recht gehört.

»Aber Madam …«, begann er.

Sie setzte ein reizendes Lächeln auf. »Ich hab’s mir anders überlegt. Waterloo-Platz.«

»Sehr wohl, Madam«, sagte Blain.

»Mama«, rief ich, »gehen wir nicht zu Lady Ponsonby?«

»Nein, Liebes. Wir gehen woandershin.«

»Aber alle haben gesagt …«

»Ich habe einen neuen Plan. Ich glaube, euch wird es dort besser gefallen.«

Ihre Augen glitzerten verschmitzt, und eine ungeheure Aufregung ergriff mich. Ich hatte eine Vorahnung. Ich hatte diesen Blick schon einmal in ihren Augen gesehen, und er erinnerte mich an einen bestimmten Menschen, der ihn hervorgerufen hatte.

»Mama«, sagte ich nachdenklich, »besuchen wir Captain Carmichael?«

Ihre Wangen färbten sich rosig, und sie sah hübscher aus denn je.

»Wieso? Wie kommst du darauf?«

»Ich dachte bloß ... weil …«

»Weil?«

»Wohnt er am Waterloo-Platz?«

»In der Nähe.«

»Also dann …«

»Von dort haben wir eine bessere Sicht.«

Ich lehnte mich zurück. Etwas hatte den Tag verschönt.

Der Captain begrüßte uns. Er hatte uns offensichtlich erwartet. Ich fand es höchst merkwürdig, daß wir zu den Ponsonbys aufgebrochen waren, wenn das hier offensichtlich am Vorabend verabredet worden war.

Wie dem auch sei, ich war zu aufgeregt, um lange darüber nachzudenken. Wir waren hier, und das war die Hauptsache.

Captain Carmichaels Räumlichkeiten waren klein im Vergleich zu unseren, aber hier herrschte eine liebenswerte Unordnung, die mir sogleich auffiel.

»Willkommen!« rief er. »Meine reizenden Damen, seien Sie mir willkommen.«

Es gefiel mir, als reizende Dame bezeichnet zu werden, aber Olivia machte es sichtlich verlegen, denn sie war überzeugt, daß die Beschreibung auf sie nicht zutraf.

»Sie sind sehr pünktlich«, bemerkte er.

»Das mußten wir auch, wenn wir hierhergelangen wollten«, sagte meine Mutter. »Die Straßen werden bald für den Verkehr gesperrt sein.«

»Die Parade kommt auf dem Weg zur Abtei hier entlang«, erklärte der Captain, »aber Sie werden erst wieder fort können, wenn sie umgekehrt ist. Ich bin sehr froh darüber, denn so habe ich länger etwas von der angenehmsten Gesellschaft, die ich mir denken kann. Und nun, meine schönen Damen, lassen Sie mich Ihnen die Sitzgelegenheiten zeigen. Ich nehme an, die Mädchen möchten gern beobachten, was auf der Straße vorgeht.«

Er führte uns zu Sesseln am Fenster, von wo wir eine gute Aussicht auf den Waterloo-Platz hatten.

»Die Route führt vom Palast über Constitution Hill, Piccadilly, Waterloo-Platz und Parliament-Straße zur Abtei. Sie haben also einen guten Standort. Jetzt möchten Sie sicher gern eine kleine Erfrischung. Ich habe Limonade und Plätzchen für die jungen Damen – eine Spezialität meines Kochs, Mr. Fortnum.«

Meine Mutter sagte kichernd: »Ich glaube, das stimmt nicht ganz. Mr. Mason hat sie gemacht.«

»Fortnum oder Mason, ist das nicht einerlei?«

Ich lachte unmäßig, denn ich wußte, daß Fortnum und Mason ein Geschäft am Piccadilly war, und Captain Carmichael wollte damit sagen, daß er die Plätzchen dort gekauft hatte.

»Ich komme mit und helfe Ihnen mit der Limonade«, sagte meine Mutter.

Ich war verwundert. Die Vorstellung, daß sie etwas besorgte, war erstaunlich. Zu Hause klingelte sie, wenn sie nur ein Kissen für ihren Stuhl wünschte.

Sie gingen zusammen hinaus. Olivia machte ein leicht bestürztes Gesicht.

»Es ist alles ungeheuer aufregend«, flüsterte ich.

»Warum sind wir hierhergekommen? Ich dachte, wir gingen zu den Ponsonbys. Und was sollte das mit den Köchen? Fortnum und Mason ist doch ein Geschäft.«

»Ach, Olivia, sei doch nicht so ernst. Es wird bestimmt sehr lustig.«

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie mit der Limonade zurückkamen. Meine Mutter nahm ihren Hut ab. Sie war leicht gerötet, aber sie machte den Eindruck, als ob sie sich hier wie zu Hause fühlte. Unter großem Getue schenkte sie die Limonade ein.

»Später gibt es einen kleinen Imbiß«, verkündete Captain Carmichael.

Ich erinnere mich noch genau an jeden Augenblick jenes Tages. Er war mit einem Zauber, einer gewissen Spannung behaftet, wie der Augenblick, wenn im Theater der Vorhang aufgeht und man nicht genau weiß, was er enthüllen wird. Aber vielleicht wurde mir das erst hinterher klar.

Der große Augenblick kam, als wir die Parade nahen hörten. Ich liebte den Marsch von Händel; er paßte gut zu dem Geschehen. Und da war sie: eine ziemlich unscheinbare kleine Gestalt in – jawohl, mit einer Haube. Allerdings war es eine ganz besondere Haube aus Spitze und mit funkelnden Diamanten besetzt, aber nichtsdestoweniger eine Haube. Die Hochrufe waren ohrenbetäubend, und sie saß da und nahm sie hier und da mit einem Heben der Hand entgegen. Sie wirkte nicht so dankbar, wie sie es nach meiner Meinung bei einem solchen Beweis von Treue und Anhänglichkeit hätte sein müssen. Aber es war ein herrlicher Anblick. Ihrer Kutsche ritten die Prinzen voraus – ihre Söhne, Schwiegersöhne und Enkel. Ich zählte sie. Es waren siebzehn an der Zahl, und der prächtigste darunter war der Schwiegersohn der Königin, Kronprinz Fritz von Preußen, ganz in Weiß und Silber gekleidet, mit dem deutschen Adler auf dem Helm.

Die Parade nahm kein Ende. Ich war gefesselt vom Anblick der indischen Prinzen in ihren prachtvollen Gewändern, die von Edelsteinen glitzerten. Ich sah Gesandte aus ganz Europa, die vier Könige von Sachsen, Belgien, Dänemark und Griechenland. Portugal, Schweden und Österreich hatten wie Preußen ihre Kronprinzen geschickt.

Es schien, daß an diesem Tag die ganze Welt der kleinen alten Dame in ihrer diamantenbesetzten Spitzenhaube, der Königin, die fünfzig Jahre regiert hatte, die Ehre erweisen wollte.

Als die Parade vorüber war, fühlte ich mich noch ganz benommen von dem Schauspiel, die Musik klang mir noch in den Ohren, und ich sah noch die mit prächtigen Schabracken geschmückten Pferde und ihre strahlenden Reiter, während meine Mutter mit dem Captain verschwand, der irgend etwas von einem Imbiß gemurmelt hatte.

Da rollte der Captain einen Teewagen-herein mit kaltem Huhn, knusprigem Brot und einer Schale mit Butter.

Er stellte ein kleines Tischchen ans Fenster. Es bot gerade genug Platz für uns vier.

Der Captain öffnete eine Flasche, die in einem Kühler mit Eis gestanden hatte, und holte vier Gläser.

»Sollen sie wirklich?« fragte meine Mutter.

»Nur einen Fingerhutvoll.«

Ein Fingerhutvoll war ein halbes Glas. Ich schlürfte die perlende Flüssigkeit mit Begeisterung und fühlte mich von einem ganz besonderen Glück berauscht. Die Welt erschien mir herrlich, und ich stellte mir diesen Augenblick als Beginn einer neuen Existenz vor, wo Olivia und ich die besten Freundinnen unserer Mutter würden. Wir begleiteten sie fortan auf Ausflüge wie diesen, die sie und der Captain zu unserem Entzücken arrangierten.

Unten auf der Straße wimmelte es von Menschen. Da der Festzug nun vorüber war, wurden die Straßen für den allgemeinen Verkehr freigegeben.

»Auf dem Rückweg von der Abtei zum Palast nimmt sie die Route über Whitehall und Mall«, erklärte der Captain. »Somit gehört der Rest des Tages uns.«

»Wir dürfen nicht zu spät zurück sein«, mahnte meine Mutter.

»Meine Liebe, die Straßen sind im Augenblick unpassierbar und werden es noch eine Weile bleiben. Wir sind hier sicher in unserem Horst.«

Wir lachten alle. Wir lachten überhaupt viel an diesem Tag, eigentlich über nichts Besonderes, was vielleicht der Ausdruck wahren Glückes ist.

Die Stimmen von unten klangen gedämpft und fern – sie waren außerhalb unseres magischen Kreises. Captain Carmichael unterhielt uns die ganze Zeit und regte auch uns zum Erzählen an. Sogar Olivia sprach ein wenig. Unsere Mutter schien wie ein anderer Mensch; alle paar Minuten sagte sie »Aber Jock!« in einem Ton gespielten Vorwurfs. Sogar Olivia erriet, daß dies eine Art Zärtlichkeit war.

Jock Carmichael schilderte seinen Dienst beim Militär. Er war häufig in Übersee gewesen und wollte demnächst nach Indien. Er blickte unsere Mutter an, und ein Hauch von Traurigkeit ergriff beide – aber die galt der Zukunft, die noch zu weit entfernt war, um sich heute schon zu grämen.

Er sei ein alter Freund der Familie, erzählte er uns. »Ich kannte eure Mutter schon, bevor ihr geboren wart.« Dabei sah er mich an. »Und dann ... wurde ich in den Sudan geschickt, und ich habe euch eine ganze Weile nicht gesehen.« Er lächelte meine Mutter an. »Und als ich zurückkam, da war es, als sei ich nie fortgewesen.«

Olivia konnte ihre Augen kaum noch offenhalten. Mir erging es ebenso. Eine träumerische Zufriedenheit befiel mich, aber ich kämpfte verbissen gegen den Schlaf an, weil ich keinen Moment dieses zauberhaften Nachmittags verpassen wollte.

Auf der Straße herrschte ein lebhaftes Treiben. Ein Leierkasten spielte bekannte Melodien. Die Leute sangen und tanzten. Eine Einmannkapelle machte dem Leierkasten Konkurrenz, es war ein vielseitiger Künstler mit einer am Mund befestigten Panflöte, einer Trommel auf dem Rücken, die von einem Stock, der an seinem Ellbogen befestigt war, geschlagen wurde. Das Becken auf der Trommel wurde von einer Schnur bedient, die er sich ans Knie gebunden hatte. In der Hand hielt er ein Triangel. Seine Geschicklichkeit erregte allgemeine Bewunderung, und die Münzen klapperten nur so in den Hut zu seinen Füßen.

Ein anderer Mann verkaufte Pamphlete. »Fünfzig glorreiche Jahre«, rief er. »Lesen Sie das Leben Ihrer Majestät der Königin.«

Zwei dunkelhäutige Zigeunerinnen mit Messingohrringen und roten Kopftüchern huschten durch das Gewühl. »Lassen Sie sich Ihre Zukunft lesen, meine Damen. Ein Silberstück-und ein feines Schicksal erwartet Sie.« Dann kam ein Clown auf Stelzen – eine lustige Gestalt, die die Kinder vor Entzücken kreischen machte. Er stapfte durch die Menge, so groß, daß er seinen Hut ans Fenster reichen konnte. Wir warfen Münzen hinein; er feixte und verbeugte sich – keine schlechte Leistung auf Stelzen – und stakste davon. Es war eine fröhliche Szenerie – jedermann wollte den Tag genießen.

»Sie sehen«, sagte Captain Carmichael, »es ist unmöglich, jetzt durch die Straßen zu kommen.«

Und dann geschah das Unglück.

Zwei oder drei Reiter hatten sich einen Weg durch die Menge gebahnt, die sie gutmütig passieren ließ.

In diesem Augenblick kam ein weiterer Reiter auf den Platz. Ich verstand genug von Pferden, um sogleich zu sehen, daß er das Tier nicht unter Kontrolle hatte. Das Pferd hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne und bewegte unruhig die Ohren. Die Menschenmenge auf dem Platz und der Lärm erschreckten das Tier.

Es hob sich auf die Hinterbeine und schwankte unsicher, dann senkte es den Kopf und sprengte in die Menge. Ein Schrei ertönte. Jemand stürzte. Der Reiter versuchte verzweifelt, sich zu halten, bevor er in die Luft geschleudert wurde. Es wurde einen Moment ganz still, doch dann brach ein Geschrei aus, das Pferd war durchgegangen und schoß blindlings durch das Volk.

Wir starrten entsetzt hinunter. Captain Carmichael hastete zur Tür, aber meine Mutter hielt ihn zurück.

»Nein! Nein!« schrie sie. »Nicht, Jock. Da unten bist du nicht sicher.«

»Das arme Tier ist wild vor Angst. Es braucht nur eine geschickte Hand.«

»Nein, Jock, bitte nicht!«

Meine Aufmerksamkeit hatte sich von dem Platz den beiden zugewandt – sie klammerte sich an seinen Arm und flehte ihn an, nicht hinunterzugehen.

Als ich wieder hinaussah, war das Pferd gestürzt. Es herrschte ein heilloses Durcheinander. Mehrere Menschen waren verletzt. Einige schrien, manche weinten; die fröhliche Szenerie hatte sich in eine Tragödie verwandelt.

»Du kannst nichts tun, gar nichts«, schluchzte meine Mutter

»Ach Jock, bitte, bleib bei uns. Ich könnte es nicht ertragen …« Olivia, die Pferde ebenso liebte wie ich, weinte um das arme Tier. Ein paar berittene Männer und Leute mit Bahren waren erschienen. Ich versuchte nicht hinzuhören, als der Schuß krachte. Ich wußte, es war das Beste für das Pferd, das zu schwer verletzt war, um genesen zu können.

Dann kam die Polizei. Die Straßen leerten sich. Stille hatte sich über sie gesenkt. Welch ein Ende für einen Freudentag!

Captain Carmichael versuchte uns aufzuheitern. »So ist nun mal das Leben«, meinte er.

Am späten Nachmittag fuhren wir mit der Kutsche nach Hause. Meine Mutter saß zwischen Olivia und mir und hatte um jede von uns einen Arm gelegt.

»Wir wollen uns nur an die schönen Dinge erinnern«, sagte sie.

»Es war herrlich, nicht wahr, bevor …«

Wir nickten.

»Und ihr habt die Königin gesehen und alle die Könige und Prinzen. Daran werdet ihr euch stets erinnern, nicht wahr? Wir wollen nicht mehr an den Unfall denken, nein? Wir wollen nicht einmal mehr darüber sprechen ... mit niemandem.«

Ja, das sei wohl das Beste, stimmten wir zu.

Am nächsten Tag ging Miss Bell mit uns im Park spazieren. Überall waren Zelte für die Kinder der Armen aufgestellt, die sich dort versammelten – 30 000 an der Zahl –, und zu den Klängen einer Militärkapelle erhielt jedes Kind ein Rosinenbrötchen und einen Becher Milch. Die Becher waren ein Geschenk-Jubiläumsbecher mit einer Inschrift zu Ehren der großen Königin.

»Sie werden ewig daran denken«, sagte Miss Bell. »Wie wir alle.« Und sie erzählte von den Königen und Prinzen und von den Ländern, aus denen sie kamen. Sie hatte eine ausgesprochene Begabung, aus jedem Ereignis eine Lektion zu machen.

Alles war hochinteressant, und Olivia und ich erwähnten den Unfall mit keinem Wort. Ich hatte ein paar von den Dienstboten darüber reden hören.

»Haste schon gehört, es hat ’nen schrecklichen Unfall gegeben ... beim Waterloo-Platz, soviel ich weiß. Ein Pferd ist durchgegangen ... Es gab Hunderte Verletzte, die mußten alle ins Krankenhaus.«

»Pferde«, sagte eine andere. »Auf der Straße. Das sollte verboten werden.«

»Und wie willste ohne Pferde vorwärtskommen?«

»Jedenfalls dürfen sie nicht durchgehen.«

Ich widerstand der Versuchung, ihnen zu erzählen, daß ich den Unfall beobachtet hatte. Doch irgendwo in meinem Hinterkopf wußte ich, daß es gefährlich sein könnte.

Es war an einem Spätnachmittag. Meine Mutter bereitete sich wohl zum Abendessen vor. Wir hatten an diesem Abend keine Gäste, aber auch so wurden stets umfangreiche Vorbereitungen getroffen – Gäste oder nicht. Meine Eltern speisten allein an dem großen Eßtisch, an dem ich noch nie gesessen hatte. Olivia erklärte mir, nach unserer Einführung in die Gesellschaft, die erfolgte, wenn wir siebzehn wären, dürften wir dort mit unseren Eltern speisen. Ich aß ausgesprochen gern und konnte mir deshalb nichts Appetitverderbenderes vorstellen, als unter den Augen meines Vaters essen zu müssen. Doch die Aussicht lag in so ferner Zukunft, daß sie mich nicht sonderlich beunruhigte.

Es war gegen sieben Uhr abends. Ich war auf dem Weg zum Schulzimmer, wo wir mit Miss Bell unsere Mahlzeiten einzunehmen pflegten – vor dem Zubettgehen nahmen wir stets ein Butterbrot und ein Glas Milch zu uns -, als ich zu meinem Schrecken auf meinen Vater traf. Ich stieß beinahe mit ihm zusammen und blieb abrupt stehen, als er bedrohlich vor mir auftauchte.

»Oh«, sagte er. »Caroline.« Als müßte er erst ein wenig überlegen, bevor ihm mein Name einfiel.

»Guten Abend, Papa.«

»Du scheinst es sehr eilig zu haben.«

»Aber nein, Papa.«

»Hast du gestern die Parade gesehen?«

»O ja, Papa.«

»Wie fandest du sie?«

»Wunderbar.«

»Daran wirst du dich bestimmt dein Leben lang erinnern.«

»O ja, Papa.«

»Sag mir, was hat dich am meisten beeindruckt, von allem, was du gesehen hast?«

Ich war nervös, wie immer in seiner Gegenwart, und wenn ich nervös war, sagte ich das erste beste, was mir in den Sinn kam. Was hatte mich am meisten beeindruckt? Die Königin? Der deutsche Kronprinz? Die europäischen Könige? Die Kapellen? Nein, es war das arme Pferd, das durchgegangen war, und ehe ich’s mich versah, platzte ich heraus: »Das wildgewordene Pferd.«

»Was?

»Das hm – der Unfall.«

»Welcher Unfall?«

Ich biß mir auf die Lippen und zögerte. Mir fiel ein, daß meine Mutter angedeutet hatte, wir sollten lieber nicht darüber sprechen. Aber nun war es schon zu spät.

»Das wildgewordene Pferd?« wiederholte er. »Welcher Unfall?«

Es blieb mir nichts anderes übrig, als es ihm zu erklären. »Das Pferd, das durchgegangen ist. Es gab viele Verletzte.«

»Aber du warst doch gar nicht in der Nähe. Das war am Waterloo-Platz.«

Ich ließ errötend den Kopf hängen.

»Du warst also am Waterloo-Platz«, sagte er. »Das war nicht vorgesehen.« Er fuhr murmelnd fort: »Waterloo-Platz. Ich verstehe ... Ich glaube, ich verstehe.« Er sah auf einmal ganz verändert aus. Sein Gesicht war bleich geworden, und ein seltsames Glitzern stand in seinen Augen. Ich hatte fast den Eindruck, er sei verwirrt und ein wenig ängstlich, aber ich verwarf den Gedanken, denn das schien mir bei ihm nicht möglich.

Er wandte sich ab und ließ mich stehen.

Langsam ging ich ins Schulzimmer. Ich wußte, daß ich etwas Schreckliches getan hatte.

Allmählich begriff ich. Daß wir dorthin gefahren waren, wo wir eigentlich nicht hin sollten ... das hatte etwas zu bedeuten. Und wie Captain Carmichael uns erwartet hatte, die Blicke, die er mit meiner Mutter wechselte…

Was steckte dahinter? Irgendwo im Unterbewußtsein kannte ich die Antwort. Es gibt Dinge, die junge Menschen ahnen ... ganz instinktiv.

Und jetzt hatte ich sie verraten.

Ich konnte nicht darüber sprechen. Ich trank still meine Milch und knabberte mein Butterbrot, ohne zu wissen, was ich tat.

»Caroline ist heute abend recht abwesend«, sagte Miss Bell. »Ich weiß schon. Sie ist mit den Gedanken bei allem, was sie gestern gesehen hat.«

Wie recht sie hatte!

Ich sagte, ich hätte Kopfweh, und floh in mein Zimmer. Meistens las Miss Bell nach dem Essen eine halbe Stunde mit uns, jede von uns durfte – immer abwechselnd – eine Seite vorlesen. Sie fand, es tue uns nicht gut, gleich nach einer Mahlzeit, und sei sie noch so leicht, zu Bett zu gehen.

Doch ich wollte ins Bett und mich schlafend stellen, wenn Olivia hereinkäme, um nicht mit ihr sprechen zu müssen. Es war sinnlos, ihr meine Ahnungen mitzuteilen. Sie würde sich weigern, darüber nachzudenken – wie bei allem, was ihr nicht genehm war.

Ich hatte mein Kleid bereits ausgezogen und wollte gerade meine Haare flechten, als die Tür aufging und zu meinem Entsetzen Papa hereinkam.

Er sah ganz verändert aus. Er war sehr zornig und hatte dabei immer noch diesen verwunderten Blick. Und er kam mir traurig vor.

Er sagte: »Ich muß ein Wörtchen mit dir reden, Caroline.« Ich wartete.

»Ihr seid zum Waterloo-Platz gefahren, nicht wahr?«

Ich zögerte, und er fuhr fort: »Du mußt keine Angst haben, etwas zu verraten. Ich weiß Bescheid. Deine Mutter hat es mir erzählt.«

Ich war unendlich erleichtert.

Dann fuhr er fort: »Es wurde von eurer Mutter ganz spontan entschieden, da ihr vom Waterloo-Platz eine bessere Sicht haben würdet. Ich bin nicht der Meinung. Bei den anderen Leuten, die euch eingeladen haben, wärt ihr näher dran gewesen. Aber ihr gingt zum Waterloo-Platz und wurdet von Captain Carmichael bewirtet. Das stimmt doch, nicht?«

»Ja, Papa.«

»Hast du dich gewundert, warum die Pläne plötzlich geändert wurden?«

»Nun ja ... aber Mama hat gesagt, am Waterloo-Platz würden wir besser sehen.«

»Und Captain Carmichael hat euch erwartet und servierte euch einen Imbiß.«

Ja, Papa.«

»Ich verstehe.«

Er starrte mich an. »Was hast du da um den Hals?«

Ich griff nervös hin. »Ein Medaillon, Papa.«

»Ein Medaillon! Und warum trägst du es?«

»Ich hab es immer um, aber so, daß es keiner sieht.«

»Ach? Heimlich? Und warum, wenn ich bitten darf? Sag es mir.«

»Hm ... weil ich es gerne mag und ... man darf es nicht sehen.«

»Man darf es nicht sehen? Warum nicht?«

»Miss Bell sagt, ich bin zu jung, um Schmuck zu tragen.«

»Und du bist entschlossen, dich Miss Bell zu widersetzen?«

»Nein, eigentlich nicht ... bloß …«

»Bitte sag die Wahrheit, Caroline.«

»Hm – ja.«

»Wie bist du zu dem Medaillon gekommen?«

Auf den Schrecken, den meine Antwort auslöste, war ich nicht gefaßt.

»Es ist ein Geschenk von Captain Carmichael.«