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Dieser Essay der nicht-normative Ethik handelt von solchen guten Taten, die sich nicht durch Normen, Gesetze und Gebote regeln lassen. "Gutes Fehlverhalten" zeigt sich in der Parabel von den Arbeitern im Weinberg als Paradoxon: Das kulante Zahlen gleichen Lohns auch für zu spät gekommene Arbeiter ist für den Betrieb ruinös - und ruft zudem den Protest der regulären Arbeiter hervor. Das Phänomen der nicht-normativen Ethik war schon in der antiken griechischen Tragödie bekannt und ist von zentraler Bedeutung in der jesuanischen Ethik. Moderne nicht-normative Ethik ist z. B. die Gewährung von Gnade und Kulanz. Die Aktualität und Brisanz des Themas zeigt sich angesichts des politischen Protests gegen "falsche" Wohltaten, wenn es etwa um die humanitäre Rettung und Versorgung von Migranten geht. Daher will dieser Essay über das Paradox des guten Fehlverhalten nachdenken und Hinweise zur Lebenspraxis der nicht-normativen Ethik geben.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Georg Rainer Hofmann
Kann es „gutes Fehlverhalten“ geben?
Ein Essay über nicht-normative Ethik.
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ISBN 978-3-534-40318-9
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-534-40320-2eBook (epub): 978-3-534-40319-6
Die Sache ist viel zu schwierig, kein Mensch darf es wagenhier ein Urteil zu fällen (…)[alles] bringt nur schweres Unheil, man weiß keinen Rat.
Aischylos, OrestieInterventionsbegründung der Athene in den Eumeniden
Ich bin nicht gekommen das Gesetz zu zerstören,sondern vielmehr, um es zu ergänzen.
Jesus von NazarethMatthäus, Kapitel 5, Vers 17
Rembrandt Harmenszoon van Rijn: Die Arbeiter im Weinberg (um 1648–1650). 15,2 × 19,5 cm. Feder, laviert. Pierpont Morgan Library, New York.
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Inhaltsverzeichnis
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Impressum
Der Prolog motiviert und erläutert, wovon die Rede ist
Einige Beispiele für paradoxe Szenen, die das Phänomen der nicht-normativen Ethik im Alltag zeigen
Die bekannte Parabel der Arbeiter im Weinberg schildert ein Paradoxon, ein Prärogativ und einen Protest
Normative Ethiken entsprechen einer generellen Neigung des Menschen
Die Schrift – das wirkungsvolle „Es steht geschrieben“ – ist wesentlich für die Modellierung normativer Gesetze und Gebote
Alle Normen haben einen endlichen Geltungsbereich, sie privilegieren die Folgsamen und diskriminieren die Unbotmäßigen
Das lokale „pseudo-gute“ Wohlergehen und der vergnügliche Hedonismus
Normen können absurd und schädlich sein, daher ist eine Normenkritik erforderlich
Die Prärogative, wie Gnade und Kulanz, begegnen den Unzulänglichkeiten der Rechtssysteme
Das göttliche Prärogativ ist ein Attribut absoluter göttlicher Herrschaft, die den Geboten nicht untertan ist
Der von Kant formulierte kategorische Imperativ erscheint als eine inhaltslose Formel
Die drei zentralen Elemente der nicht-normativen Ethik
Frühe Schilderungen nicht-normativer Ethik finden sich bei Aischylos in der Orestie
Die nicht-normative Ethik ist keine Normenverschiebung, wie sie die Fälle von Judith und Holofernes und Wilhelm Tell zeigen
Die Evangelien enthalten eine ganze Reihe von Parabeln und Episoden, die von nicht-normativer Ethik handeln
Drei Möglichkeiten der lebenspraktischen Gestaltung im Umgang mit den Paradoxa der nicht-normativen Ethik
Der intensive, aber substanzlose Protest der Vertreter der Norm
Die reaktionäre Revision – am Beispiel des Paulus von Tarsus
Der paradoxe Fall des Wolfgang Daschner
Normativ wirkende digitale Maschinen und die Funktionen OFF und ESC
Der Epilog zeigt mit der Rede von den Lilien auf dem Felde das Ende aller Normen
Eine Zusammenfassung: Die normative Ethik ist nicht vollständig und sie kann es nie sein. Ein ignoramus et ignorabimus existiert
Literatur zum Weiterlesen
Die Frage „Was soll ich tun?“ ist die zentrale Daseinsfrage für den Menschen. Das Planen und die Sorge um das richtige und gute Tun sind für die praktische Lebensgestaltung äußerst bedeutsam.
Die Leserschaft weiß, dass die genannte Frage von der Disziplin der Ethik beantwortet wird, beziehungsweise beantwortet werden sollte. Die Ethik versucht seit Anbeginn der Zivilisation, das richtige und das gute Handeln (den oder das Ethos – aus dem Griechischen εθος „Wesen, Charakter“ und ηθος „Sitte, Brauch, Gewohnheit“) so in Normen zu fassen, dass man den damit definierten ethischen Vorgaben in der Lebenspraxis folgen kann.
Die normativen Vorgaben können explizit formuliert werden; es sind Verhaltensregeln, herrschaftliche Gesetze und religiöse Gebote. Oder es werden konkrete vorbildliche Personen identifiziert, deren Verhalten als implizite Orientierung für das sogenannte „richtige Tun“ dienen kann. Aktuell erscheinen ethische Normen auch in Gestalt von normativ wirkenden Maschinen und digitalen Automaten, Algorithmen und Prozessen, die den Menschen zum „richtigen“ Handeln anleiten – oder ihn gar dazu zwingen.
Wird gegen solche normativen Vorgaben verstoßen, so ist von „Fehlverhalten“ die Rede. Das Fehlverhalten erscheint im Alltag in vielfältiger Form: als Verbrechen, Missetat, Vergehen, Ordnungswidrigkeit, Frevel, Sünde, Lapsus, schlechtes Benehmen etc. pp.
Wir wollen uns nun der Problemstellung „Warum sich das gute Handeln nicht vollständig durch Gesetze und Gebote regeln lässt“ mit vier Leitfragen nähern, um quasi die „Grenzen“ der formalen Gesetze und Gebote für das gute Handeln zu erkennen. Diese Fragen sind:
1. Ist der Mensch in der Lage, gute Taten zu vollbringen?
2. Lassen sich als „gut“ erkannte Handlungen in ethische Normen fassen und beschreiben?
3. Kann das konsequente Befolgen einer „Norm des richtigen Tuns“ ungute Folgen haben?
4. Lassen sich die als „gut“ erkannten Handlungen durch Normen vollständig beschreiben?
Die beiden ersten Fragen haben ziemlich triviale Antworten, auch die Antwort auf die dritte Frage erschließt sich aus der Alltagserfahrung und der juristischen Praxis relativ schnell.
Die Antwort auf die vierte Frage ist nicht so ganz einfach – sie ist der Gegenstand unseres eigentlichen Interesses. Wir wollen zeigen, dass sich das gute Handeln nicht komplett durch Gebote und Gesetze fassen lässt. Die Frage „Was soll ich tun?“ ist – normativ – nicht abschließend zu beantworten.
Leitfrage 1: Ist der Mensch in der Lage, gute Taten zu vollbringen? Das ist trivialerweise zu bejahen: Der zivilisierte Mensch kann Hilfeleistungen für andere Menschen erbringen, Wohltaten leisten, Almosen geben, Nutzen stiften, einen ehrenden und respektvollen Umgang pflegen – diese und andere Handlungen wird man unbestreitbar als „gute Taten“ einordnen. Mathematisch gesprochen gibt es eine „Menge der guten Taten“ als eine Teilmenge aller Handlungen, die dem Menschen möglich sind.
Man mag einwenden, dass man die Eigenschaft „gut“ für die Elemente der „Menge der guten Taten“ zunächst genau definieren müsste, damit diese Menge eine präzise Gestalt erhalten könnte. Aber wir wollen uns zunächst lediglich auf den Aspekt konzentrieren, dass diese „Menge der guten Taten“ eine Teilmenge aller möglichen Taten ist. Das kann man mit der Situation vergleichen, wenn Grundschüler im Unterricht zur Mengenlehre aus einer Grundmenge von bunten Bauklötzchen die „Menge aller roten Bauklötzchen“ selektieren sollen. Es mag Streitfälle geben, ob violette und rosafarbene Klötzchen noch zu den „Roten“ zu zählen wären. Die Existenz einer Teilmenge „Menge aller roten Bauklötzchen“ als solcher ist trotzdem nicht zu bestreiten.
