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G.W.F. Hegels "Wissenschaft der Logik" ist einer der schwierigsten Texte der philosophischen Literatur. Mit seiner Interpretation der dialektischen Methode hat Günter Alexander den Schlüssel für den Zugang zu Hegels Hauptwerk gefunden. Da die Methode konsequent unterhalb des sprachlichen Zugriffs arbeitet, leistet die Studie zum Werk Hegels auch eine Kritik sprachanalytischer und kommunikationstheoretischer Ansätze in der gegenwärtigen kulturwissenschaftlichen Forschung. Menschen irren, wenn sie glauben, daß sie denken, wenn sie sprechen. Zuweilen hat man Hegels Logik auch als Ethik gelesen. Daher lag es nahe, eine Anwendung auf das Thema selbst zu versuchen. Günter Alexander zeigt in dem Aufsatz "Grundlagen der Ethik", daß eine Selbstgesetzgebung (Kant) und Rechtfertigungsrituale wie z. B. in der Diskursethik (Habermas) überflüssig sind. Die Weltformel aller Ethik lautet: "Unser Interesse an tugendhaftem Handeln liegt auf der gleichen Ebene wie unser Interesse am Gelingen einer Handlung." Mit seinen "Spekulationen zur Kosmologie" wendet Günter Alexander die dialektische Methode auf einige philosophische Probleme der Physik an. Den Abschluß bildet ein kleines "Märchen vom Gelde", in dem die Ursachen für die gute und die schlechte Inflation gefunden werden.
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Seitenzahl: 423
Veröffentlichungsjahr: 2018
Günter Alexander
Das Wesen der Begriffe
Günter Alexander
Das Wesen der Begriffe
Eine Studie zu G.W.F. Hegels „Wissenschaft der Logik“
Tectum Verlag
Günter Alexander
Das Wesen der Begriffe. Eine Studie zu G.W.F. Hegels „Wissenschaft der Logik“
© Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018
ePub: 978-3-8288-6970-7
(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4128-4 im Tectum Verlag erschienen.)
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Die Logik der Logik
Einleitung
1) Das Sein
A) Sein, Nichts und Werden
B) Da-Sein, Qualität - und Etwas
C) Bestimmung, Beschaffenheit und Grenze
D) Das Endliche und das Unendliche
E) Das Eins, die Repulsion und die Attraktion
2) Die Quantität
A) Die Quantität als solche
B) Das Quantum
C) Die quantitative Unendlichkeit
D) Das quantitative Verhältnis
E) Das Maß
F) Exkurs: Die Spezielle Relativitätstheorie
G) Das Werden des Wesens
3) Das Wesen
A) Das Wesen als Reflexion in ihm selbst
B) Der Schein
C) Die Reflexion
D) Identität, Unterschied, Gegensatz und Widerspruch
E) Der Grund
F) Die Existenz
G) Das wesentliche Verhältnis
H) Die Wirklichkeit
a) Das Absolute; Auslegung, Attribut und Modus
b) Die Wirklichkeit
c) Das absolute Verhältnis
4) Der Begriff
A) Das Allgemeine, das Besondere und das Einzelne
B) Das Urteil
a) Das Urteil des Daseins
a.a) Das positive, negative und das unendliche Urteil
b) Das Urteil der Reflexion
b.a) Das singuläre, partikuläre und das universelle Urteil
c) Das Urteil der Notwendigkeit
c.a) Das kategorische, das hypothetische und das disjunktive Urteil
d) Das Urteil des Begriffes
d.a) Das assertorische, das problematische und das apodiktische Urteil
C) Der Schluß
a) Der Schluß des Daseins
a.a) Erste Figur E - B - A
a.b) Zweite Figur B - E - A
a.c) Dritte Figur E - A - B
a.d) Vierte Figur (der mathematische Schluß)
b) Der Schluß der Reflexion
b.a) Schluß der Allheit
b.b) Schluß der Induktion
b.c) Schluß der Analogie
c) Der Schluß der Notwendigkeit
c.a) Der kategorische Schluß
c.b) Der hypothetische Schluß
c.c) Der disjunktive Schluß
D) Die Objektivität
a) Der Mechanismus
b) Das Zentrum
c) Der Chemismus
d) Die Teleologie
5) Die Idee
A) Das Leben
a) Das lebendige Individuum
b) Der Lebensprozeß
c) Die Gattung
B) Das Wahre
a) Das analytische Erkennen
b) Das synthetische Erkennen
Exkurs: Einige (vorbehaltvolle) Gedanken zu den Grundlagen von Geometrie und Arithmetik
C) Das Gute
D) Die absolute Idee
6) Schluß
Grundlagen der Ethik
Einleitung
A) Widerstände
B) Die Geburt des Sittengesetzes
C) Die sittliche Praxis und das Recht
D) Paradoxien des Rechts und Antinomien der Sittlichkeit
a) Sittliche und normative Verhaltenserwartungen
b) Die Konstruktion der Verfassungsgesellschaft
c) Die Paradoxie des Rechts
d) Die Antinomie des Sittengesetzes
e) Der Zwang zur Denunziation
f) Der Verlust der Anerkennung
E) Schluß
Spekulationen zur Kosmologie
A) Das Ende
B) Der Anfang
C) Dunkle Hypothesen
a) Die Dunkle Materie
b) Die Dunkle Energie
D) Der Tunneleffekt
E) Die Seltsame Fernwirkung
F) Tachyonenwelten
G) Nachbarschaften
H) Paradoxien
I) Der Weg des Teilchens
J) Schluß
Das Märchen vom Gelde
Vorwort
Die Studie Logik der Logik ist das Ergebnis jahrelanger Versuche Hegels Wissenschaft der Logik zu verstehen. Nach meinem Buch Gegenwart und Gewißheit war ich sicher, daß ich mit meiner Interpretation der dialektischen Methode den Schlüssel für den Zugang zu diesem schwierigen philosophischen Text in der Hand halte. Ich hatte mich nicht getäuscht.
Da diese Methode unterhalb der Ebene des sprachlichen Zugriffs arbeitet, versteht sich meine Arbeit auch als Kritik der sprachanalytischen und kommunikationstheoretischen Ansätze in der neueren kulturwissenschaftlichen Forschung.
Hegels Logik wurde bisweilen als Ethik gelesen. Daher lag es nahe eine Anwendung auf die Ethik selbst zu versuchen. Ich halte alle Ethiken (die ich kenne) für handlungs- und gesellschaftstheoretisch unterbestimmt. Hier liegt ein Grund für die Inflationierung des Themas in allen möglichen Zusammenhängen. Die Weltformel aller Ethik(en) lautet: Unser Interesse an tugendhaftem Handeln liegt auf der gleichen Ebene wie unser Interesse am Gelingen einer Handlung.
Viele Naturwissenschaftler ahnen, daß ihre Ergebnisse ihren Ursprung in der Bewegung des Denkens selbst besitzen. Diese Vermutung motivierte mich zu einer spekulativen Kosmologie, die einige philosophische Fragen der Physik zu klären versucht. Bevor ich mich der Philosophie verschrieb, habe ich nur ein Grundstudium der Physik, Mathematik und Chemie absolviert. Daher habe ich versucht, auf der Höhe populärwissenschaftlicher Versuche zu argumentieren. Ich hoffe, daß ich mich nicht allzusehr blamiert habe. Vielleicht zeigt sich die Philosophie doch noch als die Basis aller Einzelwissenschaften.
Ich habe in meinem Leben sehr viele Menschen getroffen, die die einfachsten Grundbegriffe dessen, was man Geldwirtschaft nennt, nicht verstanden hatten. Daher habe ich mich entschlossen, das kleine Märchen vom Gelde als Abschluß des Ganzen zu bringen.
Die kleineren Arbeiten zu Grundlagen der Ethik, den Spekulationen zur Kosmologie und das kurze Märchen vom Gelde verstehen sich als Anwendungen der Erkenntnisse, die ich in der Hegelstudie gewonnen habe.
Die Logik der Logik
Einleitung
Unter einen allgemeinen Begriff der Logik fällt die Untersuchung der Regeln und Gesetze des Denkens. Das Denken ist eine menschliche Eigenschaft, die der Orientierung des Handelns in einer Umgebung dient, die von natürlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen vorgängig geprägt ist. Kontextnah dient das Denken dazu, Wahlmöglichkeiten aufzuzeigen und Entscheidungen zu finden, um angemessen in gegebenen Situationen zu agieren oder auf gegebene Situationen zu reagieren. Kontextfern eignet es sich gemäß dem Wahren, Schönen und Guten für die Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis, der kontemplativen Beschäftigung mit den zweckfreien Gegenständen der Kunst und der Wahl und Wertung von Handlungen in einer von Recht und sittlicher Praxis ausgelegten Welt. Das Denken bedient sich der Sprache.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entdeckte Gottlob Frege bei seiner Arbeit zu den Grundlagen der Arithmetik logische Unzulänglichkeiten der Alltagssprache. Damit begann die Sprache von der logischen Analytik und der Konstruktion von Idealsprachen aus über die Untersuchung der Umgangssprache unter dem Einfluß des amerikanischen Pragmatismus zu einem zentralen Thema der Kulturwissenschaften zu werden.1 Wenn Denken, Handeln und Sprechen in gesellschaftliche Strukturen eng verwoben sind, stellt sich auch der philosophischen Wissenschaft die Frage nach den Ursprüngen menschlicher Gemeinschaften.
Jeder Akteur in diesem Universum, ein Stein, eine Pflanze, ein Tier oder ein Mensch muß sich mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, an dem Ort, an dem er sich befindet, ein Bild von seiner Umgebung machen. Dieses Bild umfaßt in kosmologischem Ausmaß alle Rahmen- und Randbedingungen, vom Licht weit entfernter Galaxien bis hin zu intimsten Details des physischen und physiologischen Nahbereichs. Auf diese Deutung des Geschehens in seiner Umgebung reagiert jeder Akteur auf seine Weise und stellt damit sein Umfeld vor die Aufgabe, seinerseits das Verhalten des Akteurs zu interpretieren. Jeder Akteur steht damit in einem Dialog, der immer erst geschlossen ist, wenn zwei Instanzen einen eigenständigen Beitrag geleistet haben, - und die Geschichte des Universums einen Schritt voranschreitet.2
Alle tierischen Organismen, vom Einzeller bis zum Primaten, verschaffen sich einen aktualisierten Eindruck von ihrer Umgebung dadurch, daß sie ohne jede Vorstellung von den Folgen ihres Verhaltens willkürlich agieren und reagieren.3 Sie erschrecken gleichsam vor den Folgen ihres Tuns und gewinnen auf diese Weise einen geringen Spielraum für anschließende Aktionen. Aufgrund besonderer Entwicklungen ist es dem Menschen gelungen, die Enge dieses Dialogs zu sprengen und den Spielraum für seine Aktionen und Reaktionen zu erweitern.
Der aufrechte Gang, die Bewegung der Hände im Gesichtsfeld, das Zurücktreten sensorischer Schemata für Geruch, Geschmack und Gehör gegenüber haptischen und visuellen Wahrnehmungen haben dazu beigetragen, daß die Orientierung in feindlicher Umwelt von einer Distanz zu den zuvor unmittelbar verhaltensrelevanten Instinkthandlungen geprägt wurde.4
Obwohl eine rudimentäre Distanz zu seiner Umgebung gegeben war, konnte der frühe Mensch keine intentionale Eigeninitiative ergreifen und sich bemühen, die Folgen einer Handlung vorherzusehen. Es blieb ihm nichts übrig, als zu versuchen, sich seiner Interpretation eines Geschehens zu versichern, indem er es durch eigenes Verhalten wiederholt sieht. Mit diesem eher bescheidenen Wunsch, sich eines Eindruckes zu vergewissern, entsteht die erste Vorstellung vom zukünftigen Zustand seines Gesamteindruckes, die später, wenn er eigene Pläne zu schmieden versteht, an Bedeutung gewinnen wird.
Wenn nun in seiner Umgebung eine Veränderung eintritt, muß sich der Akteur ein Bild von dem Geschehen machen, das untrennbar Teil eines umfassenden Kontextes ist. Ohne jede blasse Ahnung von den Ursachen für die Veränderung, stellt er sich die Reproduktion des Geschehens vor Augen und versichert sich damit intentional seiner Welt. Er agiert mit einer Geste, die es darauf anlegt, die Veränderung seiner Umgebung einschließlich aller Rahmen- und Randbedingungen reproduziert zu sehen. Mit dieser Geste setzt der Akteur alles auf eine Karte und bringt seine gegenwärtige Befindlichkeit zum Ausdruck.
Der Wunsch, das Geschehen, dessen er sich versichern möchte, wiederholt sehen zu dürfen, geht nicht in Erfüllung. Doch sogleich repräsentiert sich ein Weltausschnitt, dessen Erscheinung sich der Akteur selbst intentional vor Augen gestellt hat. In diesem neuen Kontext haben nun wieder Veränderungen stattgefunden, deren Auftreten sich der Akteur jedoch nicht selbst zurechnen kann, auch wenn die Folgen seiner Geste zu diesen Ereignissen zählen. Wenn er sich nun erneut ein Bild von den Veränderungen macht, die im Rahmen seines Gesamteindruckes aufgetreten sind, kann er sie in eine Relation setzen zu einer Macht, die Ursache für alle Veränderungen ist. Damit ist die erste Relation von Ursache und Wirkung gefunden und die Phase der Vergegenwärtigung der Form nach entwickelt. Von den vier Komponenten der Bewegung von Vergegenwärtigung und Vergewisserung sind nun schon drei vorhanden.
Wenn der Akteur in eine aktive Haltung wechselt und sich die Wiederholung eines Geschehens als Intention vor Augen stellt, besitzt er noch keine Kontrolle über die Wahl der Mittel, mit denen er sein Vorhaben in die Tat umsetzen könnte. Die Geste, mit der er sich zu versichern sucht, ist nur bestimmt von seiner umfassend aktuellen Befindlichkeit. Er kann sich auch keines der Ereignisse, die er mit seiner Geste verursacht, selbst zurechnen. Ganz gleich, ob er Stein oder Stock wirft oder nur die Hand im Gesichtsfeld bewegt, ganz zu schweigen von den Geräuschen einer Lautgebärde5, jede weitere Veränderung, die auf den Versuch folgt, sich zu vergewissern, muß er einer fremden Macht zuschreiben. Kaum der Erwähnung wert, daß er sich auch keine andere Vorstellung von einem zukünftigen Geschehen als Intention vor Augen stellen kann, als die Wiederholung selbst.6
Die Genesis steckt in der Krise. Um die weitere Entwicklung voranzutreiben, bedarf es der Interaktion zweier Akteure, die den Reifeprozeß der frühen Entwicklung schon durchlaufen haben. Was geschieht nun, wenn zwei Akteure wechselseitig versuchen, sich ihrer Interpretationen eines Geschehens zu versichern.
Wenn Ego an einem Alter eine Geste wahrnimmt, der er sich versichern möchte, muß er Alter mit einer Geste auffordern, sein Verhalten zu wiederholen. Alter versteht die Geste Egos nicht als Aufforderung, sondern kann nur seinerseits versuchen, sich seines Eindruckes zu versichern, und richtet seine Geste mit der Bitte der Wiederholung an Ego. Beide treten in einen engen Dialog, der fortlaufend von widersprüchlichen Haltungen zueinander geprägt ist.
Auf jede Aktion Egos folgt die Rekonstruktion des Geschehens durch Alter. Das Bild des Geschehens setzt Alter in Relation zu seinen Prämissen, die neben dem Verhalten Egos auch den gesamten Kontext umfassen. Mit dem Bild von der Wiederholung des Geschehens als Vorstellung vom zukünftigen Zustand seiner Umgebung vor Augen wählt Alter seine eigene Befindlichkeit als Prämisse für die Realisierung seines Vorhabens und kommentiert so auf charakteristische Weise die Geste Egos. Beide Akteure geraten in eine Endlosschleife und scheitern fortgesetzt mit ihrer Absicht, sich auch nur ein einziges Mal ihrer Deutung des Geschehens zu versichern. Daher werden sie die Interaktion früher oder später, einzeln oder gemeinsam, auf irgendeine Weise abbrechen wollen.
Bei der Interaktion zweier Akteure, die sich ihrer Deutung der Gesten des je anderen versichern wollen, indem sie ihn zur Wiederholung auffordern, handelt es sich um einen hochfrequenten Schlagabtausch, bei dem die Beteiligten in strengem Taktmaß zu jedem Zeitpunkt gegenteilige Haltungen zueinander einnehmen. Es ist nicht möglich, daß sich beide gleichzeitig in demselben von zwei Zuständen befinden.7 Ein Abbruch der Interaktion ist daher nur möglich durch eine ausdruckstarke Willensäußerung, die ohne ein Bild von den möglichen Konsequenzen erfolgt. Eine solche Äußerung heißt willkürlich und besitzt den Charakter eines Gesetzes.8
Wenn Ego die Interaktion durch einen Willkürakt abbricht, bleiben Alter drei Möglichkeiten der Reaktion:
1) Alter erschrickt und flieht.
2) Alter versucht erneut, Ego zur Wiederholung der Geste aufzufordern.
3) Alter läßt sich einschüchtern und reagiert mit einer Symptomhandlung.
1) Erschrecken ist (wie das Fluchen) eine willkürliche Handlung. Alter vergegenwärtigt sich die Geste Egos, setzt sie in Relation zu ihren Ursachen, die in der aktuellen Befindlichkeit Egos zu vermuten sind, wechselt in eine aktive Haltung und reagiert, ohne eine Vorstellung von den Folgen seines Tuns. In diesem Fall haben beide die Interaktion durch zwei willkürliche Handlungen gesprengt.
2) Ego hat nach seiner willkürlichen Geste den intentionalen Bezug zum Kontext verloren und verschafft sich wie ein Tier nur eine Momentaufnahme des Folgegeschehens. Er bemerkt die Aufforderung zur Wiederholung durch Alter als Ereignis, dessen er sich nun wieder erneut intentional versichern kann. Beide treten nach kurzer Unterbrechung wieder in den Teufelskreis der Interaktion und es mag sein, daß es nun Alter ist, der mit einer willkürlichen Geste abbricht. Unter den gegebenen Bedingungen entwickelt sich die Interaktion zu einem Machtkampf, in dem jeder Unterlegene irgendwann Möglichkeit 3) nutzen wird.
3) In dem Moment, da Ego die Interaktion mit einer willkürlichen Geste abzubrechen versucht, vergegenwärtigt sich Alter das Geschehen als machtvolle Äußerung eines frühen Gesetzgebers. Eingeschüchtert wählt Alter zum ersten Mal ein individuelles Set an Prämissen mit einer nur vagen, aber vorhandenen Erwartung an mögliche Folgen. Die Handlung richtet sich nicht an Ego, sondern wird wohl eher einem scheuen, peinlichen, demütigen Verhalten gleichen, wie man es aus frühen Slapstickfilmen nach den genreüblichen Katastrophen von Oliver Hardy kennt.9 Beschreiben wir die Bewegung dieser Symptomhandlung.10
Die Geste Egos, die mit einem Wutausbruch gleichsam Innehalten gebieten will, versetzt Alter wegen des Willkürcharakters einen gehörigen Schrecken. Das Bild, das er sich macht, besteht daher in einer Momentaufnahme, in der alle Bewegung erstarrt ist. Alter setzt das Bild des Geschehens in Relation zu einem Set an Prämissen, das immer noch, neben dem umfassenden Kontext, Egos Verhalten entnommen ist. Nach Wechsel in eine aktive Haltung zu seiner Umgebung, erfindet Alter unter dem Eindruck des Geschehens eine (leere) Erwartung an den zukünftigen Zustand seines Gesamteindruckes, wählt Prämissen, die seine aktuelle Befindlichkeit abbilden - und provoziert durch eine Geste eine Entscheidung über deren Gehalt.
Das folgende Geschehen ist für Alter damit Resultat einer Intention, auch wenn das Bild, das er sich zuvor von dem zukünftigen Zustand seiner Umgebung gemacht hat, nur eine leere Erwartungshaltung war. Er rekonstruiert das Geschehen, rechnet sich die Konsequenzen selbst zu, setzt das Bild, das er sich gemacht hat, in Relation zu Prämissen, die er bei sich selbst findet, und kommentiert das Geschehen mit einer Geste, die den Anspruch erhebt, eine Reproduktion des Ereignisses herbeiführen zu können. Damit ist die erste Bewegung intentionalen Handelns geschlossen.
Wenn er nun hartnäckig versucht, die Folgen seiner Geste tatsächlich zu reproduzieren, wird er unweigerlich feststellen müssen, daß kein Ereignis, das er sich selbst zuschreiben kann, mit der Erwartung übereinstimmt. Er droht, wie im Dialog mit seinem Partner, in eine Endlosschleife zu geraten, in der er gleichsam experimentell immer wieder versucht, ein Geschehen, das er sich zu reproduzieren vorgenommen hat, aus eigenem Antrieb wiederholt sehen zu wollen. Irgendwann wird er angesichts der Tatsache, daß er stets scheitert, aufgeben, obgleich er immer wieder die tückische Erfahrung macht, daß er genau das erreicht, was er hätte erreichen können, wenn er sich zuvor die konkreten Folgen als Bild eines zukünftigen Geschehens vor Augen gestellt hätte. Daher kommentiert er das Geschehen nur noch mit einer Geste, die die Handlung selbst nur andeutet.
Das Wesen dieser Andeutung besteht in einer Vorstellung vom zukünftigen Zustand seines Gesamteindruckes. Doch mit dieser Geste ist die Absicht verbunden, gerade nichts, aber auch gar nichts wiederholt sehen zu wollen. Eine solche Geste heißt zweckfrei. Wenn der Akteur sich danach ein Bild von seiner Umgebung macht, sieht er sich einem Kontext gegenüber, dessen er sich zum ersten Mal intentional versichert hat. Er versetzt sich selbst in eine rudimentär-ästhetische Haltung zu seiner Umgebung. Damit hat er die notwendige Distanz gewonnen, um nun wirklich eigene Pläne zu schmieden.
Es schließt sich nunmehr eine Bewegung, die mit dem bescheidenen Wunsch einsetzte, sich eines beliebigen Geschehens in der natürlichen Umgebung zu versichern, und es bildet sich (unter der Herrschaft des Rechts) eine intentionale Haltung heraus, in der es erlaubt scheint, die der Form nach leere Erwartung einer frühen Symptomhandlung mit einem selbst entworfenen Bild von möglichen Handlungsfolgen zu schmücken. Die Demütigung durch einen ersten Gesetzgeber, die mit dem Zwang zur Intentionalität verbunden ist, verbindet sich mit der Erfahrung, zur Verwirklichung eigener Vorstellungen fähig zu sein.11 Auch die Vergewisserung von Ereignissen in der Umgebung des Akteurs verändert sich damit.
Konnte er als Ursache für das Geschehen zunächst nur vage den Kontext in kosmologischem Ausmaß verantwortlich machen, kann sich sein Interesse jetzt auf die absichtliche Wiederholung eines Ereignisses richten, bei der die Reproduktion des Kontextes in den Hintergrund tritt. Aus der Bewegung heraus, die mit dem Bedürfnis einsetzte, sich eines Geschehens zu versichern, das seinen Gesamteindruck verändert hat, sind für den Akteur alle vier Komponenten des Prozesses von Vergegenwärtigung und Vergewisserung entstanden.
1) Das intentional vermittelte Bild vom unmittelbar gegenwärtigen Zustand seines Gesamteindruckes. 2) Eine sehr hypothetische Vermutung über mögliche Ursachen einer beobachteten Veränderung. 3) Die Intention als Erwartung an den zukünftigen Zustand des Gesamteindruckes. 4) Die Wahl der Prämissen, über die (in Relation zu der Erwartung an die Folgen einer Handlung) eine Entscheidung herbeigeführt werden soll.
Die Kontextbindung aller Akteure, die sich zur Intentionalität genötigt sehen, folgt dem Takt der Bewegung von Vergegenwärtigung und Vergewisserung, seien es autonome Ereignisse im Kontext selbst, hochfrequente Interaktionen mit anderen Akteuren oder Handlungsfolgen eigener Intentionen. Doch immer ist die Erfahrung vorhanden, daß es eine gegnerische Instanz gibt, die über das Schicksal aller Versuche, sich zu vergewissern, zu entscheiden scheint. Zur weiteren Erläuterung gebe ich ein einfaches Beispiel:
Nehmen wir an, jemand schlägt mit einem Hammer einen Nagel in eine Wand. Wer entscheidet darüber, wieweit die Spitze des Nagels in die Wand eindringt? Derjenige, der nun meint, er sei es selbst, bewaffnet mit Werkzeug und dem Willen zur Tat, befindet sich in Widerspruch zu den meisten religiösen Überzeugungen, vielen philosophischen Meinungen - und zu den Erkenntnissen der modernen Physik. Selbst die Kenntnis aller Prämissen in kosmologischem Ausmaß wäre nicht in der Lage das Folgegeschehen, das von dem Schlag verursacht wird, vorherzusehen. Wenn man akzeptiert, daß stets eine gegnerische Instanz eigenwillig über alle Handlungsfolgen entscheidet, mag man fragen, wie sie es denn tut. Es gibt vier Möglichkeiten:
1) Die gegnerische Instanz entscheidet willkürlich. Das bedeutet, daß der Gegner ohne Rücksicht auf den Akteur ein Set an Prämissen wählt, und ohne jede Vorstellung von den Folgen per Schicksalsschlag in ein Ereignis wandelt. Auch wenn das Ergebnis nur wenig von der Erwartung des Akteurs abweicht, gilt es als übermachtvolle Demonstration. Damit hätten wir den unberechenbar zornigen, gesetzgebenden Gott des Judentums.
2) Die Entscheidung fällt intentional. Der Gegner wählt zu jedem Set an Prämissen, das ihm zur Entscheidung vorgelegt wird, ein alternatives, besitzt als einziger eine glasklare Vorsehung von den Folgen seiner Entscheidung und will die Akteure wegen ihrer Fehlbarkeit nachsichtig eines besseren belehren. Dieser Gegner repräsentiert den Gott der Katholiken, für die jede Entscheidung eine liebevolle Offenbarung darstellt.
3) Jedes Set an Prämissen, das nach Wahl des Akteurs zur Entscheidung ansteht, wird ohne alle Abstriche mit kausalmechanischer Präzision vom Gegner in die Tat umgesetzt. Dies stellt den Akteur stärker als bei allen anderen Varianten vor die Frage, warum er mit keiner einzigen seiner Intentionen jemals Erfolg hat, obgleich ihm alle Handlungsfolgen stets vor Augen führen, daß er im Prinzip in der Lage sein müßte, sämtliche Folgen seiner Handlung vorherzusehen. Damit haben wir den Gott der reformierten Kirchen gefunden.
4) Über jedes Set an Prämissen, das ein Akteur zur Entscheidung vorlegt, entscheidet eine autonome Instanz gemäß den Vorgaben der modernen Physik. Damit dominiert ein Dialog alles Geschehen, in dessen in sich geschlossener Bewegung beide Beteiligte nach festgesetzter Choreographie wechselseitig stets gegenteilige Haltungen zueinander einnehmen. Erst wenn der Dialog geschlossen ist, schreitet der Weltlauf einen Schritt voran.12
Mit der Reformation wurde die Bewegung des Denkens, in der gemäß 3) alle Ereignisse so kommentiert werden, als könne der Akteur das Geschehen in Kenntnis aller Rahmen- und Randbedingungen exakt reproduzieren, zum Treibsatz naturwissenschaftlicher und gesellschaftlicher Evolution.13 Im gnadenlosen Takt einer intentionalen, reflexiven Beziehung zum Kontext wird jeder Akteur mit seinem fortgesetzten Scheitern konfrontiert und erfährt in derselben Bewegung des Bewußtseins, daß er offensichtlich in der Lage sein sollte, alles, was er sich vornimmt, mit erstaunlicher Perfektion in die Tat umsetzen zu können. Jede Rekonstruktion einer Relation aus dem Bild von Handlungsfolgen und einem (hypothetischen) Set an Prämissen vermittelt daher die Überzeugung, daß es zu jeder möglichen Ursache ein fiktives Abbild geben sollte, das die Wirkung exakt vorwegnimmt.
Vor dieser Instanz, die dafür sorgt, daß keine einzige Intention erfolgreich ist, während sie gleichzeitig jedem Akteur offenbart, daß er im Prinzip dazu in der Lage sein sollte, Wunsch und Wirklichkeit in exakte Übereinstimmung zu bringen, sind alle Menschen gleich. Die Funktionalität dieser plausiblen Irrationalität revolutioniert Wirtschaft und Gesellschaft, Naturwissenschaft und Technik sowie Kunst und Kultur.14
Im Zuge des raschen industriellen Fortschritts im 19. Jahrhundert emanzipierte sich die Mathematik von ihrer Rolle als Hilfswissenschaft für Naturwissenschaften, Technik und Kriegshandwerk.15 Die Fülle arbeitsteilig gewonnener Erkenntnisse führte in der 2. Hälfte des Jahrhunderts zu Anstrengungen, die Ergebnisse der Forschung zu ordnen und zu erden. Es zeigte sich, daß selbst vermeintlich einfache Fragen nach der Natur der Zahlen wegen ihrer selbstverständlichen Anwendung in der Routine des Alltags ungeklärt geblieben waren.16
Das Bewußtsein von der Realitätsferne der Mathematik17 entstand in Co-Evolution mit dem Versuch einer Grundlegung der Arithmetik in den logischen Strukturen der Lebenswelt.18 Die Reinigung der Umgangssprache von allen schlechten Gewohnheiten und die saubere Begründung aller Begriffe der Mathematik bilden den Beginn einer Entwicklung, an deren Ende es so schien, als könne man die Philosophie als Ganze mit Sprachkritik identifizieren.19 Doch was ist Sprache?
Voraussetzung für die Entstehung von Sprache ist die abgeschlossene Konstitution eines Kollektivs mit intentional agierenden Akteuren unter der Herrschaft des Willkürverbotes. Alle Absichten, die die Akteure in sittlich-praktischem Lebensraum verfolgen, sind wegen des Zwanges zur Intentionalität nur Symptomhandlungen. Die Folgen dieser intentionalen Ausweichmanöver weichen zwanglos von der Erwartung ab, die der Akteur an seine Tat gerichtet hatte. Nach allen Versuchen, sich seiner Deutung des Geschehens zu versichern, indem er es auf eigenes Tun hin wiederholt sieht, muß sich der Akteur mit der Andeutung einer Geste zufriedengeben, die die Reproduktion des Geschehens symbolisiert. Das Wesen der Andeutung besteht in einer Intention, die in der Welt nichts verändert sehen möchte. Daher kehrt der Akteur in eine Haltung zurück, in der er eine rudimentär-ästhetische Distanz zu seiner Umgebung erfährt.
Doch alle Alter, die sich die Handlung Egos vergegenwärtigen, sie in Relation setzen zu dem Akteur als Verursacher und ihn um Reproduktion seines Tun bitten, um sich ihrer Deutung zu versichern, unterstellen ebenso zwanglos, daß es unserem peinlich berührten Akteur gelungen sei, Wunsch und Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen. Jeder Beobachter kommt zu dem Schluß, daß es sich bei der Handlung Egos um eine perfekte Tat gehandelt habe.20
Solange seine Beobachter auf der Reproduktion der Tat bestehen, geraten beide Seiten in eine konfliktreiche Interaktion, an deren Ende immer nur die Selbstbestätigung der Konstitution des Kollektivs steht. Erst wenn alle Akteure im sittlich-praktischen Lebensraum alle ihre Handlungsfolgen in Andeutung kommentieren, verändert sich der Charakter der Auseinandersetzungen. Jeder seiner Beobachter, von denen nun keiner mehr auf den Gedanken kommt, sich der Tat selbst versichern zu wollen, da sie sonst wieder in leidige Mißverständnisse verstrickt werden, will sich nun der Geste versichern, mit der ein Akteur seine eigene Interpretation des Geschehens öffentlich macht.
Wenn sich Alter einer andeutungsvollen Geste versichern will, muß er Ego bitten, seine Geste zu wiederholen. Ego sieht Alter eine Geste machen, die seiner Andeutung entspricht, und fordert seinerseits Alter auf, seine Geste zu wiederholen. Beide geraten wieder in eine Auseinandersetzung, die der ausweglosen ersten Interaktion zu entsprechen scheint. Doch nun meinen beide, das gleiche Thema im Auge zu haben - auch wenn es gar nicht stimmen sollte.
Man darf nicht vorschnell meinen, daß diese Auseinandersetzung zu einem Ergebnis führen könne, bei dem sich beide über die Bedeutung ihres Tuns einigten. Die Interaktion ist ebenso ausweglos wie die erste. Alter kann Egos Andeutung gar nicht richtig deuten, sondern nur um Wiederholung bitten, um sich zu versichern. Doch was nun geschieht ist wichtiger als eine Einigung über die Intentionen und das Ergebnis der Handlung Egos. Es ist die Konstitution eines intersubjektiv und intentional geschaffenen gemeinsamen Kontextes.21
Nach jedem Versuch, sich der andeutenden Geste des anderen zu versichern, kehrt jeder Akteur zurück in eine rudimentär-ästhetische Haltung, in der sich ihm ein Kontext präsentiert, der von beiden gemeinsam intentional geschaffen wurde. Jeder Akteur sieht den anderen eingebettet in eine Umgebung, in die hinein zu handeln möglich ist, und es entsteht ein Verständigungsprozeß, dessen Ergebnis, bei allen möglichen Mißverständnissen, ein sittlich-praktischer Lebensraum ist, den beide gemeinsam für den ihren halten. Ein Beispiel:
Ego vollzieht eine demütige Symptomhandlung unter der Ägide des Rechts, das nichts weiter gebietet, als intentional zu handeln. Er hebt einen Stein auf (noch ohne jede Absicht, ihn zu werfen). Ego versichert sich der Handlungsfolgen, indem er Bücken und Greifen noch einmal in Andeutung nachvollzieht und verschafft sich auf diese Weise einen authentischen Gesamteindruck mit Stein in Hand. Dabei hat einzig Ego die Abweichung der Handlungsfolgen von seiner Erwartung klar vor Augen. Alter will sich seiner Interpretation des Geschehens versichern, indem er Ego um Wiederholung der andeutenden Geste bittet. Die Geste Alters trägt Züge der Geste Egos, der nun seinerseits Alter nur bitten kann, seine Geste zu wiederholen. Beide geraten in eine Auseinandersetzung, bei der das wirkliche Geschehen (das nicht das war, was Ego wirklich gewollt hatte) im Zentrum steht. Es entsteht eine erste themenzentrierte Interaktion, in der beide versuchen, sich ihrer Deutung eines (gescheiterten) Bücken und Greifen zu versichern.
Ego kann die Interaktion nicht durch eine neue Intention abbrechen (und Willkür ist verboten). Es macht für ihn auch keinen Sinn, eine gescheiterte Handlung zu wiederholen. Auch Alter kann sich keine eigenen Ziele vorstellen, solange sich seine Gesten an Ego richten. Doch Alter, für den zwar auch jeder Versuch scheitert, da Egos Reaktion nie seinen Erwartungen entspricht, mag dennoch die Initiative ergreifen und selbst das tun, dessen er sich zu versichern suchte.
Wie zu Anfang, als der Wunsch nach der Wiederholung eines Ereignisses das erste Handlungsziel vorgab, ist es nun Egos Verhalten, das für Alter zu einer veritablen Intention werden kann. Alter kann die Interaktion unterbrechen, indem er das, was er an Egos Verhalten gedeutet hat, wirklich nachvollzieht.
Mit einer Intention vor Augen, die sich auf den Zustand seines Gesamteindruckes nach der Tat bezieht, bückt sich Alter und greift einen Stein. Damit übernimmt Ego nun die Rolle Alters, wenn er sich dessen Tat stellt. Alters Handlung hat den Charakter einer Symptomhandlung verloren, beruht jedoch nicht auf Eigeninitiative, sondern ist von seiner Interpretation der ursprünglichen Handlung Egos vorgegeben. Beide geraten mit vertauschten Rollen in eine neue Interaktion, die nun Ego nur durch eine Imitation des Verhaltens Alters unterbrechen kann. Ego bleibt garnichts anderes übrig, als seine Interpretation des Verhaltens Alters zu verwirklichen, wenn er versuchen will, dem fatalen Dialog zu entkommen.
Beide Akteure machen in der Enge der themenzentrierten Interaktion fortgesetzt wechselseitig die Erfahrung, daß sie die Rollen tauschen können, wenn sie die Geste, die sich mit der Bitte an Wiederholung an den anderen richtet, als Ankündigung ihres eigenen Verhaltens nehmen - und selbst aktiv werden. Aber sie bleiben themenzentriert in der Interaktion gefangen. Wenn keiner von beiden den Dialog durch eine willkürliche Geste abbrechen möchte, bleibt ihnen nichts übrig, als wechselseitig der Interpretation des Anderen zuzustimmen, indem sie einen Weg finden, über die immer von der Erwartung ein wenig abweichenden Geschehnisse hinweg, einen Konsens zu erzielen. Sie benennen die Handlung mit einer Lautgebärde, bei der es auf eine exakte Übereinstimmung nicht ankommt. Sie müssen nur meinen, daß sie mit ähnlichem Laut dasselbe bezeichnen, auch wenn es gar nicht so sein mag. Im Moment der (vermeintlichen) Übereinstimmung können beide zwanglos ihrer Wege gehen.22
Von Beginn an deckt Sprache das Scheitern und belohnt mit einer Einigung über das, was wirklich geschieht. Die Handlung, um die es beiden geht, bekommt einen Namen und das Ereignis, um dessen Deutung es eigentlich ging, ist nebenbei in den kollektiv konstituierten Kontext entlassen. Das Scheitern Egos ist durch den Dialog vergemeinschaftet und er mag nun die Aufforderung nach Wiederholung der Handlung als Entlastung von der Schuld des Scheiterns auffassen. Jedes Scheitern eines Akteurs wird durch die Verhandlung des Ergebnisses Gemeingut und alle befreien sich auf diese Weise von der leidigen Erfahrung, daß es niemals gelingt, Wunsch und Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen.
Nach jedem Konsens, durch den sich jeder Dialog gleichsam in Luft auflöst, finden wir Akteure, für die sich Handlung und Ereignis unterscheiden. Jede Handlung kann viele Folgen haben. Doch auch dann, wenn das Geschehen in guter Näherung zur Erwartung bleibt, sitzt der Stachel im Fleische, denn jeder Akteur mag an den Ereignissen, die er verursacht, ablesen, zu was er mit erstaunlicher Perfektion in der Lage zu sein scheint, wenn er sich nur die aktuell realisierte Relation zwischen Prämissen und Folgen vor Augen gestellt hätte. Jede Ankündigung eines Handlungszieles kann sich jedoch zur Zeit nur auf die wirklich folgende Tat beziehen. Es gibt noch kein übergeordnetes Handlungsziel, für das ein Mittel zwischengeschaltet werden muß.
Jede Handlungsbewegung beginnt nun mit einer Ankündigung, die in Andeutung die geplante Tat anzeigt. Die Andeutung, mit der sich der Akteur einen kollektiven Handlungsspielraum sichert, richtet er auch an sich selbst, wenn sonst niemand in der Nähe ist. Auf Basis dieses aktuellen, authentischen, intersubjektiv versicherten Kontext entsteht dem Akteur die Vorstellung vom zukünftigen Zustand seines Gesamteindruckes. Er wählt die geeignet anmutenden Prämissen und führt eine Entscheidung über deren Gehalt herbei. Das Ergebnis, das immer von der Erwartung abweicht, wird rekonstruiert, in Relation gesetzt zu hypothetisch ursächlichen Prämissen und durch eine weitere Geste in Andeutung öffentlich gemacht. Das Scheitern Egos folgt auf eine Handlung, die alle gemeinsam benennen und nachvollziehen können. Der Akteur versetzt sich damit wieder in eine rudimentär-ästhetische Haltung und mag sich in Auseinandersetzung mit einem (fiktiven) Alter des kollektiven Kontextes aller Beteiligten versichern.
Jedes Mitglied der Gemeinschaft vermag von nun an in einem kollektiv konstituierten, sittlich-praktischen Lebensraum für sich allein zu handeln und sich vom Scheitern selbst freizusprechen. Doch es geht stets nur Schritt für Schritt voran. Jedes Eintreten in eine (fiktive) Interaktion erfolgt unmittelbar im Anschluß an das Ergebnis der Handlung. Das Geschehen kann in einem einzigen Dialogschritt, in dem sich der Akteur nur in die Rolle eines Alter versetzen braucht, verhandelt werden. Er findet sich sogleich in rudimentär-ästhetischer Distanz zum Kontext wieder und mag den nächsten Schritt in Angriff nehmen. Was geschieht nun, wenn sich ein Akteur aus der Beobachterrolle heraus entschließt, seine Interpretation des Tuns eines Anderen zu realisieren - doch es fehlen ihm die Mittel?
Ego hat einen Stein auf ein Ziel geworfen - und verfehlt. Er vergewissert sich des Geschehens, indem er es in Andeutung nachvollzieht. Alter vergegenwärtigt sich die andeutende Geste und richtet sich mit der Bitte an Ego die Interpretation zu bestätigen. Ego vergegenwärtigt sich die Interpretation Alters und versucht seinerseits, sich seiner Deutung des Verhaltens Alters zu versichern, indem er ihn um Wiederholung bittet. Nach einigem hin und her entschließt sich Alter, seine Interpretation zu realisieren und stellt fest, daß ihm der Stein dazu fehlt. Der Mangel läßt ihn seine guten Manieren vergessen.
Ohne sein Handeln anzukündigen, aber mit einer Vorstellung vom zukünftigen Zustand seines Gesamteindruckes, bückt sich Alter, ergreift einen Stein, erhebt sich und versichert sich mit einer Geste des Ergebnisses seines Tuns, das von seiner Erwartung wie gewohnt ein wenig abweicht. Ego sah, daß Alter eine Geste zeigte, die Werfen andeutet. Doch statt zu werfen, bückt sich Alter und ergreift einen Stein. Alter muß sich des Ergebnisses seines Tuns versichern, und Bücken und Greifen andeuten. Ego muß diese Andeutung nachvollziehen und Alter selbst um Wiederholung seines Tuns angehen. Doch statt sich auf eine Diskussion einzulassen, kündigt Alter den Wurf an - und wirft.
Alter vergegenwärtigt sich das Ergebnis seines Wurfs, stellt fest, daß er das Ziel verfehlt hat, und versichert sich aufrichtig der Folgen des gescheiterten Versuchs. Er tritt in einen Dialog mit Ego ein und beide einigen sich auf die Bedeutung des Geschehens, ohne an das Scheitern einen Gedanken zu verschwenden. Wenn nun Ego sich entschließen sollte, einen Wurf zu riskieren, ohne einen Stein zur Hand zu haben, bückt er sich seinerseits rücksichtslos, ergreift einen Stein und wirft.
Betrachtet man die Interaktion, fällt auf, daß beide Akteure stets reflexiv für-sich verbleiben, und dennoch durch kontrafaktische Einstellungen aneinander gebunden sind. Beim eigensinnigen Verhalten Alters, dem die Mittel zum Zweck fehlen, und der entgegen seiner Ankündigung handelt, befindet sich Ego in der Erwartung des Wurfs. Und wenn Ego sich an Alter wendet, mit der Bitte Bücken und Greifen zu wiederholen, befindet sich Alter im entschlossenen Vollzug des Werfens.23
Das Ergebnis dieses Dialogs, in den beide Akteure gleichsam wie mit zwei Schlingen aneinander gebunden bleiben, besteht in der Weiterentwicklung einer Intention zu einem übergeordneten Handlungsziel. Allein schon dann, wenn sich ein Akteur, der sich etwas vorgenommen hat, zum Ort des geplanten Geschehens bewegen muß, erfährt er die Handlungsbewegung als diskontinuierlich. Nach jedem Schritt, der ihn seinem Ziel näher bringt, hat sich alles um ihn her entgegen seiner Erwartung verändert, und er muß sich auf sein Ziel besinnen, bevor er den nächsten Schritt in Angriff nimmt. Jeder Beobachter des Verhaltens anderer erfährt die Bewegung ebenso diskontinuierlich, und sieht sich bei jeder seiner Erwartungen an den Akteur, der stets ein Handlungsziel ankündigt, das er nicht verfolgt, enttäuscht. Betrachten wir noch einmal an einem Beispiel die Handlungsbewegung en detail:
Auf der Grundlage einer rudimentär-ästhetischen Distanz zu einem authentischen Gesamteindruck, kündigt ein Akteur mit einer Geste sich selbst (und allen anderen) eine Absicht als übergeordnetes Handlungsziel an. Er will eine leere Tasse vom Schreibtisch aus in die Küche zur Spüle tragen und dort abstellen. Mit der sprachlichen Formulierung der Handlung versichert sich der Akteur der Sittlichkeit seiner Absicht, auch wenn sonst niemand im Raum sein sollte.24
Um sein Ziel zu erreichen, muß er jedoch zunächst die Tasse ergreifen. Mit einer Vorstellung von den Folgen seines Tuns vor Augen, schafft er die Voraussetzungen für eine Bewegung der Hand, und faßt die Tasse am Henkel. Er registriert eine kleine Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, kommentiert das Geschehen routiniert in Andeutung und mit der Überzeugung, es jederzeit exakt wiederholen zu können, wenn er denn wollte. In Gedanken stimmt er seine Interpretation des wirklichen Geschehens mit einem fiktiven, generalisierten Anderen seiner Zunft ab, kehrt in eine rudimentär-ästhetische Distanz zu seiner Umgebung zurück, - und muß sich auf sein übergeordnetes Handlungsziel besinnen. Erneut muß er sich der Sittlichkeit seines Vorhabens bei einem (fiktiven) Kollektiv versichern, bevor er den nächsten Schritt in Angriff nimmt. Da er sein Vorhaben noch nicht realisieren kann, sieht er sich genötigt, erst einmal aus dem Stuhl aufzustehen. Wieder schafft er mit einer Erwartung an die Folgen seines Tuns alle Voraussetzungen für das Gelingen seiner Absicht, scheitert wie gewohnt, versichert sich im Kollektiv, das alles nicht so schlimm war, besinnt sich - und setzt seine Reise fort.
Am Ziel angekommen, zielt er mit der Tasse auf einen Platz, an dem er sie abstellen kann, scheitert unweigerlich, versichert sich sogleich bis zum Konsens mit seinem fiktiven Kollektiv des wirklichen Geschehens, erwirbt die Absolution, erfährt die besonnene Leere, die jeder (fiktive) Konsens hinterläßt, nachdem ein Akteur sein Scheitern in Worte gefaßt hat - und geht in seinem Kollektiv auf. Mit der sprachlichen Formulierung "Ich habe die Tasse auf die Spüle gestellt" ist alle Fehlbarkeit vergessen und vergeben.
Solange wir es mit einem Akteur zu tun haben, der sein Ziel nie aus den Augen verliert und aufmerksam jede Veränderung auf dem Weg zum Ziel kommentiert, bleibt der Kontextbezug durch den taktvollen Wunsch nach Wiederholung allen Geschehens authentisch. Doch was geschieht, wenn unser Freund auf dem Weg zum Ziel ins Grübeln gerät?
Um ungestört nachdenken zu können, muß der Akteur einen Kontext, der stets für Überraschungen gut ist, auf Distanz halten. Er darf den Realitätsbezug nicht dadurch aufrechterhalten, daß er jede Veränderung in seiner Umgebung mit dem Wunsch kommentiert, daß sie sich wiederholen möge. Anstatt zu versuchen, sich eine erfolgversprechende Basis für weitere Handlungen zu schaffen, bleibt ihm nichts übrig, als eine Erwartung an den zukünftigen Zustand des Gesamteindruckes zu richten, die nicht von dem Wunsch getragen ist, sich der unmittelbaren Vergangenheit zu versichern.
Ausgangspunkt bleibt eine rudimentär-ästhetische Haltung, in die der Akteur zurückgekehrt ist, nachdem er sich eines Eindruckes von seiner Umgebung in Andeutung zu versichern suchte. Das Bild, das sich ihm darbietet, ist wegen seines Scheiterns authentisch. Alle Ereignisse und alle Handlungsfolgen sind in den Kontext eingebettet. Mit einer Geste, die von der Erwartung getragen ist, im nächsten Moment eine Veränderung seines Kontextes zu beobachten, überläßt er seiner Welt die Initiative. Nur wenig später präsentiert sich dem Akteur ein Gesamteindruck, in dem sich alles ein wenig verändert hat. Erstaunt rekonstruiert der Akteur das Bild seiner Umgebung. Wenn er sich nun seines Eindruckes zu versichern suchte, indem er implizit den Anspruch erheben würde, alles Geschehen im Prinzip wiederholen zu können, ginge die Distanz zum Kontext verloren, die für eine kontemplative Haltung notwendig ist. Er muß erneut die Eigenständigkeit seiner Welt anerkennen, aber dennoch mit seiner Geste insgeheim um die Wiederholung des Geschehens bitten.
Der Wunsch wird ihm verwehrt, denn es repräsentiert sich ihm ein Gesamteindruck, in dem sich wieder alles verändert hat. Die Welt hat in zwei Phasen ihre Eigenständigkeit bewahrt. Dem Wunsch zum Trotz, sich ihrer zu versichern, hat der Akteur ihre Autonomie anerkannt und sich durch die Bitte, den gleichen Eindruck noch einmal vor Augen gestellt zu bekommen, erfolgreich distanziert. Der Akteur kehrt in eine distanziert-ästhetische Haltung zurück, in der er einen Gedanken fassen kann. Versucht er nun, sich seines eigenen Gedankens zu versichern, drängt sich ihm die Welt spontan wieder auf. Er muß sich ihrer zu versichern suchen und es repräsentiert sich ein Gesamteindruck, mit dem wieder die Möglichkeit gegeben ist, die Welt für einen Moment sich selbst zu überlassen. Der Akteur muß der Welt erneut Respekt zollen, indem er auf die Vereinnahmung allen Geschehens verzichtet. Erst dann hat er die Möglichkeit ein weiteres Gedankenelement anzuschließen.25
Die Relation des denkenden Akteurs zu seiner Welt gleicht in den zwei Phasen einem Dialog, in dem beide Beteiligte wechselseitig für einen Moment autonom entscheiden können, wie sie sich zu ihrem Gegenüber verhalten wollen. Nur durch die Routine der Distanzierung kann der Akteur in einer kontemplativen Haltung verbleiben und hat den Eindruck eines stetigen Flusses seiner Gedanken.26 Im Unterschied zu der Besinnung auf ein (übergeordnetes) Handlungsziel, kann es dem Akteur gelingen, das lästige, oft vorlaute Geschehen in seiner Umgebung auf Distanz zu halten. Es gibt einen Moment, in dem die Distanz zur Umgebung so groß ist, daß eine situationsübergreifende Reflexion möglich wird. Doch dieser Moment dauert nur einen Augenblick und es drängt sich ihm unweigerlich wieder ein Bild seiner Umgebung auf. Zurück aus den Höhenflügen des Geistes, ist dieser Gesamteindruck neu und nur mit Mühe findet sich der ins Dasein heimgekehrte Denker in neuer Umgebung zurecht. Die Distanz, die ihm ein kontextfernes Nachdenken ermöglicht, muß er sich erst wieder erarbeiten.
Zusammen mit der Hybris, daß es eigentlich gelingen können sollte, Wunsch und Wirklichkeit in exakte Übereinstimmung zu bringen, bildet die Fähigkeit, sich vom Kontext zu distanzieren, ohne gleich in rational-fantastische, theologisch-metaphysische oder künstlerisch-literarische Spekulationen abzugleiten, die Grundlage des modernen Weltbildes.
Bei aller Nüchternheit der Distanz, die die Voraussetzung für Aufklärung und klassische Naturwissenschaften darstellt, geht der Kontemplation der Kontextbezug verloren. Allen intellektuellen Anstrengungen seither gemeinsam ist die Vernachlässigung einer Realität, die erst durch den Umweg über die Reflexion mühsam wiedergewonnen werden muß. Alle Erkenntnisse der Naturwissenschaften, der Mathematik, der Logik bis zu den sprachtheoretischen Ansätzen der Philosophie mühen sich daher (verzweifelt) um die Rückgewinnung eines unverstellten Kontextbezugs.
Mit dieser Beschreibung der Grundlagen allen traditionellen Denkens scheinen wir ein wenig übers Ziel hinausgeschossen zu sein. Ich hoffe jedoch, bei Leserin und Leser den Verdacht geweckt zu haben, daß bei allem Handeln, Denken und Sprechen der unmittelbare Bezug zum Kontext, in dem dies alles geschieht, nicht vernachlässigt werden darf.
Es ist Sache der philosophischen Methode in der Logik in Gedanken so nah am Kontext zu bleiben, wie in der Phänomenologie des Geistes bei den Dingen zu verweilen. Jeder Gedanke muß sich auf die Bewegung des Denkens selbst rückbeziehen, ohne sich vom Kontext abzuheben. Die methodische Disziplin und ihre Resultate müssen sich bewähren und so neue Einsichten in alte oder veraltete Vorstellungen bringen. Das Basiselement des Denkens, das wir sogleich kennenlernen werden, besitzt eine eigene Entwicklungsgeschichte in der objektiven Logik, die es zu verstehen gilt, bevor man die Begriffe der (gewohnten) subjektiven Logik untersucht.
1) Das Sein
A) Sein, Nichts und Werden
Am Anfang der Wissenschaft der Logik steht ein Sein. Dieses Sein ist nichts anderes als derjenige Gesamteindruck, der sich einem Akteur darbietet, nachdem er mit einer Geste seiner autonomen Umgebung für einen Moment die Initiative überlassen hat. Das Bild der Welt, das sich nun zeigt, beruht nicht auf dem Scheitern eines Versuchs, sich eines Eindruckes zu versichern, indem er durch eigenes Handeln reproduziert wird. Der Akteur kommt nicht zu dem Schluß, er habe exakt das getan, was er hätte tun müssen, um das Ergebnis, das er vor Augen hat, zu erreichen. Daher fehlt seiner Erfahrung jede Hybris, die ihn eng an den Kontext bindet, weil er mit ihr alle Handlungsfolgen egozentrisch vereinnahmen würde. Damit entfällt auch die Notwendigkeit, ein Scheitern zu objektivieren und zu verbalisieren, um sich dann erneut in Andeutung der Folgen einer Handlung zu versichern. Der Gesamteindruck, der sich nun präsentiert, besitzt auch nicht den Charakter einer empirischen oder transzendentalen Anschauung, die einem Akteur das Material für philosophische Reflexionen bereitstellt. Mit dem Verzicht, eine Bewegung von Vergegenwärtigung und Vergewisserung mit einer Intention zu beginnen, erkennt der Akteur die Eigenständigkeit seiner Welt an, auch wenn er insgeheim die Illusion bewahrt, sie durch sein Handeln den eigenen Vorstellungen unterwerfen zu können. Trotz alledem muß er sich nun seines Eindruckes zu versichern suchen.
Da er auf alle Eigeninitiative verzichtet, darf er das Sein nicht mit einer Geste kommentieren, die unterstellt, daß er im Prinzip in der Lage wäre, jedes von der Erwartung abweichende Ergebnis reproduzieren zu können. Er kann angesichts der autonomen, gegnerischen Instanz nur um eine Wiederholung des gegenwärtigen Eindruckes bitten. Dieser Bitte wird nicht entsprochen, denn auch wenn sich gerade nichts ereignet, sind alle Stellen im Takt gealtert.
Der Akteur steht nun vor einem Nichts. Dieses Nichts unterscheidet sich grundsätzlich vom Scheitern einer Handlung. Es zeigt den Zustand einer Welt um den kürzest möglichen Moment, den ein Akteur erfahren kann, - zeitlich versetzt. Die Geste, mit der der Wunsch geäußert wurde, daß sich eine autonome Präsentation wiederholen möge, hat den Akteur wieder in eine distanziert-ästhetische Distanz zu seiner Umgebung versetzt. Daher kann er eine Hypothese aufstellen, mit der er den Lauf der Welt, an dem er Anteil hatte, zu verstehen sucht.
Da der Akteur die Autonomie seines Gegenübers anerkennt, wäre die Hypothese von einer kontinuierlichen Bewegung von A nach B ein Rückfall in die Zeiten der Hybris, denn der Akteur könnte versucht sein, zu glauben, daß er in der Lage sein könne, ein Geschehen mit eigenen Mitteln zu reproduzieren. Wenn er die Eigenständigkeit seines Gegners akzeptiert, bleibt nichts übrig, als zu vermuten, Zeuge des Prozesses eines Werdens geworden zu sein.
Die Hypothese des Werdens bezieht sich einzig auf die Zeitspanne, in der sich dem Akteur zwei Gesamteindrücke seiner Umgebung präsentiert haben. Er kann nicht als distanzierter Beobachter z.B. das Rollen eines Balles über einen längeren Zeitraum begleiten. Daher hat er, wenn er sich seiner Hypothese zu versichern sucht, nur die Erwartung, an einer bescheidenen Veränderung seiner Welt teilhaben zu dürfen. Der Wunsch wird ihm verwehrt, denn es repräsentiert sich ihm als nächstes nichts als eine Momentaufnahme des gegenwärtigen Zustands seiner Umgebung.
B) Da-Sein, Qualität - und Etwas
Das Bild, das sich dem Akteur nun zeigt, ist ein Da-Sein. Dieses Dasein besitzt aufgrund seiner Geschichte einen temporalen Charakter. Es beruht auf der Enttäuschung, an einem Werden teilhaben zu dürfen, und definiert einen Punkt in der Zeit, an dem sich dem Akteur ein Gesamteindruck präsentiert. Der Akteur muß nun darum ersuchen, daß er sich des Eindruckes von seiner Umgebung zu einem gegenwärtigen Zeitpunkt versichern darf. Er scheitert, denn es repräsentiert sich das Bild eines Kontextes, in dem sich wieder alles von einem Moment zum nächsten verändert hat. Der Wunsch die Zeit anzuhalten, um sich eines Momentes zu versichern, bleibt unerfüllt. Dem Akteur zeigt sich das Bild eines Gesamteindruckes als das Gegenteil eines Zustands zu einem Zeitpunkt. Er hat daher das Bild einer kurzen, in sich geschlossenen zeitlichen (und ggf. räumlichen) Veränderung vor Augen.27
Wie das Nichts zuvor, und im Unterschied zum Scheitern einer Hypothese über den Zusammenhang von zwei Momenten der Vergegenwärtigung und Vergewisserung, ist der Eindruck einer Vielfalt von in sich geschlossenen Ereignissen in der Umgebung des Akteurs authentisch, da er sich dem Scheitern einer Bitte um Bestätigung des Bildes von einer Welt verdankt, die sich dem Akteur zuvor präsentiert hat. An die Stelle des Nichts ist nun die qualitative Bestimmung des Daseins getreten.
