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Das Glück duftet nach Meer und Birnenpfannkuchen ...
Es ist ein goldener Oktobertag, als die Hamburgerin Hanna die wohl schwerste Entscheidung ihres Lebens trifft. Nur wenig später führt das Schicksal die vom Großstadtleben erschöpfte Enddreißigerin in ein idyllisches Dorf an der Ostseeküste. Verzaubert von der einzigartigen Atmosphäre dieses Ortes, ergreift sie kurzerhand ihre Chance, als das ortsansässige Landhotel eine Gärtnerin sucht. Die körperliche Arbeit und die Herzlichkeit der Menschen - besonders die der lebensfrohen Kellnerin Frida - lassen Hanna regelrecht aufblühen. Nur der schweigsame Fischer Henning weckt irritierende Gefühle in ihr. Manchmal wirkt es, als könne er direkt in ihr Herz blicken. Doch eines scheint auch ihm verborgen zu bleiben - ein Geheimnis, das Hannas neu gewonnenes Glück schon bald zu gefährden droht ...
Hoffnungsvoll und berührend - eine warmherzige Geschichte über die Sehnsucht nach Gemeinschaft und das große Glück, eine Heimat zu finden
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Inhalt
Über das Buch
Über die Autorin
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Impressum
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NACHWORT
Über das Buch
Die Hamburgerin Hanna ist an einem Tiefpunkt in ihrem Leben, als sie durch eine schicksalhafte Fügung in Plessin landet. Verzaubert von dem idyllischen Dorf an der mecklenburgischen Küste, ergreift sie kurzerhand ihre Chance, als das kleine Hotel im Ort eine Gärtnerin sucht. Die körperliche Arbeit und die Herzlichkeit der Menschen – besonders die der lebensfrohen Kellnerin Frida – lassen Hanna regelrecht aufblühen. Nur der schweigsame Fischer Henning weckt irritierende Gefühle in ihr. Manchmal scheint es, als könne er direkt in ihr Herz blicken. Doch eines scheint auch ihm verborgen zu bleiben – ein Geheimnis, das Hannas neu gewonnenes Glück schon bald zu gefährden droht …
Über die Autorin
Lea Santana ist das Pseudonym einer erfolgreichen Autorin, die bereits mehrere Kriminalromane veröffentlicht hatte, bevor die Liebe zum Gärtnern und ihre Erfahrungen auf einem Mietacker sie zu einem Roman über drei Frauen und den verbindenden Zauber von Blüten inspirierten. Lea Santana ist gebürtige Hamburgerin und lebt heute mit ihrem Ehemann im südlichen Schleswig-Holstein. Sie entspannt am liebsten beim Kochen und Bummeln über Foodmärkte.
Weitere Titel der Autorin:
Der Sommer der Blütenfrauen
Lea Santana
Roman
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2023 by Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Textredaktion: Ulrike Brandt-Schwarze, Bonn Covergestaltung: zero-media.net, München Covermotiv: © FinePic®, München Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-7517-4194-1
Sie finden uns im Internet unter luebbe.de Bitte beachten Sie auch: lesejury.de
Als Hanna in die Forststraße zu dem Friedwald einbog, öffnete sich vor ihr eine andere Welt. Das Leuchten der tief stehenden Oktobersonne wich einem flimmernden Spiel von Licht und Schatten. Nur wenige Strahlen fielen durch das Blätterdach und gelangten bis zum feucht schimmernden Boden, und so brauchte es hier länger, bis die Regenpfützen nach dem Wolkenbruch der letzten Nacht wegtrockneten. Hanna hatte jedoch keine Augen für diese Welt. Ihre Aufmerksamkeit galt etwas anderem.
Etwa einen Kilometer tief im Wald befand sich der Parkplatz, an dessen Rand eine Informationstafel für Besucher der Begräbnisstätte stand. Hier parkte Hanna, öffnete die Autotür und setzte ihre Füße in den Matsch. Sie schnallte sich ihren Rucksack mit der Wolldecke, der Wasserflasche und ein paar anderen Dingen auf den Rücken, faltete den ausgedruckten Lageplan auseinander und folgte der Wegbeschreibung auf den aufgeweichten Waldpfaden. Bei jedem Schritt hörte sie, wie das Wasser in der Flasche hin und her schwappte.
Die Gräser glänzten. Vereinzelt fielen Tropfen wie Tränen von den Buchenkronen auf Hanna herab, liefen über ihre Stirn und in den Kragen. Sie beachtete auch das nicht, konzentrierte sich auf die Karte und darauf, sich nicht zu verlaufen. Sie bog in einen noch schmaleren Trampelpfad ab. Ihre Hosenbeine verfingen sich in kleinen Zweigen, die sie erst für herabgefallene Äste hielt, dann aber als junge Bäume erkannte. Es war der Buchennachwuchs, noch ganz zierlich und biegsam. Plötzlich öffnete sich der Weg vor ihr und gab den Blick auf einen Hügel frei. Erhaben blickten die Baumriesen von dort oben auf sie herab. Hanna ignorierte den Kloß in ihrem Hals, stapfte voran, ein bisschen kurzatmig. Ein ums andere Mal rutschte sie auf dem nassen Laub aus.
Dann endlich war sie auf dem höchsten Punkt angekommen. Auf der anderen Seite breitete sich eine Senke aus, die sich am Ende zu einem Feld hin öffnete. Nur dort unten drang das Licht ein paar Meter weit herein und flutete den Waldboden. Hanna sah sich um. Hier auf dem Hügel erhellte die späte Nachmittagssonne lediglich vereinzelt Stellen zwischen den Baumstämmen, als würden diese mit einer Lampe angestrahlt.
Sind dort die Seelen, dort wo das Licht ist?
Hanna atmete tief durch und hielt dann Ausschau nach den um die Baumstämme geknoteten verschiedenfarbigen Markierungsbändern und nummerierten Plaketten. Sie drehte sich einmal um ihren eigene Achse, schaute wieder auf das Blatt Papier und hob den Kopf. Und dann hatte sie ihn gefunden. Das Klopfen ihres Herzens fühlte sich plötzlich an wie Paukenschläge. Dort drüben, nahe an einem Überhang, wo es wieder bergab ging, stand ihr Baum. Die Nummer 119. Es war eine mächtige Buche, so hoch wie ein mehrstöckiges Wohnhaus, mit einem Stamm, der sich weit oben wie eine Wünschelrute gabelte. Es wäre ein guter Ort, um dort zu sitzen und von oben den Wald und die Welt zu betrachten. Sich zu verstecken und einfach zu entziehen. Nur war es zu hoch, um dort hinaufzukommen.
Langsam ging Hanna näher. Als sie direkt davorstand, ließ sie ihren Blick von der Wurzel den Stamm hinaufgleiten. Und zuckte zusammen. Eingeschnitzte Buchstaben. Sie waren alt, kaum noch zu erkennen, aber die Vertiefung zeichnete sich in der Rinde ab wie eine Narbe auf der Haut. Vorsichtig zeichnete Hanna die Kerben mit den Fingerspitzen nach. Sie und dieser Baum, sie hatten etwas gemeinsam. Sie waren beide beschädigt, jeder auf seine eigene Weise.
»Hallo, ich bin Hanna«, sagte sie, gerade laut genug, dass der Baum sie hören konnte, wie sie hoffte. Sie kam sich sehr albern dabei vor. Es klang aufgesetzt, als hätte sie es einstudiert. Aber sie hatte irgendwo gelesen, dass es angebracht wäre, sich einem Baum angemessen zu nähern, sich vorzustellen. Hanna glaubte nicht an so etwas, tat es aber dennoch, als ob es irgendwelche negativen Folgen haben könnte, wenn sie es nicht machte. Wie dumm. Warum sollte sie sich über negative Folgen Gedanken machen? Ihre Urne würde hier begraben werden und sie dann sowieso nichts mehr mitbekommen.
Die Urne … Das war das, was Hanna ängstigte. Dass der Weg zu den Wurzeln des Baumes über eine Feuerbestattung führte. Sie hatte sich als Teenager einmal die Fingerspitzen verbrannt, als es cool gewesen war, eine Kerzenflamme nicht auszupusten, sondern durch energisches Fächeln mit der Hand zu löschen. Die Brandblasen an den Fingerkuppen hatten entsetzlich wehgetan.
Die Worte auf der Webseite des Friedwalds hatten etwas in ihr zum Klingen gebracht, ihr das Gefühl gegeben, endlich Frieden finden und loslassen zu können, und so blendete sie diese Notwendigkeit aus. Sie versprachen Stille, Einklang mit der Natur. Und Stille war das, wonach sie sich am meisten sehnte. Hier gab es keine Friedhofsgärtner, die mit elektrischen Rasenmähern um die Ruhestätten herumkurvten. Nichts außer dem Knacken der Äste, dem Rauschen des Windes in den Baumkronen und Vogelgezwitscher. Der Ruf eines Kuckucks, das Klopfen eines Spechts. Geräusche, die nicht wehtaten. Aber war das wirklich so? Hannas Hände bewegten sich zu ihren Ohren. Im letzten Moment überlegte sie es sich anders.
»Nun bin ich also hier«, sagte sie zu dem Baumstamm und starrte hinauf in die Äste, als würde sie eine Antwort erwarten. Ihre Augen füllten sich mit Tränen »Wir sollten uns damit beeilen, Freunde zu werden. Wir werden lange miteinander auskommen müssen.«
Hanna zitterte, ließ den Rucksack vom Rücken gleiten und zog die Wolldecke heraus, die sie am Fuß des Baums ausbreitete. Es folgten die Wasserflasche und der Trinkbecher, die sie auf einem Baumstumpf abstellte. Aus der linken Jackentasche holte sie ein Teelicht und eine Schachtel mit Streichhölzern hervor. Es war feucht genug, den Wald würde sie nicht in Gefahr bringen, und sie wollte ein Minimum an Feierlichkeit zu ihrem Abschied. So lange schon hatte es nichts Feierliches mehr für sie gegeben, seit sie niemanden mehr hatte, der besondere Tage mit ihr teilte. Ihre Eltern waren gestorben, als sie noch ein Teenager war, sie hatte keine Geschwister, die Freunde waren irgendwann davongelaufen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wäre sie nicht so fürchterlich allein. Vielleicht wäre sie dann nicht hier.
Ihre Hände glitten über die übrigen Taschen. In der Innentasche steckten ihre Ausweispapiere, der Vertrag mit dem Friedwald und ihr Portemonnaie. Rechts spürte sie eine kleine Erhöhung unter dem Stoff. Dort verbarg sie das Wichtigste. Es war alles da. Hanna zog den Reißverschluss der Jacke bis ans Kinn hoch. Keine Sommerjacke, keine Winterjacke. Eine Übergangsjacke. Wie passend.
Sie trat ganz nah an den Baum heran und legte die Arme um den Stamm. Ihre Wange berührte die Rinde. Sie war fast so kalt wie Stein. Hanna wartete. Und wartete. Vergebens. Sie fühlte nichts. Sie ließ los, trat einen Schritt zurück und blickte zur Krone hinauf. Tränen rollten jetzt über ihre Wangen, ob der Größe und Überlegenheit des Baumes, der auf sie herunterblickte und sie sich ganz klein fühlen ließ. Aber da war auch noch etwas anderes: Ärger. Der auf nichts anderem als ihrer Enttäuschung beruhte. Warum war es so anders, als die Webseite es vorgaukelte? So anders, als sie es sich vorgestellt hatte?
»Mach doch was!«, rief sie jetzt und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel von den Wangen. »Gib mir ein Zeichen!«
Hanna trat noch einen Schritt zurück, um sich nicht den Hals verrenken zu müssen.
»Irgendwas. Ein verdammtes kleines Zeichen, hörst du! Einen anderen Platz hab ich nicht mehr. Ich hab nur noch dich.«
Wenigstens am Ende möchte ich einmal das Gefühl haben, meinen Platz gefunden zu haben.
Plötzlich fiel ein Schuss. Hanna fuhr zusammen, zog instinktiv den Kopf ein, machte noch einen halben Schritt rückwärts, und der war der halbe Schritt zu viel. Das Laub unter ihren Füßen glitt weg, und im nächsten Moment verlor sie die Balance. Sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten, ruderte mit den Armen, aber es half nichts. Im Fallen drehte sie sich, stürzte vornüber, riss gerade eben noch die Hände vors Gesicht, damit die Buchenkinder ihr nicht die Zweige ins Gesicht peitschten, und dann rollte sie den Hang hinunter. Sie kugelte wie ein Schneeball, nur dass an ihr Blätter, Gräser und sicher eine Menge für das menschliche Auge nicht erkennbare Lebewesen klebten. Hanna schloss Augen und Mund und hätte sich auch noch die Nase zugehalten, wenn sie nicht ihren Kopf hätte schützen müssen. Um ihre Ohren brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, die waren fest verschlossen.
Sie rollte in der Senke aus, brauchte einen Moment, um zu sich zu kommen. Sie hörte noch einen Schuss. Mehrere. Dann begriff sie. Niemand hatte auf sie geschossen. Irgendwo in der Nähe wurde gejagt. Und dann lachte sie. Aus vollem Hals, nicht fern der Hysterie. Zu laut für diesen Ort. Zu laut? Wieso bemerkte sie das?
Hannas Hand schnellte an ihr Ohr. Der Stöpsel links saß fest wie ein Korken. Aber rechts fehlte er. Sie sah sich um. Nichts als halb verrottetes Laub. Kleine weiße Pilze. Schalen von Bucheckern. Kein transparenter Kunststoffstöpsel. Hier würde sie ihn garantiert nicht wiederfinden. Aber das war nicht wirklich schlimm. Sie würde ihren Gehörschutz jetzt nicht mehr brauchen. Viel schlimmer wäre …
Sie tastete nach ihrer Jackentasche. Sie war leer. Hanna sprang auf die Füße, suchte mit den Augen die Strecke ab, die sie zurückgelegt hatte. Die Mulde, in der sie gelandet war. Dort drüben lag ihr Autoschlüssel. Daneben zwei der fünf Tablettenblister. Sie stürzte darauf zu, griff sie und verstaute diesmal alles zusammen in der Hosentasche, die so tief war, dass nichts so schnell herausfallen würde. Doch drei fehlten.
Sie tastete sich noch einmal mit den Händen durch die modrigen Blattreste, das weiche Moos. Dort drüben war noch einer. Der silberfarbene Blister schimmerte wie Metall im Waldboden. Vorsichtig pulte Hanna ihn heraus. Aber sie hatte insgesamt fünf gehabt. Ungeachtet aller Insekten, Käfer und womöglich auch noch irgendwelcher kleiner Waldschlangen robbte Hanna auf allen vieren über den Waldboden. Sie brauchte die Tabletten. Sie hatte genau recherchiert, wie viele sie benötigte, und wenn sie jetzt weniger hätte, würde es nicht funktionieren. Panisch und wütend sah sie auf.
»Sollte das dein Zeichen sein?«, schrie sie den Baum an. »Du nutzloses Stück Holz!«
Sie rappelte sich auf. Da oben. Am Fuß des Baums. Da war noch ein Blister. Hanna wollte auf die silberne Folie zusteuern, als eine Windböe Blätter aufwirbelte und das Silber unter sich begrub. Dann rutschte plötzlich der ganze Laubberg über die Kante des Überhangs etwa zwei Meter in die Tiefe, auf Hanna zu. Sie wollte ausweichen, fiel erneut, landete schließlich auf dem Rücken und weinte. Sie würde niemals alles wiederfinden.
Als nach einer Weile keine Tränen mehr kamen, klopfte sie sich den Schmutz von der Kleidung und schleppte sich den Hang wieder hinauf. Was sollte sie denn jetzt tun? Mit einem Seitenblick betrachtete sie den Baum. Er stand da, ungerührt und abweisend. Ein wenig abseits von den anderen.
Wie ich. Immer außen, immer am Rand.
Weil sie das gemeinsam hatten, hatte Hanna diesen Baum gewählt. Im Online-Shop, anhand des Lageplans. Aber auf einmal gefiel er ihr überhaupt nicht mehr. Und überhaupt, ein Friedhof, und hinter dem nächsten Hügel fallen die ganze Zeit Schüsse? Hanna fühlte sich getäuscht. Betrogen. Was jetzt? Hier ging es nicht. Jetzt ging es nicht. Nicht, wenn zwanzig Tabletten fehlten. Hitze kroch über ihre Schlüsselbeine, wickelte sich um ihren Hals und den Nacken, prickelte auf der Kopfhaut.
Sie sprang auf. Kopflos, und ohne sich noch einmal umzusehen, rannte und stolperte Hanna zurück zum Parkplatz. Die Wolldecke, ihren Rucksack und all die anderen Dinge vergaß sie auf dem Baumstumpf. Es war noch Tag, aber die bereits tief stehende Sonne war hinter schiefergrauen Wolken verborgen. Der Wald erschien ihr im Zwielicht plötzlich unheimlich und feindselig. Sie fürchtete sich und wollte so schnell wie möglich fort von hier. Wie hatte sie jemals glauben können, hier Frieden zu finden?
Sie musste dennoch so schnell wie möglich zu einer Apotheke. Allerdings würde sie die Tabletten nicht ohne Rezept bekommen. Sie würde sich einen Arzt suchen müssen. Oder sie würde ihren Arzt bitten, ein Rezept an eine Apotheke hier in der Nähe zu faxen. Aber was war hier in der Nähe? Das müsste sie erst einmal herausfinden, sie hatte sich für nichts anderes als den Weg in den Friedwald interessiert. Und zu spät war es für das alles heute wohl auch schon. Oder?
Sie ließ das Display aufflammen und blätterte durch das Adressbuch, fand mit fahrigen Fingern die Nummer ihres Arztes und tippte auf die Anruftaste. Ein Freizeichen. Es klingelte. Und klingelte. Dreimal. Viermal. Dann eine Stimme.
»Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an.«
Natürlich. Hanna legte auf.
Sie ließ sich auf den Autositz fallen, startete den Motor und schaltete die Scheinwerfer ein. Dann fuhr sie den Waldweg zurück, den sie gekommen war. Froh, dass sie diesen Ort voll unbekannter Geräusche und vager Schatten im Dickicht verlassen konnte, und schließlich die Landstraße wiederfand. Links und rechts von ihr breitete sich Herbstdunst über die unscharfen schwarzen Felder aus. Weit und breit war keine Tankstelle zu sehen, an der sie Wasser und einen Schokoriegel kaufen könnte. Hanna hatte Hunger.
Sie war vielleicht zehn Minuten gefahren, als plötzlich ein Schild mit einem Ortsnamen auftauchte, den sie nie zuvor gehört hatte. Plessin. Sie bremste ab. Neben dem Schild stand ein gelber Postkasten, der einzige Farbtupfer im Halbdunkel. Er wirkte wie ein Torwächter. Wie eine Warnung.
Wenn Sie noch eine Nachricht an ihre Lieben senden möchten, bevor sie das Gebiet von Plessin betreten, dann ist dies ihre letzte Gelegenheit.
Sie gab Gas.
»Na, Mädchen, wird das heute nichts?«, ertönte eine bekannte Stimme hinter Frida.
»Wie kommst du denn darauf?«, fragte sie und rang sich ein Grinsen ab. Sie drehte sich um. Vor ihr auf dem Steg stand ein Mann mit Vollbart in orangefarbenem Ölzeug mit einer ausgeleierten Dockermütze auf dem Kopf, die ihm ständig über die Augenbrauen rutschte. Henning, einer der Fischer. Ein Seebär. Ihr Onkel.
»Kenn dich doch. Sehe ich auch noch vom Kutter aus, dass heute nicht dein Tag ist.«
Henning deutete auf die Gitarre, auf die sich Frida resigniert stützte.
»Eine Untertreibung«, murmelte Frida. »Die Noten stimmen nicht. Sie ergeben einfach keine Tonfolge, die irgendetwas hier drinnen zum Klingen bringt, so oft ich auch neu ansetze.« Sie klopfte sich mit der flachen Hand auf die Brust. »Ich schlag die Saiten zu hart an, wie ein Anfänger, der gerade mal die Grundakkorde beherrscht.«
Henning nickte nur. Er hatte keine Ahnung von Notenblättern und Kompositionen. Er kannte sich mit Gewässerbewirtschaftung und Reparatur von Fischereiwerkzeugen aus. Aber er hörte zu, und das war meist schon genug. Frida rieb sich die Finger und hauchte ihnen warme Atemluft zu. Sie waren kalt und steif vom Wind, der über die Ostsee zu ihr herüberfegte. Henning war das nicht entgangen.
»Ist viel zu kalt hier. Ungeschützt an der Seeseite. Hier kriegst du doch die ganze Zeit volle Pulle den Wind ab. Musst du denn unbedingt hier sitzen?«
Frida zuckte mit den Schultern. Das der See zugewandte Ende des Stegs im Tarnewitzer Fischereihafen war schon immer einer ihrer Lieblingsplätze gewesen, wenn sie in Ruhe neue Songs komponieren wollte. Und die Kälte war es auch nicht, die ihr in letzter Zeit immer öfter an diesem Ort zusetzte. Es war eher die sichtbare Verwandlung ihrer Welt aus Kindheitstagen.
»Seit die hier die gigantische Hotelanlage hochgezogen haben, frage ich mich das auch.«
»Und die Marina.« Henning zog das Wort in die Länge, dann spuckte er aus.
Frida nickte. Sie verstand Hennings Verbitterung gut. Jede einzelne Jacht, die hier vor Anker lag, kostete so viel, dass es das Jahreseinkommen eines Fischers überstieg. Aber vielleicht sollte sie sich irgendwann auch ein Boot zulegen. Ein kleines Segelboot. Dann würde sie aufs Meer hinausfahren zum Songschreiben. Vielleicht klappte es dort besser.
»Und du? Noch kein Feierabend?«, fragte sie, um das Thema zu wechseln.
»Muss noch die Netze reinigen. Verfluchte Algen. Ist schlimm dieses Jahr.«
»Hm«, machte Frida. Sie wusste nichts zu sagen. Es war ja kein Geheimnis, dass die Überfischung und der Klimawandel die Arbeit der Fischer von Jahr zu Jahr schwerer machten. Sie stand auf, verstaute ihre Gitarre in der Schutztasche und schulterte sie.
»Wenn du willst, kannst du mitessen, wenn ich mit den Netzen fertig bin. Hab frischen Dorsch.«
»Danke, Henning, aber ich muss nachher noch arbeiten. Und Fisch, na ja, du weißt ja, dass das nicht so mein Ding ist.«
»Aber nach der Arbeit kommst du doch vorbei, oder?«, fragte er.
»Ja, natürlich. Wir haben eine Verabredung.«
Mit Mama.
Im Ostseebad Boltenhagen war es nach den Herbstferien deutlich leerer geworden. Die Zeit der Stürme und Nebel begann, und viele der Eiscafés und Andenkenläden bereiteten sich schon auf den alljährlichen Winterschlaf vor. Diejenigen, die auch im Winter ihr Geschäft weiter betrieben, tauschten das Angebot aus. Statt Flip-Flops und Plastikschaufeln für den Strand gab es jetzt Friesennerze und mit Kandis befüllte Teepötte.
Frida hielt vor einem Blumenladen und lehnte ihr Rad gegen die Hauswand. Sie drückte die Tür auf, die sich mit einem leisen Klingeln öffnete.
»Frida, da bist du ja«, sagte die kleine, kugelrunde Frau und legte den Strauß tiefroter Dahlien aus der Hand, den sie gerade zu binden begonnen hatte.
»Bin schon ein bisschen spät dran heute, ich weiß. War am Hafen bei Henning.«
»Warte nur kurz einen Moment, ich gehe nach hinten und hole deine Bestellung.« Sie verschwand hinter einem Perlenvorhang, der den Verkaufsraum vom Lager abtrennte. Einen Augenblick später tauchte sie mit einem großen, in schneeweißes Seidenpapier eingeschlagenen Strauß wieder auf, und überreichte ihn Frida fast feierlich. »Schau gerne gleich rein, ob sie dir gefallen.«
Frida winkte ab. Sie vertraute ihr. Es war ja nicht das erste Mal, dass sie sie damit beauftragt hatte, ihr einen ganzen Arm voll schneeweißer Freesien zu besorgen, obwohl es jetzt eigentlich nicht die Zeit für diese Blumen war. Sie zog einen Geldschein aus der Hosentasche, zahlte und verabschiedete sich.
Wenig später fuhr sie auf der Landstraße Richtung Plessin, die Blumen in einer Papiertüte baumelten am Lenker, und schwangen mit jedem Tritt in die Pedale hin und her. Als Frida an ihrem Ziel ankam, hielt sie einen Augenblick inne, nachdem sie das Fahrrad angeschlossen hatte. Sie nahm die Blumen aus der Tüte und entfernte das Papier. Süßer Duft, hinter dem sich noch etwas anderes verbarg, strömte ihr entgegen. Pfeffrig und frisch.
So wie du gewesen bist.
Frida drückte das niedrige Tor auf und verschloss es sorgsam wieder hinter sich. Dann schlenderte sie über die gefegten Wege, durch die Reihen von Gräbern und Gedenksteinen, bis sie vor dem einen Stein stand, zu dem sie wollte. Beigefarbener Sandstein, mit ungeschliffenen Kanten, die wie Bruchstellen aussahen. Sie hätte es gemocht, dieses vollkommen Unprätentiöse, im wahrsten Sinne des Wortes mit Ecken und Kanten.
Heide Runau
* 24. Oktober1976
† 10. August2018
»Hallo, Mama«, flüsterte Frida.
Sie griff hinter den Stein, nahm die Vase, und befüllte sie ein Stück weiter mit dem Regenwasser, das in einer alten Zinkwanne aufgefangen wurde. Blätter und Insekten schwammen auf der Oberfläche. Frida nahm eines der Blätter und ließ die Käfer und Fliegen draufklettern, bevor sie sie im Gras an einer Stelle ablegte, an der niemand auf sie treten würde. Sorgsam arrangierte sie dann die Blumen in der Vase und stellte sie vor dem Stein ab.
»Ich hab dir deine Lieblingsblumen mitgebracht.«
Weil sie aussehen wie Krokusse, die nach dem Winter ihre Köpfe aus der Erde stecken, um die ersten Sonnenstrahlen des neuen Jahres abzubekommen.
Frida musste lächeln bei der Erinnerung an die Worte ihrer Mutter. Ihre Zeitrechnung war anders gewesen. Für sie hatte das Jahr nicht am ersten Tag im Januar, sondern immer erst mit dem Frühling begonnen. Sie war ein Sonnenmensch gewesen. Frida strich mit der Hand über den viel zu kalten Stein.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«
Als sich regenschwere Wolken vor die Sonne schoben, brach Frida auf. Sie hauchte einen Kuss auf ihre Fingerspitzen und drückte sie auf die eingravierten Buchstaben. Dann ging sie, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Hanna fror, was mehr am Schrecken und ihrer seelischen Verfassung lag als an den Temperaturen. Darüber hinaus hatte sie sich beim Sturz ein wenig den Rücken verrenkt, was sie vorhin noch gar nicht bemerkt hatte. Jetzt schmerzte es. Sie betrachtete sich im Spiegel über dem Waschbecken, und wunderte sich, dass man kein Sicherheitspersonal oder wenigstens einen Nachtwächter zu Hilfe geholt hatte. Sie sah schrecklich aus. Wie eine Kreatur aus dem Wald, etwas, das im Unterholz lebte und dem man nicht im Dunkeln begegnen wollte. Die langen haselnussbraunen Haare waren verklettet. Ihre Fingerspitzen mit der schwarzen Erde unter den Nägeln blieben an einer harten Kruste über einer ihrer Augenbrauen hängen. War das Blut? Nein, ihr tat nichts weh. Das war getrockneter Matsch vom Waldboden.
Noch dazu war ihr ein bisschen schwindelig, was sie aber nicht auf den Sturz zurückführte, jedenfalls nicht direkt. Sie hatte es nur versäumt, entweder den zweiten Ohrstöpsel auch zu entfernen oder aber einen neuen ins freie Ohr zu stecken. Die ungewohnte Dysbalance bescherte ihr offenbar so etwas wie Gleichgewichtsstörungen und beginnenden Schwindel. Als Nächstes würden dann wahrscheinlich Kopfschmerzen einsetzen.
Das Hotel war wie eine Fata Morgana abseits einer sandigen Dorfstraße aufgetaucht. Hanna hatte in dem Dorf namens Plessin natürlich keine Tankstelle gefunden, auch keinen Tante-Emma-Laden, geschweige denn einen modernen Supermarkt. Nicht einmal eine heruntergekommene Eckkneipe. Nur dieses alte Gutshaus, an dessen Backsteinfassaden Weinranken wie dürre Finger emporkrochen. Ohne lange zu überlegen, hatte sie eingecheckt. Irgendwo musste sie heute Nacht ja bleiben.
Die heiße Dusche, zu der die Dame am Empfang Hanna geraten hatte, als ihre Finger beim Ausfüllen des Anmeldeformulars gezittert hatten, war eine Wohltat. Sie ließ das Wasser so lange auf ihren Kopf prasseln, bis sie sich wie vollkommen untergetaucht fühlte und nichts als Rauschen hörte. Sie liebte das. Sie brauchte das. Sie war geschützt, vollkommen abgeschirmt. Einer der wenigen Momente, in denen sie vollständig auf die Ohrstöpsel verzichtete, die sich sonst zwischen ihr Trommelfell und die Welt da draußen stellten wie ein Schild.
Frau Taudien, Sie leiden an einer Hyperakusis.
Hypakusis? Ich werde schwerhörig? Nein, hören Sie, das kann nicht sein. Ich höre bestens. Im Gegenteil, ich …
Nicht Hypakusis, sondern Hyperakusis. Diese zwei Buchstaben machen den Unterschied. Für Sie ist alles zu laut. Diese Geräuschempfindlichkeit ist nicht selten nach einem Hörsturz. Sie dürfen jetzt vor allen Dingen nicht den Fehler machen, sich abzuschotten. Damit machen Sie die Intoleranz nur schlimmer.
»Klugscheißer«, murmelte Hanna bei der Erinnerung an das Gespräch mit dem Arzt vor sich hin. Er hatte die medizinischen Fachkenntnisse, aber keinerlei eigene Erfahrung damit, wie es war, wenn Alltagsgeräusche zur Qual wurden. Natürlich hatte sie ihre Ohren danach noch mehr geschützt, im wahrsten Sinne des Wortes in Watte gepackt. Und natürlich hatte der Arzt am Ende recht gehabt. Inzwischen machten ihr selbst die normalsten Geräusche Angst.
Und deshalb war sie in dem Wald gewesen. Und hockte jetzt, nicht einmal vierzig Jahre alt, frierend und hungrig in einem Biohotel auf dem Land, irgendwo im Nirgendwo, während andere Menschen beim Abendessen mit ihren Familien saßen, tanzen gingen oder im Kino Popcorn futterten. Aber was sollte sie machen? Wenn sie Zukunft dachte, tauchte vor ihrem inneren Auge einfach nichts auf, so sehr sie sich auch bemühte. Keine Perspektiven. Nur Leere. Und weil das so war, war sie hier, hatte eine Entscheidung getroffen und würde davon auch nicht mehr abrücken.
Ganz ohne Vorwarnung setzten Angst und Atemnot ein. Hanna riss das Fenster auf.
Das Mondlicht erhellte die weitläufige Parkanlage hinter dem Haus. Auch den kleinen Teich. Die Oberfläche schimmerte wie eine blanke Münze. Hanna hielt den Atem an. Und lauschte. Angestrengt. Sie konzentrierte sich, aber da war nichts. Jetzt überfiel sie erst recht Panik. Etwas musste passiert sein. Irgendeine Umweltkatastrophe, eine Explosion, die alles ausgelöscht hatte. So still war es nirgendwo. Oder sie hatte sich beim Sturz doch den Kopf angeschlagen. Da! Ein Zischen. Hanna zog den Kopf zurück. Das musste eine Fledermaus gewesen sein. Dann ein Tapsen. Pfoten, die bei jedem Aufsetzen am Untergrund kratzten. Hanna kniff die Augen zusammen. Und dann sah sie die Katze, die über das schräge Ziegeldach balancierte.
Hanna atmete ganz ruhig, bis tief in den Bauch. Etwas, das die Burn-out-Therapeutin in all den Stunden, die sie dort verbracht hatte, vergebens versucht hatte, ihr einzubläuen.
Sie müssen loslassen. Spüren Sie Ihre Füße, spüren Sie Ihren Beckenboden. Lassen Sie die Schultern sinken, und dann atmen Sie bis in die Zehen.
Hanna hatte gar nichts losgelassen und auch niemals weiter als bis in ihren Brustkorb geatmet. Aber jetzt wusste sie, was die Therapeutin damit gemeint hatte. Hier ging das auf einmal. Da gab es einen Raum in ihrer Körpermitte, der sich mit Atem füllen ließ. Mit erstaunlich viel Atemluft.
Wenig später traute sich Hanna die Treppe hinunter zum Speiseraum des Hotels. Beinahe wäre sie kopfüber hinuntergestürzt, weil sie vor lauter Aufregung eine Stufe ausließ. Saubere Kleidung hatte sie im Kofferraum ihres Autos in einem Kleidersack gefunden. Eine erboste Nachbarin hatte ihn ihr am Tag ihres übereilten Wohnungsauszugs vor die Tür geknallt, weil sie die Sachen beinahe im Trockenkeller vergessen hätte. Jetzt war Hanna froh über den Plastiksack, den sie seitdem mit sich herumkutschiert hatte.
Als sie noch einmal sorgfältig den korrekten Sitz ihrer Ohrstöpsel kontrolliert hatte, betrat sie zögerlich den Speiseraum, der sich zu ihrer Erleichterung bereits weitestgehend geleert hatte. Sie ließ den Blick durch den Saal schweifen, über Tische und Gäste hinweg. Er wanderte über die Stuckdecke, zu den Marmorelementen an den Wänden. Glänzend poliert wie Spiegel, konkurrierten sie mit dem Schimmer der Kronleuchter. Hanna dachte sich die Möbel weg, und vor ihrem geistigen Auge entstanden Bilder von Sälen in Herrenhäusern und Landschlössern.
Sie suchte sich einen Platz in einer Nische ganz am Rand des Speisesaals und drehte den anderen Gästen den Rücken zu. Trotz der schützenden Stöpsel in den Ohren meinte sie, die überwältigende Geräuschkulisse beinahe körperlich zu spüren, wie ein aufgeregtes Bienensummen, das sich auf sie übertrug. Dumpfes Gemurmel, ein Brei aus Wörtern, Lachen, Husten, dem Klirren von Besteck, das über Teller kratzte. Hanna schloss die Augen, legte die Hände einen Moment vor das Gesicht. Die Dunkelheit konnte Stille nicht ersetzen, beruhigte sie aber dennoch.
Als sie die Augen wieder öffnete, fuhr sie zusammen.
»Himmel, was schleichen Sie sich denn so an?«, raunzte sie die junge Frau an, die direkt vor ihr am Tisch stand.
»Ich möchte Sie fragen, ob Sie etwas trinken möchten. Ich bin die Kellnerin, das ist mein Job.« Sie tippte auf das Schild am Revers ihrer schwarzen Kellnerweste. Frida Runau.
»Wie bitte?«
»Ich möchte wissen, ob Sie …«
»Entschuldigung«, sagte Hanna. Ihre Hand glitt geübt unter ihre Haare zum Ohr und lockerte einen der beiden Stöpsel. Die meisten Menschen dachten, sie müsse etwas an einem Hörgerät justieren. Tatsächlich war es viel einfacher.
»Also dann, darf es für Sie etwas zu trinken sein?«
»Ja, ich hätte gern etwas. Oder nein, eigentlich …« Hanna verlor den Faden, und sprach dann eigentlich mehr zu sich selbst. »Viel Alkohol am liebsten …«
»Ein Weißwein vielleicht? Ich bringe Ihnen eine Scheurebe feinherb, das passt immer. Und dass Sie sich selbst vom Buffet bedienen können, wissen Sie, oder?«
»Ja, danke. Aber ich bin eigentlich überhaupt nicht hungrig. Mein Gott, ich weiß eigentlich nicht, warum ich überhaupt hier sitze und jemandem den Platz wegnehme. Ich sollte gar nicht hier sein.« Hanna merkte selbst, wie viel Resignation in ihren Worten mitschwang. Wäre sie jemand anderes und müsste sich zuhören, sie würde sich auf die Nerven gehen.
»Keine Sorge. Viele Gäste sind noch gar nicht von der Ostsee zurück. Bei dem Wetter heute …«
Hanna sah auf. »Sind wir denn so nah am Meer?«
Die Kellnerin namens Frida ließ eine beinahe weißblonde Augenbraue in die Höhe schnellen. Noch ein bisschen heller, und sie wäre so durchscheinend, dass es den dramatischen Effekt zunichtegemacht hätte.
»Es sind nur etwa zehn Kilometer bis zur Küste. Sind Sie zum ersten Mal hier?«, fragte sie.
Hanna nickte.
»Dann sollten Sie sich das Essen nicht entgehen lassen. Das Buffet schließt gleich. Sie ärgern sich bis an Ihr Lebensende, wenn Sie es verpassen.«
»Wenn’s weiter nichts ist.« Hanna seufzte und wünschte, diese Frida würde endlich gehen. Aber dann fragte sie: »Gibt es hier irgendwo einen Arzt?«
»Einen Arzt? Sind Sie krank? Fühlen Sie sich nicht wohl?«
»Alles in Ordnung. Ich brauche nur ein Rezept.«
»Ein Rezept wofür denn?«
»Ein Allgemeinarzt würde mir reichen. Es muss doch sicher in der Nähe …«
»In Plessin haben wir schon lange keinen Arzt mehr. Früher gab es noch eine richtige Landarztpraxis hier, aber …«
Hanna hörte nicht mehr zu. Es rauschte in ihren Ohren, ihrem Kopf.
»In Grevesmühlen und Wismar finden Sie alles. Krankenhäuser, Fachärzte. Aber heute nicht mehr. Freitag. Da schließen alle Praxen am Mittag. Dann bleibt nur die Notaufnahme im Krankenhaus.«
»Schon gut.«
»Wirklich?«
»Ja, wirklich. Vergessen Sie’s.«
»Schon geschehen.« Die Kellnerin wandte sich ab. Doch dann hielt sie inne und drehte sich noch einmal um. »Vielleicht versuchen Sie es mal mit Musik.«
»Musik?«
»Musik, genau. Das entspannt. Oder mögen Sie keine Musik?«
»Also grundsätzlich habe ich natürlich nichts gegen Musik. Aber noch lieber habe ich meine Ruhe.«
Hannas Gegenüber seufzte, als hätte sie gerade alle Zuversicht verloren.
»Ich weiß aber eigentlich nicht, was Sie das angeht«, schob Hanna noch hinterher.
»Mich? Oh, gar nichts. Das war nur ein nett gemeinter Vorschlag. Ich dachte, es könnte helfen.«
»Sehe ich aus, als würde ich Hilfe brauchen?«
Die Kellnerin holte tief Luft. »Um ehrlich zu sein … Ach, was soll’s, vielleicht hab ich mich getäuscht. Ich wünsche einen guten Appetit.«
Unverschämt. Und die lassen die auf Gäste los? Und die …
Hanna schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Ohne den Wein abzuwarten, stand sie auf und eilte unter den fragenden Blicken von Frida und ihrer Kollegin an der Bar aus dem Speiseraum.
Von mir aus wird sie Mitarbeiterin des Monats.
Nur etwa zehn Kilometer bis zur Küste, hatte die hellblonde Kellnerin gesagt.
Zehn Kilometer. Das war nichts. Ein Katzensprung. Sie hätte auch selbst darauf kommen können. War sie aber nicht, und so musste sie dieser ziemlich übergriffigen, rotzigen jungen Frau, sogar noch dankbar dafür sein, dass sie jetzt nördlich des Tarnewitzer Hafens am Strand stand.
Wie machte man das? Stürzte man sich mit einem Kopfsprung vornüber unter Wasser und öffnete den Mund, damit es hineinfließen konnte? Oder ging man einfach immer weiter hinein, bis man keinen Halt mehr unter den Füßen fand und hinweggespült wurde? Hanna hatte keine Ahnung. Sie hatte mal davon gehört, dass sich Fischer in Portugal und Spanien in ihre Gummistiefel, die bis über die Knie reichten, Löcher schnitten, dort wo die Zehen saßen. Wenn sie von Bord der Kutter fielen und die Stiefel voll Wasser liefen, floss es durch die Löcher wieder ab, und sie wurden nicht von dessen Gewicht in den Stiefeln in die Tiefe gezogen.
Hanna hatte nur ihre Turnschuhe, die sie auszog und nebeneinander in den Sand stellte. Sie wollte den Sand spüren. Er war kühl und feucht und klebte an ihren Fußsohlen. Ein Lichtkegel erfasste sie, wischte über sie hinweg. Ein Fischkutter suchte sich den Weg in den Hafen. Dann machte sie die ersten Schritte zum Wasser. Sie unterdrückte nur mit Mühe einen kleinen Aufschrei, als die schneidend kalten Wellen ihre Füße umspülten und an den Beinen emporschwappten. Über ihr kreisten Möwen, als hätten sie sie bereits als Mahlzeit ausgemacht. Jetzt in der Dunkelheit schrien sie umso mehr und noch lauter, um sich untereinander zu verständigen.
Hanna ging weiter. Sie stand jetzt bis zu den Knien im Wasser. Der schlimmste Punkt kam noch. Wenn das Wasser den Bauch berührte. Gliedmaßen konnten den Wärmeverlust ausgleichen, indem sie die Blutgefäße zusammenzogen, der Rumpf konnte das nicht. Auch hatte die Haut am Rumpf etwa doppelt so viele Kälterezeptoren. Das hatte Hanna schon als Kind im Schwimmbad festgestellt. Das Kreischen setzte immer spätestens dann ein, wenn das Wasser die Höhe des Bauchnabels erreicht hatte.
Sie ging weiter, die Oberschenkel waren zur Hälfte unter der Wasseroberfläche verschwunden. Es war bitterkalt, dennoch blieb sie einen Moment stehen, blickte in den sternenübersäten Himmel. Wenn sie sich nicht bewegte, sondern an einer Stelle stehen blieb, sackte sie mit jeder Welle, die den Sand unter ihren Füßen wegspülte, weiter in den Meeresboden ein. Als würde er nach ihr greifen.
Er wartet auf mich.
Eine Welle, höher als die anderen, klatschte gegen sie. Hanna schnappte nach Luft und versuchte den Kälteeffekt mit hektischem Rudern und Zappeln auszugleichen.
Warum? Lass doch endlich los.
Sie nahm einen tiefen Atemzug, ließ die Luft dann langsam wieder entweichen und die Arme dabei unter Wasser sinken. Auf dem Rücken treiben lassen. So würde sie es machen. Sie stieß sich vom Meeresboden ab, um in die Position zu kommen, doch plötzlich zog etwas an ihr. Nicht das Wasser, keine Welle. Da war jemand. Eine Hand riss an ihrer Schulter, griff in den schweren nassen Stoff ihres Mantels.
»Das ist gefährlich, was Sie hier machen!«, herrschte sie jemand an. Eine Männerstimme.
»Lassen Sie mich los!«, blaffte sie zurück und versuchte, ihren Arm seinem Griff zu entwinden. Wo war er hergekommen? Sie hatte ihn weder gesehen noch gehört.
»Nur wenn Sie mit mir zurück an den Strand kommen.« Er trat neben sie.
»Ich will nicht zurück.«
»Sie können wohl kaum die Nacht hier verbringen. Also?«
Hanna sah zur Seite. Er war ein Hüne, der … Sie musste lachen, ohne dass es Freude ausdrückte. Er trug tatsächlich eine Wathose. Genau so eine hätte sie jetzt gebraucht. Ohne die Löcher an den Zehen. Dann konnte er jedenfalls kein Spaziergänger sein, der zufällig hier vorbeigekommen war.
»Hauen Sie schon ab.«
»Ich denke nicht daran.«
Hanna watete ein paar Meter weg von ihm. Er watete hinterher.
»Muss ich um Hilfe schreien, damit Sie mich in Ruhe lassen?«
»Da können Sie so lange schreien, wie Sie wollen. Um diese Zeit ist niemand mehr hier am Strand unterwegs. Deswegen sind Sie doch hier, oder?«
»Ich wollte nur meine Ruhe haben.«
»Ja, klar.« Er schnaubte.
»Und Sie sind hier ja schließlich auch noch rumgelaufen.«
»Nee, so verrückt bin ich nicht. Ich hab Sie beim Einlaufen vom Kutter aus gesehen. Ich wollte nachschauen. Im Dunkeln geistert hier sonst keiner rum.«
Er ging nicht weg. Er war so groß, dass das Wasser ihm nur bis zu den Oberschenkeln reichte. Hanna hingegen stand schon bis zum Bauch im Meer.
»Ich kann Sie nicht zwingen, mit mir zurückzukommen, aber ich kann hier ebenso lange rumstehen wie Sie. Mal sehen, wer von uns beiden länger durchhält.«
Eine Viertelstunde später standen sie immer noch so da. Der Mann, der wie ein Mast aus dem Wasser aufragte, schob seelenruhig seine Hände in die Taschen der Wathose, während Hannas Zähne vor Kälte bereits aufeinanderschlugen.
»Malzbonsche?«, fragte er sie jetzt allen Ernstes und zog eine kleine Metalldose aus der Brusttasche, deren Klettverschluss er mit einem Ratsch aufriss.
Hanna zuckte zusammen. Das Geräusch war nicht laut, aber beinahe so unangenehm wie reißendes Papier. Sie schüttelte den Kopf. Wieder vergingen Minuten.
»Ist das nun Mumm oder Feigheit?«, fragte er plötzlich.
»Was?«
»Das, was Sie hier machen. Ist das besonders mutig oder besonders feige?«
Eine Ohrfeige hätte Hanna nicht härter treffen können als seine Worte.
»Sie haben doch keine Ahnung.«
»Stimmt. Deshalb frag ich ja. Erklären Sie es mir.«
Hanna schlang die Arme noch fester um ihren Körper. Als sie antwortete, bibberte sie so sehr, dass sie ihre Stimme kaum kontrollieren konnte.
»Gesetzt den Fall, ich würde das tun wollen, was Sie denken …«
»Na, dass Sie hier nicht in voller Montur Schwimmen gehen wollen, ist wohl klar.«
»Gesetzt den Fall, Sie hätten recht, gäbe es dafür auch einen guten Grund.«
»Wenn ich Sie bitte, mir den zu erzählen, natürlich an Land mit einem heißen Tee, würden Sie nicht Ja sagen, oder?«
Hanna schüttelte abermals den Kopf. Sie spürte ihre Zehen nicht mehr richtig. Ihre Füße waren nur noch eiskalte Klumpen. Wie viel Grad mochte die Ostsee Ende Oktober haben? Fünfzehn? Oder nur zehn?
»Ich glaube, es ist beides.« Er hörte einfach nicht auf, zu reden. »Es braucht eine Menge Courage, Willensstärke und Energie, um das zu tun, was Sie vorhaben. Gesetzt den Fall, ich habe recht. Aber es ist auch feige, dass Sie diese Energie und diese Kraft nicht für das Leben nutzen. Den Weg des geringsten Widerstands gehen kann jeder. Sie sind eigentlich ’ne Bangbüx.«
Hanna wollte sich zu ihm umdrehen und protestieren, doch ihre Muskeln waren so steif, dass sie sich nur wie ein Roboter bewegen konnte. Sie schwankte, machte mit den gefühllosen Füßen einen Ausfallschritt zur Seite und glitt bis zur Schulter unter Wasser.
»Jetzt reicht es aber mit den Fisimatenten.«
Der Hüne griff nach ihr, auf einmal hob er sie aus dem Wasser. Für Gegenwehr fehlte ihr die Kraft. Hanna schloss die Augen. Ihre Wange scheuerte am Träger der Wathose. Das gummiartige Material quietschte bei jedem Schritt, den er mit ihr auf dem Arm durch den Sand schritt. Es fühlte sich an, als würde sie auf einem Kamel über den Strand schaukeln. Irgendwann veränderte sich das Trittgeräusch. Holz. Sie gingen über Planken. Ein Steg vielleicht. Er brachte sie doch nicht etwa auf sein Boot? Hanna machte sich auf einmal vor Panik ganz steif, hob den Kopf und sah Hütten. Rote Holzhütten, die aussahen wie typisch schwedische Landhäuser in klein.
»So, wir sind da. Ich setze Sie ab. Können Sie stehen?«
Ob Hanna konnte oder nicht, sie wollte. Und sie wollte weg hier. So schnell wie möglich. Er schloss die Tür auf und trat ins Innere der fensterlosen Hütte. Es war stockfinster da drinnen. Hanna stützte sich an der Außenwand ab.
»Ich mach Licht, und dann ziehen Sie die nassen Sachen aus.«
»Wie bitte?« Hannas Stimme war ein Piepsen.
Ein Licht flammte auf. Er hatte eine kleine Öllampe entzündet.
»Nun mal keine Panik. Was denken Sie denn? Ich geh aufs Schiff, da hab ich ein paar trockene Sachen und Decken. Die reich ich Ihnen rein. Bin gleich wieder da.«
Hanna war allein. Sie trat in die Hütte, um sich vor den schneidenden Wind zu schützen, und spähte durch den Türspalt nach draußen. Er ging tatsächlich an Bord eines Kutters, der ein paar Meter weiter angelegt hatte. Sie schlüpfte aus der Jacke und zog sich Pullover und T-Shirt über den Kopf. Die Jeans war ein Problem, da sie von der Kälte und Nässe ganz steif geworden war. Hanna musste daran denken, wie sich früher manche Frauen mit Jeans in die volle Badewanne legten, damit sich der Stoff noch enger an den Körper klebte. Oder vielleicht machten sie es auch immer noch so. Hanna wusste es nicht. Sie fand es nur scheußlich.
Schließlich stand sie tatsächlich in Unterwäsche da. Sie sah sich um. Angestoßene Tassen im Regal. Sie dienten als Stütze für Fachbücher über Schiffstechnik. Ein Gezeitenkalender mit einem Nagel an die Wand gehämmert, daneben ein Erste-Hilfe-Kasten. Es klopfte an die Tür. Sie öffnete sich noch ein Stückchen weiter, und eine Hand, die ein Bündel Kleidung hielt, tauchte auf. Hanna nahm es entgegen.
»Ich hab ein Stück Tau mitgebracht. Damit können Sie die Hose oben abbinden, dann rutscht sie nicht runter. Sie passen ja locker in eins der Beine.«
Hanna zog sich die trockenen Sachen über. Sie rochen nach Meer und Rauch. Zum Schluss verknotete sie das Stück Tau um ihre Taille. Gern hätte sie sich in einem Spiegel betrachtet. Sie musste aussehen wie ein Seeräuber.
»Sie können reinkommen«, rief sie.
Der Hüne trat durch die Tür, sah Hanna an und lachte dann schallend.
»Donnerlittchen! Fehlt nur noch ein Papagei auf der Schulter, und Sie könnten zu Pippi Langstrumpfs Vater ins Taka-Tuka-Land mitreisen.« Er faltete eine Wolldecke auseinander. »Hier, setzen Sie sich da rüber auf die Bank und wickeln sich darin ein. Vor allen Dingen die Füße. Socken hab ich keine hier. Ich mach Tee.«
Die Wolldecke kratzte, aber Hanna folgte seinen Anweisungen. Etwas in ihr rebellierte dagegen, dass er ihr sagte, was sie tun sollte. Dagegen, dass sie überhaupt hier war. Sie sollte ihn dafür verfluchen. Sie sollte ihn hassen. Er hatte alles zunichtegemacht. Wie der Baum. Aber etwas anderes in ihr war sonderbarerweise dankbar dafür, dass er sich um sie kümmerte. Blaue Gasflammen züngelten an der Kochplatte, das Wasser im Topf kochte blubbernd. Wenige Augenblicke später zog das kräftige Aroma von Schwarztee durch die Hütte und leistete dem beklommenen Schweigen Gesellschaft, das sich ausbreitete.
»Was redet man jetzt nach so was?«, fragte er.
Hanna zuckte mit den Schultern.
»Ich will nicht wieder über Sinn und Unsinn Ihrer Aktion diskutieren, aber wenn Sie reden wollen, ich sitz ja gerade hier und hab Zeit.« Er schlürfte seinen Tee.
»Wahrscheinlich denken Sie, ich müsste mich bei Ihnen bedanken.« Hannas Stimme war so schwergängig, als hätte sie tagelang nicht mehr gesprochen.
»Nee, glaub ich gar nicht.« Wieder Schweigen. Dann auf einmal knallte er den Teepott auf den Holztisch, dass Hanna zusammenfuhr. »Ich kapier das nur nicht. Bin ich denn zu blöd, wenn ich denke, dass es immer einen Ausweg gibt? Man hat auch Leute zum Reden. Familie oder Freunde. Man ist nicht allein mit seinen Scheißproblemen.«
Hanna zitterte, nicht nur vor Kälte. »Und wenn doch?«
Im flackernden Schein der Lampe konnte Hanna sehen, wie er sie anstarrte. Ungläubig? Oder betroffen, weil er zu spät darüber nachdachte, dass es vielleicht Menschen gab, denen es anders ging? Er rieb sich über das unrasierte Kinn.
»Keine Familie?«
»Meine Eltern sind gestorben, als ich noch ein Teenager war«, sagte Hanna und wusste nicht, warum sie ihm das erzählte. Wahrscheinlich, weil sie ihn nie wiedersehen würde.
»Und dann? Ein Heim oder eine Pflegefamilie oder so was?«
»Ich bin bei einer Tante groß geworden.«
Er atmete aus, als wäre er persönlich darüber erleichtert. »Da haben Sie Glück gehabt. Also, ich meine … Es hätte schlimmer kommen können. Oder war die Tante so ein alter Drachen, der Ihnen das Leben schwergemacht hat?«
»Nein, war sie nicht. Aber sie war nicht meine Eltern. Das ist nicht dasselbe. Mutter und Vater kann niemand ersetzen.«
»Verstehe«, sagte er nachdenklich.
