Die Stunde des Schicksals - Penny Vincenzi - E-Book
Beschreibung

London 1953. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs ist in das Leben der Lyttons endlich wieder eine gewisse Normalität zurückgekehrt. Doch dann folgt ein Paukenschlag: Die unlängst verwitwete Lady Celia verkündet, dass sie den Lytton-Verlag verlassen und wieder heiraten wird. Völlig vor den Kopf gestoßen, fragen sich ihre Kinder, was diese Entscheidung für ihre Leben, ihre Karrieren und ihr Erbe bedeutet. Die Machtverhältnisse verschieben sich im Familiengefüge und im Verlag – und schließlich muss Celia erkennen, dass nicht weniger als das Vermächtnis der Lytton-Dynastie auf dem Spiel steht ...

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EPUB

Seitenzahl:943


Buch

Oliver Lytton ist seit einem Jahr tot, da löst Celias Ankündigung, sich aus dem Lyttons Verlag zurückzuziehen und Lord Arden zu heiraten, sowohl in ihrer Familie als auch in kulturellen Kreisen große Bestürzung und Verwunderung aus. Doch Celia übergibt nicht sofort ihre Anteile am Verlag, sondern will ein Jahr aus der Ferne zusehen, wie ihre Kinder und Jay sich anstellen. Alle argwöhnen, dass sie bei der erstbesten Gelegenheit wieder die Führung übernehmen wird.

Auch Barty, Celias Pflegetochter aus dem Armenviertel, die mittlerweile Lyttons New York leitet und dank des Erbes ihres verstorbenen Mannes Großaktionärin der Verlage ist, beschließt, erneut zu heiraten. Doch ihr neuer Ehemann Charlie Patterson entpuppt sich nach und nach als zwielichtiger Geschäftsmann, der einen etwas zu scharfen Blick auf das Vermögen der Familie zu werfen scheint. Nachdem auch in London Konflikte über die Neuordnung des Verlags nach Celias Rückzug ausbrechen, droht die Verlagsdynastie zu zerbrechen. Bald steht nicht weniger als das Vermächtnis der Lyttons auf dem Spiel …

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finden Sie am Ende des Buches.

PENNY VINCENZI

DIE

STUNDE DES

SCHICKSALS

DIE LYTTON-SAGA BAND 3

Roman

Aus dem Englischen

von Karin Dufner

Die englische Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel

»Into Temptation – The Spoils of Time: 3« bei Orion, London.

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2. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Juli 2018

Copyright © der Originalausgabe 2002 by Penny Vincenzi

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Lee Avison/Trevillion Images

FinePic®, München

Redaktion: Ann-Catherine Geuder

em · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-21709-9V003

www.goldmann-verlag.de

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Gewidmet Emily und Claudia für ihre tatkräftige Unterstützung.

In Liebe

DIE HAUPTFIGUREN

LONDON

Lady Celia Lytton, Leiterin des Verlagshauses Lyttons

Lord Arden, seit kurzem ihr Ehemann

Giles, die Zwillinge Venetia und Adele und Kit, Celias Kinder

Jay Lytton, deren Cousin

Boy Warwick, Venetias Ehemann

Elspeth Warwick, Venetias und Boys Tochter

Keir Brown, Elspeths Verlobter

Geordie MacColl, Adeles Ehemann

Clio, Adeles und Geordies Tochter

Noni und Lucas, Adeles Kinder mit dem verstorbenen Luc Lieberman

Sebastian Brooke, Bestsellerautor bei Lyttons

Clementine Hartley, auch Autorin bei Lyttons

AUF DEM LAND

Bill Miller, Bartys Bruder

Joan, Bills Frau

Joe und Michael, die Kinder von Bill und Joan

NEW YORK

Barty Miller, Leiterin von Lyttons, New York

Jenna Elliott, Bartys Tochter mit dem verstorbenen Laurence Elliott

Cathy Patterson, Schulfreundin von Jenna

Charlie Patterson, Cathys Vater

Jamie Elliott, Laurences Bruder und Jennas Vermögensverwalter

Kyle Brewer, Literaturagent und Jennas Vermögensverwalter

Marcus Forrest, Cheflektor bei Lyttons, New York

Isabella (Izzie) Brooke, Sebastians Tochter

Mike Parker und Nick Neill, Inhaber einer Werbeagentur, Izzies Arbeitgeber

TEILEINS

»REICH VON DER ZEITEN RAUB …«

Thomas Gray, »Elegie,

geschrieben auf einem Dorfkirchhof«

KAPITEL 1

Lady Celia Lytton hatte im Laufe ihres langen Lebens schon mehrfach an der Schwelle des Todes gestanden. Natürlich nicht immer im wahrsten Sinne des Wortes, obwohl der Sensenmann sie bei einigen Gelegenheiten eindeutig ins Visier genommen zu haben schien. Allerdings war sie oft genug totgesagt worden. Für Letzteres gab es kein eindringlicheres Beispiel als den Frühlingstag im Jahr 1953, dem Krönungsjahr, als sie nicht nur ihre Verlobung mit ihrer alten Flamme Lord Arden, sondern auch ihren Rückzug aus dem Verlagshaus Lyttons ankündigte. Prompt schlussfolgerte der Großteil der Londoner Literaturwelt, sie befände sich (bestenfalls) im Anfangsstadium einer tödlichen Krankheit. Zur Mittagszeit erhob man seine Gläser mit Gin Tonic, Martini oder Champagner, gedachte ihrer Spritzigkeit und verlieh seinem großen Bedauern darüber Ausdruck, dass ein Leben, das Literatur und Kultur fast fünf Jahrzehnte lang derart bereichert hatte, nun sein Ende finden sollte. Anschließend wurde darüber gemutmaßt, was wohl auf ihrem Totenschein stehen und wer genau in ihre stets von eleganten Schuhen hinterlassenen Fußstapfen treten würde.

Diese Gerüchte kamen nicht sehr überraschend. Celia Lytton hatte der Öffentlichkeit gegenüber immer mit dem Brustton der Überzeugung geäußert, nur der Tod könne sie von ihrem Lytton-Verlag, der wahrhaft größten Liebe ihres Lebens, trennen.

Und wirklich verkörperte sie für die meisten Menschen Lyttons; sie repräsentierte den Verlag mit ihrem scharfen, kreativen Verstand, ihrem unfehlbaren literarischen Instinkt, ihrem einzigartigen Stil und ihrem zielsicheren Geschmack. Das war schon so gewesen, als sie vor knapp fünfzig Jahren als sehr junges Mädchen in das Unternehmen eingetreten war; doch seit dem Tod ihres Mannes Oliver Lytton vor einem Jahr war sie der Lebensmotor des Hauses geworden. Die jüngere Generation mochte Anteile besitzen, sich leidenschaftlich engagieren, ihre Fähigkeiten, Talente und jede Menge Fleiß einbringen – dennoch wurde kein wichtiger Titel erworben oder publiziert, kein neuer gestalterischer Weg beschritten, keine finanzielle Investition getätigt und kein leitender Mitarbeiter eingestellt, ohne dass Celia dazu ihr Plazet gegeben hätte.

Nicht einmal die organisatorische Herausforderung, die es bedeutete, sich bei allen einschneidenden Veränderungen die Zustimmung von Lyttons New York einzuholen, hatte an ihrem Führungsanspruch, an dem alles abperlte, kratzen können. »Ich kann mir die Meinung von denen – bessergesagt von ihr – durchaus vorstellen«, lautete ihre Antwort, wenn jemand das Thema aufs Tapet brachte, und natürlich hatte sie absolut recht. Dafür gab es, wie allgemein bekannt, sehr triftige persönliche und auch professionelle Gründe …

Lady Celia selbst, die die Aufregung sehr genossen hätte, wäre sie denn Zeugin davon geworden, saß auf einer Chaiselongue am Wohnzimmerfenster ihres Hauses im Cheyne Walk. Wie immer war sie hinreißend schön. Sie war vom Kreise ihrer Familie umgeben, von deren Mitgliedern einige sichtlicher erschüttert wirkten als andere. Neben ihr auf dem Tisch lag das Manuskript für den neuen Roman ihres jüngsten Sohnes, der den Abgabetermin – sehr zu ihrem Missfallen – um zwei Monate überzogen hatte.

Venetia Warwick, eine ihrer Zwillingstöchter, ergriff als Erste das Wort.

»Mummy, bist du dir wirklich sicher?«

»Was genau meinst du, Venetia? Meine Verlobung oder meinen Ruhestand?«

»Nun, beides. Aber wahrscheinlich eher den Ruhestand.«

»Absolut.« Lady Celias Tonfall war spitz. »Wie könnte daran der geringste Zweifel bestehen? Wie lange arbeitest du jetzt schon bei Lyttons, Venetia? Fünfzehn Jahre. Mit beachtlichem Erfolg, wie ich hinzufügen möchte. Sicher wirst du mir zustimmen, dass es Zeit für mich ist, Platz zu machen. Herrje, du selbst hast das während der letzten Jahre immer wieder angedeutet. In deiner Situation würde ich Erleichterung, wenn nicht sogar große Vorfreude verspüren. Und ich bin ziemlich sicher, dass du und Giles genau das empfindet. Vergeude deine Zeit nicht damit, es abzustreiten. Und jetzt müsst ihr mich alle entschuldigen. Ich bin mit Lord Arden zum Mittagessen verabredet. Meiner Ansicht nach habe ich mir nach diesem wenig amüsanten Vormittag ein wenig Spaß verdient. Doch ich möchte, dass ihr alle heute hier zu Abend esst, damit wir die Angelegenheit ausführlicher besprechen können.«

Erst als sie am Arm ihres frisch gebackenen Verlobten, von seinen Freunden Bunny genannt, durch den Speisesaal des Ritz schritt und von den einen Glückwünsche zu ihrer Verlobung, von den anderen Bedauern wegen ihres Ruhestands entgegennahm, erkannten die Menschen ausgesprochen ungläubig, dass sie nicht nur bei bester Gesundheit war, sondern ihre Ankündigung ernst gemeint hatte. Sie würde sich schlicht und ergreifend zur Ruhe setzen.

Dass man, sowohl im Hause Lytton als auch in der Allgemeinheit, seinen Ohren nicht traute, war nicht weiter verwunderlich. Mochte Giles Lytton, ihr ältester Sohn, auch Geschäftsführer sein, Venetia Warwick für Vertrieb, Entwicklung und diese seltsame neue Erfindung, das Marketing, verantwortlich zeichnen, Jay Lytton sich Cheflektor nennen – sie unterwarfen sich alle dennoch Celias Willen. Giles stieß das zwar sauer auf, Jay rebellierte gelegentlich, und Venetia stellte in Frage, weshalb sie sich gerade in ihren Bereich einmischen musste. Aber keiner von ihnen zog ernsthaft in Erwägung, sie einfach mit Nichtachtung zu strafen.

Und hier stand sie nun und verkündete, sie werde jetzt alles an den Nagel hängen. Nicht nur Lyttons, sondern das, was ihr ein ganzes Leben lang am meisten bedeutet hatte: ihren Beruf. Und nur deshalb, um die Countess von Arden zu werden und in Lord Ardens prachtvolles und geräumiges Anwesen aus dem achtzehnten Jahrhundert in Schottland einzuziehen. Prachtvoll mochte es ja sein, raunten alle, jedoch ziemlich weit von London entfernt. Natürlich besaß Lord Arden zudem ein sehr ansehnliches Haus am Belgrave Square. Doch er verbrachte viel Zeit in Glennings, wie man Glenworth Castle gemeinhin nannte.

Tatsächlich hielt er sich seit dem Tod seiner ersten Frau, die bekanntermaßen ein Faible für Stallburschen gehabt hatte, viel öfter dort auf als in London. Seine Liebe gehörte dem Reiten, der Jagd, dem Schießen und dem Angeln. Er ging zwar gerne in die Oper, hatte eine Loge im Glyndebourne und besuchte sogar die Scala und das Pariser Opernhaus, um die göttliche Maria Callas singen zu hören, aber am glücklichsten war er, wenn er bis zur Taille im eiskalten Wasser seines eigenen Flusses stand und den Lachsen auflauerte oder auf der Hatz nach schottischen Füchsen die gefährlich hohen Zäune seines Landguts überwand. Womit, um alles in der Welt, wollte Celia sich dort beschäftigen?, fragten sich alle. Die stets makellos gekleidete und frisierte Lady Celia, ein Stadtmensch, wie er im Buche stand. Allerdings vergaßen diese Leute, dass sie als Mädchen selbst auf dem Land, nämlich auf dem Gut ihres Vaters, aufgewachsen war. Lord Arden war sie bereits in ihrer frühen Jugend bei einer Einladung in Shropshire begegnet, als sie bei strömendem Regen mit ihren Gewehren losgezogen war und mehr Enten erlegt hatte als er.

Inzwischen war Lady Celia Lytton Ende sechzig und litt unter ihrer neuen Einsamkeit, weshalb sie plötzlich von der tiefen Sehnsucht ergriffen worden war, zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Und wie durch ein Wunder besaß Peter Arden die Mittel, ihr das zu ermöglichen.

»Willst du …?«

»Natürlich.«

»Berkeley Square?«

»Montpelier wäre …«

»Ja, wäre es. Ich fahre dir nach.«

Die Lytton-Zwillinge, wie man sie immer noch nannte, obwohl sie mittlerweile verheiratet waren und eine große Kinderschar vorweisen konnten, unterhielten sich weiterhin so: in einer seltsamen, unverständlich-stenogrammartigen Sprache, die sie schon seit ihrer Kindheit benutzten und mit der sie alle um sich herum in den Wahnsinn trieben.

Beinahe gleichzeitig kamen sie vor Adeles Haus in der Montpelier Street an. Venetia in einem ziemlich seriösen Jaguar, Adele in dem dunkelgrünen MG-Cabrio, das derzeit ihr ganzer Stolz war. Im Haus war es still. Adeles zwei ältere Kinder befanden sich in der Schule. Ihre kleine Tochter, das Nesthäkchen, war mit dem Kinderfräulein unterwegs.

»Aber lass uns rauf ins Atelier gehen. Sie könnten …«

»Los. Hast du ein Glück, dass es hier so ruhig ist.«

»Nun, wenn man sich nach Ruhe sehnt, ist sechs Kinder zu kriegen nicht die richtige Methode.«

»Ich weiß, ich weiß. Sollen wir …?«

»Schon gut, ich hole was. Geordie hat gestern Abend eine Kiste Sancerre in den Keller gestellt. Nimm schon mal zwei Gläser mit nach oben.«

Adeles Fotoatelier erstreckte sich über den gesamten dritten Stock ihres Hauses; das Glasdach und die Fenster ohne Vorhänge funkelten in der Aprilsonne. Venetia schnitt ein Gesicht und begann, die Rollos herunterzuziehen.

»So grelles Licht halte ich nicht aus. Nicht in meinem Alter. Eindeutig unschmeichelhaft.«

»Venetia, außer mir sieht dich doch keiner.«

»Geordie könnte raufkommen.«

»Wird er nicht. Er isst mit irgendeiner alten Dame zu Mittag, die den Ersten Weltkrieg noch erlebt hat. Für das neue Buch.«

»Tja, irgendwann kommt er sicher zurück.«

»Das dauert noch Ewigkeiten«, verkündete Adele selbstbewusst. »Hier, gib mir die Gläser.«

»Das ist ziemlich …«

»Ich weiß. Richtig.«

»Ich meine, die Vorstellung, dass Lyttons ohne …«

»Bestimmt bist du recht …«

»Einerseits ja, andererseits ganz und gar nicht.«

Adele sah sie an. »Kann ich mir denken. Warum, glaubst du …?«

»Das weiß nur der Himmel. Erschöpft vielleicht?«

»Wann war Mummy je …?«

»Nie. Glimmstängel?«

»Mmmm, danke.«

Adele nahm eine Zigarette und inhalierte tief. »Die wirklich wichtige Frage lautet …«

»Ich weiß, ich weiß. Warum …«

»Das heißt, wann …«

»All die Jahre. Und außerdem Kit und so.«

»Natürlich«, erwiderte Adele, »ist er ein wahrer Schatz.«

»Schätze, das kannst du besser beurteilen. Deine Flucht und so.«

»Nun ja. Aber trotzdem …«

»Tja, doch eines steht verhältnismäßig fest«, fuhr Adele fort. »Sie wird es uns nicht verraten. Und auch sonst niemandem.«

»Außer Kit vielleicht. Ich frage mich, ob sie ihn gewarnt hat?«

»Das bezweifle ich. Mein Gott, er wird …«

»Ganz sicher. Dermaßen wütend. Und so gekränkt. Der arme Kerl.« Venetias große dunkle Augen verschleierten sich vor Mitgefühl.

»Wirklich ein armer Kerl«, stimmte Adele zu. »Es ergibt überhaupt keinen Sinn, findest du nicht auch?«

»Überhaupt keinen.«

Natürlich war es Venetia gewesen, die seine Mutter an diesem Morgen vor versammelter Mannschaft gelobt hatte, dachte Giles, als er zu Fuß zum Verlagshaus zurückkehrte. Kein Wort des Lobes für ihn. Kein einziges Wort über seinen Bestseller, eine absolut außergewöhnliche Geschichte des Krieges, erzählt von den gewöhnlichen Männern und Frauen, die darin gekämpft hatten. Nur eine spitze Anmerkung, er müsse doch wegen ihres Ausscheidens erleichtert sein. Was selbstverständlich auf sie alle zutraf, sosehr sie es auch abstritten. Endlich frei von ihrer, wenn auch noch so inspirierenden, Gegenwart zu sein. Ihrer Dominanz, sei sie auch noch so hart erarbeitet. Ihren Anweisungen, seien sie auch noch so hilfreich. Frei, ihre eigenen Wege zu gehen, selbst Erfolge zu sammeln und Fehler zu machen. Ja, die starren Regeln abzustreifen, die sie für die Ausrichtung von Lyttons und die Geschäftstätigkeit des Verlages aufgestellt hatte. Das würde wundervoll befreiend sein. Seit dem Tod seines Vaters war es um einiges schlimmer geworden.

Mit Oliver und seiner sanften, zurückhaltenden Art schien sie auch jegliche Selbstzweifel begraben zu haben. Anfangs war sie so in ihrer tiefen und aufrichtigen Trauer versunken gewesen, dass sie Hemmungen gehabt hatten, ihr zu widersprechen. Allerdings hatten sie nicht vorhergesehen, wie rasch ihre Nachgiebigkeit zum Normalzustand werden und wie gnadenlos Celia sie ausnützen würde.

Natürlich hatte sie Recht. Giles hatte große Erleichterung empfunden, als er die Ankündigungen im Bookseller und der Publishers’ Gazette gelesen hatte. Was für eine Art, nicht nur der Welt, sondern auch ihrer eigenen Familie – ohne auch nur den Hauch einer Vorwarnung – mitzuteilen, dass sie noch heute der Verlagswelt den Rücken kehren würde.

Über Anteile war kein Wort gefallen; sicher würde Celia sie als Waffe benutzen, um zu zeigen, wer ihre Lieblinge waren. Dank Bartys beträchtlicher Großzügigkeit hielt die Familie noch zweiunddreißig Prozent der Londoner Firmenanteile. Angesichts des enormen Erfolgs von Lyttons London (wie der Verlag nun hieß) innerhalb der letzten fünf Jahre waren diese Anteile sicher einiges wert. Zweiunddreißig Prozent, eine Zahl, die sich so hinreißend einfach durch vier teilen ließ: jeweils ein Viertel für Giles, Venetia, Jay und eines für Oliver und Celia gemeinsam. All das war sehr stilvoll geregelt worden; ja, sogar so stilvoll, dass es Celia leicht fiel zu übersehen, dass überhaupt keine Großzügigkeit im Spiel gewesen war.

Es bereitete Giles noch immer eine Art von Genugtuung. Wer hätte vor all den Jahren gedacht, dass Barty einmal so viel Macht über sie haben würde …

Er ließ seine Gedanken von Barty zurück in die Gegenwart wandern. Ohne seine Mutter würde es fantastisch, einfach nur fantastisch werden. Gut, er, Venetia und Jay waren oft unterschiedlicher Meinung, aber diese Punkte konnten nun ausdiskutiert werden. Gelöst durch eine vernünftige, informierte Debatte, die auch Faktoren wie Gewinnerwartung, die Konkurrenz und die bisherigen Erfolge eines Autors einschloss.

Selbstverständlich blieb noch das größte Rätsel von allen: Warum ausgerechnet Bunny Arden? Obwohl alle nach Olivers Tod gedacht hatten …

»Na, Cousin Giles.« Eine Stunde später kam Jay in sein Büro spaziert. »Wirklich aufregend, findest du nicht, alter Junge?«

»Was meinst du?«, hakte Giles vorsichtig nach.

»Ach, tu doch nicht so, alter Junge. Natürlich, dass Celia uns jetzt unsere Arbeit machen lässt. Einfach phänomenal, wenn wir ehrlich sein wollen. Eigentlich könnten wir einen drauf trinken. Ich habe eine Flasche Schampus nebenan. Einverstanden?«

Giles nickte ein wenig skeptisch und blickte Jay nach, als dieser den Champagner holen ging. Was Jay betraf, hatte er sehr gemischte Gefühle. Celia vergötterte ihn, so wie Barty auch, und er war zweifellos bei allen im Verlag beliebt. Was ziemlich schwierig auszuhalten war. Andererseits gelang es Giles auch nicht, ihn unsympathisch zu finden. Jay war so gutmütig und immer vergnügt, und hinter seiner recht unverblümten Art verbargen sich ein messerscharfer Verstand und eine beeindruckende Fähigkeit, was das Beurteilen von Texten anging. Er genoss als Celias Liebling nicht nur eine privilegierte Stellung bei Lyttons, sondern war überdies mit »einem der schönsten Mädchen Londons« verheiratet, wenn man der Vogue glauben konnte, in der sie häufig abgebildet war. Victoria Lytton war hochgewachsen, schlank, blond und hatte große blaue Augen und atemberaubend tolle Beine. Außerdem war sie ebenso gutmütig und charmant wie Jay und hatte ihm bereits zwei Söhne geschenkt. Derzeit erwartete sie ihr drittes Kind und hatte klipp und klar verkündet, dass es nicht nur ihre letzte Schwangerschaft sein würde, sondern dass sie mit einem kleinen Mädchen rechnete. Niemand zweifelte auch nur im Geringsten daran.

Jays einziger Fehler war, dass er zur Faulheit neigte; das Leben hatte es ihm zu leicht gemacht, und er besaß schon lange keinen Ehrgeiz mehr. Allerdings führte das erfreulicherweise dazu, dass er entspannt und locker mit seinen Autoren umging. Er erreichte sie auf einer einfühlsamen und instinktiven Ebene, war ein ausgezeichneter Lektor, erspürte ihre wunden Punkte, lobte ihr Talent und förderte ihren sehr individuellen Beitrag zu Lyttons Autorenstamm. Er betreute nicht nur die talentierten jungen Autoren – wie Kit Lytton selbst und eine erstaunlich originelle Schriftstellerin namens Clementine Hartley, die nur drei Jahre nach ihrem Abschluss in Oxford zwei Bestseller vorweisen konnte –, sondern auch die ältere Generation, die, beinahe zu ihrer Überraschung feststellte, dass sie sich bei ihm wertgeschätzt und in guten Händen fühlte. Romanautorinnen wie die große Nancy Arthure, deren Auflagen Lyttons den Neid der Verlagswelt eingebracht hatten. Lady Annabel Muirhead, die Biografin. Und Sebastian Brooke, der ehrenwerte Elder Statesman der Literatur, dessen elegante fantastische Zeitreisen für Kinder von diesen geliebt und von Erwachsenen bewundert wurden.

Eben jener Sebastian, für den an diesem Nachmittag ein Termin mit Giles und Celia anberaumt gewesen war, um die Krönungsjahr-Ausgaben seiner Bücher zu erörtern. Jener Sebastian, der gerade äußerst erbost angerufen hatte, um sich zu erkundigen, wie Celias Sekretärin dazu käme, eine so wichtige Sitzung nur mit einem halben Tag Vorwarnung abzusagen. Und der jetzt, immer noch kochend vor Wut, mit einem Taxi zum Cheyne Walk fuhr, um von Celia persönlich eine Erklärung dafür einzufordern, welche Gründe tatsächlich hinter ihrer Ankündigung steckten und weshalb sie es nicht für nötig gehalten hatte, im Vorfeld mit ihm darüber zu sprechen.

KAPITEL 2

Ein Schrei hallte die Treppe hinunter, gefolgt von Stille, dann ein heftiges Schluchzen. Zu guter Letzt ertönten übereinander stolpernde Schritte auf dem Treppenabsatz im ersten Stock. Als Adeles Familie aus verschiedenen Zimmern erschien, um zu erfahren, was geschehen war, wurden sie von überschäumend triumphierendem Gelächter empfangen.

»Der Record hat gerade angerufen.«

»Ich habe das Telefon gar nicht gehört«, erwiderte Geordie, der sich absichtlich dumm stellte.

»Aber was ist los, Maman? Was für ein schrecklicher Lärm, das hat mir wirklich Angst gemacht.«

»Tut mir leid, Noni, mein Schatz. Ich war einfach so aufgeregt.« Adele küsste ihre Tochter.

»Worum ging es?«

»Nun …«

»O Mutter, jetzt sag schon. Es langweilt.«

Lächelnd betrachtete Adele die ungeduldige Miene ihres Sohnes.

»Der Record. Die amerikanische Zeitschrift, ihr wisst schon …«

»Ja, Maman, die kennen wir.«

»Der Record hat mich gebeten, die Krönungsfeierlichkeiten zu dokumentieren. Als offizielle Fotografin. Na, was haltet ihr davon?«

»Liebling, das ist ja wunderbar. Wirklich wunderbar. Komm, lass dich küssen.«

»O Gott«, stöhnte Lucas übertrieben genervt. »Bitte nicht vor den Kindern.«

Er wandte sich ab und marschierte in sein Zimmer. Als Adele ihm nachblickte, verflog ihre gute Laune schlagartig.

»Achte nicht auf ihn, Liebling«, sagte Geordie. »Er benimmt sich absichtlich daneben.«

»Klar tut er das.« Nonis reizendes Gesichtchen wirkte besorgt. »Blöder Idiot. Glückwunsch, Maman, es ist ja so aufregend. Wartet, bis ich das morgen den Mädchen in der Schule erzähle.«

»Ich glaube nicht, dass sie sehr beeindruckt sein werden«, antwortete Adele und lächelte sie an. Sie dachte an Nonis überkandidelte Mitschülerinnen in der St. Paul’s Mädchenschule.

»Natürlich werden sie das. Das sind wir doch alle, richtig, Noni, mein Schatz? Jetzt wäre eine Flasche Champagner angebracht. Kommt, Mädels, das gibt dem Abend doch erst den richtigen Pepp.«

»Ich … ich schaue nur, ob Lucas auch dabei sein möchte«, meinte Adele rasch. »Geht ihr schon mal runter.«

Leise klopfte sie an Lucas’ Tür. Keine Reaktion. Sie öffnete sie langsam. Wie er sich so über seine Bücher beugte, wirkten seine mageren Schultern seltsam hilflos. Sie ging hinüber und legte den Arm um ihn. Als er sich zu ihr umdrehte, war seine Miene eigenartig stumpf.

»Liebes …«

»Ja?«

Mit seinem dunklen Haar, den ebensolchen Augen und dem langen, ein wenig hageren Gesicht war er ein sehr hübscher Junge. Mit vierzehn sah er seinem Vater so ähnlich, dass es einem das Herz zerriss. Seinem Vater, den sie so geliebt hatte, und … Entschlossen kehrte Adele in die Gegenwart zurück.

»Schatz, kommst du nicht mit runter? Wir trinken Champagner.«

Seine Miene verfinsterte sich.

»Nein, danke. Ich bin ein bisschen müde und muss diesen Aufsatz bis morgen fertigkriegen. Aber natürlich freue ich mich sehr für dich, Mutter. Glückwunsch.«

»Danke. Doch du kommst heute Abend schon mit zum Essen, oder? Großmutter wäre sonst unglaublich enttäuscht. Es ist ein wichtiger Anlass für sie.«

»Ich wollte dich fragen, ob das wirklich nötig ist. Es wird sicher schrecklich spät, und sie wird mich bestimmt nicht vermissen.«

»Lucas, natürlich wird sie das. Sie hat dich sehr lieb, das weißt du doch.«

»Wirklich? Da bin ich mir nicht so sicher. Außerdem wird sie wohl am besten verstehen, dass ich arbeiten muss.«

»Ja, wenn du meinst.« Adele lächelte ihn fröhlich an. »Vielleicht könntest du ihr ja einen kurzen Brief schreiben und es erklären?«

»O Mutter, herrje …« Er zog ein Stück Papier heran, kritzelte in seiner unleserlichen Handschrift etwas darauf und reichte es ihr. »Hier, gib ihr das.«

Adele las es. Liebe Großmutter. Entschuldige, dass ich nicht bei dir sein kann, aber ich habe eine Menge für die Schule zu tun. Lucas.

»Danke«, erwiderte sie zögernd. Am liebsten hätte sie den Zettel weggeworfen und ihm gesagt, dass dieses Verhalten empörend unhöflich und dass er Celia etwas Besseres schuldig war. Doch sie musste Lucas mit Glacéhandschuhen anfassen.

»Ich hätte mich als Kind nie so aufführen dürfen«, hatte Geordie einmal tadelnd festgestellt, als sie ihn wegen eines ganz besonders heftigen Wutausbruchs von Lucas um Verzeihung angefleht hatte.

»Ich weiß, Liebling. Ich auch nicht. Aber Lucas hat so eine schwere Zeit hinter sich. Die vergangenen Jahre waren nicht gerade idyllisch für ihn. Wir müssen versuchen, ihm zu helfen.«

»Ich bin derjenige, der hier Hilfe braucht«, seufzte Geordie.

»Ich verstehe dich, und ich habe großes Mitgefühl. Doch zumindest haben wir zwei unseren kleinen Engel. Und Noni vergöttert dich.«

»Was auf Gegenseitigkeit beruht. Gut, dann werde ich mich eben weiter bemühen, diese idiotische amerikanische Wissenschaft namens Psychologie bei unserem Sohn anzuwenden. Und die andere Wange hinhalten. Wie ich zugeben muss, tun mir beide schon ziemlich weh.«

»Danke, Liebling. Oh, ich liebe dich.«

Und das stimmte, sie mochte ihn sehr gern. Natürlich hatte es hin und wieder auch Schwierigkeiten gegeben. Er war, wie Celia mehr als einmal angemerkt hatte, charmanter als gut für ihn war. Sicher, er war sehr talentiert, doch der Erfolg hatte sich nach der Veröffentlichung seines ersten Buches unter Bartys Anleitung rasch eingestellt. Männer und Frauen mochten ihn, und er stand immer im Mittelpunkt (falls es einmal nicht so war, gefiel ihm das gar nicht). Er brachte stets Leben in die Bude. Adele wurde das Gefühl nicht los, dass sie mehr Glück hatte, ihn abbekommen zu haben, als umgekehrt. Öfter als einmal hatte sie befürchtet, sein beinahe zwanghaftes Flirten sei ein wenig ernsthafter gemeint gewesen, als ihr recht war.

»Du bist es, mit der ich verheiratet bin und die ich liebe«, hatte er erwidert, als sie ihn darauf angesprochen hatte. »Ich bin der größte Glückspilz in ganz England. Glaubst du, ich würde das aufs Spiel setzen? Tut mir leid, wenn du dir meinetwegen Sorgen gemacht hast. In Zukunft werde ich versuchen, nicht mehr so zugänglich zu sein.«

»Lucas ist sehr müde«, meldete Adele, als sie ins Wohnzimmer kam. »Er bittet, ihn heute Abend zu entschuldigen.«

»Was der braucht, ist eine ordentliche Tracht Prügel«, entgegnete Noni wie aus der Pistole geschossen. Erstaunt über ihre altmodische Ausdrucksweise und ihre autoritäre Haltung, sah Adele sie an.

»Aber Noni, wirklich. Das meinst du sicher nicht ernst.«

»Doch, Maman. Er führt sich unmöglich auf, und du verwöhnst ihn. Das ist ungerecht. Egal.« Ihr Tonfall veränderte sich. »Ganz, ganz herzlichen Glückwunsch. Wir sind sehr stolz auf dich, stimmt’s, Geordie?«

»Sehr stolz. Gut gemacht. Heißt das, dass du einen Platz in der Abbey kriegst?«

»Ich … vermutlich schon. O mein Gott, was für eine Ehre. Mummy wird platzen vor Neid.«

»Kommt Lord Arden heute Abend auch?«, fragte Noni.

»Offenbar nicht. Nur die Familie, hat Mummy gesagt.«

»Sebastian wird auch nicht da sein. Izzie hat vorhin angerufen, um ein bisschen zu reden. Er ist richtig sauer.«

»Tja, er gehört halt ebenfalls nicht zur Familie«, erwiderte Adele mit Nachdruck.

»Eigentlich nicht. Nur fühlt es sich für ihn so an.«

»Was hat Izzie sonst noch erzählt?«, fragte Geordie mit interessierter Miene. »Ich kann mir denken, dass er recht ärgerlich ist. Wegen der ganzen Sache und so …«

»Geordie«, unterbrach Adele ihn mit plötzlich strenger Stimme. »Nicht jetzt.«

»O Maman«, wandte Noni ungeduldig ein. »Sei nicht albern.«

»Und was hat das jetzt zu bedeuten?«

Nonis Züge glätteten sich. Ihren dunklen Augen war nichts zu entnehmen, und ihr Mund verzog sich zu einem reizenden Lächeln.

»Nichts«, antwortete sie. »Kommt, wir brechen besser auf. Geordie, deine Krawatte sitzt schief. Ich hole nur meinen Mantel, während Mummy sie gerade rückt.«

Als sie hinausging, blickte Adele ihr nach und wandte sich dann zu Geordie um.

»Glaubst du, sie weiß es?«

»Mein Liebling, alle wissen es.«

»Aber wer könnte es ihr gesagt haben?«

Er lächelte sie an. »Ich fasse es nicht, dass wir schon wieder dieses Gespräch führen.«

»Was meinst du damit?«

»Du warst so schockiert, als du herausgefunden hast, dass Henry es wusste. Und Izzie.«

»Die liebe Izzie.«

»Nun ja. Sie ist wirklich lieb. Doch sie ist kein Kind mehr. Inzwischen dreiundzwanzig. Natürlich weiß sie es. Sebastian ist ihr Vater.«

»Möglicherweise hat sie es Noni erzählt. Sie stehen sich sehr nah.«

»Mag sein. Oder Henry Warwick oder Roo oder ihre verzogenen Schwestern. Kinder reden eben, Adele.«

»Das ist mir klar. Nun, vielleicht sollte ich mit ihr darüber sprechen.«

»Oh, lieber nicht. Es scheint sie nicht zu belasten. Sie ist eine sehr weltgewandte junge Dame.«

Ein Cape aus Samt über den Arm kehrte Noni ins Zimmer zurück.

»Schatz, du siehst einfach hinreißend aus«, sagte Geordie. »Du machst einen alten Mann sehr glücklich. Komm, ich helfe dir hinein.«

»Geordie! Du bist doch nicht alt. Du siehst kaum älter aus als Henry.«

»Papperlapapp«, entgegnete Geordie, sichtlich erfreut über das Kompliment. Und es traf auch wirklich zu. Mit seinem amerikanischen Oberschichtäußeren, seinem Stil, seiner schlanken, sehnigen Figur, dem braunen Wuschelkopf und den großen grauen Augen hätte man ihn auf jedes Alter über fünfundzwanzig schätzen können. In Wahrheit war er zweiundvierzig, ein Jahr jünger als Adele: Henry Warwick, Venetias Ältester, wirkte mit seinem dunklen, leicht verschlampten guten Aussehen und seiner ein wenig derben Art tatsächlich älter als vierundzwanzig.

»Los«, sagte Adele. »Diese gegenseitige Anhimmelei macht mich richtig eifersüchtig. Außerdem dürfen wir nicht zu spät kommen. Mummy würde uns das nie verzeihen.«

Allerdings wurde das Essen erst über eine halbe Stunde später serviert, und Celia befand sich bei ihrer Ankunft nicht im Wohnzimmer, um sie zu begrüßen. Stattdessen reparierte sie die Schäden an ihrem Gesicht und ihrem Gemütszustand, Ergebnis einer langen Sitzung mit einem tobenden Sebastian, die erst geendet hatte, als er bei Jays und Torys Ankunft das Haus verließ.

»Und seine letzten Worte waren: ›Ich wünsche dir viel Glück mit deinem beschissenen Nazi‹«, raunte Tory Adele zu. »Außerdem hat er tatsächlich geweint. Tränen liefen ihm übers Gesicht. Der arme Sebastian. Ich wollte ihm nach, aber Jay meinte, es sei das Beste, ihn in Ruhe zu lassen.«

»Izzie ist zu Hause«, erwiderte Adele. »Sie wird ihn trösten. Ach, der arme, arme Sebastian. Ich wage kaum, mir auszumalen, was in ihm vorgeht. Warum hat sie das nur getan? Warum?«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung, Liebes.«

»Die Frau ist und bleibt ein wandelndes Geheimnis«, seufzte Adele. »Herrje. Nun, vielleicht erhalten wir ja heute Abend ein paar Erklärungen. Tory, dieses Kleid ist ein Traum.«

»Nicht schlecht, was? Es verdeckt mich und mein Bäuchlein recht gut. Sie wächst unglaublich schnell. Wahrscheinlich wird sie bei der Geburt größer sein als ihre Brüder. Noch vier Monate, und schau mich bloß an.«

Adele betrachtete Tory, die ein Kleid mit hoch angesetzter Taille und lose geschlungener Schärpe trug. Das blonde Haar hatte sie locker aus ihrem hübschen Gesicht gekämmt. Man merkte ihr die Schwangerschaft kaum an.

»Heisch nicht so nach Komplimenten, Tory Lytton«, entgegnete sie rasch. »Obwohl du trotzdem eins kriegst: Du siehst göttlich aus. Jetzt gehen wir besser rein und erfüllen unsere Pflicht. Ein Glück, dass Bunny nicht hier ist …«

»Wer ist Bunny?«

»Lord Arden. Er heißt Peter, verstehst du, und deshalb …«

»Peter Rabbit. Natürlich. Mir war gar nicht klar, dass du ihn so gut kennst.«

»Er hat mir 1940 geholfen, aus Frankreich zu fliehen. Hat mir einen Platz auf einem der allerletzten Schiffe besorgt, die in Bordeaux abgelegt haben. Wir sind gemeinsam nach Hause gefahren. Er, ich und natürlich die Kinder.«

»Das habe ich gar nicht gewusst. Klingt unglaublich aufregend.«

»Es war beängstigend. Aber er ist ein reizender Mensch.«

»Das war Oliver auch. Deine Mutter scheint Gentlemen anzuziehen.«

»Er ist viel weicher als Daddy«, antwortete Adele. »Der war nämlich überhaupt kein Schwächling, auch wenn es den Anschein machte. Er hatte einen ebenso starken Willen wie Mummy und konnte auf seine Art auch genauso anstrengend sein. Doch er hat es gut getarnt. Boy, Schatz, hallo, wie viele Mitglieder deiner Dynastie hast du mitgebracht?«

»Nur vier«, erwiderte Boy Warwick und küsste die beiden Frauen. »Mein Gott, ich weiß nicht, wer von euch Mädels die Schönere ist. Adele, mein Liebling, lass mich dir etwas zu trinken holen. Ich spiele momentan die Gastgeberin.«

Plötzlich bekam Adele absurderweise Sehnsucht nach ihrem Vater, wie er in seinem Rollstuhl am Kamin saß und die seltsame Mischung aus Charme und Distanziertheit versprühte, die so typisch für ihn war …

»Ich weiß«, meinte Venetia und küsste sie. »Dasselbe habe ich auch gerade gedacht.«

»Woran hast du es erkannt?«

»Ich habe gesehen, wie du zu seinem Platz hinüberschaust. Und dachte …«

»Es kommt mir so früh vor«, erwiderte Adele. »Ständig spukt es mir im Kopf herum. So früh. Nur ein Jahr. Und …«

»Wenn du erst in meinem Alter bist, Adele, schrumpft der Vorrat an Jahren. Das solltest du dir einmal überlegen. Auch eines der Dinge, über die ich später sprechen werde.«

Adele drehte sich um. Ihre Mutter lächelte sie an, offensichtlich gutgelaunt. Celia war nichts von der heftigen, gefühlsgeladenen Auseinandersetzung anzumerken, die sie gerade durchgemacht hatte.

»Ich habe gerade gehört, dass Kit nicht kommen kann. Jammerschade. Aber … er ist sehr beschäftigt.«

Und außerdem sehr, sehr schockiert und bestürzt, dachte Venetia.

»Ich fürchte … Lucas kann auch nicht kommen«, sagte Adele. »Es tut mir schrecklich leid. Doch er büffelt wie ein Wilder für die Schule und ist müde. Hier, er hat dir einen Brief geschrieben.«

Mit ausdrucksloser Miene überflog Celia das Schreiben, ging zum Kamin und warf es ins Feuer.

»Wie unhöflich«, verkündete sie, als sie wieder vor Adele stand. »Er hat keine Manieren, Adele. Du solltest ihn besser erziehen. Richte ihm aus, wir hätten ihn keine Sekunde lang vermisst. Boy, mein Schatz, wir sollten sofort zu Tisch gehen, da jetzt ja alle hier sind.«

Alle, bis auf Kit, sagte sich Venetia, als sie ihrer Mutter ins Esszimmer folgte und ihren üblichen Platz zwischen ihr und Jay einnahm. Giles saß, Helena neben sich, am anderen Ende der Tafel. Celia hatte die Sitzordnung so deutlich vorgegeben, dass niemand sie in Frage stellte. Nur wenn jemand starb, änderte sich etwas daran. Früher hatte Jays Mutter dort gesessen und Oliver – natürlich – ihr gegenüber. Kits Platz blieb leer. Celia wies Mrs Hardwicke, die Haushälterin an, sein Gedeck nicht abzuräumen.

»Vielleicht erscheint er ja noch«, meinte sie knapp. Als Mrs Hardwicke sich nicht von der Stelle rührte, fügte sie hinzu: »Mrs Hardwicke, ich habe doch gesagt, Sie sollen es stehen lassen.«

Sie hielt nicht viel von Mrs Hardwicke; sie konnte ihr nicht verzeihen, dass sie nicht Brunson war, der Butler, der fast fünfzig Jahre lang den Haushalt besorgt hatte. Wie in einem letzten Akt der Pflichterfüllung war er nur wenige Wochen nach Oliver gestorben.

Nur, dass Kit nicht kommen würde. Dazu war er zu verärgert und schockiert.

»Ich fühle mich nicht in der Lage, sie jemals wiederzusehen oder mit ihr zu sprechen«, hatte er mit vor Trauer belegter Stimme zu Izzie am Telefon gesagt. »Ist sie völlig hinterhältig oder völlig verrückt geworden?«

»Keins von beidem«, erwiderte Izzie. »Sie ist einfach nur deine Mutter, die tut, was sie glaubt, tun zu müssen. Sie macht ihre eigenen Gesetze.«

»Miserable Gesetze. Wie geht es Sebastian?«

»Er ist sehr aufgebracht. Und versteht wie du die Welt nicht mehr.«

»Soll ich vorbeikommen …«

»Ich weiß nicht. Wenn du möchtest, frage ich ihn natürlich.«

»Ja. Wärst du so nett, Izzie? Vielen Dank.«

Izzie legte den Hörer weg und ging ins Arbeitszimmer ihres Vaters. Bleich, erschöpft und mit geröteten Augen starrte er in den sich verdunkelnden Himmel hinaus.

»Vater, Kit ist am Telefon. Möchtest du, dass er herkommt und …«

»Nein, nein.« Er schüttelte den Kopf, seufzte tief auf und zwang sich, sie anzulächeln. »Lieber nicht. Aber bedanke dich für das Angebot. Ich will nur allein sein. Vielleicht in ein oder zwei Tagen. Machst du bitte die Tür zu?«

»Ja, Vater.«

Kit teilte ihr mit, er werde sich jetzt betrinken.

»O Kit, soll ich …«

»Nein. Nein, besser nicht. Bleib bei …«

»Ja, natürlich. Aber morgen könnten wir …«

»Ja, gut. Gegen eins?«

Wie die Zwillinge unterhielten sie sich in Halbsätzen. Ein interessantes Phänomen, insbesondere für diejenigen, die die Vergangenheit der beiden nicht kannten.

»Ich hoffe, ihr werdet mich verstehen.« Celia hatte sich erhoben; das Essen war vorbei. »Und mir meine anscheinend recht schockierende Hast verzeihen. Wie ich schon zu Venetia meinte, ist Zeit in meinem – unserem – Alter Mangelware. Ich habe Oliver sehr geliebt. Wirklich sehr. Wir haben eine gute Ehe geführt. Und ich glaube, ich habe ihn glücklich gemacht.« Sie ließ ihren Blick über den Tisch schweifen, eine Warnung an alle, nur keinen Widerspruch zu wagen. »Doch nun ist er tot. Und ich bin sehr einsam. Oliver hätte gewollt, dass ich glücklich werde. Großzügigkeit war eine seiner vielen Tugenden. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das sein werde. Ich kenne Lord Arden seit vielen Jahren, habe ihn äußerst gern, und außerdem haben wir viele Gemeinsamkeiten. Wir können noch einige – hoffentlich nicht zu wenige – gute Jahre miteinander verbringen. Und nachdem ich entschieden habe, dass es für mich – für uns – der richtige Schritt ist, habe ich außerdem beschlossen, es nicht hinauszuschieben. Wie ihr alle wisst, setze ich meine Entscheidungen gern in die Tat um.«

Es herrschte Schweigen. Jemand sollte etwas sagen, dachte Venetia. Noch während ihr das durch den Kopf schoss, stand Boy auf. »Ich finde, wir sollten jetzt unsere Gläser auf dich erheben, Celia. Du hast alles Glück dieser Welt verdient. Auf Celia.«

»Auf Großmutter«, fügte Henry Warwick lächelnd hinzu. »Von unserer Generation.« Celia erwiderte sein Lächeln und warf ihm über den Tisch eine Kusshand zu. »Großmutter«, murmelten die anderen jungen Leute im Raum gehorsam.

»Danke«, antwortete Celia. »Und nun gibt es noch einige praktische Einzelheiten zu klären. Wir planen, sehr bald zu heiraten – vielleicht noch in diesem Monat. Nur eine stille Zeremonie auf dem Standesamt im engsten Familienkreis. Wir glauben, dass alles andere pietätlos wäre.«

Wann hat sie je etwas in aller Stille getan?, dachte Helena. Irgendwie würde es ihr gelingen, ein Riesendrama daraus zu machen, es der halben Presse mitzuteilen, hundert Freunde einzuladen …

»Außerdem wollte ich euch ausführlicher erklären, warum ich das Verlagshaus Lyttons verlasse. Meiner Ansicht nach bin ich es Lord Arden schuldig, an seiner Seite zu sein und alle Bereiche seines Lebens mit ihm zu teilen. Das ist sein Wunsch, und deshalb hat er mir auch einen Antrag gemacht.«

Herrje, dachte Giles. Glaubt sie wirklich, dass wir ihr diesen Unsinn abnehmen? Ihm wurde beinahe übel davon, und er fragte sich, ob es nur ihm allein so erging.

»Hinzu kommt, dass es meiner Meinung nach an der Zeit für mich ist, den Hut zu nehmen. Oliver und ich haben Lyttons genauso gegründet wie diese Familie. Gemeinsam.«

Ein bisschen dick aufgetragen, Mummy, dachte Adele. Davon wird einem ja schlecht.

»Ich empfinde es als ziemlich … unbefriedigend, Lyttons ohne ihn zu leiten.«

So sieht sie es wirklich, sagte sich Jay. Dass sie den Laden noch immer »leitet«. Er arbeitete nun schon seit vierzehn Jahren dort. Celia ging davon aus, dass alle weiterhin auf ihr Kommando hörten. Selbst wenn das nicht in allen Punkten der Wirklichkeit entsprach, war es auf seltsame Weise entmännlichend. Als er spürte, dass Tory unter dem Tisch nach seiner Hand griff, drückte er sie und lächelte seiner Frau kurz zu. Sie verstand ihn immer.

»Sicherlich fragt ihr euch«, fuhr Celia fort, »was aus meinem Anteil an Lyttons wird, den Oliver und ich bis zu seinem Tod gemeinsam gehalten haben und den er mir hinterlassen hat. Ich habe lange und gründlich darüber nachgedacht, ob ich auf diesen Anteil verzichten soll. Euch würde es die Lage gewiss erleichtern. Ansonsten müsstet ihr mit dem Wissen leben, dass ich mein Stimmrecht ausüben kann, wann immer es mir passt. Dass ich mich weiter einmische. Natürlich ist mir klar« – sie hielt inne, und ein Ausdruck starken Widerwillens zeichnete sich auf ihrem noch immer hübschen Gesicht ab –, »dass diese Anteile, rein finanziell betrachtet, nur noch einen winzigen Bruchteil ihres ursprünglichen Werts haben. Doch wenn es um die alltägliche Führung des Unternehmens geht, sind sie wichtig.«

Dann rück sie schon raus, mein Gott, dachte Giles. Gib sie mir, damit ich mit neunundvierzig Jahren und als dein ältester Sohn endlich meinen rechtmäßigen Platz als Leiter dieses Verlages einnehmen kann. Jetzt sah sie ihn an. Ja, das musste doch einfach bedeuten, dass er die Anteile bekommen würde. Bei Gott, er hatte lange genug gewartet, doch es war die Sache wert gewesen …

»Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob das dem Wunsch eures Vaters entsprochen hätte. Lyttons stand bei ihm immer an erster Stelle; ich weiß, er hätte gewollt, dass ich die Anteile behalte.«

Tja, jetzt ist ja klar, worauf es hinausläuft, dachte Venetia. Es heißt, dass du dich überhaupt nicht zur Ruhe setzt. Du wirst weiter da sein. Tag für Tag. Dieser Ruhestand ist eine Farce. Und sie fragte sich, warum sie einen absurden Hauch von Erleichterung verspürte. Celia griff nach einer Zigarette, zündete sie an, inhalierte tief und lächelte dann leicht, auf seltsam selbstzufriedene Weise. »Andererseits sind Oliver Veränderungen stets schwerer gefallen als mir. Ich verstehe, warum es euch Probleme bereiten würde, wenn ich Lyttons den Rücken kehre und dennoch meine Anteile behalte. Deshalb schlage ich einen Kompromiss vor. Ich behalte meine Anteile nur für ein Jahr. In dieser Zeit werde ich mich nicht in die Geschäftstätigkeit von Lyttons einmischen. Weder was das Publizieren noch was das Finanzielle betrifft.« Erneut lächelte sie. Wieder dieses leichte Lächeln. »Mir ist bewusst, dass es euch schwerfällt, das zu glauben. Ihr müsst mir einfach vertrauen.«

Sehr, sehr schwer. Eigentlich unmöglich, dachte Giles.

»Und was ist nach diesem Jahr?«, fragte er so ruhig er konnte.

»Nach diesem Jahr werde ich euch die Anteile übergeben.«

»Vorausgesetzt, dass wir Lyttons zu deiner Zufriedenheit führen, wie ich annehme. Und natürlich auch zu Bartys.«

Wenigstens dieser Seitenhieb hatte getroffen. Celia zuckte sichtlich zusammen. »Ich finde nicht, dass wir uns in dieser Angelegenheit zu sehr um Barty kümmern müssen«, entgegnete sie mit eisiger Stimme. »New York hat uns immer nur allzu gern unserem Schicksal überlassen. Also werde ich meine Anteile nach einem Jahr übergeben. Ich habe wenig Zweifel daran, dass ich es zu diesem Zeitpunkt gern tun werde. Ihr alle besitzt die besten Voraussetzungen dafür, Lyttons zu führen. Ihr verfügt über beachtliche Talente, und ihr ergänzt einander.«

»Doch das reicht offenbar nicht«, ließ sich Jay vernehmen.

»Verzeihung?«, erwiderte Celia.

»Du betrachtest unsere Fähigkeiten offenbar als nicht ausreichend, um den Verlag jetzt gleich nach deinem Rückzug aus dem Geschäft zu übernehmen.«

»Jay, du hast mir nicht richtig zugehört«, entgegnete Celia geduldig. »Ich möchte ja, dass ihr ihn übernehmt. Vollständig. Lasst es mich ausführlicher erklären.

Das hier ist kein Spiel, sondern mein voller Ernst. Ich bin achtundsechzig Jahre alt. Fast fünfzig dieser Jahre habe ich in meinem Büro bei Lyttons gesessen. Es war eine aufregende, spannende und befriedigende Zeit. Doch da mir nun vielleicht nur noch zehn Jahre bleiben, macht es mir plötzlich – wie soll ich es ausdrücken? – Angst, dass ich so vieles nie getan und nie gesehen habe. Ich wage zu vermuten, dass ich weiter ein Auge auf die Verlagswelt haben werde, alles andere würde mir schwerfallen, doch dabei werde ich es belassen.«

»Warum gibst du deine Anteile dann nicht auf?«, erkundigte sich Giles.

»Weil ich das Gefühl hätte, das Vertrauen eures Vaters zu missbrauchen. Er hat seine Anteile an Lyttons mir vermacht, darin war er sehr deutlich. Es waren beinahe seine letzten Worte« – plötzlich hielt sie inne; ihre Stimme drohte zu brechen, und sie zog heftig an der Zigarette – », ja, seine letzten Worte galten dem Verlag. Wie stolz er darauf sei und« – ihre Stimme wurde wieder fester, und sie sah die Anwesenden aus trotzig blitzenden dunklen Augen an – »auch auf mich. Auf das, was wir gemeinsam erreicht haben. Ich kann nicht von allem Abschied nehmen. Noch nicht. Ich muss mich vergewissern, dass Lyttons in guten Händen ist und floriert.«

Ohne es eigentlich zu wollen, mussten sie zugeben, dass dieses Argument sie überzeugte.

»Also werde ich in einem Jahr vermutlich – ja, sogar wahrscheinlich – meine Anteile abgeben. Klingt das für euch vernünftig? Habe ich meinen Standpunkt klargemacht?«

»Sehr klar«, seufzte Giles. Sein Tonfall zeugte von abgrundtiefer Erschöpfung. Er begriff, dass er wieder einmal gescheitert war. Dass er weiter würde warten müssen. Auf sein Geburtsrecht, den Platz an der Spitze von Lyttons einzunehmen.

»Gut. Und jetzt noch einen Trinkspruch. Auf Lyttons und seine Zukunft.«

»Auf Lyttons«, wiederholten alle gehorsam.

»Ausgezeichnet«, meinte Celia vergnügt. »Nun, ich freue mich, dass ihr alle einverstanden seid. So wie ich. Obwohl« – wieder das selbstironische Lächeln – »ihr sicherlich Verständnis dafür habt, dass es für mich nicht ganz leicht werden wird.«

Prima, dachte Giles. Ich hoffe, dass du dich schrecklich damit quälst. Ich hoffe, dass du mit Lord Arden todunglücklich wirst. Ich hoffe …

»Giles, wir müssen gehen.« Helena stand auf; ihre Miene war starr. »Celia, bitte verzeih uns. Danke für einen sehr … aufschlussreichen Abend. George, Mary, sagt eurer Großmutter gute Nacht.«

Sie kocht vor Wut, dachte Adele, als sie ihr nachblickte. Und wer konnte ihr das verübeln? Ihr ganzes Eheleben wartete sie nun schon darauf, dass Giles beruflich Erfolg hatte, und der war nie wirklich eingetreten. Seine größte Leistung war die Veröffentlichung seines sehr wohlwollend aufgenommenen und positiv rezensierten Buches gewesen, doch das war schon lange her. Der arme Giles; mit bleichem, bedrücktem Gesicht küsste er seine Mutter, wie nur er es fertigbrachte, nämlich rasch und fast ohne ihr Gesicht zu berühren. Die grauenhaft langweiligen Kinder, George und Mary, küssten sie auch, wie es sich gehörte. Aber wenigstens waren sie erschienen, anstatt unhöfliche, wegwerfende Briefe zu schreiben. Sie hatte bei Lucas etwas schrecklich falsch gemacht; und sie wusste nicht, wie sie es in Ordung bringen sollte.

Um halb elf waren alle fort. Celia hatte damit gerechnet, hatte geahnt, dass sie – natürlich – mit ihr und ihrer Entscheidung nicht einverstanden waren. Außerdem war ihr bewusst, dass sie es nicht richtig erklären konnte. Es hatte unmöglich ein gemütlicher Abend im Hause Lytton werden können, ein wunderbar liebevolles, fröhliches Beisammensein, einschließlich Klatsch, literarischer Anspielungen, verbalem Schlagabtausch und Gelächter. Abende wie diese würden wohl nie mehr stattfinden. Zumindest nicht so wie früher. Das wurde ihr jetzt klar. Es war unfassbar, doch nach einem halben Jahrhundert als Mittelpunkt der Familie hatte sie sich ins Abseits manövriert. Allein durch ihre Entscheidung, Lord Arden zu heiraten. Sie hatte ihre Familie vor den Kopf gestoßen und traurig gemacht, dieser Tatsache musste sie sich stellen. Außerdem hatte sie Sebastian verloren, vielleicht für immer. Möglicherweise sogar Kit. Was noch schwerer zu verkraften war.

KAPITEL 3

Ich habe wundervolle Neuigkeiten«, verkündete Izzie. »Barty kommt zur Hochzeit und bringt Jenna mit.«

Sebastian bedachte sie mit einem finsteren Blick. »Von Barty hätte ich mehr Loyalität erwartet.«

»Aber Vater! Barty ist treu wie Gold. Und dazu gehört offenbar, dass sie Celia unterstützt. Sie sagt immer, dass sie ihr alles verdankt.«

»Das ist nicht wahr. Was Celia für Barty getan hat, war äußerst fragwürdig. Es hat ihrem eigenen Ego mehr weitergeholfen als Barty …«

»O Vater«, seufzte Izzie. »Du darfst wirklich nicht so weitermachen. Celia wird Lord Arden heiraten. Ich weiß, wie schrecklich das für dich ist …«

»Papperlapapp. Mir ist es völlig gleichgültig, wen sie heiratet oder nicht.«

Izzie ging nicht darauf ein. »Wie dem auch sei. Glaubst du wirklich, Barty wäre Chefin von Lyttons geworden, wenn man sie damals bei ihren acht Geschwistern in einem Elendsviertel von London zurückgelassen hätte?«

»Ja, mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit«, erwiderte Sebastian. »Sie ist hoch begabt.« Als er Izzie in die Augen schaute, lächelte er reumütig. »Okay, okay. Vermutlich nicht. Doch Celia hat ihr das weggenommen, was am meisten zählt. Ihre Familie. Jedenfalls bin ich sehr froh, dass sie nach London kommt. Obwohl ich nicht sicher bin, ob ich mich auf ein Wiedersehen mit diesem grässlichen Kind freue. Typisch amerikanisch: frech, schlecht erzogen …«

»Ich finde Jenna reizend und ganz und gar nicht schlecht erzogen.«

»Unsinn«, entgegnete Sebastian. Er lächelte sie an, und sein strenges, altes Gesicht wirkte plötzlich weicher. »Was würde ich nur ohne dich machen, mein Schatz? Keine Ahnung. Jetzt schreibst du Barty, dass sie hier übernachten kann, wenn sie möchte. Das wird Celia ärgern.«

»Ja, Vater, schon gut. Ich muss los.«

Sie gab ihm einen Kuss. Die Vorstellung, Barty zu sehen, hatte ihn sichtlich aufgeheitert. Er fühlte sich sehr eng mit ihr verbunden. Sie vermutete, dass es zum Teil an ihrer ähnlichen Lebenssituation lag … einsame Eltern, niedergedrückt von schier unerträglicher Trauer. Nur dass Barty Jenna von Anfang an vergöttert hatte; sie hatte sie nicht von der Welt abgeschottet und sie ihre ersten Jahre in einer von Einsamkeit und Abneigung geprägten Atmosphäre verbringen lassen …

Gott sei Dank, ja, Gott sei gedankt, dachte Izzie, dass sie selbst nicht bei Lyttons arbeitete. Beim bloßen Gedanken an die vielen Loyalitätskonflikte erschauderte sie. Nach ihrem Abschluss in Oxford hatte man großen Druck auf sie ausgeübt, in den Verlag einzusteigen. Celia war ganz versessen darauf gewesen und ihr Vater ebenfalls. Aber sie hatte sich geweigert, weil sie ihren eigenen Weg finden wollte.

Inzwischen arbeitete sie bei Michael Joseph als PR-Beauftragte und machte sich dort recht gut. Außerdem war sie ausgesprochen beliebt. Dank ihrer sanften, gutmütigen Art, ihres langen goldbraunen Haars und ihrer großen träumerischen Augen sah sie beinahe selbst aus wie eine Dichterin. Und natürlich wie ihre Mutter, worauf all jene im Literaturbetrieb, die Pandora während ihrer kurzen Ehe mit Sebastian kennengelernt hatten, sie häufig ansprachen.

»Ich werde den Verlag wechseln«, verkündete Kit und lächelte in Sebastians Richtung. Es war nicht unbedingt ein freundliches Lächeln.

»Wirklich?«

»Ja. Ich finde, ich muss irgendwie protestieren. Auf eine Art, die meiner Mutter wehtut.«

»Kit …« Sebastian zögerte. Er hätte nicht gedacht, dass er diese Worte jemals aussprechen würde. »Kit, willst du ihr wirklich wehtun?«

»Ja«, entgegnete Kit knapp. »Das will ich. Diese Hochzeit geht mir entsetzlich gegen den Strich. Wo ich doch gerade erst gelernt habe, ihr wieder zu vertrauen und zu akzeptieren, was sie getan hat, und warum …«

»Was wir getan haben«, erwiderte Sebastian ruhig.

Schweigen. »Ja. Ja, in Ordnung«, sagte Kit schließlich. »Ihr alle beide. Und irgendwie zerstört es dieses Vertrauen. Es ist hässlich und verzerrt alles. Das musst du doch begreifen.«

»Ja«, antwortete Sebastian. »Natürlich. Aber …«

»Es gibt kein aber. Sie ist von Grund auf unmoralisch. Und ich werde mich aus dem Staub machen.«

»Nun … das ist deine Entscheidung. Allerdings bin ich noch immer nicht überzeugt davon, dass sie besonders weise ist.«

»Sie soll gar nicht weise sein«, erwiderte Kit. Plötzlich klang er wie ein trotziger kleiner Junge. »Sie ist eher als, tja, klare Ansage gedacht.«

»Das ist sie ganz sicher. Wohin planst du zu wechseln? Vorsicht, mein Junge, fast hättest du meinen Kaffee umgestoßen.«

»Entschuldige. Hab nicht richtig hingeschaut.« Auf einmal lächelte er, inzwischen freundlicher. »Komisch, dass ich noch immer diese Ausdrücke benutze. Ich weiß noch nicht, wohin … Ich dachte, ich könnte mit Izzie über Michael Joseph reden.«

»Das wäre eine Idee. Ich bin sicher, dass sie sich nur zu gern mit dir unterhalten würden. Deine Verkaufszahlen sind recht gut. Inzwischen fünf Bestseller. Das wird in der Verlagswelt ziemlichen Wind machen, Kit.«

»Das ist mir klar«, erwiderte Kit. »Und ein Teil der Kommentare wird recht unschön sein. Ich bin noch immer gutes Futter für die Presse, richtig? Der Kriegsheld und dieses ganze Zeug. Mein Gott, wie ich das hasse. Aber ich bin nicht blöd.« Kit seufzte auf. »Kitsch verkauft sich eben.«

»Kit, sei nicht so verbittert. Es sind deine Bücher, die sich verkaufen.«

»Sebastian, ich versichere dir, dass ich mich bemühe, nicht zu verbittern. Und ich weiß, dass ich in mancher Hinsicht großes Glück gehabt habe. Doch es fällt mir noch immer … schwer. Sehr schwer.«

»Natürlich ist es das«, sagte Sebastian sanft. Eine lange Pause entstand. »Wie dem auch sei«, meinte Kit dann. »Mein Entschluss steht fest. Ich werde mich heute Nachmittag mit allen treffen. Ich muss los. Passt dir Freitag?«

»Selbstverständlich«, erwiderte Sebastian. »Was wäre der Freitag ohne unsere gemeinsamen Abendessen, Kit?«

»Gut«, sagte Kit und wandte sich zum Gehen. Sebastian begleitete ihn zum Wagen.

Als er ins Haus zurückkehrte, dachte er daran, dass auch er einmal damit gedroht hatte, Lyttons den Rücken zu kehren, und zwar mit genau derselben Absicht wie Kit. Um Celia wehzutun. Aber letztlich hatte er es nicht über sich gebracht. Das Ganze war schon so lange her …

»Eine Hiobsbotschaft«, verkündete Jay, als er wieder in den Konferenzsaal trat. Die anderen beiden blickten ihn an. Eine Antwort erübrigte sich.

»Es will mir trotzdem nicht in den Kopf«, meinte Giles schließlich. »Warum hat er das getan?«

»O Giles«, entgegnete Venetia gereizt. »Natürlich, um Mummy eins auszuwischen.«

»Aber sie ist doch weg«, beharrte Giles. »Also eine völlig sinnlose Geste. Alle werden glauben, dass er geht, weil sie nicht mehr hier ist.«

»Für ihn ist sie nicht sinnlos. Es kümmert ihn nicht, was die anderen davon halten. Sie ist es, die er kränken will. Er weiß, dass sie sich aufregen wird. Und damit liegt er sicherlich richtig. Außerdem ist sie nicht weg. Sie besitzt noch Anteile.«

»Ich befürchte einen Dominoeffekt«, sagte Jay ernst. »Was ist mit den anderen Autoren, die Celia lektoriert hat. Lady Annabel zum Beispiel und natürlich Sebastian …«

»Sebastian wird bleiben«, erwiderte Venetia mit Nachdruck. »Er gehört bei Lyttons praktisch zum Inventar.«

»Hast du mit ihm darüber gesprochen?«

»Nein«, sagte sie und klang plötzlich nicht mehr so überzeugt.

»Ich finde, das solltest du tun.«

»Wäre das nicht deine Aufgabe? Du bist der Cheflektor.«

»Wahrscheinlich schon«, sagte Jay und seufzte. »Ich habe es vor mir hergeschoben.«

»Nun, auf jeden Fall geht Kit«, stellte Venetia fest. »Und das ist gar nicht gut. Er war immer unser Top-Autor, was Weihnachtsbücher für Kinder betrifft. Und da Sebastian dieses Jahr nur seine Krönungsausgabe herausbringt … Wer auch immer Kit unter Vertrag nimmt, wird es an die ganz große Glocke hängen. Er ist ein Geschenk für jeden PR-Beauftragten. Kriegsheld, Lady Celias jüngster Sohn …«

»Blind«, ergänzte Jay.

Als die anderen zwei ihn anstarrten, erwiderte er ihren Blick mit einem leicht verlegenen Lächeln.

»Stimmt doch. Das wisst ihr doch auch. Es ist eine tolle Story, und es war schon immer Teil seiner Legende. Jeunesse dorée. Pilot im Kampf um England opfert sein Augenlicht für sein Land, und so weiter und so fort. Ich meine doch nur …«

»Hoffentlich willst du nicht andeuten, dass er Kapital daraus schlägt«, entgegnete Giles pikiert.

»Nein, natürlich nicht. Ich weiß, dass er das eigentlich hasst. Doch beruflich schadet es ihm nicht. Wenn wir ihm ein wirklich lukratives Angebot machen …«

»Jay, das würde überhaupt keine Rolle spielen. Hier geht es einzig und allein um Prinzipien. Außerdem schwimmt er im Geld. Schließlich muss der Ärmste keine Familie ernähren. Nein, wir werden ihn verlieren. Und ihr wisst ja, was geschieht, wenn ein berühmter Autor den Verlag wechselt. Man wird sich nach dem Grund fragen. Das könnte gefährliche Folgen haben. Für Lyttons und für uns alle.«

KAPITEL 4

Sie hatte befürchtet, dass es eine Quälerei werden würde, was auch prompt eintrat. Ein Tag, den man am besten so schnell wie möglich vergaß. Genau das, was eine Hochzeit nicht sein sollte. Doch wenigstens war es ausgestanden, dachte Barty, als sie aufs Bett sank.

Wie immer hatte Boy Warwick viel dazu beigetragen, dass die Angelegenheit nicht nur ruhig, sondern verhältnismäßig reibungslos ablief. »Sie wird es tun«, hatte er eines Abends beim Essen zu den Zwillingen gesagt. »Und es ist zwecklos, daraus einen grässlichen Familienzwist entstehen zu lassen. Der Mann ist absolut in Ordnung. Vielleicht schafft er es ja, sie glücklich zu machen. An ihm ist wirklich nichts auszusetzen.«

»Und ob etwas an ihm auszusetzen ist«, entgegnete Venetia kühl. »Das weißt du genau, Boy. Damals warst du ganz und gar nicht einverstanden.«

»Ja, ja, schon gut. Irren ist eben menschlich.«

»Boy. Er war einer der Anführer der Appeasement-Bewegung. Gut befreundet mit Oswald Mosley. Sogar bei Göring war er eingeladen. Er hat Mummy schrecklich beeinflusst.«

»Nun … er hat es bereut.«

»Und er hat mir geholfen«, fügte Adele hinzu.

»Genau. Also sollten wir ihn akzeptieren, damit sie glücklich wird. Ein großer Bahnhof, Mädels. Und alle Kinder sind dabei, alle, Adele, auch Lucas.«

»Ja, gut. Es ist nur, dass …«

»Was?«

»Ich weiß«, antwortete Venetia. »Mir geht es genauso. Alle sagen es. Wie kann sie so bald wieder heiraten? Ich stelle mir diese Frage auch. Daddy ist erst seit einem Jahr tot. Und warum muss sie Lord Arden unbedingt gleich heiraten? Sie könnten doch einfach befreundet sein. Wen würde das interessieren?«

»Ich heirate ihn«, verkündete Celia, als sie mit Barty kurz nach deren Ankunft beim Abendessen saß, »weil ich in letzter Zeit festgestellt habe, dass ich nicht allein sein will. Offen gestanden war ich selbst darüber erstaunt. Ich bin immer gut mit mir klargekommen. Und ich habe meine Arbeit geliebt. Vielleicht gehört es ja zusammen, dass ich an beidem die Freude verloren habe.

Ich habe Oliver sehr geliebt. Wirklich sehr. Er war ein wundervoller Mensch und außergewöhnlich mutig. Außerdem war er ein ausgezeichneter Vater, und mir ist klar, wie viel er dir bedeutet hat. Ich glaube, ich weiß, wie sehr du diese Hochzeit ablehnst.«

»Tja …« Barty zögerte. »Nun … ich habe nur das Gefühl, dass Wol …«

»Bestürzt wäre? Weil ich so bald wieder heirate?«

»Ja. Ein bisschen.«

»Barty, ich bin aufrichtig überzeugt, es würde ihn glücklich machen zu sehen, dass ich Lady Arden werde. Und dass ich Lyttons tatsächlich den Rücken kehre.«

Schweigen entstand. Celia beugte sich vor und legte ihre Hand auf Bartys.

»Jetzt kann ich dir verraten, was ihn tatsächlich bestürzt hätte. Wenn ich – tja, einen anderen heiraten würde. Das hätte ihn schwer gekränkt. Wirklich sehr schwer.«

Dennoch schwebte Olivers sanfte, charmante Präsenz über der Trauungszeremonie im Standesamt von Chelsea und auch anschließend über dem Empfang in Lord Ardens Haus am Belgrave Square. Der ganze Tag hatte etwas Kühles und Freudloses an sich, obwohl der Champagner in Strömen floss, Boy Warwick eine amüsante und schmeichelhafte Rede hielt, alle fest entschlossen lächelten, scherzten und sich küssten, und obwohl Celia wunderschön und glücklich aussah. Denn das tat sie wirklich. Sie trug ein hinreißendes Kostüm von Balenciaga – »Tja, man heiratet schließlich nicht jeden Tag« – aus hellblauer Schantungseide mit einer ausgestellten Jacke nach der neuesten Mode und dazu einen ausladenden Hut aus Federn und Stroh von Simone Mirman. Als der Standesbeamte die beiden zu Mann und Frau erklärte, beugte sich Celia lächelnd vor, um Bunny zu küssen, und verschob dabei ihren Hut. Es war einer der wenigen spontanen und fröhlichen Momente dieses Tages.

Dass Olivers Brüder beide ihre Einladung höflich abgelehnt hatten, hatte Celia sehr gekränkt.

»Ich glaube nicht, dass sie ernsthaft gedacht hat, einer von ihnen würde kommen«, meinte Adele. »Abgesehen von den weiteren Gründen ist Robert inzwischen recht alt. Selbst mit dem Flugzeug wäre es eine schrecklich anstrengende Reise für ihn.«

»Meiner Ansicht nach geht es ihr weniger um ihn, sondern um Jack. Du weißt doch, wie sehr sie ihn liebt.«

»Auch das wäre eine weite Reise. Den ganzen Weg von Kalifornien. Außerdem ist Lily wegen ihrer Arthritis ziemlich gebrechlich, das arme alte Schätzchen.«

»Liegt wahrscheinlich am vielen Beinehochwerfen in ihrer Jugend«, meinte Venetia seufzend. Sie und Adele hatten Jacks Frau sehr gern. Lily war früher Revuetänzerin und in den Zwanzigern sogar kurz ein flackerndes Sternchen auf der Kinoleinwand gewesen. Sie und Jack waren für eine Weile nach England zurückgekehrt, doch Lily hatte das Klima nicht vertragen, und ohne ihre Freunde in Hollywood waren die beiden vereinsamt und hatten sich gelangweilt. Doch Celia hatte Jack, der auf den Tag genauso alt war wie sie, geliebt. Deshalb hatte sie wirklich geglaubt, dass sie ihretwegen anreisen würden. Sie hatte sich sogar erboten, die Kosten für den Flug zu übernehmen, da sie wusste, dass er und Lily alles andere als wohlhabend waren. Allerdings war nur ein freundlicher, aber sachlicher Brief eingetroffen, in dem stand, es sei ihnen beim besten Willen nicht möglich und sie wünschten ihr alles Glück der Welt.

»Ich fürchte, die beiden missbilligen diese Ehe sehr«, stellte Venetia fest, »und ich muss sagen, man kann …«

»Ich weiß, natürlich kann man. Was die Sache nicht weniger schmerzhaft macht. Ach, herrje. Sie zahlt einen ziemlich hohen Preis, findest du nicht?«, erwiderte Adele.

Obwohl alle ihn angefleht hatten, hatte Kit sich kategorisch geweigert zu kommen. Dasselbe galt für Sebastian. Der Boykott der beiden warf seinen Schatten auf den Tag. Selbstverständlich hatte Celia nicht mit Sebastians Erscheinen gerechnet, auch wenn sie darauf bestanden hatte, ihn einzuladen. Doch Kit, ihr geliebter Kit. Bis zum letzten Moment hatte sie gehofft, er werde es sich anders überlegen.

Was hätte LM wohl davon gehalten?, fragte sich Barty, während sie beobachtete, wie Lord Arden und Celia die Torte anschnitten. LM, Olivers ältere Schwester und Partnerin in den glorreichen Anfangstagen von Lyttons, mit ihren in Stein gemeißelten Moralvorstellungen und ihrer unverbrüchlichen Treue. Als Jay plötzlich neben ihr stand, lächelte sie ihn ein wenig wehmütig an. Er grinste und füllte ihr Glas nach.

»Ich habe gerade an deine Mutter gedacht«, sagte sie.

»Ja, ich auch.«

»Sie wäre empört gewesen, oder?«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, erwiderte er zu ihrer Überraschung. »Die alte Dame war sehr pragmatisch. Und sie hat Celia vergöttert. Sie hätte gewollt, dass sie glücklich ist.«

»Ja, nur dass das meiner Ansicht nach nicht passieren wird, Jay. Der Mann ist … tja, er ist ein Idiot.«

Er grinste. »Ein bisschen schon. Aber er liebt sie eindeutig. Und weißt du was, er hat oben eine tolle Modelleisenbahn. Also hätte der gute alte Gordon ihn auch gemocht. Wie viele Stunden haben wir mit seiner gespielt …«

»Ich vermisse Gordon«, erwiderte Barty mit einem Seufzer, und das war wahr. Gordon Robinson mit seiner hochgewachsenen, kerzengeraden Gestalt war ebenfalls jemand, der in diesem Raum schmerzlich fehlte.