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Als die impulsive Rose auf einem Biohof anheuert, ist sie sogleich fasziniert von dem liebevoll angelegten Blumenfeld der verstorbenen Gärtnerin Martje. In deren Notizbuch findet Rose köstliche Blütenrezepte, die sie zu einem kulinarischen Blog inspirieren - und das mit großem Erfolg. Die Französin Marguerite, die in Paris gegen die Schließung ihres kleinen Restaurants ankämpft, ist bezaubert von Roses duftigen Rezepten. Ebenso wie die Foodjournalistin Viola, die in Italien vor einer schweren Entscheidung steht. Als sich die drei Frauen im Piemont treffen, geben sie sich ein Versprechen: Gemeinsam wollen sie einen lang gehegten Traum zum Leben erwecken ...
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Über das Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Frühling
1
2
3
4
Sommer
5
6
7
Herbst
8
9
Winter
10
11
12
13
14
15
16
17
18
Ein neuer Sommer
19
20
Danksagung
Über das Buch
Als die impulsive Rose auf einem Biohof anheuert, ist sie sogleich fasziniert von dem liebevoll angelegten Blumenfeld der verstorbenen Gärtnerin Martje. In deren Notizbuch findet Rose köstliche Blütenrezepte, die sie zu einem kulinarischen Blog inspirieren – und das mit großem Erfolg. Die Französin Marguerite, die in Paris gegen die Schließung ihres kleinen Restaurants ankämpft, ist bezaubert von Roses duftigen Rezepten. Ebenso wie die Foodjournalistin Viola, die in Italien vor einer schweren Entscheidung steht. Als sich die drei Frauen im Piemont treffen, geben sie sich ein Versprechen: Gemeinsam wollen sie einen lang gehegten Traum zum Leben erwecken …
Über die Autorin
Lea Santana ist das Pseudonym einer erfolgreichen Autorin, die bereits mehrere Kriminalromane veröffentlicht hatte, bevor die Liebe zum Gärtnern und ihre Erfahrungen auf einem Mietacker sie zu einem Roman über drei Frauen und den verbindenden Zauber von Blüten inspirierten. Lea Santana ist gebürtige Hamburgerin und lebt heute mit ihrem Ehemann im südlichen Schleswig-Holstein. Sie entspannt am liebsten beim Kochen und Bummeln über Foodmärkte.
Lea Santana
Der Sommer der Blütenfrauen
Roman
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Ulrike Brandt-Schwarze, BonnTitelillustration: © Composition FinePic®, MünchenUmschlaggestaltung: zero-media.net, MüncheneBook-Erstellung: two-up, Düsseldorf
ISBN 978-3-7517-2111-0
luebbe.delesejury.de
Rose legte die Fingerspitzen auf die kleine Vertiefung oberhalb des Brustbeins. Sie fühlte ihr Herz unter der kalten Haut schlagen. Ein gaukelnder Vogel, der ängstlich und zu schnell mit den Flügeln schlug. Es pochte hart, und ab und zu setzte es einen Schlag aus, um dann mit einem anschließenden eiligen Doppelschlag das Versäumte aufzuholen. Sie kannte das. Es passierte häufig, wenn sie vor lauter Sorge so angespannt war, dass sie das Atmen glatt vergaß. Dennoch machte es ihr noch immer Angst. Rose fürchtete, dass ihr Motor eines Tages einmal nicht nur stottern würde wie der ihres klapprigen Autos, sondern plötzlich ganz stehen blieb. Einfach so, im Schlaf.
Sie wusste, warum es gerade heute wieder passierte. Es war dieser Termin. Diesmal hatte sie nicht einmal zwei Monate durchgehalten. Gereizt fuhr sie mit den Fingern durch ihre widerspenstigen roten Locken, die sich in alle Richtungen miteinander verwickelten. Es kam ihr vor, als stünden ihre Haare genauso unter Spannung wie sie selbst.
Nach einem achtlos heruntergespülten Kaffee, der sich in ihre Magenwand verbiss wie eine angriffslustige Katze, stieg Rose in ihren Wagen. So behutsam wie möglich schlug sie die Tür mit den korrodierten Scharnieren zu und machte sich auf den Weg. Der kantige Fiat Panda hatte früher ihrer Mutter gehört. Er leuchtete rot wie eine reife Tomate und war so alt, dass Rose mit ihm schon zu ihrer Einschulung gefahren worden war. Zur ersten Schule von vielen, die sie im Laufe der Jahre danach besucht hatte. In sechs Ländern, in etwa so vielen Orten, wie das Auto Jahre auf dem rostigen Buckel hatte.
Auch das Wetter meinte es heute nicht gut mir ihr. Es war Mitte April, gerade hatte es gedonnert, und nun ging ein kräftiger Schneeregenschauer auf das flache Land zwischen Nord- und Ostsee nieder. Er drückte die Osterglocken auf den Verkehrsinseln nieder und überzog die Straßen mit einer matschigen Schicht. Roses Laune wurde immer schlechter.
Kurz vor ihrem Ziel sauste sie an einem Schild mit der Aufschrift Erntehelfer gesucht vorbei. Eine pralle Erdbeere mit einem breiten, zahnlosen Mund hatte ihr von dem Plakat entgegengelacht und sie daran erinnert, dass es eigentlich bald Sommer werden sollte. Heute hatte Rose allerdings das Gefühl, dieses dreiste Früchtchen machte sich über sie lustig. Darüber, wie sie ihren Wagen mit eingeschalteten Scheinwerfern durch das hoffentlich letzte Aufbäumen des Winters lenkte. Und darüber, dass sie drauf und dran war, einfach den Termin sausen zu lassen. Was sie natürlich nicht tun würde, denn sie wollte nicht demnächst unter der Brücke schlafen müssen. Diese Zeiten hatte sie hinter sich.
»Blöde Beere«, grummelte Rose und streckte ihr mit einem Blick in den Rückspiegel nachträglich die Zunge heraus.
Blöde Ziege, dachte sie zwanzig Minuten später, als sie der Arbeitsvermittlerin im Jobcenter gegenübersaß, die gerade noch einmal ihre Unterlagen überflogen hatte. Jetzt sah sie zu Rose auf.
»Frau Pedersen. Ich hatte die Hoffnung, dass wir beide uns nicht so bald wiedersehen.«
Und ich erst.
»Was war es denn diesmal?«
»Mein Engagement für die Umwelt.« Verborgen in ihren Jackentaschen ballte Rose bereits vor Ärger die Fäuste.
Frau Biester, deren Ton ihrem Namen alle Ehre machte, zog die Augenbrauen hoch. Sie sah Rose auffordernd an.
»Sie möchten Details?«, fragte Rose. »Ich habe mich bei einer Demonstration gegen die Zerstörung von jahrhundertealtem Baumbestand mit einem Einsatzwagen der Polizei angelegt. Er brauchte danach ein bisschen … Make-up.«
»Und wie hat ihr Arbeitgeber davon erfahren?«
»Das war nicht weiter schwer. Die Kundgebung hat auf seinem Grund und Boden stattgefunden.«
Frau Biester schloss für eine Sekunde die Augen, atmete einmal geräuschvoll ein und wieder aus. Sie schien das zu brauchen, um sich zu sammeln und Rose nicht zu fragen, ob sie vielleicht den Verstand verloren hätte. Stattdessen wurde sie geschäftsmäßig. Vielleicht hielt sie dieses Gespräch nur aus, wenn sie zu ihren Routinefragen zurückkehrte.
»Haben Sie sich denn bereits selbst um eine neue Beschäftigung bemüht?«, fragte sie.
»Also, ich wusste nicht genau, in welche Richtung ich gehen will«, erwiderte Rose und pulte an der Nagelhaut ihres Daumens herum. »Es war nach all den Reinfällen in den letzten Jahren auch meiner Gesundheit ganz zuträglich, erst mal den Kopf freizubekommen, bevor ich mich gleich wieder …«
»Ja, ja, ich verstehe. Ich kann nicht leugnen, dass auch ich Sie nicht für die optimale Besetzung für diese Art von Anstellung halte. Büroroutine, standardisierte Prozesse und die Optimierung von Abläufen im Backoffice sind weder kreativ, noch werden diese Aufgaben Ihrer … nun ja … ausgeprägten Individualität gerecht. Aber Sie können nun mal nichts anderes.«
Bei all den Fähigkeiten, die du hast! Du sprichst vier Sprachen fließend, du bist eine gute Fotografin und noch so vieles mehr. Du kannst alles werden, was du willst, Rose! Warum tust du dir das an? Warum tust du uns das an?
Mit einem Ruck riss Rose sich schmerzhaft das Häutchen vom Finger. Sie versuchte, die Stimme in ihrem Kopf zu ignorieren.
»Ich verstehe nicht, wie Sie überhaupt dazu gekommen sind, eine Ausbildung im Büromanagement zu machen«, fuhr Frau Biester unbeirrt fort. »Das passt doch gar nicht zu Ihnen.«
Weil ich nicht so sein will wie ihr!
Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Rose damals ihre Eltern angeschrien. Ihr Vater hatte sich schweigend umgedreht und nie wieder ein Wort über ihre Entscheidung verloren. Ihre Mutter Alice, die auch von ihrer Tochter nur beim Vornamen genannt werden wollte, weil Mutter oder Mama sie zu etwas anderem gemacht hätte, als sie sein wollte, hatte einen Keramikkrug zerschlagen, den sie auf einem Markt in Andalusien erstanden hatte. Am Abend beim Lagerfeuer mit spontan eingeladenen Freunden hatte sie dann erklärt, dass sie am nächsten Tag in die Provence zur Pfirsichernte weiterziehen würden.
Sieh her, welche Freiheit du aufgibst, Rose.
»Also mit anderen Worten«, fuhr Frau Biester fort, als Rose stumm blieb, »Sie haben noch keine Anstrengungen unternommen.«
Das war der Punkt. Dieses Wort. Anstrengung. Es war zu viel gewesen für Rose. Sie fühlte sich so leer wie die diversen Chipstüten, die sie seit ihrem letzten Arbeitstag nach sinnlos verfaulenzten Fernsehabenden auf dem Sofa zurückgelassen hatte. Das war nicht ihre Art, sie kannte sich manchmal selbst nicht mehr.
»Dennoch wird es sicher auch in Ihrem Interesse sein, wenn wir Sie so schnell wie möglich wieder unterbringen. Sie sind ja nun auch schon fast dreißig, und …«
»Unterbringen?« Rose schnaubte. »Ich bin doch keine Streunerin, für die Sie ein Pflegezuhause suchen müssen.«
Frau Biester ging nicht darauf ein, schob sich die Goldrandbrille auf die Nase, die an einer passenden Kette hing und bis eben vor ihrem Dekolleté gebaumelt hatte. Sie sah auf den Bildschirm ihres Computers. Rose bekam allmählich Kopfschmerzen von dem Geruch nach Hand-Desinfektionsmittel im Raum. Sie sah nirgendwo einen Spender. Sicher hatte die Biester eine Flasche in der Schreibtischschublade und gab nach jedem Besucher ein paar Sprühstöße in die Atmosphäre ab.
»Ich habe bereits zwei Angebote für Sie herausgesucht«, sagte sie jetzt und bemühte sich hörbar, einen positiven Ton anzuschlagen. Rose wurde mulmig. »Da wäre eine Sekretariatsstelle in einem Betrieb in der Fleischverarbeitung.«
»Ich bin Vegetarierin.«
Frau Biester zog die Augenbrauen hoch. »Sie sollen die Tiere ja nicht selbst schlachten.«
»Das ist mir egal. Ich unterstütze das nicht«, entgegnete Rose mit fester Stimme. Lieber würde sie tatsächlich unter eine Brücke ziehen.
Es entstand eine kleine Pause, in der Frau Biester sie mit zusammengekniffenen Augen betrachtete. Rose konnte das unausgesprochene Unverständnis wie in einem offenen Buch in ihrem Gesicht ablesen. Ihr Gegenüber gab sich nicht einmal Mühe, dies zu verbergen.
»Gut, ich bin sicher, das nächste Angebot wird Ihnen dann eher zusagen. Eine Sachbearbeitertätigkeit …«
Rose sah, wie Frau Biester die Lippen bewegte, aber sie hörte nicht mehr zu. Sachbearbeitertätigkeit. Sie spürte bereits die bleierne Müdigkeit zurückkehren, die sich so viele Jahre schon am Morgen über sie gelegt hatte. Schwer wie eine Schutzschürze beim Radiologen, die an ihren Gliedern hing und alle Bewegungen und alles Denken mühsam machte.
»Entschuldigung, aber ich kann sehr wohl mehr als das, und …«
Frau Biester hörte ihr gar nicht zu. Sie redete einfach immer weiter. »Der Arbeitsplatz befindet sich gut erreichbar in einem hochmodern ausgestatteten Bürokomplex. Genauer gesagt ist dieser integriert in eine offene Kommunikationslandschaft …«
»Großraumbüro.«
Schweigen. Finger, die bewegungslos über der Tastatur verharrten.
»Großraumbüro«, wiederholte Rose.
»Davon kann heutzutage keine Rede mehr sein.«
»Keiner benutzt mehr dieses Wort. Aber es bleibt doch immer dasselbe. Ein großer Raum mit viel zu vielen Menschen, die sich gegenseitig auf die Nerven gehen. Am Ende redet da keiner mehr mit dem anderen. So viel zur Kommunikation.«
»Frau Pedersen, so geht das aber wirklich nicht. Sie müssen auch ein bisschen kooperativ sein. Sonst sehen wir uns bis in den Sommer immer noch regelmäßig hier.«
Sommer. Erdbeerzeit. Rote Münder. Lachen.
»Ich hab einen neuen Job!«, platzte es so plötzlich aus Rose heraus, dass niemand entgeisterter sein konnte als sie selbst.
Was habe ich gerade gesagt?
»Was haben Sie gesagt?«, fragte Frau Biester.
»Ich habe einen neuen Job. Zumindest für eine befristete Zeit. Für den Sommer.« Die Worte purzelten schneller heraus, als sie die Gedanken zu Ende denken konnte. »Danach kann ich immer noch was anderes annehmen.«
Wenn Rose es recht bedachte, war Erntehelferin auf einem Erdbeerfeld dummerweise nicht einmal etwas für den Sommer, sondern nur für die Zeit von Anfang Juni bis Mitte Juli. Wenn das Wetter mitspielte und es ein ertragreiches Jahr war. Aber sie blieb dabei.
Sie musste noch zehn Minuten Diskussion mit Frau Biester ertragen, die das für eine ausgemachte Schnapsidee hielt und außerdem verärgert darüber war, dass Rose ihr das nicht gleich mitgeteilt hatte.
Dann verließ Rose das Büro von Frau Biester im Jobcenter. In ihrem Kopf wuchs die Bestürzung darüber, das eben Gesagte nun auch umsetzen zu müssen.
Der Frühling verwandelte Paris. Die ersten Fliederknospen brachen auf, Bistrobesitzer stellten Tische und Stühle auf die Bürgersteige, die Sonne glättete verkniffene Wintergesichter, und die Frühlingskollektionen hielten farbenfrohen Einzug in die Läden in Saint-Germain-de-Prés und dem Marais.
Marguerite Lannoy konnte all das nicht genießen. Sie lauschte der Stimme ihres Mannes Paul am anderen Ende der Telefonleitung.
»Marguerite, ich bitte dich! Fang doch nicht wieder an zu lamentieren. Ich kann hier jetzt noch nicht weg.«
Sie hatte das alles schon früher gehört. Einmal, zehnmal, hundertmal, so schien es ihr. Und doch deprimierte es sie immer wieder aufs Neue.
»Wir hatten abgemacht, dass du zum Wochenende zurück bist«, sagte sie. »Alphonse will in den Urlaub gehen, wir brauchen dich hier. Ich brauche dich hier.«
»Ich stecke mitten in den Gesprächen mit neuen Weinlieferanten. Du weißt doch genau, wie wichtig das für uns ist.« Paul schlug einen Ton an, als spräche er mit einem Kind, dem er immer wieder erklären musste, was doch offensichtlich war. Resigniert beendete Marguerite nach einem kurzen Gruß das Gespräch.
Nicht zum ersten Mal ließ Paul sie mit dem Restaurant allein. Immer waren wichtige Termine mit Weinhändlern, Erzeugern exquisiter Produkte aus den kulinarisch relevanten Regionen oder infrage kommenden Designern für die Innengestaltung des »Le Bon Goût« für seine oft tagelange Abwesenheit verantwortlich. Marguerite begriff durchaus, dass diese Verhandlungen notwendig waren, wenn sie das Restaurant wieder auf Vordermann bringen und an vergangene erfolgreiche Zeiten anknüpfen wollten. Nur fragte sie sich allmählich, warum nach derlei Gesprächen nie Taten folgten und endlich die entsprechenden Maßnahmen ergriffen wurden. »Das braucht Zeit«, pflegte Paul zu sagen, wenn sie nachfragte. Mit den Weinhändlern und Produzenten feilschte er wochenlang um Abnahmemengen und entsprechende Einkaufspreise, bei den Innenarchitekten hatte ihn bisher noch keine Präsentation überzeugen können, und so startete er eine neue Ausschreibung nach der anderen.
Würde es nach Marguerite gehen, bräuchten sie überhaupt keine Designer. Sie bräuchten nur Farbe. Und Blumen. Und mehr Licht. Das »Le Bon Goût« war ihrer Meinung nach zu gediegen, düster und nicht mehr zeitgemäß. Für Paul hingegen war es reich an Tradition und von ausgesuchter Klasse. Und da sich das Restaurant bereits seit drei Generationen im Besitz seiner Familie befand, wurde es so geführt, wie er es für angemessen hielt. Und wie sein Vater es von ihm erwartet hätte. Daher wurde auch die Karte seit Jahren nicht verändert, und das war es, was Marguerite am allermeisten zu modernisieren wünschte. Die Auswahl an Speisen. Gerade vor wenigen Tagen hatte sie einen erneuten Versuch unternommen.
»Versteh das doch, Paul, die Zeiten ändern sich. Niemand will heute mehr Gänseleberpastete essen und bei jedem Bissen daran denken müssen, wie diese produziert wurde. Wenn wir mehr leichte Gerichte anbieten würden, vielleicht auch etwas Vegetarisches …«
»Vegetarisch! Du hast wohl den Verstand verloren. Wir befinden uns in Europas Gourmet-Hauptstadt. Und du willst Salatblätter servieren? Menschen, die unverfälschte Haute Cuisine ohne neumodischen Schnickschnack auf dem Teller zu schätzen wissen, sterben nicht aus. Die wird es immer geben.«
Damit war für Paul jedes Mal die Unterhaltung beendet.
Ebenso unerbittlich verfuhr er mit ihren Vorstellungen über die Inneneinrichtung. Das »Le Bon Goût« wies genau zwei Farben auf: das Dunkelbraun des jahrzehntealten wuchtigen Mobiliars aus Eichenholz und das Weiß der gestärkten Tischwäsche und schlichten Wände, die ganz ohne Schmuck auskamen.
»Wenn wir die Wände in einem heiteren Gelb oder einem frischen Grün streichen würden …«, hatte Marguerite vorgeschlagen.
»Gelb! Grün! Wir sind doch nicht in irgendeinem ausgeflippten Bistro im Quartier Latin.«
»Vielleicht könnten wir mit der Tischwäsche anfangen, um es auszuprobieren. Das könnten wir auch schnell wieder austauschen. Vielleicht die Servietten …«
»Damit die Farbkleckserei auf dem Tisch von den Speisen ablenkt? Die Farbe, die ich auf dem Tisch sehen will, ist das Rot des Burgunders oder das des Bluts aus einem saftigen Entrecôte.«
Paul ließ einfach nicht mit sich reden. Und Marguerite gab sich jedes Mal geschlagen.
Nun war er unterwegs, wie fast immer. Irgendwo im Languedoc. Und sie kam nicht umhin, sich allein mit den Tischreservierungen für den heutigen Abend zu beschäftigen. Es war Freitag, und ein Blick auf die Liste sagte ihr, dass das Restaurant endlich einmal wieder ganz gut besucht sein würde. Sie prüften grundsätzlich, ob sich Personen von Rang und Namen unter den Gästen befanden, und dann ließ es sich Paul – wenn er denn anwesend war – nicht nehmen, die Herrschaften persönlich willkommen zu heißen. Im Laufe des letzten Jahres hatte er dazu allerdings immer seltener die Gelegenheit gehabt.
Marguerite setzte sich an einen Tisch im hinteren Bereich des noch geschlossenen Restaurants und fuhr mit dem Zeigefinger über die Namen, als ihr Telefon erneut klingelte. Diesmal erschien eine ihr unbekannte Nummer auf dem Display. Sie nahm das Gespräch an.
»Restaurant ›Le Bon Goût‹, was kann ich für Sie tun?«
»Bonjour, Madame, hier spricht Georges vom Charterbüro Le Midi in Port Grimaud. Ist es möglich, dass Sie mir die Mobiltelefonnummer von Monsieur Lannoy geben? Ich habe sie leider verlegt, muss ihn aber dringend wegen der Reservierung sprechen.«
»Sie möchten eine Reservierung machen? Das können Sie mit mir besprechen.«
Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte freundlich. »Nein, Madame. Andersherum. Es geht um die Charterjacht, die Monsieur reserviert hat. Wir haben leider einen erkrankten Kapitän und müssen einen Ersatz finden. Ich möchte nur schon vorwarnen, dass die Tour geringfügig später beginnen könnte.«
Welche Tour?
Marguerite wurde flau im Magen.
»Bedauerlicherweise kann ich die Telefonnummer nicht einfach so herausgeben. Sie werden sicher verstehen. Aber ich gebe gern alle wichtigen Informationen an Monsieur Lannoy weiter.« Sie räusperte sich und verblüffte sich selbst, als sie sagte: »Ich bin seine Assistentin. Geht es um die Flussfahrt, für die er sich interessiert hat?«
Assistentin. Nicht einmal gelogen. Bin ich überhaupt noch mehrals das?
»Von einer Flussfahrt weiß ich nichts. Das muss dann noch eine andere Reise sein.« Der Mann namens Georges schien es nicht sonderbar zu finden, dass sie als Assistentin nicht wusste, von welcher Tour er sprach. »Bei uns hat er für sich und seine Frau die zweiwöchige Tour von Port Grimaud nach Korsika gebucht.«
Marguerite war froh, dass sie bereits saß. Dennoch klammerte sie sich mit der freien Hand an die Tischkante, sonst wäre sie womöglich vom Stuhl gerutscht.
»Wann geht es los, sagten Sie?«
»Morgen früh. Aber vielleicht auch erst am Nachmittag. Je nachdem, wie schnell wir …«
»Wie schnell Sie einen Kapitän finden, ich habe verstanden.« Marguerite hatte voll und ganz verstanden. Die Tour begann morgen früh. In Südfrankreich. Sie saß noch in Paris und wusste von nichts. Es war also keine Überraschung von Paul für sie. Er war mit einer anderen Frau unterwegs. »Ich werde es weitergeben. Au revoir.«
Ach, Paul. Schon wieder? Oder immer noch?
Draußen pickten Spatzen die letzten Brotkrümel von gestern aus den Rillen im Kopfsteinpflaster. Für einen Moment saß Marguerite nur da und starrte auf die gewienerte Tischplatte. Paul hatte ihr versichert, dass es vorbei sei mit den Flirts und den Affären. Und diesmal hatte sie ihm geglaubt. Wie hatte sie nur so dumm sein können! Aber was sie fast noch mehr traf als eine neue Affäre, war die Tatsache, dass Paul auf einer Jacht durch das Mittelmeer schipperte, während sie nicht wusste, von welchem Geld sie all die Lieferanten, die Angestellten und die Steuer bezahlen sollte. Paul war nicht der Typ Mann, der sich von einer Frau aushalten ließ. Immer war er derjenige, der spendierte und sich nicht lumpen ließ. Offensichtlich tat er das gerade von ihrem gemeinsam erwirtschafteten Geld.
Marguerite wurde übel. Sie sprang auf und lief zur Toilette. Gerade noch rechtzeitig riss sie den Deckel hoch, bevor sie sich vorbeugte und in die Schüssel erbrach. Dann kamen die Tränen. Mehrere Minuten stand sie da und hatte die Arme um ihren Körper geschlungen, als könne er auseinanderfallen, so sehr schüttelte sie das Schluchzen. Als sie ruhiger wurde, spülte sie den Mund aus und wusch sich das Gesicht. Sie würde sich aus dem Kühlraum Eiswürfel besorgen, sie in eine Serviette wickeln und auf die geschwollenen Lider drücken.
Einer Eingebung folgend ging sie zunächst in Pauls Arbeitszimmer. Sie setzte sich an seinen Schreibtisch, fuhr den Computer hoch und rief die Webseite der Bank auf. Auch wenn sie ihm die finanziellen Dinge überließ, kannte sie natürlich das Passwort für das Geschäftskonto. Sie tippte eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen ein, klickte sich durch die Seiten und überflog schließlich die Kontobewegungen. Anschließend überprüfte sie das gemeinsame Privatkonto. Nach nur wenigen Minuten hatte sich ihr Verdacht bestätigt. Sie ließ den Kopf auf den Tisch sinken.
Bevor Viola Bassani den Deckel ihres Notebooks für heute endgültig zuklappte, überflog sie noch ein letztes Mal den Text auf dem Bildschirm.
»Zusammenfassend lässt sich sagen, das Ambiente des ›Il Ponte‹ besticht durch die gelungene Kombination von Tradition und Moderne. Auf keinen Fall versäumen sollten Sie das Lammragout in Wein, Rosmarin und Chili, zu dem Ihnen der Padrone gern einen der exzellenten Tropfen aus einer der verschiedenen Regionen Italiens empfehlen wird. Ich persönlich lege Ihnen einen Brunello di Montalcino aus der Toskana ans Herz. Mit dem Aroma von dunklen Kirschen und Bitterschokolade wird er auch Sie verführen.«
Sie hatte den Abgabetermin geschafft, der Auftrag war erfüllt. Der Artikel würde sicher viele Feinschmecker in das gerade neu eröffnete Restaurant locken. Es wäre verdient. Viola hatte lange nicht mehr so gut gegessen wie an dem Abend, als sie dort für ihren Artikel verschiedene Speisen von der ausgesuchten Karte kosten durfte.
Jetzt schob sie die auf dem Schreibtisch ausgebreiteten Notizzettel zu einem Stapel zusammen und verstaute sie in einer Sammelmappe. Die Fotos steckte sie in eine separate Hülle. Viola arbeitete immer noch lieber mit entwickelten Bildern, als nur am Computer ihr Material zu sichten.
Sei ehrlich, Viola. Du bist viel altmodischer, als du zugeben willst.
Punktuell nostalgisch. Das ist etwas anderes.
Bei der Erinnerung an diese Worte musste sie lächeln. Flüchtig fuhren ihre Finger über den eleganten Goldreif an ihrem Handgelenk, wie um sich zu vergewissern, dass er noch da war.
Nostalgisch. Hab ich doch gesagt.
Es war bereits kurz vor neun Uhr am Abend. Sie teilte die italienische Vorliebe für späte Abendessen normalerweise nicht, aber sie war hungrig. Seit dem Frühstück mit den Redaktionskollegen hatte sie in Meetings gesessen, danach unter Hochdruck den Beitrag zur Serie Restaurant des Monats fertiggestellt und nicht einmal bemerkt, dass ihr Magen sich längst gemeldet hatte. Ihr Arbeitsalltag sah fast immer so aus, und sie war von so schmaler Statur, dass sie keine gute Werbung für die Restaurants abgab, über die sie schrieb. Das war jedenfalls die Meinung ihrer Nonna Ludovica.
Sie würde also im Restaurant »L’Opera« noch schnell eine Kleinigkeit zu sich nehmen. Es war ein milder Frühlingsabend, und das geschmackvolle Lokal lag gleich schräg gegenüber der Redaktion an der Piazza Bra. Kleine Touristengruppen flanierten schon jetzt, bevor die Hauptsaison begann, durch das historische Zentrum von Verona. Noch musste Viola sie nicht im Slalom umlaufen, in einem Monat hingegen würde es sie wieder viel Geduld und mehr Zeit kosten, um in der Stadt von A nach B zu kommen.
Das Restaurant begrüßte sie mit einer Wolke aus Düften und Gemurmel. Viola sah sich nach einem freien Platz um, als ihr Blick an einem Arm hängen blieb, der über die Köpfe der anderen Gäste hinweg in der Luft herumfuchtelte.
»Viola, hier!«, hörte sie eine vertraute Stimme rufen. Sie seufzte und ging auf den Tisch zu, an dem die halbe Redaktion versammelt war.
»Mamma mia, was macht ihr denn alle noch hier? Kann man denn nie irgendwo seine Ruhe haben?« Sie rollte mit den Augen, aber alle wussten, dass sie es nicht so meinte.
»Die Redaktion ist eben unsere Familie«, sagte Elisabetta, die Marketingassistentin.
Viola bedachte die junge Kollegin mit einem nachsichtigen Lächeln. Sie würde noch früh genug lernen, dass die Mitglieder dieser Familie Piranhas waren, die sich gegenseitig mit Haut und Haaren auffressen würden, wenn der Druck weiter wachsen und sie sich mit fortschreitender Digitalisierung der Medien immer mehr um zukunftsfähige Geschäftsmodelle statt um journalistische Inhalte kümmern mussten. Sie waren am Ende alle Konkurrenten im Rennen um die begehrten Positionen.
Einer der Volontäre – Viola konnte sich deren Namen beim besten Willen nicht mehr alle merken – stellte ihr einen Stuhl dazu. Leonardo schob ihr ein Weinglas hin und schenkte ihr ein.
»Und? Hast du’s geschafft?«, fragte er.
»Alles ist fertig für den Druck. Sonst säße ich sicher nicht hier. Du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst.«
Der Chefredakteur hob leicht die Augenbrauen und blickte in die Runde, als wolle er die anderen vor der offensichtlich gereizten, aber auch besten Food-Journalistin warnen, die sich das Magazin La cucina leistete.
»Iss erst mal etwas. Wir haben auch gerade eben erst bestellt«, schlug er vor und winkte den Ober heran. Als der an den Tisch trat und sah, wessen Bestellung er aufnehmen sollte, zuckte er beinahe zusammen und wurde ein bisschen kleiner. Viola bemerkte es, und sie mochte es nicht.
»Auch wenn es nicht so aussieht, ich bin ganz privat hier.«
»Und zur Sicherheit machen wir sie später betrunken, dann erinnert sie sich morgen an nichts mehr«, rief Enzo, der Chef vom Dienst, und alle lachten. Er war das Bindeglied zwischen Redaktion und Herstellung und bei Bedarf Schlichter im Streit zwischen Kreativen und den kühl rechnenden Herausgebern des Magazins.
»Das wird ganz sicher nicht notwendig sein«, sagte Viola und legte dem Kellner kurz die Hand auf den Unterarm. »Ich kenne alle Restaurants, Trattorien, Osterien, Pizzerien, Bars und was weiß ich nicht noch für Häuser in Verona, in denen man etwas zu essen und zu trinken bekommt. Ich würde nicht hier sitzen, wenn ich die Küche des ›L’Opera‹ nicht zu schätzen wüsste.«
»Bravo!«, rief Enzo. »Darauf einen Schluck!«
Alle hoben ihre Gläser wie zu einem Toast und stießen sie klirrend gegeneinander. Doch Leonardo gab noch keine Ruhe.
»Das sagt sie nur, weil sie heute noch etwas zu essen bekommen möchte.«
Wieder lachten alle, doch Viola winkte ab.
»Mein lieber Leonardo, du kennst meine Einstellung. Kritiker werden oft Leute, die selbst nichts zustande bringen. Das gilt für Literaturkritiker, die nie ein Buch geschrieben haben, genauso wie für Restaurantkritiker, die nicht mal Spaghetti al Pomodoro zubereiten können. Und das gilt auch für mich, denn ich bin eine lausige Köchin. Aber im Gegensatz zu vielen Kollegen in der Branche bin ich nicht von Neid zerfressen, sondern empfinde tiefe Hochachtung für die, die aus unseren wundervollen Produkten köstliche Gerichte zaubern.«
Zwei der Volontäre und Elisabetta spendeten Violas Worten kurz Beifall, was sie ausgesprochen albern fand. Leonardo rückte ein Stück näher zu ihr heran.
»Was ist los mit dir? Du bist in einer seltsamen Stimmung heute Abend«, raunte er ihr ins Ohr.
»Aber nein, ich bin nur hungrig.«
»Du lügst.«
»Ja. Aber das ist meine Sache.«
Der Kellner kam und servierte die Vorspeisen. Körbe mit noch warmem Brot, kleine Schälchen mit hausgemachter Thymianbutter und verschiedenen eingelegten Gemüsesorten. Viola nahm sich von allem und konzentrierte sich auf ihren Teller.
»Bist du sauer?« Leonardo ließ nicht locker.
»Sauer? Weshalb?«
»Du weißt genau, was ich meine. Die eine Nacht …«
Viola lachte auf, und die Köpfe drehten sich zu ihr. Leonardo lachte einfach mit, als hätte er gerade einen Witz gemacht. Dann senkte er seine Stimme noch weiter.
»Du wusstest, dass ich verheiratet bin und wir nicht mehr als diese … diese …«
Er fand offensichtlich nicht die richtigen Worte. Viola hatte damit weniger Probleme. Sie zog ihre sorgfältig zu einem schwungvollen Bogen gezupften Augenbrauen in die Höhe und wandte sich ihrem Chefredakteur mit einem strahlenden Lächeln zu.
»Diese Affäre meinst du? Diese eine alkoholumnebelte Nacht würde ich nicht einmal so nennen. Und wenn ich nicht genau gewusst hätte, dass du gebunden bist und aus uns nie etwas werden kann, hätte es auch die nicht gegeben. Sex ist ja schön und gut …«
Leonardo zischte und hob eine Hand, als wolle er sie Viola auf den Mund legen, so viel Panik hatte er, dass irgendjemand sie hören konnte.
»Aber«, fuhr Viola unbeirrt fort, »das Letzte, was ich danach gewollt hätte, sind Komplikationen. Erst recht in der Redaktion. Und romantisches Getue mit geflüsterten Liebesschwüren zwischen zwei Konferenzen und heimlichen Küssen in der Teeküche sind Komplikationen. Dafür bin ich nicht gemacht, Leonardo. Also beruhige dich. Ich bin dankbar, dass ich mich nicht damit auseinandersetzen muss.«
Das Servieren des Hauptganges hinderte Leonardo daran, noch etwas zu entgegnen. Für eine Weile galt die Aufmerksamkeit aller den duftenden Speisen, die zwei Kellner herantrugen. Verschiedene Risottogerichte mit Steinpilzen, schwarzer Tintenfischsauce oder Safran und ebenso viele Variationen der für die Region Venetien typischen Polenta. Als sie sich später satt und träge zurücklehnten und Grappa und caffè zum Abschluss genossen, nahmen sie nach und nach die Gespräche wieder auf. Elisabetta lachte viel und laut, Enzo hatte gerötete Wangen vom Wein, die Volontäre debattierten über die Serie A, und Leonardo fachsimpelte mit dem Padrone, der sich zu ihnen gesellt hatte.
Nur Viola spielte gedankenverloren mit dem Stiel ihres Weinglases und schien weit weg zu sein. Leonardo hatte recht. Sie war in einer seltsamen Stimmung. Allerdings hatte er keinen blassen Schimmer, welchen Grund das hatte. Sie schon. Ostern stand vor der Tür. Das war komplizierter, als eine Büroaffäre es jemals sein konnte.
Wie sich herausstellte, gehörten die Erdbeerfelder zu einem Biohof, der gar nicht weit von Roses Wohnung gelegen war. Sie war gleich nach ihrer vollmundigen Erklärung dorthin gefahren, hatte den Wagen geparkt und fragte nun im Hofladen, wer für die Einstellungen zuständig war. Der heimelige Duft von frisch gebackenem Brot wogte ihr entgegen. Rose lief das Wasser im Munde zusammen.
»Das macht Gunda Jessen.« Die Verkäuferin hinter dem Tresen lachte und wies auf den Eingang hinter Rose. »Sie haben Glück. Da kommt sie gerade. Unsere Herrin über Feld und Acker.«
Rose drehte sich um. Ihre erste Reaktion in Gedanken war ein überraschtes »Oh«. Gunda Jessen war eine Frau, die die sechzig sicher schon vor ein paar Jahren überschritten hatte. Sie war von zierlicher Statur, aber unter den aufgekrempelten Ärmeln ihres Holzfällerhemdes lugten sehnige Oberarme hervor. Hüftlanges silbergraues Haar fiel offen über die Schultern. Auf dem Kopf trug sie einen Strohhut, der an den Rändern kunstvoll ausgefranst war und aussah, als stamme er aus einem Shop für Hippieklamotten auf Ibiza. Unmittelbar schob sich das Bild ihrer Mutter vor Roses geistiges Auge. Es fehlte nur noch eine Blume, die im Mundwinkel klemmte. Ein Gänseblümchen.
»Wollen Sie zu mir?«, fragte Gunda Jessen.
»Ich denke, schon«, sagte Rose. »Wenn Sie für die Einstellung von Erntehelfern zuständig sind.«
»Bin ich. Aber das Anheuern ist abgeschlossen. Ich brauche keine Leute mehr.«
»Aber das Schild, die Erdbeeren …«
»Muss noch abgenommen werden. Bin ich noch nicht zu gekommen.«
»Oh nein, sagen Sie, dass das nicht wahr ist«, entfuhr es Rose verzweifelt, und sie sackte in sich zusammen wie ein Boxer nach dem Tiefschlag.
Die Frau sah Rose bedauernd an.
»Tut mir leid, ist es leider. Aber was heißt leider. Gott sei Dank. Ich hab schon genug mit anderen Personalproblemen zu kämpfen, da bin ich froh, dass ich meine Erdbeermannschaft zusammen habe. Gerade hat sich mein Gärtner für die Mietäcker krankgemeldet, weil ihm eine Bandscheibe rausgesprungen ist, und das ist …«
Rose hörte schon nicht mehr zu, sondern sah sich im Geiste bereits wieder bei Frau Biester sitzen. Als ihr bewusst wurde, dass die Hippiebäuerin nicht weitersprach, sah sie auf. Gunda Jessen musterte sie von Kopf bis Fuß, als würde sie einen Gaul auf seine Tauglichkeit als Zugpferd prüfen. Rose wurde unbehaglich zumute.
»Wollen Sie das machen?«, fragte die Frau jetzt.
»Was machen?«
»Als Gärtnerin für unsere Gemüsefelder einspringen. Was wissen Sie über Gemüse?«
»Dass es gesund ist?«
Gunda Jessen stemmte eine Hand in die Hüfte, atmete tief ein und wieder aus.
Das war wohl die falsche Antwort, dachte Rose.
»Und sonst?«, hakte die Gärtnerin nach.
»Na ja, ich hab ein paar selbst gezogene Kräuter zu Hause, und ich weiß, dass es Radieschen eher im Mai und Kürbisse im Herbst gibt.«
»Könnten Sie am nächsten Montag anfangen?«
Rose lachte auf, ein wenig zu schrill und dann sehr niedergeschmettert.
»Okay, ich hab verstanden. Vielen Dank für Ihre Zeit.« Sie streckte ihrem Gegenüber die Hand hin, aber Gunda Jessen machte keine Anstalten, diese zu ergreifen.
»Geben Sie immer so schnell auf?«, fragte sie stattdessen.
»Wie bitte?« Rose ließ den Arm wieder sinken.
»Ich hab Sie doch gefragt, wann Sie anfangen können. Wollen Sie nicht? Ich hatte gerade nicht den Eindruck, als würden Sie von Angeboten überschwemmt werden.«
»Sie machen Witze, oder? Ich hab keine Ahnung von Landwirtschaft und mache Ihren Schlamassel höchstens noch größer.«
»Wenn Sie sich nicht ganz dusselig anstellen, sind Sie schnell eingearbeitet.«
»Aber was genau wäre denn die Aufgabe?«
»Haben Sie schon einmal etwas davon gehört, dass es Selbstversorger-Projekte gibt? Urban Farming und so was?«
»Ja, ist mir mal zu Ohren gekommen.«
»Das ist ein Anfang.« Gunda Jessen grinste, und ihr Gesicht legte sich in tausend kleine Fältchen. »Erst einmal brauche ich Sie für die Saisonvorbereitung. Aussaat, Jungpflanzen setzen, Geräte putzen. Eine Woche später ist Eröffnung, und ich brauche jemanden, der sich um die ganzen Hobbygärtner kümmert und für Fragen zur Verfügung steht. Das wäre aber nur einmal in der Woche in einer festgelegten Sprechstunde. Noch wichtiger ist die Betreuung eines Musterfeldes für Demonstrationszwecke, wenn uns zum Beispiel Schulklassen besuchen. Das muss laufen. Da können wir uns keine Ausfälle leisten. Schaffen Sie das?«
Rose wurde schwindelig. Sie sah im Geiste, wie sich Gurkenranken um ihren Hals legten und immer fester zuzogen.
»Ja, schaffe ich.«
Ihr Mund hatte sich schneller geöffnet und die Worte entwischen lassen, als ihr Verstand hinterherkam. Schaffe ich? War sie verrückt geworden?
»Angst einjagen lassen Sie sich nicht so schnell. Das ist gut. Schneid brauchen Sie auf einem so großen Hof. Aber um unsere Demoäcker kümmere ich mich selbst. Wenn Sie mir den Rücken freihalten, was den ganzen anderen Tüdelkram betrifft, ist mir schon geholfen.«
Gunda Jessen hatte sie getestet. Und Rose war darauf hereingefallen. Na gut, Schwamm drüber. Sie wollte den Job. Sie brauchte den Job.
»Krieg ich hin.«
»Dann sind wir uns einig. Seien Sie am Montagmorgen um acht Uhr hier, dann regeln wir den Papierkram, und danach geht es los. Arbeitsklamotten, Handschuhe, feste Schuhe oder Gummistiefel. Das ist erst mal alles, was Sie brauchen. Alles klar?«
»Alles klar.«
»Wie heißen Sie?«
»Rose Pedersen.«
»Das passt. Warm Welcome«, sagte Gunda.
»Fremdsprachen sind kein Problem. Falls ich die hier auch brauche«, entgegnete Rose.
Gunda Jessens Mundwinkel zuckten. »Ihre Haare. Die Farbe von Warm Welcome. Das ist eine Kletterrose. Wächst hinterm Hühnerstall.«
»Hinter dem Hühnerstall, super.« Allmählich beschlich Rose das Gefühl, dass dies nur ein weiterer Meilenstein auf dem Weg ihres Scheiterns werden würde.
»Ich bin Gunda. Wir duzen uns hier.« Die Hippiegärtnerin streckte Rose die Hand hin. »Und nun können wir uns die Hände schütteln.«
Minutenlang schon starrte Marguerite auf das DIN A4 große Blatt Papier, das jemand von innen an die Tür geklebt hatte. Es hing schief, und die Klebestreifen, die die Ecken fixierten, waren viel zu lang und nachlässig angebracht. Marguerite erkannte die Handschrift von Yvette. Fein und kunstvoll geschwungen. Wenigstens dafür hatte Yvette sich Zeit genommen. Ihre Spülhilfe hatte kein Talent zum Kochen, aber die schönste Handschrift im »Le Bon Goût«, und daher war sie diejenige, die mit schwarzer Tinte Speise- und Getränkekarten schrieb. Sie hatte es sich offensichtlich nicht nehmen lassen, die schlechte Nachricht wenigstens in anmutige Buchstaben zu kleiden.
Wegen Krankheit vorübergehend geschlossen.
Ist Verlassenwerden eine Krankheit, fragte sich Marguerite.
»Sie sind jetzt alle da, Madame.«
Die schwere Hand von Alphonse Padou, dem Küchenchef, legte sich auf ihre Schulter. Sie nickte. Es hatte keinen Sinn, es länger aufzuschieben. Sie musste da durch. Nur noch eine halbe Stunde, dann hätte sie es hinter sich, könnte sich wieder verkriechen wie in den vergangenen fünf Tagen. Seit sie von Pauls Verrat erfahren hatte, war sie nicht mehr aus der abgedunkelten Wohnung hervorgekommen, hatte kaum etwas gegessen und sich nicht gekämmt.
Als sie den Raum hinter der Küche betrat, sahen ihr zehn Augenpaare entgegen. Hoffnungsvoll und aufmunternd die einen, angespannt und von einer dunklen Ahnung erfüllt die anderen. Die gesamte Mannschaft war versammelt. Marguerite murmelte einen kurzen Gruß und setzte sich an die Stirnseite des Tisches, an dem sie sonst gemeinsam ihre Mahlzeit einnahmen, bevor die Arbeit im Restaurant begann.
Eine Familie.
»Ich sehe, es sind alle da, dann möchte ich beginnen.« Ihre Stimme knisterte wie trockene Lorbeerblätter. »Alphonse hat Sie bereits darüber informiert, dass wir für eine Weile schließen müssen, und ich möchte mit Ihnen die Abwicklung besprechen.«
Unruhe kam auf. Füße scharrten auf dem Boden, angehaltene Luft wurde mit einem Laut der Empörung ausgestoßen. Jemand trommelte mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte, was Marguerite fast den letzten Nerv kostete.
»Aber Madame, wir verlieren alle unsere Arbeit! Das können Sie doch nicht so von heute auf morgen mit uns machen«, wandte Jacques ein, der als Saucier die feinsten Buttersaucen kreieren konnte und bereits seit zehn Jahren im »Le Bon Goût« angestellt war.
»Es tut mir unendlich leid … auch für mich kommt diese Entwicklung unerwartet und …«
»Aber warum ist der Patron nicht hier, um uns das selbst zu sagen?«, rief Pierre, der Poissonnier, vor dem Marguerite sich immer ein wenig fürchtete, was darauf zurückzuführen war, dass er nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde zögerte, bevor er einen lebenden Hummer ins sprudelnde Wasser warf und seelenruhig zusah, bis die Schale eine tiefrote Farbe annahm.
»Monsieur Lannoy ist unterwegs, und daher übernehme ich das.«
»Und wann ist er wieder zurück?«, wollte Pierre wissen.
»Ich weiß es nicht. Bald. Ganz sicher.«
»Werden Sie uns unser restliches Gehalt sofort auszahlen?«
»Schreiben Sie uns ein Zeugnis?«
Die Fragen hämmerten auf Marguerite ein wie ein Dauerfeuer. Doch erst das unbewegte Gesicht Yvettes und deren graue Augen, die jetzt in Tränen schwammen wie Kiesel in einem Flusslauf, brachten sie aus der Fassung.
»Ich weiß es doch auch nicht!«, rief sie, schlug die Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen, dass es sie nur so schüttelte. »Monsieur Lannoy ist es ganz und gar egal, was hier passiert. Er schippert in weiblicher Begleitung durch das Mittelmeer und, wie Sie sehen, bin das nicht ich. Dafür hat er vorher noch das Bankkonto leer geräumt, und nun sitze ich hier und weiß nicht, wie ich all die Rechnungen bezahlen soll.«
»Oh, ma pauvre petite!«, rief Fanny aus, halb mitfühlend, halb erbost. Sie kam um den Tisch gelaufen und zog Marguerite in ihre Arme, um sie wie ein kleines Kind, das getröstet werden musste, zu wiegen. Und Marguerite ließ es sich gefallen. Ihre Pâtissière roch selbst an einem arbeitsfreien Tag nach Vanille und Biskuitteig.
»Die Lieferanten, die Gehälter und ich weiß nicht, was noch alles. Ich hab doch keine Ahnung …«
Auch Jacques, Pierre und die anderen Männer bliesen entrüstet die Wangen auf. Sie gestikulierten in einer Weise, die kein Zweifel dran ließ, was sie vom ehrlosen Verhalten des Patron hielten, dessen betrogene Ehefrau wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen vor ihnen saß und ihnen mit bebenden Schultern von dieser Demütigung berichten musste. Eine diskrete Eskapade dann und wann, sicher, sie waren schließlich in Frankreich, wo Treue mehr oder weniger als eine Idee, ein Vorschlag zu verstehen war, aber das hier ging zu weit.
Alphonse holte eine Flasche Cognac und einige Gläser und schenkte allen ein. Marguerite kräuselte die Nase. Der Geruch war ihr zuwider. Aber als Alphonse ihr das Glas zuschob, überwand sie sich und kippte die bernsteinfarbene Flüssigkeit mit einem Schluck hinunter. Eine Woge aus Hitze durchflutete sie.
Fanny warf Alphonse einen vorwurfsvollen Blick zu und ging in die Küche. Kurz darauf kehrte sie mit einem Teller zurück, auf dem ein großes Stück Tarte tatin aux Abricots mit Marzipan lag. »Essen Sie, Madame. Sich betrinken hilft auch nicht. Sie müssen jetzt bei Kräften bleiben.«
Marguerite fühlte sich wie eine Schwangere, der man sagte, sie müsse sich jetzt schonen. Wieder durchflutete sie dieser Schmerz. Kinder. Sie war Mitte dreißig, und ihr Traum von einer Familie war geplatzt. Schon sickerte die nächste Träne durch ihre dichten Wimpern. Als Fanny im Begriff war, die Gabel an ihrer Stelle zu ihrem Mund zu führen, nahm sie sie ihr aus der Hand und probierte gehorsam ein Eckchen. Die Tarte war köstlich.
»Sehen Sie, Kindchen, gleich wird es Ihnen schon viel besser gehen.« Fanny nickte zuversichtlich.
»Und wenn wir alle zusammenlegen?« Niemand schenkte der zarten Stimme Beachtung.
Alphonse schenkte noch einmal nach, und als der letzte Tropfen aus der Flasche in eines der Gläser geflossen war, scheute er sich nicht, den teuren Cognac Frapin, dessen Flasche aussah wie ein Parfümflakon, aus dem Schrank des Chefs zu holen.
Paul würde platzen, dachte Marguerite und fand die Vorstellung tröstlich und beängstigend zugleich.
»Und wenn wir alle zusammenlegen?« Lauter jetzt.
Dieses Mal blickte Marguerite auf. Sie starrte Yvette an, die sie nicht ansah, sondern einen unsichtbaren Punkt auf der Tischplatte fixierte.
»Was hast du gesagt?«, fragte Marguerite.
»Ich meine, wenn wir zusammenlegen und Sie unterstützen und erst mal ohne Gehalt arbeiten, dann kommt doch wieder Geld rein, und Sie können uns später bezahlen, und wenn …« Yvette brach ab. Sie hatte wohl ihren ganzen Mut aufgebracht für diesen langen Satz und darüber vergessen, dass sie auch noch Luft holen musste. Alle starrten das junge Mädchen mit der Jean-Seberg-Frisur an. Dann Gemurmel, das keinen Zweifel daran ließ, wie absurd dem einen oder anderen dieser Vorschlag erschien. Die meisten hatten Familie und waren auf ihr Gehalt angewiesen. Doch Alphonse brachte mit einer einzigen Handbewegung die Gruppe zum Schweigen.
»Jeder von uns weiß doch, wie schwer es ist, einen neuen Job in der Gastronomie zu bekommen«, fuhr Yvette zögernd fort. »Ich hab nichts gelernt. Ich kann keine Zertifikate oder Zeugnisse vorweisen. Wenn der Patron mich vor zwei Jahren nicht als Spülhilfe eingestellt hätte, wäre ich in einem Obdachlosenheim gelandet.« Rote Flecken breiteten sich über ihren Hals aus.
Marguerite starrte sie an und begriff in dem Moment, dass die außerehelichen Eskapaden ihres Mannes und deren Finanzierung nicht nur ihr eigenes Leben zerstörte.
»Ich darf den Job nicht verlieren, sonst sieht es für mich wieder genauso aus wie früher«, flüsterte Yvette.
»Aber wenn du ohne Lohn arbeitest, ist das doch genauso schlecht«, meinte jemand aus der hintersten Reihe. »Was bringt dir das denn?«
»Es wäre ja nur für eine begrenzte Zeit. Wir können das Restaurant wieder auf Vordermann bringen, da bin ich sicher.« Entschuldigend blickte sie zu Marguerite. »Also, eigentlich gibt’s ja nichts auszusetzen. Verstehen Sie mich nicht falsch, Madame …«
»Schon gut, sprich weiter«, forderte Marguerite sie auf.
»Vielleicht ein paar kleine Änderungen der Karte, irgendwas Zeitgemäßes.«
Alphonse warf Marguerite einen Blick zu. Er wusste natürlich, dass Marguerite vor Ideen nur so sprühte und dass ihre Vorschläge bei seinem Chef auf taube Ohren gestoßen waren. Fanny schob ihr noch ein Stück Tarte über den Tisch.
»Und dann müsste die Einrichtung, na ja, ein bisschen moderner werden«, fuhr Yvette fort. »Vielleicht mit ein bisschen Farbe …«
Farbe. Butterblumengelbe Wände schoben sich vor Marguerites inneres Auge. Sie sah federleichte, sich bauschende Vorhänge in atlantischem Blau und Tischwäsche im zarten Grün der ersten Lindenblüten im Juni.
Marguerite wäre der jungen Frau am liebsten um den Hals gefallen. Doch stattdessen schüttelte sie bedauernd den Kopf. »Das wäre alles zu schön, Yvette. Ich danke dir für deinen guten Willen. Aber wenn mein Mann zurückkommt …«
»Aber er kommt doch nicht wieder!«, brach es mit einem Mal aus Yvette heraus, und alle starrten sie an, als hätte sie behauptet, dem schärfsten Restaurantkritiker der Stadt nur zum Spaß einen Fast-Food-Burger serviert zu haben.
»Wie kommst du denn darauf?«, fragte Marguerite. Ihre Stimme bebte.
Yvette zog einen Umschlag aus ihrer Schürzentasche und reichte ihn mit gesenktem Kopf an Marguerite weiter, die ihn so zögerlich entgegennahm, als könne sie sich die Finger daran verbrennen. Er war bereits geöffnet worden. Offensichtlich nahm Yvette es mit dem Briefgeheimnis nicht besonders genau.
Für Marguerite stand in zackigen, geraden Buchstaben darauf, die ihr noch nie gefallen hatten, aber die so typisch für Paul waren.
»Entschuldigen Sie mich«, flüsterte Marguerite, erhob sich und stürzte hinaus.
Das blinkende rote Lämpchen des Anrufbeantworters leuchtete Viola in der Dunkelheit unheilschwanger entgegen, als sie ihr Appartement betrat. Es war fast Mitternacht. Sie stöhnte auf und streifte sich ihre Loafer ab. Auf dem taubenblauen Veloursleder des linken Schuhs zeichnete sich ein Profilabdruck von Leonardos verdammtem Turnschuh ab. Zu fortgeschrittener Stunde hatte er versucht, unter dem Tisch eine Art geheime Insiderkommunikation mit ihr aufzunehmen. Das war der Moment gewesen, als sie gezahlt und das »L’Opera« verlassen hatte. Er würde es nie begreifen.
Und jetzt auch noch ein Anruf. Viola wusste genau, wessen Nachricht sie auf dem Band erwartete, denn es gab nur eine Handvoll Menschen, die diese Nummer kannten. Und alle waren Bassanis. Auch die knapp dreißig Kilometer, die sie vor ein paar Jahren zwischen sich und das Anwesen ihrer Familie in den Hügeln des Valpolicella gebracht hatte, bewahrten sie nicht vor deren hartnäckiger Verfolgung. Selbst wenn sie die Distanz verzehnfachte – solange es Telefone gab, würde sie keine Ruhe vor ihnen haben.
Als sie gerade noch überlegte, ob sie das Abhören der Nachricht auf den nächsten Morgen verschieben sollte, klingelte das Telefon erneut. Auf dem Display sah sie die erwartete Nummer. Es war zwecklos. Sie nahm ab.
»Mamma, weißt du, wie spät es ist?«, fragte sie grußlos.
»Das ist es ja, worüber ich mir Sorgen mache. Du kommst offenbar jetzt erst nach Hause. Und vermutlich allein, sonst hättest du nicht abgenommen.«
Viola verdrehte die Augen. Es war also wieder einmal so weit.
»Was gibt es? Ich bin müde, fass dich bitte kurz. Meinst du, das schaffst du?«
»Carlo, hörst du das?«, rief ihre Mutter am anderen Ende ihrem Mann zu. Sie hatte wie so oft den Lautsprecher eingeschaltet. »So redet deine Tochter mit mir!«
Er erwiderte etwas, das Viola nicht verstehen konnte. Sie sah ihn vor sich, wie er sich in seinem Lesesessel durch Stapel von Winzerzeitschriften blätterte, seine allabendliche Toscano rauchte und kleine Qualmwölkchen zur Zimmerdecke aufsteigen ließ, was ihre Mutter zur Verzweiflung brachte, weil es ihrer Meinung nach die Deckenfresken angriff. Viola ging in die Küche, klemmte das Telefon unter das Kinn und schenkte sich ein Glas Wein ein.
»Ich möchte dich nur an die Messe am Ostersonntag erinnern«, fuhr ihre Mutter fort. »Nonna war im letzten Jahr sehr enttäuscht, als du erst zum anschließenden Essen gekommen bist.«
»Ach, Mamma, nun schieb bitte nicht Nonna Ludovica vor. Sie versteht nämlich gut, warum mir diese Festlichkeiten so zuwider sind. Selbst Papà würde mir nachsehen, wenn ich lieber fernbleibe, anstatt mich erneut auf den von dir initiierten Heiratskandidatenmarkt schubsen zu lassen. Wen hast du denn diesmal geladen? Gib mir besser eine Namensliste der Favoriten, damit ich deine preferiti vorher googeln kann. Dann weiß ich, was auf mich zukommt.«
Ihr Vater hustete im Hintergrund. Viola fragte sich, ob es ein Lachen war, dass er zu vertuschen suchte, indem er sich in ein ausgiebiges Krächzen und Hüsteln flüchtete. Es würde sie nicht wundern.
»Und erzähl mir nicht, dass wir mit einem Mal im kleinen Familienkreis feiern werden«, setzte sie hinzu. So etwas gab es bei den Bassanis so gut wie nie.
»Natale con i tuoi, pasqua con chi vuoi. Das ist nun einmal so«, flötete ihre Mutter.
Viola stöhnte. Weihnachten mit den deinen, Ostern, mit wem du willst. Nicht nur ihre Familie handhabte das so. Es hatte in den meisten italienischen Familien Tradition. Sie trat auf ihre Dachterrasse hinaus, von wo aus sie über die Dächer von Verona bis zur Arena sehen konnte. In dieser Nacht stand eine schmale Mondsichel über dem stockfinsteren Amphitheater. Wenn ab Juni die Opernaufführungen begannen, strahlte der helle Schein der Kerzen, die in der Arena verteilt und zur Ouvertüre entzündet wurden, mit dem Mond um die Wette.
»Liebes, nun sag doch«, versuchte ihre Mutter es erneut, in dem sie jetzt einen schmeichelnden Ton anschlug. »Wir haben dich seit Wochen nicht gesehen. Dein Vater und ich werden nicht jünger, und wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt.«
Nun musste Viola lachen. »Wenn Nonna Ludovica das sagen würde, könnte ich es ja verstehen. Aber ihr?«
Mit der freien Hand betätigte sie den Druckverschluss ihres Zigarettenetuis, das ihre ins Kalbsleder gestanzten Initialen zierte. Es sprang auf, und sie angelte sich eine Zigarette heraus. Als sie das Feuerzeug aufflammen ließ, und den ersten tiefen Zug inhalierte, stieß ihre Mutter einen entsetzten Schrei aus.
»Viola! Hast du dir das denn immer noch nicht abgewöhnt? Denk doch an deine Haut!«
»Ehrlich gesagt, mache ich mir eher ab und zu Gedanken über meine Lunge.«
Sie wusste, dass ihre Mutter verzweifelt und hilflos gestikulieren und mit Blicken ihren Gatten ersuchen würde, ihr beizustehen und auch einmal etwas zu sagen. Aber der würde sich einfach noch weiter über die Magazinseiten beugen und sich in die Berichte über Muschelkalkböden und die Versicherung gegen Frostschäden an den Reben vertiefen. Und grinsen. Heimlich.
»Mamma, ich muss Schluss machen. Ich habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir. Wir sehen uns Ostersonntag zur Messe.«
»Warum sagst du das denn nicht gleich!«
Viola konnte förmlich hören, dass ihre Mutter jetzt strahlte, und musste lächeln. Natürlich würde sie zu Ostern zu ihrer Familie fahren. Wenn ihre Mutter nur nicht immer …
»Wir haben einen Geschäftspartner deines Vaters eingeladen. Wir hatten kürzlich das Vergnügen, dessen Familie bei einer Degustation kennenzulernen. Er hat einen ganz hinreißenden Sohn, der seinen Vater wohl begleiten wird zu unserem Empfang …«
»Mamma!« Viola hätte es wissen müssen. Ärgerlich schnippte sie ihre Zigarettenkippe wenig damenhaft über die Mauer in die Gasse. »Ich lege jetzt auf und trinke in aller Ruhe ein Glas Wein.«
»Ah, unser guter 2010er Valpolicella Classico Superiore mit der Zimtnote, von dem wir dir ein paar Flaschen geschickt haben? Der Geschäftspartner deines Vaters …«
»Nein, Mamma. Ich öffne mir eine Flasche Bardolino. Aus Pastrengo.« Damit legte sie auf, ging in die Küche und tat, was sie gerade angekündigt hatte.
Das elterliche Weingut war im Jahr 1872 von ihren Vorfahren gegründet worden und produzierte seither einen der besten Valpolicella Classico der Region und den wie einen Süßwein ausgebauten Amarone. Und etwa ebenso lange währte die Rivalität zwischen ihnen und den Winzern des angrenzenden Anbaugebietes des Bardolino. Vertreter beider Gebiete warfen den jeweils anderen vor, in der Vergangenheit verschnittene, günstige Massenweine produziert zu haben. Und diese Vergangenheit konnte noch so lange zurückliegen, abgeschlossen war sie dennoch nicht, und die Geringschätzung füreinander nahm nicht ab.
Was meine Mutter wohl sagen würde, wenn ich mir einen Mann aus einer Bardolino-Dynastie anlachen würde, dachte Viola mit einer Spur Boshaftigkeit, jedoch wohl wissend, dass das niemals passieren würde.
Der Glockenschlag der nahen Kirchturmuhr verkündete Mitternacht. Viola schloss die Terrassentür und ließ sich auf ihr Bett fallen. Sie sah zur Seite auf den Bilderrahmen auf ihrem Nachttisch. Zärtlich strich sie mit den Fingerspitzen über das Foto, von dem ihr ein blaues Augenpaar übermütig entgegenlachte. Dieses Bild und alle damit verknüpften Erinnerungen nahm sie mit in den Schlaf.
Fünfundachtzig Euro?«
Roses Frage glich einem Entsetzensschrei. Die Köpfe der anderen Kunden drehten sich zu ihr um.
»Aber das sind die neuesten Modelle für dieses Frühjahr. Die trendigen Farben …«, appellierte die Verkäuferin an das, was für sie ohne Zweifel bei jeder weiblichen Kundin am Ende den Ausschlag gab. Ihr Modebewusstsein. Doch sie kannte Rose nicht.
»Ich muss damit über einen Acker latschen. Nach dem Wetter der letzten Tage wird das so sein wie beim Schlammcatchen. Es ist völlig egal, welche Farbe die haben, weil die unter der Matschschicht nicht mehr zu sehen sein wird.«
»Aber so ein Stiefel ist eine Investition. Bei entsprechender Pflege haben Sie jahrelang etwas davon. Das ist Naturkautschuk, kein billiges Plastik.«
Die rundliche kleine Frau hielt Rose einen Gummistiefel vor die Nase und bog und knautschte ihn.
»Ich brauche den aber nur bis zum Herbst. Und danach kann er von mir aus zerfallen.«
Wenn überhaupt.
Gunda Jessen hatte ihren Arbeitsbeginn um ein paar Tage verschoben. Es hatte noch einmal Bodenfrost gegeben, und unter diesen Bedingungen konnten sie kein Saatgut in die Erde einbringen. Rose vermutete allerdings, dass die Hippiefarmerin Zeit schinden wollte, um doch noch eine besser geeignete Person für die Aufgabe zu finden. Ein bisschen Kälte konnte doch wohl einem Saatkorn nicht so viel ausmachen.
»Spülen Sie sie einfach mit klarem Wasser ab und reiben danach ein Pflegespray ein, damit das Material nicht austrocknet und brüchig wird. Außerdem …«
Rose hörte gar nicht mehr richtig zu, als die Vorteile unablässig weiter aufgezählt wurden. Selbst wenn sie tatsächlich wie geplant beginnen sollte, könnten sie sie immer noch nach ein paar Tagen wieder nach Hause schicken, wenn eine wirkliche Fachkraft gefunden wurde. Dann hätte sie diese teuren Dinger an der Backe. Ihr Erspartes würde nicht ewig reichen und vom Arbeitslosengeld konnte sie nie und nimmer leben. Sie sollte also besser jeden Cent zweimal umdrehen.
»… absolut wasserdicht. Und außerdem werden Sie in diesem Material niemals Schweißfüße haben.«
Rose horchte auf.
»Niemals?«
»Niemals.«
Rose wäre nicht verwundert gewesen, hätte ihr Gegenüber die rechte Hand gehoben und drei Schwurfinger in die Höhe gestreckt. Aber es war gar nicht mehr nötig. Mit der Aussicht auf Vermeidung von Fußgeruch hatte sie Rose gekriegt. Zähneknirschend bezahlte sie die fünfundachtzig Euro und verließ den Laden mit einem Paar tomatenroter Gummistiefel. Letztlich fand sie auch die Farbe passend. Zumindest an den Füßen würde sie, getarnt wie ein Chamäleon, in den Gemüsebeeten herumturnen. Zwischen prallen Paprikaschoten und glänzenden Auberginen.
Als sie jedoch eine halbe Stunde später auf dem Biohof ankam, war noch nichts zu sehen, was auch nur im Entferntesten an essbares Grünzeug erinnerte. Rose stakste wie ein Storch durch das große Tor auf den matschigen, schwarzen Acker, und die leuchtend roten Dinger an ihren Füßen sah man vermutlich noch drei Höfe weiter.
Gunda Jessen machte es nicht besser, als sie bei Roses Anblick durch die Zähne pfiff. »So gewienert sehen die heute Abend nicht mehr aus, das ist dir schon klar, oder?«
Ein bisschen schade war es ja, aber Rose winkte ab, Gleichgültigkeit vortäuschend.
»Lass uns anfangen«, sagte Gunda. »Wir haben reichlich zu tun. Wir beginnen mit dem Fenchel.«
»Ah ja, Fenchelsamen kenne ich«, rief Rose aus. »Mit denen brühe ich mir manchmal einen Tee auf.«
»Keine Samen«, berichtigte Gunda sie nüchtern. »Jungpflanzen.«
»Oh, gut. Jungpflanzen.«
Gunda setzte sich in Bewegung und winkte Rose hinter sich her. Erst am Feldrand vor einem wahren Ungetüm von Traktor blieb sie stehen. Die Räder waren so hoch, dass sie Rose bis an die Schultern reichten. Eine junge Frau mit hüftlangen Dreadlocks kam dazu und stellte sich als Chrissy vor.
»Die Haare bindest du aber hoch, wenn es losgeht«, ermahnte Gunda sie. »Nicht dass die in die Räder oder die Schaufeln geraten.«
Roses Gehirn produzierte auf der Stelle dramatische Bilder, aber sie wurde von weiteren Anweisungen unterbrochen, die jetzt ihr galten. Gunda wies auf zwei schalenartige Sitze, die auf dem Anhänger hinter dem Traktor angebracht waren. Das Gefährt erinnerte Rose an einen Sulky beim Trabrennen. Nur dass sie hier nur knapp dreißig Zentimeter über dem Boden saßen.
»Ihr beiden setzt euch hierhin. Eine links, eine rechts. Macht das so, wie ihr wollt. Chrissy ist ein alter Hase. Sieh ihr auf die Finger, und pass dich ihrem Rhythmus an, das ist das Beste.«
Rose riss die Augen auf. Sie hatte sich Arbeit mit Harken, Hacken und Schaufeln vorgestellt. Was sollte sie denn auf dem Traktor? Falls Gunda ihr Entsetzen bemerkte, ließ sie es sich nicht anmerken. Sie fuhr mit ihren Erklärungen fort wie eine Flugbegleiterin bei der Sicherheitseinweisung.
»Stellt die Füße auseinander, auf die Stange. Wenn der Traktor fährt, öffnen diese beiden schaufelartigen Scheiben vor euch die Erde zu einer Furche. Das ist der Moment, in dem ihr die Pflanze in die Erde setzt, die ihr euch vorher schon aus der Kiste auf der Vorrichtung vor euch genommen habt. Während ihr weiterfahrt, schaufeln hinter euch die anderen beiden Scheiben Erde an die Pflanze.«
Rose nickte. Es hörte sich alles recht logisch an. Absolut kein Hexenwerk. Sie und Chrissy nahmen ihre Plätze ein.
»Und die Pflanzen dürfen weder zu tief noch zu hoch eingesetzt werden, sonst …«
Doch Rose hörte sie schon nicht mehr. Der namenlose Fahrer, der sie zuvor nur mit einem stummen Nicken zur Kenntnis genommen hatte, startete ohne Vorwarnung den Motor und gab Gas. Der Anhänger ruckelte, und Rose packte vor Schreck Chrissys Arm, die nur grinste und sich dann auf die aufgelockerte Erde vor sich konzentrierte. Rose warf ihr aus dem Augenwinkel einen Blick zu und versuchte es selbst.
»Etwas schneller!«, trieb Chrissy sie an.
Das Problem war nur, dass die zarten Pflänzchen nicht bereits vereinzelt in den Kästen lagen, sondern noch durch die Anzuchterde um die Wurzeln herum miteinander verbunden waren. Während Chrissy die akkurat vorgeschnittenen Erdwürfel mit einer geschickten Handbewegung voneinander trennte und, einem gleichförmigen, flüssigen Rhythmus folgend, in die Erde setzte, riss Rose zu stark an den empfindlichen Enden. Erschrocken musste sie feststellen, dass sie die spindeldürren Wurzeln dabei abriss. Öfter, als es wohl akzeptabel war.
»Nicht so grob!«, blaffte Chrissy von der Seite.
Wenn sie sich allerdings zu viel Zeit nahm, um es so vorsichtig wie möglich zu tun, ergaben sich auf dem Feld hinter ihr zu große Abstände zwischen den einzelnen Pflanzen, was auch nicht das Ziel war.
Doch das Schlimmste war, dass sie, genau wie Gunda es vorhergesehen hatte, die Pflanzen nicht in der richtigen Tiefe in dem schwarzen, feuchten Boden versenkte. Das Ergebnis war beschämend. Entweder die Fenchelfrischlinge lagen zur Seite gekippt platt auf der Erde, oder aus einem Erdhügel lugten nur noch wenige Zentimeter Grün hervor. Wachsen und gedeihen würden die armen Dinger so jedenfalls nicht.
Nachdem sie zwei Runden über das Feld hinter sich gebracht hatten, winkte Gunda sie heran. Sie musste das Desaster aus der Ferne beobachtet haben. Vielleicht hatte aber auch der Fahrer des Traktors nebenbei eine Nachricht an Gunda geschickt und darum gebeten, Rose zu entfernen, damit sie im Sommer niemandem einen mysteriösen Ernteausfall erklären mussten.
»Chrissy, mach du allein weiter«, war dann auch ihr knapper Kommentar, als sie vor ihr zum Stehen kamen.
Rose wünschte sich weit weg. Warum hatte sie nicht einfach Erdbeeren pflücken können. Das machte man wenigstens ganz einfach mit den Händen. Oder?
»Komm mit«, sagte Gunda.
Sie marschierte auf den Bauwagen am Feldrand zu. Rose folgte ihr, in Erwartung einer Gardinenpredigt, die sich gewaschen hatte. Dann würde sie Gunda aber ebenfalls die Meinung sagen! Wie sollte sie das können, nach null Einarbeitungszeit? Und außerdem hatte sie vorher gesagt, dass sie keine Erfahrung mit so etwas hatte. Doch die Predigt blieb aus. Stattdessen schloss Gunda den Bauwagen auf, kletterte hinein und kam mit einer Stahlbürste in der Hand wieder heraus.
»Hier. Die Geräte müssen zum Saisonstart geputzt sein. Es macht keinen guten Eindruck, wenn da noch die getrockneten Erdklumpen vom letzten Sommer dran kleben. Damit wirst du erst einmal eine Weile beschäftigt sein.« Damit drehte sie sich um und stapfte davon.
Rose wusste nicht, ob sie sich ärgern oder heulen sollte. Eine Weile beschäftigt sein? Ein Blick in den Bauwagen sagte ihr, dass sie Mühe haben würde, bis zum Sonnenuntergang fertig zu werden. Sie sah mindestens drei Dutzend Geräte. Da waren sie jetzt, die Hacken und Harken, die sie sich vorhin noch gewünscht hatte.
