Das Wesen der Steine - Peggy Langhans - E-Book

Das Wesen der Steine E-Book

Peggy Langhans

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Beschreibung

Zum Titel: Am Abend der Wintersonnenwende lädt die französische Schriftstellerin Barbara zu einem besonderen Treffen am Meer ein, wo sie auch der jungen Deutschen Annika wiederbegegnet, deren Anziehung sie nicht loslässt. Vor dem Kaminfeuer sitzen die Freunde zusammen und erzählen sich Geschichten, wie Menschen es seit jeher getan haben. Auf der Reise in vier Vergangenheiten, die schicksalhaft miteinander verwoben sind, kommt es zur Aufdeckung eines alten Geheimnisses. Barbara erkennt, dass sie Teil eines größeren Ganzen ist und dass die Beziehung zu Annika über all das, was sie zu wissen und zu fühlen glaubte, hinausgeht. Begleitet von Einsamkeit und Schmerz, muss sie über die Grenzen ihrer Vernunft hinausgehen, um diese tiefe Seelenverbindung zu begreifen. Zur Steine-Trilogie: Am Holocaust-Mahnmal, vor der Kulisse synthetischer Steinblöcke beginnt die Geschichte der Begegnung zweier Frauen. Barbara Benoit, französische Erfolgsautorin, lebt zurückgezogen von der Welt im Süden Frankreichs. Versteinert und festgefahren in ihren Ansichten erscheint sie Annika Strehlow, einer deutschen Historikerin, deren Lebensstil ein chaotischer ist. Durch die gemeinsame Arbeit, in der sie Barbaras familiäre Vergangenheit enthüllen, finden beide zueinander. Die Trilogie ist nach dem dreigliederigen Prinzip Körper-Geist-Seele aufgebaut, in dem die Teile ineinander greifen und sich durchdringen. Jeder Band ist in sich abgeschlossen und als eigenständige Erzählung zu lesen. Gleichsam gibt es keine chronologische Abfolge der Bücher. Damit bilden sie ein einzigartiges Gesamtwerk.

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Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Das Wesen der Steine

von Peggy Langhans

(aus der Steine-Trilogie)

1. Bring ihn zum Leuchten

2. Thierry

3. Labrador – um 5.000 v. Chr.

4. Marion

5. Ägypten – um 1.300 v. Chr.

6. Barbara

7. Vietnam – 1852

8. Jean

9. Frankreich und Schottland – 1940-1945

10. Annika

Zur Steine-Trilogie

Zur Autorin Peggy Langhans

Peggy Langhans

DAS WESEN DER STEINE

Roman

Verlag Andrea Schröder

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in Der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

Text:

Peggy Langhans

Titelbild:

Atelier Georg Lehmacher, Augsburg

2. überarbeitete Auflage

ISBN 978-3-944990-44-6

Verlag Andrea Schröder, Inhaber Jens Koch, Bernau

www.verlag-andreaschroeder.de

© 2020 Verlag Andrea Schröder, Inhaber Jens Koch

Erkläre es mir nicht.

Lebe es mit mir.

1. Bring ihn zum Leuchten

Ihre Finger umschließen den dunklen Stein in der Hand. Zunächst kühlte er, erwärmte sich zunehmend und scheint nun kaum merklich zu pulsieren.

»Bring ihn zum Leuchten«, hat Annika gesagt und sie damit allein am Kamin zurückgelassen.

Bring ihn zum Leuchten, hallen ihre Worte in Barbara nach. Lass dich ein auf seine Sprache.

Es ist der Abend der Wintersonnenwende. Die finsterste Nacht des Jahres. Drei Tage vor Weihnachten. Als Barbara die Tür des katholischen Waisenheims ein für alle Mal hinter sich schloss, hat sie auch das Weihnachtsfest aus ihrem Leben verbannt. Soweit sie sich erinnern kann, hat sie diesem Fest der Liebe nie etwas abgewinnen können. Ein unnützer, verklärter Brauch, der gut vermarktet wird. So hat sie dieses Fest betrachtet. Bis sich vor wenigen Wochen das Blatt wendete. Sie wollte ihr Leben beenden. Den steten Wiederholungen und der inneren Leere entkommen. Statt jedoch wie gewünscht im ewigen Nichts aufzugehen, trat sie zurück ins Leben. Es war eine Entscheidung. Eine grundlegende Entscheidung, die sie getroffen hatte. Sie hatte den Fuß auf einen neuen Weg gesetzt. Diesen Weg musste sie seitdem beschreiten. Und das war nicht leicht.

Zwischen all den schönen Erfahrungen, die sie macht, regt sich hin und wieder der alte Wunsch, zu den Schachteln mit den erlösenden Tabletten zu greifen, um diese beschwerliche Wanderung abzubrechen.

»Halte durch«, forderte sie Annika stets auf, wenn der Mut sie verließ. »Halte durch.«

Wie lange noch?, fragte sie sich, wenn der Zweifel an ihr nagte. Und: Ich kann nicht mehr. Ich gebe auf. Ich schaff es nicht.

Heute sitzt sie in ihrem Ledersessel am Kamin. Das Feuer knackt. Von draußen dringt der Klang des Meeres an ihr Ohr. In ihrer Hand ruht der runde Labradorit, den ihr Annika ins Krankenhaus brachte, während sie im Koma lag. Ab und an lodert eine Flamme gelbscheinend hoch und lässt den Stein kurzzeitig aufblitzen. Doch nie länger als für den Bruchteil einer Sekunde. Ein Schein, der von außen und nicht von innen kommt.

Warum leuchtest du nicht?, grübelt sie und dreht den matten Stein in ihrer Hand.

»In ihm ist das Polarlicht eingefangen. Bunt, wie das Licht deiner Seele«, hatte Annika ihr erzählt. »Das Leuchten der Sonne und der Glanz des Mondes sind in ihm vereint. Entfache das Feuer, und er wird für dich und weit darüber hinaus strahlen.«

Das Feuer entfachen. Leicht ist es, mit einem Streichholz und einer Handvoll trockenen Grases die Scheite im Kamin zum Brennen zu bringen.

Wie entfacht sich aber ein inneres Feuer? Wann brenne ich? Habe ich je gebrannt? Warum habe ich es dann verloren?

Sie trinkt einen Schluck roten Wein. Wohlige Wärme umfängt sie und ermüdet ihre Glieder.

Das Feuer der Sonne und den Glanz des Mondes miteinander vereinen, denkt sie und massiert den Labradorit. Ihre Gedanken beruhigen sich allmählich, kommen und gehen, wie die Wellen des Meeres, von denen sie fortgetragen wird in ein Land jenseits dessen, was mit Händen zu begreifen ist.

2. Thierry

»Wer sich auf den Weg in die Wüste begibt, kehrt gewandelt wieder.«

Die Flamme frisst sich züngelnd durch die Holzscheite im Kamin.

»Ja. Genau. Wer sich auf den Weg in die Wüste begibt, kehrt gewandelt wieder.«

Ihre Augen schimmern im Schein des Feuers, als spiegelten sie eine beginnende Erkenntnis ungeahnten Ausmaßes wider.

»Schönes Thema. Ein bisschen melancholisch, findest du nicht?«, antwortet Jean gewohnt gelassen, abwartend, wie sich die Situation entwickeln wird.

»Hm, Meer ist einfacher. Wüste. Warum Wüste?«, wirft Thierry ein, sich dabei verlegen seine Halbglatze kratzend.

»Ich hab’s. Meditative Stille. Das ist es doch. Fehlt uns die nicht heutzutage? Sieh dir nur die Pariser an. Grauenvoll«, schießt es aus Marion hervor, die in ihrem Eifer beinahe den Wein über ihre Nachbarin verschüttet. »Oh, pardon. Was sagen Sie denn dazu, Annika?«

Die Beine angezogen, umfasst die mit ihren schlanken Händen das Glas, ihre Augen unablässig auf das Feuer gerichtet. Sie braucht den Blick nicht zu ihr zu wenden, um Barbaras ungeteilter Aufmerksamkeit gewahr zu werden. Gefordert und geschützt zugleich fühlt sie, dass sie ihrer Antwort, wie sie auch ausfällt, mit großer Achtung und Respekt begegnen wird. Als hätten sie eine stille Übereinkunft getroffen, entscheidet sich jetzt, welchen Verlauf der Abend nimmt. Der Abend der Wintersonnenwende. Einem alten keltischen Brauch ihrer Vorfahren folgend, das Aufsteigen der Sonne und damit den Beginn des neuen Jahres festlich zu begehen, hat sie ihre Gäste an diesem Abend des 21. Dezembers in ihr Haus am Rande des Mittelmeers zu sich gebeten. Die Einladung kam für alle überraschend. Jean, der Verleger ihrer Bücher und seit dreißig Jahren zuverlässiger Partner auf dem Weg ihrer Karriere als Autorin, kann sich beim besten Willen nicht daran erinnern, jemals von Barbara zu einer Party eingeladen worden zu sein. Barbara und Partys passen so wenig zusammen wie Jean und die Frauen. Die große, sinnliche Marion, die mit Barbara seit der gemeinsamen Zeit an der Universität befreundet ist, hat sie noch nie so ausgelassen, entspannt und fröhlich gesehen wie an diesem Abend. Und der einfache Fischer aus dem Dorf, Thierry, hat einige Mühe, zu begreifen, was eigentlich vor sich geht. Zehn Jahre lang kümmerte er sich um ihr Anwesen am Rande der Dünen, ohne viel dafür zu erwarten. Was allerdings diesen offensichtlichen Wandel in Barbara bewirkt hat, ist ihm ein Rätsel. Der Lösung dieses Rätsels fühlte er sich nahe, wenn er mit Annika allein war. Er war sich nicht klar darüber, warum, aber er glaubte, dass sie der Schlüssel sein könnte, obgleich er relativ wenig von ihr wusste. Annika kam oft zu ihm in diesem Sommer 2007, während sie bei Barbara wohnte. Sie fanden zu einer für beide angenehmen Ebene des Austausches, aber für Thierry blieb der Zugang zu ihr ebenso verschlossen wie der zu Barbara. Sie schienen einen ähnlichen Wesenszug in sich zu tragen, zu dem er nicht vorzudringen vermochte.

Erwartungsvoll blicken die Gäste auf Annika. Knapp über dreißig Jahre alt übt sie mit ihrem sonnigen Gemüt eine Faszination aus, die jeden Franzosen vergessen lässt, dass sie aus Deutschland stammt. Das ist eine der wenigen Informationen, die bisher über diese fremde junge Frau an Marion und Jean herangedrungen ist. Eine Deutsche, die Barbara auf ihrer letzten Lesereise durch Europa in Berlin kennengelernt hat. Barbara, die zu den Deutschen ein gespaltenes Verhältnis hatte. Schließlich hat der Zweite Weltkrieg sie zur Vollwaise gemacht. Grund genug für sie, nie einen Fuß in das Land der vermeintlichen Täter zu setzen. Bis zum Herbst des Vorjahres. Im Herbst 2006 führte kein Weg an Deutschland vorbei. Überraschenderweise hatte ihr Roman in dem Land, das sie verabscheute, eine Welle der Sympathie ausgelöst. Unablässig sprach Jean von den Deutschen und welch treue Leser sie wären. Die Absatzzahlen ließen sämtliche Vorurteile in ihm schrumpfen und letztlich ganz verschwinden. Sie hatte keine Wahl, als er ihren Presseauftritt in Berlin beschloss. Lediglich, dass dieser am Ende ihrer vierzehntägigen Reise durch die Städte, die ihr ohnehin mehr Tortur als Vergnügen bereitete, liegen sollte, konnte sie noch bestimmen. Und dann traf sie auf diese junge Frau. Etwas an ihr faszinierte sie, rüttelte sie wach, so dass sie beschloss, länger als geplant in Berlin zu bleiben. Dieser Entschluss hatte alles in Bewegung gebracht. Seither befindet sie sich in einer Geschichte, deren Erzählung sie nicht stoppen kann. Eine Geschichte von Blockaden alter Glaubenssätze und dem Erleben neuer Erfahrungen. Ein Auf und Ab. Von den höchsten Höhen in die tiefsten Tiefen. Das Meer ist in Aufruhr und will sich nicht mehr glätten. Immer wieder peitscht der Wind der Veränderung die Wellen auf. Mit Wucht treffen sie auf den Strand und rauben ihr so manches Mal den Atem.

Langsam führt Annika das Glas zum Mund, um einen Schluck zu trinken. Sie spürt die Erwartungen und gleichzeitig die Sicherheit, in der sie sich seit ihrer Begegnung in Berlin befindet. Eine bislang nie dagewesene Geborgenheit und kraftvolle Ruhe.

»Ein sehr schönes Bild. Gleichzeitig beängstigend. Stille. Gibt es sie überhaupt? Womit konfrontiert uns die Wüste? In welche Wüste gehen wir? Wen oder was lassen wir zurück? Gehen wir freiwillig oder gezwungenermaßen? Wollen wir sie durchqueren oder sie nie mehr verlassen?«

Nach ihrer letzten Frage blickt sie zu Barbara, die während der ganzen Zeit ihre Augen auf sie gerichtet hat.

»Gute Fragen. Nehmt sie als Aufhänger. Erzählt eine Geschichte. Das, was euch einfällt«, gibt Barbara in die Runde. Sie nimmt ein Holzscheit aus dem geflochtenen Weidenkorb vor dem Kamin und streckt es in die Höhe. »Dieses Holz ist unser Staffelstab. Wer ihn in der Hand hält, dem gehört das Wort. Wenn die Erzählung zu Ende ist, wird das Holz weitergereicht an den Nächsten.«

»Das ist nicht dein Ernst. Wenn du Stoff für deine Bücher suchst, misch dich unters Volk«, rebelliert Jean gegen diesen Vorschlag.

»Mich erinnert das an früher. Romantisch. Weihnachten und Märchen. Ist doch schön. Warum nur, wenn Kinder dabei sind? Geht auch ohne«, begeistert sich Marion und beißt herzhaft in einen runden Lebkuchen mit Zuckerglasur.

»Ich hab schon eine Idee. Die Geschichte hat mir mein Vater erzählt. Da war ich gerade sechs. Eines Morgens auf dem Kutter. Kein Fisch weit und breit. Aber irgendwie mussten wir uns wachhalten. Soll ich?«, fragt Thierry, unsicher auf seinem Sessel hin und her rutschend.

»Die beste Geschichte veröffentlichen wir, was?«, ermuntert Barbara und sieht dabei zu Jean, der sich Wein nachschenkt.

»Ich hab’s geahnt. Ich hab’s geahnt«, entgegnet er mit gespielter Leidensmiene.

»Also, Thierry. Du zuerst. Fang an«, gibt Barbara das Startzeichen und überreicht Thierry feierlich das kantige Holzstück. Der richtet sich ganz gerade auf. Die plötzliche Aufmerksamkeit aller beunruhigt ihn und lässt seine Stimme zittern, als er mit seiner Erzählung beginnt.

3. Labrador – um 5.000 v. Chr.

Endlos weitet sich die weiße Fläche. Ein Horizont ist nicht auszumachen. Eisige Sturmböen verwehen die Kristalle zu Hügeln, die in überdimensionalen Wellen das Land formen. Vorwärtsgetrieben tragen die schnellen Füße den großen Körper, tiefe Spuren im Schnee hinterlassend.

»Nie, das sage ich dir, nie sollst du eines anderen erkennen.«

Suchend tasten die dunklen Augen die Bäume ab, die ihren Schatten wie eine undurchdringliche Wand drohend auf die lichte Ebene werfen.

»Mörder.«

Der Kopf bebt.

»Mörder. Mörder.«

Von allen Seiten schreit es.

»Mörder.«

Es schreit aus Mäulern in irren Gesichtern mit blitzenden Augen. Geballter Zorn befellter Wesen. Wesen, denen sie sich einst zugehörig zählte. Wesen, die sie mit Klugheit und Geschick zu lenken wusste. Wesen, denen sie in aufrichtiger Zuwendung und wohlverstandenem Respekt begegnete. Mit gefletschten Zähnen richten sie ihre Speere auf sie und sinnen auf Rache.

»Nie sollst du eines anderen erkennen. Nie«, wiederholt die aufgehetzte Meute die Worte des Mannes, dem sie vertraute.

***

Eine Kette aus länglichen Löchern bahnt sich von ihren Füßen hin zum Wald in ihrem Rücken. Noch unangetastet liegt vor ihr ein Feld aus Weiß. Nur der Wind durchbricht die Stille mit seinem frostigen Jammer. Schwarz ist die Nacht.

Vorwärts. Vorwärts muss sie gehen. Nicht rasten. Nicht einen Augenblick. Denn eine Rast in dieser eisigen Kälte bedeutet den sicheren Tod. Und sie darf nicht aufgeben. Darf sich nicht vergessen. Darf sie nicht vergessen. Sie muss überleben. Überleben um ihretwillen. Weiter. Immer weiter tragen sie die Füße durch den verharschten Schnee. Der Mond erleuchtet in einer runden Scheibe mit seinem kühlen Silberstrahl ihren Pfad. Einst liebte Shashi diesen Abglanz des Tageslichtes. Zelebrierte aus reinem Herzen die Rituale ihres Stammes zum Vollmond. Doch diese Vollmondnacht stieß sie ins Verderben. Die heutige Zeremonie wurde zu ihrem Verhängnis. Sie hatte einen Fehler gemacht. Einen Fehler im Ablauf der Zeremonie. Einen Moment war sie unkonzentriert gewesen. Es war der Moment, in dem der Mann, dem sie am meisten vertraute, sich der Frau näherte, die sie allen anderen vorzog. Das Feuer loderte hoch. Das Feuer, das sie ihrer Schutzgöttin zum Dank bereiteten. Mit Tänzen, Trommeln und Gesängen wollten sie sie anrufen. Anrufen und um Gnade für ihr schweres Schicksal bitten. Das Eis drang massiver und tiefer in ihr Land vor, vernichtete Pflanzen, Tiere und Menschen. Die Wasser überzog eine dicker und dicker wachsende Eisschicht, die kaum noch das Fischen ermöglichte. Erbitterte Kämpfe entfachten sich zwischen den Mitgliedern der Stämme, die alle um das Gleiche rangen: Nahrung und Wärme. Zu ihrem Stamm zählten genau sechsundfünfzig Menschen. Sechsundfünfzig, die übriggeblieben sind von einst einhundertfünfzig. Viele Ältere und vor allem Kinder waren in den Bauch der Großen Göttin zurückgekehrt in Folge des Hungers und der Kälte. In ihrem schwarzen Wesen regierte die Göttin wie eine mächtige Wölfin das Land und schien gefräßiger als je zuvor. Und sie sollte ihrem Walten Einhalt gebieten. Einhalt gebieten mit ihrer Kraft und der Hilfe dieser Zeremonie. Über lange Zeit hatte sie sich auf diese Zeremonie vorbereitet. Hatte Kräuter, die sie noch finden konnte, gesammelt, getrocknet und sorgsam aufbewahrt, hatte in stiller Zurückgezogenheit mit der Göttin kommuniziert und hatte ihre Seele und ihren Körper gereinigt. Die Hoffnungen der sechsundfünfzig noch Hinterbliebenen richteten sich allein auf sie. Auf sie, die die Geschicke dieses Stammes leitete. Auf sie, die jeden von ihnen kannte. Auf sie, die noch in direktem Kontakt mit der Göttin stand. Ihr Wort und ihr Handeln konnten sie erzürnen oder besänftigen. In ihrer Hand lag das Schicksal dieser sechsundfünfzig Menschen. Und besonders das Schicksal von ihr. Ana. Der schönsten und klügsten Frau des gesamten Stammes. Vom Zeitpunkt ihrer Geburt waren Ana und Shashi untrennbar miteinander verbunden. Es grenzte an ein Wunder. Denn sie wurden nicht nur im selben Moment gezeugt, sondern auch von ihren Müttern im selben Augenblick empfangen. Sie waren wie Zwillinge. Zwillinge gleichen Geistes und Wesens. Beide versetzten ihre Ahnen in Erstaunen ob ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten. Die alltäglichen Arbeiten erlernten und verrichteten sie schnell. So schnell, dass sie bald ihre Lehrer übertrafen. Shashi war eine gute Jägerin mit scharfem Auge und blitzschnellem, zielsicherem Speer. Ana kannte sich mit den Kräutern aus, wusste um ihre Wunderkraft und heilenden Wirkungen. Doch der Alltag und seine Herausforderungen schien ihnen beiden nicht zu genügen. Sie suchten nach mehr. Sie strebten nach Wissen und Erkenntnis. So oft sie konnten, hielten sie sich in der Behausung der Stammesältesten am Rande des Lagers auf. Niemand durfte dem lauschen, was drinnen vor sich ging. Nächtelang saßen sie um das Feuer und sprachen miteinander. Das Licht des Geheimnisvollen, Unverständlichen umgab sie und machte sie für die Übrigen des Stammes zu Herausgehobenen. Die meisten bewunderten sie. In nicht wenigen erweckten sie Missgunst und zunehmenden Unwillen. Denn, was geschah in diesen Nächten? Was trieben diese drei? Waren sie vielleicht schuld am Schicksal des Stammes?

Es gab eine Zeit, in der die Bäume Früchte trugen, die Wasser reich an Fischen und die Wälder üppig waren. Niemand musste Hunger leiden. Niemand musste frieren. Niemand musste sich fürchten. Es war genug für alle da. Die Menschen lebten in Eintracht mit der Großen Göttin und bildeten einen einzigen Stamm. Diese Zeit gab es. Es gab sie lange vor der Geburt von Ana und Shashi. Die Große Göttin wandelte auf der Erde in weißen und roten Gewändern. Selten trug sie ihr schwarzes Kleid. Webend flüsternd erschuf sie bunte Blumenwiesen, sprudelndes Wasser und vielgestaltige Wesen. Die Erde war fruchtbar, das Wasser rein, die Luft klar und das Feuer warm. So berichtete es Sila, die Stammesälteste. Und Sila wiederum hatte es von ihren Ahnen erfahren. Denn diese Zeit, die Zeit der Fruchtbarkeit und Üppigkeit, liegt weit, sehr weit zurück. Das Volk, das einst eine vertraute Gemeinschaft untereinander und mit der Großen Göttin bildete, ist zersplittert. Aufgeteilt in viele Stämme, die sich über die Halbinsel Labrador verstreut haben. Was einst allen gehörte, beanspruchten plötzlich wenige für sich allein. Gab es zuvor ein gleichrangiges Miteinander von Frauen und Männern im Stamm, strebten die Männer nun nach Macht, Besitz und der Herrschaft über die Stämme. Sie beteten einen Gott an, der kriegerisch und gierig nach Opfern war. Die Göttin war erzürnt. Erzürnt über den Hochmut des Mannes und des Gottes, der sich über ihre Schöpfung erhob. Denn war nicht sie es, war es nicht die Frau, durch die das Leben sich stets wieder erneuerte? Die Antwort der Göttin auf diese Überhebung war zornig. Sie offenbarte sich mit heftigen Erdbeben und Gewittern, bevor sie sich in eisiges Schweigen zurückzog. Das Eis rang den Menschen mehr und mehr Land und Nahrung ab. Erbitterter wurden die Anfeindungen untereinander. Der Gott des Krieges konnte frei walten. Angst, Hass und Vernichtung bestimmten von nun an das Leben der Menschen. Die Einheit war entzweit. Der Zweifel geboren.

Als Ana und Shashi das Licht der Welt erblickten, waren sie wie ein Hoffnungsschein aus dieser fernen Zeit der Einheit. Ihre tiefe Verbindung strahlte einen Frieden aus, der die Menschen wieder mit Zuversicht erfüllte und in ihnen die ferne Erinnerung an die alte Zeit weckte. In ihrem Antlitz spiegelten sich das Licht und die Wärme der Sonne und der Glanz und das Geheimnisvolle des Mondes. In ihren Taten begründeten sich reines Wissen und Erkenntnis. In ihrer Liebe trotzten sie der Angst und Kälte. Bis zu dieser Nacht. Der Nacht, als die Sonne ihren Wendepunkt erreichte und der Mond hell über ihnen leuchtete. Eine seltene Konstellation der Gestirne. Umso erwartungsvoller richtete sich die Aufmerksamkeit aller auf diese Zeremonie. Diese Zeremonie durfte nicht misslingen. Diese Zeremonie musste das Schweigen der Göttin durchbrechen, das zunehmend eisiger und unerträglicher wurde. Diese Zeremonie konnte nur diejenige durchführen, die noch in einer festen Einheit mit der Göttin stand. Auch Sila, die Medizinfrau des Stammes, stand noch in Verbindung mit der Großen Göttin. Doch ihre Kräfte waren zu schwach, um diese Aufgabe zu erfüllen. Nur Shashi war stark genug, diese Aufgabe zu übernehmen. Von Geburt an begleitete Sila Shashis Weg. Sie lehrte sie das Wissen über die Heilung mit Kräutern, Tinkturen und magischen Sprüchen, unterrichtete sie in der Beobachtung der Natur und ihrer Erscheinungen und erzählte ihr alles über die Welt der Göttin, ihrer Geister und Wesenheiten, die sich hinter diesen Erscheinungen verbargen. Sie weihte sie ein in die Geheimnisse wie keine andere dieses Stammes. Einzig Ana wohnte ihrem Unterricht bei und lernte ebenso schnell wie Shashi. Sie sollte an Shashis Seite stehen, um sie bei der Durchführung der Zeremonie zu unterstützen. Aber als Shashi aus der Höhle, in der sie mit der Großen Göttin kommuniziert hatte, zurückkehrte, fand sie Ana nicht vor. Wie vom Erdboden verschluckt schien sie zu sein. Niemand wollte ihr Auskunft geben über ihr Verbleiben. Bis zu diesem Moment, dem Moment ihres Rückzugs, waren sie nie getrennt voneinander gewesen. Wo konnte sie sein? Sie spürte deutlich, dass sie nicht tot war. Shashi fühlte, dass sie in Bedrängnis war. Sie sah das Antlitz desjenigen, der sie gefangen hielt. Die Stunde rückte näher und näher, in der sie die Zeremonie durchzuführen hatte. Sila drängte sie, die Vorbereitungen zu treffen. Da lief ihr ein kalter Schauer durch Mark und Bein. Der Schauer einer alles überschattenden Vorstellung. War Ana das Opfer, das hier gefordert wurde? Musste sie sie zum Wohle aller hergeben, um den Gott des Krieges friedlich zu stimmen? War das der einzige Weg, ihn zu besänftigen, damit er zurückwich und der Göttin wieder den Raum überließ?

Nein. Das konnte und durfte nicht sein. Sie stand in Verbindung mit der Großen Göttin und nicht mit diesem Dämon, der nach Blutopfern verlangte. Der Göttin huldigten sie mit Blumen, Wasser und Milch. Sie forderte nie ein tierisches oder gar menschliches Opfer. Schützend breitete sie des Tags ihre Arme über ihre Schöpfung aus, und des Nachts verbarg sie sie in ihrem Bauch. Einzig ihre Kraft war die wahre Kraft. Einzig ihre Stimme war die wahre Stimme. Einzig ihre Liebe war die wahre Liebe. Auf diese Kraft, diese Stimme, diese Liebe musste Shashi vertrauen. Sie durfte nicht auf den Gott hören, dem Tonrar diente. Er war Shashis jüngerer Bruder und zudem der Späher des Stammes. Sein wachsames Auge hatte sie vor vielen äußeren Gefahren bewahrt, wenn Wölfe sich ihrem Lager näherten oder Feinde in kriegerischer Absicht sie zu überfallen drohten. Niemand erschien Shashi geeigneter, um an ihrer statt Ana zu beschützen. Aber seit ihrer Rückkehr aus den Bergen hatte sie auch Tonrar nicht gesehen. Und nun – kurz vor Beginn der Zeremonie – sah sie in einer Vision, wie Tonrar Ana gefangen hielt. Sie erblickte sein Gesicht mit den schwarz unterränderten Augen, der schmalen Nase und dem geradlinigen Mund. Tonrar kannte keine Wärme. Er war so kalt und unnachgiebig wie das Eis, das ihr Land zunehmend überzog. Klein von Wuchs mit knochigem Körperbau übertraf er jeden des Stammes an Schnelligkeit. Seine Aufträge erfüllte er korrekt. Er war ein schweigsamer Mann, der niemanden in sich hineinschauen ließ. Bis auf Leya, die einzige Frau, die er liebte, und der er den Zugang zu seinem inneren Wesen gestattet hatte. Aber Leya war tot. Verhungert. Und Tonrar hatte ihren Tod nicht verhindern können. Er hatte sie nicht schützen können. Seit dieser Zeit hatte er sich vollends verschlossen. Doch in seinem Inneren brodelte es, und in ihm wuchs der Hass auf die Große Göttin und auf Shashi. Ist sie nicht die Höchste seines Stammes? Warum tut sie nichts gegen den Mangel? Welche Göttin ruft sie an, die ihm das liebste Geschöpft entreißt? Fortan war es auffällig, dass Tonrar sich von den Übrigen des Stammes fernhielt. Er suchte die Einsamkeit und schickte jeden weg, der sich seinem Wachposten näherte. Als Shashi in das Lager zurückkehrte, war dieser Posten leer. Sogleich befahl Shashi, dass ein anderer Späher ihn besetzen sollte, und schickte zwei Männer aus, um nach Tonrar zu suchen.

Sila legte Shashi das Fell einer Bärin um die Schultern und bemalte ihr Gesicht und die nackten Stellen ihres Körpers mit den Farben der Großen Göttin: rot, weiß, schwarz. Zum Abschluss überreichte sie ihr die Trommel, die Shashi selbst gefertigt und geweiht hatte, mit den Worten: Sei deines Stammes würdig.

Shashi spürte die Last, die auf ihren Schultern lag. Sie hoffte, dass die Männer, die sie ausgesandt hatte, rechtzeitig mit Ana und Tonrar wiederkehren würden. Ana. Ohne Ana war sie nur halb. Ohne Ana würde die Zeremonie nicht die Wirkung entfalten, die notwendig war, um die Göttin zu erreichen und ihr Schweigen zu brechen. Ohne Ana würde sie scheitern, der Gott des Krieges endgültig Macht erlangen und ihr Volk letztlich zugrunde gehen.

Höher und höher loderten die Flammen des Feuers, das inmitten ihres Lagers entzündet worden war. Mit schwacher Stimme sang Shashi die Mantren, die sie eigens für diesen Abend in der Höhle empfangen hatte. Der gesamte Stamm war um das Feuer versammelt. Frauen, Kinder, Männer, Greise, Kranke und die Ahnen, die die Erde längst verlassen hatten. Im Licht des Feuers sah Shashi sie ganz deutlich. Sie sah deutlich alle Wesen, die zu diesem Stamm gehörten oder einst gehört hatten. Es waren viele. Sehr viele. Unter ihnen fand sie Tonrar. Tonrar, der sich Ana näherte und ihren Brustkorb von hinten mit den Armen umschloss. In diesem Moment wurde es ganz still. Nur die Holzscheite im Feuer knackten laut.

»Was ist, Shashi?«, fragte Tonrar mit eiskalter Stimme. »Du willst die Göttin anrufen mit diesem Firlefanz?! Sie hört dich nicht. Sie will dich nicht hören. Sie verachtet dich. Shashi, die große Führerin dieses Stammes. Wohin hast du uns denn geführt? In den Tod? In die Krankheit? Sieh uns doch an, du große, weise Heldin. Ohne Ana bist du ein Nichts. Ein Niemand. Keine Göttin der Erde und im Himmel hört auf dein Wort.«

»Gib sie frei. Gib Ana frei«, forderte Shashi und versuchte das Zittern ihrer Knie unter dem Fell der Bärin zu verbergen.

»Ha! Du hast sie im Stich gelassen. Wie Leya. Wie uns alle. Sie gehört mir. Sie ist mein. Mein, hörst du?«

Tonrar zog Ana fester an sich heran, so dass sie kaum noch Luft bekam und leise aufschrie. In diesem Augenblick sprang Shashi auf Tonrar zu, befreite Ana aus seinem Griff und schleuderte den überraschten Tonrar mit ganzer Kraft auf den Opferstein, den er einst für seinen Gott errichtet hatte.

»Nie sollst du eines anderen erkennen. Nie«, presste Tonrar unter Schmerzen hervor und starb.

***

Eine gerade Linie tiefer Fußspuren führt durch die Fläche aus Eis und Schnee. Hell scheint der Mond umgeben von einem Meer aus funkelnden Sternen in einem schwarzen Himmel. Dunkel und undurchdringbar liegt der Wald vor ihr. In ihrem Rücken lodert fern das Feuer, das an diesem Abend entfacht worden ist. Ein letztes Mal sieht Shashi auf die Flammen am anderen Ende ihrer Spuren im Schnee. Die Wärme, die sie dort einst spürte, ist verflogen wie der flach aufsteigende Rauch im frostigen Wind. Nur das Bärenfell und eine Lederhose bedecken ihren Leib. Die kalten Schweißperlen der Anstrengung und Angst verwischen die aufwendige Bemalung ihres Körpers und Gesichts.

Mörder. Mörder. Mörder, hämmert es in ihrem Kopf.

Sie gräbt die Hände in den Schnee, um sich damit das Gesicht abzuwaschen. Um sie abzuwaschen, die Farbe und die Gedanken, die ihren Schädel zu sprengen drohen.

Mörder. Mörder. Nie sollst du eines anderen erkennen.

Sie müssen weg. Weg. Diese schrecklichen Erinnerungen. Diese furchterregenden Worte. Diese bösen Blicke.

»Ha!«, schreit sie auf vor Panik.

»Bitte! Bitte! Habt Erbarmen! Habt Erbarmen! Ana! Ana!«, ruft sie suchend in die kalte Nacht.

Ein Wolf heult auf, als wolle er ihr antworten. Ansonsten ist es still. Nur der Wind weht die Kristalle über die vereiste Fläche.

»Ana! Ana!«, wimmert sie leise.

Sie darf hier nicht sitzen bleiben. Sie muss weiter. Egal wohin. Sie muss sich bewegen. Wenn sie hier einschläft, wird sie erfrieren oder von den Wölfen zerrissen. Nicht weit von dieser Stelle befindet sich die Höhle. Die Höhle im Fels der Großen Göttin. Ihr Bauch, in dem sie die Zeit vor der Zeremonie verbracht hat, um mit der Göttin zu sprechen. Der Raum, in dem sie stets Zuflucht fand, der sie hingebungsvoll aufnahm und schützte, wenn sie des Schutzes bedurfte. Zumindest in dieser Nacht wird sie dort bleiben können. In dieser Nacht werden sie sie nicht verfolgen. Zu gefährlich ist es. Außerdem wissen sie auch nicht, wo sie nach ihr suchen sollen. Aus ihrem Stamm kennen nur Sila, Ana und sie den Weg zu dieser Höhle. Und sie ist sich sicher, dass Sila und Ana ihn niemandem verraten werden. Er ist ausschließlich den Eingeweihten offenbar. Ihnen ist es erlaubt, ihn zu gehen. Allen anderen bleibt er verborgen. Als sie sich aufrichtet, sind ihre Glieder bereits steif. Nahezu automatisch bewegt sie ihre Beine, um den steinigen Pfad zu dem Bergmassiv emporzusteigen. Viele Male hat sie ihn beschritten. Stets erfüllt mit der Zuversicht und der Freude auf die Begegnung mit der Göttin, wenn sie in ihrer Höhle an deren Ende angelangt war. Dieses Mal beschreitet sie ihn jedoch mit Furcht vor dem Schicksal, das ihr von nun an droht. Wie sollte sie der Göttin begegnen? Wird sie sich Shashi überhaupt noch zeigen nach diesen Geschehnissen? Sie hat einen Menschen getötet. Ein Leben vernichtet. Ihren Bruder. Ihr eigenes Blut. Sie hat ihr Volk, das auf ihre Rettung hoffte, enttäuscht und entehrt. Sie hat Ana im Stich gelassen. Sie hat den Eid gebrochen, den einzuhalten die Göttin ihr einst gebot. Sie wollte das Beste und schaffte Verderben. Sie ist nicht mehr würdig, den Willen der Göttin zu verrichten. Sie ist nicht mehr würdig, ihr Volk zu führen. Sie ist nicht mehr würdig, an Anas Seite zu sein. Obgleich ihr Körper wie abgestorben scheint, fühlt sie dennoch, dass sie überleben muss. Sie muss überleben und Ana zu sich holen, um sie zumindest an einen sicheren Ort zu bringen. Und wenn es das Einzige und Letzte ist, was sie für sie noch tun kann. Und um dieses tun zu können, muss sie sich erinnern. Sie darf sie nicht vergessen. Nicht einen Moment. Wenn das geschieht, wird der Fluch wirksam. Dann wird sie Ana nie mehr erkennen. Nie wieder wird sie sie und die Menschen lieben können. Keine Seele wird mehr in ihr die Wärme entfachen, die sie bis heute selbstverständlich zu geben vermochte. Sie wird erstarren und erkalten, wie das Eis, das ihr Land überdeckt und das Leben erfriert.

Der Geruch von verkohltem Holz hängt noch in der Luft. Überbleibsel des Feuers, das sie am Tag zuvor in der Höhle entzündet hat. Die Wärme hat sich gehalten und trifft nun auf ihren unterkühlten Körper wie tausend winzige Nadelstiche. Mit schmerzenden Händen schiebt sie Holz, Reisig und Gras zu einem Häuflein zusammen, um ein kleines Feuer zu machen und sich in dessen unmittelbarer Nähe auf ein Lager aus Fellen zu betten. Die Flammen werfen flackernde Schatten an die steinernen Wände, die wesenhaft tanzen zu dem Lied des Windes, das wie ein Gesang von außen in das Innere der Höhle eindringt. Er trägt die Stimme der Göttin, die leise zu ihr spricht: »Schlaf wohl. Die Dunkelheit wird dich umfangen. Verloren wirst du dich fühlen, ohne verloren zu sein. Einsam wirst du irren, ohne einsam zu sein. Getrennt bist du von mir, ohne von mir getrennt zu sein. Denn ich breite meine Arme um dich. Schütze dich. Umfange dich. So lange, bis du mich wieder fühlen kannst. So lange, bis du mich wieder annehmen kannst. So lange, bis du mich wieder wahrnehmen kannst. Ich werde dich führen, wie eine Mutter ihr Kind, bis dein Schmerz geheilt ist und die Vergebung dein Herz wieder geöffnet hat. Eine unsichtbare Nabelschnur wird uns vereinen. Durch sie gehst du nicht verloren. Durch sie wirst du genährt. Durch sie findest du mich. In allen Zeiten und Räumen. Schlaf wohl.«

Die Worte der Göttin beruhigen sie. Sie möchte sie festhalten, um sie nicht zu vergessen. Aber sie ist vom Aufstieg, der Flucht und den Geschehnissen zu erschöpft. Angenehm durchwärmt und geschützt im Bauch der Göttin sinkt sie in einen traumlosen Schlaf.

***

Das Feuer ist erloschen. Dünne Rauchfäden steigen aus der Asche in die Luft. Durch den Eingang der Höhle scheint das rote Licht der aufgehenden Sonne. Shashi wälzt sich von ihrem Lager und wickelt sich in das braune Fell der Bärin, die sie selbst vor einigen Jahren erlegt hat. Daran kann sie sich gut erinnern. An die riesenhafte Kreatur und den zielsicheren Wurf ihres Speers, der die aufrechtstehende Bärin mitten ins Herz traf. Nicht einen Augenblick verspürte sie Angst. Sie wusste, dass sie das Tier erlegen und sein Fell eines Tages tragen würde. Und sie wusste, dass die Kraft der Bärin im Moment ihres Todes auf sie übergehen würde. Doch wo ist diese Kraft jetzt? Das Fell wärmt ein wenig ihren Leib, aber darüber hinaus kann sie nichts spüren. Was ist geschehen? Warum ist sie in dieser Höhle? Gehört sie nicht zu einem Stamm? Die Nacht hat alles ausgelöscht. Jegliche Erinnerungen an die kürzlichen Ereignisse sind weg. Verflogen wie der Rauch ihres Feuers im Wind. Ihr Magen knurrt laut und schmerzt vor Hunger. Sie muss seit Tagen nichts zu sich genommen haben. Hatte sie keinen Erfolg bei der Jagd? Gab es zu wenig Wild? Wie ist ihr Name? Shashi. Shashi bedeutet in ihrer Sprache: Mond. Wer hat ihr diesen Namen gegeben? Hat sie jemanden verlassen? Ist sie gegangen? Wen hat sie verlassen? Von welchem Ort ist sie fortgegangen? Wohin soll sie wieder zurückkehren? Fragen über Fragen kreisen in ihren Gedanken. Fragen, die sie nicht beantworten kann. Besonders nicht mit leerem Magen. Sie muss etwas essen. In einer Ecke der Höhle lehnt ein Speer aus Ebenholz, mit einer eisernen Spitze versehen. Mit dem Speer in der Hand tritt sie vor die Höhle und blickt über das Land zu ihren Füßen. Hinter einem Waldstück breitet sich eine große, weiße Fläche aus. Am Ende dieser Fläche sieht sie den hellblauen Horizont mit der inzwischen blassgelben Wintersonne. Eine überschaubare Herde Karibus zieht durch den Schnee. Wenn sie sich beeilt, kann sie sie noch erreichen, um eines von ihnen zu erlegen. Behände läuft sie den schmalen Pfad vom Berg hinunter und pirscht sich an das Wild heran. Ein Ren mit starkem Geweih steht genau mit seinem Haupt zu ihr gewandt. In dem Moment, als es den Kopf hebt, um die Witterung Shashis aufzunehmen, saust der Speer durch die Luft und bohrt sich durch das Blatt tief in den Körper des Tieres.

»Ein guter Wurf.«

Shashi schreckt auf und erblickt hinter sich einen muskulösen Mann in einem Wolfspelz.

»Du bist eine gute Jägerin. Zu welchem Stamm gehörst du?«

»Ich bin allein.«

»Allein? Wie kannst du allein sein? Niemand überlebt in dieser Wildnis lange allein. Man nennt mich Tikaani. Ich bin das Oberhaupt des Stammes im Norden von Labrador. Du bist willkommen in unserer Mitte.«

»Shashi.«

»Shashi. So folge mir.«

Aus dem Unterholz des Waldes zieht Tikaani einen flachen Schlitten hervor und geht damit zu dem inzwischen verendeten Karibu. Mit Stricken umwickeln sie die Vorder- und Hinterläufe des Tieres und heben es mit vereinter Kraft auf den Schlitten. Schweigend wandern Tikaani und Shashi mit ihrer Beute über die weiße Ebene und erreichen am späten Nachmittag das Lager, das aus wenigen Behausungen, die aus Tierhäuten und Holz errichtet wurden, besteht.

»Wir sind neunundzwanzig. Mit dir dreißig. Bald werden wir gar nicht mehr sein«, spricht Tikaani, und Shashi kann an den tiefen Furchen in seinem jungen Gesicht ablesen, dass Tikaani in großer Sorge ist.

»Bereitet daraus eine gute Speise. Verwertet alles, was ihr verwerten könnt, doch überlasst das hier unserem Gott«, befiehlt Tikaani den herbeigelaufenen Frauen des Stammes und schneidet die Leber aus dem Leib des Wildes, um sie auf den Opferstein zu legen.

»Das ist die Jägerin dieses stattlichen Rens. Ihr Name lautet Shashi. Shashi ist eine von uns. Gebt ihr Speise, Trank und eine Schlafstatt.«

Tikaani spricht mit ruhiger, sonorer Stimme zu seinem Stamm. Ohne Widerspruch befolgen die Menschen seine Anweisungen. Das Lager ist sauber, ordentlich und offensichtlich gut organisiert. Die wenigen, die hier leben, haben klare Aufgaben zu erfüllen und sind sich ihrer Verantwortung bewusst, die jeder Einzelne zu tragen hat, um zu überleben.

»Du wirst bei uns wohnen«, sagt eine Frau, die kaum älter als Shashi ist, deren Gesicht jedoch ebenfalls sehr faltig ist und die Spuren des Hungers und Leids trägt.

Sie geht voran, und Shashi folgt ihr in ihre schlichte Behausung, in der noch nicht einmal Platz für eine Feuerstelle ist. Sie weist mit ihrem knochigen Finger auf eine dunkle Ecke gegenüber dem Ausgang.

»Hier«, spricht sie, »kannst du ruhen bis zum Mahl. Schlaf wohl, denn nach dem Mahl müssen die Jäger am frühen Morgen wieder hinaus.«

Shashi nickt zum Dank und tut, wie ihr geheißen.

***

Die Jahre vergehen, in denen Shashi im Stamme Tikaanis lebt. Sie zieht in den Stunden der Morgendämmerung mit den Jägern in die Wälder und Steppen, legt sich danach müde auf ihr Lager, während die Übrigen, die nicht zur Jagd ausgezogen sind, das Wild zubereiten. Die Jagd erschöpft sie dermaßen, dass ihr Schlaf traumlos ist. Traumlos bis auf die Nächte vor dem Vollmond, die stets mit einem feierlichen Ritual des gesamten Stammes begangen werden. In diesen Nächten vor dem Ritual zum Vollmond wälzt sich Shashi unruhig von einer Seite zur anderen. Monsterhafte Wesen bestimmen die Bilder ihrer Träume. Es sind riesige, hässliche Gestalten mit scharfen Zähnen und einer Fratze als Gesicht. Die Augen glühen wie feurige Kohlen. Mit ihren Krallenhänden wollen sie sie packen, um sie zu zerteilen. Sie kämpft, sie bettelt, sie unterliegt. In jeder dieser Nächte. Nackte Angst überfällt sie. Sie fürchtet das Aufkommen der Dunkelheit und möchte ihr entfliehen, indem sie sich dazu zwingt, wach zu bleiben. Nach den Anstrengungen des Tages will ihr das jedoch nicht gelingen. Der Schlaf übermannt sie und hüllt sie ein in sein furchterregendes Gewand.

Wenn die Sonne in den Morgenstunden aufgeht, muss sie an diesen Tagen vor dem Vollmond nicht zur Jagd hinausziehen und stattdessen Tikaani bei den Vorbereitungen des Rituals helfen. Er hat sie auserwählt, da Shashi die geschickteste und beste Jägerin des Stammes ist. Sie sollte ihm bei der Opferung assistieren. Tikaani ist anerkannt in seinem Stamm als weiser Ratgeber und mutiger Führer. In diesen Zeiten der Kälte und Dunkelheit klammern die Menschen sich an jeden Funken der Hoffnung und an starke Menschen wie ihn. Oft genug stellte er unter Beweis, dass er Auswege aus schwierigen Situationen finden konnte, dass er sein Volk vor dem Verderben bewahrte. Doch fordert er auch seinen Preis. Er verlangt unbedingtes Vertrauen und uneingeschränkten Respekt. Niemand hat das Recht, ihm zu widersprechen oder seine Handlungen in Frage zu stellen. Er ist der alleinige Anführer dieses Stammes. So ist auch Shashi nichts anderes als eine Gehilfin. Zumal sie mit den Angehörigen dieses Stammes nicht blutsverwandt ist. Tikaani nutzt jede Gelegenheit, um Shashi spüren zu lassen, in welcher Position sie sich befindet. Shashi hat sich widerstandslos gefügt, um zunächst zu überleben. Später wurde es Gewohnheit. Längst hat sie sich vollständig in diesen Stamm eingefügt und fühlt sich auf der einen Seite zugehörig, auf der anderen wiederum fremd. Es quält sie, sich nicht erinnern zu können, woher sie kam und wohin sie will. Der Schleier des Vergessens hat sich über ihre Erinnerungen gebreitet. Und mit ihm auch der Verlust einiger ihrer Fähigkeiten. Immer häufiger kehrt Shashi ohne Jagderfolg zurück in das Lager. Die Kraft und Zuversicht weichen einer stetig zunehmenden Finsternis und Kälte in ihrem Wesen und machen sie mutlos und unsicher.

Wieder steht die Nacht des Vollmonds bevor. Shashi hat sich nach einem sehr dürftigen Mahl schlafen gelegt, denn sie haben nichts erbeutet, und es musste aus Resten, Gemüse und Kräutern ein notdürftiges Essen zubereitet werden. Die Enttäuschung in den Augen aller hat sich in Shashis Herz gebrannt. Schnell verließ sie an diesem Abend die Gemeinschaft, um sich ihren Blicken zu entziehen.

Die Nacht ist dunkel. Der Morgen noch weit. Sie dreht sich auf ihrem Lager hin und her und fällt nach Stunden unruhigen Wachens in einen flachen Schlaf.

Der Mond taucht die hügelige Grasebene in ein silbernes Licht. In der Ferne heulen die Wölfe. Stattlich weidet eine Karibukuh neben einem Busch und kaut an dessen grünen Blättern. Ihr Fell schimmert und glänzt, als würden von ihm tausende feiner Strahlen ausgehen. Shashi lauert in ihrem Versteck. Ruhig. Regungslos. Ihre Hand umklammert das runde Holz des Speeres.

»Du bist eine gute Jägerin. Ich kenne dich. Wir kennen dich alle.« Es scheint, als würde die Kuh nicht das Blatt zermalmen, sondern zu ihr sprechen.

»Wer bist du? Und wer sind die anderen?«

»Ich bin die, die du verlassen musstest. Du musstest uns alle verlassen. Die ganze Herde.« Ihre runden Augen blicken sanft auf sie herab.