Das Versprechen der Jahre - Penny Vincenzi - E-Book
Beschreibung

Aufstieg und Fall der Familie Lytton – eine Geschichte von Liebe und Leidenschaft, Macht und Intrigen.

London 1904: Lady Celia Lytton betört die englische Society mit ihrer Intelligenz und Schönheit zugleich. Sie ist die perfekte Gastgeberin, veröffentlicht im eigenen Verlag einen Bestseller nach dem anderen und genießt ihr junges Familienglück – ein privilegiertes Leben. Doch dramatische Ereignisse kündigen sich an, und als ihr Mann Oliver in den Krieg eingezogen wird, können die Lyttons nicht mehr die Augen vor der Realität verschließen. Die makellose Fassade bekommt erste Risse, und Celia beginnt zu verstehen, dass sie einen Preis zahlen muss, für die Entscheidungen, die sie getroffen hat, und die Geheimnisse, die sie bewahrt …

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EPUB

Seitenzahl:765


Buch

London 1904: Lady Celia Beckenham, die wunderschöne und eigensinnige Tochter aus adeligem Hause, heiratet gegen den Willen ihrer Eltern den Verleger Oliver Lytton. Sie bekommt schnell einen Sohn, ist aber nicht sonderlich an der Mutterrolle interessiert. Lieber beginnt sie sich im Verlag ihres Mannes zu engagieren – und leistet hier solch hervorragende Arbeit, dass sie schnell zur Lektorin aufsteigt. Dank ihres Einsatzes entwickelt sich der Lytton-Verlag zu einem florierenden Unternehmen. Die Jahre vergehen, und Celias und Olivers Familie wächst. Doch ihr Glück droht zu zerbrechen, als Oliver schwer traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt. Denn Celia, verletzt von seinen Zurückweisungen, beginnt sich zu fragen, was ihr im Leben am wichtigsten ist …

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sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

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PENNY VINCENZI

DAS

VERSPRECHEN

DER JAHRE

DIE LYTTON-SAGA BAND 1

Roman

Aus dem Englischen

von Sonja Hauser

Die englische Originalausgabe erschien 2000 unter dem Titel »No Angel – The Spoils Of Time: 1« bei Orion, London.

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1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung März 2018

Copyright © der Originalausgabe 2000 by Penny Vincenzi

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Lee Avison/Trevillion Images

FinePic®, München

Redaktion: Ann-Catherine Geuder

em · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-21705-1V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Paul, in Liebe. Und ein riesiges Dankeschön für einen besonders wichtigen Rat zur Struktur.

»Ich brauche keinen Engel: nur sie.«

Anonymes Gedicht aus der Zeit des Ersten Weltkriegs

DIE HAUPTFIGUREN

LONDON

Oliver Lytton, Leiter des Verlagshauses Lyttons

Lady Celia Lytton, seine Frau und Cheflektorin

Giles und die Zwillinge Venetia und Adele, ihre Kinder

Margaret (LM) Lytton, Olivers ältere Schwester und Geschäftsführerin

Jago Ford, LMs Geliebter und Vater ihres Sohnes Jay

Jack Lytton, Olivers jüngerer Bruder, beim Militär

Lily Fortescue, Schauspielerin und Freundin von Jack

Sylvia Miller, siebenfache Mutter aus Lambeth, unterstützt von Lady Celia

Barty Miller, Sylvias Tochter, lebt bei den Lyttons

Billy Miller, Sylvias ältester Sohn

Sebastian Brooke, Bestsellerautor, von Lady Celia entdeckt

Guy Worsley, Romancier

Gordon Robinson, Anwalt und Freund von LM

AUF DEM LAND

Lord Beckenham, Celias Vater

Lady Beckenham, Celias Mutter

Caroline Masterson, Celias Schwester, lebt in Schottland

NEW YORK

Robert Lytton, Olivers älterer Bruder, Bauunternehmer

Jeanette Elliott, reiche Bankierswitwe und nun Roberts Frau

Laurence und Jamie Elliott, Jeanettes Söhne

Maud Lytton, Roberts und Jeanettes Tochter

John Brewer, Roberts Partner

Felicity, Johns Frau und Dichterin, deren Werke bei Lyttons herausgegeben werden

Kyle, Sohn von John und Felicity Brewer

TEIL EINS

1904 – 1914

KAPITEL 1

Celia stand vor dem Altar, lächelte ihren künftigen Ehemann an und fragte sich, ob sie sein Versprechen, sie in guten wie in schlechten Zeiten zu lieben und zu ehren, früher auf die Probe stellen würde, als er ahnte. Denn sie fürchtete, sich vor den Augen der Hochzeitsgäste, des Geistlichen und des Chors übergeben zu müssen. Was für ein Albtraum! Sie schloss kurz die Augen, holte tief Luft, schluckte. Trotz ihrer feuchten Hände und ihrer Übelkeit hörte sie wie aus weiter Ferne, wie der Geistliche sie zu Mann und Frau erklärte. Dass sie diesen Tag geschafft hatte, dass sie nun mit Oliver Lytton verheiratet war, den sie so sehr liebte, und dass niemand etwas daran ändern konnte, bewirkte eine deutliche Verbesserung ihres Zustands. Als Reaktion auf Olivers zärtlichen, wenn auch leicht besorgten Blick gelang ihr ein weiteres Lächeln, bevor sie dankbar auf die Knie sank, um den Segen zu empfangen.

Im dritten Monat schwanger zu sein war nicht gerade, was sich eine Braut wünschte; doch ohne diese Schwangerschaft hätte ihr Vater ihr niemals erlaubt, Oliver zu heiraten. Es war eine ziemlich drastische Maßnahme gewesen, aber sie hatte gewirkt. Und es hatte ganz sicher Spaß gemacht: Sie hatte es sehr genossen, schwanger zu werden.

Der Segen war erteilt, nun gingen sie in die Sakristei, um die Formalitäten zu erledigen. Sie spürte, wie Oliver ihre Hand nahm, und schaute über die Schulter zurück auf das Grüppchen, das ihr folgte: ihr Vater, der alte Heuchler, mit strenger Miene – sie hatte selbst miterlebt, wie ein hübsches Dienstmädchen nach dem anderen aus dem Haus verbannt wurde –, ihre stoisch lächelnde Mutter; Olivers gebrechlicher alter Vater, der sich auf seinen Stock und seine Schwester Margaret stützte, und gleich hinter ihnen Olivers Brüder, Robert – steif und förmlich – und Jack, der Jüngste, auf unverschämte Weise attraktiv. Dann die Familienangehörigen und engsten Freunde, dazu die Leute aus dem Ort und vom Anwesen, die sich ihre Hochzeit natürlich nicht entgehen lassen wollten. Sie wusste, ihrer Mutter machte das insgeheim am meisten zu schaffen: dass es keine große Feier war wie bei ihrer Schwester Caroline, mit dreihundert Gästen in St Margaret’s Westminster, sondern lediglich eine kleine Trauung in der Dorfkirche. Ihr selbst hingegen war das einerlei. Sie hatte ihren Kopf durchgesetzt und Oliver geheiratet.

»Du kannst ihn nicht heiraten«, hatte ihre Mutter gesagt. »Er hat kein Geld, keine gesellschaftliche Stellung. Das wird dein Vater niemals zulassen.«

Ihr Vater hatte praktisch die Worte ihrer Mutter wiederholt.

»Das ist absurd. Du musst jemanden deines eigenen Standes zum Mann nehmen, jemanden, der angemessen für dich sorgen kann.«

Darauf hatte sie erwidert, sie wolle Olivers Frau werden, weil sie ihn liebe. Vor ihm liege eine vielversprechende Zukunft, seinem Vater gehöre ein erfolgreicher Verlag in London.

»Von wegen erfolgreich«, hatte ihr Vater, der seine jüngste Tochter abgöttisch liebte, entgegnet. »Wenn er erfolgreich wäre, würde Oliver nicht in Hampstead wohnen, oder? Die Familie hat auch kein Anwesen auf dem Land. Nein, Liebes, such dir einen geeigneten Partner, dann darfst du meinetwegen sofort heiraten. Dieser Bursche kann ja nicht mal reiten.«

Sie hatte geschrien und gewütet und geschworen, niemals mit einem anderen den Bund fürs Leben zu schließen, woraufhin die beiden sie ihrerseits aufgebracht anschrien, sie habe offenbar keine Ahnung, worum es bei einer Ehe gehe, dass sie etwas sehr Ernstes sei und nichts mit romantischen Vorstellungen von Liebe zu tun habe.

»Die Liebe wird stark überschätzt, Celia«, hatte ihre Mutter erklärt, »und sie hält nicht lange. Wenn das erste Feuer verglommen ist, werden andere Dinge wichtig. Die Ehe ist eine geschäftliche Beziehung. Sie funktioniert am besten, wenn beide Parteien sie als solche verstehen.«

Celia hatte Oliver Lytton mit gerade einmal achtzehn Jahren kennengelernt: Sie hatte ihn bei einer Lunch-Party in London gesehen und sich hoffnungslos in ihn verliebt, bevor sie auch nur ein einziges Wort wechselten. Sie hatte sofort gespürt, dass er alles verändern, ihr neuer Lebensmittelpunkt werden würde. Celia reagierte primär emotional auf ihn, sie wollte mit ihm zusammen, ihm in jeder Hinsicht nahe sein. Es ging nicht ausschließlich um physische Anziehung, die sie bereits erlebt hatte. Obwohl er ausgesprochen attraktiv wirkte mit seiner Körpergröße, seiner ernsten Miene, den blonden Haaren, den blauen Augen und dem strahlenden Lächeln, das sein Gesicht verwandelte, ungeheure Lebensfreude darin aufblitzen ließ.

Außerdem besaß er ausgezeichnete Manieren, war charmant und höchst intelligent. Er sprach über Themen, über die sie noch niemals einen jungen Mann hatte reden hören, über Bücher und Literatur, Theateraufführungen und Kunstausstellungen. Und – das gefiel ihr am besten – er behandelte sie, als wäre sie genauso klug und belesen wie er. Celia gehörte einer Generation wohlhabender junger Frauen an, die zu Hause von Gouvernanten darauf vorbereitet wurden, jemanden aus ihrer eigenen Gesellschaftsschicht zu ehelichen und das gleiche Leben wie ihre Mütter zu führen, eine Familie zu gründen und einem Haushalt vorzustehen. Doch von dem Moment an, als sie Oliver Lytton gesehen hatte, war ihr klar gewesen, dass sie das nicht wollte.

Sie war die jüngste Tochter einer sehr alten Familie von makellosem Ruf. Der Stammbaum der Beckenhams reichte zurück bis ins sechzehnte Jahrhundert. Sie nannten ein prächtiges Anwesen aus dem siebzehnten Jahrhundert mit dem schönen Namen Ashingham in Buckinghamshire, nicht weit von Beaconsfield entfernt, ihr Eigen, dazu ein hübsches Stadthaus in der Clarges Street in Mayfair. Die Beckenhams waren steinreich und hielten sich hauptsächlich auf dem Land auf. Lord Beckenham kümmerte sich um den landwirtschaftlichen Betrieb, ging im Winter auf die Jagd und im Sommer angeln, während Lady Beckenham sowohl in London als auch in Buckinghamshire ein reges gesellschaftliches Leben führte, ritt, Karten spielte, ihre Bediensteten organisierte und ihre umfangreiche Garderobe stets der neuesten Mode anpasste. Regale voller Bücher, die die Familie eher ihres Wertes als ihres Inhalts wegen schätzte, zierten die Wände des Gebäudes. Die Tischgespräche drehten sich öfter um die Beckenhams selbst als um abstrakte Themen wie Kunst, Literatur oder Philosophie.

Als ihre Tochter ihnen mitteilte, sie liebe jemanden, der dem Dafürhalten der Familie nach nicht nur ein Bettler, sondern ihr vermutlich so fremd war wie ein Zulu-Krieger, reagierten sie aufrichtig entsetzt.

Celia vermutete, dass sie Oliver mit einundzwanzig, wenn sie volljährig wäre, heiraten könnte, doch das erschien ihr unvorstellbar weit in der Zukunft. Mit vom Weinen geröteten Augen fiel ihr schließlich die verblüffend einfache Lösung ein. Wenn sie schwanger wäre, würden sie ihre Zustimmung geben müssen. Je mehr sie darüber nachdachte, desto logischer erschien ihr dieser Gedanke. Die einzige Alternative war es, mit Oliver durchzubrennen, doch das hatte er freundlich, aber bestimmt abgelehnt.

»Das würde zu vielen Menschen wehtun, in meiner Familie wie in deiner. Der Kummer anderer soll nicht die Grundlage unseres gemeinsamen Lebens sein.«

Seine Sanftmut gehörte zu den vielen Dingen, die sie an ihm liebte.

Was leider bedeutete, dass er ihrem Plan nicht ohne Weiteres zustimmen würde. Auch eine Schwangerschaft konnte viel Leid verursachen, würde er argumentieren. Und nicht einsehen, dass ihre unsensiblen, heuchlerischen Eltern es nicht besser verdienten, denn die beiden waren in puncto ehelicher Tugend nun wirklich keine Vorbilder, ihr Vater der Dienstmädchen, ihre Mutter ihres langjährigen Geliebten wegen. Celias Schwester Caroline hatte ihr von ihm erzählt, im Jahr zuvor, bei dem Ball in Ashingham, bei dem sie in die Gesellschaft eingeführt worden war. Die Schwestern hatten zwischen zwei Tänzen beobachtet, wie ihre Eltern sich angeregt unterhielten, und Celia hatte angemerkt, wie schön sie es finde, dass die zwei trotz der Dienstmädchenaffären nach wie vor so glücklich miteinander seien, woraufhin Caroline erwiderte, das hätten sie George Paget zu verdanken. Auf Celias Frage, was sie damit meine, hatte Caroline geantwortet, George sei seit über zehn Jahren der Geliebte ihrer Mutter. Halb schockiert, halb fasziniert hatte Celia sie gebeten, ihr mehr zu verraten, doch Caroline hatte nur gelacht und sich mit dem besten Freund ihres Mannes auf die Tanzfläche begeben. Erst am folgenden Tag hatte sie Celia aus schlechtem Gewissen darüber, ihrer kleinen Schwester die Illusionen geraubt zu haben, gesagt, sie solle sich keine Gedanken machen, das sei nicht wichtig.

»Mama wird sich immer an die Regeln halten.«

»Was für Regeln?«, hatte Celia gefragt.

»Die Regeln der Gesellschaft. Diskretion, Manieren … Sie würde Papa niemals verlassen. Für die beiden ist die Ehe etwas Heiliges, Unauflösliches. Sie tun, was alle Angehörigen der besseren Gesellschaft machen: Sie gestalten diesen Bund angenehmer und interessanter. Und stärker, denke ich.«

»Würdest du deine Ehe denn auch auf diese Weise angenehmer gestalten?«, hatte Celia sich erkundigt. Caroline hatte lachend erklärt, im Moment sei die ihre noch ziemlich angenehm.

»Aber wenn du mich so fragst: Ja, vermutlich schon. Wenn Arthur mich irgendwann langweilt oder den Blick schweifen lässt. Nun schau mich nicht so entsetzt an, Celia. Erst neulich habe ich gelesen, dass Mrs Keppel, die Mätresse des Königs, den Ehebruch zur Kunstform erhebt. Ich halte das für eine bewundernswerte Fähigkeit.«

Celia war trotz der Beruhigungsversuche ihrer Schwester schockiert gewesen. Sie selbst wünschte sich eine Liebesheirat, und ihre Ehe würde ein Leben lang halten, da war sie sich sicher.

Weswegen sie Oliver nicht in ihren Plan einweihen durfte. Sie wusste genau, wie man schwanger wurde; darüber hatte ihre Mutter sie mit großer Offenheit aufgeklärt, als Celias erste Monatsblutung einsetzte. Celia zweifelte nicht daran, Oliver verführen zu können. Er war nicht nur romantisch und schickte ihr ständig Gedichte, Blumen und lange Liebesbriefe, sondern auch leidenschaftlich. Seine Küsse waren alles andere als keusch und erregten sie beide.

Celia genoss größere Freiheiten als die meisten Mädchen ihres Alters. Nachdem ihre Mutter sechs Kinder großgezogen hatte, war sie dieser Aufgabe müde und überließ Celia meist sich selbst. Wenn Oliver das Wochenende bei ihnen in Ashingham verbrachte, konnten sie sich tagsüber frei auf dem Anwesen bewegen und nach dem Essen in der Bibliothek sitzen und plaudern. Spaziergänge und Gespräche führten zu Küssen und Zärtlichkeiten. Celia konnte gar nicht genug davon bekommen und sehnte sich wie Oliver nach mehr.

Bisher hatte er ihre Tugend geachtet, aber bestimmt konnte sie ihn dazu bringen, ihre körperliche Beziehung auf eine neue Ebene zu führen. Natürlich würde er Angst haben, nicht nur davor, ertappt zu werden, sondern auch davor, sie zu schwängern. Doch sie würde ihm versichern, dass es Zeiten im Monat gebe, in denen man nicht so leicht schwanger werden konnte, und wenn es dann passiert war – tja, dann brauchte sie sich keine Gedanken mehr zu machen.

Sie tat so, als hätte sie eingesehen, dass Oliver nicht der Richtige für sie war – nicht zu schnell, um keinen Verdacht zu erregen –, und blieb mehrere Wochen lang artig zu Hause, von wo aus sie Oliver jeden Tag schrieb. Dann fuhr sie mit Caroline nach London, vorgeblich, um Einkäufe zu erledigen. Es war alles sehr einfach. Die schwangere Caroline fühlte sich elend, weswegen Abwesenheiten von zwei oder drei Stunden, in denen sich Celia offiziell zu Anproben bei der Schneiderin aufhielt, jedoch in Wahrheit mit ihrem Geliebten die Freuden der Liebe entdeckte, praktisch nicht auffielen.

Eine Mischung aus emotionaler Erpressung und einem beherzten Angriff auf Olivers Sinne führte zum Ziel. Dafür besuchte sie ihn am frühen Nachmittag in dem großen Haus in Hampstead, in dem er mit seinem Vater wohnte. Der verbrachte nach wie vor jeden Tag im Verlag, und so fiel es Oliver leicht, ihm vorzumachen, er gehe mit Autoren zum Mittagessen oder suche Kunstateliers auf. Sie zogen sich in Olivers geräumiges, helles Zimmer voller Bücher im ersten Stock zurück, von dessen riesigen Fenstern aus man einen guten Blick auf Hampstead Heath hatte, und verbrachten die folgende Stunde in dem ziemlich schmalen Bett, das für Celia schon bald zum Paradies wurde. Oliver hatte mit zwei Revuetänzerinnen genug Erfahrung gesammelt, um Celia in die Kunst der Liebe einführen zu können. Beim ersten Mal rechnete sie mit unangenehmen Empfindungen, ja sogar Schmerzen, entdeckte jedoch stattdessen rasch eine enorme Sinnlichkeit in sich.

»Es war wunderbar, einfach wunderbar«, schwärmte sie lächelnd und lehnte sich schweißüberströmt zurück. »Als hätte sich das Chaos in meinem Innern plötzlich aufgelöst.«

Er küsste sie, erstaunt über ihre Lust und seine Fähigkeit, sie ihr zu verschaffen. Sie versicherten sich aneinandergeschmiegt immer wieder, wie sehr sie sich liebten, bevor er eine Stunde später in die Büros des Lytton-Verlags in der Paternoster Row zurückkehren musste und sie zum Haus ihrer Schwester in Kensington. Zwei Tage später trafen sie sich wieder und zwei Tage danach noch einmal.

Erst nach zwei weiteren Besuchen in London blieb zu ihrer großen Freude ihre Periode aus, und sogar die Übelkeit, die damit einherging, begrüßte sie begeistert.

Danach folgte trotz ihrer Euphorie eine schwere Zeit. Sie sagte es mutig ihren Eltern und setzte sich Olivers Angst und Entsetzen aus, die sie fast noch schlimmer fand. Urplötzlich war er nicht nur mit ihrem Zustand konfrontiert, sondern auch mit einem Beweis ihrer Willenskraft und Überredungskunst. Oliver hatte nach dem ersten Mal Verhütungsmittel verwenden wollen, doch sie hatte überzeugend von einer Intimspülung gesprochen (die sich nicht in ihrem Besitz befand). Dass sie ihn getäuscht hatte, machte Oliver zu schaffen.

Trotz der Auseinandersetzungen, der Wut, der Ankündigung, sie zu enterben, zu verstoßen oder einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen – alles Drohungen, die, wie sie wusste, nicht ernst zu nehmen waren –, trotz Olivers Kummer und Zweifel, trotz ihrer sich verstärkenden Übelkeit war sie glücklich. Ihr Leben lang würde sie sich an die Nachmittage in dem schmalen unbequemen Bett in dem großen Zimmer erinnern, dessen Wände von oben bis unten mit Büchern bedeckt waren. Daran, wie Oliver sie zum Orgasmus gebracht und sie dann in seinen Armen gelegen und nicht nur seinen Liebesschwüren gelauscht hatte, sondern auch seinen Zukunftsplänen im Hause Lytton. Er erzählte ihr von einem wunderbaren neuen Reich, einem magischen Ort, an dem Bücher entstanden, von Geschichten, die präsentiert oder diskutiert, von Ideen, die ausgelotet wurden und sich dann in Seiten zwischen Buchdeckeln verwandelten, davon, wie man Autoren beauftragte und Illustratoren instruierte. Sie hatte unwillkürlich das Gefühl, das alles intuitiv zu verstehen. So verbanden sich in ihrem Herzen Leidenschaft und Arbeit unauflöslich miteinander. Und so sollte es bis zu ihrem Lebensende bleiben.

Nachdem Celias Vater der Hochzeit schließlich zugestimmt hatte, erwies er sich als äußerst spendabel. Er forderte die Bediensteten auf, ein üppiges Frühstück für die Gäste vorzubereiten, hielt eine launige Rede und sorgte dafür, dass der Sekt in Strömen floss.

Lady Beckenham reagierte nicht ganz so positiv. Sie begegnete den Lyttons eisig-höflich, ließ die Reden mit versteinertem Gesicht über sich ergehen – besonders die von Olivers älterem Bruder Robert, seinem Trauzeugen, der vor Kurzem nach New York umgesiedelt war, um sein Glück an der Wall Street zu versuchen – und zischte Caroline zu, sie finde sowohl ihn als auch seine Berufswahl ziemlich gewöhnlich. Jack ignorierte sie völlig, mit dem alten Mr Edgar Lytton sprach sie verletzend kurz und mit Oliver so gut wie gar nicht.

Doch kaum jemand, der die offiziellen Fotos von Celia in dem wunderbaren, von ihrem Vater bezahlten Spitzenkleid sah, das Beckenham-Diadem in ihrem schimmernden dunklen Haar und der attraktive Oliver neben ihr, dürfte geglaubt haben, dass dieser Tag für sie kein glücklicher war.

Das junge Paar hielt die Hochzeitsreise kurz. Das war einerseits Olivers geringem Einkommen geschuldet und andererseits Celias Gesundheitszustand. Sie fuhren eine Woche nach Bath, wo sie sich zu erholen begann, sodass sie bei ihrer Rückkehr nach London weniger blass und deutlich kräftiger wirkte. Erneut erwies Lord Beckenham sich als großzügig und schenkte den beiden zur Hochzeit ein Haus am Cheyne Walk – gegen eines in Hampstead legte er sein Veto ein –, das schön und geräumig, aber ziemlich heruntergekommen war.

Bis zur Geburt des Kindes im folgenden März widmete sich Celia der Renovierung des Gebäudes und verwandelte ihr Heim in etwas Einzigartiges. In einer Zeit, in der dunkle Räume und gedämpftes Licht modern waren, richtete Celia sich ein luftiges Haus ein. Die Wände waren weiß, die Vorhänge in leuchtenden Blau- und Goldtönen gehalten, die Fußböden aus hellem Holz, und in den Zimmern hingen Gemälde im neuen impressionistischen Stil statt der damals so verbreiteten düsteren Porträts und Landschaften.

Nach vielen Stunden Arbeit im Haus wartete sie ungeduldig auf Olivers Heimkehr. Oft aßen sie im Frühstückszimmer im ersten Stock zu Abend, von dem aus sie einen wundervollen Blick auf den Fluss hatten. Dort ließ sie sich von ihm die Ereignisse des Tages in allen Einzelheiten erzählen.

Oliver, der sich lediglich eine überforderte Köchin leisten konnte, versprach, ein Kindermädchen einzustellen, sobald das Kleine da wäre. Celia kochte durchaus gern und servierte selbst das Essen. Ziemlich häufig bat sie ihn, seinen Vater zum Abendessen nach Hause mitzubringen. Sie mochte den mittlerweile fünfundsiebzigjährigen Edgar Lytton, der wie Oliver sanft, höflich und charmant war und die gleiche angenehm tiefe Stimme wie er besaß. Oliver und Jack waren erst spät in seiner zweiten Ehe zur Welt gekommen. Seine Frau hatte ihn ein Jahr nach Jacks Geburt verlassen. Edgar arbeitete nach wie vor jeden Tag mit Oliver und der resoluten Margaret im Verlag und bewies dort noch immer das Gespür und den Geschäftssinn, die dem Haus seinen moderaten Erfolg eingebracht hatten. Er verkündete wiederholt, dass er dort seinen letzten Atemzug tun wolle.

»Ich hoffe, eines Tages in meinem Büro, inmitten meiner Bücher, aufgefunden zu werden«, erklärte er mehr als einmal. Dann gab Celia ihm einen liebevollen Kuss und sagte, sie hoffe ihrerseits, dass das noch lange nicht der Fall sein möge.

Auf ihren Wunsch nahm er sie ins Verlagsgebäude mit und war überrascht und erfreut über ihr aufrichtiges Interesse an seinen Schilderungen, wie er das Haus aufgebaut hatte. Inzwischen befand Lyttons sich auf dem Weg in die höheren Sphären der Londoner Verlagswelt – wo sich bereits Macmillan, Constable, Dent und John Murray tummelten –, doch die Anfänge hatten sich bescheiden gestaltet.

Edgar hatte 1856 geheiratet. Die Ehe mit Miss Margaret Jackson, deren Vater George eine Buchbinderei, die gleichzeitig als Druckerei fungierte, besaß, war in jeder Hinsicht glücklich. Als sein ehrgeiziger junger Schwiegersohn Interesse bekundete, zusätzlich zu den erbaulichen Pamphleten, die sich gut verkauften, ein Set Lyrikbände zu veröffentlichen, ermutigte George ihn. Und als George 1860 das Zeitliche segnete, war das Verlagshaus Lytton-Jackson geboren. Sein größter Erfolg beruhte auf Margarets Vorschlag, eine Buchreihe nach dem Vorbild der Fortsetzungsromane von Dickens herauszubringen. Ein vielversprechender junger Schriftsteller wurde beauftragt, zweiundfünfzig wöchentliche Lieferungen der Heatherleigh Chronicles zu verfassen, die Geschichte eines kleinen Orts im West Country, nicht unähnlich Mr Trollopes Chroniken von Barsetshire. Damit verdiente der Verlag eine Menge Geld. Der nächste Geniestreich waren ein Set Schulfibeln und anschließend aufwendig gedruckte und bebilderte griechische und römische Sagen.

Margaret starb 1875, nachdem sie Robert und Little Margaret zur Welt gebracht hatte. Edgar litt so sehr unter seiner Einsamkeit, dass er sich auf eine verheerende zweite Ehe mit Henrietta James, einer geistlosen Frau, einließ, die fünf Jahre später mit einem Schauspieler durchbrannte und ihre beiden Söhne Oliver und Jack bei Edgar zurückließ.

»Was für eine traurige Geschichte«, meinte Celia, als Oliver ihr davon erzählte. »Aber Gott sei Dank hat er sie geheiratet, denn wenn nicht, hätte ich dich jetzt nicht.«

Little Margaret bewies schon in jungen Jahren großes Interesse am Verlagswesen. Es war beschlossene Sache, dass sie in die Fußstapfen ihres Vaters treten würde. In einer Zeit, in der Frauen keinerlei Rechte besaßen, abgesehen von denen, die ihre Ehemänner ihnen einräumten, und in der nur wenige Angehörige des weiblichen Geschlechts nach dem fünfzehnten Lebensjahr überhaupt höhere Bildung genossen, war sie die große Ausnahme, nicht nur, weil sie einen Studienplatz im Fach Englisch an der London University errang, sondern auch, weil sie einen anspruchsvollen Beruf ausübte und gleichberechtigt mit Männern zusammenarbeitete. Robert, der keinerlei Interesse am Verlag zeigte, wurde Bankier.

Doch in Olivers Adern schien wie in denen von Margaret Druckerschwärze zu fließen. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren, nachdem er in Oxford seinen Abschluss in englischer Literatur mit Bestnote gemacht hatte, bezog er als Edgars unbestrittener Nachfolger das sogenannte zweite Büro. Falls LM, wie Little Margaret nun genannt wurde (ein höchst unpassender Name für eine junge Frau mit lauter Stimme und selbstbewusstem Auftreten, die über eins achtzig groß war), etwas dagegen hatte, ließ sie sich das nicht anmerken. Wenigstens erhielt sie das gleiche Salär wie Oliver und hatte genauso viel Macht wie er.

Jack hingegen schien sich ausschließlich für hübsche Mädchen zu interessieren. Sein Lehrer in Wellington schlug ihn für eine Militärlaufbahn vor, da er immerhin Mut besaß und sehr beliebt war.

Celia mochte den gleichaltrigen Jack, der wie sie der Jüngste in der Familie war.

»Wir sind beide verhätschelte Nesthäkchen. Ist das nicht schön?«, sagte er einmal zu ihr.

Er war charmant, amüsant, draufgängerisch und stets zu Späßen aufgelegt. Oliver liebte ihn abgöttisch, machte sich jedoch auch Sorgen, weil er dazu neigte, sich durchs Leben zu mogeln.

Allerdings hatte Jack sich in letzter Zeit in den Augen der Familie rehabilitiert, weil er zu den 12th Royal Lancers berufen worden war, wo sich ihm eine aussichtsreiche Offizierslaufbahn eröffnete.

Trotz der Resolutheit ihrer Schwägerin konnte Celia diese gut leiden. LM war fast schon beängstigend klug und redegewandt und wirkte ernst, besaß jedoch einen schrägen Sinn für Humor und einen ausgesprochen neugierigen und wachen Geist. Sie lebte allein und blieb für sich. Obwohl sie sich schlicht kleidete und ihr dunkles Haar streng nach hinten gebunden trug, besaß sie Stil und fast so etwas wie Glamour. Die Männer fanden sie zu ihrem eigenen Erstaunen attraktiv und auf verstörende Weise erotisch.

Sie war freundlich zu Celia, wenn auch auf leicht strenge Weise, und bat sie von Zeit zu Zeit um ihre Meinung zu Neuerscheinungen. Es half Celia, die größte intellektuelle Hochachtung vor der Familie hatte, anfangs auch, dass LM Oliver wie einen jüngeren Bruder behandelte.

»Sei nicht albern, Oliver«, sagte sie gern und zwinkerte Celia verschwörerisch zu. Für Celia wurde sie schnell zur wertvollen Freundin.

Giles kam im März 1905 zur Welt. Zu Celias Überraschung tauchte ihre Mutter, die sich bis dahin geweigert hatte, irgendetwas mit ihr oder dem Haus zu tun zu haben, zwei Tage vor der Geburt mit einem riesigen Koffer und einem der Dienstmädchen aus Ashingham auf. Sie stand Celia nicht nur während der Wehen bei, sondern blieb anschließend noch einen ganzen Monat. Obwohl sie ihr vorheriges Verhalten weder erklärte noch sich dafür entschuldigte, nahm Celia diese Geste dankbar an.

Die Erfahrung der Geburt schockierte Celia zutiefst. Die ersten Wehen rollten in der Morgendämmerung des einen Tages heran, doch von Giles entbunden wurde sie erst am folgenden Abend nach einem blutroten Sonnenuntergang über dem Fluss. Nicht so sehr der Schmerz oder die Erschöpfung machte ihr zu schaffen, sondern eher die Brutalität des Vorgangs. Hinterher lag sie mit Giles in den Armen im Bett, so schwach, dass sie ihn kaum halten konnte, und fragte sich, warum sie so wenig für ihn empfand. Er war ein hässlicher und mit seinen acht Pfund großer Säugling und schrie fast die ganze Nacht. Celia fand, dass er sie wenigstens mit einem Lächeln hätte belohnen können oder indem er sich mit seinem dunklen Kopf an sie schmiegte. Als sie ihrer Mutter das sagte, stieß Lady Beckenham ein verächtliches Geräusch aus und meinte, auf Gottes Erde gebe es nichts Undankbareres als ein kleines Kind.

Nach der Lektüre etlicher moderner Bücher über das Thema hatte Celia beschlossen, ihn zu stillen, aber das gestaltete sich schwierig. Ihm ihre schmerzende Brustwarze immer wieder in den Mund zu schieben empfand sie als so unangenehm, dass sie ihn nach zwei Tagen erleichtert dem Kindermädchen überließ. Endlich konnte sie wieder schlafen.

»Sehr vernünftig«, bemerkte Lady Beckenham. »Ich halte das Stillen sowieso für ziemlich gewöhnlich. So etwas machen nur Pächterfrauen.«

Giles enttäuschte Celia, war seinem Vater jedoch eine große Freude. Oliver brachte buchstäblich Stunden damit zu, ihn auf dem Arm zu halten, ihn auf dem Schoß zu wippen, sein Gesicht nach Familienähnlichkeiten abzusuchen und ihm zum Entsetzen des Kindermädchens sogar hin und wieder sein Fläschchen zu geben.

Die Geburt von Giles führte zu einem Waffenstillstand zwischen Oliver und Lady Beckenham. Sie war von Natur aus gesprächig und nicht bereit, beim Essen mit ihm zu schweigen, während Celia im Wochenbett lag. Außerdem fand er ein Thema, zu dem er sie um Rat bitten konnte. Lyttons wollte ein Buch über große Anwesen in England herausbringen, und da seine Schwiegermutter schon in mindestens der Hälfte von ihnen gewesen war, konnte sie ihm wertvolle Informationen liefern.

Es war ein Beweis ihrer wachsenden Zuneigung zu Oliver, dass sie ihm sogar anbot, ihn einigen Eigentümern solcher Anwesen vorzustellen.

»Ich finde immer noch, dass er ein ziemlich seltsamer Ehemann für Celia ist«, schrieb sie an Lord Beckenham, »und dass er sich viel zu intensiv um das Kind kümmert, obwohl ich zugeben muss, dass er sein Bestes für sie beide gibt. Er besitzt durchaus Geschick in der Konversation und kann einigermaßen amüsant sein, doch ich mache mir Gedanken wegen seiner politischen Ansichten. Er sympathisiert mit den Gewerkschaften. Vermutlich liegt das an seiner Herkunft. Bestimmt wird er mit der Zeit klüger.«

Giles wurde in der Chelsea Old Church getauft, mit ein wenig von dem Glanz, den Lady Beckenham sich für die Hochzeit gewünscht hätte. Er trug das einhundert Jahre alte, mit einer Flut aus Spitze besetzte Taufgewand der Familie Beckenham, erhielt den Silberlöffel und den Beißring von seiner Großmutter mütterlicherseits sowie einen großzügig bemessenen Scheck von seinem Großvater väterlicherseits. Unter seinen fünf Taufpaten befanden sich ein Earl und eine Countess.

»Muss er wirklich so viele Paten haben?«, fragte Oliver, worauf Celia mit ja antwortete.

»Das Kind von Caroline hatte vier. Bei der Taufe will ich mich nicht noch einmal wie bei der Hochzeit von ihr übertrumpfen lassen.«

Oliver wies sie lieber nicht darauf hin, dass ihre Vermählung durch ihre Schuld so bescheiden ausgefallen war, denn seit Giles’ Geburt gab sie sich ziemlich herrschsüchtig. Vermutlich hatte das etwas mit dem Aufenthalt ihrer Mutter bei ihnen zu tun, dachte er.

Edgar Lytton freute sich wie ein Schneekönig über die Taufe von Giles, hielt den Jungen lange auf dem Arm und war auf allen offiziellen Fotos mit einem strahlenden Lächeln zu sehen. Wie er LM gegenüber bemerkte, war diese Taufe eines der glücklichsten Ereignisse seines Lebens. In der Nacht danach erlitt er einen Herzinfarkt und starb bei Tagesanbruch. Oliver würde es sich nie verzeihen, dass er, nachdem er seinen Vater nach Hause begleitet hatte, nicht auf einen Brandy bei ihm geblieben war.

»Leiste mir doch noch ein bisschen Gesellschaft«, hatte Edgar ihn gebeten, »der Tag soll nicht so schnell zu Ende sein.«

Doch Oliver hatte gesagt, er müsse zurück zu Celia und dem Kind. Was ihn tatsächlich nach Hause zog, war Celias Versprechen, nackt im Bett auf ihn zu warten. Erst seit Kurzem fühlte sie sich wieder in der Lage zum Liebesspiel, das sich zu ihrer beider Erleichterung genauso intensiv wie eh und je gestaltete. Allerdings sollte es noch lange dauern, bis Oliver sich ihm ohne schlechtes Gewissen hingeben konnte.

Durch Edgars Tod gingen Leitung und Eigentum von Lyttons an Oliver über.

KAPITEL 2

Celia schleuderte einen silbernen Kerzenständer gegen die Tür des Kinderzimmers, die Oliver gerade hinter sich geschlossen hatte.

»Dieses Ekel«, sagte sie zu Giles, der friedlich in seinem Bettchen saß, »dieses altmodische, selbstgefällige Ekel.«

Giles lächelte. Celia sah ihn eine Weile wütend an, bevor sie dieses strahlende Lächeln erwiderte, das sein ernstes Gesichtchen verwandelte. Mittlerweile war er ein Jahr alt, nach wie vor nicht sonderlich hübsch, aber durchaus ansehnlich mit seinen großen dunklen Augen und den braunen Haaren. Außerdem war er ausgesprochen artig.

Mit dreizehn Monaten konnte er alles, was man von einem Kind seines Alters erwartete: aufrecht stehen, wie aus dem Lehrbuch krabbeln und Ma-ma und Da-da und Na-Na zu Jenny sagen. Diese war mit gerade einmal neunzehn Jahren praktisch ohne Erfahrung in den Haushalt gekommen und hatte sich schnell zum perfekten Kindermädchen entwickelt, das Giles abgöttisch liebte, ohne ihm zu viel durchgehen zu lassen.

Nach Edgar Lyttons Tod erwog man, ein, wie Lady Beckenham es nannte, »richtiges« Kindermädchen einzustellen, doch Celia wehrte sich dagegen. Ihr seien eine richtige Köchin und ein richtiges Dienstmädchen wichtiger, erklärte sie. Sie sei sehr zufrieden mit Jenny, die sie in den ersten schwierigen Monaten ihrer Mutterschaft als Freundin zu schätzen gelernt habe, teilte sie ihrer Mutter mit. Diese erwiderte, sie hoffe, Celia mache nicht den verbreiteten Fehler der modernen Zeit zu glauben, man könne mit Bediensteten auf freundschaftlicher Ebene verkehren.

»Man muss Bedienstete auf Distanz halten, Celia, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn.«

Celia schwieg und betrachtete Jenny weiter als Freundin. Als Jenny sie an ihrem zwanzigsten Geburtstag bat, von nun an »Nanny« zu ihr zu sagen, verletzte das Celia sehr.

»Du heißt Jenny, und Jenny bist du auch für mich. Warum willst du plötzlich ›Nanny‹ genannt werden?«

»Wegen den andern Kindermädchen in Kensington Gardens. Die tragen alle ’ne Uniform und finden es seltsam, dass Sie mich mit meinem Namen ansprechen, Lady Celia. ›Nanny‹ würde mich stolz machen.«

Celia hatte den Kerzenständer gegen die Tür geschleudert, weil Oliver sich das zweite Mal weigerte, ihr eine auch nur bescheidene aktive Rolle bei Lyttons zuzugestehen. Sie langweilte sich und empfand den Haushalt und die Mutterrolle als intellektuell unergiebig, weil sie hochintelligent war und das auch wusste. In der Schwangerschaft, in der die Tage sich endlos dahinzogen, hatte sie sich mit den Werken von Dickens, Trollope, Jane Austen und George Eliot beschäftigt. Sie hatte die Tageszeitungen, die Times und den Daily Telegraph, verschlungen und Oliver gebeten, den Spectator und die Illustrated London News zu abonnieren, um noch besser informiert zu sein. Zudem erwarb sie selbst hin und wieder den Daily Mirror. Zu den Gemeinsamkeiten, die sie mit Oliver hatte, gehörte ein gewisser sozialer Idealismus. Sie und Oliver waren sich einig, dass er bei den nächsten Wahlen für die Labour Party stimmen würde.

Celia wollte mehr tun als den Haushalt führen und sich um ihr Kind kümmern. Olivers Leben faszinierte sie. Sie redete gern mit Schriftstellern, mochte ihre merkwürdige Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstzweifeln und wurde nicht müde, ihnen zu lauschen, wenn sie erzählten, wie ihre Werke entstanden und woher sie ihre Ideen bezogen. Illustratoren fand sie aufgrund ihrer ausgeprägt visuellen Wahrnehmung genauso interessant. Oft besuchte sie statt einer der vielen Einladungen zum Tee lieber das Victoria and Albert Museum oder die Tate Gallery. Sie kannte sich aus mit neueren Künstlern wie Augustus John oder Duchamp. Und sie liebte das Haus Lytton, das große, imposante Gebäude in der Paternoster Row mit seinem beeindruckenden Eingangsbereich, von dem mehrere unordentliche, verstaubte Büros abgingen, in denen Oliver, Margaret und andere leitende Beschäftigte des Verlags arbeiteten.

Edgar hatte seinen vier Kindern insgesamt lediglich 40.000 Pfund hinterlassen, der Wert von Lyttons war jedoch beträchtlich. Er bestand nicht nur aus den Büchern selbst sowie den Autoren, die bei dem Verlag unter Vertrag standen, sondern auch aus dem prächtigen Bauwerk, das Edgar mit dem ihm von George Jackson und Margaret hinterlassenen Geld erworben hatte.

LM besaß eine ähnlich liberale politische Einstellung wie die, die Celia bei Oliver so gut gefiel. Auch die Freunde der beiden fand sie faszinierend: Sie waren keine richtigen Bohemiens – dafür interessierten sie sich zu sehr für materielle Dinge –, aber intellektuelle Freidenker, mit denen man sich angeregt unterhalten konnte und deren Überzeugungen und Ansichten die Beckenhams schockiert hätten.

»Ich will arbeiten«, teilte Celia Oliver mit. »Meinen Verstand benutzen. Du solltest mich bei Lyttons anfangen lassen.«

Als sie diesen Vorschlag das erste Mal machte, reagierte er fast schockiert.

»Du bist meine Frau«, sagte er. »Ich möchte, dass du dich in unserem Heim um unseren Sohn kümmerst. In der rauen Welt der Verlage hast du nichts verloren.«

Worauf Celia erwiderte, die erscheine ihr gar nicht so rau. »Du hast keine Lektorinnen, und die solltest du meiner Meinung nach haben. Vielleicht wäre ich anfangs noch keine große Hilfe, aber ich würde schnell lernen. Ich würde wirklich gern an deiner Seite arbeiten, liebster Oliver, Teil deines ganzen Lebens sein, nicht nur des langweiligen im Haus.«

Oliver entgegnete, es tue ihm leid, dass sie es daheim so öde finde. Celia empfahl ihm, selbst einmal eine Weile zu Hause zu bleiben, dann würde er schon merken, was sie meine. Sie stritten sich heftig und versöhnten sich wie immer im Bett. Sie hatte einige Zeit Ruhe gegeben, bis sie es just an diesem Morgen erneut versuchte. Olivers Antwort war unverändert gewesen.

»Schatz, du bist meine Frau und die Mutter meines Sohnes. Ich will nicht, dass du arbeiten gehst.«

»Warum denn nicht?«

»Weil du mir den Rücken stärken sollst. Das nützt mir viel mehr.«

»Eine Ehefrau soll also nicht arbeiten, meinst du das?«

»Ja«, hatte er mit fester Stimme geantwortet. »Und jetzt muss ich los.« Mit diesen Worten hatte er das Zimmer verlassen und die Tür ziemlich heftig hinter sich zugeschlagen.

Später an jenem Tag betrat LM Olivers Büro.

»Ich muss mit dir reden«, verkündete sie.

»Worüber denn?«

»Über Celia.«

»Über Celia? Wenn sie mit dir gesprochen hat …«

»Ja, das hat sie«, sagte LM ganz ruhig. »Ist das etwa nicht erlaubt?«

»Darüber, dass sie hier arbeiten will? Ich habe ihr erklärt, dass ich das nicht möchte. Sie hat kein Recht, dich damit zu belästigen.«

»Oliver, du klingst beängstigend wie Lord Beckenham«, stellte LM fest. »Celia besitzt jedes Recht, mich anzurufen, wenn sie das wünscht. Außerdem weiß ich nicht, was du meinst. Celia hat nichts davon erwähnt, dass sie gern bei uns arbeiten würde. Sie wollte mir lediglich sagen, dass sie über die Briefe von Queen Victoria nachgedacht hat, die bei John Murray herauskommen sollen. Und sie schlägt vor, eine Biografie der Königin in Auftrag zu geben, die gleichzeitig mit den Briefen erscheinen würde. Ihrer Ansicht nach könnten wir von der Werbung der Konkurrenz profitieren. Ich finde, ihr Vorschlag beweist verlegerischen und kommerziellen Instinkt. Das sollten wir unbedingt machen. Und falls Celia tatsächlich irgendwann einmal für unser Haus arbeiten möchte, würde ich das sehr begrüßen. Wir wären dumm, sie nicht zu nehmen. Vielleicht machst du dir mal Gedanken darüber, wer dieses Buch schreiben könnte. Der Auftrag müsste sofort erteilt werden. Hoffentlich stellst du dich nicht dagegen, weil du der altmodischen Ansicht bist, dass Ehefrauen zu Hause bleiben sollten … Ah, habe ich’s mir doch gedacht! Also wirklich, Oliver! Ich bin schockiert.«

Als Oliver an jenem Abend nach Hause kam, war Celia nicht im unteren Bereich des Hauses. Sie hörte, wie er Raum um Raum nach ihr absuchte. Am Ende öffnete er die Tür zu ihrem Schlafzimmer mit verärgert-besorger Miene, die sich sofort aufhellte, als er sie nackt im Bett sitzen sah, die langen dunklen Haare offen über ihren Schultern und Brüsten.

»Tut mir leid, wenn ich dich verärgert habe«, begrüßte sie ihn und streckte die Hand nach ihm aus. »Ich wollte dir wirklich nur helfen. Bitte komm her, ich ertrage es nicht, so mit dir zu streiten.«

Wie immer war er nicht in der Lage, ihren Verführungskünsten zu widerstehen. Bei einem ziemlich späten Abendessen erklärte er ihr dann ein wenig verlegen, LM habe ihn davon überzeugt, dass er sich möglicherweise täusche und sie bei Lyttons arbeiten lassen solle.

Im Nachhinein erachtete sie jenen Abend als Wendepunkt in ihrer Beziehung: in mancherlei Hinsicht wichtiger als der, als sie ihm gestanden hatte, schwanger zu sein. Sie hatte sich gegen ihn wie gegen ihre Eltern durchgesetzt, mit einer Mischung aus Kalkül und Entschlossenheit. Von da an bekam sie ihren Willen, sowohl zu Hause als auch im Verlag.

Sie erhielt ein bescheidenes Büro im ersten Stock, das sie in ihr eigenes kleines Reich verwandelte, mit einem großen Schreibtisch mit Lederauflage, auf dem sie Fotos von Giles im Silberrahmen sowie eine teure Bibliothekslampe und eine tragbare Schreibmaschine arrangierte. Rechts und links vom Kamin stellte sie zwei Ledersofas auf.

»Damit ich mich in entspannter Atmosphäre mit Autoren unterhalten kann«, teilte sie Oliver mit.

Oliver erwiderte ein wenig pikiert, es werde noch eine ganze Weile dauern, bis sie mit Autoren reden könne.

»Zuerst musst du dir die Grundlagen des Verlagswesens aneignen, Celia, vergiss das nicht.«

Celia antwortete, natürlich sei ihr das klar. Einige Zeit erledigte sie artig all die langweiligeren Arbeiten, die auf ihrem Schreibtisch landeten. Es waren ziemlich viele; sie hatte den Verdacht, dass Oliver ihr mehr Fahnen zu überprüfen und Manuskripte zu versenden gab als den Lektoren, doch das war ihr egal. Ihr neues Leben begeisterte sie. Morgens wachte sie voller Vorfreude auf, und abends verließ sie ihr Büro später und später, weil sie sich so ungern davon trennte. So verpasste sie oft die Zeit, zu der Giles ins Bett musste. Das versuchte sie, vor Oliver zu verbergen, weil er nur zugestimmt hatte, sie bei Lyttons anfangen zu lassen, wenn das ihre Mutterpflichten nicht beeinträchtigte. Jenny, die eine Lohnerhöhung sowie anlässlich der neuen Sachlage eine ziemlich eindrucksvolle Uniform erhalten hatte, war häufig gezwungen, ihrer Herrin Rückendeckung zu geben und in Gesprächen mit Oliver zu behaupten, dass Celia deutlich früher nach Hause gekommen sei, als das tatsächlich der Fall gewesen war.

Celia bekam ein Gehalt von einhundert Pfund im Jahr, das sie in Gänze an Jenny weitergab. Oliver und LM waren sich einig, dass es sich bei Celias Tätigkeit für Lyttons um ein offizielles Beschäftigungsverhältnis handeln müsse. Die anderen Angestellten, die ihr gegenüber anfangs noch argwöhnisch waren, akzeptierten sie schnell. Denn sie schuftete, ohne zu klagen, nutzte nie ihre besondere Stellung aus, ließ sich wie die anderen bei Oliver und LM Termine geben, stimmte, zumindest öffentlich, allem zu, was Oliver sagte, und machte so viele gute Vorschläge, dass es letztlich unmöglich war, ihre Beiträge zu ignorieren. Lyttons war ein angesehener Kleinverlag mit nur jeweils zwei Lektoren und Junglektoren. Da war ein zusätzlicher kluger Kopf wie der ihre sehr willkommen.

Oliver fand sich nur zögernd damit ab, dass sie bei Lyttons arbeitete. Er hatte nach wie vor das Gefühl, manipuliert worden zu sein, und das ärgerte ihn. Andererseits hatte sie tatsächlich zahlreiche interessante Ideen, die erfolgreichste eine Reihe leicht verständlich geschriebener, hauptsächlich für Mütter gedachter medizinischer Bücher. Sie verkauften sich so gut, dass LM eigens in Olivers Büro ging, um ihm mitzuteilen, dass der Jahresgewinn von Lyttons sich durch Celia um mindestens fünf Prozent erhöhe und sie deshalb eine Anerkennung verdiene. »Mach sie zur Lektorin, Oliver. Du wirst es nicht bereuen, da bin ich mir sicher.«

Oliver entgegnete, es komme nicht infrage, dass Celia so rasch Lektorin werde: Andere im Verlag hätten sich jahrelang bewähren müssen, um eine solche Position zu erlangen, und sie sei erst seit etwas mehr als zwölf Monaten dabei. Obwohl LM ihm erklärte, er schneide sich ins eigene Fleisch, beugte sie sich seinem Willen. Als jedoch die sechste Auflage der Biografie über Queen Victoria erschien und Celia einen ähnlichen Band über Prinzgemahl Albert vorschlug, der zu Weihnachten als Set mit dem ersten in die Läden kommen sollte, wurde sie schließlich in Olivers Büro bei einem Glas Madeira gefragt, ob sie sich vorstellen könne, als Junglektorin den Schwerpunkt Biografie zu betreuen. Celia antwortete mit einem reizenden Lächeln, dass sie sich das selbstverständlich vorstellen könne, versprach, hart zu arbeiten, und meinte, sie hoffe, den Erwartungen gerecht zu werden.

Später am Abend sagte Oliver erneut ziemlich pikiert, er würde diese Entscheidung nur in einer, wirklich einer Situation bedauern: Wenn Giles unter einem Mangel an Aufmerksamkeit zu leiden hätte.

Celia versicherte ihm, dass sie Giles weiterhin so viel Aufmerksamkeit und Zeit widmen würde, wie er benötige, und brach dieses Versprechen dann fast täglich, als sie sich mit einer Leidenschaft und Begeisterung, die sie selbst überraschten, in ihrer neuen Welt einlebte. Zum Glück für sie fiel Oliver das zumindest anfangs nicht auf, und Giles war noch nicht in der Lage, sich zu beklagen.

KAPITEL 3

Vier Tage über der Zeit. Oder schon fünf? Ja, fünf. Fünf Tage ohne den beruhigenden Schmerz, den Schmutz und die zusätzliche Arbeit. Fünf Tage, in denen Angst und Sorge wuchsen. Fünf Tage, in denen sie sich vorzustellen versuchte, was sie machen würden.

Sie wusste genau, wann es passiert war: An dem Samstagabend, an dem er das Glas Bier getrunken hatte. Sie hatte nicht gewollt, natürlich nicht, aber er war so anständig, arbeitete so hart, war ihnen allen gegenüber so großzügig und beklagte sich nie.

»Komm schon, altes Mädchen«, hatte er geflüstert, »ich pass auch auf und zieh ihn rechtzeitig raus.«

Es wäre ihr unfair erschienen, ihn zurückzuweisen, denn er hatte nicht viele Freuden im Leben.

Sylvia hob seufzend den Eimer auf den Tisch und weichte die Windeln darin ein, in dem Wasser, das sie schon einmal benutzt hatte, weil sie dann kein zweites Mal in den Hof hinausgehen und frisches holen musste. Sie hatte genug zu tun, und heute würde Ted wie jeden Freitagabend sein Bad wollen, was bedeutete, dass sie noch zweimal hinaus und die Töpfe auf den Herd hieven musste, um darin das Wasser für die Wanne zu erhitzen. Der bloße Gedanke daran erschöpfte sie. Aber vielleicht würde die Plackerei wenigstens etwas in Gang setzen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen. Sie durfte einfach nicht daran denken, dass ihre Monatsblutung ausbleiben könnte. Je mehr sie daran dachte, desto länger ließ sie auf sich warten. Einmal war sie sich fast sicher gewesen, doch dann hatte sie sich so große Sorgen um ihre Kleine gemacht, die mit Fieber im Bett lag, dass sie die Sache mit der Periode völlig vergaß, und am folgenden Tag hatte sie dann eingesetzt.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Schon sieben. Ted war seit einer halben Stunde weg. Während er frühstückte, hatte sie die Kleinste gestillt. Wenn sie sich beeilte, konnte sie den Boden fegen, bevor sie die anderen Kinder weckte, und möglicherweise sogar noch das Essen für sie auf den Tisch stellen. Das Wichtigste war es, den Zweitjüngsten so lange wie möglich im Bett zu halten. Er war ein Problem, dieser Frank, ein kräftiges Energiebündel. Sylvia fixierte ihn nur ungern den größten Teil des Tages auf dem Hochstuhl, doch ihr blieb kaum etwas anderes übrig. Entweder das, oder sie band ihn am Tischbein fest. Er durfte sich nicht frei bewegen, wenn der Herd an war und das heiße Wasser in den Töpfen darauf stand, das war einfach zu gefährlich. Heute würde sie sich besonders anstrengen, die Arbeit zu erledigen, bis die Kinder nach dem Essen in die Schule zurückmussten, damit Frank an den Stufen zur Haustür herumkrabbeln konnte. Und wenn sie es nicht schaffte, würde eines der älteren ein bisschen mit ihm hinausgehen. Der arme Kleine. Er weinte viel. Wahrscheinlich war ihm schrecklich langweilig.

Sylvia und Ted wohnten mit ihren fünf Kindern in Lambeth, in einem größeren und einem kleineren Zimmer im Souterrain eines Hauses in der Line Street gleich bei der Kennington Lane. Stufen führten von einem winzigen Eingangsbereich hinauf zur Straße. Der hintere Raum ging auf den Hof, wo sich der Brunnen, der Abtritt und eine Speisekammer befanden, in der Milch und andere Vorräte kühl blieben – zumindest im Winter. Im Sommer funktionierte es nicht ganz so gut.

Sylvia, Ted, die Kleinste und Frank, der Zweitjüngste, schliefen in dem größeren Raum, der auch als Küche und zweimal die Woche vorübergehend als Bad diente. Frank teilte das Bett mit seinen Eltern, während die Kleinste in der untersten Schublade der breiten Kommode von Sylvias Mutter schlummerte. Darin befanden sich Kleidung, Lebensmittel und fast alle ihre anderen Besitztümer. Auf einer Seite des Zimmers, gegenüber vom Bett, stand der Kohleofen. Ansonsten war gerade noch Platz für einen kleinen Klapptisch unterm Fenster und den sperrigen alten Hochstuhl.

Sie besaßen nur zwei Stühle. Die Kinder aßen für gewöhnlich im Stehen oder setzten sich auf das Bett ihrer Eltern. Die drei älteren schliefen in dem kleinen Zimmer in einem Bett, Fuß an Kopf wie Sardinen in der Büchse. Bei ihnen war noch Platz für Frank, dachte Sylvia, wenn die Kleinste irgendwann nicht mehr in die Schublade passte. Und danach – Sylvia schob den Gedanken beiseite.

Ted arbeitete jeden Tag zwölf Stunden in einem Lagerhaus, das eine Stunde Fußweg entfernt lag, und erhielt dafür dreiundzwanzig Shilling die Woche. Im Viertel sagte man, mit einem Pfund, also zwanzig Shilling, Wochenverdienst komme man durch; sobald es weniger wurde, geriet man in Schwierigkeiten. Die Miete betrug sieben Shilling die Woche, einen weiteren Shilling pro Woche brauchte die Familie für Kohle. Viel Geld, aber im Souterrain war es kalt und feucht. Sylvias Freundin Joan, die auf der anderen Seite des Oval wohnte, hatte für sich, ihren Mann und ihre sieben Kinder drei Zimmer im oberen Teil eines Hauses und kam mit weit weniger Kohle aus. Trotzdem hätte Sylvia nicht mit ihr tauschen wollen, denn Ted war ein anständiger, sanfter Mann, der die Kinder nur selten und sie niemals schlug.

Vor Jahren hatte er sogar das Rauchen aufgegeben, und er trank so gut wie nie. Joans Mann hingegen war schrecklich jähzornig, verprügelte die Kinder mit einem Ledergürtel, und wenn Joan sein Essen nach seiner Schicht nicht fertig hatte, schlug er auch sie. Von seinen dreißig Shilling in einer guten Woche gab er bis zu einen für Alkohol aus.

Nach acht Jahren Ehe waren Ted und Sylvia noch immer glücklich. Ihr Leben war nicht leicht, aber sie hatten gesunde Kinder, und die drei, die zur Schule gingen, machten sich gut. Sie konnten alle ihren Namen lesen und schreiben, und der Älteste, er hieß Billy, war firm im Rechnen. Dank Teds Sanftmut und Geduld gelang es Sylvia, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren und sogar meist fröhlich zu sein. Doch sie hatte große Angst, dass sich das ändern würde, wenn sie tatsächlich wieder in anderen Umständen wäre …

Es konnte nicht sein. Nicht jetzt, da sie so viel Freude an ihrer Arbeit hatte, da sie sich so glücklich und stark fühlte. Es durfte einfach nicht sein. Nein, sie musste sich keine Gedanken machen. Sie war lediglich ein paar Tage über der Zeit. Wahrscheinlich weil sie in den letzten Wochen so viel zu tun gehabt hatten. Wenn sie sich den Kopf darüber zerbrach, kam die Periode nur noch später. Falls sie tatsächlich schwanger sein sollte, wusste sie, wann es passiert war. In der Nacht nach dem Literaturabend, bei dem Oliver eine Rede gehalten hatte. Da die Veranstaltung im Garrick stattfand, hatte sie nicht hingehen können. Davor hatte er sich schweigend und mit fahlem Gesicht angezogen.

»Keine Angst«, hatte sie gesagt und die Arme um ihn geschlungen, »du machst das bestimmt wunderbar. Ich werde die ganze Zeit an dich denken.«

»Celia, du verstehst das nicht – so viele wichtige Leute kommen, die Größen unserer Branche, Macmillan, John Murray, Archibald Constable, Joseph Malaby Dent … Ich fühle mich wie David vor Goliath!«

»David hat Goliath geschlagen. Das schaffst du heute Abend auch. Und jetzt gib mir einen Kuss und lass dir die Krawatte binden. Wie gut du aussiehst, so attraktiv! Und wichtiger noch: Du machst Eindruck … wie ein großer Literat.«

Sie hatte in ihrem kleinen Salon gesessen, gelesen und wie versprochen an ihn gedacht. Als sie dann hörte, wie der Wagen vor dem Haus hielt – ziemlich spät, nach eins –, war sie die Treppe, immer zwei Stufen auf einmal, nach unten gerannt. Er war hereinmarschiert, hatte seinen Hut auf einen Stuhl geworfen und sie kurz ernst angeblickt, bevor er lächelte.

»Ich übertreibe nicht: Es war fantastisch. Ein grandioser Abend.«

»Komm mit nach oben«, hatte sie gesagt und seine Hand genommen. »Und erzähl mir alles genau.«

Später hatte er in seiner Euphorie mit ihr geschlafen. Körperlich und emotional erregt, wie sie war, hatte sie sofort auf seine Berührungen reagiert. Es war die reine Ekstase gewesen, in der sie keinen Gedanken an die Folgen verschwendet und keine Vorkehrungen getroffen hatte. Doch als sich der Sturm gelegt hatte, war ihr voller Panik eingefallen, dass sie sich in der fruchtbarsten Zeit ihres Monatszyklus befand. Celia schob die Erinnerung daran beiseite und versuchte, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

In der wöchentlichen Lektoratssitzung wollte sie eine Idee präsentieren, eine ziemlich gute Idee. Auch deswegen war sie nervös. Ihr Herz klopfte so laut, dass Richard Douglas, der nette Belletristiklektor, der neben ihr saß, es bestimmt hörte. Sie bemühte sich stets, im Verlag keine Emotionen zu zeigen. Wenn man gleichberechtigt mit Männern arbeiten wollte, musste man sich verhalten wie einer. Aber das fiel ihr schwer. Und es würde noch schwieriger werden, wenn Oliver ihren Vorschlag ablehnte.

Natürlich hatte er keinen objektiven Grund dazu. Wenn, tat er es nur, weil der Vorschlag von ihr stammte. Zu solchen Reaktionen neigte er nach wie vor, selbst jetzt noch, da sie mehrere Bücher auf den Weg gebracht hatte oder betreute. Sein Gerechtigkeitssinn zwang ihn dazu, sie in keiner Weise zu bevorzugen. Einerseits gefiel ihr das, doch auf einer anderen Ebene ärgerte es sie, weil sie es als ungerecht empfand. Sie versuchte, sein Verhalten mit einem Achselzucken abzutun und nicht einmal zu Hause oder auf dem Heimweg in dem Automobil, das Lord Beckenham ihnen vergangenes Weihnachten geschenkt hatte, etwas davon zu erwähnen.

Oliver hatte das Geschenk nicht annehmen wollen, doch sie hatte ihn davon überzeugt, dass Lord Beckenham das als undankbar und verletzend empfinden würde.

»Er mag dich wirklich sehr, Oliver. Das weiß ich von Mama. Seit der Geburt von Giles ist er begeistert von dir. Und so ein Wagen würde uns doch sehr nützen. Ich hasse es, am Abend mit dem Bus fahren zu müssen, denn wenn ich ihn nicht erwische, komme ich so spät zu Giles nach Hause.«

Das entsprach nicht der Wahrheit, weil sie, wenn es im Büro spät wurde und gerade kein Bus ging, kurzerhand eine Droschke heranwinkte. Sich selbst gegenüber rechtfertigte sie das als angemessene Ausgabe, obwohl ihr klar war, dass der sparsame Oliver anderer Meinung gewesen wäre, hätte er davon gewusst – ein Erbe seiner Kindheit, als alle sich den Mund über die Verschwendungssucht seiner Mutter zerrissen hatten.

LM, die noch sparsamer war als er, ging meist zu Fuß zur Arbeit. Sie hatte das große Haus an der Fitzjohns Avenue, das Erbe ihres Vaters, verkauft und ein deutlich bescheideneres in Keats Grove erworben. An ihrem dreißigsten Geburtstag hatte sie sich für einen Kleidungsstil entschieden – langer Rock, weiße Bluse, buntes Tuch und maßgeschneiderte Jacke –, von dem sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr abwich und der sie davor bewahrte, sich nach der Mode richten und viel Geld ausgeben zu müssen.

Celia, die hübsche Kleider liebte, begriff das nicht so ganz, auch wenn sie fand, dass dieser Stil LM erstaunlich gut kleidete. Er schmeichelte ihrem hoch gewachsenen, wohlgeformten Körper, und ihre lose geschlungenen Tücher in leuchtenden Farben brachten ihre markanten Gesichtszüge und dunklen Augen bestens zur Geltung. LM kam eindeutig nach ihrer Mutter, fand Celia.

»Ja, Celia?«, fragte Oliver gerade mit seiner strengsten Miene, die sagen sollte: Du bekommst keine Sonderbehandlung, nur weil du meine Frau bist. »Wolltest du uns nicht einen Vorschlag unterbreiten?«

»Ja. Ich habe über die Everyman-Serie nachgedacht.«

»Über die denken wir alle nach«, entgegnete Oliver. In der neuen Reihe, die Joseph Malaby Dent ins Leben gerufen hatte, erschienen die besten literarischen Werke aller Zeiten zu einem günstigen Preis. Sie lief gut, weil in dieser Periode gesellschaftlicher Umwälzungen Bildung groß geschrieben wurde.

»Ich finde, wir sollten eine Biografien-Reihe herausbringen, ähnlich preiswert wie die Everyman-Serie bei Dent. Über die herausragenden Männer – und natürlich auch Frauen – der Geschichte. Dabei sollten wir nicht chronologisch vorgehen, weil deutlich stärkeres Interesse an Personen der jüngeren Vergangenheit besteht. Disraeli, Florence Nightingale, Marie Curie, Dickens, sie würden sich hervorragend eignen. Vielleicht auch Lord Melbourne, und alles, was mit Queen Victoria zu tun hat, scheint die Leute nach wie vor zu fesseln. Henry Irving, Mrs Siddons … es gibt so viele faszinierende Persönlichkeiten. Wir könnten eine Originalillustration für jeden Band in Auftrag geben als Frontispiz und …«

Celia hielt inne. Alle starrten sie mit undurchdringlicher Miene an. Sie wurde rot, schwieg kurz und fuhr dann fort.

»… diese Illustrationen auch für jedes Buch separat anbieten. Sozusagen als Werbemaßnahme. Die Bände könnten jeweils am Ende weitere Werbung für die anderen in der Reihe beinhalten. Außerdem wäre es möglicherweise sinnvoll, sie im Buchklub der Times erscheinen zu lassen. Das würde dieses Ungeheuer aufwerten. Und wir wären in der Lage, einen höheren Rabatt als sonst anzubieten …«

»Nein«, fiel Oliver ihr ins Wort. »Auf keinen Fall. Dazu bringt mich keiner.«

Celia bekam ein flaues Gefühl im Magen. Sie war sich ihrer Idee so sicher gewesen. So sicher, dass sie nicht unter vier Augen bei ihm vorgefühlt hatte, wie sie es manchmal tat. Dann hätte sie sich diese Demütigung erspart. Sie senkte den Blick auf ihre Schuhe. Es handelte sich um sehr schöne Schuhe oder eher Stiefeletten aus grauem Leder mit schwarzen Knöpfen an der Seite, die großartig zu ihrem neuen grauen Kostüm passten.

»Hübsche Schuhe«, hatte Giles bemerkt, als er sie das erste Mal sah. »Hübsche Mummy.«

Über sein Kompliment hatte sie sich gefreut wie ein Kind.

»Brillante Idee«, sagte Richard Douglas gerade, »wirklich brillant. Kluges Mädchen. Was halten Sie davon, LM?«

»Bin ganz Ihrer Meinung«, antwortete LM. »Der Markt für Biografien ist riesig und könnte es noch jahrelang bleiben. Schließlich treten immer neue Menschen ins Rampenlicht oder verlassen es.«

»Was soll das heißen: Sie verlassen es?«, erkundigte sich Oliver verärgert.

»Dass sie sterben«, erklärte LM. »Jeder Nachruf eröffnet potenziell ein neues Thema. Ich finde auch die Idee mit dem Buchklub der Times gut, Celia.«

»Ich habe Nein gesagt«, betonte Oliver.

»Tja, dann also nicht.« LM bedachte ihn mit einem Lächeln. Der Buchklub der Times war allen Verlegern nicht nur ein Dorn, sondern ein veritabler Dolch im Auge. Ins Leben gerufen im Jahre 1905, um die Auflage der Zeitung zu steigern, bot er Mitgliedern des Lesezirkels Bücher an, die Verlage mit Rabatt zur Verfügung stellten und nach nur zwei oder drei Ausleihen billig antiquarisch verkauft wurden. »Obwohl wir die weite Verbreitung, die der Klub bietet, nutzen könnten. Celia, ich bin zutiefst beeindruckt von dieser glänzenden Idee.«

»Ich finde den Reihencharakter attraktiv«, erläuterte Celia. »Die Leser würden die Bände sammeln. Auf den Buchrücken könnten über dem Titel große Buchstaben prangen, damit sie im Regal ins Auge fallen.«

»Hm, ja.« Richard nickte. »Das hätte einen hohen Wiedererkennungseffekt. Meinen Sie nicht, Oliver?«

»Wie bitte? Ach so, ja.«

Celia sah ihn an. Oliver kämpfte mit dem Neid, das merkte sie. Sie musste Vorsicht walten lassen.

»Irgendetwas Verspieltes«, sagte Richard. »Ich meine, der Stil. Vielleicht Jugendstil, die Umschläge in Dunkelblau. Die Herstellung soll sich etwas ausdenken. Wir dürfen keine Zeit verlieren, müssten die ersten zwei oder drei Bände noch vor Weihnachten herausbringen. Die Idee, die Illustrationen separat zu verkaufen, gefällt mir, Celia. Wirklich clever.«

»Wir brauchen einen Namen für die Reihe«, meldete sich LM zu Wort. »Hast du dir darüber schon Gedanken gemacht, Celia?«

Natürlich hatte sie das. Aber höchstwahrscheinlich würde ihr Vorschlag bei ihnen keinen Anklang finden.

»Wir könnten sie ›Biographica‹ nennen. Wie wäre das?«

Wieder Schweigen. Dann sagte LM: »Großartige Idee, Celia. Ein schlichter, einprägsamer Begriff. Außerdem finde ich« – sie hielt kurz inne –, »wir sollten dir die Verantwortung dafür übertragen. Deine eigene Reihe. Meinst du nicht auch, Oliver?«

Celia senkte den Blick wieder auf ihre grauen Stiefeletten. Oliver würde sich niemals darauf einlassen, dass sie die Reihe betreute.

»Das könnten wir in Betracht ziehen«, antwortete Oliver. »Allerdings nur, wenn die anderen im Verlag auch damit einverstanden sind. Ich möchte diese Entscheidung nicht hier und jetzt fällen.«

»Warum denn nicht?«, fragte LM. »Wir drei treffen doch sonst auch alle großen Entscheidungen. Ich kann mich nicht erinnern, dass du für die neuen Heatherleighs die Zustimmung von Mr Bond aus der Buchhaltung eingeholt hättest oder die von Miss Birkett für die Medizinreihe. Die übrigens auch Celias Idee war. Celia, wir müssen aufpassen, dass du nicht schon bald das Steuer bei Lyttons übernimmst.«

Celia, die fast meinte, ihr würden Flügel wachsen, bedankte sich mit einem Lächeln. Dann sah sie Oliver noch einmal an, der sich bemühte, ebenfalls zu lächeln. Sie wusste, dass sie ihm das Gefühl geben musste, weiterhin die Kontrolle zu haben.

»Ich pflichte Oliver vollkommen bei«, sagte sie. »Die Entscheidung sollte nicht sofort gefällt werden. Nicht in meiner Anwesenheit. Aber natürlich freut es mich sehr, dass meine Idee allen zusagt. Und bei der Verwirklichung würde ich tatsächlich gern mitwirken.«

Sie merkte, wie er sich, nach wie vor misstrauisch, entspannte. Es war lange her, dass er selbst eine wirklich gute Idee gehabt hatte, das wurde ihr plötzlich bewusst.

»Ted«, flüsterte Sylvia, »ich bin wieder … in anderen Umständen. Ich …«

Er setzte sich abrupt auf, vergaß, dass er leise sein musste. »O nein, Schatz. Wie konnte das passieren?«

»Vermutlich so wie immer«, antwortete sie. Es gelang ihr, fröhlich zu klingen.

»Ich war doch so vorsichtig, dachte ich. Oje.«

»Ich weiß, Ted. Aber es passiert eben schnell.«

»Scheint so.«

Langes Schweigen, dann: »Wann?«

»So um Weihnachten.«

»Was sollen wir machen?«

»Ich hab nachgedacht. Irgendwie kriegen wir das diesmal noch hin. Frank quartieren wir in dem anderen Zimmer ein, in der orangefarbenen Kiste, dann kann Marjorie bei uns schlafen. Und das Neue legen wir in die Schublade.«

»Ja, das könnte gehen.« Wieder kurzes Schweigen. »Wie fühlst du dich?«

»Nicht zu schlecht. Müde.«

»Tut mir leid, altes Mädchen. Sehr leid. Wird nicht mehr passieren, das versprech ich dir.«

Sylvia beugte sich gerührt zu ihm hinüber, um ihn zu küssen, und versuchte dabei, Frank nicht aufzuwecken.

»Ich bin ja selbst schuld daran«, sagte sie und tat so, als hätte sie es genauso sehr gewollt wie er. Das hatte er verdient, fand sie. Außerdem würden sie die Situation nie in den Griff bekommen, wenn sie sich nun auch noch stritten.

Celia war tatsächlich schwanger, und sie freundete sich