14,99 €
Diese Geschichte startet lautlos und endet mit einem Paukenschlag. Sie beginnt mit Carlos Guilliard, einem jungen Mann, der in der Stille eines Lesesaals Akten durchkämmt, um seinen familiären Wurzeln auf die Spur zu kommen. Und sie endet mit einer brisanten Meldung, die sich wie ein Lauffeuer um den Globus verbreitet. Carlos Guilliard, der Sohn des letzten Erben der Familie Wertheim, erzählt in seinem Buch, wie seine Familie zu der größten Nähmaschinen-Dynastie Deutschlands aufsteigen konnte. Es ist eine spannende Zeitreise, die von den Anfängen der deutschen Industrialisierung erzählt, von mutigem Unternehmertum und von den zahlreichen Hürden, die Juden als Bürger in Nazi-Deutschland zu überwinden hatten. Sie erkundet, wie das Erbe des Firmengründers gemehrt, weitergegeben wurde und schließlich - unter dubiosen Umständen verschollen ist.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2018
Diese Geschichte startet lautlos und endet mit einem Paukenschlag. Sie beginnt mit Carlos Guilliard, einem jungen Mann, der in der Stille eines Lesesaals Akten durchkämmt, um seinen familiären Wurzeln auf die Spur zu kommen. Und sie endet mit einer brisanten Meldung, die sich wie ein Lauffeuer um den Globus verbreitet. Carlos Guilliard, der Sohn des letzten Erben der Familie Wertheim, erzählt in seinem Buch, wie seine Familie zu der größten Nähmaschinen-Dynastie Deutschlands aufsteigen konnte. Es ist eine spannende Zeitreise, die von den Anfängen der deutschen Industrialisierung erzählt, von mutigem Unternehmertum und von den zahlreichen Hürden, die Juden als Bürger in Nazi-Deutschland zu überwinden hatten. Sie erkundet, wie das Erbe des Firmengründers gemehrt, weitergegeben wurde und schließlich – unter dubiosen Umständen verschollen ist.
Carlos Guilliard
DASVERSCHOLLENE ERBEDERWertheims
Die Geschichte meinerdeutsch-jüdischen Familie
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Originalausgabe
Dieses Buch beruht auf einer wahren Geschichte. Alles ist so beschrieben, wie der Autor es erinnert. Einige Namen, Orte und Details wurden zum Schutz der Rechte der Personen geändert.
Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Lektorat: Wolfgang Seidel
Umschlaggestaltung und -motiv: U1berlin / Patrizia Di Stefano
Bilder Innenteil: © Archiv Carlos Guilliard
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7325-6073-8
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Was du ererbst von deinen Vätern,
erwirb es, um es zu besitzen. (Goethe)
Diese Geschichte startet lautlos und endet mit einem Paukenschlag. Sie beginnt mit einem jungen Mann, der in der Stille eines Lesesaals Akten durchkämmt, um seinen familiären Wurzeln auf die Spur zu kommen. Und sie endet mit einer brisanten Meldung, die sich wie ein Lauffeuer um den Globus verbreitet. Eine jüdische Klägerorganisation wirft einer deutschen und einer schweizerischen Großbank vor, das vermutlich milliardenschwere Erbe des Frankfurter Nähmaschinenpioniers Joseph Wertheim unterschlagen zu haben – Geld, das eigentlich für wohltätige Zwecke eingesetzt werden sollte. Die Kläger machen geltend, beide Banken hätten Beweismittel vernichtet, Sachverhalte verschleiert und die Zusammenarbeit mit ihnen verweigert. In ihrer zweihundert Seiten starken Klageschrift versuchen sie zu beweisen, unter welchen mysteriösen Umständen das Vermögen nach dem Tod des Enkels von Joseph Wertheim Anfang der 1990er-Jahre verschwunden ist.
Dieser verstorbene Alleinerbe heißt Wolfgang Ambrosius Bäuml; er ist der uneheliche Vater jenes jungen Mannes, der sich auf die Suche nach seinen Ahnen begeben hat. Mehr als ein Jahrzehnt lang hat Carlos Guilliard die Puzzleteile seiner Familiengeschichte zusammengesucht, ist dafür um die Welt gereist, hat gegen Widerstände und mit Zweifeln gekämpft, lang gehütete Familiengeheimnisse aufgedeckt und zahllose Relikte seiner Vergangenheit aufgestöbert.
Im Sommer 2015 lernt Carlos Guilliard zufällig die Journalistin Gundula Englisch kennen. Er erzählt ihr von seinen Recherchen und sie beschließen, ein Buch über dieses spannende und fast vergessene Kapitel deutscher Industriegeschichte zu schreiben. Über den Verbleib des Wertheim-Erbes, zu dem auch eine wertvolle Kunstsammlung gehörte, gibt es zu diesem Zeitpunkt bloß Vermutungen. Doch immerhin haben die Nachforschungen über die Familie Gewissheit darüber gebracht, wie das Vermögen der Wertheims begründet, vermehrt und über Generationen weitergegeben wurde – trotz Wirtschaftskrisen, Weltkriegen, Verfolgung und Flucht.
Die ersten Buchkapitel sind bereits verfasst, als das verschollene Wertheim-Erbe und der Verdacht gegen die beiden Großbanken im Januar 2017 plötzlich weltweit für Schlagzeilen sorgen. Ob die geäußerten Anschuldigungen der Unterschlagung Bestand haben, ist zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung noch nicht entschieden. Doch die Klage ist der vorläufig letzte und überraschende Akt einer Spurensuche, an deren Ende ein lange zerrissenes Familiennetz über Generationen und Kontinente hinweg wieder zusammengeknüpft ist.
Vieles von dem, was von den Wertheims zu erzählen ist, klingt unfassbar, bizarr und zusammengereimt. Aber es hat sich tatsächlich so zugetragen, glücklicher- oder schrecklicherweise.
Am Ende bleiben immer noch Lücken im Puzzle, aber ebenso bleibt die Hoffnung, dass sie mit der Zeit geschlossen werden können.
Wäre ich wenige Stunden früher in Frankfurt gewesen, hätte ich ihn treffen können. Hätte ihm die Hand schütteln und zum ersten Mal mit jemandem reden können, der in direkter Linie mit meinen Vorfahren verbunden ist: Albert Ullin, Enkel von Martha Wertheim, Urenkel von Joseph Wertheim und der einzige noch lebende »Chronist der Familiengeschichte«.
Aber von alldem weiß ich nichts, als ich an einem Nachmittag im März 2003 ins Frankfurter Städel Museum gehe. Ich weiß noch nicht einmal, dass der Name Wertheim geradewegs zu meinen familiären Wurzeln führt. Bekannt ist mir aus den Erzählungen meiner Mutter nur der Name Carlos Vallin – jener ›reiche Onkel Carlos‹, der ursprünglich aus Frankfurt stammte, später in Barcelona lebte und meinem Vater schließlich ein beachtliches Vermögen nebst einer hochkarätigen Kunstsammlung vererbt hat.
Diesen Vater allerdings habe ich niemals kennengelernt. Er verließ meine Mutter gleich nach meiner Geburt fluchtartig, verleugnete die Vaterschaft und kam seinen Unterhaltspflichten erst nach, als mich ein Abstammungsgutachten als seinen Sohn rechtskräftig bestätigte. Wolfgang Ambrosius Bäuml, so hieß mein Vater, siedelte im Juli 1970 von München nach Spanien um, bewohnte eine Finca bei Malaga und verstarb 1990. Als Erben und Testamentsvollstrecker hatte er einen langjährigen Freund und dessen Freundin eingesetzt. Vom Nachlass allerdings waren neben der Finca nur Konten mit kleineren Geldbeträgen aufzufinden. Der Löwenanteil der Erbmasse inklusive der Kunstsammlung im Wert von damals acht Millionen Deutsche Mark war spurlos verschwunden – und ist es bis heute.
Warum habe ich nach dem Tod meines Vaters mehr als ein Jahrzehnt verstreichen lassen, bevor ich begonnen habe, dem Ursprung und dem Verbleib seines Reichtums nachzuspüren? Warum hat auch meine Mutter jahrelang nur wenig Energie in die Aufklärung dieser Umstände investiert? Warum waren wir eher gleichgültig gegenüber dem Mysterium unserer Familiengeschichte?
Darauf gibt es eine einfache Antwort: Wir hatten beide genug anderes zu tun. Meine Mutter hatte als Alleinerziehende einen Sohn großzuziehen und als Selbstständige ihr Geschäft zu managen, einen Vertrieb für Naturheilmittel. Und ich war damit beschäftigt, meine Ausbildung als Industriekaufmann zu beenden, mein eigenes Unternehmen aufzubauen und im Erwachsenenleben Fuß zu fassen.
Es gibt aber auch eine tiefgründigere Antwort: Die Zeit mit meinem Vater war eine Episode, an die sich meine Mutter nicht gerne erinnert, weil sie mit heftigen Enttäuschungen, Ärgernissen und Verletzungen verbunden war. Nach all dem, was ich inzwischen über diese Zeit erfahren habe, kann ich nur allzu gut verstehen, dass meine Mutter sie in die Dunkelkammer ihrer Erinnerung gesperrt hat. Und ich als ihr Sohn hütete mich aus Liebe und Respekt davor, den Finger in alte Wunden zu legen, nur um meine Neugier zu stillen. Also begnügte ich mich mit den spärlichen Informationen, die meine Mutter aus freien Stücken über meinen Vater preisgab. Dieser Mann blieb mir über viele Jahre völlig fremd, und das war in Ordnung für mich. Er hatte von mir nichts wissen wollen und folglich ich auch nichts von ihm. Viel interessanter als die ferne, kalte Person meines Vaters fand ich ohnehin die Beantwortung der Frage, wer mein Namensgeber – der rätselhafte, reiche Onkel Carlos – wirklich war.
Und nun, an diesem Märztag im Jahr 2003, versuche ich erstmals ernsthaft, eine Spur von ihm zu finden.
Kein leichtes Unterfangen, auch weil meine Generation daran gewöhnt ist, Identitäten ganz bequem vom Schreibtisch aus zu hinterfragen. Einfach den Namen bei Google eingeben, und schon erscheint die Person, ihre Biografie, ihr Denken und Wirken auf dem digitalen Präsentierteller.
Nicht so bei Carlos Vallin. Immer wieder suchte ich im Internet nach diesem Namen, und immer ging die Trefferquote gegen Null.
Wo aber könnte ich seine Fährte in der echten Welt aufnehmen? Meine einzig belastbaren Informationen waren sein Geburtsort Frankfurt und seine Kunstsammlung. Also kam ich auf die Idee, im Frankfurter Städel Museum nachzuforschen, in der Hoffnung, dort irgendeinen Hinweis zu finden, der zu Carlos Vallin und den Ursprüngen seines Reichtums führt. Vielleicht eine Leihgabe aus seiner Kunstsammlung? Oder ein Eintrag über ihn in einem der Ausstellungskataloge?
Doch auch dort ist unter dem Namen Carlos Vallin nichts zu finden. Vielleicht sollte ich im Institut für Stadtgeschichte nachfragen, rät man mir, einem der größten Kommunalarchive, dessen historische Bestände an städtischem Schriftgut dreißig Regalkilometer füllen. Zweifellos eine beeindruckende Fülle, aber allzu hohe Erwartungen, die sprichwörtliche Stecknadel in diesem Heuhaufen zu finden, habe ich nicht. Hatte mein Vater die Sache mit dem reichen Onkel Carlos und seiner Frau, der Olivetti-Tante, vielleicht nur erfunden, um meiner Mutter zu imponieren? Hat er mit seinen Geschichten vom immensen Vermögen der Industriellenfamilie einfach nur maßlos übertrieben? Oder trieb gar meine eigene Fantasie hier Blüten in der verlockenden Aussicht auf eine spektakuläre und vielleicht sogar lukrative Entdeckung hinsichtlich meiner Vorfahren?
Mit diesen Zweifeln im Hinterkopf bitte ich eine Mitarbeiterin des Stadtarchivs im Geburtenregister nach dem Namen Carlos Vallin zu suchen. Wenige Minuten später habe ich die Gewissheit, nicht hinter einem Phantom herzujagen.
Carlos Vallin alias Karl Wertheim, geboren in Frankfurt am 24. April 1868 als fünfter Sohn von Rosalie und Joseph Wertheim, dem Gründer der Deutschen Nähmaschinenfabrik, klärt mich die Archivarin auf – seinerzeit einer der bedeutendsten Betriebe dieser Art in Europa.
Bis zur Schließung des Stadtarchivs bleibt noch eine Stunde. Also lasse ich mir Informationen über die Frankfurter Industriellenfamilie in den Lesesaal bringen – und staune nicht schlecht, als mehrere mannshohe Rollcontainer, vollgestopft mit Aktenordnern, hereingerollt werden. Die Zeit reicht nur zum Überfliegen der Papierstapel, und trotzdem fügt sich rasch ein aufschlussreiches Bild zusammen: Joseph Wertheim, der Begründer der Familiendynastie, war jüdischer Abstammung und ein großer Mäzen der Stadt Frankfurt. Er engagierte sich in der Politik, der Arbeiterwohlfahrt, dem Wohnungsbau, der Jugendfürsorge und unterhielt mehrere Stiftungen. Seine Fabrik lieferte Nähmaschinen in die ganze Welt und verfügte über eine der modernsten Eisengießereien Europas. Das Ehepaar Wertheim bewohnte eine große Stadtvilla und hatte zehn Kinder, von denen einige nach Australien auswanderten. Der Sohn Karl Wertheim alias Carlos Vallin, leitete die Firmenniederlassung in Barcelona und übernahm von dort aus nach dem Tod des Vaters 1899 die gesamte Leitung des Unternehmens. Volltreffer! Der ›reiche Onkel Carlos‹ muss wirklich jener wohlhabende und mächtige Firmenpatron gewesen sein, von dem ich seit meiner Kindheit immer wieder bruchstückhaft gehört hatte.
Innerhalb von nur einer Stunde bin ich meinen familiären Wurzeln auf die Spur gekommen, meinem Großonkel Carlos und meinem Urgroßonkel Joseph Wertheim – so dachte ich jedenfalls. Die ganze Wahrheit über meine Herkunft sollte erst Jahre später ans Licht kommen.
An diesem Märztag im Jahr 2003 verlasse ich Frankfurt mit einem Gefühl der Genugtuung, zugleich aber auch mit einer seltsamen inneren Unruhe. So muss es sich anfühlen, wenn jemand den passenden Schlüssel für eine Tür gefunden hat und ahnt, dass dahinter die Suche nach Gewissheiten erst richtig losgeht.
Ich nehme mir vor, meine Recherchen in Frankfurt sobald wie möglich und mit deutlich mehr Zeit fortzusetzen, zumal mir die Archivarin noch einen interessanten Tipp mit auf den Weg gegeben hat. Ich solle mich mit der Organisatorin von »Frankfurt lädt ein« in Verbindung setzen. Diese Initiative veranstaltet einmal im Jahr ein Treffen für ehemalige jüdische Bürger Frankfurts und deren Nachfahren, die während der Nazizeit ins Ausland geflohen sind. Soweit sie wüsste, seien auch Angehörige der Familie Wertheim unter den Gästen gewesen. Allerdings könne sie nicht sagen, ob es sich dabei um ›meine‹ Wertheims handelt, denn jüdischstämmige Familien mit diesem Namen gab es in Deutschland viele. Allein auf den Frankfurter Deportationslisten, so die Archivarin, seien ein gutes Dutzend Wertheims zu finden.
Während der Fahrt nach München kreisen meine Gedanken um eine einzige Hypothese: Wenn Joseph Wertheim zehn Kinder hatte, fünf Söhne und fünf Töchter, dann müsste es doch aller Wahrscheinlichkeit nach noch irgendwo auf der Welt Abkömmlinge dieser Familie geben. Aber wo? Und was sind das für Menschen? Wie viel Erinnerung an das Schicksal ihrer Vorfahren würden sie wohl zulassen wollen? Wieso sollten sie mir überhaupt Zugang zu ihrem Leben gewähren? Und was maße oder tue ich mir mit dieser Einmischung an? Solche Zweifel gehen mir durch den Kopf. Zugleich aber brenne ich darauf, diese Nachfahren der Wertheims ausfindig zu machen und kennenzulernen – sofern es sie wirklich gibt.
Mit diesen zwiespältigen Gefühlen rufe ich gleich am nächsten Morgen meine Mutter in München an und berichte ihr über meine Entdeckungen in Frankfurt. Soll ich mich jetzt wirklich mit aller Konsequenz dahinterklemmen, frage ich sie. Soll ich mich in die Vergangenheit unserer Familie graben, ohne zu wissen, was da alles zutage kommen könnte? Soll ich wildfremde Leute, auch wenn sie entfernt verwandt mit mir sind, mit meiner Nachforscherei belästigen? Ja, sagt meine Mutter, ohne zu zögern. Jetzt musst du dranbleiben und diese Menschen persönlich treffen. Du kannst noch so viele Akten wälzen oder Recherchen in Auftrag geben. Der einzige Schlüssel zur Familiengeschichte und zum verschollenen Vermögen sind diese Menschen.
Nach diesem Gespräch habe ich erstmals das Gefühl, einer Art Mission zu folgen. Einem Auftrag im Dienst der Wahrheit und gegen das Vergessen, Vertuschen, Verleugnen. Und meine Mutter wird mich von diesem Moment an noch viele Male dazu ermutigen, auf der Fährte unserer Familiengeschichte zu bleiben – trotz meiner wiederkehrenden Skrupel oder meines Frusts, wenn ich wieder einmal vor einer Mauer des Schweigens stehe.
Ich rufe Erika Hahn von »Frankfurt lädt ein« an – und erfahre etwas, das mir den Atem verschlägt. Wenige Stunden bevor ich am Vortag nach Frankfurt gekommen war, ist ein gewisser Albert Ullin dort in ein Flugzeug nach Melbourne gestiegen. Albert Ullin, sagt Frau Hahn, ein Urenkel von Joseph Wertheim. Wir waren also fast zur gleichen Zeit an fast dem gleichen Ort. Nur wussten wir beide nichts voneinander.
Das wird sich von nun an ändern, denke ich und wähle die Telefonnummer, die mir die Auslandsauskunft für Albert Ullin nennt.
Der Ruf geht eine Weile durch, und mir klopft das Herz bis zum Hals. Würde er mir mit meinem Anruf betrügerische Absichten unterstellen? Das wäre nicht abwegig, schließlich werden ältere Menschen immer wieder zu höchster Vorsicht gemahnt, wenn sich vermeintliche Enkel, Urenkel oder Großneffen bei ihnen melden. Wie soll ich Albert Ullin glaubhaft davon überzeugen, dass wir wirklich miteinander verwandt sind, zumal mein Vater immer eifrig darum bemüht war, mich als seinen Sohn zu verleugnen? Fast bin ich erleichtert, als sich am anderen Ende der Leitung der Anrufbeantworter meldet. Ich hinterlasse eine kurze Nachricht und bin beim Auflegen ziemlich sicher, nie wieder etwas von Albert Ullin zu hören.
Am nächsten Tag in aller Frühe ruft er zurück. Seine Stimme ist mir vom ersten Moment an sympathisch, ja beinahe vertraut. Albert spricht mich auf Deutsch an, ohne jegliches Misstrauen. Im Gegenteil, er zeigt sich hocherfreut darüber, dass es tatsächlich noch einen Nachfahren der Familie Wertheim in Deutschland gibt, von dem er gar nichts wusste. Wer ich denn genau sei, möchte er wissen. Und ich erzähle ihm von meinem Vater, dem – wie ich damals glaubte – Neffen von Karl Wertheim, alias Carlos Vallin. Wir telefonieren mehr als zwei Stunden miteinander und danach alle zwei Wochen. Albert, damals 73 Jahre alt, lädt mich bei jedem Anruf aufs Neue nach Melbourne ein. Er habe kistenweise Dokumente, Aufzeichnungen, Fotos, Briefe, die bis in die Zeit von Joseph Wertheim zurückreichen und würde nichts lieber tun, als mir Kopien mitzugeben.
Ich zögere fast ein Jahr lang. Bohrende Zweifel mischen sich mit brennender Neugier. Angst vor Enttäuschung mit Lust auf Entdeckung. Schließlich sitze ich dann doch im Flugzeug nach Melbourne, getrieben von dem unwiderstehlichen Reiz, tief in die Geschichte meiner Ahnen einzutauchen.
Abschied ist nichts für Feiglinge. Jene, die gehen, müssen die vertrauten Zugehörigkeiten aufgeben und sich in die dunstige Schlucht der Ungewissheit fallen lassen. Jene, die zurückbleiben, müssen dem Glück des Wiedersehens vertrauen, obwohl dafür niemand garantieren kann. Abschied nehmen heißt, den Anker in die Zukunft werfen.
Joseph Wertheim verließ seine Heimatstadt in seinem 20. Lebensjahr. An einem kühlen Märzmorgen im Jahr 1854 brach er von der Kleinstadt Rotenburg an der Fulda auf nach New York, in der Hoffnung, seinen Tatendrang und seine Talente dort freier ausleben zu können als in der drückenden Enge der kurhessischen Provinz.
Bis zur Abfahrt des Zuges, der ihn nach Bremerhaven bringen würde, blieben noch wenige Minuten. Joseph versprach seiner Mutter Merle, ihr einen Brief zu schicken, sobald er in Amerika angekommen wäre. Sein Vater Leiser legte ein letztes Mal die Hände auf die Schultern seines Sohnes und ermahnte ihn, wachsam und redlich zu sein. Die Eltern seines Reisegefährten Lukas Werthan überreichten den beiden jungen Auswanderern ein Säckchen mit Heimaterde und einen Proviantkorb voller koscherer Speisen. Die Familie Ballin, enge Freunde seiner Eltern, steuerte neben den besten Wünschen für die Zukunft zwei dicke Wolldecken bei. Auch deren Tochter Rosalie war mitgekommen, sie war gerade dreizehn Jahre alt geworden.
Joseph reichte ihr die Hand kurz bevor die Trillerpfeife des Schaffners die Abfahrt ankündigte. »Mazel tov«, sagte er, viel Glück. Dann beugte er sich näher an das Ohr des Mädchens und flüsterte: »Ich komme mit viel Geld zurück und nehme dich als meine Frau mit nach Amerika.«
Schwerfällig stampfend nahm die Dampflok Fahrt auf, schwarze Rauchschwaden zogen am Fenster vorbei und verdunkelten den Blick auf die Winkenden am Gleis. Joseph und Lukas saßen schweigend auf der harten Holzbank im Abteil der dritten Klasse.
Joseph schloss die Augen und glitt in einen matten Dämmerzustand. Bilder seiner Jugend stiegen in ihm hoch. Das stattliche Fachwerkhaus der Familie in der Scheunengasse Nummer 4. Das Surren der Spinnmaschinen in der kleinen Leinenwaren- und Garnfabrik des Vaters. Seine Lehrjahre bei Hofmechanikus und Münzmeister Breithaupt & Sohn in Kassel, wo er das Mechanikerhandwerk gelernt hatte und mit der Fertigung mathematischer, physikalischer und optischer Instrumente vertraut gemacht wurde. Die bittere Enttäuschung, trotz bester Zeugnisse nirgends eine Anstellung im zukunftsträchtigen Beruf des Feinmechanikers zu finden. Die Sorgen des Vaters, weil seine Lehre teuer war, die Geschäfte aber angesichts der billigen englischen Tuchwaren aus Baumwolle immer schlechter liefen. Der Kummer der Mutter, weil das Mehl und die Kartoffeln wegen Missernten immer teurer wurden.
Und dann die dramatischen Wochen im Frühjahr 1848, als eine aufgebrachte Meute mit Mistgabeln, Sensen und Dreschflegeln durch die Gassen von Rotenburg zog und die Häuser der Juden stürmte. Den Wertheims und vielen anderen Stadtbewohnern warfen sie die Scheiben ein und zertrümmerten mit ihren Äxten Türen und Tore. Beim Kaufmann Salomon Sommer stürmten sie ins Haus und warfen Waren und Möbel zum Fenster hinaus. Ebenso beim Modewarenhändler Baruch Flörsheim, dem sie überdies viel Geld und fast alle Wertsachen klauten. Am schlimmsten aber traf es Markus Linz. »Schlagt den Juden tot!«, hatten die Randalierer gebrüllt, als sie den Schuhmachermeister aus seinem Haus zerrten, ihn brutal durch die Straßen schleiften und in einen See warfen. Vier Kompanien Soldaten waren danach in Rotenburg eingerückt, doch der Ausschreitungen wurden sie erst nach Wochen Herr.
Der gepeinigte Linz war derart schockiert über die judenfeindliche Gewalttätigkeit in seiner Heimatstadt, dass er im gleichen Jahr nach Amerika auswanderte. Sein Glück aber hatte er dort nicht gefunden. Wenige Monate nach seiner Abreise war er desillusioniert und völlig mittellos nach Rotenburg zurückgekehrt.
Im Halbschlaf sah sich Joseph selbst aus Amerika kommend auf dem Weg zurück nach Hause. Er sah sich ohne Geld, ohne Hoffnung und beschämt, weil er sein Versprechen gegenüber Rosalie nicht halten konnte. Und dann sah er seine Jugendliebe, wie sie ihm als junge Frau auf dem Bahnsteig entgegenkam, am Arm eines anderen.
Das schrille Pfeifen der Dampflok ließ Joseph aus seinen trüben Traumbildern hochschrecken. Augenblicklich schüttelte er seinen matten Trübsinn ab und besann sich auf ein Sprichwort, das sein Vater ihm mit auf den Weg gegeben hatte: Wenn du Träume erfüllt sehen willst, darfst du nicht schlafen. Joseph zog eine Ausgabe der Allgemeinen Auswanderungszeitung aus seiner Reisetasche und vertiefte sich in die Lektüre.
- - -
Vom Rotenburger Bahnhof bis zum Haus der Ballins in der Brodgasse war es nur ein Katzensprung. Rosalie lief in die Kammer mit dem Waschtisch und betrachtete ihr Spiegelbild, das Gesicht eines Mädchens, das gerade dreizehn geworden war. Sie sah nicht anders aus als am Tag zuvor – schmale Lippen, eine fein geschwungene Nase, hohe Wangen, zu Zöpfen geflochtene braune Locken. Und doch bemerkte sie ein neues, merkwürdiges Flackern in ihren Augen.
Josephs Versprechen hatte sie verwirrt. Sie fühlte sich zugleich geschmeichelt und brüskiert. Seit ihrer Kindheit hatte Rosalie zu Joseph aufgeschaut, ihn dafür bewundert, dass er klüger und mutiger war, als die meisten anderen seines Alters. Sie mochte den jungen Wertheim wie einen großen Bruder und war betrübt, als sie erfuhr, dass er nach Amerika auswandern würde.
Aber wie kam dieser erwachsene Mann auf die Idee, einem so jungen Fratz wie ihr einen Antrag zu machen? Glaubte er wirklich, ihre Mädchenträume mit einem einzigen Satz in den Bann seines Begehrens drängen zu können? Meinte er, sie hätte nichts Besseres zu tun, als auf einen Mann zu warten, der womöglich nie mehr wiederkommt? Und was wäre, wenn ihre Eltern einen anderen Bräutigam für sie aussuchen würden? Oder wenn sie sich in einen anderen Mann verlieben würde? Sollte sie solche Gefühle Joseph zuliebe im Keim ersticken? Und wenn er tatsächlich als reicher Mann zurückkommen würde, warum sollte sie mit ihm nach Amerika gehen, in dieses ferne, wilde Land, eine Ewigkeit entfernt von ihrer Familie und ihren Freundinnen? Rosalie zog ihrem Spiegelbild eine trotzige Grimasse. Nein, besser, sie würde dieses hastig hingeflüsterte Heiratsversprechen eines Abreisenden auf der Stelle vergessen, so als wäre es im Bahnhofslärm erst gar nicht an ihr Ohr gedrungen.
Joseph und Lukas verließen die Eisenbahn in Carlshafen und fuhren mit dem Dampfboot die Weser hinunter Richtung Bremerhaven. Ihre Niedergeschlagenheit während der Bahnfahrt war längst verflogen, alle Zeichen standen jetzt auf Zuversicht, Zielstrebigkeit, Zukunft.
Jemand stimmte eines der beliebten Auswandererlieder an, und viele Passagiere sangen mit:
Nun ist die Scheidestunde da,
Wir reisen nach Amerika.
Die Wagen stehn schon vor der Tür,
Mit Weib und Kind marschieren wir.
Das Schiff war bis auf den letzten Platz gefüllt mit Menschen, die aufgebrochen waren, um den bedrückenden Umständen, dem allgegenwärtigen Mangel, auch dem Mangel an Chancen in ihrer Heimat zu entkommen. Junge Männer, die trotz guter Ausbildung keine Arbeit fanden, mit der sie eine Familie ernähren konnten. Kleinunternehmer, die dem Konkurrenzdruck der starken englischen Industrie nicht mehr standhalten konnten. Kaufleute, die der Preisverfall und die fehlende Kaufkraft der Bevölkerung in den Ruin getrieben hatten. Nachgeborene Söhne von Bauern, für die kein Platz auf dem elterlichen Hof war. Junge Handwerker, denen strenge Zunftregeln zu große Hindernisse in den Weg stellten. Dienstmädchen, deren Lohn zum Leben kaum reichte. Familien, die nicht mehr wussten, wie sie ihre Kinder satt bekommen sollten.
Mitunter entschlossen sich seinerzeit ganze Dorfgemeinschaften dazu, ihr Glück in Übersee zu suchen, und niemand hielt sie zurück. Im Gegenteil, oft drängten Gemeindevorsteher die ärmsten ihrer Bürger sogar regelrecht zur Auswanderung, indem sie ihnen die fünfzig Taler für die Schiffspassage zahlten. Die einmalige Abschiedsprämie kam die öffentlichen Kassen günstiger, als dauerhaft immer mehr Arme versorgen zu müssen.
Die Stimmung im Land war düster. Überall konkurrierten viel zu viele Menschen um viel zu wenig Arbeitsplätze. Und wenn jemand doch eine der begehrten Anstellungen ergattern konnte, bekam er dafür nicht mehr als einen Hungerlohn. Ganz anders war die Lage in Amerika. Die noch junge, wachsende Nation suchte händeringend Arbeitskräfte. Selbst ungelernte Arbeiter konnten dort das Doppelte im Vergleich zur deutschen Heimat verdienen, solche mit Berufsausbildung sogar das Vierfache. Auch unbestelltes Land gab es in der Neuen Welt im Überfluss für wenig Geld.
Bei derartigen Verheißungen war es kaum verwunderlich, dass die mittellosen Auswanderer vor den Strapazen und Gefahren der wochenlangen Seereise nicht zurückschreckten.
Wir fürchten keinen Wasserfall: Der liebe Gott ist überall., sangen jetzt die Passagiere des Weserdampfschiffs aus voller Kehle.
Und als wir kamen nach Baltimore,
Da reckten wir die Hand empor,
Wir riefen aus »Viktoria!
Nun sind wir in Amerika.«
Schön wärs, dabei sind wir ja gerade erst an Hameln vorbeigefahren, dachte sich Joseph. Für den naiven Enthusiasmus der Sänger hatte er nichts übrig, dafür war er zu sehr Realist. Bis nach Bremerhaven würde die Fahrt noch fast zwei Tage dauern und dann, je nach Wetterlage, weitere vierzig bis sechzig Tage bis nach New York. Joseph schlug ein Buch auf mit dem sinnigen Titel: »Wie ist es denn nun eigentlich in Amerika?« Der Autor Friedrich Gerstäcker schilderte darin seine eigenen Erfahrungen als Auswanderer. An einem Satz blieb der junge Wertheim hängen:
Amerika ist ein schönes, herrliches und freies Land, aber zugleich ein Land des Fleißes und der Arbeit, und träumerische, charakter- und willenlose Menschen müssen dort zugrunde gehen.
Joseph musterte die mitreisenden Auswanderer. Vielen war die Not, der sie entfliehen wollten, anzusehen. Männer in löchrigen Kitteln und zerfransten Schuhen, verhärmte Frauengesichter, abgemagerte Kinder. Daneben aber auch einige städtisch gekleidete Herren, die sich lebhaft über die aktuelle politische Lage im Land unterhielten. Ein junger Mann mit gepflegtem Bart und breitkrempigem Hut stand an der Reling und schaute auf seine goldene Taschenuhr. Ein pummeliger Junge, fast noch ein Kind, öffnete seine nagelneue Ledertasche und zog ein Lateinbuch heraus.
Diese Menschen machten nicht den Eindruck, als wären sie aufgebrochen, um der Armut und dem Hunger zu entkommen. Vielmehr gehörten sie zu jenen Auswanderern, die in Amerika finden wollten, was ihr Heimatstaat ihnen verwehrte: Freiheit, Gleichheit, Aufstiegschancen. Dazu zählten politische Freidenker, die nach der gescheiterten Revolution von 1848 durch die Obrigkeit niedergehalten und mundtot gemacht worden waren.
Vor allem aber verließen Juden ihre Heimat, weil sie sich nicht länger mit den alltäglichen Erniedrigungen, Einschränkungen und Ausgrenzungen abfinden wollten. Die schwelende Feindseligkeit gegenüber der jüdischen Bevölkerung war während der Märzrevolution 1848 in blanken Hass umgeschlagen. Jüdische Bürger wurden als Sündenbock für die grassierende Kartoffelfäule gebrandmarkt, der Wucherei bezichtigt und für das soziale Elend im Land verantwortlich gemacht. Viele ertrugen die antijüdischen Ausschreitungen mit Langmut, in der Hoffnung auf baldige Besserung der Lage. Hatten die bürgerlichen Revolutionäre der jüdischen Bevölkerung nicht gleiche Rechte für alle versprochen, die neue Gleichberechtigung in der Frankfurter Paulskirche sogar gesetzlich verbrieft? Das hatten sie sehr wohl, doch mit dem Scheitern der Revolution wurde diese Gleichstellung so schnell wieder kassiert, wie sie gewährt worden war. Fortan wurde den Juden das Leben so schwer gemacht wie vorher. Oft gewährte man ihnen nicht die nötigen Konzessionen, um ihr Gewerbe auszuüben, oder sie erhielten keine Erlaubnis zu heiraten. Auch der Zugang zum Staatsdienst und zum Rechtswesen wurde ihnen verwehrt. Wer als Jude eine akademische Laufbahn anstrebte, sah sich gezwungen, entweder zum christlichen Glauben zu konvertieren oder auszuwandern.
Amerika kannte diese Diskriminierungen nicht. Dort genossen Juden wie alle anderen weißen Amerikaner die vollen Bürgerrechte und uneingeschränkte Gewerbefreiheit. Sie konnten arbeiten, was sie wollten, heiraten, wen sie wollten und leben, wie sie wollten. Kein Wunder, dass dieses Eldorado der Freiheit und Gleichheit junge, ambitionierte Juden magnetisch anzog.
Die einen Heimatflüchtigen trieb also der brennende Wunsch nach Selbstbestimmung an, die anderen das blanke Elend. Und so schwappte in den Jahren nach der Märzrevolution eine gigantische Auswanderungswelle von Deutschland in das Land der grenzenlosen Möglichkeiten, allein im Jahr 1854 mehr als 200 000 Menschen.
- - -
Joseph stockte der Atem, als das Dampfschiff am Landungssteg von Bremerhaven anlegte. Niemals zuvor hatte er solche Menschenmassen gesehen. Vor dem kathedralenartigen Emigrantenhaus, das den Auswanderern Unterkunft und Betreuung bot, drängten sich Männer, Frauen, Kinder und Greise. Die künftigen Bürger von Amerika schleppten ihr Hab und Gut über den Platz – bunte Holztruhen, Stoffbündel, zerbeulte Koffer, Strohsäcke und Decken zum Schlafen, Hutschachteln, Tornister, Kochgeschirr, Trinkbecher, dickbauchige Wasserflaschen, Blecheimer, Rumfässchen, Bastkörbe mit Proviant. Zwischen den bepackten Auswanderern patrouillierten säbeltragende Gendarmen auf der Suche nach flüchtigen Verbrechern und Militärdienstdeserteuren. Und über der ganzen Szenerie kreisten kreischende Möwen, so als wollten sie das aufgeregte Heer der Heimatflüchtlinge lauthals verspotten.
Joseph und Lukas bahnten sich ihren Weg durch die Menschenmenge, staunten über bizarre Trachten und kryptische Dialekte, wimmelten methodistische Missionare und fliegende Händler ab, bis sie endlich den mächtigen, schwarzen Schiffsrumpf erreichten, in dem sie den Atlantik überqueren würden.
Die Bark Charlotte, ein Dreimaster unter bremischer Flagge, wurde gerade mit Lebensmitteln beladen. Auf dem Kai neben dem Schiff türmten sich Fässer mit Butter, Hering und Pökelfleisch, die von Beamten gewissenhaft auf Qualität und Haltbarkeit kontrolliert wurden. Bremerhaven genoss unter Auswanderern einen guten Ruf, denn im Gegensatz zu anderen europäischen Hafenstädten sorgte dort eine Bürgerkommission für Recht und Ordnung bei der Ausschiffung. Kein Schiff verließ den Weserhafen, das vorher nicht penibel auf seine Seetauglichkeit geprüft worden war, auf die Menge und Beschaffenheit der Verpflegung, auf die Pflichtversicherung der Reisenden gegen Schiffbruch oder die ordnungsgemäße Registrierung der Passagiere. Am Auswandererkai von Bremerhaven herrschte deutsche Gründlichkeit in Reinkultur, wenigstens hier leistete der kontrollwütige Obrigkeitsstaat ausnahmsweise einmal gute Dienste.
Die Auswanderer, oft einfache Leute vom Land, waren leichte Beute für Betrüger, die ihnen Schiffsfahrkarten, Ausrüstung oder Unterkünfte zu horrenden Preisen andrehten. Und so mancher Reeder nahm es weder mit der ordentlichen Verköstigung der Passagiere noch mit deren zulässiger Gesamtzahl so genau.
Nur allzu oft hatte Joseph in der Allgemeinen Auswandererzeitung von völlig überladenen Schiffen gelesen, von tödlichen Choleraausbrüchen an Bord und von Schiffshavarien mit Hunderten Opfern. Doch hier am Kai in Bremerhaven war ihm davor nicht bange. Morgen früh würde die Charlotte den Anker lichten und ihn, so sein Schicksal will, wohlbehalten in ein neues Leben bringen.
»So glücklich wie ich, rief er aus’, gibt es keinen Menschen unter der Sonne. Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort.«
Gebannt lauschte eine Schar von fein herausgeputzten Kindern Rosalies Worten, die ihnen mit klangvoller Stimme das Märchen vom Hans im Glück vorlas. Sie war ganz in ihrem Element an diesem sonnigen Julimorgen in Lispenhausen, einem Dorf in der Nähe von Rotenburg an der Fulda. Die Sonne flirrte durch die Blätter der Linde im Hof der Wertheim’schen Ölmühle, es roch nach frisch gemähten Wiesen. Auf dem Schoß hielt Rosalie ihre jüngste Schwester Susette, die ein Jahr zuvor als achtes Kind der Ballins zur Welt gekommen war. Als älteste Tochter war ihr schon lange die Aufgabe zugefallen, sich um ihre Geschwister zu kümmern und ihre Mutter zu entlasten. Rosalie erfüllte diese Pflicht mit Hingabe, sie liebte Kinder und war im Umgang mit ihnen inzwischen fast so geübt wie eine Mutter. Deshalb hatte sie sich an diesem Tag gerne bereit erklärt, auf die Sprösslinge der Festgesellschaft aufzupassen, die sich im Betsaal der Ölmühle zur Beschneidungszeremonie des acht Tage alten Sohns von Minna und Meyer Wertheim versammelte. Der Ölmüller war ein Neffe von Josephs Vater Leiser Wertheim und über einige Ecken auch mit den Ballins verwandt.
Das Schicksal hatte es nicht immer gut mit ihm gemeint. Seine erste Frau war wenige Jahre nach der Hochzeit schwer erkrankt und bis zu ihrem Tod ans Bett gefesselt. Seine zweite Frau gebar ihm den ersehnten Sohn, doch auch dieses Kind wurde krank und starb im Alter von drei Jahren. Seine Brüder Theodor und Heinrich gediehen zum Glück prächtig, und auch den neugeborenen Hugo erwartete eine gute Zukunft.
»Gesegnet sei der, der da kommt«, wünschten ihm die Gäste der Zeremonie im Betsaal, ohne auch nur zu ahnen, von wie viel Erfolg das Leben dieses neuen Erdenbürgers später einmal gekrönt sein würde. Nachdem der Beschneider seines Amtes gewaltet hatte, sprach er den letzten Segensspruch: »Er wachse heran zur Thora, zur Ehe und zu guten Werken.« Seinen kleinen Finger tauchte er dabei zweimal in einen Weinkelch und benetzte den Mund des Babys mit einigen Tropfen. Mit diesem Ritual endete die Zeremonie, und die Gäste begaben sich zum großen Festmahl.
Die langen Tafeln im Speisesaal der Mühle waren festlich eingedeckt worden, mit weißen Damasttischdecken, silbernen Kerzenleuchtern, großen Wiesenblumensträußen und feinem Porzellan. Der Ölmüller Wertheim galt zwar nicht als reicher Mann, doch sein Gewerbefleiß hatte ihm zu bescheidenem Wohlstand verholfen. Auch die Festgäste zählten zu den bessergestellten Kreisen Rotenburgs. Die Herren trugen Frack, Seidenwesten und kunstvoll geknotete Krawatten, die Damen ausladende Reifröcke, bestickte Mieder und mit Blumen verzierte Schutenhüte. Bevor sie an den Tafeln Platz nahmen, überbrachten sie dem kleinen Hugo Geschenke und spendeten, wie zu solchen Anlässen üblich, Geld für bedürftige Gemeindemitglieder.
Das Baby lag eingeschlagen in einem weißen, spitzenverzierten Steckkissen im Arm seiner Mutter, seine beiden Brüder hielt der Vater auf dem Schoß. Rosalie überreichte ihr Geschenk und musterte den schlafenden Säugling. Hugo sah so pausbäckig und rosig aus wie die meisten Neugeborenen, und doch schien ihr, als ob ihn etwas Besonderes umgab, etwas Geheimnisvolles, das irgendwie mit ihrer eigenen Zukunft zusammenhing. Das gleiche Gefühl war ihr auch gekommen, als sie seinen Bruder Heinrich zum ersten Mal betrachtet hatte, und viele Jahre später würde sie schmunzeln, wann immer sie sich daran zurückerinnerte.
Ihre Gedanken wurden vom hellen Klang der Glocke unterbrochen, die das Festmahl einläutete. Auf den Tafeln dampften Schüsseln mit Gemüse und Kartoffeln neben Töpfen mit Rindfleisch und Hühnersuppe. Wein- und Wasserkaraffen machten die Runde, Brot wurde gereicht, und bald war der Saal erfüllt vom Duft der Speisen und dem Lachen der Gäste.
Rosalie saß am Tisch der Kinder und wachte mit Argusaugen darüber, dass sich die Schar beim Essen ordentlich benahm. Besonders streng im Visier hatte sie ihre Brüder Jacob und Nathan, sechs und sieben Jahre alt, denen es zu Hause diebisches Vergnügen bereitete, die Tischmanieren außer Acht zu lassen. An diesem Tag waren die beiden aber ausnahmsweise brav, wohl wissend, dass Rosalie ihnen anderenfalls die verlockenden Nachspeisen verbieten würde.
Am Nebentisch unterhielt sich Josephs Mutter Merle Wertheim lebhaft mit Rosalies Mutter Henriette Ballin. Merle beklagte sich über den Schadchen Isaak, jenen unglücksseligen Heiratsvermittler, dem es einfach nicht gelingen wollte, eine akzeptable Partie für ihre 19-jährige Tochter Emilie zu finden.
»Nicht einen einzigen jungen Mann aus gutem Haus hat er uns herangebracht, obwohl ihre Mitgift doch ganz passabel ist«, seufzte Merle. »Neulich kam er sogar mit einem älteren Witwer daher, der bereits vier Kinder hat.« Henriette lächelte verständnisvoll, gab aber zu bedenken, dass die Lage auf dem Heiratsmarkt momentan so schwierig sei wie nie:
»Wie sollen die vielen Mädchen denn auch einen Mann finden, wenn die jungen Herren scharenweise nach Übersee auswandern.«
»Da hast du recht.«, erwiderte Merle. »Hoffentlich werden die Zeiten bald wieder besser, sonst müssen wir unsere jungen Damen auch noch nach Amerika schicken.«
»Ach übrigens, hast du schon etwas von Joseph gehört?«, fragte Henriette Ballin.
Rosalie zuckte zusammen, als dieser Name fiel. Seit dem Tag seiner Abreise hatte sie nicht mehr an Joseph gedacht. Sie hatte seine Abschiedsworte von einer Minute zur anderen aus ihrem Gedächtnis getilgt und ihr unbeschwertes Mädchenleben weitergeführt, als wäre nichts gewesen. Sie hatte mit ihren Geschwistern gespielt, Gesangsstunden genommen, ihr letztes Schuljahr erfolgreich abgeschlossen und sich auf den bevorstehenden Privatunterricht gefreut. Und jetzt, wie aus dem Nichts, klang ihr Josephs geflüstertes Versprechen wieder im Ohr. Rosalie wurde flau im Magen. Wie durch eine Watteschicht hörte sie Merles Antwort: »Nein, ich habe noch keine Nachricht von Joseph. Hoffentlich geht es ihm gut.«
»Land«, dröhnte eine Stimme, »Land voraus!!« Erst glaubte Joseph zu träumen, aber rasch wurde er sich der allgemeinen Unruhe bewusst, die sich unter den Passagieren im Zwischendeck ausbreitete. Er rüttelte Lukas wach und schälte sich aus der engen Koje, die er sich mit ihm und zwei anderen Männern teilte. Joseph stieg auf das Oberdeck und lief an den Bug der Charlotte, wo sich schon Trauben von Menschen drängten. Gerade war die Sonne aufgegangen, und am Horizont zeichnete sich ein schwacher blauer Landstreifen ab. Amerika!
Einundsechzig Tage waren vergangen, seit das Schiff in Bremerhaven den Anker gelichtet hatte. Anfangs war der Dreimaster zügig durch die Nordsee und den Ärmelkanal geglitten, vorbei an der englischen Küste bis nach Spanien hinunter. Auf dem offenen Atlantik aber hatten sich drückende Flauten mit heftigen Stürmen abgewechselt und die Fahrt verzögert. Wenn der Regen peitschte und die Wellen über Bord schlugen, kauerten fast zweihundert Menschen eng zusammengepfercht in der feuchten und stickigen Enge des Zwischendecks zusammen, mehrheitlich Männer, aber auch viele Frauen und Kinder. Nur vier Passagiere hatten sich die teure Kajüte leisten können. Alle anderen verbrachten die Nächte dicht an dicht auf ihren Strohsäcken in den aus rohen Brettern gezimmerten Kojen. An den windstillen Tagen hatten die Auswanderer auf dem Oberdeck herumgelungert, manche hatten gelesen, andere gewürfelt, gesungen, geangelt oder apathisch in die bleierne Langeweile aus Himmel und Wasser gestarrt. Bei stürmischer See hatte sich Joseph oft auf das Deck nahe der Luke gesetzt und sich mit einem Seil um den Bauch an einen Haken festgebunden. Nur so konnte er, wenn auch klatschnass, dem Geschrei der Kinder, dem Gestank von Erbrochenem und den lautstarken Gebeten der Mitreisenden entkommen.
Zwei Monate lang hatte es nichts anderes als dünnen Kaffee, Schiffszwieback, Bohnen, Erbsen, Sauerkraut und salziges Pökelfleisch zu essen gegeben, ganz selten auch mal eingelegte Pflaumen oder Sirup. Aber all diese Entbehrungen und Strapazen hatte Joseph stoisch hingenommen. Er hatte sein Ziel klar vor Augen, und jetzt, nach 3600 Seemeilen, war es endlich zum Greifen nahe.
Das Schiff passierte die grüne Küste von Long Island und näherte sich, begleitet von einem nordamerikanisch beflaggten Lotsenschoner der Hafeneinfahrt von New York. Je näher der Kai kam, desto hektischer wurde es an Bord. Das erste Ruderboot brachte den Arzt aufs Schiff, der den Gesundheitszustand aller Passagiere zu inspizieren hatte. Danach kamen die Zöllner und kämmten das Gepäck auf illegale oder zollpflichtige Ware durch. Und kaum war das Schiff vor Anker gegangen, schlug die Stunde der ›Runner‹. Joseph hatte von diesen Hafengaunern gehört, die wie Schmeißfliegen über ahnungslose Neuankömmlinge herfielen, um ihnen Übernachtungen, Bahnfahrkarten, Geldwechsel, Arbeitsvermittlung oder Ackerland anzudrehen – zu schamlos überteuerten Preisen. Die schnellsten und vorlautesten Runner hatten ihren Opfern bereits mit gespielter Hilfsbereitschaft das Gepäck aus den Händen gerissen und sich damit aus dem Staub gemacht. Den verstörten Neuankömmlingen blieb nichts anderes übrig, als ihren »Helfern« hinterherzueilen und sich auf deren windigen Geschäfte einzulassen. Jetzt griff einer dieser Ganoven auch nach Josephs Koffer. »Stop it!«, herrschte der junge Wertheim ihn an und schlug dessen Hand zurück. Der Runner grinste ihn spöttisch an und wandte sich den nächsten Passagieren zu. Joseph beeilte sich von Bord zu gehen, mit dem verdatterten Lukas im Schlepptau.
Tempo, Tempo, Tempo, dachte er mit einem Anflug von Euphorie. Das ist das Einzige, was hier zählt. Wer in New York überleben will, muss schnell sein. Und ein bisschen skrupellos. Ja, genau das war es, jenes atemlose, vorwärtstreibende Lebensgefühl, das Joseph in seinen hoffnungslos schwerfälligen und engstirnigen Heimatgefilden so schmerzlich vermisst hatte.
Als Joseph zum ersten Mal einen Fuß auf amerikanischen Boden setzte, glaubte er, die Erde unter ihm würde wanken. Dabei war er es selbst, der wie ein Betrunkener über die Straße torkelte. So fühlte sich also der berüchtigte Matrosengang an, dachte Joseph und bemühte sich vergeblich, einigermaßen geradeaus zu gehen. Lukas erging es nicht anders, also liefen die beiden jungen Männer erst einmal sich gegenseitig stützend langsam am Landeplatz von Castle Garden hin und her. Hier, an der Südspitze von Manhattan bot sich eine grandiose Aussicht auf das Gewimmel der Schiffe in der Hudson-Mündung. Dampfschiffe, Ruderboote, Lastkähne und Segeljollen kreuzten unablässig im Hafen umher und brachten Fracht und Passagiere nebst den berüchtigten Runnern an die Landeplätze. Dort luden sie die Habe der Emigranten auf einspännige Pferdekarren und entschwanden unter großem Geschrei in Richtung der anrüchigen Agenturen, Gasthäuser oder Wechselstuben.
Joseph und Lukas hatten nur zwei Koffer dabei, deshalb machten sie sich immer noch leicht schwankend zu Fuß auf den Weg zum Deutschen Agentur-Comptoir in der nahen Greenwich Street. Nach wenigen Stunden verließen die beiden jungen Männer die Vermittlungsstelle für deutsche Auswanderer, ausgestattet mit einem Quartier und zwei Arbeitsplätzen. Lukas würde einem Schuster zur Hand gehen, Joseph in einem Zigarrengeschäft aushelfen, und gemeinsam würden sie eine Dachkammer im Haus einer deutschstämmigen Familie bewohnen. Die beiden Auswanderer machten sich ohne Umwege auf den Weg dorthin in der mehr als verständlichen Hoffnung, sich nach mehr als sechzig Tagen Katzenwäsche mit Meerwasser endlich wieder mit Süßwasser und Seife richtig sauber schrubben zu können.
- - -
Josephs täglicher Weg zum Tabakladen führte über den Broadway, jener zentralen Verkehrsader New Yorks, die am südlichen Ende mit verkommenen Holzhäusern, Spelunken und Bordellen begann und nach Norden hin immer vornehmer wurde, bis sie die noble Fifth Avenue kreuzte, wo die blumenberankten Villen der Millionäre standen. Am lebhaftesten war der kilometerlange Boulevard zwischen der Canal Street und der Hudson Street. Über das Pflaster rollten unablässig hoch beladene Lastkarren, elegante Equipagen und blank polierte Omnibusse, die von Pferdegespannen gezogen wurden. Vor den Schaufenstern der stattlichen Backsteinhäuser flanierten Ladys mit Sonnenschirmchen und auffälligen Roben in allen Regenbogenfarben. Herren mit Frack und Zylinder eilten zu ihren Geschäftsterminen oder trafen sich zum Plausch vor der weißen Marmorfassade des exquisiten St. Nicholas Hotels. Dieser sechsstöckige Prachtbau mit nicht weniger als tausend Zimmern erstreckte sich über den gesamten Straßenzug zwischen Broome Street und Spring Street. Das neu eröffnete Haus galt nicht nur als das größte Hotel der Welt, sondern auch als das modernste. Die Presse rühmte die bahnbrechende technische Ausstattung mit Gaslampen, Dampfheizung und einem elektrischen Rufsystem in allen Zimmern. Für Schlagzeilen sorgte auch eine andere Innovation. Als erstes Hotel der Welt bot St. Nicholas eine Hochzeitssuite für Frischvermählte an, üppig ausgestattet mit einem ausladenden Himmelbett, kostbarem Stuck, weißen Satinvorhängen, funkelnden Kristallkerzenleuchtern und allen möglichen anderen Requisiten für eine unvergessliche Hochzeitsnacht.
Nichts drückte das Lebensgefühl am Broadway besser aus als dieses Prachtetablissement: Hauptsache Protz und Prunk, Glitzer und Glamour, Show und Amüsement, Luxus und Lustbarkeit.
