Das Virus - Günter Theißen - E-Book

Das Virus E-Book

Günter Theißen

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Beschreibung

Natürliche Zoonose oder Laborunfall? COVID-19 hält seit über zwei Jahren die Welt in Atem. Doch wo liegt der Ursprung des Krankheit und wie genau ist es entstanden? Wie ein Kriminalkommissar hat sich der erfahrene Molekularbiologe Günter Theißen auf Spurensuche begeben und seit Anbeginn der Pandemie alle verfügbaren Fakten zusammengetragen. Schon bald musste er jedoch feststellen, dass sich die Mehrzahl der Fachleute und ein Großteil der Medien auf eine rein natürliche Entstehung des Virus festgelegt haben - ohne hieb- und stichfeste Beweise! Warum besteht so wenig Interesse an Aufklärung? Zusammen mit gleichgesinnten Kolleginnen und Kollegen setzt sich Theißen für eine vorurteilsfreie, faktenbasierte Diskussion über die Entstehung des Virus ein. Die Widerstände, auf die er dabei stößt, offenbaren akute Schwachstellen unserer Wissenschaftskultur, der Medienlandschaft und der internationalen Politik.

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Seitenzahl: 262

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ebook Edition

Günter Theißen

Das Virus

Auf der Suche nach dem Ursprung von COVID-19

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www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwende ich im Buch das generische Maskulinum, beispielsweise »der Patient«. Ich meine immer alle Geschlechter im Sinne der Gleichbehandlung. Die verkürzte Sprachform hat redaktionelle sowie pragmatische Gründe und ist wertfrei.

ISBN: 978-3-86489-871-6

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2022

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Lektorat: Thomas Schmoll

Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

Inhalt

Titel

1 Der Ursprung des Virus – wen interessiert das überhaupt?

2 Verstörende Bilder – die Unruhe vor dem Sturm

3 Ausgerechnet Wuhan

4 Ein unverschämter Brief

5 Eine unglaublich schlechte Studie

6 Mein erster Brief an Nature

7 Erste Kontaktaufnahme mit Virologen

Die Natürliche-Zoonose-Hypothese

Laborunfall mit natürlichem Virus (Assistierte-Zoonose-Hypothese)

Laborunfall mit genetisch manipuliertem Virus

8 Mutige Kollegen

9 Lasst uns die Kräfte bündeln!

10 Ein Brief in Science – und schon wendet sich das Blatt

11 Die Ignorabimus-Seuche macht sich breit

12 Wissenschaftlicher Streit muss sein

13 Die zweite Pandemie und die eigentliche Verschwörung – eine Art Fazit

Danksagung

Anmerkungen

Orientierungspunkte

Titel

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Dieses Buch ist für Roxane, Laetitia, Mirna und Nelia, die wie Abermillionen andere junge Menschen auf der Welt unschuldig unter SARS-CoV-2 gelitten haben. Weil meine Generation in vielerlei Hinsicht versagt hat, müsst ihr jetzt schnell die Welt retten – sorry! Aber ihr habt so vieles schon geschafft, ihr schafft auch das! Also haut rein, damit Mensch und Molch eine Chance haben!

Dieses Buch widme ich außerdem den ungeheuer vielen netten Menschen der uralten Kulturnation China. Die wenigen nicht so netten Menschen dort mögen das Buch zumindest mit konfuzianischer Geduld ertragen.

1Der Ursprung des Virus – wen interessiert das überhaupt?

Stellen Sie sich einmal vor: In einem Waldstück irgendwo in Deutschland finden Spaziergänger sechs Leichen mit auffälligen Wunden. Die Polizei eilt herbei. Der leitende Kriminalkommissar, ein erfahrener Ermittler, betrachtet den Fundort. Ohne abzuwägen und zu prüfen, was genau passiert sein könnte, steht für ihn fest: Die sechs Menschen sind eines natürlichen Todes gestorben. Einer seiner Kollegen, selbst ein erfahrener Polizist, fragt verdutzt: »Sind Sie wirklich sicher? Schließlich ist der Fund doch sehr ungewöhnlich. Sechs Tote auf einmal und das mitten im Wald. Wodurch sollen die denn gleichzeitig zu Tode gekommen sein, ich sehe hier keine Spuren eines Blitzeinschlages oder sowas. Wollen wir die Leichen nicht obduzieren lassen, um zu erfahren, wie die Wunden entstanden sind, ob durch Menschenhand oder Tierbiss? Sollten wir neben einer natürlichen Ursache nicht auch ein mehrfaches Tötungsdelikt in Betracht ziehen? Vor allem: Sollten wir nicht erstmal gründliche Ermittlungen durchführen, bevor wie hier zu definitiven Aussagen kommen?«

Aber der Ermittler winkt ab, verweist auf seine profunden Kenntnisse und seine lange Erfahrung – nur konkrete Argumente für seine Einschätzung liefert er nicht. Ein Blick auf die leblosen Körper genüge ihm, behauptet er. »Ein Verbrechen ist kategorisch auszuschließen. Und außerdem«, fährt der Kommissar fort: »Menschen sterben halt, das kommt immer wieder vor. Manchmal halt auch sechs auf einmal.« So unwahrscheinlich der Zufall auch erscheinen möge, müsse man nicht gleich an ein Verbrechen denken, schließt er und klopft dem zweifelnden Kollegen väterlich auf die Schulter. »Hier jedenfalls gibt es offensichtlich keinen Fall und nichts zu ermitteln«, sagt der Kommissar, verlässt den Ort und freut sich auf einen unerwartet frühen Feierabend. Sein Assistent bleibt frustriert zurück.

Sie denken, von so einem unsinnigen Krimi habe ich ja noch nie gehört? Keine Ermittlungen, kein Verdacht – welcher Fahnder macht so einen miesen Job, ist das nicht Arbeitsverweigerung? Diese ganze Erzählung ist doch aus der Luft gegriffen und völlig unrealistisch! Sie haben natürlich recht, es ist kaum vorstellbar, dass ein erfahrener Ermittler bei einem derart dubiosen Leichenfund das Ganze vorschnell als natürliches Ereignis abhaken würde. Im Gegenteil, die Umstände würden seinen ganzen Ehrgeiz wecken, sich mit Hochdruck an die Aufklärung des Falles zu machen. Denn wer weiß, wie viele schreckliche Taten ein möglicher Mörder noch begehen wird?

Meine Darstellung ist also kein Krimi, sondern die Geschichte eines Skandals. Der besteht darin, dass der Kommissar nicht bereit ist, hartnäckig den Umständen dieses merkwürdigen Ereignisses auf den Grund zu gehen. Man müsste sich sogar fragen: Hat der Kommissar vielleicht ein Interesse daran, die Sache nicht weiterzuverfolgen?

Jetzt stelle man sich vor, es sind nicht sechs, sondern sechs Millionen Tote. So viele Menschenleben hat bis Anfang Mai 2022 COVID-19 – COVID steht für Corona Virus Disease, zu Deutsch: Coronavirus-Erkrankung, die 19 für das Jahr des Ausbruchs 2019 – nach offiziellen Angaben gekostet. Womöglich sind es sogar bis zu dreimal so viele.1 Und die Umstände, unter denen diese tödliche Pandemie ihren Anfang nahm, sind nicht weniger dubios als der fiktive multiple Leichenfund im Wald. Auch zu SARS-CoV-2, das Virus, das die Krankheit auslöst, wurde gleich zu Beginn von »internationalen Experten« des Fachgebiets ein Urteil gefällt, ohne die dafür notwendigen Informationen vorliegen zu haben. Es lautete: Der Ausbruch war ein natürlicher Vorgang, bei dem der Erreger – ausgehend von einem Tier – den Menschen infizierte, was als natürliche Zoonose bezeichnet wird. Alles, was das Auftauchen dieser Seuche dubios erscheinen lässt, müsste demnach reiner Zufall sein. Dazu zählt die frappierende Nähe der international bedeutendsten und größten Labore, die an Coronaviren forschen, zum Ausbruchsort in der chinesischen Millionenstadt Wuhan.

Die Experten aber gingen noch weiter: Jeder, der ihrem Urteil, COVID-19 gehe auf eine natürliche Zoonose zurück, nicht folge, sei ein Verschwörungstheoretiker. Das Renommee und der Einfluss dieser Fachleute sowie die politischen Rahmenbedingungen führten dazu, dass keine systematischen Ermittlungen zur Entstehung von SARS-CoV-2 durchgeführt wurden. Und auch die meisten Medien glaubten bereitwillig, dass es sich bei dem Virus um eine Naturkatastrophe handelt.

Sechs Millionen statt sechs Tote – und trotzdem kam es zu keinen ernsten Ermittlungen. Ein unglaublicher Skandal. Aber im Gegensatz zu den mysteriösen sechs Toten im Wald leider einer, der Realität geworden ist.

Alle Überlegungen, die eine nicht-natürliche Freisetzung von SARS-CoV-2 ins Spiel brachten, insbesondere solche, die eine Beteiligung eines Forschungsinstituts in Wuhan annahmen, erhielten den Stempel »Laborthese«. Dabei wurde in Kauf genommen, dass »Thesen« in der Wissenschaft kein sonderlich hohes Ansehen haben – man kennt sie beispielsweise als recht krude Behauptungen bei der Verteidigung mancher Doktorarbeiten. Auch religiöse und politische Anklänge mögen assoziiert werden, wie etwa bei den 95 Thesen von Martin Luther. Seriöse Annahmen in der Wissenschaft, die der Überprüfung würdig sind, nennt man Hypothesen oder – wenn sie in gut unterstützte Gedankengebäude eingebettet sind – Theorien. Daher bevorzuge ich für das, was hier nachfolgend diskutiert werden soll, den Begriff »Laborhypothese«. (Im Englischen wird zumeist von »lab-leak theory« gesprochen.)

Allerdings möchte ich betonen, dass es, entgegen der öffentlichen Darstellung in zahlreichen Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften, nicht nur eine einzige Laborhypothese gibt. Vielmehr gibt es eine Vielzahl an Varianten, welche die Freisetzung eines Virus im Labor- oder Forschungsumfelds als Möglichkeit in Betracht ziehen, bis hin zur absichtlichen Freisetzung eines Erregers, aus welchem Grund auch immer. Dabei muss es sich nicht zwingend um ein gezielt genetisch verändertes Virus handeln, wie fälschlicherweise oft angenommen wird. Die Übergänge zwischen den einzelnen Hypothesen sind vielmehr fließend: Im Labor oder außerhalb davon könnte auch ein natürliches Virus freigesetzt worden sein, das zu Infektionen unter Forschern und Außenstehenden führte.

Wie ich zeigen werde, gibt es in der Geschichte genügend Beispiele für derartige Unfälle. In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich in Bezug auf die Herkunftsfrage von SARS-CoV-2 jedoch eine Art Dualismus herausgebildet: Natur oder Labor. Weiß oder Schwarz. Gute Herkunft, böse Herkunft. Die Debatte trägt ideologische, fast schon pseudoreligiöse Züge, in der sich zwei Lager unversöhnlich gegenüberstehen – mit fatalen politischen Konsequenzen. Denn ein derartiges Freund-oder-Feind-Denken ist der Suche nach der Wahrheit nicht förderlich.

Die meisten Coronavirus-Experten sagen uns, man möge bitte an die gute natürliche Herkunft und nicht an einen bösen Laborunfall glauben. Aber wer hat ihnen eigentlich erlaubt, die Wahrheit zu beanspruchen oder gar zu pachten? Denn bis heute haben sie keine eindeutigen Beweise dafür vorgelegt, dass SARS-CoV-2 tatsächlich durch eine natürliche Zoonose zu COVID-19 führte. Ein Laborunfall erscheint immer noch möglich, vielen angesichts der vorliegenden Indizien sogar plausibel.

Genau darum geht es in meinem Buch: Es setzt sich dafür ein, statt blind Experten zu folgen, vorurteilsfrei und faktenbasiert die Wahrheit zu suchen, und zeigt, wie man das angehen kann. Auch wenn das nicht immer einfach ist, weil schon wissenschaftliche Wahrheit ein verdammt vertracktes Konzept ist. Aber eine Chance, die Wahrheit zu finden, gibt es mit Sicherheit nur, wenn eine offene wissenschaftliche Diskussion unter Berücksichtigung aller Evidenzen stattfindet – und unter Beteiligung aller, die dazu einen Beitrag leisten können und wollen.

Langfristig können sich insbesondere Naturwissenschaftler meistens gut auf eine übereinstimmende Ansicht einigen. Aber um dorthin zu gelangen, braucht es manchmal Jahrzehnte der Irrungen und Wirrungen. Neuartige, bislang unerklärte Phänomene werden aus diesem Grund in der Wissenschaft intensiv und oftmals kontrovers diskutiert und von unterschiedlichen Standpunkten aus beleuchtet. Normalerweise werden verschiedene Hypothesen aufgestellt, die gründlich überprüft und letztendlich bestätigt oder verworfen werden. Offene Diskussionen und ein tolerantes Klima der Meinungsfreiheit sind hier entscheidend.

Die Unterdrückung derselben durch Experten, die sich voreilig im Konsens auf eine kanonische Lehre verständigt haben, ist Gift für einen effizienten Wahrheitsfindungsprozess. Natürlich müssen nicht alle Hypothesen als gleichwertig behandelt werden – es gibt tatsächlich unzählige verrückte Verschwörungserzählungen, mit denen sich zu beschäftigen für einen Wissenschaftler nur Zeitverschwendung wäre. Ich werde also versuchen zu zeigen, was der Unterschied zwischen einer Verschwörungstheorie und einer brauchbaren wissenschaftlichen Hypothese ist, auch wenn es dafür keine glasklaren und universellen Kriterien gibt.

Damit die wissenschaftliche Debatte funktioniert, müssen sich die Beteiligten an bestimmte, seit Jahrzehnten bewährte Spielregeln halten. Dazu zählt, alternative Hypothesen als zulässig anzuerkennen, solange diese nicht durch Fakten widerlegt sind. Und dazu gehört ebenfalls, dass etwas erst dann als gesichert angenommen werden kann, wenn es eine zweifelsfreie empirische Grundlage gibt, die nicht auch anderweitig interpretiert werden kann.

Doch diese wichtigen Spielregeln wurden gleich zu Beginn der COVID-19-Pandemie gebrochen. Und die Regelbrecher haben sich auch nicht gescheut, noch einen Schritt weiterzugehen und einige derjenigen, die sich an die Regeln hielten, zu verunglimpfen. Damit haben sich entscheidende Protagonisten, darunter leider auch einige führende und weithin bekannte Coronavirusforscher, ins wissenschaftliche Abseits gestellt.

Sie fragen sich vielleicht, wie ich in die Debatte über die Laborhypothese überhaupt hineingeraten bin? Vereinfacht gesagt: aus Verärgerung. Als Biologe und manischer Konsument von Nachrichtensendungen habe ich in den ersten Wochen nach Ausbruch der Pandemie mit Verwunderung zur Kenntnis genommen, was man schon so verdammt schnell alles darüber wusste. Nicht nur, um welchen Erreger es sich handele, sondern vor allem, dass COVID-19 eine natürliche Zoonose und der Erreger angeblich von einem Tier auf einem bestimmten Markt in der chinesischen Stadt Wuhan auf den Menschen übergesprungen sei.

Doch durch den ersten Lockdown in Deutschland zu langen Spaziergängen genötigt, steigerte sich eine meiner lebenslangen Lieblingsfragen allmählich zu einem unüberhörbaren Geschrei: Woher wissen die das eigentlich? Also habe ich begonnen zu recherchieren, um Meinungen und Behauptungen von halbwegs gesichertem Wissen unterscheiden zu können. Und ich war entsetzt: Bezüglich der kritischen Fragen nach der Herkunft des Virus gab es nur mehr oder weniger plausible Einschätzungen, die als gesichertes Wissen ausgegeben wurden. Und das auch noch von Leuten, die eigentlich wissen sollten, wie wenig sie wissen.

Meine Neugier führte dazu, dass ich mit der Zeit auf immer mehr Unstimmigkeiten und sonderbare Zufälle stieß, die mir keine Ruhe ließen. Ich fragte mich, was der Grund dafür sein könnte, dass renommierte Wissenschaftler sich nicht an die wissenschaftlichen Spielregeln halten – und stellte schwere potentielle Interessenskonflikte fest. Ich wurde damit aber nicht zu einem Verfechter der Laborhypothese, sondern habe mich von Beginn an für eine offene und unvoreingenommene Erforschung aller Hypothesen starkgemacht, die nicht widerlegt sind. Denn die Wahrheit muss am Ende ans Licht kommen, worin immer sie auch bestehen mag.

Es ist wohl die mir zu eigene Grundskepsis, die mir das Ganze eingebrockt hat. Woher stammt sie? Geboren wurde ich 1962 in Mönchengladbach, eine Stadt im Niederrheinischen Tiefland, die im 19. Jahrhundert durch ihre Textilindustrie groß geworden war, aber zum Zeitpunkt meiner Kindheit die besten Tage hinter sich hatte. Als ich auf die Welt kam, waren meine Eltern – gemessen an heutigen Verhältnisse – sehr jung. Beide hatten, als sie selbst noch kleine Kinder waren, die Schrecken des Zweiten Weltkriegs miterleben müssen. Meine Mutter war dadurch offensichtlich traumatisiert. Sie besaß zwar sehr viel Empathie und einen unübertrefflichen sarkastischen Humor, war aber ein sehr unsicherer Mensch und misstraute jeder Idylle. Hinter jedem schönen Schein vermutete sie eine Tragödie oder Katastrophe und hortete Lebensmittel für die Zeit, bis es »wieder losgeht«, wie sie sagte. Diese Grundskepsis meiner Mutter hat mich stark geprägt, glaube ich.

Anders als meine Mutter war mein Vater kein ausgeprägter Gefühlsmensch. Er hatte Maschinenbau studiert, musste aber schon im Alter von gut 30 Jahren wegen einer schweren Erkrankung in Rente gehen. Daher war er viel zu Hause, unglaublich belesen – er hatte ja auch viel Zeit und ein riesiges Bücherregal. Ich habe viel von ihm gelernt. Bereits in der Grundschule konnte ich erklären, warum ein Wankel- eine viel intelligentere Erfindung als ein Dieselmotor ist und sich trotzdem nicht durchgesetzt hat – das hat damals aber niemanden interessiert. Meinem Vater verdanke ich die Einsicht, dass es unmöglich ist, etwas technisch absolut sicher zu machen. Ich erinnere mich lebhaft, wie er, immerhin Ingenieur, Ende April 1986 vor dem Fernseher saß und kopfschüttelnd auf die Bilder der rauchenden Trümmer von Tschernobyl blickte. Mein Vater war ein sehr extrovertierter, kommunikativer Mensch, stand gerne im Mittelpunkt und hatte viele Freunde und Bekannte in Künstlerkreisen. Mit diesen wurde bei uns zuhause nicht nur viel gegessen, geraucht und getrunken, sondern auch über Gott, Kunst und die Welt diskutiert. Autoritäten in Frage zu stellen, war in den 1970er-Jahren nicht nur bei uns daheim, sondern auch in der Schule normal, wurde von progressiveren Lehrern sogar gefördert. Bis heute habe ich mir diese Einstellung, alles zu hinterfragen, leider nicht abgewöhnen können.

Ich habe viele Interessen, etwa die Moderne Kunst. Allerdings war mir das Sujet immer auch ein wenig suspekt – denn es gibt kein klares Kriterium, was gute von schlechter Kunst oder Kunst von Nicht-Kunst unterscheidet. Beruflich wollte ich lieber etwas machen, bei dem es eindeutigere Qualitätskriterien gibt. Technik hatte mich zunächst fasziniert, ich war sieben Jahre alt, als erstmals Menschen auf dem Mond landeten. Und wie alle anderen zu der Zeit wurde ich vom Apollo-Fieber angesteckt. Aber im Gegensatz zu meinem Vater haben mich Maschinen irgendwann nicht mehr sonderlich interessiert. Er hatte die Zeitschrift Kosmos abonniert. Die Ausgaben und deren Begleitbücher habe ich regelrecht verschlungen, was mein Interesse an Naturwissenschaften weckte. Besonders faszinierten mich alle Fragen, die sich um das Phänomen Leben ranken: Was ist Leben? Wie ist das Leben entstanden? Wieso gibt es so viele verschiedene Lebewesen? Warum müssen wir sterben?

Dieses Interesse kam sicherlich nicht aus dem Nichts. Schon mein Großvater väterlicherseits war begeisterter Gärtner, Imker und züchtete Hühner. Mein Vater konnte sich leider nur einen Schrebergarten leisten, überließ diesen aber mit der Zeit in einigen Bereichen dem Wildwuchs – »wegen der Schmetterlinge«, wie er immer sagte. Insofern war er ein Pionier des Biodiversitätsgedankens. Mit Verweis auf die Satzung des Schrebergärtnervereins hatte man ihm den Garten irgendwann weggenommen. Halbwegs wilde Natur war in den Siebzigern in Deutschland auf wenige Naturschutzgebiete zusammengeschrumpft, es war die Zeit des grenzenlosen automobilen Optimismus. Daher musste ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg zu den wenigen relativ naturbelassenen Fleckchen Erde in der Umgebung von Mönchengladbach machen, um etwas zu erleben, das meiner Vorstellung einer heilen Welt nahekam. Dass aber selbst intakte Natur keine Idylle ist, wie manche Filme oder Bücher suggerieren, lernt man schnell, wenn man sich mit ökologischen und evolutionsbiologischen Mechanismen und Prinzipien beschäftigt. Lebewesen setzen sich im Kampf ums Dasein durch, weil sie eine gewisse Fitness haben – und nicht, weil sie unseren Vorstellungen von Harmonie genügen. So hatte ich bald mein Lebensthema gefunden: Ich wollte die lebendige Natur verstehen, so, wie sie ist, und nicht so, wie sie in naiven Kinderbüchern und Filmen dargestellt wird.

Heute lebe ich in Jena, einer beschaulichen Universitätsstadt in Thüringen, die so gerade die Schwelle zur Großstadt geschafft hat. Unschlagbar und für mich von großer Attraktivität ist die Natur rund um Jena herum – heute gedeihen und kreuchen an den Berghängen direkt hinter meinem Haus Pflanzen und Tiere, darunter viele seltene Orchideen und Schmetterlinge, von denen ich im Rheinland nach der Lektüre des Kosmos nur träumen konnte. Die reizvolle Umgebung war ein wichtiger Grund für mich, nach Jena zu gehen – eigentlich eine sehr unprofessionelle Entscheidungsgrundlage. Seit 2002 bin ich an der Friedrich-Schiller-Universität als Professor für Genetik tätig und beschäftige mich unter anderem mit der Evolution von Pflanzen. Mit Viren habe ich in meinem beruflichen Alltag nur wenig zu tun.

Auch deshalb stelle ich nach dem plötzlichen Auftauchen des Coronavirus SARS-CoV-2 um den Jahreswechsel zu 2020 zunächst nicht infrage, dass der Erreger (angeblich) auf natürliche Weise auf den Menschen übergesprungen ist. Doch die mir innewohnende Kombination aus wissenschaftlicher Neugier und Grundskepsis machte mir einen Strich durch die Rechnung – und mich zum Kritiker einer einseitigen Darstellung der Pandemie als vermeintliche Naturkatastrophe.

Um dies für die Öffentlichkeit nachvollziehbar zu machen, habe ich mich entschlossen, von meinem persönlichen Weg durch die Pandemie zu berichten. Wie und warum mir erste Zweifel kamen und mir klar wurde, dass renommierte Virologen offenbar gezielt versuchen, die Öffentlichkeit darüber zu täuschen, was wirklich über die Entstehung der Seuche bekannt ist. Denn sie waren es, die anfangs alle Überlegungen zu einem möglichen Laborunfall in Abrede stellten. Dabei scheinen, wie sich später herausstellte, auch falscher Ehrgeiz, Eitelkeit und eigene Interessen eine große Rolle gespielt zu haben.

Ich werde in diesem Buch zeigen, welche eklatanten Schwächen den Argumenten der Verfechter eines natürlichen Phänomens innewohnen, aber Macht und Einfluss dieser Gruppe eine wissenschaftliche Debatte dennoch im Keim ersticken konnten. Schlimmer noch, es gelang ihnen auch, weite Teile der Medien und der Politik von ihrem vorschnellen Urteil zu überzeugen und damit den Eindruck zu erwecken, alles jenseits ihrer Behauptung sei unwissenschaftlich. Und ich erzähle davon, wie ich mich schließlich dazu entschloss, selbst öffentlich für eine ehrliche und unvoreingenommene Debatte einzutreten. Doch es war zeitweise ein Kampf gegen Windmühlen und zu keinem Zeitpunkt war der Erfolg sicher.

Um meinen Überlegungen folgen zu können, bedarf es einer sachlichen Grundlage. Ich werde also wissenschaftliche Erkenntnisse aus meinem Fachgebiet so erläutern, dass sie hoffentlich jeder versteht, aber auch erklären, welche Hypothesen zum Ursprung von SARS-CoV-2 existieren und was nach heutigem Kenntnisstand für oder gegen sie spricht. Und es wird um die Frage gehen, wie letztendlich die Wahrheit ans Licht kommen könnte.

Manch einer – darunter auch anerkannte Forscher – fragt: Wen interessiert es überhaupt, wo SARS-CoV-2 herstammt? Was haben wir am Ende davon zu wissen, ob es ein natürliches Phänomen oder ein Laborunfall war? Eine Frage, über die ich mich nur wundern kann. Wir Menschen erforschen so esoterische Dinge wie die Gene, die die Entwicklung der Blüte in Orchideen steuern (meine Arbeitsgruppe beispielsweise), oder ob es schwarze Löcher im Zentrum weit entfernter Galaxien gibt. Die Entstehung eines tödlichen Virus hier auf Erden soll uns aber egal sein? Zumal die Aussicht besteht, dass wir der nächsten Pandemie weniger schutzlos ausgeliefert sind oder sie verhindern können, wenn die der Jahre 2019 bis 2022 verstanden ist.

Doch die Wissenschaft kann nur die richtigen Antworten liefern, wenn sie frei und unbefangen ist. Ein hohes Gut, das verteidigt werden muss. Denn in Zukunft werden von ihr auch Antworten auf viele andere drängende Fragen wichtig sein – angesichts von Herausforderungen wie Unterernährung, Wassermangel, Ressourcenverschwendung, Artensterben und Klimawandel. Die in letzter Zeit häufig bemühte Parole »Hört auf die Wissenschaft« wäre, wenn es beispielsweise um die Erderwärmung geht, eine verdammt unglaubwürdige Forderung, sofern die Wissenschaft ihren Ruf durch Einseitigkeit und Voreingenommenheit in der COVID-19-Pandemie gründlich ruiniert hätte.

Allein deshalb ist dieses Buch auch mein vielleicht nicht unbescheidener Versuch, als Wissenschaftler der Wissenschaft zu helfen, ihren guten Ruf zu bewahren. Das kann nur gelingen, wenn sich ihre Protagonisten darauf besinnen, dass es auf dem Weg zur Wahrheit zu einer rigorosen Anwendung wissenschaftlicher Methoden und kritischer Selbstreflexion keine Alternativen gibt. Und dass gefällige und interessengesteuerte Konsenslösungen kein Ersatz für Wissenschaft sind. Diese Erkenntnisse sind nicht zuletzt das Ergebnis meines mehr als zwei Jahre andauernden Kampfes dafür, dringend herauszufinden, wo SARS-CoV-2 herkommt. Und glauben Sie mir: Ein Kampf war es. Dabei begann eigentlich alles ganz friedlich.

2 Verstörende Bilder – die Unruhe vor dem Sturm

Silvester 2019 mache ich Bratäpfel. Ein süßer Duft nach gerösteten Mandeln und heißem Marzipan zieht durch das Haus. Über Weihnachten war ich nicht dazu gekommen, diese Leckerei, die Kindheitserinnerungen wachruft, zu fabrizieren. Doch meine Familie hatte protestiert und auf die Köstlichkeit bestanden. Und so gibt es nun am Silvesterabend Bratäpfel mit Vanilleeis. Nach Verzehr der leckeren Speise sitzen wir mit den Kindern vorm Fernseher und sehen uns ein paar der von Jahr zu Jahr peinlicher werdenden Fernsehshows an. Es ist eine behagliche, eine ruhige Zeit. Nichts deutet darauf hin, dass sich mein bis dahin recht unauffälliges Leben als Professor an einer mittelgroßen deutschen Provinzuniversität bald einschneidend verändern wird. Und nicht nur mein Leben, sondern das aller Menschen auf diesem Planeten.

An Neujahr lese ich eine Meldung aus China, in der von einer mysteriösen Lungenkrankheit in der Millionenstadt Wuhan die Rede ist. Ich bin zunächst wenig beunruhigt. Es soll sich nur um rund zwei Dutzend Fälle handeln. Einige Tage später wird bekannt, dass ein neuartiges Coronavirus hinter den Erkrankungen steckt. Bei »Corona« und »Virus« klingelt es nicht bei mir. Corona, das lateinische Wort für Krone und Kranz, war für mich bislang nur ein ausschließlich mit Limetten erträgliches mexikanisches Bier, das ein im Rheinland sozialisierter Altbiertrinker niemals über die Lippen bekäme. Aber was sollen »Kronenviren« sein?

Und dann kannte ich noch diese heiße, dünne Hülle der Sonne, die auch Corona genannt wird, die man nur bei totaler Sonnenfinsternis schön zu sehen bekommt. Schon wenige Wochen später kann ich über so viel Ignoranz nur noch lachen – alle Welt kennt jetzt Coronaviren.

Laut chinesischen Behörden gibt es zunächst keinen Hinweis, dass das neue Coronavirus von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Also erstmal kein großer Grund zur Sorge. Und so geht das Leben in Jena zunächst weiter seinen gewohnten Gang. In meinem Kalender sind für die ersten Wochen des Januars 2020 die üblichen beruflichen Routinen gegen Ende des Wintersemesters vermerkt. Vorlesungen und Seminare mit zunehmend nervöser werdenden Studenten, da die Prüfungen näherrücken. Dazu kommen Ausschusssitzungen und Arbeiten an Manuskripten für wissenschaftliche Veröffentlichungen. An den freien Sonntagen geht es mit unseren Kindern ins Schwimmbad. Auch zwei Besuche in unserem Lieblingscafé mit der Spielecke und dem großen Spielplatz ganz in der Nähe stehen auf dem Programm. Die Gespräche mit meiner Lebensgefährtin drehen sich meistens um Nebensächlichkeiten, wie dieses köstliche Gericht, das ich im Café gegessen hatte: Kräuterwaffeln mit Salat. Wir reden über Geburtstagsgeschenke für eine unserer Töchter oder um die bald zu organisierenden Prüfungen des Wintersemesters. Nur um eines geht es ganz sicher nicht: Viren.

Drei Wochen später, mitten in diesen Alltäglichkeiten, flimmern Bilder über den Fernseher, die ich so noch nie zuvor gesehen hatte. Sie stammen aus Wuhan und sind offenbar von einer Drohne aufgenommen worden. Zu sehen ist eine weite, erdige Fläche, auf der Dutzende bunter Bagger dicht an dicht stehen, sich ruckelnd drehen, ihre Arme heben und ins Erdreich senken. Eine seltsame Choreographie. Was geschieht dort nur? Ein Krankenhaus wird gebaut, erfahre ich. In nur wenigen Tagen sollen 1 000 Betten für Patienten mit der Lungenkrankheit entstehen, die das Coronavirus auslöst. Es klingt unvorstellbar. Vor allem, was das Tempo des Baus angeht. In Deutschland ist zu diesem Zeitpunkt der Hauptstadtflughafen BER noch immer nicht eröffnet, an dem seit mehr als zehn Jahren gewerkelt wird. In Wuhan setzen die Behörden offenkundig alles daran, um schnell eine große Zahl Patienten behandeln zu können. Ich spüre zum ersten Mal so etwas wie Beunruhigung. Was geht da vor sich?

Das Krankenhaus erhält den Namen Huoshenshan, was so viel heißt wie Feuergott-Berg. Entsprechend der chinesischen Fünf-Elemente-Lehre wird die Lunge vom Element Metall beherrscht, welches vom Element Feuer unterdrückt wird – so wird es in den Medien erklärt. Am Ende setzen Tausende Arbeiter die Notfall-Klinik in nur zehn Tagen aus Fertigbauteilen zusammen. Ein weiteres Krankenhaus mit 1 600 Betten wird wenig später eröffnet. China hat Erfahrung mit dem schnellen Errichten von solchen Gebäuden, wie es in den Nachrichten heißt. Schon 2003 war in Peking in Windeseile ein Krankenhaus aus dem Boden gestampft worden. Auch damals wegen einer zuvor unbekannten, aber oft tödlichen Lungenkrankheit: SARS.

SARS steht für Severe Acute Respiratory Syndrome, also schweres akutes Atemwegssyndrom. Die Krankheit wird ebenfalls von einem Coronavirus namens SARS-CoV ausgelöst, das ich zur besseren Unterscheidung in diesem Buch SARS-CoV-1 nennen werde. Etwa jeder zehnte Patient stirbt an einer Infektion. Nach den ersten Berichten aus Wuhan tauchen in meinem Kopf verschwommene Bilder von der SARS-CoV-1-Pandemie auf, Aufnahmen aus Flughäfen, auf denen bei Passagieren Fieber gemessen wurde.

Zwar hatte sich SARS im Frühjahr 2003 von Südchina aus um den Globus herum bis nach Deutschland ausgebreitet und weltweit ungefähr 800 Todesopfer gefordert. Aber die Zahl der Infizierten blieb mit etwas mehr als 8 000 überschaubar. In Deutschland gab es nur neun Fälle, keiner starb daran. Das Verblüffende war, dass die SARS-CoV-1-Pandemie nach nur wenigen Monaten wie von alleine abebbte. Vermutlich deshalb, weil dieses Virus erst die Lunge befiel. Dadurch merkten Erkrankte schnell, dass sie einen Infekt hatten, konnten zum Arzt gehen und sich isolieren lassen. Auch waren sie erst Tage nach den ersten Symptomen ansteckend. Zwar tauchte SARS-CoV-1 bis ins Jahr 2004 vereinzelt noch mal auf. Doch danach verschwand der Erreger spurlos.

Aufgrund dieser Erfahrung halte ich Anfang 2020 auch das neue, laut den Medienberichten SARS-artige Virus in Wuhan für ein Problem, das so groß nicht sein dürfte. Und vermutlich eins, das sich bald von selbst erledigt. Da es mit SARS-CoV-1 verwandt ist, erhält es schließlich den Namen SARS-CoV-2.1 Beide gehören zur selben Untergruppe der Coronaviren, den sogenannten Sarbecoviren, sind aber nicht besonders nahe miteinander verwandt. Ihr Erbgut unterscheidet sich um etwas mehr als 20 Prozent – und damit ist SARS-CoV-1 sicher kein direkter Vorfahre von SARS-CoV-2.

Anfangs spricht man bei SARS-CoV-2 auch noch vom »neuartigen Coronavirus« oder »2019-nCoV«. Auch der Name »Wuhan coronavirus« kursiert, man nimmt aber schnell Abstand davon, aus Furcht, eine ganze Stadt und ihre Bevölkerung zu stigmatisieren. Beim Marburg-Virus hatte man im Jahr 1967 noch weniger Skrupel. Es hat die liebenswürdige Universitätsstadt in Hessen weltweit bekannt gemacht, aber ich habe nicht den Eindruck, dass es ihrem Image sonderlich geschadet hat. Der Anfang 2020 noch amtierende US-Präsident Donald Trump spricht ebenfalls weiter vom »China Virus« oder »Kung Flu« (»flu« bedeutet auf Englisch »Grippe«).

Eine weitere Bezeichnung für das neue Virus, die sich nicht durchsetzt, ist »Wuhan Seafood Market Pneumonia Virus«, also »Wuhan-Meeresfrüchte-Markt-Lungenentzündungs-Virus«. Denn einige der ersten Erkrankten in Wuhan stehen in Zusammenhang mit dem Huanan-Meeresfrüchte-Markt (»Wuhan Huanan Seafood Wholesale Market«). In Asien werden derartige Einrichtungen als Nassmärkte (»Wet Market«) bezeichnet, weil dort die Böden nass vom schmelzenden Eis sind, mit dem Händler Fische und Krustentiere kühlen. Nicht nur Meeresfrüchte, alle möglichen Lebensmittel werden dort angeboten, von Obst und Gemüse bis hin zu Wildtieren aus den Wäldern Asiens, lebendig oder frisch geschlachtet. Der Huanan-Markt in Wuhan soll einer der größten seiner Art in Zentralchina sein.

Dass dort vermutlich ein mit SARS-CoV-2 infiziertes, illegal angebotenes Tier einen oder mehrere Menschen angesteckt hat, wird zu Beginn der Pandemie von Dr. George Fu Gao, dem Direktor der chinesischen Seuchenschutzbehörde Center for Disease Control and Prevention (CDC), verbreitet. Gao ist praktisch der Lothar Wieler Chinas. Seine Behauptung wird in den von mir genutzten Medien wie etwa MDR Info permanent wiederholt. Und wenn ich auch nie auf so einem Nassmarkt gewesen bin, war mir doch bei meinen zwei Besuchen in China aufgefallen, dass dort an vielen Stellen bemitleidenswerte Kreaturen angeboten werden. Von vielen war nicht immer klar, ob es sich um Kuscheltiere oder Delikatessen handelte. Ich hatte jedenfalls keine Probleme, mir diese als Quelle von Infektionskrankheiten vorzustellen. So klingt es für mich anfangs nicht nur wie eine erwiesene Tatsache, sondern auch absolut einleuchtend, dass ein Wildtier auf dem Huanan-Markt die Erkrankungen bei Menschen ausgelöst haben soll. Schließlich hatte man auch bei der SARS-Pandemie im Jahr 2003 schnell Wildtiere auf Märkten ausfindig gemacht, welche die Viren in sich trugen.

Die ersten SARS-Fälle bei Menschen waren bereits Ende 2002 in der südchinesischen Provinz Guangdong aufgetaucht, aber erst Anfang 2003 war man der Sache nachgegangen. Bei der Suche nach dem möglichen Ursprung wurden Forscher auf einem Markt in der Stadt Shenzhen nahe Hongkong fündig, wo Wildtiere in engen Käfigen vor sich hin vegetierten.2 Darunter Larvenroller (Paguma larvata) genannte Schleichkatzen, die in Südchina als Delikatesse gelten. In gleich mehreren dieser Tiere wiesen die Wissenschaftler das Virus SARS-CoV-1 nach, ebenso in einem Marderhund (Nyctereutes), einer Fuchsart, die äußerlich Waschbären ähnelt. Im Blut von Menschen, die auf dem Markt arbeiteten, wurden zudem verdächtige Antikörper gefunden. Vor allem bei jenen, die mit Wildtieren handelten oder sie schlachteten. Allerdings unterschied sich das menschliche SARS-CoV-1 leicht von dem in den Tieren entdeckten. Eine genaue Analyse der Unterschiede im Erbgut der Viren ergab, dass sich die Tiere nicht bei Menschen angesteckt haben können.3 Vermutet wurde aber auch, dass die Wildtiere auf dem Markt in Shenzhen, das rund 1 000 Kilometer südlich von Wuhan liegt, nicht der natürliche Ursprung des Virus waren. 2005 wurden SARS-ähnliche Viren in Fledermäusen entdeckt.4 Eine Spur zum direkten Vorfahren von SARS-CoV-1 führte später in eine Höhle in der chinesischen Provinz Yunnan. Allerdings fand der Forscher Ben Hu und sein Team dort nur die Bausteine für SARS-CoV-1 im Erbgut verschiedener Fledermausviren.5 Wie genau SARS-CoV-1 daraus entstand, bleibt auch fast 20 Jahre nach seinem Auftauchen unklar.6

Die entsprechende Publikation von Hu führt schon einige der Protagonisten im Drama um den Ursprung des Erregers von COVID-19 ein: Shi Zhengli als führende Coronavirusexpertin in China, Peter Daszak, der mit Millionen seiner Organisation EcoHealth Alliance die Studien mitfinanziert, und Christian Drosten, der Doyen der Coronavirusforschung in Deutschland, der als Editor der Studie fungiert. Sie und andere werden sich als regelrechte Seilschaft und Schicksalsgemeinschaft erweisen, die solidarisch alle kritischen Fragen nach dem Ursprung von SARS-CoV-2 abbügeln wird.

Von alledem habe ich in den ersten Monaten des Jahres 2020 keine Ahnung. Ich weiß aber, dass es keineswegs ungewöhnlich ist, wenn Viren, Bakterien oder sogar Pilze aus Tieren auf den Menschen überspringen und diesen krank machen. Man spricht dann von Zoonosen. Insgesamt schätzen Forscher, dass es sich bei 60 bis 80 Prozent der neu auftauchenden Seuchen (emerging infections) um Zoonosen handelt.7 Krankheiten aus der Tierwelt sind seit jeher eine Gefahr für Menschen. Spätestens mit der landwirtschaftlichen Revolution und der Domestizierung von Tieren vor etwa 10 000 Jahren springen massenhaft Erreger von Nutztieren auf uns über. Der Auslöser von Milzbrand oder Anthrax etwa, ein Bakterium namens Bacillus anthracis, lauert im Boden und befällt pflanzenfressende Tiere wie Kühe und Schafe. Beim Kontakt mit diesen Nutztieren können die Keime auch Menschen infizieren. Auch das Masernvirus ist vermutlich im späten Mittelalter von Rindern auf den Menschen übergesprungen.

Aber auch aus Wildtieren gelingt Bakterien und Viren immer wieder der Karrieresprung auf den Menschen. Die Folgen können dramatisch sein und im schlimmsten Fall Pandemien auslösen. Berühmtestes Beispiel ist die Pest, im Mittelalter »Schwarzer Tod« genannt. Bei ihr sind es Ratten, von denen aus das äußerst tödliche Bakterium Yersinia pestis