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Die junge Immobilienmaklerin Holly wurde gerade erst von ihrem Verlobten verlassen, als sie nach Cornwall fährt, wo die 72jährige Annabel Oxley ihr Cottage verkaufen muss. Deren prächtige Orchideensammlung beeindruckt Holly tief, und sie ahnt, was der Verlust für Annabel bedeuten würde. Kurzerhand beschließt sie, der alten Dame zu helfen. Um den Verkauf abzuwenden, reisen die beiden Frauen nach Ligurien, wo die kostbarste Orchidee an einen italienischen Sammler veräußert werden soll. Doch es gibt etwas, was Annabel Holly verschweigt: Mit dem Sammler verbindet sie eine Geschichte, die weit in die Vergangenheit zurückreicht - zu einem leidenschaftlichen Sommer mit verhängnisvollen Geheimnissen ...
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Seitenzahl: 452
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Über das Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Prolog
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Über das Buch
Die junge Immobilienmaklerin Holly wurde gerade erst von ihrem Verlobten verlassen, als sie nach Cornwall fährt, wo die 72jährige Annabel Oxley ihr Cottage verkaufen muss. Deren prächtige Orchideensammlung beeindruckt Holly tief, und sie ahnt, was der Verlust für Annabel bedeuten würde. Kurzerhand beschließt sie, der alten Dame zu helfen. Um den Verkauf abzuwenden, reisen die beiden Frauen nach Ligurien, wo die kostbarste Orchidee an einen italienischen Sammler veräußert werden soll. Doch es gibt etwas, was Annabel Holly verschweigt: Mit dem Sammler verbindet sie eine Geschichte, die weit in die Vergangenheit zurückreicht – zu einem leidenschaftlichen Sommer mit verhängnisvollen Geheimnissen …
Über die Autorin
Lea Santana ist das Pseudonym einer erfolgreichen Autorin, die bereits mehrere Kriminalromane veröffentlicht hatte, bevor die Liebe zum Gärtnern und ihre Erfahrungen auf einem Mietacker sie zu einem Roman über drei Frauen und den verbindenden Zauber von Blüten inspirierten. Lea Santana ist gebürtige Hamburgerin und lebt heute mit ihrem Ehemann im südlichen Schleswig-Holstein. Sie entspannt am liebsten beim Kochen und Bummeln über Foodmärkte.
Weitere Titel der Autorin:
Der Sommer der Blütenfrauen Das Versprechen der Oktoberfrauen
Lea Santana
DieOrchideen-frauen
Roman
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Copyright © 2024 by Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Textredaktion: Ulrike Brandt-Schwarze, Bonn Covergestaltung: zero-media.net, München Covermotiv: © FinePic®, München Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-7517-5603-7
Sie finden uns im Internet unter luebbe.de Bitte beachten Sie auch: lesejury.de
Still und unauffällig saß Marianne in einer Ecke des Salons der Hafenmeisterei. Niemand nahm Notiz von ihr, eigentlich waren die anwesenden Männer sogar der Meinung, dass sie als Frau hier nichts zu suchen hatte, und missbilligten, dass Sir Frederick North seine Tochter überhaupt mit hierhergebracht hatte. Zu stickig die Luft zwischen den Lagerhallen, zu schmutzig die ausgetretenen Wege für die feinen Schuhe, zu rau der Ton nahe der Docks.
Marianne war es nur recht, so konnte sie ungestört an der Zeichnung weiterarbeiten, die vor ihr auf dem Tisch lag. Mit raschen Strichen skizzierte sie die weit geöffnete Seerose. Die sanfte Biegung der äußeren Kronblätter, die aufrechten Staubblätter, die sich schützend um den Stempel scharten. Sie war bereits recht zufrieden mit der Pflanze, doch die Libelle, die im Begriff war, sich darauf niederzulassen, die wollte ihr noch nicht gelingen. Sie würde noch einmal von vorn beginnen müssen. Sie seufzte, schlug das Blatt ihres Zeichenblocks um und blickte auf das frische weiße Papier, das geduldig auf einen neuen Versuch wartete.
Die Diskussion der Anwesenden wurde lebhafter, als es um den Mann ging, auf den sie alle warteten. Genauer gesagt warteten sie auf das Schiff, das ihn nach Hause bringen sollte, und vor allem das, wofür sie ihn um den halben Erdball geschickt hatten: Orchideen aus Südostasien.
Gerade faltete Mr. Veitch, einer der größten Pflanzen- und Samenhändler im Land, einen Brief auseinander, den der von ihm beauftragte Pflanzenjäger von Assam aus auf den Weg gebracht hatte, als laute Rufe zu ihnen hereindrangen.
»Sie ist da! Die Gloria ist da!«
Veitch ließ das Papier achtlos auf den Tisch segeln, er und die anderen Männer stürzten ans Fenster und reckten die Hälse nach dem Schiff, bevor sie sich eiligst nach draußen Richtung Kai aufmachten.
»Marianne, du wartest hier«, wies ihr Vater sie im Hinauseilen an.
Einen Moment später war sie allein im Salon. Ihr Blick fiel auf den kristallenen Aschenbecher, in dem noch immer die Zigarren glommen und auf ...
Den Brief.
Sie stand auf, ging hinüber zum Tisch und nahm ihn in die Hand. Die lange Reise hatte Spuren auf dem Papier hinterlassen. Es war fleckig, an manchen Stellen eingerissen und zerknittert. Aber das war egal. Marianne wollte wissen, was darin stand. Sie begann zu lesen.
… kommen wir nur langsam vorwärts, weil wir immer wieder Schutz vor den monsunartigen Regenfällen suchen müssen. Wenn diese vorüberziehen, waten wir weiter auf aufgeweichten Wegen, stecken oft bis zu den Knien im Schlamm. Am Abend schlagen wir unser Lager unter provisorischen Dächern aus Pfählen, Zweigen und Blättern auf und versorgen unsere Wunden, die uns die Blutegel zufügen, die sich an uns allen immer und überall festsaugen. Die Rufe der Mynas und Pfauen halten uns wach wie auch die Sorge um unseren Proviant und die Ausrüstung wegen der Affen und Ameisenbären.
Marianne überflog ein paar sehr technische Beschreibungen und kam zum Wesentlichen.
… kann ich Ihnen mitteilen, dass wir an die einhundert Exemplare der in Auftrag gegebenen Orchidee gefunden haben und nun den Rückweg nach Kalkutta antreten, wo wir in einem Monat mit unserer Fracht an Bord der Gloria gehen werden.
Marianne lief ein Schauer über den Rücken, und die feinen Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Doch nicht etwa, weil sie diese Reisebeschreibung schreckte oder abstieß, sondern vielmehr, weil sie der unbändige Wunsch überfiel, selbst irgendwann einmal derlei Reisen zu unternehmen. Und vor allen Dingen würde sie nun nichts mehr davon abhalten können, diese wundersame und begehrte Orchidee zu sehen. Sie legte den Brief zurück und folgte den Männern.
Wenig damenhaft hastete sie den Kai hinunter, bis sie an der bereits vertäuten Gloria ankam. Ihr Vater und die anderen Männer waren schon an Bord gegangen. Sich des Donnerwetters bewusst, das sie erwarten würde, raffte sie die Röcke, die sie noch nie als so unpraktisch empfunden hatte wie in dem Moment, als sie über die hölzerne Laufplanke balancierte, und ging an Bord. Die Augen mancher Offiziere weiteten sich, manche besannen sich und bedachten sie immerhin mit einem knappen Kopfnicken. Aufgebrachte Stimmen aus dem Bauch des Schiffes schallten hinauf an Deck, offenbar war nicht alles so verlaufen, wie man es erwartet hatte.
»Die Orchideen haben alle Blüten und Blätter abgeworfen, das ist eine Katastrophe!«, brüllte Veitch. »Diese langen und kümmerlichen Triebe, entsetzlich. Über Bord werfen, das hätten Sie damit tun sollen!«
Marianne schlug sich die Hand vor den Mund. Die Orchideen, alle tot?
»Sie hätten Licht gebraucht.«
Marianne drehte sich um. Ein Mann, etwa Anfang dreißig, was sich aber nur schwer sagen ließ, denn er war ausgezehrt und unrasiert wie ein Schiffbrüchiger, trat aus dem Schatten eines Masts.
»Keine der Pflanzen dort unten ist in einem gesunden Zustand oder wenigstens noch so weit am Leben, dass man sie mit entsprechender Pflege würde retten können.«
»Sind Sie Mister Lobb? Der berühmte Pflanzenjäger?«
Er lächelte. »Thomas Lobb, ganz recht.«
»Aber das ist ja furchtbar!«, sagte Marianne und bemerkte ihren Fauxpas augenblicklich. »Natürlich nicht Sie, Sir, verzeihen Sie. Ich meine die Orchideen. Nicht eine einzige?«
»Kommen Sie.«
Marianne folgte ihm. Er ging zum Bug des Schiffes und deutete auf ein Dutzend Glaskästen, die dort in einer Ecke am Boden standen.
»Der Kapitän hatte Bedenken wegen der Gewichtsverteilung an Deck. Dies sind alle, die wir hier oben lassen durften. Es tut mir leid.«
Lobb ging in die Hocke und öffnete eines der gläsernen Behältnisse. Marianne stand da, und ihr Blick erfasste zuerst nur das üppige, glänzende Grün, dann die intakten, ganz sagenhaft schönen Blüten. Noch nie hatte sie Orchideen in so einer Farbe gesehen. Lobb hob eine heraus, so vorsichtig, als könne sie bei der kleinsten Berührung zerfallen.
Marianne ließ sich neben ihn auf die Knie sinken. Sie scherte sich nicht um ihre Röcke.
»Wie heißt sie?«, flüsterte sie. Ihr war beinahe feierlich zumute, und sie hatte so eine Ahnung, dass dieser Moment ein ganz besonderer war und alles verändern würde.
»Vanda coerulea«, sagte Lobb und erlaubte sich wieder ein Lächeln. »Vanda ist im Sanskrit die Bezeichnung für eine epiphytische Orchidee. Epiphytisch heißt, dass …«
»Aber das weiß ich doch«, entgegnete Marianne. »Es sind Pflanzen, die auf anderen Pflanzen wachsen.«
Er nickte. »Und coerulea ist lateinisch für Blau.«
»Sie ist wunderschön und einzigartig. Aber der Name wird ihr nicht gerecht.«
»Was meinen Sie?«
»Die Farbe. Ich glaube nicht, dass man einen Namen finden kann, der sie auch nur annähernd treffend beschreibt.«
Lobb nickte. Er wusste ganz sicher, was sie meinte.
»Dieses außergewöhnliche Blau …«
Es war unmöglich, die Pfützen zu umfahren. Es waren zu viele, die Fahrbahn war zu eng und Holly zu missmutig, um sich überhaupt die Mühe zu machen. Der anhaltende Regen der letzten Tage hatte die Unebenheiten der Landstraße mit Wasser und Schlamm gefüllt, hier und da sprudelten sogar kleine Sturzbäche über die Fahrbahn. Nur gut, dass keine Radfahrer oder Spaziergänger unterwegs waren, denen sie ganz sicher im Vorbeifahren eine unfreiwillige Dusche verpasst hätte. Aber kein Mensch war draußen unterwegs. Kein Mensch außer ihr.
Sie verfluchte den Tag, an dem sie den Termin hier draußen am Ende der Welt in Cornwall vereinbart hatte. Fotos von Verkaufsobjekten machten sich immer besser im Sonnenschein, und Sonnenschein gab es in England nun einmal nicht viel im April. Sie hätte den Termin also besser in den Mai schieben sollen. Doch die Eigentümerin des Hauses hatte gedrängelt. Offenbar war sie in einer finanziellen Notlage und wusste keinen anderen Ausweg, als schnellstmöglich ihr Cottage zu veräußern.
Holly angelte sich einen Walker’s Mint Toffee aus dem Handschuhfach und wickelte ihn umständlich mit einer Hand aus, als auch noch ihr Smartphone auf dem Beifahrersitz klingelte. Das sommersprossige Gesicht ihrer Kollegin und Freundin Emma leuchtete ihr vom Display entgegen. Schnell steckte sie das Toffee in den Mund und nahm das Gespräch an.
»Hi, Emma, was gibt’s?«, fragte sie kauend.
»Fährst, isst und telefonierst du etwa gleichzeitig?«
»Rufst du mich an, nur um das zu kontrollieren?«
»Natürlich nicht, aber es reicht schon eine kleine Sekunde Unaufmerksamkeit selbst bei geringer Geschwindigkeit …«
Holly musste lachen.
»Geringe Geschwindigkeit ist gut. Ich könnte genauso gut zu Fuß gehen. Es regnet Bindfäden, ich sehe kaum etwas, und …«
»Das ist ja noch schlimmer!«
»Was gibt’s denn nun, Emma?«
»Oh, ich wollte nur wissen, wie es ist auf dem Land. Du bist so überstürzt aufgebrochen, dass wir uns gar nicht weiter zu dem Auftrag besprechen konnten.«
Seit nicht ganz einem Jahr waren Holly und Emma Kolleginnen in der renommierten Immobilienagentur Leonard Mills Estate Agents in Plymouth. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie sich angefreundet hatten. Die Konkurrenz auf dem Immobilienmarkt war groß, und warum auch immer es so war, es vertrauten immer noch mehr Menschen den Verkauf ihres Besitzes männlichen Kollegen an. Es hatte für Holly und Emma also zwei Möglichkeiten gegeben: Sie hätten sich gegenseitig als Rivalinnen im Kampf um die besten Aufträge und höchsten Provisionen betrachten können oder sich zusammentun. Sie hatten sich für Letzteres entschieden.
»Was soll ich sagen? Ich fahre zu einer betagten Lady auf dem Land, die ihr Cottage nicht mehr halten kann. Ich mag solche Aufträge nicht so gern, das weißt du. Jede Menge alte Geschichten, Sentimentalitäten, Erinnerungen …«
Emma räusperte sich, und Holly sprach nicht weiter. Sie hatte nicht immer so gedacht, aber seit sie sich vor gerade einmal zehn Monaten unfreiwillig selbst auf die Suche nach einer neuen Bleibe hatte machen müssen, hatte sie sich verändert. Und Emma wusste davon. In einer Nacht mit viel Rotwein, Chips und einer Familienpackung Eiscreme hatte die etwas beschwipste Holly Emma ihr halbes Leben erzählt.
»Sicher hat sie ein paar leckere Scones gebacken. Du trinkst eine schöne Tasse Tee mit ihr, machst Fotos und hast am Ende das gute Gefühl, dass du ihr letztendlich aus der Misere hilfst. Das ist doch auch was.«
»Ein paar Sonnenstrahlen würden helfen. Das ist die reinste Sintflut hier.«
Die Scheibenwischer kamen gegen den Regen kaum an, obwohl sie schon auf der höchsten Stufe arbeiteten. Durch den Regenschleier sah Holly am Wegrand eine einsame Palme stehen, deren Wedel vom Wind hin und her gepeitscht wurden.
»Absurd«, murmelte sie, aber der Golfstrom machte es möglich, dass in Cornwall selbst Palmen und andere mediterrane Gewächse gut gediehen. Eigentlich war das Klima hier im Vergleich zum Rest des Landes mild. Eigentlich. Nur nicht heute.
»Wie schade. Du könntest ansonsten auch ein paar Aufnahmen vom Garten machen«, fuhr Emma fort. »Ich wette, sie hat einen wundervollen Rosengarten. Alte Ladys auf dem Land haben immer Rosengärten.«
»Ich glaub, da liegst du falsch. Sie züchtet Orchideen.«
Emma ließ ein lautes Gähnen vernehmen.
»Genau«, kommentierte Holly.
»Die standen bei meiner Großmutter auf allen Fensterbänken. Aus Plastik!«
»Das ist ja scheußlich. Aber ich kenne die tatsächlich auch nur von meinen alten Großtanten, die allesamt nach Yardleys Lavendelseife rochen und sich jeden Freitag entweder im Buchclub oder zum Bridge trafen. Das ist wirklich todlangweilig und nicht besonders geeignet, um potenzielle Interessenten anzulocken.«
»Ich drück dir trotzdem die Daumen. Und fahr vorsichtig!«
»Danke, mach ich.« Holly drückte das Gespräch weg und beugte sich zum Handschuhfach für ein weiteres Toffee. Gerade noch rechtzeitig tauchte sie wieder auf, um das Steuer mit beiden Händen zu packen und eine Vollbremsung hinzulegen.
Sie traute ihren Augen nicht. Eine Frau mit flatterndem Regencape auf einem Fahrrad führte ein Schaf an einer langen Leine neben sich spazieren, als wäre es ein Hund. Das Tier triefte vor Regenwasser. Sie überquerten die Fahrbahn in einer Seelenruhe, ohne jede Eile, als wäre dies hier selbstverständlich ihr Revier, in dem sich Stadtpflanzen wie Holly gefälligst nach ihnen zu richten hätten. Holly ließ das Fenster herunter und lehnte sich hinaus, ungeachtet der Tatsache, dass Kopf und Gesicht nass wurden.
»Hey Sie, ab und zu mal nach links und rechts schauen kann nicht schaden!«
Doch die Frau konnte oder wollte sie nicht hören. Holly sah nur noch den knallgelben Umhang langsam in der grauen Landschaft verschwinden.
»Wenn das so weitergeht, dann Gute Nacht.«
Holly seufzte. Schon ihr Umzug von London nach Plymouth wegen des Jobs hatte sie Überwindung gekostet, auch wenn sie damals eingesehen hatte, dass der Abstand zur Hauptstadt und ihrem alten Leben am Ende sicher richtig und gut sein würde. Aber niemand würde sie je dazu bringen, in einer Gegend wie dieser zu leben. Je einsamer die Gegend, umso eigenwilliger ihre Bewohner. Die Anzahl der Macken stieg parallel zur Anzahl der Wegkreuzungen ohne Ampelschaltung.
Zum Glück war es jetzt nicht mehr weit. Sie hatte Trethewey bereits hinter sich gelassen und war auf direktem Weg nach Porthgwarra. Nur an den rauchenden Schornsteinen konnte Holly erkennen, dass die Höfe, die in großen Abständen hier und da abseits der Straße auftauchten, bewohnt waren. Menschen sah sie keine. Je näher Holly ihrem Ziel kam, desto enger wurde außerdem die Straße, auch wenn sie gedacht hatte, dass das gar nicht mehr ginge. Wenn ihr hier jemand entgegenkäme, müsste sie rückwärts bis zur nächsten Auffahrt einer Farm zurücksetzen. Sie krallte ihre Hände ums Lenkrad.
Darüber hinaus war ihr eiskalt, obwohl die Heizung in ihrem Mini-Cabrio auf der höchsten Stufe warme Luft auf ihre kalten Beine pustete. Ihre Stoffhose war zwar dem Anlass angemessen, aber viel zu dünn. Der Wagen hatte außerdem zwölf Jahre auf dem Buckel und eine nicht mehr einwandfrei funktionierende Vollautomatik für das Stoffverdeck. Irgendwo schien es nicht hundertprozentig zu schließen, und es zog ganz empfindlich auch im Nacken und an ihrem Hinterkopf.
»Englischer Frühling. Schönen Dank.«
Da endlich sah sie an einer Gabelung das von ihrer Klientin beschriebene Straßenschild vor sich. Holly bog ein in die Sackgasse, die eine ansteigende Schotterstraße war, auf der die Reifen ins Rutschen kamen. Als die Fahrbahn auf der Kuppe eines Hügels auf den Horizont traf, hatte sie es endlich geschafft. Sie stand vor einem typisch kornischen Cottage, aus dessen Dach gleich drei Schornsteine in den Himmel ragten. Das Haus war größer, als Holly vermutet hatte. Sie hätte das Verkaufsdatenblatt besser lesen sollen. Die Vorderfront war kahl und schmucklos, wie es hier draußen üblich war. Nicht einmal ein paar noch nackte Ranken von Kletterrosen klammerten sich an die Hausmauer und warteten auf ihre Zeit, in der sie sich von ihrer besten Seite zeigen würden.
Holly schlüpfte in ihre Jacke, nahm das Telefon und tippte eine Nachricht an Emma.
Bin angekommen. Trister geht’s nicht.
Mit steifen Beinen stieg sie aus, und sofort erfasste sie eine Windböe und wehte sie fast von den Füßen. Als sie sich dem Haus näherte, wurde ihr klar, warum. Dahinter lag schon das Meer. Zwischen ein paar kargen Büschen, die sich im Wind hin und her warfen und mit Mühe am Boden hielten, sah sie ein kleines Stückchen der bleigrauen, unruhigen See.
Holly war den Sprachanweisungen des Navigationssystems gefolgt, hatte keinen Blick auf irgendeine Landkarte geworfen und somit keine Ahnung gehabt, dass sie schon so nah am Meer war. Sie war nicht auf einem Hügel angekommen, sondern auf einer Klippe, die nicht viel weiter vor ihr zu enden schien, denn sie hörte die donnernde Brandung ganz nah.
Innerlich jubelte Holly. Das bedeutete unmittelbare Strandnähe. Vielleicht gab es sogar einen direkten Weg dort hinab, und diese Möglichkeit hob Hollys Laune beträchtlich. Die Aussicht ließe sich hervorragend in die Fotoserie für das Portfolio mit einbinden, sie müsste dafür nur wirklich noch einmal bei gutem Wetter wiederkommen. Und sie mussten vielleicht auch noch einmal über einen etwas höheren Verkaufspreis nachdenken. Andererseits bedeutete ein altes Steincottage auf einer Klippe, das ungeschützt dem Wetter ausgesetzt war, womöglich Feuchtigkeit, die sich durch die Wände fraß.
All die Spekulationen brachten Holly nicht weiter, sie musste das Haus von innen sehen. Ein weiterer heftiger Windstoß klatschte ihr eine regennasse Strähne ihrer langen braunen Haare ins Gesicht. Sie würde sich im Haus erst einmal aufwärmen müssen, mit den klammen Fingern könnte sie die Fotokamera nicht bedienen. Aus einem der Schornsteine stieg Rauch auf, vielleicht gab es ein wärmendes Kaminfeuer. Voller Vorfreude rieb sie sich die Hände. Und wenn sie es sich recht überlegte, hätte sie jetzt gar nichts gegen eine schöne Tasse heißen Tee einzuwenden gehabt. Und Scones gingen ja eigentlich auch immer.
»Sie sind spät dran«, sagte die Frau, die Holly die Tür öffnete.
»Guten Tag«, entgegnete Holly lächelnd und überging, dass ihre Klientin für sie kein freundliches Begrüßungswort übrig hatte. »Ich bin Holly Greenwood vom Immobilienbüro …«
»Das weiß ich. Ich habe Sie ja erwartet. Die Zeugen Jehovas verirren sich nicht so oft hier rauf. Kommen Sie rein. Sie sind ja patschnass. Sind Sie zu Fuß von Plymouth gekommen?«
»Nein, ich hab nur kurz die Aussicht bewundert, das hat schon gereicht. Und mein Verdeck … Na, egal. Nun bin ich ja hier.« Die erwartete kuschelige Wärme eines beheizten Hauses hüllte Holly ein, und sie entspannte sich. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Mrs. Oxley. Ich bin sicher, dass wir …«
»Miss.«
»Wie bitte?«
»Miss Annabel Oxley.«
»Oh, natürlich. Entschuldigung.«
Holly zog den Reißverschluss der Ledermappe auf, in der sich all die mitgebrachten Papiere der Gutachter sowie die Formulare für den Verkauf befanden. Ihre Finger waren ganz weiß vor Kälte, sie hatte Mühe, das Zittern zu verbergen. Und tatsächlich gelang es ihr nicht. Miss Oxley bemerkte es.
»Ziehen Sie die nassen Schuhe aus. Ich gebe Ihnen ein paar warme Socken. Sie holen sich ja den Tod. Und kommen Sie endlich richtig rein. Wir wollen ja nicht im Stehen auf dem Flur verhandeln, oder?«
Miss Oxley wies auf eine Tür, die vom Eingangsbereich abging, verschwand selbst aber erst einmal über den Korridor in eine andere Richtung.
Holly trat durch die Tür und staunte über die geschmackvolle Einrichtung. Es gab zwei Ohrensessel mit Samtbezügen in einem warmen Orange, das Holly an die Herbstblätter des Ahorns im Garten ihrer Großeltern erinnerte. Je ein großes Kissen mit Quasten bedeckte fast die gesamte Sitzfläche. Die Sessel standen vor einen Kamin, Holly hatte sich nicht zu früh gefreut. Die aufgestapelten Holzscheite knackten, ein Geruch nach Wald und Harz hing im Raum. Die elegante Leselampe auf einem Schreibtisch mit geschwungenen Beinen tauchte den Raum in behagliches Licht, was bei diesem Unwetter schon jetzt am Mittag nötig war.
Auf das Versprühen eines Dufts von frisch gebackenem Brot, was eine heimelige Atmosphäre kreieren sollte, würden sie bei ihren Besichtigungsterminen verzichten können. Es war heimelig, auch ohne diesen billigen Trick, mit dem in der Branche gern gearbeitet wurde und mit dem sich Holly nie hatte anfreunden können.
Ihr Blick blieb an einem altmodischen Plattenspieler und Dutzenden von Schallplatten hängen, die sich in einer offenen Kommode drängten. Holly wüsste zu gern, welche Musik ihre Klientin hörte. Aber sie vernahm Schritte auf dem Korridor und verkniff es sich, nachzusehen und dabei ertappt zu werden.
»Hier, das sollte helfen.«
Miss Oxley warf Holly ein zusammengerolltes Paar Wollsocken auf einen der Sessel. Dann ging sie zu einem Schränkchen, nahm eine Flasche mit goldbraunem Inhalt und zwei Gläser heraus. Holly wollte protestieren, doch sie war nicht schnell genug.
»Ein anständiger Schluck Whisky wärmt durch.«
Holly wollte eigentlich sagen, dass es der von Emma beschworene Tee auch tun würde, aber Kunden stieß man nicht vor den Kopf, und so nippte sie höflich an ihrem Glas, während ihr Gegenüber einen kräftigen Schluck nahm. So viel zur langweiligen alten Lady, dachte Holly und sah sich ihre Auftraggeberin nun endlich genauer an.
Sie war schlank, beinahe sehnig, ihre Haltung aufrecht. Die cognacfarbene Cordhose sah an den Oberschenkeln schon ein wenig abgewetzt aus, so als würde sie oft ihre Hände darauf abstützen. Ein grob gestrickter Wollpullover hüllte ihren schmalen Körper ein wie eine Decke. Er war zu groß und sah aus, als würde er eigentlich einem Mann mit viel kräftigerer Statur gehören. Am liebsten hätte Holly gefragt, ob sie auch so einen haben könnte. Ihre Bluse war viel zu dünn, und sie spürte, wie trotz des Feuers Gänsehaut über ihre Arme lief.
Am meisten faszinierten Holly jedoch die Haare. Sie mussten einmal feurig rot gewesen sein. Jetzt zogen sich etliche silbrige Strähnen hindurch und gaben der verwaschenen Farbe einen besonderen Schimmer. Der im Nacken geschlungene Knoten gab keinen Aufschluss darüber, wie lang die Haare waren. Alles in allem konnte Miss Oxley nicht weiter von dem Bild entfernt sein, das Holly sich ausgemalt hatte. Keine ondulierte Frisur mit Violettstich, kein Tweedkostüm. Die Realität lag irgendwo zwischen Landfrau und Künstlerin.
Nachdem Holly ihre nassen Schuhe und Strümpfe gegen die dicken Wollsocken getauscht hatte, zog sie endlich die Papiere aus der Mappe und breitete sie auf dem Tischchen vor der Hausherrin aus.
»Dies sind die Kopien der Gutachten zum Zustand des Hauses. Hier ist unsere Analyse, und dies sind die Berechnungen zum derzeitigen Marktwert.« Holly schob die Papiere noch näher zu Miss Oxley, die die Arme vor dem Körper verschränkt hatte und nicht wirklich interessiert wirkte. »Nehmen Sie sich Zeit, alles durchzusehen. Wenn Sie mit der Summe, die wir ansetzen wollen, einverstanden sind, können wir sofort die Fotos für den Verkaufskatalog machen.«
»Wie viel?«
»Die vorgeschlagene Verkaufssumme?«
»Ja, was sonst? Die Anzahl der Fotos?«
Holly atmete tief ein und wieder aus. Nicht immer waren ihr die Klienten sympathisch, solch eine Ruppigkeit, die an Unhöflichkeit grenzte, war allerdings selten.
»170000 Pfund.«
»Pff.«
Holly hatte keine Ahnung, wie sie diese Reaktion deuten sollte. Hatte die Kundin mehr erwartet?
»Die Heizungsanlage ist veraltet und wird über kurz oder lang erneuert werden müssen. Unsere Expertenanalyse …«
»Ihre Expertenanalyse interessiert mich nicht. Ich will dies hier so schnell wie möglich hinter mich bringen. Sie wissen ja bereits, dass mich gewisse Umstände zu diesem Schritt zwingen, da muss ich mich nicht auch noch länger als notwendig damit aufhalten.«
»Ich verstehe.« Und Holly verstand wirklich. Ein Zuhause zu verlieren war schwer.
Miss Oxley schenkte noch einmal ein.
»Nicht für mich«, sagte Holly. »Ich muss schließlich noch fahren.«
»Sie hätten sich in der Nähe ein Zimmer nehmen sollen.« Damit schob sie Holly das Glas über den Tisch, wie sie ihr vorher die Papiere.
Holly sagte nichts. Als ob sie hätte ahnen können, wie dieser Termin verlaufen würde. Alte Ladys boten einem manchmal ein Likörchen an, aber Whisky …
»Dann sind Sie also mit der Summe einverstanden?« Schweigen. Holly räusperte sich. »Gut, dann würde ich vorschlagen, dass ich mit den Fotos beginne. Wir benötigen insgesamt etwa zwanzig bis dreißig Aufnahmen von möglichst allen Räumen, einschließlich Küche und Bad. Außerdem vom Garten … Na ja, vielleicht sparen wir uns das. In den Unterlagen steht, dass es einen Wintergarten gibt, das ist gut. Einen Garten kann man bei dem Wetter hier sicher nicht oft nutzen, einen Wintergarten hingegen schon. Vielleicht fangen wir dort an?«
»Kommen Sie. Wir müssen durch die Bibliothek.«
Miss Oxley stand auf, und Holly folgte ihr. Sie gingen den Korridor hinunter und traten in ein Zimmer, das tatsächlich wie eine Bibliothek mit Regalen voller Bücher ausgestattet war, die bis unter die Decke reichten. Und es gab sogar eine kleine Leiter, die an einer Metallschiene entlanglief, und auf die man klettern und die obersten Fächer erreichen konnte.
Holly konnte nicht anders. Sie trat an ein Regal und ließ ihren Blick über die Buchrücken wandern. Fast alles waren botanische Bücher. Enzyklopädien, Bildbände, Fachbücher zur Zucht von Orchideen.
»Interessieren Sie sich für Botanik?«, fragte Miss Oxley, und der ironische Ton entging Holly nicht.
»Ich habe keine Ahnung davon.«
»Dachte ich mir.«
»Ich frage mich nur gerade, was Sie mit all den Büchern machen werden. Nehmen Sie die alle mit in Ihr neues Zuhause?«
»Neues Zuhause? Das hier ist mein Zuhause. Hier gehören die Bücher hin. Genau wie ich.«
Der Zorn in diesen Worten erschreckte Holly.
»Aber da es nun mal nicht anders geht und ich mich verkleinern muss … Aber bevor ich die Bücher aus Platzgründen womöglich veräußere, verzichte ich lieber auf ein Bett und schlafe auf dem Boden. Um die Frage also zu beantworten, ich nehme die Bücher mit.«
Miss Oxley sah aus dem Fenster in die Wand aus Regen und hatte die Arme wieder verschränkt. Holly hatte keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte.
»Wo werden Sie hinziehen, wenn das Cottage verkauft ist?«
Holly zog ein Buch aus dem Regal, während sie auf eine Antwort wartete. Es sah mit dem vergilbten Rücken sehr alt aus. Als sie es aufschlug, rutschten kolorierte Zeichenblätter heraus, die zwischen die Seiten geklemmt gewesen waren, und segelten zu Boden.
»Was machen Sie denn da?«, fuhr Miss Oxley sie an.
»Herrje, das tut mir leid. Ich sammele alles wieder ein.« Holly kniete sich auf den Boden.
Die Hausherrin stürzte zu ihr.
»Lassen Sie mich das machen!«
Eilig sammelte sie die Blätter ein, doch Holly war schneller. Bevor sie alle wieder zwischen den Buchseiten verschwanden, betrachtete sie die, die sie noch in der Hand hielt, näher. Es waren Zeichnungen von Blumen. Nein, es waren Zeichnungen nur von Orchideen. Feine Bleistiftlinien skizzierten die Formen der Blüten, Aquarelltusche verlieh ihnen ihre individuelle Farbe. Bevor Miss Oxley ihr die Blätter aus der Hand nahm, bemerkte Holly in der rechten unteren Ecke der Blätter Buchstaben. A. O.
»Initialen? Haben Sie diese Bilder gezeichnet?«
»Was sind Sie? Immobilienmaklerin oder Privatdetektivin?« Sie schob die Mappe unwirsch und offenbar verärgert zurück zwischen die anderen im Regal.
»Das sind kleine Kunstwerke«, fuhr Holly unbeirrt fort, ohne eigentlich Ahnung von Kunst zu haben. »Wo haben Sie das gelernt? Haben Sie noch mehr davon? Wenn Sie die an Sammler verkaufen, würde sich das bestimmt lohnen!«
»Sich lohnen! Das ist alles, was Sie im Kopf haben, ja? Wie viel Geld es einbringt?«
Nun wurde Holly doch ärgerlich.
»Entschuldigen Sie, aber ich bin ja aus genau diesem Grund hier, oder nicht? Weil Sie Geld brauchen.«
Kaum hatte Holly das ausgesprochen, blieb ihr fast das Herz stehen. So hatte sie noch nie mit einer Klientin gesprochen. So durfte sie nicht mit einer Klientin sprechen. Aber diese Frau machte es ihr auch wirklich sehr schwer, Höflichkeit und Beherrschung zu bewahren. Dennoch, sie war zu weit gegangen. Vermutlich würde sie jetzt einpacken und nach Plymouth zurückfahren müssen, ohne eine Unterschrift auf dem Agenturvertrag.
»Es tut mir leid. Meine Bemerkung war unangebracht. Ich denke, es ist besser …«
Miss Oxley unterbrach sie mit einer gereizten Handbewegung.
»Sie haben recht. Ich brauche das Geld. Aber diese Zeichnungen, die Bücher und auch meine Orchideen sind unverkäuflich. Merken Sie sich das.«
»Verstanden.« Doch als glaube sie, ihr Glück noch einmal ungestraft herausfordern zu können, fragte Holly: »Aber die sind doch wirklich von Ihnen, oder?«
Ihre Klientin sah Holly lange an, als wäre sie ein zu sezierendes Insekt.
»Ja, das sind meine Zeichnungen. Und jetzt gehen wir in den Wintergarten. Den wollten Sie doch sehen, oder?«
Die Tür lag halb verborgen hinter einem Vorhang. Helles Licht fiel hindurch, als Miss Oxley sie öffnete. Duft strömte heraus. Eine Mischung aus Feuchtigkeit, Erde und Blütensüße wie in einem Blumenladen. Nur exquisiter und feiner. Holly folgte der Hausherrin.
»Oh mein Gott, was ist …« Holly blieb die Luft weg.
»Das ist der Wintergarten.«
»Wintergarten?«
»Ja, was sonst?«
»Ein Dschungel?«
Holly hatte Bilder vor Augen gehabt von einer hübschen und gepflegten Sitzgruppe aus Korbgeflecht, ein Plaid dekorativ über eine Armlehne drapiert, zwei oder drei Blumenkübel, vielleicht Hortensien. Hier gab es Kübel, ja, aber das war …
Der Boden war mit feinem Sand bedeckt, wie solcher, den man in Vogelkäfige streute. Gefäße, die vermutlich drei Männer brauchen würden, um bewegt zu werden, standen in ausreichend Abstand zueinander, sodass das Licht, das durch die Glasfront fiel, alle Ecken und jeden Winkel erreichen konnte. In den Kübeln wuchsen keine dekorativen niedrigen Büsche, sorgfältig gestutzt und vielleicht mit Zitrusfrüchten behangen, nein, das waren Bäume! Knorrige Gehölze, an deren Stämme und auf deren Äste Pflanzen klebten, voller tentakelartiger Auswüchse, mit denen sie sich offenbar festkrallten.
Holly war nicht beeindruckt, sie war schockiert. Sie konnte an nichts anderes mehr denken als daran, wie um Himmels willen all dies entfernt werden sollte, bevor das Haus an neue Besitzer überging. Der ganze Schmutz, der … Sie zuckte zurück, als plötzlich etwas dicht an ihrem Gesicht vorbeiflatterte.
»Schmetterlinge. Die tun Ihnen nichts.«
»Schmetterlinge, aha.«
Holly ließ die Hausherrin hinter sich zurück und setzte vorsichtig einen Fuß vor den nächsten, um im Dickicht aus Zweigen, Blättern, einer Art Lianen und Tentakeln nirgendwo hängen zu bleiben.
»Passen Sie auf die Wachteln auf!«
Sofort blieb Holly stehen und blickte sich um. »Wachteln?«
»Da drüben. Chinesische Zwergwachteln. Die fühlen sich hier sehr wohl.«
»Oh.« Zu mehr war Holly nicht fähig.
Sie war in eine andere, eine verzauberte Welt eingetreten. Auch wenn sie Mühe hatte, ihren kalkulierenden Immobilienmaklerblick abzuschalten, war dies hier doch überwältigend. Nachdem sie eine Weile einfach nur dagestanden hatte und den Anblick und den Duft auf sich wirken ließ, begann sie zu begreifen, dass dies kein undurchsichtiges Chaos war, sondern ein wohldurchdachtes Arrangement aus kleineren und größeren Gewächsen, die aufeinander aufbauten, sodass jedes von ihnen gebührend zur Geltung kam.
Und dann, als würde sich ihr Blick scharf stellen und ihr Geist erst jetzt in der Lage sein, Details aufzunehmen, sah sie die Blüten. Reines Weiß, Vanillegelb, zartes Rosa, kräftiges Pink und Violett, Hummerrot. Blütenblätter mit Tupfen, mit Streifen und Blüten, die aussahen wie Gesichter.
Holly musste sich setzen, doch wo?
Sie blickte sich um und sah ihre Auftraggeberin, die auf einer kleinen Holzbank unter dem größten Gewächs saß, von dem viele der seltsamen Tentakel herabhingen. Doch nicht die waren das, was Holly am meisten erstaunte. Es war Miss Oxley selbst. Sie hatte die Augen geschlossen, und ihre Züge waren entspannt und friedlich. Ihre straffe Haltung, das Harte und Strenge, all das war auf wundersame Weise gewichen. Holly kam es vor, als würde sie ein Aquarell betrachten und die Farben ineinanderlaufen und die Konturen aufweichen sehen. Sie traute sich nicht, sich zu bewegen, und so blieb sie einfach dort stehen, wo sie war, und wartete ab, während sie die pickenden Vögel am Boden beobachtete.
»So werden wir nie fertig«, durchschnitt Miss Oxleys Stimme plötzlich die Stille. »Jetzt kennen Sie den Wintergarten. Lassen Sie uns zurückgehen zu Ihrem Papierkram.«
Der Zauber war gebrochen, und Holly wurde zurückkatapultiert in die Realität.
»Es wird eine Menge Arbeit werden, den Wintergarten in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Und er ist viel größer, als ich dachte. Das ist ja ein Anbau wie ein viktorianisches Gewächshaus. Ist das überhaupt genehmigt? Ich muss die Gutachten unbedingt noch mal durchsehen. Nicht dass die neuen Besitzer am Ende ein Problem mit den Behörden bekommen …«
»Zurückversetzen?«
Holly zuckte zusammen, so grob hatte es geklungen.
»Ja, natürlich. Das kann ja nicht so bleiben.«
»Doch, das bleibt so. Ich verkaufe das Haus nur an jemanden, der den Wintergarten genau so belässt, wie er ist.«
»Machen Sie Witze?«
»Sehe ich so aus?«
»Aber das geht doch nicht. Wie sollen wir denn einen Käufer …«
»Genau so.«
»Miss Oxley, ich weiß nicht, ob Sie in der Position sind, die Gruppe der potenziellen Käufer so zu limitieren. Es würde vermutlich viele Monate dauern, bis wir jemanden finden, der sich darauf einlässt. Und selbst wenn diese Zusage gemacht wird, wissen Sie doch nicht, ob das vom neuen Besitzer wirklich so erhalten wird, wenn er erst einmal eingezogen ist. Sie können das ja nicht vertraglich festhalten.«
»Genau so. Das ist mein letztes Wort.«
»Nun gut, so kommen wir wohl im Moment nicht weiter. Lassen Sie uns einfach die Fotos machen, dann haben wir das wenigstens schon mal.«
Sie gingen zurück durch die Bibliothek, wobei Holly noch einmal einen schnellen Blick auf das beeindruckende Bücherregal warf, das solche Schätze wie die offenbar mit Absicht verborgenen Zeichnungen enthielt. Im Wohnzimmer öffnete sie die mitgebrachte Tasche mit der Fotoausrüstung und holte ihre Kamera heraus. Nach kurzer Überlegung schraubte sie ein Objektiv auf, drehte an Rädchen und hatte dann die Einstellungen gefunden, die für die Lichtverhältnisse im Haus am besten geeignet schienen.
»Darf ich?«, fragte sie vorsichtshalber nach.
Miss Oxley nickte knapp und ging voraus von Raum zu Raum. Sie öffnete Holly jede Tür in ihrem Haus, bis auf die zu einem Abstellraum, der auch Hollys Meinung nach nicht wichtig wäre. Hier und da musste sie die unwillig vor sich hin grummelnde Hausherrin für eine bessere Perspektive aus dem Weg dirigieren, aber nach zwanzig Minuten meinte sie, alle Aufnahmen im Kasten zu haben. Auf dem kleinen Display sah sie alles noch einmal im Schnelldurchlauf an und war zufrieden. Damit könnten sie eine schöne Präsentation erstellen.
Nur der Wintergarten … Seit dem Brexit hielten die Menschen ihr Geld zusammen, immer im Ungewissen, was vielleicht noch auf sie zukommen könnte. Das hatte Auswirkungen auf alle Branchen, so auch auf die Immobilienbranche. Ihr Business war also schon schwer genug geworden. Aber vielleicht würden sie dennoch erst einmal den Wunsch von Miss Oxley in das Verkaufsangebot mit aufnehmen. Wenn dann ein Interessent nach dem nächsten hierherkam, das Ausmaß vor Augen hatte und sich sein Interesse nur deswegen in Luft auflöste, dann würde sie sicher einsichtig werden und begreifen, dass man niemandem einen solchen Urwald überlassen konnte.
»Sehr schön, ich glaube, dann habe ich alles, was ich für den Moment brauche. Ich fahre jetzt zurück nach Plymouth. Wir gestalten ein schönes Verkaufsangebot, dafür brauchen wir ein paar Tage, und dann stellen wir es online. Für die Besichtigungen sehen wir uns dann wieder. Ich versuche, so viele Termine wie möglich auf einen Tag zu legen, dann belästigen wir Sie damit nicht an mehreren Tagen. Damit sind Sie sicher einverstanden.«
»Das ist ganz in meinem Sinn. Ich bringe Sie hinaus.«
»Ihre Socken«, sagte Holly, als sie in ihre inzwischen trockenen Schuhe schlüpfen wollte.
»Behalten Sie sie.«
»Aber …« Holly brach ab. Ein Blick in Miss Oxleys Gesicht sagte ihr, dass sie auch hierüber nicht zu diskutieren brauchte. Sie behielt sie einfach an und stieg damit in ihre Schuhe.
»Auf Wiedersehen, Miss Oxley. Es war mir … Es war interessant, Sie kennenzulernen.« Sie streckte ihr die Hand hin, die diese nach kurzem Zögern ergriff. »Ich melde mich bald bei Ihnen.«
Kaum hatte Holly sich umgedreht, fiel die Tür hinter ihr auch schon ins Schloss. Sie ging zu ihrem Auto, stieg ein, schlug ebenfalls sehr erleichtert die Tür hinter sich zu und atmete einmal geräuschvoll aus. Einen derart herausfordernden Termin hatte sie lange nicht gehabt. Für einen Moment saß sie noch da, starrte auf die Regentropfen, die auf ihrer Windschutzscheibe zerplatzten und daran herunterrannen. Im Haus, in dem es warm gewesen war und nach Holz und Blumen roch, hatte sie das unfreundliche Wetter hier draußen fast vergessen. Holly schüttelte den Kopf. Sie musste sich beeilen, wenn sie noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Plymouth sein wollte.
Holly verließ Porthgwarra. Wieder fragte sie sich, wie man es in dieser Gegend aushalten konnte, wo es weder einen Supermarkt noch einen Pub oder wenigstens eine Tankstelle gab. Heidekraut, Farne und Weiden, auf denen ausrangierte Badewannen als Wassertrog für die Schafe dienten, das war alles. Und es war bereits April. Wie deprimierend musste es hier erst im Winter sein? Keine Spur von Zivilisation. Wer sich hierhin verzog, der …
»Was zum Teufel!«
Holly trat das Bremspedal ganz durch. Ihr Wagen schlingerte auf der nassen Fahrbahn, brach aus und schoss auf einen Meilenstein zu. Sie hatte keine Chance. Der Wagen krachte mit dem linken Kotflügel dagegen, und mit einem lauten Knall kam er zum Stehen. Kurz sammelte sich Holly. Sie war in Ordnung, hatte sich nicht verletzt. Dann riss sie die Fahrertür auf und sprang aus dem Wagen.
»Du blödes Viech!«
Sie schwang ihre Faust, was das Schaf weder sah noch interessiert hätte. Urplötzlich war es aus der Regenwand aufgetaucht. Hatten die hier denn keine verdammten Zäune? Holly ging um das Auto herum und besah sich den Schaden.
»Oh nein, ernsthaft?«
Der Kotflügel hatte eine beachtliche Delle, das würde man nicht einfach nur ausbeulen können. Vermutlich würde er ausgetauscht werden müssen. Das wäre in Plymouth in ein oder zwei Tagen gemacht. Doch viel schlimmer war der Reifen. Vielmehr der platte Reifen. Damit kam sie hier nicht weg. Und wenn der Aufprall so schlimm gewesen war, dass es den Reifen zerfledderte, dann hatte womöglich auch die Achse Schaden genommen, und dann …
Aufgeregte Rufe unterbrachen Hollys Gedanken.
»Myrtle, komm zurück! Du eigensinniges Wollschaf. Myrtle!«
Holly sah sich um. Ein Fahrrad überquerte äußerst eilig die Landstraße und bog in einen Feldweg ein. Ein Fahrrad, eine Frau und ein quittengelbes Regencape. Die Frau von vorhin, die ihr blödes Schaf an der Leine spazieren geführt hatte, die sie jetzt ohne Schaf am anderen Ende über dem Kopf schwenkte wie ein Lasso. Holly wunderte es nicht, dass das Tier zu entkommen versuchte.
»He, warten Sie. Mein Auto! Ihr blödes Schaf hat …«
Es war zwecklos. Unter viel Gezeter trat die Frau in die Pedale und strampelte der entlaufenen Myrtle hinterher.
»Das darf doch nicht wahr sein. So ein Mist!«
Holly scherte sich nicht um ihre nasse Kleidung, die alles durchtränkte. Wütend ließ sie sich wieder auf den Fahrersitz fallen, griff nach ihrem Telefon und wählte die Nummer von Emma. Niemand ging ran. Sie hinterließ eine Nachricht und googelte dann nach einer Werkstatt oder einem Abschleppdienst in der Nähe. Tatsächlich fand sie eine nur zehn Meilen entfernte Werkstatt in Penzance. Sie wählte die angegebene Nummer, doch auch da nahm niemand ab, und einen Anrufbeantworter gab es nicht. In Porthcurno, Porthgwarra und Trethewey, das hatte sie ja schon festgestellt, gab es nichts und niemandem, der ihr helfen konnte.
Niemanden außer ihrer Klientin Miss Oxley. Vielleicht hatte sie einen Nachbarn, einen Bekannten oder sonst irgendeine Idee, wie sie von hier wegkommen und ihr Auto nach Plymouth schaffen könnte. Holly stöhnte. Sie manövrierte den Wagen so weit wie möglich von der Fahrbahn herunter und stellte ein Warndreieck auf. Dann packte sie die wichtigsten Dinge in ihre Tasche und griff auch nach der Aktenmappe mit den Papieren. Und sie würde auf keinen Fall ihre Fototasche hier im Wagen liegen lassen. Als sie die Tür abgeschlossen hatte, schulterte sie ihr Gepäck und begann ihre unfreiwillige Wanderung zurück zum Steincottage und seiner grantigen Hausherrin.
Es war bereits dunkel und Holly nass bis auf die Knochen, als sie endlich die Auffahrt des Cottages überquerte. Bei jedem Schritt machte das Wasser ein schmatzendes Geräusch in ihren Schuhen, in denen ihre Füße immer noch in den fremden Socken steckten. Sie klopfte. Nichts passierte. Sie klopfte noch einmal. Es fehlte noch, dass die Eigentümerin jetzt nicht zu Hause war. Doch als Holly gerade den Arm hob, um diesmal aus lauter Verzweiflung mit der Faust gegen die Tür zu hämmern, wurde diese von innen aufgerissen.
»Miss Oxley, Gott sei Dank, Sie sind zu Hause.«
»Und was machen Sie hier? Sie sehen aus, als wären Sie in den Penberth River gefallen. Kommen Sie rein. Brauchen Sie noch ein paar neue Socken?«
Sie lachte grimmig, doch Holly konnte ihren Sinn für Humor nicht teilen. Als sie drinnen alles auf dem Steinboden des Hausflurs abgestellt hatte, wischte sie sich das Wasser aus dem Gesicht, das ihr über die Stirn bis in die Augen rann, und wrang ihre Haare aus. Dann sah sie entschuldigend Miss Oxley an, die auf die Pfütze auf ihrem Fußboden blickte. Doch Holly erkannte keinen Ärger. Da war etwas anderes. Die ältere Frau hatte geweint. Wirklich, sie weinte? Kaum vorstellbar. Doch, ihre Augen waren gerötet. Falls sie nicht gerade gereizte Augen hatte, weil sie mit dem Schürhaken im gemütlichen Feuer ihres Kamins herumgestochert hatte, dann hatte sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geweint.
»Und was machen wir jetzt?«, fragte Miss Oxley.
»Ich hab keine Ahnung. Sie waren die einzige Möglichkeit, die mir eingefallen ist.«
Kurz schilderte Holly, was passiert war.
»Das mit dem Schaf war Mable.«
Mable und Myrtle. Holly wollte nach Plymouth zurück. Sofort.
»Sie hat es irgendwann vor Jahren vor dem Schlachter gerettet und verwechselt es seither mit einem Schoßhund. Nun ja …«
»Mable und wie weiter? Ich brauche etwas mehr für meine Versicherung. Immerhin hat dieser entlaufene Wollschoßhund den Unfall verursacht.«
»Auf dem Land in Cornwall weiß man, dass Schafe hier frei herumlaufen.«
»Ich aber nicht. Ich komme aus der Stadt.«
»Sind Sie hergekommen, um zu streiten? Wir sollten Sie lieber aus den nassen Sachen rausbekommen. Ich suche Ihnen ein Handtuch und etwas zum Anziehen heraus. Gehen Sie ins Bad.«
Nach ein paar Minuten tauchte Miss Oxley wieder auf. Sie gab Holly ein Handtuch, eine trockene Jeans und einen dicken Wollpullover, ebenso groß wie der, den sie selbst trug und wie ihn Holly sich zuvor schon gewünscht hatte. Und natürlich ein weiteres Paar dicker Socken. Holly rubbelte sich trocken, zog sich um und ging dann ins Wohnzimmer.
»Vielen Dank für die Sachen. Haben Sie denn irgendeine Idee, wie ich hier wegkommen kann?«
»Heute nicht mehr.«
»Was soll das heißen? Wo soll ich denn übernachten? Hier ist doch nichts weit und breit.«
»Ich hab John Morris in Kerris eine Nachricht geschickt. Der wird sich morgen um Ihren Wagen kümmern. Heute ist er auf der Hochzeit seiner Tochter oben in Kelynack. Da wird er schwerlich noch fahren können, selbst wenn er wollte. Sie können hier übernachten. Ich kann Ihnen das Sofa in der Bibliothek herrichten. Morgen sehen wir weiter.«
Hier übernachten. Das hatte Holly noch gefehlt. Aber sie sah ein, dass es das Vernünftigste war und sie keine Wahl hatte, und so willigte sie schweren Herzens ein.
»Ich nehme an, Sie haben Hunger? Ich wärme Ihnen Pasties auf. Und dann mache ich Ihnen eine Kanne Tee. Ein paar Scones habe ich auch noch.«
Holly seufzte. Tee und Scones. Also doch noch. Könnte sie doch wenigstens Emma erreichen.
»Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen.«
Bevor Miss Oxley das Wohnzimmer verließ, drehte sie sich noch einmal um.
»Und Sie? Sind Sie okay? Haben Sie sich verletzt?«
Holly schüttelte den Kopf. »Alles in Ordnung. Nur der Schreck.«
Später in der Nacht lag Holly in ihrem provisorischen Bett in der Bibliothek, und konnte nicht schlafen. Das lag nicht nur an dem guten und viel zu reichlichen Essen, das ihre Gastgeberin für sie allein in der Küche angerichtet hatte. Es lag auch nicht an der ungewohnt weichen Matratze, dem zu flachen Kopfkissen oder dem Wind, der wild um das Haus heulte. Es lag an dem Gefühl, nicht zu Hause zu sein.
Sie gehörte hier nicht her. Alles war fremd. So ging es ihr seit dem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung mit Stephen vor fast einem Jahr immer. Sie hatte ein Zuhause gehabt, ein Nest, einen Ort, an dem sie sich geschützt und geborgen gefühlt hatte. Daraus war der Ort geworden, an dem der schlimmste Verrat ihres Lebens passiert war. Erst der Duft eines fremden Parfüms im Bad, wenn sie von der Arbeit am Abend heimkam, am Ende eine andere Frau in ihrem Bett.
Sie war erst zu einer Freundin geflüchtet, danach in ein Hotel gezogen, dann – weil es schnell gehen musste – in eine Wohnung, die sie sich nicht leisten konnte, und schließlich in eine Wohnung, die sie sich leisten konnte, die aber hellhörig und sanierungsbedürftig gewesen war. Das alles in nicht einmal einem Jahr. Holly fühlte sich wie eine Nomadin, und das entsprach nicht ihrem Naturell.
Wie musste es sich erst anfühlen, wenn man nach Jahrzehnten gezwungen war, das Zuhause zu verlassen?
Als die Uhr auf ihrem Telefon ein Uhr nachts anzeigte, stand Holly auf, zog sich an und verließ das Zimmer. Krampfhafte Versuche einzuschlafen sollten angeblich das Gegenteil bewirken, Ablenkung hingegen entspannen und müde machen und helfen, danach in den ersehnten Schlaf zu fallen. Also würde sie sich ablenken.
Sie tapste auf den geliehenen Socken über den Korridor und fragte sich jedoch, wo genau sie eigentlich hinwollte. Nach draußen vor die Tür? Es hatte aufgehört zu regnen, aber der Wind wuchs sich zu einem anständigen Sturm aus. Ein Spaziergang kam also nicht infrage. Der Wintergarten. Dort könnte sie sich noch einmal umsehen, um einzuschätzen, wie viele Lieferwagenfahrten es benötigen würde, um ihn zu räumen. Mit diesem Plan im Kopf schlich sie durch die Bibliothek, zog die Tür hinter dem Vorhang auf und trat ein.
Elektrisches Licht gab es hier offenbar nicht, Holly fand nirgendwo einen Schalter, ebenso wenig wie Kerzen, Windlichter oder Petroleumlampen, die sie hätte entzünden können. Was vermutlich sehr vernünftig war, denn wenn trockene Blätter oder Zweige hier Feuer fingen, hätte sich der Hausverkauf schnell erledigt.
So war Holly auf das Mondlicht angewiesen, das immer wieder hinter den Wolken hervorschien, die nur so über den nächtlichen Himmel rasten. Sie bewegte sich behutsam, machte keine großen Schritte, sondern schob einen Fuß vor den anderen, um nicht versehentlich in der Dunkelheit auf eine der Zwergwachteln zu treten. Sie erreichte die Bank und setzte sich. Tatsächlich lag darunter, sorgfältig gefaltet, auch ein wollenes Plaid, das sie sich zuvor für den Wintergarten ausgemalt hatte. Holly breitete es aus und legte es sich um die Schultern.
Je länger sie so dasaß, desto besser gewöhnten sich ihre Augen an den Wechsel zwischen undurchdringlicher Schwärze und dem fahlen Schein des Mondes. Die Umrisse wurden schärfer, und sie konnte die verschiedenen Grüntöne des Blattwerks unterscheiden. Die Gewächse auf den Ästen kamen Holly größer vor als am Tag, als würden sie in der Nacht erwachen und sich aufrichten und strecken. Auch die Blütenkelche schienen jetzt einen noch intensiveren Duft zu verströmen.
Vielleicht war es aber auch nur die Abwesenheit anderer Reize, die Holly alles intensiver empfinden ließ. Sie war ganz allein und verloren hier an diesem fremden Ort, andererseits auch Teil von etwas Zauberhaftem. Ganz still saß sie da, und tatsächlich näherten sich zwei der kleinen Ziervögel. Zögerlich trippelten sie um ihre Füße. Holly rührte sich nicht, und als die mutigere der beiden flauschigen Kugeln sie in die Socke pickte, musste sie sich zusammenreißen, um nicht zu zucken und das Tier zu verschrecken.
Die Zutraulichkeit der Vögel rührte Holly, als würden die kleinen Schnäbel nicht ihre Socke bearbeiten, sondern die harte Schale um ihr Herz aufknacken wie eine Nussschale. Und plötzlich weinte sie.
Sie hatte so sehr versucht, den Schmerz über den Betrug und den Verlust ihres Zuhauses mit Arbeit, vielen Überstunden, langen Läufen durch die Straßen von Plymouth, als würde sie für einen Marathon trainieren, zu betäuben, sodass es ihr wirklich gelungen war, einfach weiter zu funktionieren. Wenn sie doch einmal spürte, wie sich am Ende eines Tages eine düstere Wolke über ihr zusammenbraute, rief sie Emma an, und sie gingen aus, tranken zu viel, futterten Kuchen und Popcorn bei gemeinsamen Filmabenden.
Aber sie weinte nie. Bis jetzt.
»Verdammte Myrtle«, sagte sie zu sich selbst. »Jetzt sitze ich wegen dir hier fest und werde zur Heulsuse.«
Holly legte die Beine auf die Bank, kauerte sich auf die Seite und starrte durch das gläserne Dach des Wintergartens in einen Himmel voller Sterne. Die Wolken hatten sich verzogen. Und dann schlief sie endlich ein.
»Miss Greenwood, wachen Sie auf.«
Jemand rüttelte Holly an der Schulter. Sie murrte unwillig.
»Das ist viel zu unbequem hier, gehen Sie doch zu Ihrem Sofa.«
Wie von der Tarantel gestochen fuhr Holly hoch. Vor ihr stand die Hausherrin, die sie mitten in der Nacht im Wintergarten ertappt hatte.
»Ich muss eingeschlafen sein.«
»Ganz offensichtlich.«
Holly sah Miss Oxley an. War sie verärgert? Oder war das eher ein amüsierter Zug um ihren Mund?
»Es tut mir leid, ich hätte hier nicht einfach in der Nacht herumschleichen sollen. Aber ich konnte nicht schlafen. Und hier auf einmal …«
»Hier auf einmal was?«
»Hier war es so friedlich, und irgendwie bin ich dann doch so müde geworden, dass ich nicht einmal mehr ins Zimmer zurückgehen konnte. Das gab es noch nie. Es ist mir sehr unangenehm.«
»Das braucht es nicht. So etwas passiert.«
Holly sah sie an. Irgendetwas daran wie sie es gesagt hatte, ließ Holly aufhorchen.
»Ihnen auch?«
Die ganze Antwort war das erste kleine Lächeln, das Holly von ihr zu sehen bekam.
Irgendetwas kitzelte Annabel an der Nase. Vielleicht ein Sonnenstrahl, dachte sie schlaftrunken. Wohlig streckte sie sich und war im Begriff, sich auf die andere Seite zu drehen, doch der Untergrund war unerwartet hart und unbequem. Wie unbequem, merkte sie erst jetzt, als sie sich bewegte. Alle Knochen in ihrem Leib schmerzten. Sie öffnete langsam erst ein Auge und dann das andere – und war zurück in der Realität. Was sie für einen Sonnenstrahl gehalten hatte, war ein schillernder dunkelgrüner Käfer, der jetzt vor ihrem Gesicht über die Holzplanken spazierte, auf denen sie lag.
Wo war sie? Nur langsam kam sie zu sich und nahm die Geräusche um sich herum wahr. Nicht nur den Zikadengesang, da war auch das Plätschern von Wasser und in der Ferne das dumpfe Tuten wie von einem Schiffshorn. Und dann war da etwas, was die Idylle störte. Ein Klopfen, als ob jemand ungeduldig mit den Fingern auf Holz trommelte. Annabel hob den Kopf.
»Dormito bene?«
Die barsche Stimme eines Mannes traf sie wie ein Peitschenhieb, und sie wirbelte so schnell herum, dass sie sich fast den Rücken verrenkte.
Ob sie gut geschlafen hatte? Was zum Teufel …
Sie sprang auf die Füße, und ihr Kreislauf sackte durch den abrupten Positionswechsel ab. Ihr wurde schwindelig, aber es gab nichts, woran sie sich hätte festhalten können. Für einen Moment schwankte sie, als hätte sie zu viel getrunken.
»Müssen Sie mich so erschrecken?«
»Oh, eine Engländerin«, stellte er jetzt in Annabels Sprache fest.
»Sitzen Sie da etwa schon länger und beobachten mich?«, fragte sie.
Der Mann, der ganz im Dunkel des Schattens eines duftenden Oleanderbaums in einem bequemen Korbstuhl saß und von dem sie lediglich die Umrisse erkennen konnte, beugte sich jetzt vor, als würde er sie genauer in Augenschein nehmen wollen.
»Sie haben ja Nerven«, gab er zurück. Sein Akzent war hart, er rollte das R, wie es fast alle Südländer taten. »Dies hier ist kein öffentlicher Park. Sie befinden sich auf einem Privatgrundstück. Uneingeladen, wenn ich mich nicht irre. Und dann schlagen Sie auch noch so einen Ton an? Sie kommen aus dem Vereinigten Königreich, wie ich Ihrem Akzent nach vermute?«
»Wie spät ist es denn eigentlich?«, fragte Annabel zurück, ohne auf seine Frage einzugehen. »Ich habe keine Uhr dabei.«
»Es ist bereits acht Uhr am Abend. Und wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich jetzt gerne das Tor schließen und ohne Eindringlinge meinen Abend verbringen.«
»Acht Uhr? Wie komme ich denn jetzt zurück auf die andere Seite der Bucht? Es gibt doch nur alle paar Stunden diesen einen lokalen Bus, oder? Fährt der um diese Zeit überhaupt noch?«
Annabel schaute um sich. Sie befand sich im Garten einer Villa, die östlich an einem Hang oberhalb der Baia del Silenzio in Sestri Levante klebte, ihr Hotel jedoch lag westlich davon, unten in der Stadt gleich neben der Basilika, deren Glocken sie heute Morgen aus dem Schlaf geläutet hatten. So schnell schreckte sie nichts, aber das war nun doch eine ärgerliche Situation, in die sie sich da gebracht hatte. Noch dazu einen Tag vor ihrem offiziellen Termin mit den Besitzern ebendieser Villa. Sie hatte sich doch nur schon einmal vorab umsehen wollen.
»Schwimmen.«
»Wie bitte?«
»Sie könnten rüberschwimmen.«
»Gute Idee. Eine Runde schwimmen zur Erfrischung wollte ich heute Abend sowieso noch«, knurrte Annabel.
Er lachte. Es war das volle, selbstsichere Lachen eines Mannes, den nichts aus der Ruhe brachte, weil er wusste, dass er mit fast jeder Situation fertigwürde. Im Gegensatz zu ihr, wie er sicher meinte. Aber da kannte er Annabel schlecht. Sie war schließlich an der Küste aufgewachsen. Schwimmen konnte sie schon, bevor sie gelernt hatte, Fahrrad zu fahren.
Endlich stand er auf und trat aus dem Schatten. Annabel stellte überrascht fest, dass er jünger war, als seine Stimme vermuten ließ. Sie schätzte ihn auf etwa dreißig. Er hatte ein kantiges Gesicht mit einer schmalen und geraden Nase wie die einer Skulptur aus der griechischen Antike. Vielleicht war sie ein wenig zu lang. Lachfältchen um die Augen nahmen seinen Zügen die Schärfe. Nicht nur seine Arbeitshose, sondern auch die Grasflecke auf den Knien wiesen ihn als Gärtner des Anwesens aus.
Annabel kannte diesen Anblick nur zu gut. So oft bat sie ihren Vater, nicht in einer seiner besseren Hosen auf den Knien der Gartenarbeit nachzugehen. Der neumodische Waschautomat wusch die Flecke nie aus, ohne dass Annabel sie vorher einweichte und ausgiebig mit einer Bürste bearbeitete. Dabei hatte ihr Vater es sich nicht nehmen lassen, eine brandneue Hoovermatic-Twin-Tub-Waschmaschine zu kaufen, wofür er ein Drittel seines Jahreseinkommens geopfert hatte. Annabel hatte ihn nicht davon überzeugen können, ein gebrauchtes Modell zu kaufen.
So war er. Immer alles oder nichts, auch wenn es seine Möglichkeiten nicht selten überstieg. Wagemut und auch ein wenig den Hang, hoch zu pokern, hatte er ihr vererbt, doch im Gegensatz zu ihrem Vater vergaß sie nie das Netz und den doppelten Boden.
»Nun kommen Sie schon. Ich rufe Ihnen vom Haus aus ein Taxi.«
Sie steuerten direkt auf die Villa zu, einen eleganten Bau im Liberty-Stil, der sich über ganze drei Stockwerke erstreckte und in deren beeindruckender Glasfront sich die untergehende Sonne spiegelte. Er führte sie durch einen Nebeneingang hinein, dann einen endlos langen Korridor hinunter, an dessen Wänden zu beiden Seiten Ölgemälde wie in einer Ahnengalerie hingen, bis er schließlich die Tür zu einem Wohnzimmer öffnete.
